Der Neue – Teil 3

Michael

Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter.

„Wir beide machen jetzt einen kleinen Sparziergang. Und wehe, du machst einen Mucks!“

Er fuchtelte mit seiner Waffe vor meinem Gesicht und zitierte mich zur Tür. Mit zitternden Beinen folgte ich seinen Anweisungen. Er öffnete die Tür und lief auf den Flur. Natürlich kein Mensch weit und breit. Er schubste mich Richtung Treppe.

„Wenn du mir gleich gibst, was ich will, dann lass ich dich laufen“, hörte ich diese ekelhafte, tiefe Stimme hinter mir.

Ich dagegen konnte immer noch nichts sagen, brachte einfach keinen Ton heraus.

„Okay, wenn du nicht anders willst, dann gehen wir eine Runde draußen spazieren.“

Ängstlich schaute ich zu dem Mann.

Manuel

„Wo Michael bleibt?“, fragte ich verwundert.

„Der wird halt ein großes Geschäft machen“, sagte Elias und Torsten kicherte.

„He, es ist schon eine Viertelstunde vergangen. Also, ich schau jetzt mal nach.“

„Nimm eine Nasenklammer mit, die wirst du brauchen“, kicherte Elias.

Ich stand auf und verließ das Zimmer.

„Wenn du mir gleich gibst, was ich will, dann lass ich dich laufen.“

Was war das? Ich lief den Flur hinunter und schaute vorsichtig um die Ecke.

„Okay, wenn du nicht anders willst, dann gehen wir eine Runde draußen spazieren.“

Scheiße – dort standen mein Michael und der neue Lehrer. Dieser zielte mit einer Waffe auf Michi. Mir wurde speiübel und gleichzeitig kam der Zorn in mir auf. Ohne darüber nachzudenken, sprintete ich los.

Michael

Vorsichtig setzte ich meinen Fuß auf die erste Stufe, als ich aus dem Augenwinkel einen Schatten sah. Plötzlich hörte ich nur einen Schuss und spürte einen stechenden Schmerz an meiner Schulter.

Der Mann flog mit einem gellenden Schrei an mir vorbei. Ich rutschte an der Wand herunter.

„Schatz, alles okay?“

Ich schaute nach oben und vor mir erschien plötzlich Manuel. Mein ganzer Körper zitterte und die Schulter brannte wie Feuer.

„Mein Gott, du blutest!“, rief Manuel, doch seine Stimme hörte sich irgendwie schon weit entfernt an.

Plötzlich wurde mir schwarz vor Augen.

Manuel

Michael sackte vor mir zusammen.

„Schatz, nein!“, brüllte ich.

„Manuel? Michael… wo seid ihr?“, hörte ich plötzlich Elias schreien.

„Hier… kommt schnell her.“

Sekunden später tauchte Elias neben mir auf.

„Ddd… da uuu…unten…llliegt ei…eii…einer“, stotterte Torsten und zeigte die Treppe hinunter.

„Ist doch scheißegal“, schrie ich, „ruft wer die Bullen… einen Arzt… Micha blutet!“

Plötzlich bewegte sich Michael wieder und schlug seine Augen auf. Mit schmerzverzerrtem Gesicht schaute er zu mir auf.

„Gott sei Dank Schatz, du lebst.“

„Schatz?“, wiederholte Torsten – ohne zu stottern.

„Könnte jetzt endlich mal jemand die Bullen rufen?“, schrie ich verzweifelt.

„Einen anderen Ton, Manu… bitte“, sagte Michael.

„Du bist gut, du bist hier am Verbluten und ich soll ruhig sein? Du hast vielleicht Nerven!“

„Ich geh da nicht vorbei“, meinte Elias und zeigte auf den Mann, der eigentlich unser neuer Lehrer sein sollte.

„Ist der tot?“, fragte Torsten.

Ich schaute zu Torsten. Auch Elias und sogar Michael ließen ihre Blicke zu Torsten wandern.

„Du hast nicht gestottert“, meinte darauf Elias

„Bitte?“, fragte Torsten und sah uns alle verwirrt an.

„Du hast eben nicht gestottert!“

„Wirklich?“

„Das ist jetzt egal, wir müssen uns um Micha kümmern.“

„Und um den da unten“, sagte Elias.

Alle schauten wir die Treppe hinunter, wo der Mann immer noch regungslos lag.

„Der Typ wollte meinen Micha abknallen!“, meinte ich sauer, „dem werde ich garantiert nicht helfen.“

„Meinen Micha?“, wiederholte Torsten mit einem Grinsen.

„Na und? Wir sind zusammen – Micha ist mein Schatz. So, jetzt wisst ihr es.“

Zornig funkelte ich die beiden an.

„Cool!“, gab Torsten von sich.

Etwas zupfte an meinem Shirt. Ich drehte mein Kopf und sah zu Micha.

„Kannst du mir aufhelfen?“, fragte er schwach, „ich liege… na ja, etwas unbequem.“

Michael

Manuel riss einfach sein Shirt entzwei und presste es gegen meine Schulter. Wow, wie ich doch immer wieder von seinem Muskelspiel fasziniert war. Ein Grinsen wanderte über meinen Mund.

Eigentlich sollte ich panisch vor Angst sein, denn ich lag hier und blutete. Die Schulter brannte. Und was machte ich? Ich dachte an Manus Muskeln, die ich so geil fand.

„Hier, drück deine Hand dagegen“, meinte er zu Torsten und riss mich damit aus meiner Gedankenwelt.

Dann stand er auf und lief langsam die Treppe hinunter. Etwa an der Mitte blieb er stehen und bückte sich. Als er sich wieder aufrichtete, hatte er die Waffe in der Hand. Er zielte damit auf den Mann.

„Manu, mach keinen Quatsch“, sagte ich leise und hustete.

„Dann soll sie eben Elias nehmen“, zischte Manu und hielt sie uns entgegen.

„Bist du verrückt? Ich lang doch nicht dieses…, dieses Ding an!“, meinte Elias entsetzt.

„Boah, was für eine Memme!“, fluchte Manuel und lief Stufe für Stufe die Treppe weiter.

Als er fast unten war, hielt ich vor Angst die Luft an.

