Über den Wolken – Teil 4

Vier Wochen waren inzwischen vergangen, seitdem Daniel und Oliver in Dekelsen ziemlich liebevoll Abschied voneinander genommen hatten. Vier Wochen, in denen der dunkelhaarige Chefsteward wegen der jährlich wiederkehrenden Flutwelle von Urlaubsflügen kaum länger als ein paar Stunden in Deutschland gewesen war.

So oft es ging telefonierte er mit Oliver in Dekelsen, immer bemüht, dass niemand mitbekam, wer da am anderen Ende der Leitung jedes Wort und jeden Atemzug von ihm regelrecht verschlang, und es kam nur selten vor, dass sie beide so ungestört waren, um sich auch mal ganz private und mitunter auch sehr intime Dinge sagen zu können.

Natürlich hatte es auch schnell die Runde unter den Kollegen gemacht, dass Daniel es gewesen war, der die Einsatzzentrale über Olivers Unfall informiert hatte, und um allen Gerüchten vorzubeugen, hatte er jedes Mal, wenn er darauf angesprochen worden war, zugegeben, dass sie sich von früher her kannten und zusammen zur Schule gegangen waren. Nicht mehr und nicht weniger. Kein Wort darüber, was genau passiert war, damals wie heute, und dass Daniel seinen ganzen Urlaub mit „dem Ekel“ verbracht hatte.

Nur Kiky, die ihm so nahe stand wie eine Schwester, hatte er einen Großteil der Geschichte erzählt und sie damit in einen schockartigen Zustand versetzt. Fassungslos hatte sie den Kopf geschüttelt und gemeint: „Jetzt kann ich auch ein bisschen verstehen, warum er so ist, wie er ist, aber irgendwie kann ich nicht glauben, dass er sich noch mal ändern wird. Auch für dich nicht. Er wird dir bestimmt weh tun, Daniel, auch wenn er dich liebt, und davor hab ich ziemliche Angst.“ Aber Dan war sich seiner Sache inzwischen ganz sicher. Er würde um Oliver kämpfen. Um den Oliver, der noch immer hinter der Fassade kauerte und deren versteckte Tür, durch die man dahinter gelangen konnte, bislang nur er allein kannte. Darüber wollte er sich aber heute noch keine Gedanken machen, sondern freute sich auf ein paar freie Tage zu Hause.

Die Verabschiedung von den Kollegen fiel entsprechend der fortgeschrittenen Stunde auch nur noch sehr sparsam aus. Daniel nahm Kiky mit und warf sie an ihrer Haustür schon fast raus, da die kleine Halbasiatin immer wieder versuchte, ihn dazu zu animieren, Oliver doch noch in ihrem Beisein anzurufen. Alles konnte sie sich nämlich vorstellen, aber nicht, dass in dieser „arroganten Ratte“, wie sie ihn immer bezeichnete, tatsächlich ein Herz wohnte und dieser Typ offensichtlich sogar in der Lage war, mal nicht im Befehlston zu reden.

Daniel konnte über die letzten Äußerungen von Kiky nur noch schmunzeln, als er sich endlich seine Schuhe von den Füßen gestreift und sich seiner Uniform entledigt hatte. Nur noch in Shorts schmiss er sich bäuchlings auf sein Bett und tippte die Nummer von Olli ins Handy. Ein undeutliches Nörgeln zeigte ihm nach kurzem Rufton, dass tatsächlich jemand rangegangen war.

„Hey, süße Schlafmütze“, hauchte er ins Telefon. „Sag bloß, ich hab dich geweckt? Oooch, das tut mir jetzt aber leid, aber du hast geschrieben, ich soll mich gleich melden, wenn ich wieder da bin, und da bin ich.“

„Wo bist du?“, nuschelte die verschlafene Stimme und Daniel hörte, wie sich Oliver im Bett herumdrehte und vermutlich mit geschlossenen Augen nach seiner Armbanduhr angelte, die dann mit einen lautstarken Scheppern zu Boden ging.

„Wo soll ich schon sein?“ Daniel wurde etwas wehmütig und seine Stimme klang traurig. „Ich bin grad aus der Türkei zurück, lieg in meinem viel zu großen Bett in meiner viel zu großen Wohnung und wie immer bin ich viel zu weit weg von dir.“

„Wenn du dich da mal nicht irrst“, kicherte es. „Ich lieg zwar auch grad im Bett, es ist nämlich erst unchristliche vier Uhr durch, aber dieses niegelnagelneue Bett steht nicht in Dekelsen, sondern im wunderschönen Frankfurter Stadtteil Sossenheim. Ich kann also schon fast spüren, wie nah du bist, weil es keine zehn Minuten zu Fuß sind, die uns noch trennen.“ Man konnte das breite Grinsen von Olli regelrecht durch den Hörer sehen, als Daniel die Kinnlade herunterklappte und sein Herz aufgeregt zu hüpfen begann.

„Oliver, du Sausack, du bist einfach umgezogen, ohne mir was davon zu sagen“, jauchzte Daniel ins Telefon. „Aber erzähl. Wie sieht sie aus, deine neue Bleibe?“ Von Müdigkeit war keine Spur mehr. Dan hatte sich inzwischen aufgerappelt, saß im Schneidersitz auf seinem Bett und spielte mit den Fingern an einem Zipfel seiner Bettdecke herum.

„Was hältst du davon, wenn du dir schnell was überziehst und mal eben rüberkommst? Dann muss ich sie dir nicht mühsam am Telefon beschreiben.“ Olivers Stimme zitterte leicht bei dieser Frage, weil er einfach keine Ahnung hatte, wie Daniel darauf reagieren würde. Aber Daniel reagierte vor lauter Überraschung erst mal gar nicht, bis ihn ein unsicheres: „Bist du noch dran?“, aus der Abwesenheit holte.

„Ähm, hast du mich jetzt wirklich grad gebeten, zu dir zu kommen? Also … ähm … du weißt schon, dass es mittlerweile hell draußen ist und man mich auf jeden Fall auch sehen könnte, wenn ich mir nicht grad ’ne große Alditüte über den Kopf ziehe und mich durch den Keller reinschleiche?“ Der dunkelhaarige Steward war völlig perplex. „Wie viel Anlauf braucht man wohl für so ’nen fast todesmutigen Sprung über seinen Schatten?“, überlegte er still und wurde gar nicht mehr fertig über das Gehörte.

„Na ja“, erwidert Olli schon deutlich mutiger ins Telefon. „So viele Kollegen wohnen hier nicht und wenn du nicht grad mit ’nem Strauß dunkelroter Rosen und ’nem I-love-you-Herzchenballon vor der Tür stehst, sondern lediglich ein paar freundlich frische Brötchen von der Tanke mitbringst, wird das schon gehen. Und wenn du trotzdem jemanden triffst, dann musst du ihm ja nicht gleich auf die Nase binden, dass du zu mir willst.“

„Okay.“ Daniel rutschte vom Bett und tappte barfuss zum Schrank, um sich mit der freien Hand ein paar passende Klamotten rauszusuchen. „Kann ich noch schnell duschen oder hältst du es keine Sekunde länger mehr aus?“, witzelte er. Aber noch bevor Olli etwas antworten konnte, war Dan ins Bad weitergewandert und hatte bereits das Wasser aufgedreht. „Zu spät“, johlte er in den Hörer. „Sagen wir in 20 Minuten?“ Er bekam gerade noch so mit, wie Olli nachgiebig einwilligte und ihm seine Adresse durchsagte, bevor er das Telefon aus der Hand legte und sich unter den warmen Tropfenregen stellte.

Sie waren sich näher gekommen in den letzten vier Wochen, obwohl sie sich nicht gesehen hatten. Es war, als ob ein emsiger Mikrochirurg Tag und Nacht dabei war, Hunderte durchtrennter Nervenenden wieder zusammenzufügen, und jedes Telefonat, jede SMS hatte auch ein Stück weit Gefühl füreinander und alte Vertrautheit zurückgebracht.

Und dennoch war Daniel so aufgeregt wie selten zuvor, als er kurze Zeit später vor Olivers Wohnungstür stand und mit zittrigen Fingern auf den Klingelknopf drückte. Es dauerte auch keine Sekunde, bis die Tür aufging und ihn ein sichtlich gut erholter und freudig strahlender dunkelblonder Wuschelkopf am T-Shirt eilig nach drinnen zog.

„Da bin ich“, stellte er noch immer ziemlich nervös fest und drückte Olli die Tüte mit den duftenden Brötchen in die Hand. Übers Telefon zu reden und zu flirten war eben doch etwas anderes, als sich dann ganz in Natura wiederzusehen. Noch etwas unbeholfen standen sie sich im ersten Moment gegenüber, bis Daniel den Kopf hob und seine Augen durch den Raum schweifen ließ.

„Wirst du hier überwacht?“, wollte er belustigt wissen. Olli hob fragend die Augenbrauen.

„Wie kommst du darauf? Nein, natürlich nicht.“

„Und warum fällst du dann nicht wie eine niedliche, aber ausgehungerte Wildkatze über mich her und küsst mich so lange, bis ich vor Atemnot blau anlaufe?“ Daniel war bei diesen Worten grinsend auf Oliver zugegangen, hatte ihn liebvoll in den Arm genommen und ganz behutsam an sich gedrückt. Es war ein eigenartig warmes Gefühl, was sie beide beschlich, als sie sich schließlich zärtlich küssten. Nicht wie Freunde, die sich nach langer Zeit wiedersahen und auch nicht wie frisch Verliebte, die den anderen am liebsten auffressen würden, sondern ein Gefühl, was sie beide bisher nicht gekannt hatten. Das Gefühl, nach Hause zu kommen, das Gefühl, in dem Augenblick, in dem man den geliebten Menschen in den Arm nimmt, wieder komplett zu sein. Minutenlang standen sie einfach so im Flur, hielten sich fest umschlungen und jede Berührung ihrer Lippen hinterließ ein Kribbeln auf der Haut, nach dem man süchtig werden konnte.

Irgendwann jedoch gluckerte es verdächtig in Daniels Magen und Oliver grinste in den Kuss, in den sie sich gerade vertieft hatten.

„Sorry“, murmelte Dan, ohne von ihm abzulassen, aber schon gluckste es wieder.