„Verdammt, sei ja vorsichtig!“, rief Elias.

„Nein, ich hüpf auf ihn drauf und spiel >Hoppe, Hoppe, Reiter< mit ihm. Mann, klar pass ich auf!“

„Ist er tot?“, wiederholte Torsten seine Frage von vorhin.

Wieder hatte er nicht gestottert. Verwundert schaute ich ihn an.

„Muss man erst jemanden umbringen, dass du nicht mehr stotterst? Ich fass es nicht!“, meinte ich zu ihm und er fing zu lächeln an.

Mein Blick wanderte wieder zu Manuel, der nun nur noch eine Stufe oberhalb des Mannes stand. Vorsichtig schob er seinen Fuß Richtung Mann und stieß ihn an. Der regte sich aber nicht.

Anscheinend mutiger geworden, stieg Manu nun auch die letzte Stufe hinunter.

„Schatz, pass auf!“, schrie ich vor Angst.

Manuel zuckte zurück.

„Mann! Erschreck mich doch nicht so! Ich hätte mir fast in die Hose gemacht!“

Ich konnte nicht anders und musste kichern, obwohl die Situation wirklich nicht zum Lachen war. Manuel hielt die Waffe immer noch in der Hand, ausgestreckt in Richtung dieses Mannes.

Eigentlich leichtsinnig, fiel mir ein, sie hätte eben auch losgehen können. Ich kannte mich mit Schusswaffen nicht aus. Aber aus dem Fernsehen wusste ich, dass man Waffen erst entsichern musste, bevor man schießen konnte.

Mit dieser Waffe wurde auf mich geschossen, also war sie entsichert und somit bereit zum Schießen. Noch einmal trat Manu gegen den Mann. Doch wieder kam keine Reaktion.

„Fühl an seinen Hals, ob er noch Puls hat.“

Das hatte nun Elias gesagt.

„Elias, du guckst eindeutig zu viel Fernsehen“, meinte ich.

„Wieso denn… er hat ja Recht“, meinte Manu und bückte sich.

Doch gerade, als Manuel an den Hals des Mannes greifen wollte, griff dieser mit seiner Hand nach Manuels Hand, in der er die Waffe hielt. Elias schrie vor Schreck auf und auch mir entfuhr ein Schrei.

Manuel fing ebenfalls an zu schreien. Sein Fuß stand plötzlich auf der Brust des Mannes und er versuchte, seinen Arm zu befreien. Ohne Vorwarnung wurden unsere Schreie durch einen Schuss unterbrochen und dann – Totenstille.

Langsam fiel der Arm des Mannes zu Boden. Manu stand wie angewurzelt da. Anscheinend durch den Lärm angelockt, hörten wir nun auch Stimmen im unteren Flur.

„Der hat den neuen Lehrer erschossen!“, hörte wir jemanden rufen.

„Ach Quatsch“, schrie Elias hinunter, „ruft doch endlich mal jemand die Bullen.“

Ich hörte Schritte, wie jemand wegrannte. Mein Blick haftete auf Manu, der sich nicht mehr bewegte, als wäre er zu einer Salzsäule erstarrt.

„Helf mir auf, ich muss zu Manu“, meinte ich zu Torsten.

„Du solltest doch lieber liegen bleiben“, meinte Torsten besorgt.

„Ich muss zu Manu“, sagte ich nun energischer.

Ich versuchte, mich vom Boden abzudrücken, aber dies brachte meine Schulter zum Aufstand. Sie brannte wieder höllisch. Torsten griff unter mich und zog mich hoch. Immer noch Manuels Shirt auf meine Schulter drückend, lief er langsam mit mir hinunter.

„Manu?“, sagte ich leise.

Er reagierte nicht.

„Manuel? Manuel Sanders!“

Plötzlich zuckte er und die Waffe fiel polternd zu Boden. Er murmelte irgendwas.

„Manuel, schau mich an!“, sagte ich.

„Ich habe ihn umgebracht“, hörte ich Manu leise sagen.

„Ach Blödsinn, das war Notwehr“, meinte ich und wunderte mich selbst, wie gelassen ich das sagte.

Vor mir lag schließlich ein Toter. Ich konnte vom unteren Flur Lärm hören. Die Polizei konnte es nicht sein, so schnell war nicht mal die. Männer in schwarzen Anzügen tauchten auf. Im Nu wimmelte es überall von ihnen.

„Direktor Meyer?“, fragte ich überrascht

Zwischen ihnen stand da plötzlich der Direx. Einer der anderen Männer trug einen Koffer bei sich, den er hastig neben mir abstellte. Er war es nun, der den berühmten Griff an den Hals des Mannes vor uns machte.

Sekunden später drehte er sich um und nickte dem Mann neben Direx Meyer zu.

„Dad?“

Das kam nun von Manuel. Verwirrt schaute ich zwischen Manuel und den Männer unten an der Treppe hin und her.

„Ja“, sagte der Mann neben dem Direx.

Jetzt verstand ich gar nichts mehr. Ich merkte nicht mal, wie der Mann mit dem Koffer eine Spritze in meinen Arm jagte. Erst als sich Torsten meldete.

„Ist ja eklig!“, hörte ich ihn sagen.

„Würden sie mit mir bitte bis runter gehen, da kann ich sie besser verbinden, das ist nur ein Streifschuss.“

Öhm … bitte? Das war wohl eindeutig der falsche Film! Schießerei – Leiche – Streifschuss, mir wurde das langsam zuviel. Mein Körper fing unkontrolliert an zu zucken. Der Mann griff bei mir unter und zog mich die Treppe hinunter.

„Was willst du denn hier?“, hörte ich Manuels Stimme, die nun noch eine Stufe giftiger klang.

Der Rest der Schüler wurde weggeführt. Nun waren nur noch der Direx, Manuel und Torsten, meine Wenigkeit und dieser Mann im dunkelblauen Anzug nebst zwei Begleitern da. Elias stand immer noch auf dem oberen Flur.

„Hättest du die Freundlichkeit, erst einmal hier herunter zu kommen?“, sagte der Mann im blauen Anzug, der anscheinend wirklich Manus Dad war.

Ich war mittlerweile auf der untersten Stufe angekommen und wurde zum Sitzen zu Boden gedrückt. Der Schmerz im Arm hatte nachgelassen. Ich sah nur das viele rot auf Manuels weißem Shirt, das der Mann nun langsam entfernte.

„Das beantwortet meine Frage nicht! Warum bist du hier?“, konnte ich Manu recht energisch hören.

In Manuels Stimme klang der blanke Hass.

„Tut mir leid, ließ sich nicht vermeiden.“

Mittlerweile stand Manuel auf meiner Höhe und setzte sich neben mich. Er griff nach meiner Hand des heilen Armes und drückte sie demonstrativ an seine Brust. Sein Blick war aber immer noch auf seinen Vater gerichtet.

Eben stand Manuel noch total fassungslos auf dem Absatz der Treppe und nun, neben mir, das war er nicht – ich kannte plötzlich diesen Jungen nicht mehr. Seine Augen funkelten böse und sein ganzer Körper zeigte Abwehr. Sein Vater dagegen flüsterte einem seiner Begleiter etwas zu.

Mein Verband war fertig und nun wurde auch Elias und Torsten weggeführt. So waren Manu und ich alleine mit seinem Hand und Direx Meyer.

„Hör mal, Junge…“

„Hör auf, mich Junge zu nennen, ich werde bald achtzehn!“, unterbrach Manu barsch seinen Vater.

„Du wirst immer mein Junge bleiben, könnt ich vielleicht mal ausreden?“

„Fällt dir früh ein…“

Ich fühlte mich unbehaglich so zwischen diesen zwei Fronten zu sitzen. Herr Sanders, wenn er so hieß, was ich stark vermutete, drehte den Kopf zu Direx Meyer.

„Können wir uns irgendwohin zurückziehen und reden?“

„Klar, gehen wir in mein Büro. Da bist du ungestört.“

Der Direx und Herr Sanders sagten du zueinander? Es wurde immer verwirrender.

„Wo ist er?“, hörte ich eine mir bekannte Stimme den Flur runter rufen.

Aber so richtig glauben konnte ich nicht, wem ich diese Stimme zuordnete.

„Michael? Michael?“

Konnte das sein? Ich stand auf. Und plötzlich war ich mir sicher. Spätestens, als mein Vater um die Ecke bog.

„Papa“, schrie ich und rannte leicht benommen auf ihn zu.

„Micha…, endlich!“

Wir fielen uns beide in die Arme, was mir schmerzlich meine Schulter in Erinnerung brachte. Ich fuhr etwas zusammen.

„Mein Gott, Micha, du bist ja verletzt.“

Wunderte mich schon, dass er den Verband nicht vorher gesehen hatte. Aber das war typisch mein Papa. Zerstreut wie immer.

„Es geht, ist nur ein Streifschuss“, sagte ich, wohl um mich auch selbst damit zu beruhigen.

„Herr Sanders, sie haben gesagt, die Jungs wären nie in Gefahr!“, kam es von meinem Dad.

Jetzt verstand ich wirklich nichts mehr.

„Könnte mich mal jemand aufklären, was hier am Laufen ist?“, fragte ich immer noch verwirrt.

Mein Blick fiel auf Manuel, der immer noch auf der Treppe saß. Auch wenn ich mich riesig freute, meinen Dad wiederzuhaben und ich auch gerne meine Schwester wieder sehen würde, war mir Manuel jetzt doch wichtiger.

Ich ließ meinen Papa los und ging zurück zu Manuel. Ich streckte ihm die Hand entgegen. Er sah zu mir hoch. Seine Augen sprachen Bände, mehr als jemand der hier Anwesenden begreifen konnte.

Ich sah Hass und Frust, aber auch Ängstlichkeit. Er ergriff meine Hand und ließ sich hochziehen. Ohne darauf zu achten, wer hinter mir stand, küsste ich Manuel auf die nackte Schulter. Im Augenblick war mir alles egal.

„Ich liebe dich und gemeinsam stehen wir das durch, okay? Schon vergessen?“, sagte ich leise.

Die Starre Manuels löste sich. Sein Blick wurde weich und klar. Ich konnte sogar ein kleines Lächeln registrieren.

„Du hattest Recht und ich wollte dir nicht glauben. So habe ich meinen Jungen schon lang nicht mehr gesehen“, hörte ich Herrn Sanders hinter mir sagen.

Augenblicklich versteifte sich Manuel wieder. Ich drehte mich zu Herrn Sanders um.

„Vielleicht, weil ich ihn liebe, ihm das auch zeige?“

Könnte mir mal jemand mein vorlautes Mundwerk zuhalten? Wo nahm ich den Mut her, so etwas zu sagen?

„Michael, wie kannst du nur…, entschuldige dich bitte bei dem Herrn!“

„Nein, nein, geht schon in Ordnung“, begann Herr Sanders, „durch meinen Beruf habe ich Manuel sehr vernachlässigt… zu sehr, wie es mir scheint. Und es imponiert mir, wenn mir jemand seine ehrliche Meinung sagt.“

Manuel lachte verächtlich, aber diesmal sagte er nichts.

*-*-*

Manuel

Er war nur hier, um mir alles wieder kaputt zu machen, wie er es in der Vergangenheit immer schon gemacht hatte. Ich hasste ihn.

„Manu…, das tut weh“, hörte ich Micha neben mir sagen.

Inzwischen saßen wir alle im Zimmer des Direx. Meine Wut auf meinen Vater hatte sich auf meine Muskeln übertragen. Ergo – ich quetschte gerade vor Wut Michas Hand.

„Sorry.“

Doch Dads Erscheinen steigerte eher meine Wut, als dass sie durch Micha verringert wurde.

„Der Tote wurde abtransportiert. Es dürften nun keine Probleme mehr auftauchen“, sagte er und schloss die Tür.

„Probleme, die sicher ohne dich nie entstanden wären“, giftete ich ihn an.

Ich kassierte den ersten vorwurfsvollen Blick durch Michael. Also beschloss ich, mich etwas zurückzuhalten, auch wenn ich Dad gerne mehr Kontra geben wollte.

„Da muss ich aber deinen Vater in Schutz nehmen“, begann Direx Meyer, „wäre er nicht gewesen, säße Michaels Vater jetzt immer noch nicht hier.“

Michael

Mit großen Augen schaute ich Herrn Sanders an.