„Schluss jetzt“, riss sich Oliver schmunzelnd los. „Du brauchst erst mal was in den Magen und außer den Flur hast du von meiner Wohnung auch noch nichts gesehen. Also komm jetzt.“ Er zog ihn an beiden Händen rückwärts hinter sich her in den Wohnraum. „Umgucken kannst du dich sicher alleine und ich mach derweil Frühstück. Okay?“ Daniel nickte und sah sich mit großen Augen um, während sich Olli in die Küche zurückzog, die, ganz nach amerikanischem Vorbild, direkt in den Wohnraum integriert war. Und selbst der Begriff Wohnraum traf es nicht wirklich, denn genau in der Mitte des riesigen Raumes befand sich ein runder Durchblick in die zweite Etage, in die man über eine riesige Freitreppe an der Seite gelangte.

Daniel stützte beide Hände in die Hüften, ließ seinen Blick herumschweifen, bestaunte die raumhohen Fenster, aus denen man freie Sicht auf den Park hatte und die offensichtlich noch unfertige Einrichtung. „Boah, Olli. Wie viel Quadratmeter sind das sag mal? Das muss ein Vermögen an Miete kosten.“

„Moment … zwei, drei, vier …“ Der dunkelblonde Captain zählte laut die Löffel mit dem Kaffeepulver in den Filter, bevor er antwortete. „Also zu eins: Es sind 240 Quadratmeter. 120 unten und 120 oben. Und zu zwei: Zu mieten gibt es dieses Kleinod leider nicht. Ich hab sie gekauft, aber für wie viel bleibt vorerst mein Geheimnis, wenn du erlaubst, denn dazu muss ich ein bisschen weiter ausholen. Ich hatte dir ja geschrieben, dass ich noch was Wichtiges mit dir bereden muss. Gefällt sie dir denn wenigstens?“

Daniel hatte mittlerweile seine Rundreise durch den mehr als üppigen Wohnraum fortgesetzt und war bei der großen Treppe angekommen. „Gefallen ist kein Ausdruck, Oliver. Sie ist phantastisch. Ich hab so was noch nie gesehen und ich bin total platt.“

„Wart’s ab, bis du die obere Etage gesehen hast.“ Ganz leise war Olli von hinten herangeschlichen, schmiegte sich an Daniels Rücken und hauchte ihm kleine Küsse auf die Schulter. „Da oben steht mein Bett und das Badezimmer wird dir die Schuhe ausziehen. Aber bevor ich dich da hoch lasse, wird erst gefrühstückt“, raunte er Dan ins Ohr und schob ihn sanft zum Tisch, den er liebevoll für zwei Personen gedeckt hatte. Erst jetzt, beim Anblick von frischen Brötchen, seiner geliebten Nutellacreme, leckerem Schinken und Käse mit ganz großen Löchern, merkte Daniel richtig, wie groß sein Hunger inzwischen war, und langte hastig zu.

Eine Brötchenhälfte lang sahen die beiden sich einfach nur beim Essen zu, flirteten mit den Augen und lächelten sich immer wieder vielsagend an, bis Daniel einfiel, dass er ja nicht nur gekommen war, weil ihre Sehnsucht nacheinander fast schon schmerzhafte Züge angenommen hatte und Olli seine neue Wohnung präsentieren wollte.

„Was hast du denn nun so dringendes auf dem Herzen?“, sprach er Oliver direkt darauf an, nachdem er sich die zweite Hälfte dick mit Käse belegt hatte. Der ließ sein Brötchen auf den Teller sinken, stand auf und reichte seinem Gegenüber mit den Worten: „Lies es und dann sag mir, was du darüber denkst“, einen Briefumschlag, den er vom nahegelegenen Sidebord geholt hatte. Daniel faltete den Brief auf und runzelte die Stirn.

„Von einer Anwaltskanzlei aus Hamburg?“ Fragend sah er Oliver an, der nur nickte und gespannt sein Orangensaftglas zwischen den Fingern umherdrehte, während Dan die Zeilen überflog.

„Hmm.“ Langsam schob er den Brief wieder zurück in den Umschlag. „Sieht aus, als hättest du mit der Anzeige gegen deine Frau in ein Wespennest gestochen. Die Frage ist jetzt nur, ob du auf das Angebot der Anwälte eingehen solltest oder lieber das Strafverfahren mit allen Konsequenzen durchziehen willst?“

„Eigentlich machen sie ja kein richtiges Angebot, sondern ich kann sagen, unter welchen Umständen ich bereit bin, die Strafanzeige zurückzuziehen, somit natürlich auch auf ’ne Schmerzensgeldforderung verzichte und Juliette ungestraft davonkommen lasse.“ Oliver biss herzhaft in sein Schinkenbrötchen und grinste hinterlistig.

„Du hast doch was vor, Sportsfreund!“ Daniel bemerkte sofort die Veränderung in Ollis Gesicht. Bis eben noch war er gnadenlos niedlich, mit seinen himmelblauen Seelenspiegeln und den inzwischen viel zu langen Haaren, die sich an den Enden schon zu wilden Locken kringelten. Allein sein verspielter Augenaufschlag war jede Sünde wert. Aber jetzt saß ihm ein Pokerface gegenüber, der durch das jahrelange Katz und Maus Spiel mit seiner Frau gelernt hatte, sämtliche Emotionen auszublenden und ohne Rücksicht auf Verluste das Maximum für sich herauszuholen.

„Ich werd ihr ihren letzten Wunsch erfüllen, den sie mir noch ins Gesicht geschleudert hat, als sie endlich fertig mit mir war, und werd die Scheidung einreichen“, griente er. „Aber im Gegenzug für die zurückgezogene Anzeige werde ich die Umgehung des Ehevertrages fordern plus diese Wohnung hier und Stillschweigen über alles, was gewesen ist. Damit würde ich drei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Ich würde dich aus der ganzen Sache raushalten, denn es würde nie zur Sprache kommen, warum es so eskaliert ist, ich hätte ausgesorgt bis an mein Lebensende und vor allem …“ Oliver lächelte zuckersüß und hauchte: „… ich wäre frei für einen Neuanfang.“

„Das ist alles ganz toll, aber frei für welchen Neuanfang?“, stichelte Dan und warf seine Serviette, mit der er sich gerade noch den Mund abgewischt hatte, missmutig auf den Teller. „So lange ich nicht sagen darf, wen ich liebe und mich heimlich zu dir schleichen muss, damit mich keiner sieht und irgendwas vermutet, solange du mich zwar liebst, aber nicht zu mir stehst, kann es auch keinen Neuanfang geben. Einen Neuanfang gäbe es nur für dich allein, nicht für uns beide. Du willst die Anzeige doch nur zurückziehen, damit keiner erfährt, dass du einen Typen liebst und noch dazu einen schwulen schwarzen Typen.“

„Fängst du schon wieder damit an“, nörgelte Oliver frostig und ein wenig aufbrausend. „Was erwartest du eigentlich von mir? Soll ich hingehen und es bei unserem gemeinsamen Arbeitgeber ans schwarze Brett nageln, dass ich mich in dich verliebt hab oder soll ich es vielleicht sogar einer rachsüchtigen Juliette Besson überlassen, die ganze Welt davon in Kenntnis zu setzen, dass ihr Mann nachts von einem anderen Kerl träumt und sich dabei einen runter holt und sie deshalb selbst die Scheidung einreicht?“ Unwillig verschränkte er die Arme vor der Brust. „Ich liebe dich, Dan, das ist mir in den letzten vier Wochen immer klarer geworden und ich will dich auch nicht noch einmal verlieren, aber gib mir doch einfach noch ein bisschen Zeit, um erst mal selbst damit fertig zu werden. Verstehst du? Es ist eben nicht so leicht, plötzlich zuzulassen, wogegen man sich jahrelang gewehrt hat, und du selbst hast mir vor langer Zeit mal erzählt, dass es für dich damals auch gar nicht so einfach war, zu akzeptieren, dass du anders gefühlt hast. Hilf mir dabei, aber dräng mich doch, verdammt noch mal, nicht so.“ Traurig ließ er den Kopf sinken. „Und im Übrigen war es mir schon immer egal, welche Hautfarbe du hast.“

Daniel wurde ganz verlegen. Olli hatte ja Recht mit dem, was er sagte. Ihn selbst hatte es vor 17 Jahren an den Rand der Verzweiflung getrieben, weil er nicht mehr einordnen konnte, was da in ihm vorging, als er sich plötzlich in einen Typen verliebt hatte, der dasselbe Fitnessstudio besucht hatte wie er, und er mit keinem darüber hatte reden können. Er hatte alles versucht, um dieses Gefühl, die Schmetterlinge im Bauch, zu vertreiben, hatte stundenlang geduscht, sich betrunken bis kurz vorm Delirium und am Ende versucht, sich das Leben zu nehmen. Erst ein junger homosexueller Pfleger im Krankenhaus hatte seine Not erkannt, nächtelang an seinem Bett gesessen und mit ihm geredet. Von ihm hatte er damals auch seinen ersten männlichen Kuss bekommen. Wie auf Wolke sieben war er damals geschwebt, weil es nicht zu vergleichen gewesen war mit den Küssen, die er bis dahin von dem ein oder anderen Mädchen bekommen hatte. Und plötzlich war alles klar gewesen und nur noch eine Frage der Überwindung, es auch laut auszusprechen.

Oliver lebte dagegen schon ein ganzes Jahrzehnt mit diesem inneren Leid und Daniel kam sich inzwischen ziemlich schäbig vor, schon wieder Druck aufzubauen, obwohl er eigentlich dankbar sein müsste, dass Olli zumindest schon ein klein wenig die Schranktür aufgestoßen hatte. Dass er jetzt hier saß, in Ollis Wohnung, mit ihm gemeinsam am Frühstückstisch, war noch vor sieben Wochen, als sie sich in Singapur gestritten hatten, undenkbar und ausgeschlossen gewesen. Er war aufgestanden, während er darüber nachdachte, langsam um den Tisch herum gegangen und hatte sich breitbeinig auf Olivers Schoß gesetzt. Sanft kraulte er ihn im Nacken und sah ihn mit großen Hundeaugen an.

„Tut mir leid, Schatz. Ich hab’s nicht so gemeint“, murmelte er und lehnte seine Stirn an die von Olli. „Ich weiß, dass ich zu ungeduldig bin. Zeigst du mir trotzdem noch dein Schlafzimmer oder krieg ich jetzt die gelbe Karte und flieg in hohem Bogen wieder raus aus deiner Luxusherberge?“ Olivers Gesicht überzog ein breites Grinsen und seine Augen begannen zu leuchten. Er küsste Daniel auf die Nasenspitze, als Zeichen, dass er die Entschuldigung angenommen hatte, bevor er ihn von seinem Schoß schubste und ihn hinter sich her nach oben zog.

„Wow, der Palast Teil zwei.“ Der dunkelhaarige Steward schmiss sich ungeniert auf das große Bett. „Sieht aber irgendwie noch so unbenutzt aus. Hast du es extra wegen mir noch frisch bezogen?“ Er kicherte in das Kissen, in das er sich gerade gemütlich einkuschelte. Auf allen vieren krabbelte Oliver hinterher und machte es sich auf der anderen Seite des Bettes gemütlich.

„Blödmann! Da kann man mal sehen, dass du mich auch nur für einen kalten, unromantischen Gefühlstrampel hältst“, schmunzelte er amüsiert. Sich bequem auf dem Rücken ausstreckend und die Hände hinter dem Kopf verschränkend starrte er die Decke an. „Ich hab das Bett gekauft, weil ich dachte, dass es dir genauso gefällt wie mir und ich hab auch noch nie drin geschlafen, sondern die letzten Tage auf dem Sofa verbracht.“

„Nicht dein Ernst?“ Dan entließ das Kissen aus der Umklammerung und stützte seinen Kopf auf eine Hand, um seinen Nebenmann besser sehen zu können.

„Na ja“, sah ihn Olli entschuldigend an. „Eigentlich war es ja ein bisschen anders geplant. Laut Dienstplan solltest du ja schon gestern Abend wieder zurück sein und ich hatte gehofft, dass wir … also dass du …“ Samtweiche Lippen legten sich auf seine, noch bevor er zu Ende stammeln konnte, und unzählige Schmetterlinge in seinem Bauch konnten gar nicht mehr anders, als sich in hyperaktivem Flügelschlagen zu üben.

„Du hattest also gedacht, dass wir diese Wahnsinnsspielwiese hier gemeinsam einweihen?“, nuschelte Daniel in den immer leidenschaftlicher werdenden Kuss und kroch mit einer Hand bereits unter Ollis T-Shirt. Der dunkelblonde Pilot bekam nur noch ein heftiges Stöhnen heraus. Dans sensible Finger auf seinem Körper brachten ihn fast um den Verstand und er lechzte geradezu nach mehr. So viele Jahre hatte er nur davon geträumt, diese makellos braune Haut wieder direkt auf seiner zu spüren, den einzigartig männlichen Duft einzuatmen, den er so sehr vermisst hatte, und die unmissverständliche Reaktion seines Körpers auf jede noch so kleine Berührung zu erleben.

Wie von Sinnen rissen sie sich nach und nach gegenseitig ihre Klamotten von den erhitzten Leibern, ohne ihre gierigen Küsse nennenswert zu unterbrechen. Tausend Hände, so schien es, streichelten über vibrierende Haut und brachten das Blut darunter zum Kochen. Fast wie ineinander verknotet saßen die beiden schließlich auf dem großen Bett, hielten sich aneinander fest und fühlten, wie sich die Erregung zwischen ihnen ausbreitete. Noch immer waren sie nicht in der Lage, den nicht enden wollenden Kuss zu lösen, der sich lediglich auf das Gesicht, den Hals und die Schultern ausgedehnt hatte und nur durch ein heftiges Stöhnen und Keuchen untermalt wurde. Allein ihre Hände waren inzwischen am Körper des anderen heruntergewandert und während sie sich mit der linken noch immer eng umschlungen hielten, hatte die rechte längst das heiße pulsierende Objekt der Begierde gefunden. Erst ganz vorsichtig hatten sie sich berührt, aus Angst, den anderen zu überfordern und vor allem Daniel war sich gar nicht sicher, wie weit er gehen durfte, gehen wollte.

Olivers Körper hatte sich in den zehn Jahren seit ihrem letzten Mal kaum verändert. Er war immer noch kleiner als er, viel zierlicher und jungenhafter, aber obwohl er älter geworden war, hatte seine sexuelle Erfahrung mit Männern ja nicht zugenommen.

Behutsam streichelte er über die gesamte Länge, spielte mit den Hoden und traute sich erst dann, seinen Daumen über Ollis Eichel kreisen zu lassen, aus der schon jede Menge durchsichtige Glückströpfchen austraten. Er ging nie weiter, als Oliver das bei ihm tat, auch wenn er sich dabei schon unmenschlich zusammenreißen musste, aber irgendwann hielt auch der es nicht mehr aus und fing an, Daniels Glied immer schneller zu massieren. Erst jetzt riss das Spiel ihrer Lippen und Zungen ab und wich purer Ekstase. Ihre Körper bebten, als sie sich gegenseitig immer weiter erregten, zu einem schwitzenden und stöhnenden Knäuel verschmolzen. Winzige Rinnsale aus Schweiß rannen über ihre Haut, blutrot geschwollene Lippen sprangen unter der hektischen Atmung schmerzhaft auf, aber die beiden jungen Männer bemerkten dies alles nicht mehr. Fast zeitgleich zogen sich ihre Hoden zusammen, als würde ihnen sämtliche Flüssigkeit entzogen, schwollen ihre Eicheln noch einmal an, reagierten noch empfindlicher auf jede Berührung. Oliver schmiss den Kopf in den Nacken und keuchte ungewohnt hohe Töne, als er sich endlich in Daniels Hand ergoss. Er zitterte, winzige Tränen liefen ihm aus den äußeren Augenwinkeln und mit einer letzten Bewegung seiner Finger brachte er auch seinen dunkelhäutigen Freund über die Klippe.

Wie betäubt lagen sie sich in den Armen und versuchten, ihren Herzschlag wieder unter Kontrolle zu bringen und zu begreifen, was eben passiert war. Sie waren beide bis über beide Ohren verliebt, unbestritten, aber sich jetzt auch körperlich wieder aufeinander einzulassen, hob ihre Beziehung definitiv auf eine andere Stufe. An Daniels Schulter begann es zu kichern.

„Was lachst du?“, wollte er von Olli wissen und streichelte ihm sanft über den Rücken.

„Weißt du, ich hatte es schon noch irgendwie ziemlich geil in Erinnerung, so was mit dir zu machen, aber ich hätte nicht geglaubt, dass es noch um Längen besser ist, wenn ich hinterher ganz einfach ‚Ich liebe dich, Daniel!’ zu dir sagen kann.“ In Dan gluckste es.

„Du bist ein Spinner, Herr Besson. Ein ziemlich rätselhafter und manchmal seltsamer, aber zugegeben, auch ein ziemlich aufregender, lieber und zärtlicher Spinner und weißt du was? Ich liebe dich auch!“ Und wieder fanden sich ihre Lippen zu einem kurzen, aber sehr gefühlvollen Kuss.

Aber schon, als Oliver nach der Kleenexbox auf dem Nachtschrank angelte, gähnte Daniel herzhaft und kaum von den Überresten ihrer gemeinsamen Lust befreit, kuschelte er sich zurück in sein Kissen und schlief nur Sekunden später wie ein Baby nach der letzten Mahlzeit. Inzwischen war er mehr als 36 Stunden auf den Beinen. Nicht einmal der Einschlag einer Bombe direkt neben ihm hätte ihn noch dazu veranlasst, die Augen offen zu halten. Vorsichtig zog Olli die Decke unter ihm hervor, deckte ihn fürsorglich zu und gab ihm noch einen letzten Kuss auf die Stirn.

In zwei Tagen, und das wusste Daniel in diesem Moment noch nicht, würde auch Oliver wieder seinen Dienst antreten und sein erster Flug würde ihn gemeinsam mit Daniel nach Montreal führen. Es hatte ihn eine Flasche Champagner, einen Kasten teuerster, belgischer Pralinen und eine faustdicke Lüge gekostet, die Dame in der Einsatzzentrale dazu zu bewegen, Daniels Crew seinem Flieger zuzuteilen. Auf das überraschte Gesicht jedenfalls freute er sich schon seit einer Woche wie ein Kleinkind auf den Osterhasen.

***

Der Donnerstagmorgen begann dann auch wie so viele Tage in diesem August. Es regnete wie aus Kübeln und Daniel schälte sich nur mühsam aus dem Bett. Solch ein graues trübes Wetter war echt nichts für ihn. Zudem hatte er sich schon gestern Abend von Olli verabschiedet und wenigstens diese eine Nacht in seinem eigenen Bett verbracht, weil er befürchtete, sonst nicht rechtzeitig aus den Federn zu kommen. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie gar nicht darüber gesprochen hatten, ab wann auch Oliver wieder arbeiten durfte. Seine Narben auf dem Rücken jedenfalls sahen eigentlich schon sehr gut aus und in ein paar Monaten würden sie ganz verschwunden sein oder lediglich ein feiner heller Streifen daran erinnern, dass an dieser Stelle die Haut aufgerissen gewesen war.

Und so richtig wach war er auch noch immer nicht, als er knapp 40 Minuten später in der Einsatzzentrale ankam.

„Ihre Kolleginnen sind schon drüben, Herr Sommer, und guten Flug.“ Carina, die junge Auszubildende in der Personaleinsatzzentrale, strahlte ihn mit großen Rehaugen an, als sie ihm die Unterlagen über den Tresen schob, und Daniel grinste innerlich. Sie war nicht der erste weibliche Azubi, der seinem Charme und seiner Ausstrahlung erlegen war und in aller Regel badete er auch erst eine Weile in ihrer Aufmerksamkeit und den Versuchen, ihn irgendwie um den Finger zu wickeln. Carina war auch so ein hartnäckiger Fall, die einfach nicht lockerlassen wollte. Offensichtlich hatte ihr auch noch keiner vom übrigen Bodenpersonal reinen Wein über seine sexuelle Orientierung eingeschenkt, denn so, wie sie sich gerade eben wieder am Tresen entlang räkelte, lief es auf einen nächsten Anbaggerungsversuch hinaus. Allerdings war Daniel nach den letzten zwei Tagen mit Oliver so euphorisch verknallt, dass er Carina einen weiteren Fehlversuch ersparen wollte. Lasziv lehnte er sich etwas weiter über den Tresen.