„Wer sind sie?“, fragte ich.

„Mein Dad!“, sagte Manuel sehr genervt neben mir.

Dafür verpasste ich ihm einen Hieb mit dem Ellbogen.

„Aua!“

Herr Sanders bewegte seine Lippen und ich glaube, so etwas wie ein Lächeln zu erkennen.

„Du hattest Recht, die beiden passen wirklich gut zusammen. Nie hätte ich für möglich gehalten, dass ihn jemand zur Vernunft bringt.“

Ich legte meine Stirn in Falten. Warum kam es mir so vor, dass ich nicht durch Zufall an dieses Internat gekommen war? Ich schaute kurz zu Manuel hinüber, der vor Wut kochte. Mein Daumen strich sanft über seinen Handrücken, doch wusste ich nicht, ob ich ihn überhaupt irgendwie besänftigen konnte. Ich atmete tief durch.

„Es war ein reiner Glücksfall, glaub mir, Richard“, erwiderte Direx Meyer.

„Es tut mir leid, dass wir euch da mit rein gezogen haben“, begann plötzlich Herr Sanders, „das war so nicht geplant.“

„Wäre auch ein Wunder, wenn mal etwas so laufen würde, wie du es planst.“

Mit vorwurfsvoller Mine schaute ich Manuel an. Warum musste er immer so sticheln und seinen Vater reizen?

„Was denn? Ich kenne meinen Dad schon länger als du. Und immer hat er mich enttäuscht. Nie etwas eingehalten, was er versprochen hatte… war nie da, wenn ich ihn mal gebraucht hätte…“

Manuel redete sich in Rage. In seinen Augen sammelten sich Tränen. Es tat weh, Manuel so zu sehen.

„… nur, wenn ich was verbockt hatte, dann war er da… der große, übermächtige Dad, dem alle zu Füßen lagen.“

„Du tust ihm Unrecht, Manuel“, sagte Direx Meyer.

„Unrecht?“, schrie Manuel, „war er, seit ich hier bin, einmal hier, um mich zu besuchen, ein einziges Mal?“

Manuel vergrub sein Gesicht hinter seinen Händen. Ich nahm ihn tröstend in den Arm.

„Dieter, er hat in gewisser Weise schon Recht. Ich war nie da, wenn er mich brauchte.“

Mittlerweile lehnte Manuel an mir und seine Tränen liefen ungehindert über sein Gesicht.

„Ich hab es so oft probiert, alles richtig zu machen. So, wie du es immer wolltest“, sprach Manuel leiser weiter.

„Je mehr ich mich anstrengte, um so mehr lief schief. Und du? Du nahmst nicht mal mehr Notiz von mir, hast mich in dieses Internat abgeschoben.“

„Glaubst du wirklich, ich habe dich hier her abgeschoben?“, fragte Herr Sanders.

Er lief um den Schreibtisch von Direx Meyer herum und kniete sich vor seinen Sohn.

„Ich dachte eher, etwas Abstand zu mir würde dir eher helfen.“

„Falsch gedacht…, ich hab mich gefühlt wie abgeschoben. Du hast mir gefehlt. Papa, ich habe immer zu dir aufgesehen, du warst mein Vorbild. Und dann schiebst du mich ab, weg von dir… weit weg.“

Manuel vergrub sein Gesicht an meiner Schulter und schluchzte weiter. Sein Dad schaute mich an.

„Tut mir leid. Als ich Manuel kennen lernte, benahm er sich wie ein – na ja Arschloch. Ich kann ihnen nicht sagen, warum er so war“, erzählte ich.

„Alleine meine Schuld… Ich hätte mich mehr um meinen Sohn kümmern müssen.“

„Auch auf die Gefahr hin, dass mich hier jeder für unverschämt hält – darum hätten sie sich wirklich früher kümmern müssen. Manuel ist nicht gerade beliebt hier im Internat. Jeder, den ich bis jetzt kennen gelernt habe, hatte keine gute Meinung von ihm.“

Ich fing mir gerade einen bösen Blick meines Vaters ein, der bis jetzt noch gar nichts von sich gegeben hatte. Manuel schüttelte es kurz, bevor er noch einmal tief durchatmete. Dann hob er wieder seinen Kopf.

„Warum das alles, Dad? Ich wollte dir immer ein guter Sohn sein. Doch dich hat das nie interessiert.“

Harte Worte. Mir trieb es langsam selbst die Tränen in die Augen, ich konnte Manuel einfach nicht so leiden sehen.

„Es tut mir wirklich Leid, Manuel. Das wollte ich wirklich nicht. Ich dachte immer, ich tu immer nur das Beste für dich. Du weißt, mein Job verlangt mir viel ab. Dabei habe ich wohl das Wichtigste übersehen. Die Gefühle meines Sohnes.“

„Wer sind sie überhaupt“, warf ich ein.

Herr Sanders wandte sich nun mir zu.

„Sagen wir mal, im weitesten Sinne habe ich mit der Polizei zu tun.“

Kapitel 11

Michael

Trotz der Vorfälle im Internat und auch meiner Schusswunde, hatte ich darauf bestanden, mit Manuel im Internat bleiben zu dürfen. Lange hatte er in meinen Armen geweint, aber nun schlief er tief und fest.

Ich dagegen lag hellwach im Bett. Herr Sanders hatte in weiten Ausführungen uns versucht zu erklären, was da jetzt wirklich passiert war. Bei einer Panne bei der Befreiung meines Vaters, war wohl die Hauptperson, der Kopf der Bande geflüchtet.

Warum dieser Mann, sich als Lehrer ausgab; seine Bemühungen nun gegen mich gerichtet hatte, verstand ich zwar immer noch nicht, doch schien Industriespionage ein recht rentables Geschäft zu sein. Nun wusste ich, dass es etwas mit der Klassiksammlung zu tun hatte, die mir mein Vater geschenkt hatte.

Dort waren alle Daten seiner Forschungen versteckt. Irgendwie war alles verzwickt und doch geplant. Man hatte mich mit Absicht hier aufs Internat gebracht und Direx Meyer hatte mich auch mit Absicht zu Manuel gesteckt. Darüber war ich aber mehr als froh, sonst hätte ich ihn ja niemals kennen gelernt.