„Carina“, hauchte er mit einem unwiderstehlichen Augenaufschlag. „Was ich Ihnen schon lange mal sagen wollte …“ Die 19jährige lächelte hoffnungsvoll. „Ich hab seit einiger Zeit schon gemerkt, dass ich scheinbar eine gewisse Wirkung auf Sie habe, und ich wollt Sie fragen ….“ Er zog geheimnisvoll eine Braue nach oben und in Carina machte sich freudige Erwartung breit. „… ob Sie Ihre Bemühungen nicht besser auf jemand anderes konzentrieren wollen …“ Kanaldeckelgroße Augen starrten ihn an. „… denn ich bin seit einigen Wochen in festen Händen.“ Daniel musste sich zwingen nicht laut loszulachen, als er die entgleisenden Gesichtszüge des jungen Mädchens sah. „ER ist dunkelblond, genau wie Sie, und ER hat blaue Augen, die noch ein bisschen heller sind als Ihre …“ Daniel sprach immer langsamer, lebte seine versteckte sadistische Ader in diesem Moment voll aus. „… und ER ist ein erwachsener und überaus gutaussehender junger MANN.“ Er rechnete fest damit, dass Carina gleich in einen komaartigen Zustand fallen würde und verließ grinsend und schnellen Schrittes den Terminal. Seine Laune stieg mit jeder Sekunde. Auch wenn er keinen Namen genannte hatte, tat es wahnsinnig gut, endlich mal laut ausgesprochen zu haben, in welchem Glückstaumel er sich gerade befand.

Immer zwei Stufen mit einmal nehmend sprintete er die Gangway hinauf.

„Ja, ja, ich weiß. Ich bin schon wieder mal zu spät“, hob er abwehrend die Hände, als er die Maschine betrat. „Sarah, Tina. Alles klar soweit? Wo sind Kiky und Julia?“, begrüßte er seine Stewardessen und verstaute sein Gepäck.

„Julia ist schon drüben am CheckIn und Kiky ist vorn im Cockpit, weil dieser Knilch schon die ersten Sonderwünsche hat, bevor überhaupt Passagiere an Bord sind. Irgendjemand scheint uns zu hassen.“ Wütend verankerte die blonde Stewardess die Essentrolleys in der Küche.

„Hey, Tina. So früh am Morgen schon so schlecht gelaunt? Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?“, versuchte er seine Kollegin ein wenig aufzumuntern.

„Laus ist, glaub ich, ein guter Ausdruck“, schimpfte sie. „Captain Laus Besson würde es noch besser treffen.“ Daniels Kopf fuhr herum.

„Mit WEM fliegen wir?“

Tina sah ihn erstaunt an. „Hast du noch gar nicht in die Unterlagen gesehen? Dieser Captain Besson, mit dem wir vor paar Wochen schon mal irgendwo waren. Kannst du dich nicht mehr erinnern? Irgendjemand hat mir sogar erzählt, dass du mit dem zusammen zur Schule gegangen bist. Ist aber sicherlich nur ein Gerücht.“ Daniel schluckte nervös, als auch schon die Cockpittür am anderen Ende des Ganges aufging und seine Freundin Kiky auf ihn zusteuerte.

„Ach so, ja, Captain Besson“, stammelte er als Antwort für Tina zurecht, „und nein, es ist kein Gerücht.“ Eilig lief er Kiky entgegen und drückte ihr ein Küsschen auf die Wange.

„Hi, Kleine. Was war denn? Gab’s Ärger?“ Daniels Herz bollerte wie blöde in seinem Brustkorb herum. „Scheiß Situation“, dachte er sich. Wenn Oliver Zanke mit seinen Mädels anfangen würde, säße er zwischen Baum und Borke und sie hatten noch nicht einmal drüber gesprochen, wie viel Distanz Olli während der Dienstzeit von ihm erwartete. Aber Kiky winkte ab.

„Das Übliche. Er will Wasser ohne Sprudel und bitte fragen, bevor wir mit dem Essen angetürmt kommen. Du solltest vielleicht auch gleich mal vor gehen, denn er hat schon nach dir gefragt. Aber sonst schien er super Laune zu haben.“ Kiky grinste schelmisch. „Wundert mich auch nicht, wenn du mit an Bord bist“, hauchte sie Daniel ins Ohr und schob sich mit einem Klaps auf seinen festen Po an ihm vorbei.

„Wer ist Co-Pilot?“, wollte Dan noch wissen, bevor er sich in die Höhle des vermeintlichen Löwen wagen würde.

„Susanne Fischer. Aber sie ist noch draußen und guckt wegen der Beladung“, gab Kiky lapidar zur Antwort und der Chefsteward nickte erfreut. Mit Susi war er schon oft geflogen und er schätzte sie als patente bodenständige Pilotin, mit dem Herz auf dem rechten Fleck. Er sah noch kurz auf seine Armbanduhr. In etwa zehn Minuten würde das Boarding losgehen. Zeit genug also, um noch kurz ein paar Worte mit Oliver zu wechseln. Vorsichtig klopfte er an die Tür zum Cockpit und wartete auf das „Herein“ dieser nur all zu gut bekannten Stimme. Er ließ die Tür hinter sich ins Schloss gleiten und lehnte sich von innen dagegen.

„Kannst du mir mal erklären, was du hier machst?“, versuchte er streng zu klingen, konnte aber ein freudiges Glucksen in seiner Stimme nicht verhindern. „Ich denke, du liegst schön zu Hause im Bett und träumst von mir, aber stattdessen drangsalierst du hier schon wieder meine Ladys.“ Oliver drehte sich abrupt um und strahlte Daniel ins Gesicht.

„Überraschung“, jauchzte er mit glänzenden Augen. „Aber dass ich hier sitze, heißt ja nicht, dass ich nicht von dir träumen kann. Noch fliegen wir ja nicht.“ Olli erhob sich aus seinem wuchtigen Pilotensessel und schlich fast auf Daniel zu. „Freust du dich wenigstens?“, hauchte er, während er sich immer näher an den Chefsteward heranschob. Dan hob erschrocken die Hände und versuchte Olli ein wenig von sich weg zu halten.

„Ähm, Oliver. Wenn du noch näher kommst, wird man meine Freude gleich überdeutlich in meiner Hose sehen und das ist sicher nicht das, was du willst, oder?“

Oliver zog einen Flunsch bis zum Nordpol und zurück. „Krieg ich nicht mal ’nen Guten-Morgen-Kuss?“, ningelte er. Daniel rollte amüsiert mit den Augen. Dieser kleine süße Typ da vor ihm sollte gleich die Verantwortung für über 200 Passagiere übernehmen, eine riesige Boeing 767 nach Kanada fliegen und quengelte jetzt hier rum, weil er keinen Kuss bekam. Aber hatte er diesem Blick schon jemals wiederstehen können?

„Wenn du genau an dieser Stelle stehen bleibst, kann uns nicht mal einer von diesen Deppen mit den Ferngläsern sehen, die hier überall rumlaufen“, flüsterte Oliver, hatte schon die letzten Zentimeter überbrückt und sich an Daniels Lippen festgesaugt, als diesem plötzlich die Tür ins Kreuz gerammt wurde. Hektisch trennten sie sich wieder voneinander, bevor Dan ein wenig zur Seite wich und der Co-Pilotin den Eingang frei gab.

„Hi, Susi. Schön, dass wir mal wieder zusammen fliegen“, versuchte er die innere Aufregung zu übertünchen und von der brisanten Situation abzulenken. Hoffentlich würde sie seine rosaroten Wangen als Zeichen der Wiedersehensfreude deuten und nicht auf falsche Gedanken kommen. Obwohl ….. Oliver hatte ja dahingehend gut vorgesorgt, indem er vermutlich schon jahrelang das getan hatte, was viele Schwule, die sich vor einem inneren Outing scheuen, eine Zeit lang tun, und hatte sich schon fast in Homophobie hineingesteigert. Die meisten Kollegen würden also wahrscheinlich genauso wie Kiky reagieren, wenn man ihnen erzählen würde, dass Oliver und er ein Paar waren. Ungläubiges Staunen und ein Blick, als wenn sie rechts von einem Düsenjet überholt würden.

„Daniel, das ist aber schön. Die Freude ist ganz auf meiner Seite.“ Susi zog ihn in eine herzliche Umarmung, während Olli sich klammheimlich wieder auf seinen Sitz zurücktrollte. „Ihr solltet übrigens ein Auge auf die junge Frau in der Mitte haben. 20. oder 22. Reihe auf der rechten Seite. Sie ist schwanger und ich denke, sie muss sicher öfter mal zur Toilette und braucht vielleicht auch Hilfe mit dem Gurt.“ Daniel nickte, bedankte sich für den Hinweis und wollte gerade gehen, als sich Olli noch einmal räusperte.

„Ach, Herr Sommer, was ich noch sagen wollte. Wäre es vielleicht möglich, dass ich einen Kakao bekomme, wenn wir die Reiseflughöhe erreicht haben?“ Daniel kicherte unüberhörbar. „Sie lachen“, drehte sich Oliver um und griente ihn unverhohlen an, „aber ich war nach meinem Unfall bei einer sehr netten alten Dame in Pflege, die mir jeden Morgen so einen Becher hingestellt hat und ich kann Ihnen sagen: Man kann sich da furchtbar dran gewöhnen.“ Nur mit großer Mühe konnte sich Daniel ein lautes Auflachen verkneifen. Sein dunkelblonder Lover war so ein Schlitzohr und hatte ihm mit diesen wenigen Worten die Marschroute vorgegeben. Privat reden ja, aber nur so, dass es keiner merkt.

„Geht in Ordnung, Captain. Das mach ich wirklich gern für Sie“, erwiderte Daniel so, wie es Oliver offensichtlich von ihm erwartete, und erst im allerletzten unbeobachteten Moment strich er sich mit der Zungenspitze über die Oberlippe und Olli antwortete, indem er die halbe Unterlippe lasziv durch die Zähne zog.

Pünktlich um 10:25 Uhr hob die Maschine schließlich ab und nahm Kurs über den Atlantik in Richtung der früheren Olympiastadt Montreal. Für die Crew begann das übliche Procedere. Sicherheitsunterweisung, allgemeine Informationen zum Flug durch den Captain und schließlich Mittagessen. Alles lief reibungslos, als sich Daniel endlich in seine Ecke in der letzten Reihe zurückziehen konnte. Wie immer hatte er noch einen Haufen Schreibkram zu erledigen, denn schließlich musste auch alles ordnungsgemäß dokumentiert werden. Besonders die Cateringfirmen, die mit der Lufthansa zusammenarbeiteten, legten großen Wert darauf, zu erfahren, ob mit ihrer Lieferung alles in Ordnung war, wo Verbesserungen her mussten und natürlich auch, wenn es mal nicht gepasst hat und es deswegen Schwierigkeiten gab. Es war nicht Daniels Lieblingsaufgabe, aber auch dafür war er als Maítre de Cabine verantwortlich. Sehr weit war er allerdings noch nicht gekommen, als Kiky ganz aufgeregt den Gang entlang gedüst kam und fast noch Tina mit dem Getränkewagen über den Haufen rannte.

„Dan“, sprach sie ihn deutlich beunruhigt an, „kann ich dich mal ’nen Augenblick stören?“ Daniel nahm sich die Kopfhörer seines mp3 Players aus den Ohren.

„Ja sicher, meine Sonne. Was gibt’s denn?“

„Der schwangeren Passagierin in Reihe 22 geht’s gar nicht gut. Sie klagt schon seit ’ner halben Stunde über massive Bauchschmerzen, aber sie hat keinen Durchfall und sich auch noch nicht übergeben. Ich denke nicht, dass es am Essen liegt.“ Daniel kratzte sich am Kopf.

„Na prost Mahlzeit. Eine Entbindung in luftiger Höhe fehlte uns gerade noch. Wie weit ist es noch bis Montreal?“ Eilig räumte er seinen Schreibkram zusammen.

„Fünf Stunden würde ich sagen“, gab Kiky Auskunft, während sie, mit Daniel im Schlepptau, bereits wieder auf dem Rückweg zu der Passagierin war. Die junge Frau hing mehr im Sitz, als dass sie saß, als er neben ihr in die Hocke ging. Sie war blass, fast käsig. Panik war in ihren Augen zu lesen.

„Guten Tag“, gab er ihr freundlich die Hand. „Mein Name ist Daniel Sommer und ich bin der Chefsteward hier an Bord. Meine Kollegin hat mich informiert, dass es Ihnen nicht gut geht. Darf ich fragen, wie Sie heißen?“ Sie rappelte sich ein wenig hoch.

„Dremel, Kathleen Dremel. Aber Sie brauchen sich wirklich keine Sorgen machen. Ich hab sicher nur das Essen nicht vertragen.“ Ihre Stimme bebte und sie kniff die Augen zusammen, als sich in diesem Moment wieder dieser ziehende Schmerz in ihrem Bauch meldete. Bei diesem Anblick jedoch gingen bei Daniel alle Alarmglocken an.

„Frau Dremel“, redete er ruhig und hielt dabei noch immer die Hand der jungen Frau, „die Schmerzen in Ihrem Bauch, die sind doch nicht immer da oder?“ Zögerlich schüttelte sie ihre schwarzen Locken.

„Sie denken doch nicht, dass das schon Wehen sind? Ich … ich bin noch gar nicht so weit, sondern eigentlich erst in drei Wochen.“ Daniel sah in schreckgeweitete blaue Seelenspiegel, in denen die nackte Angst mehr und mehr die Panik verdrängte.

„Hören Sie, ich nehme jetzt meine Armbanduhr und Sie sagen mir bitte genau, wenn der eine Schmerz aufhört und der nächste anfängt. Okay?“ Daniel wandte sich an Kiky, die immer noch neben ihm stand. „Und du räumst mal bitte hinten unsere Sitze frei, so dass wir Frau Dremel umsetzen können, und beruhigst die Passagiere rundherum.“ Immer wieder streichelte er beruhigend mit dem Daumen über den Handrücken der aufgeregten Frau. „Sie sind doch Deutsche!“, versuchte er sie ein wenig abzulenken. „Warum fliegen Sie da jetzt noch nach Kanada, wenn ich mal neugierig sein darf, und dann auch noch allein?“ Sie lächelte.

„Ich wohne seit zwei Jahren dort. Mein Mann ist Softwareentwickler, wissen Sie“, begann sie zu erzählen, „und in Deutschland hat er einfach keine Stelle gefunden. Ich wollte nur noch mal nach Hause, bevor das Baby kommt, denn mit so einem kleinen Wurm ist der lange Flug dann erst mal nicht mehr drin.“ Und wieder lief ein Beben durch ihren Körper und sie zog sekundenlang scharf die Luft durch die Zähne. „Jetzt“, keuchte sie erleichtert. „Jetzt geht es wieder weg.“ Daniel sah auf die Uhr, merkte sich die Zeit.

„Es ist Ihr erstes Kind stimmt’s?“ Er lächelte aufmunternd, obwohl er in Gedanken schon einen Masterplan aufstellte, für den Fall, dass sie es doch nicht mehr bis nach Montreal schaffen würde. Aber eigentlich wollte er daran noch nicht wirklich denken und auch Kathleen Dremel wirkte im Moment ziemlich entspannt.

„Ja, es ist das Erste und es wird ein Junge“, schmunzelte sie und zuckte im nächsten Augenblick zusammen. „Scheiße, verdammte. Schon wieder eine“, fluchte sie leise. Daniel sah auf die Uhr. Weniger als fünf Minuten waren seit dem Ende der letzten Wehe vergangen und noch immer waren es viereinhalb Stunden bis nach Kanada und unter ihnen nur Wasser und Ozeandampfer.

„Also, ich will Sie nicht beunruhigen, Frau Dremel …“

„Sie können Kathleen zu mir sagen“, unterbrach sie Dan. Er grinste.

„Angenehm, Daniel. Aber ich würde Sie jetzt trotzdem gern mit zu uns nach hinten nehmen.“ Behutsam half er der zitternden jungen Frau aus dem Sitz und schob sie vor sich her. Die Sitze der Crew hatten einfach ein wenig mehr Beinfreiheit, da sie entgegen der Flugrichtung mit Blick auf die Kabinenwand angebracht waren und zudem in der Nähe der Küche lagen. Für das, was ihnen offensichtlich bevorstand, war das wohl der bestmögliche Platz.

„Sie können gern ein bisschen rumlaufen, wenn Sie möchten. Soweit ich weiß, entspannt das ein wenig und ich werde jetzt erst mal den Captain in Kenntnis setzen und mal schauen, ob ich unter den Passagieren noch jemanden finde, der von Entbindungen ein bisschen mehr Ahnung hat als ich.“ Kathleen lehnte am Türrahmen, versuchte sich an die Atemtechniken, die sie schon vor Wochen gelernt hatte, zu halten und lächelte gequält.

„Bis jetzt machen Sie Ihre Sache doch ganz gut, Daniel.“ Mit dem Mut der Verzweiflung lächelte Dan leicht schräg zurück.

„Ich geh dann erst mal ins Cockpit und Sie fangen bitte nicht ohne mich an. Okay? Kiky bleibt so lange bei Ihnen, bis ich wieder da bin, und dann sehen wir weiter.“ Mit langen Schritten steuerte er die Kanzel der Boeing an, merkte aber schon auf dem Weg dorthin, dass die Maschine deutlich unruhig flog. Vorsichtig klopfte er, bevor er eintrat.

„Captain“, sprach er Oliver dann auch direkt an, „wir haben ein kleines Problem.“

„Jetzt nicht, Herr Sommer“, reagierte Captain Besson barsch. „Sie merken doch, dass wir im Moment ziemliche Turbulenzen durchfliegen, und für kleine Probleme sind Sie zuständig. Nicht ich.“ Daniel schluckte, war aber angesichts der sich zuspitzenden Situation im Passagierraum nicht bereit, auf einen günstigeren Augenblick zu warten.

„Guuuut, dann ist es eben kein kleines Problem und es duldet keinen Aufschub mehr“, ranzte er zurück und verschränkte bockig die Arme vor der Brust. „Bei der jungen Frau von Reihe 22 haben die Wehen eingesetzt und ich brauche dringend eine Funkverbindung mit einer Hebamme oder einem Frauenarzt, denn es wird eine Frühgeburt.“ Das Flugzeug taumelte inzwischen bedenklich von einem Luftloch ins nächste und Daniel musste sich festhalten, um nicht durch die Kabine geschleudert zu werden. Ihm war schon klar, dass Oliver jetzt tierisch unter Stress stand. Seine Finger krallten sich um die Steuerknüppel, so dass sich schon die Knöchel weiß abzeichneten und an den Schläfen traten die Blutgefäße hervor, aber auch er brauchte jetzt ganz dringend Unterstützung von ihm.

„Verfluchter Mist“, keifte Oliver. „Kann die ihr verdammtes Balg nicht woanders kriegen oder es sich verkneifen, bis wir wieder Boden unter den Füßen haben? Und Sie sollten sich jetzt besser erst mal um die anderen Passagiere kümmern.“ In Daniel machte sich Unbehagen breit. Streit mit Oliver, weil der mal wieder völlig austickte und neben seiner eigenen Meinung nichts anderes geltend lies, war das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte. Das war genau die Situation, vor der er sich gefürchtet hatte und ob er wollte oder nicht … Jetzt würde er es auf eine Eskalation ankommen lassen.

„Es geht jetzt aber nicht um die anderen Passagiere, Captain, sondern um Kathleen Dremel und das Kind, das da jetzt gleich auf die Welt will, verdammt. Ich brauche eine Funkverbindung und wir müssen schnellstmöglich aus den Turbulenzen raus, weil ich nicht weiß, wie das Kind auf die Druckschwankungen reagiert. Am besten, wir gehen so tief wie möglich.“ Daniels Ton hatte schon an Schärfe zugenommen, als es klopfte. Kiky streckte den Kopf zur Tür herein.

„Dan, die Wehen kommen jetzt immer kürzer und ich hab eine Passagierin gefunden, die Sprechstundenhilfe bei einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt ist. Aber ich dachte mir, besser als nichts.“

„Na prima. Da hast du ja deine Unterstützung“, platzte Oliver sarkastisch dazwischen, „und wie und wo ich fliege, bestimmst ja wohl nicht du. Ich hab dafür zu sorgen, dass die Leute halbwegs pünktlich in Montreal ankommen, Daniel, und die Frau ist schließlich nur schwanger und nicht krank. Die soll sich nicht so haben und mir vor allem nicht mein Flugzeug vollsauen.“ Olli hatte in seiner Rage gar nicht gemerkt, wie er vom Sie zum Du gewechselt war. Einzig Susi Fischer beobachtete die beiden Streithähne aus den Augenwinkeln heraus, ohne sich einzumischen, und registrierte, dass es hier auf einen sehr persönlichen Schlagabtausch hinauslief.