Ich beschloss einfach, zu versuchen, die ganze Sache zu vergessen. Auch wenn mir das in Anbetracht der Schmerzen meiner Schulter nicht gerade leicht fiel. Manuel holte tief Luft und atmete wieder friedlich aus. Er streckte sich und kuschelte sich wieder an mich.

*-*-*

Wir saßen beim Frühstück. Torsten und Manuel schaufelten ihr Frühstück gerade so in sich hinein. Ich musste schmunzeln und mein Blick wechselte ständig von Manuel zu Torsten und wieder zurück.

Ich konnte Ähnlichkeiten zwischen den beiden entdecken, Bei genauerem Hinsehen könnte man sie fast für Brüder halten. Beide hoch gewachsen und das gleiche dunkle struppig wilde Haar.

Auch die gleichen Lachfältchen besaßen sie. Mein Blick blieb an Manu hängen. Meinem Retter. Er hatte mit seinem beherzten Sprung mein Leben gerettet. Aber dabei auch einen Menschen getötet.

So wie er dasaß und sich sein Frühstück schmecken ließ, sah man ihm nicht an, was wir diese Nacht erlebt hatten. Nur ich wusste, wie es im Augenblick in ihm aussah. Zeit heilt die Wunden heißt es, aber an diese Wunde hätten wir sicher noch eine ganze Weile zu knabbern.

Doch es war etwas, was uns auch zusammenschweißte. Auch ein Grund, wo ich dachte, dass Elias und Torsten sicher nie wieder ein schlechtes Wort über Manuel äußern würden. Sie nahmen ihn in Zukunft sicher in Schutz.

„Irgendwie lustig, so ohne Lehrer“, meinte Elias und trank seinen Kakao.

„Dafür schtäht Däds Lackaffe Waache“, kam es von einem kauenden Manuel.

„Ab 200 g im Mund wird’s unverständlich und auch gefährlich für Beisitzende“, sagte ich, was alle zum Lachen brachte.

All unsere Blicke wanderten zur Tür, wo der >Lackaffe< im schwarzen Anzug und Sonnenbrille stand.

„Findet ihr nicht, dass die Sonne hier im Saal ziemlich tief steht?“, fragte Manuel, der endlich seinen Mund geleert hatte.

Ein weiteres Kichern überzog unsern Tisch.

„Was habt ihr heute Mittag vor?“, fragte Elias, der den Schokorand von seinen Lippen wischte.

„Wir sind bei Manuels Vater zum Mittagessen eingeladen“, erzählte ich.

Manuels Blick verfinsterte ich.

„Könnte ich drauf verzichten“, meinte er zynisch.

„Ach komm, dann lern ich wenigstens meine Schwiegermami kennen“, meinte ich trocken.

Zu trocken anscheinend für Torstens Geschmack. Er prustete los. Pech nur, dass er gerade seine Tasse Tee an den Lippen hatte.

„Och Torsten, du Sau“, rief Elias und sprang entsetzt auf.

Ich konnte nicht anders und musste laut loslachen. Elias hatte die Ladung Tee mit voller Wucht abbekommen.

„Sorry…, war ja keine Absicht“, meinte Torsten und wischte seinen Mund mit einer Serviette ab.

„Wär ja noch schöner“, entgegnete Elias und tupfte sich mit der Serviette ab.

„Willst du meine auch haben?“, fragte Manuel mit einem fiesen Grinsen.

„Bah!“

Ich konnte nicht mehr vor Lachen. Da fragt man sich, ob das Tucken eigentlich nur für Schwule reserviert war. Elias lieferte gerade die Prachtvorstellung einer Tucke.

„Wenn ich du wäre, würde ich mir eine neue Hose anziehen, dieser Fleck“, Manuel zeigt auf Elias’ Schritt, „sieht sehr verräterisch aus. Erregt dich das Wasserspiel von Torsten so?“

Elias schnappte nach Luft. Meine Schulter schmerzte zwar, aber ich konnte nicht mehr aufhören zu Lachen.

„Als würde ich etwas mit diesem Zwerg anfangen…, was du wieder von mir denkst.“

„Das war fies! Nur, weil ich erst vierzehn bin, bin ich doch schon ganz schön reif für mein Alter!“, feixte nun auch Torsten.

Unser Gespräch war natürlich nicht unbemerkt geblieben. Der andere Tisch der Unterstufe schaute interessiert zu uns herüber.

„Ich habe auch ein Liebesleben!“, meckerte Torsten weiter.

„Wie heißt er denn?“, fragte Manuel.

Nun lachte auch der andere Tisch.

„Er heißt Trisch, geht in die Parallelklasse und is ein Traum von Mädchen“, antwortete Torsten und streckte Manuel die Zunge heraus.

Torstens neu gewonnene Selbstsicherheit machte sich sehr bemerkbar. Er profitierte wahrscheinlich am meisten von dieser Nacht. Auch wenn diese Nacht sicher nicht in irgendwelchen Hinterstübchen unseres Hirns in Vergessenheit geriet, so änderte sie uns von Grund auf.

Kapitel 12

Manuel

Dad übertrieb es wieder maßlos. Er hatte eine schwarze Limousine ins Internat geschickt, um uns abholen zu lassen. Nur widerwillig stieg ich ein. Den Fahrer konnte ich nicht sehen, eine dunkle Scheibe verhinderte die Durchsicht. Auch wusste ich nicht, ob er uns sehen konnte. Man könnte es ja auf einen Versuch ankommen lassen. Ich sah zu Michael hinüber, der friedlich zum Fenster hinaus sah. Ich hob die Hand und zog sein Gesicht zu mir.

„Was?“

„Ich liebe dich“, hauchte ich.

Michael begann zu lächeln. Meine Hand wanderte zum Nacken und zog ihn sanft näher. Unsere Lippen trafen sich zu einem Kuss. Ich spürte Michaels Abwehr, aber je mehr ich meine Zunge in seinem Hals vertiefte, umso mehr gab er sich mir hin.

Der Fahrer schien wohl nichts zu sehen, denn noch immer fuhr der Wagen schön gleichmäßig. Musste ich wohl eine Stufe höher schalten.