„Ach so ist das? Vor lauter Übereifer zählt also mehr, dass 248 Passagiere rechtzeitig zum Kaffee zu Hause sind oder ihren Anschlussflug nicht verpassen, als das Leben und die Gesundheit dieses Kindes? Was für ein riesen Arschloch bist du eigentlich, Oliver? Dieses Baby ist das einzige Wesen an Bord, das sich nicht alleine helfen kann, das sich nicht ausgesucht hat, wann und wo es auf die Welt kommt und für das du mindestens genauso verantwortlich bist, wie für alle anderen. Wenn nicht noch ein bisschen mehr.“ Daniel standen vor Wut schon fast die Tränen in den Augen, weil Oliver keinerlei Regung zeigte und stur geradeaus sah. „Alles, was ich von dir wollte war, dass du das tust, was du wohl von uns allen am Besten kannst. Diesen Vogel hier fliegen und zwar so erschütterungsarm und so tief wie möglich und Kontakt zum Boden, für den Fall, dass ich da draußen an meine Grenzen komme und einfach nicht mehr weiter weiß.“ Seine Stimme war immer leiser, aber auch beißender geworden, je breiter sich die Enttäuschung machte. „Aber wie hast du vor Kurzem erst gesagt: ‚Ich gehör ja NUR zum Kabinenpersonal’. Danke jedenfalls für deine großartige Hilfe.“

„Pfff, sentimentales Geschwätz. So was kann auch nur eine Schwuchtel von sich geben.“ Oliver hatte ganz leise vor sich hingemurmelt, als der Chefsteward schon die Klinke in der Hand hatte. Nicht leise genug allerdings und Daniel durchzuckte es wie ein Blitz. Wut kroch in ihm hoch. Grenzenlose Wut. Am Liebsten hätte er sich noch einmal umgedreht und sie Olli ins Gesicht geschrieen. Ein kurzer Blickkontakt mit der Co-Pilotin riet ihm allerdings davon ab. Zornig zog er die Tür hinter sich zu, atmete noch einmal tief durch und machte sich auf den Rückweg in die letzte Reihe. Mit Oliver abzurechnen würde hier im Flugzeug ohnehin nichts bringen und im Augenblick brauchte ihn Kathleen Dremel. Sein persönlicher Liebeskummer durfte da einfach nicht wichtig genug sein.

„Na, wie sieht’s aus?“, fragte er mit in die Hüften gestützten Händen in die Runde, als er bei Kiky angekommen war, konnte sich die Frage aber schon fast selbst beantworten. Kathleen hing schwer atmend im Sitz, dessen Rücklehne, so weit es eben ging, nach hinten gekippt worden war und eine Decke über ihren Beinen verriet ihm, dass Kiky und die ihm noch unbekannte Frau bereits alle Vorbereitungen für eine fliegende Entbindung getroffen hatten.

„Eigentlich ganz gut“, resümierte Kiky. „Das ist übrigens die Arzthelferin, von der ich dir erzählt hab.“ Daniel reichte der etwa 50jährigen, etwas untersetzten Frau die Hand und stellte sich vor.

„Monika Achtstein“, lächelte sie ihn an. „Ich bin zwar leider keine Hebamme, aber nach drei eigenen Kindern sicher auch nicht ganz so unbeholfen, was das Kinderkriegen angeht.“ Daniel schmunzelte erfreut.

„Das ist prima. In diesen Genuss werd ich zwar mit großer Sicherheit nie kommen …“, lachte er los, „aber ich hatte zumindest schon mal ne Entbindung an Bord. Ist zwar schon ein paar Jahre her, aber an dem Ablauf hat sich ja meines Wissens seit zehntausend Jahren nichts geändert und ich denke …“, ermunternd nickte er der Schwangeren zu, „gemeinsam werden wir das schon schaffen. Ich geh mir nur schnell die Hände waschen und den Notfallkoffer nach ein paar Handschuhen und dem Abnabelungsbesteck durchwühlen, wenn sie das nicht inzwischen eingespart haben.“

Schon etwas erleichtert, der ganze Sache doch nicht so allein gegenüber zu stehen, verschwand er in der Küche und kramte in dem erwähnten Notfallkoffer, als sich die Maschine spürbar beruhigte. Der Lautsprecher in der Kabine schnarrte kurz.

„Meine Damen und Herren, hier spricht Ihr Kapitän. Wie Sie sicher bereits mitbekommen haben, haben wir einen Notfall an Bord und müssen aus diesem Grund die bisherige Reiseflughöhe verlassen. Meine Crew und ich werden trotzdem bemüht sein, die Belastung für Sie so gering wie möglich zu halten und auch die planmäßige Landung in Montreal um 12:30 Uhr Ortszeit einzuhalten. Ich bedanke mich für Ihr Verständnis.“ Oliver wiederholte den ganzen Text noch einmal auf englisch und französisch und Daniel schüttelte fassungslos den Kopf. Was, zum Kuckuck, war denn nun so schwer daran und warum hatte Oliver wegen so einer fast schon Lappalie so bescheuert reagiert? Von diesem blöden Spruch am Ende mal ganz abgesehen.

„Na, hast du dich wieder beruhigt?“ Susi Fischer, die Co-Piloten war unbemerkt in die Küche gekommen und lehnte mit der Schulter an einem der Schränke. Daniel hob seinen Blick aus dem Notfallkoffer.

„Man, hast du mich erschreckt“, kicherte er und musterte die Tüte, auf der Notfall-Abnabelungsbesteck stand. „Aber was heißt beruhigt? Ich hab jetzt keinen Nerv, mich noch länger mit diesem Hornochsen zu beschäftigen, denn wie du siehst …“ Mit einem abschließenden Schnipsen streifte er sich die Gummihandschuhe über. „… mutiere ich jetzt gleich vom Steward zum Entbindungshelfer.“

„Wusstest du eigentlich, dass er keine Kinder bekommen kann?“ Daniel sah die Co-Pilotin teils belustigt, teils fragend an.

„Ja schon klar. Er ist ja schließlich ein Mann und da ist das rein technisch nicht vorgesehen“, flachste er spöttisch.

„Daniel, so mein ich das nicht.“ Susi verdrehte die Augen. „Aber ihr habt euch am Ende geduzt und da hab ich gedacht, dass du vielleicht weißt, dass er keine Kinder zeugen kann.“ Daniel war mehr als überrascht.

„Was? Oliver ist unfruchtbar?“ Ein leichtes Nicken bestätigte ihm die Frage.

„Als du raus warst, hab ich ihn zur Rede gestellt. Bin ja schließlich mindestens 15 Jahre älter als ihr und ich fand’s einfach unmöglich. Er hat sich aufgeführt, als müsste er ’ne geballte Ladung Überforderung und Minderwertigkeitskomplexe mit einer Überdosis ‚Ich bin hier der Boss’ – Gehabe vertuschen.“

„Und?“ Daniel war neugierig geworden, denn die Einschätzung von Susi kam dem, was er selbst darüber dachte, schon sehr nahe.

„Na nix und. Er saß da wie ein Häufchen Elend nach ’nem Wolkenbruch, als ich mit ihm fertig war. Die ganze Situation mit dem extrem schlechten Wetter hat ihn wohl ohnehin schon ziemlich an die Grenze der Belastbarkeit gebracht, auch wenn er das nicht wirklich zugegeben hat und nach ewigem Rumdrucksen hat er mir dann auch noch davon erzählt.“ Nachdenklich kratzte sie sich mit dem Zeigefinger auf dem Nasenrücken entlang. „Irgendwie scheint ihn diese Zeugungsunfähigkeit arg zu belasten, obwohl es ihm doch eigentlich völlig egal sein müsste.“ Susi grinste vielsagend, während sich Daniels Gedanken überschlugen.

„Wie meinst du das?“, forschte er lauernd nach und ließ Susi keine Sekunde aus den Augen.

„Daniel, kommst du mal bitte. Es geht los“, rief es plötzlich um die Ecke.

Im Vorbeigehen tippte er Susi auf die Schulter. „Die letzte Frage krieg ich noch beantwortet, wenn ich hier fertig bin. Versprochen?“

„Als ob du es nicht selber schon gemerkt hast, Daniel. Aber gut. Dann bis nachher und für den Notfall können wir jederzeit einen Frauenarzt im General Hospital in Montreal erreichen.“ Susi verschwand wieder in Richtung Cockpit und hinterließ einen nachdenklichen und wieder mal zutiefst verwirrten Daniel.

„Die Fruchtblase ist schon vor etwa einer halben Minute geplatzt …“, empfing ihn Schwester Monika in der notdürftig mit Decken abgeschirmten Ecke, „…und ich denke, es wird auch nicht mehr lange dauern.“ Daniel reichte ihr ein Paar Handschuhe, legte das Besteck und ein paar Handtücher zurecht. Eigentlich sollte er vor Aufregung schlottern und zittern, aber entgegen jeder Erwartung, war er ruhig und gelassen. Behutsam nahm er wieder die Hand der jungen Frau, tupfte ihr mit einem Waschlappen den Schweiß von der Stirn.

„Sie machen das sehr gut, Kathleen. Nur nicht das Atmen vergessen, damit Ihr Kind genügend Sauerstoff hat“, hauchte er leise. Die Dunkelhaarige wimmerte in einer Art Singsang vor sich her und bei jeder Wehe drückte sie Daniels Hand mit einer Kraft, die er ihr nie zugetraut hätte. Mehr als 20 Minuten hockte er noch so auf dem Fußboden, beruhigte Kathleen, atmete mit ihr und machte ihr Mut, bis plötzlich der Kopf zu sehen war. Schwester Monika übernahm resolut die Regie, gab Anweisungen, stützte den Kopf und drehte behutsam die Schultern heraus.