Meine Hand wanderte langsam über Michas Bauch, bis ich an seinem Heiligtum angekommen war. Ohne eine Sekunde zu verschwenden, begann ich, Michaels Schwanz durch seine Hose zu massieren.

„Manu… Schatz…. Ahh… nicht, der Fahrer!“

Mit einer weiteren Kussattacke war auch diese Beschwerde niedergemacht. Michael zerfloss unter meinen Händen. Da der Wagen immer noch nicht schlingerte, beschloss ich, noch weiter zu gehen.

Mit zittrigen Händen pfriemelte ich erst Michaels Reisverschluss auf, bevor ich mit meiner Hand eintauchen konnte, um das heiße Fleisch herauszuholen. Michael stöhnte nur noch, es kam kein Einwand mehr von ihm.

Ich beugte mich vorn über und nahm das Objekt meiner Begierde in den Mund. Ein zweites Frühstück konnte ja nie schaden, dachte ich mir. Michael wand sich unter meinen Liebkosungen.

Es dauerte auch nicht lange bis Michael anfing, sich zu versteifen.

„Manu… hör auf… mir Ahh… kommt es gleich.“

Das war mein Ziel. Schlingerte nun der Wagen, oder war es nur Michael, der sich unter meiner heißen Zunge wie ein Aal bewegte? Michael stöhnte kurz auf und schon ergoss er sich in meinen Mund. Heiß kam Schub für Schub und ich schluckte alles brav hinunter. Fett grinsend setzte ich mich wieder auf, verstaute Michaels Schwanz wieder in der Boxer und zog den Reisverschluss zu.

Mein Schatz lag immer noch erschöpft auf der Rückbank und hatte die Augen geschlossen.

Einen Blick nach draußen verriet mir, dass ich noch rechtzeitig fertig geworden war. Gerade verließen wir die Autobahn.

Es dauerte nicht mehr lange und wir erreichten unser Wohngebiet. Der Wagen verlangsamte sein Tempo und bog in ein Grundstück ein.

„Bist du verrückt…, der Fahrer hat doch sicher alles gesehen?“, meldete sich Michael wieder zu Wort.

„Jetzt hab dich doch nicht so, anscheinend hat es dir ja gefallen. So, wie du gekommen bist! Gönn dem Kerl ruhig auch was. Ist sicher trist, so ein Leben hinter dem Lenkrad.“

Der Wagen hielt vor unserem Haus. Michael staunte Bauklötze. Na ja, nicht jeder wohnte in so einer Villa. Die Wagentür wurde geöffnet und ich drängte Michael zum Aussteigen. Er ging voraus und ich folgte ihm.

Endlich ausgestiegen, sah ich zum Fahrer, der immer noch die Tür offen hielt. Mit einem breiten Grinsen beäugte ich ihn und mir fiel auf, dass er eine hoch rote Birne schob, von der großen Beule in der Hose ganz zu schweigen.

Meine gute Laune war aber wieder verflogen, als sich die Haustür öffnete und der Hausherr heraus trat.

„Hallo Jungs, freut mich, dass ihr gekommen seid.“

„Hallo Herr Sanders, die Freude liegt auf meiner Seite“, begrüßte Micha meinen Vater und reichte ihm seine linke Hand.

Der andere Arm befand sich ja in einer Schlinge. Oh Gott, wie geschwollen. Diese Unmanier musste ich Michael unbedingt austreiben? Ich stand eine Stufe unter Micha und wartete artig.

„Sag ruhig Richard und du. Gehörst ja jetzt praktisch zur Familie, so wie ich das gestern verstanden habe. Und wie geht es deinem Arm?“

„Danke, er schmerzt zwar noch, aber ich habe einen guten Krankenpfleger.“

Dads Blick wanderte zu mir.

„Hallo Manuel“, meinte er.

„Hallo“, erwiderte ich und lief an ihm vorbei.

Er schob Michael vor sich her und zu dritt betraten wir das Haus. Ein Lichtblick für meine Laune erwartete mich in der Empfangshalle. Meine Mutter stand lächelnd vor uns.

„Hallo Manu, endlich sehe ich dich wieder“, meinte sie und nahm mich in den Arm.

„Susanne… darf ich dir Michael, Manuels Freund vorstellen?“, meinte Dad.

Mum ließ mich los und wandte sich Michael zu.

„Hallo Michael, mein Mann hat mir schon viel von ihnen erzählt.“

Sie reichte Michael die Hand, der sich geringfügig verbeugte. Wo hatte er nur diesen Mist her?

„Wieso, er kennt mich doch erst seit gestern Abend, kann es nichts Besonderes sein.“

„Also ich finde, wenn sich mein Sohn um ihr Leben bemüht, scheinen sie schon etwas Besonderes zu sein.“

„Ihr Sohn ist etwas Besonderes, sonst hätte ich mich nicht in ihm verliebt!“

Ich halt es nicht aus! Jeder wäre bei so einem Kompliment rot geworden. Doch mein Schatz setzt noch eins drauf. Scheiße, warum wurde ich jetzt rot?

Meine Mutter lachte und ging Richtung Kaminzimmer. Mein Vater folgte ihr.

„Wo hast da das alles her? Bist du vorher auf einer Kniggeschule gewesen?“, flüsterte ich.

„Ich? Wieso? Nein! Ein Mann von Welt hat Manieren, mein Lieber!“, sagte Micha und folgte meinen Eltern.

Oh Gott, was hatte ich mir da eingefangen?

*-*-*

Michael

Nach einem kurzen Umtrunk saßen wir nun bei Tisch. Am Tisch herrschte Stille. Ich schaute laufend zu Manuel, aber er reagierte nicht. Seine Mutter räusperte ich.

„Wenn die zwei Herren während des Essens mal ihr Kriegsbeil begraben könnten, wäre mir geholfen. Ich stehe nicht drei Stunden in der Küche, um mir jetzt das Essen von euch beiden verderben zu lassen. Ich kann mit Michael auch in der Küche essen, das ist bestimmt unterhaltsamer, als mit euch beiden Sturköpfen am Tisch zu sitzen.“

Oh, da hatte wohl jemand die Hosen an! Den beiden schien es auch sichtlich unangenehm zu sein. Trotzdem gaben beide keinen Kommentar zu dieser Bemerkung ab. Die Tür öffnete sich und ein Mann mit einem Tablett trat herein.