„Jetzt noch einmal richtig pressen“, feuerte sie die junge Frau an und hielt im nächsten Moment einen sofort um sein Leben schreienden kleinen Jungen in den Händen. Tosender Applaus brandete durch die Maschine, in der es in den letzten Minuten fast unheimlich still gewesen war und man hörte erste Champagnergläser klingen, mit denen auf den neuen Erdenbürger angestoßen wurde.

„Sind Sie so nett und nabeln den jungen Mann noch schnell ab.“ Mit großen leuchtenden und sehr erleichterten Augen sah die Arzthelferin Daniel an.

„Ich?“ Dan war überrascht. „Ich hab so was noch nie gemacht.“

„Ich auch nicht“, grinste Schwester Monika, „aber irgendwann ist immer das erste Mal. Sie nehmen die beiden Klemmen da und quetschen damit die Nabelschnur ab. So schwer ist das nicht.“ Daniel folgte ihrer Anleitung und erst jetzt kam die Aufregung in ihm durch. Seine Finger zitterten so sehr, dass die erste Klemme erst nach drei Anläufen richtig saß. „Hey, nicht so aufgeregt“, kicherte die Schwester. „Sie sind schließlich nicht der Vater. Jetzt noch die zweite Klemme und dann in der Mitte durchschneiden.“ Für Daniel war der Moment, als er die Schere an der Nabelschnur ansetzte, absolut überwältigend und mit keinem Gefühl der Welt zu vergleichen. Voller Rührung sah er dann auf das kleine, notdürftig in ein Handtuch gewickelte Bündel, das ihm Schwester Monika in den Arm gedrückt hatte, um sich zu guter Letzt noch um die Nachgeburt zu kümmern.

„Sie haben da wirklich einem sehr hübschen kleinen Jungen das Leben geschenkt“, strahlte er Kathleen Dremel bewundernd an, die von der Anstrengung ziemlich gezeichnet in ihrem Sitz hing.

„Allerdings“, murmelte es hinter Daniel, „dem kann ich mich nur anschließen. Meinen Glückwunsch, Frau Dremel.“

„Captain, welch überraschender Besuch in unserem bescheidenen Kreißsaal.“ Einen gewissen Sarkasmus in der Stimme konnte sich Daniel einfach nicht verkneifen. Was dachte sich dieser Kerl überhaupt? Erst rumstänkern und dann hier aufkreuzen, als wäre er die drei heiligen Könige in einer Person. „Aber wenn Sie schon mal da sind …“, Daniel erhob sich mühsam vom Boden und legte einem erschrockenen Oliver das noch immer schreiende Baby in den Arm, „… dann können Sie sich auch gleich mal nützlich machen, solange ich mich waschen gehe.“ Ihre Blicke trafen sich für Bruchteile von Sekunden und für diesen Moment gab es nichts mehr um sie herum. Nur sie beide und das Baby zwischen ihnen. Eine Gänsehaut kroch über Daniels Rücken, weil dieser Augenblick auch etwas Magisches hatte. Ein komisches Gefühl, seltsam verbindend, aber nach dem, was Oliver vorhin im Cockpit vom Stapel gelassen hatte, wollte Daniel dieses Gefühl gar nicht mehr. Er war verletzt und enttäuscht und im Moment würde es viel mehr als ein „Sorry“ brauchen, um den Riss wieder zu kitten, den Olli ihrer Beziehung zugefügt hatte.

Als er vom Hände waschen wieder zurückkam, stand Oliver noch immer mit dem Baby im Arm, das inzwischen friedlich eingeschlummert war, mitten im Gang, wiegte es zärtlich hin und her und konnte seinen Blick gar nicht mehr von dem süßen Gesichtchen lösen. Daniel blieb etwas abseits im Eingang zur Küche stehen und beobachtete die ganze Szene. Oliver konnte, wenn er wollte, so liebevoll und zärtlich sein, konnte Verständnis aufbringen und auch mal zurückstecken, aber es gab einfach Situationen, wo ihm schlichtweg alle Sicherungen durchbrannten, er kaum noch darüber nachdachte, was er mit seinen Worten anrichtete.

„Wie soll er denn überhaupt heißen?“, flüsterte Oliver und ließ sich neben die Mutter in den Sitz sinken. Kathleen Dremel hatte sich mittlerweile etwas erholt und nippte immer wieder schüchtern an einem Glas Wasser. So einen leibhaftigen Flugkapitän neben sich zu haben, löste in vielen Menschen immer noch Respekt und eine Form von Ehrfurcht aus. Komischerweise, denn auch Piloten sind beileibe keine Übermenschen.

„Also, wir wollten ihn Philipp nennen, aber ich hab mir gedacht, dass ich ihm als zweiten Namen den von dem netten Steward geben möchte, der mir hier die ganze Zeit geholfen hat. Ich muss ihn nur noch mal fragen, wie er heißt. Er hat es schon gesagt, aber ich hab’s vergessen“, murmelte sie verlegen.

„Daniel“, hauchte Oliver mit so viel Gefühl in der Stimme, dass Dan ihm schon fast nicht mehr böse sein konnte. „Er heißt Daniel und dann heißt dieser kleine Bengel hier ab heute Philipp Daniel Dremel.“ Vorsichtig legte er den schlafenden Wicht in die Arme seiner Mama. „Passen Sie gut auf ihn auf, geben Sie ihm so viel Liebe und Wärme, wie Sie können, und erziehen Sie ihn zu einem offenen, toleranten und mutigen jungen Mann, damit er mal nicht so endet, wie ich.“ Oliver küsste das Baby zärtlich auf die Stirn und verabschiedete sich von Kathleen Dremel. In gut einer Stunde würde er die Boeing sicher in Montreal landen und knapp acht Stunden später schon wieder auf dem Heimweg nach Deutschland sein. Für Shopping oder ähnliche Dinge blieb also in Kanada keine Zeit.

Direkt am Flugzeug wurde Kathleen Dremel von den Sanitätern des kanadischen Roten Kreuzes in Empfang genommen und Daniel sprach noch ein paar Worte mit dem besorgten Ehemann, bevor auch er sich direkt in das für sie gebuchte Hilton Montreal-Dorval Airport Hotel zurückzog. Knapp acht Stunden bis zum Heimflug waren denkbar knapp. Essen, duschen, schlafen, war alles was man in dieser Zeit unterbrachte. Seine Crewkollegen hatten auch alle schon eingecheckt, als er endlich am Hotel eintrudelte.

„Daniel Sommer, Lufthansa Deutschland“, meldete er sich am Empfang und bekam auch ohne Zögern seine Zimmerkarte ausgehändigt. Müde fuhr er mit dem Lift bis in die dritte Etage. In Deutschland war es mittlerweile halb acht abends, wie er mit Blick auf seine Uhr feststellte, und die meisten Familien saßen sicher gerade am Abendbrottisch. Hier war es gerade mal nachmittags halb zwei. Zeit fürs Mittagessen.

Mit einem Summen glitt seine Karte durch das Lesegerät an der Tür mit der Nummer 313 und das erste, was Daniel sah, waren ein Rollkoffer der Lufthansa und ein Paar Herrenschuhe, die achtlos im Raum standen. Und erst da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Aus Kostengründen teilten sich die Crewmitglieder immer ein Doppelzimmer, wenn sie irgendwo schlafen mussten. Normalerweise ging das auch so prima auf, dass für ihn immer ein Doppelzimmer alleine zur Verfügung stand. Aber heute war es ja kein männlicher Co-Pilot, der mit an Bord war, sondern Susi Fischer und die Schuhe dort konnten also nur einem gehören … Oliver!

Ohne Vorwarnung riss Daniel die Tür zum Badezimmer auf, hinter der er es leise plätschern hörte, und lehnte sich demonstrativ mit verschränkten Armen in den Türrahmen.

„Kannst du nicht anklopfen?“, raunzte Oliver fast sofort.

„Warum? Es gibt nichts an dir, was ich nicht schon gesehen hätte. Allerdings wüsste ich zu gern, wie es IN deinem verdammten Dickschädel aussieht. Was sollte das heut im Flieger?“

„Was sollte was?“, ging Olli sofort in die Verteidigung. „Ich war im Stress und du kommst mir mit so einem Firlefanz.“ Daniel schüttelte fassungslos den Kopf.

„Firlefanz ist es also für dich, wenn ich deine Hilfe brauch? Meinst du, ich wäre zu dir ins Cockpit gekommen, wenn ich der Meinung gewesen wäre, dass ich es auch ohne dich schaffen könnte? Bin ich Superman, dass ich mit dem kleinen Finger das Flugzeug ruhig halten, es mal eben ein paar Kilometer in die Tiefe drücken und nebenbei auch noch einem Baby auf die Welt helfen kann? Überleg doch mal bitte, was du da von dir gibst, Oliver.“ Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Eigentlich wollte er sich nicht mit Olli streiten. Er liebte ihn nach wie vor, aber so, wie er heute mit ihm umgesprungen war, stellte sich für Daniel die Frage, wie echt Ollis Gefühle für ihn waren. Mit einem Ruck öffnete sich die Schiebetür der Dusche und der dunkelblonde Captain griff nach dem bereitgelegten Handtuch.

„Nun hab dich nicht so, Daniel. Es ist ja alles gut gegangen.“

„Ich fass das einfach nicht.“ Dans Tonfall zog an. „In welcher Rummelbude hast du denn deinen Pilotenschein gemacht, dass du schon bei ein paar Turbulenzen so die Nerven verlierst? Das war ein absoluter Notfall, Olli, und du tust es ab, als hätte ich dich gebeten ein bisschen langsamer zu fliegen, damit sich der Passagier in Reihe acht nicht mit Ketchup bekleckert.“ Oliver hatte Mühe, sich zu beherrschen. Daniel hatte absolut Recht, das wusste er genau, aber wenn er es jetzt nicht wäre, sondern ein anderer x-beliebiger Steward, dann hätte er schon längst seine Machtposition ausgespielt und ihm den Mund verboten. Er hasste es abgrundtief, kritisiert und mit seinen Schwächen konfrontiert zu werden, und von niemandem, außer von Dan, würde er sich mehr so herunterputzen und maßregeln lassen.

„Bist du jetzt endlich fertig?“, wollte er reichlich genervt wissen und sich gerade an dem dunkelhäutigen Steward vorbeidrängen, als der ihn am Arm schnappte und zurückzog.