Jeder bekam eine Suppe hingestellt, bevor er wieder verschwand.

„Ich wünsche einen guten Appetit“, sagte Frau Sanders.

„Ebenso“, meinte ich und nahm den Löffel in die Hand.

Richard und Manuel murmelten etwas Unverständliches und begannen zu Essen. Manus Mutter schaute mich an und schüttelte lächelnd den Kopf.

„Ich habe gehört, dass sie meinem Sohn in der Schule helfen und seine Noten schon deutlich besser geworden sind“, sprach mich Frau Sanders erneut an.

„Sie können ruhig du sagen, ich bin siebzehn wie ihr Sohn.“

„Danke, dann musst du mich aber auch Susanne nennen.“

„Okay, danke. Ach so. Ich lerne zwar mit ihrem Sohn, aber die Arbeiten hat er alleine geschrieben. Daran bin ich völlig unbeteiligt.“

Dieses Gespräch wurde systematisch weiter geführt, während des ganzen Essens. Mein Schatz und mein ‚Schwiegerdad’ enthielten sich der Unterhaltung. In mir kam nur die Frage auf, ob Manus Mutter auch etwas mit der Polizei zu tun hatte, oder ob es einfach in der Natur der Frau lag, jemanden leicht auszuhorchen.

Ich stand mit ihr wieder im Kaminzimmer, das Gespräch war mittlerweile bei meiner Familie angekommen, als wir beide Krach aus dem Garten hörten. Wir gingen ans Fenster und sahen Manu und seinen Vater, wie sie sich wieder in den Haaren hatten.

Mich ärgerte, dass Manu sich dabei wieder eine Zigarette anzündete, was seinen Vater noch mehr auf die Palme brachte.

„Ich weiß mir nicht mehr zu helfen. Keiner der beiden weicht auch nur ein Stück zurück“, hörte ich Susanne neben mir sagen.

„Manu leidet sehr darunter. Wir reden zwar nicht darüber, aber ich weiß es.“

„Dir fällt nicht zufälligerweise eine Methode ein, wie man diesen Streit zwischen den beiden beenden könnte?“

„Beiden eins mit dem Holzhammer überziehen, wär bei diesen Sturköpfen wohl angebracht.“

Manus Mutter kicherte.

„Sie bräuchten nur miteinander reden, mehr nicht. Die zwei da draußen reden aneinander vorbei. Schuldzuweisungen… was man hätte besser machen können… mehr beinhaltet das Gespräch nicht.“

„Wie alt bist du, Michael? Siebzehn? Man könnte meinen, du hast Psychologie studiert.“

„Jetzt übertreiben sie aber. Das hört man doch, wenn man der Unterhaltung, die man eigentlich auch nicht so nennen kann, zuhört.“

Ein weiterer Mann, diesmal wesentlich jünger, betrat das Zimmer und brachte auf einem Tablett Kaffee.

„Danke Tim, ich schenke selber ein“, meinte Susanne.

Dieser Tim nickte nur. Sie wartete, bis er das Zimmer verlassen hatte.

„Das waren mal die besten Freunde“, sagte Susanne, als sie diesem Kerl hinterher schaute.

Als hätte sie nie etwas anderes gemacht, goss sie Kaffee in den Tassen.

„Sie meinen?“, fragte ich.

„Tim. Er und Manuel waren einmal die besten Freunde. Dies änderte sich, als Tim seine Lehre zum Hotelfachmann begann. Von einem Tag zum Anderen hatten sie sich nichts mehr zu sagen. Schwarz – Milch – Zucker?“

„Nur mit Milch, keinen Zucker, danke. Und warum ist Tim jetzt hier?“

„Er hilft gerne bei uns aus, wenn wir wie heute ein Essen geben. Er meint immer, das wäre eine gute Übung für ihn“, erklärte Susanne und reichte mir die Tasse.

„Gab es vielleicht Streit zwischen den beiden? Ich weiß, wie gerne Manuel austickt.“

„Manuel war nicht immer so“, sagte Susanne und trank einen Schluck Kaffee, „er ist erst in letzter Zeit so aufbrausend geworden. Ich weiß nicht, was dafür ausschlaggebend war.“

Die Streithähne im Garten hatten Sendepause. Nun rauchte Richard auch eine Zigarette.

„Hast du Tim einmal gefragt, ob etwas vorgefallen ist, Susanne?“

„Er ist mir bisher dabei nur ausgewichen. Mir kommt es vor, als wolle er mir etwas verschweigen.“

„Wann hat Manu sich eigentlich bei ihnen geoutet?“

Susanne schaute mich kurz verwundert an.

„Das ist jetzt etwa ein Jahr her, kurz nach seinem sechzehnten Geburtstag.“

„Und wie hat Richard darauf reagiert.“

„Ungehalten, aber es gab keinen Streit.“

„Kann es sein, dass ihr Mann Schwierigkeiten damit hat, dass Manu schwul ist?“

„Ich weiß es nicht, Michael. Mein Mann und ich haben uns da nie darüber unterhalten.“

Manuel

Langsam wurde mir kalt, so ohne Jacke im Schnee. Doch ich wollte nicht klein beigeben. Dad zog an seiner Zigarette.

„Wirst du das Jahr wiederholen müssen?“, fragte er plötzlich.

„Frau Stein meint, wenn ich weiter so mache, nicht.“

„Gut.“

Ich sah meinen Dad lange an. Während der ganzen Unterhaltung hatte er mir nur ein oder zwei Mal in die Augen geschaut.

„Liebst du mich noch, Dad?“

Entsetzt schaute mich Dad an.

„Was ist das für eine blöde Frage?“

„Ich finde sie überhaupt nicht blöde. Ich habe das Gefühl, du meidest mich. Hast du mich deswegen nie im Internat besucht?“

„Ach Quatsch, du weißt doch – die Arbeit.“

„Jetzt schieb nicht immer deine Arbeit vor! Wann hast du mich zum letzten Mal in den Arm genommen?“

„Ähm…“

„Nicht mal das weißt du mehr. Früher warst du nicht so.“

Ich zündete mir eine weitere Zigarette an und blies scharf den Rauch in die Luft.