„Nein, bin ich nicht. Eins wollt ich dir noch sagen“, zischte er böse „Ich bin keine sentimental quatschende Schwuchtel. Nicht mehr jedenfalls, als du es bist. Merk dir das und eins schwör ich dir, Olli: Noch so eine Äußerung über mich oder einen anderen schwulen Kollegen und ich werde dich höchst persönlich outen.“ Oliver versuchte sich loszureißen, aber Daniel verstärkte dadurch nur seinen Klammergriff, so dass dem Piloten nichts anderes übrig blieb, als mit gesenktem Kopf neben ihm stehen zu bleiben. „Ich liebe dich, Oliver, und es liegt mir fern, dir irgendwie weh zu tun, aber du bist derjenige, der mit mir ins Bett geht und nicht dazu stehen kann. Du kriegst alle Zeit der Welt, um es irgendwann selber zu tun, aber nicht, wenn du dich gleichzeitig wie der letzte Arsch benimmst und mich ohne Rücksicht auf Verluste dabei verletzt.“ Erst jetzt löste er seine Finger um Olivers Arm und begann sich in aller Ruhe auszuziehen. Mit einer Spur Genugtuung hört er zuerst die Badtür zuknallen und Minuten später auch die Tür zu ihrem gemeinsamen Zimmer. Er hatte keine Ahnung, wo Oliver noch hin wollte, und im Moment interessierte es ihn auch nicht wirklich.

Glücklich mit dem Tag und dem, was er vollbracht hatte, kuschelte er sich nach der Dusche ins Bett, genoss das Krabbensandwich, das er sich vom Zimmerservice hatte bringen lassen, und schlief dann absolut zufrieden mit sich und der Welt ein.

Vier Stunden später weckte ihn sein kleiner Reisewecker mit einem wirklich abartig nervendem Geräusch, welches irgendwie an Zahn ziehen ohne Betäubung erinnerte, wieder auf. Unwillig zog Daniel einen Arm unter der flauschig weichen Decke hervor, tastete blind in die Richtung, in der er den Störenfried vermutete und brachte ihn mit einem energischen Fingerdruck zum Schweigen. Draußen schien noch immer die Sonne, schob sich vorwitzig an den schweren Vorhängen vorbei und tauchte das Hotelzimmer in ein bizarres Licht, in dem man jeden Staubpartikel fliegen sehen konnte.

„Grrbrml“, knurrte es unwillig in seinem Rücken und erst jetzt spürte er warme Haut an seiner, ein Arm und ein Bein, die um ihn herumgeschlungen waren, und sanfte Atemzüge in seinem Nacken. Irgendwann musste sich Oliver also doch wieder eingefunden haben. Daniel musste lächeln bei der Vorstellung, wie sein süßer Lover nach einer vermutlich stundenlangen Selbstzerfleischungsorgie reumütig unter seine Decke gekrochen war und nun wahrscheinlich gerade mal zwei Stunden Schlaf abbekommen hatte.

„Hör auf so schadenfroh zu grinsen. Ich seh das genau“, grummelte es weiter.

„Ich bin nicht schadenfroh“, kicherte Dan jetzt etwas lauter, „aber irgendjemand muss dir doch einfach mal die Hosenbeine stramm ziehen.“

„Welche Hosenbeine?“, gluckste es noch immer verschlafen. Der schwarzhaarige Steward tastete nach hinten, fuhr sanft an dem schmalen Körper hinter sich entlang und fühlte nichts als samtig weiche Haut. Oliver begann zu schnurren wie ein Tigerbaby, küsste seinen Vordermann zärtlich auf die Schulter. „Mach so weiter, Schatz, und die fliegen heute ohne uns. ….. Autsch!“ Daniel hatte ihm in den Po gekniffen.

„Ohne uns wird es leider nicht gehen, großer Meister, denn du bist der Pilot.“ Er rappelte sich aus der Umarmung frei und versuchte Olli hinter sich her aus dem Bett zu zerren. „Komm schon. Lass uns zusammen duschen gehen und dann nach Hause fliegen.“ Unwillig ließ sich der Dunkelblonde mitziehen, mit noch immer geschlossenen Augen unter die Dusche stellen und ………

„Aaaaaah“ Wie ein Rumpelstilzchen sprang Oliver unter dem eiskalten Wasserstrahl umher. „Mach das sofort aus, du Stinktier“, japste er und trommelte mit seinen Fäusten auf Daniels breitem Brustkorb herum.

„Ich mach ja schon wärmer.“ Dan kringelte sich halb vor lachen. „Aber jetzt bist du wenigstens wach.“ Er regelte die Temperatur auf angenehm bis sehr angenehm und zog seinen Freund in eine liebevolle Umarmung. „Weißt du eigentlich, dass mich das immer noch total anmacht, wenn wir so zusammen unter der Dusche stehen?“, nuschelte er Oliver ins Ohr, dem sofort die Nackenhaare zu Berge standen, von einem weiter unten gelegenen Körperteil mal ganz abgesehen.

„Ach ja, warum das denn?“ Olli schlang seine Arme um Daniels Hals und biss ihn zärtlich ins Kinn.

„Na schau uns doch mal an“, gurrte der braunäugige Steward weiter. „Wir sehen aus wie ein lebendes Milky Way, wie Ying und Yang in echt, wie Kakaopulver in inniger Verbindung mit schneeweißem Milchschaum.“ Ganz sachte küsste er sich über Olivers Gesicht. „Ich liebe diesen wahnsinnigen Kontrast, wenn deine weißen Hände über meinen Körper wandern. Das hat mich damals schon ganz rasend gemacht, als du nach dem Gewitter zu mir in die Dusche geklettert bist.

„Ahmm“ Olli hatte sich inzwischen an Daniels Hals entlang, über das Schlüsselbein, bis zu seinen empfindlichen dunklen Brustwarzen geküsst, die sich unter der Berührung seiner Zunge sofort hart zusammenzogen. Seine Hände folgten der brennend heißen Spur seiner Lippen, streichelten sanft über den bebenden Oberkörper und glitten an den Seiten immer tiefer, bis sie sich in einem knackigen braunen Po festkrallten. Daniel verlor mit jeder Berührung immer mehr jede Beherrschung über seinen Körper, hielt sich mit einer Hand an der Armatur fest und verhakte die andere in den dunkelblonden Haare, die inzwischen nur noch auf Hüfthöhe vor ihm knieten.

„Wir … müssen … uns … beeilen“, keuchte er abgehackt, aber Oliver dachte gar nicht daran, sich antreiben zu lassen. Genüsslich versenkte er seine Zunge in Daniels Bauchnabel, saugte die Wassertropfen, die sich darin verirrt hatten, heraus und folgte von dort aus dem am Anfang nur aus ganz feinen rabenschwarzen Härchen bestehenden Lustpfad. Dan warf den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und stöhnte ungehalten, was sich wie ein Donnergrollen anhörte und zu dem Tropfenregen passte, der unaufhörlich auf sein Gesicht niederprasselte. Aber auch das warme Wasser konnte nicht verhindern, dass Gänsehautwellen über seinen Körper zogen, je näher Olivers Lippen seinem bereits hart geschwollenen und schmerzenden Glied kamen. Er glühte und zitterte gleichzeitig und als sich endlich eine vorwitzige Zunge um seine Eichel schlängelte, drohten seine Wackelpuddingknie ganz zu versagen. Wie im Zwang schob er Oliver immer wieder sein Becken entgegen, der erst ganz behutsam und mit unendlicher Langsamkeit die ganze Länge erforschte, sich auf und ab küsste, mit der Zungenspitze immer wieder das äußerst sensible Penisbändchen kitzelte und Daniel damit fast in den Wahnsinn trieb. Erst, als er es selber keine Sekunde länger mehr aushielt, stülpte er seine Lippen über die gesamte Eichel, saugte und leckte, stupste immer wieder in den kleinen Spalt, lies sie heraus und wieder hineingleiten und nahm schließlich seine Finger zu Hilfe. Das alles in Kombination war zuviel für Daniel. Wie glühende Lava aus einem Vulkan schoss es mit einem erstickten Schrei aus ihm heraus und Oliver schluckte, ohne ihn aus seinem Mund zu entlassen. Pumpte und saugte ihn damit regelrecht leer. Haltlos rutschte Dan an der Glaswand der Dusche herunter.

„Du bist unglaublich, Schatz“, hauchte er seinem blauäugigen Freund entgegen und zog ihn in einen leidenschaftlichen, intensiven, aber dennoch liebevollen Kuss. „Und du?“, murmelte er, als sie sich wieder voneinander getrennt hatten und sah ihm fragend in die Augen. Oliver hob seine linkte Hand, an der noch der Rest seines eigenen Ergusses entlang lief.

„Schon passiert“, grinste er entschuldigend. Aber noch bevor das noch immer herabrieselnde Duschwasser ganze Arbeit leisten konnte, schob sich Daniel jeden einzelnen Finger in den Mund, leckte jeden Tropfen des weißen Saftes genießerisch ab.

„Mmmmh, du schmeckst gut.“ Er zwinkerte Olli mit einem Auge zu. „Aber wir sollten jetzt trotzdem langsam hinne machen, sonst kommen wir womöglich noch auf die internationale Vermisstenliste.“ Behutsam griff ihm der dunkelblonde Captain in den Nacken, zog ihn zu sich und küsste ihn ganz unschuldig auf die Lippen.

„Etwas wollte ich dir noch sagen, bevor wir wieder zur Tagesordnung übergehen.“ Daniel sah ihn erwartend an und befürchtete schon eine große Entschuldigung samt Erklärung für etwas, was man eigentlich nicht entschuldigen konnte. Worthülsen, die nicht annähernd das wiedergeben würden, was in den letzten Stunden zwischen ihnen passiert war. Daniel brauchte auch keine ausgesprochene Abbitte von diesem Kindskopf, um sehr gut zu wissen, dass seine Worte genau ins Schwarze getroffen hatten, er stundenlang daran rumgekaut hatte. Sein Blick hatte genügt, um zu zeigen, dass er verstanden hatte, worum es ging und dass er wusste, dass er Daniel verlieren würde, wenn er nicht langsam anfing, an sich zu arbeiten. Etwas verlegen sah Oliver kurz zu Boden, bevor er den Augenkontakt wieder aufnahm.

„Danke und ich liebe dich“, raunte er. Ein Lächeln huschte über Daniels Gesicht.

„Ich dich auch, Oliver!“

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