„Früher…, da hast du mir auch noch alles erzählt!“

„Bin ich jetzt an Allem schuld? Habe ich alleine Fehler gemacht?“

„Nein Manuel, das habe ich nicht gesagt.“

„Aber warum entfernst du dich dann so von mir?“

Dad senkte seinen Blick und drehte sich weg.

„Ist das wieder eins deiner sinnlosen Vater-Sohn-Gespräche, oder bekomme ich irgendwann einmal Antworten auf meine Fragen?“

Ich war so sauer. Warum war ich eigentlich hier, warum tat ich mir das an? Es war doch eh immer das Gleiche mit ihm. Er wich mir aus, wendete sich von mir ab, als hätte ich eine ansteckende Krankheit.

„Nicht du bist schuld…, ich alleine trage die Schuld. Ich habe einen Fehler gemacht.“

„Bitte? Ist ja mal ganz was Neues.“

Dad drehte sich wieder zu mir und das erste Mal in meinem Leben sah ich meinen Vater weinen.

„Als du uns vor einem Jahr gesagt hast…, dass du schwul bist, lieber Jungs liebst als Mädchen, ist für mich eine Welt zusammen gebrochen.“

Aha, daher wehte der Wind. Ich wollte schon etwas erwidern, aber Dad hob die Hand und gebot Einhalt.

„Ich dachte, ich hätte versagt, dachte ich bin schuld, dass du kein normales Liebesleben führen kannst. Ich wusste rein gar nichts über dich, plötzlich warst du ein fremder Mensch. Gestern noch der geliebte Sohn und nun ein Fremder.“

Ich verstand nicht, worauf er hinaus wollte.

„Ich wälzte stundenlang Bücher, verbrachte Nächtelang am PC, nur um mehr über Homosexualität heraus zu bekommen. Ich fühlte mich so ausgeschlossen von dir!“

„Ich dich ausschließen? Von was?“

„Von deinem Leben. Plötzlich warst du nicht mehr mein kleiner Junge, der mir alles erzählte. Da stand ein junger Mann, der vor Selbstsicherheit strotze, mich nicht mehr brauchte.“

Er atmete tief durch und senkte wieder seinen Kopf.

„Und warum hast du dann nie etwas zu mir gesagt? Gut, mag sein, ich habe mich verändert, aber tut das nicht jeder Jugendliche?“

„Bis ich merkte, was ich da machte, war es lange schon zu spät. Wir haben uns derart entfernt, dass wir ohne Streit kein Zusammentreffen mehr schafften.“

„Du akzeptierst also nicht, dass ich schwul bin…?“, fragte ich fassungslos.

„Nein…, so würde ich das nicht sagen.“

„Wie dann?“, wurde ich wieder lauter, „was ist an mir anders als an anderen Söhnen? Sehe ich etwa entstellt aus? Habe ich eine schlimme Krankheit? Bin ich für dich pervers?“

Ich redete mich wieder in Rage.

„Ich verstehe es nicht, Dad. Ich bin derselbe der ich immer war und nur, weil ich schwul bin – Michael liebe, der übrigens alles für mich ist! Und nur weil ich schwul bin, hast du Probleme mit mir?“

„Nicht Probleme mit dir. Probleme, überhaupt noch an dich heran zukommen…“

„Was willst du denn?“, schrie ich ihm ins Gesicht.

Die ersten Tränen kullerten unkontrolliert über mein Gesicht.

„An deinem Leben wieder teilhaben…“, sagte er ganz leise, „einfach wissen, was in dir vorgeht.“

Ich konnte nicht mehr, bekam keinen Ton heraus. Im Hintergrund auf der Terrasse sah ich Michael und Mum stehen.

„… ich weiß nichts über dich, nur das Eine. Du bist das Beste, was ich je fertig gebracht habe in meinem Leben… ich liebe dich… Manuel.“

Als würde mein Herz in tausend Stücke gerissen werden, überkam mich ein tieftrauriger Schmerz. Diese Worte… >ich liebe dich<… nach denen ich mich so lange gesehnt hatte, sie waren ausgesprochen.

Langsam hob Dad seine Arme und schaute mich erwartungsvoll an. Ich zitterte am ganzen Körper. Mein Blick fiel kurz auf Michael, der mir aufmunternd zunickte. Dann, wie in Zeitlupe, wanderten meine Augen zurück zu Dad.

Ich ließ mich einfach fallen. Fallen – in die Arme, nach denen ich mich so lange gesehnt hatte.

Michael

Ich musste mich wahnsinnig beherrschen, um nicht einzugreifen. Doch als ich die Szene sah, wie Manu in die Arme seines Vaters fiel, musste ich mich kurz wegdrehen. Wie eine Sintflut drängten sich Tränen in meine Augen.

Als ich mich wieder Richtung Garten drehte, sah ich, dass Susanne ebenfalls dicht am Wasser gebaut hatte. Sie lächelte mich an.

„Endlich!“, konnte ich aus ihrem Munde hören.

*-*-*

Wir hatten die Rollos oben gelassen. Draußen war eine sternenklare Nacht. Bald wird Weihnachten sein, das Fest der Liebe. Liebe – ein Wort mit nur fünf Buchstaben und doch mit so großer Wirkung.

Ich saß an die Wand gelehnt, Manuel schlummerte in meinen Armen. Ich wusste, dass uns eine glückliche Zeit erwartete, die wir gemeinsam gehen durften. Aber mir war auch bewusst, dass auf unserem Weg noch viele Steine lagen.

Steine, die uns aber wahrscheinlich noch fester zusammenschweißen würden. Der erste Stein kam nach den Winterferien, wenn der normale Internatsbetrieb wieder los ging und alle aus den Ferien zurückkamen.

*-* Ende *-*

Wir hoffen, unsere kleine Geschichte hat euch gefallen. Uns hat es jedenfalls unheimlich Spass gemacht, sie zu schreiben. Ob es eine Fortsetzung gibt? Na klar! Sie muss aber erst noch geschrieben werden (c:

Gruß, Gianna und Pit

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