Sinai 514 – Teil 1

Präludium

Donnerstag 09:30 MEZ

„Ich liebe einfache Fälle!“

Günther lächelte mich an und trank den letzten Rest Kaffee, der mittlerweile schon kalt war. „Kalter Kaffee macht schön, habe ich mir sagen lassen.“

Er verzog sein Gesicht und seine Lachfältchen traten noch deutlicher als sonst hervor. Eigentlich sind sie bei unserem Job eher hinderlich, denn wir sind nie gern gesehene Gäste, wenn wir im Auftrag unserer Firma jemanden besuchen oder besuchen müssen, wir sind nämlich Revisoren.

„Es war fast zu einfach.“

Ich schüttelte mein Haupt und packte meine Unterlagen ein.

„Wie so jemand Filialleiter werden konnte, verstehe wer will! Ich kann es nicht.“

Um den letzten Satz noch zu unterstreichen, ließ ich den Deckel meines Aktenkoffers herunterfallen.

„So, mein Lieber! Was machen wir nun?“

„Tja, Alexander, wir könnten uns noch einen schönen Tag in München machen und erst morgen Abend, wie geplant, zurückfliegen. Montag ist eh Feiertag. Der Bericht hat Zeit bis Dienstag.“

„Herr Dr. Kaltenberg!“

Ich legte meine Stirn in Falten und schaute ihn verwundert an.

„Was höre ich da? Die Innenrevision soll bescheißen?“ Er stand auf und ging zum Garderobenständer des kleinen Büros, das uns in den letzten zwei Tagen als Arbeitsstätte gedient hatte. Für eine normale Revision wäre es zu klein gewesen, aber wir waren auch nur zu zweit und nicht, wie sonst eigentlich üblich, zu sechst angerückt.

„Willst du oder soll ich?“

Er deutete auf das Telefon.

„Was?“

„Na, Düsseldorf den vorläufigen Bericht durchgeben!“

„Wenn es denn sein muss!“

Ich nahm den Hörer ab und wählte die Nummer der Zentrale des Mischkonzerns, der seit drei Jahren mein Arbeitgeber war. Eine mir unbekannte Stimme meldete sich am anderen Ende. „Ich bräuchte mal Herrn Walters.“ –

„Van Aart, Innenrevision!“

Die übliche Wartemusik ertönte und ich schaltete den Lautsprecher an, so dass Günther mithören konnte.

„Walters! Wer stört?“

„Emil und die Detektive!“

Ich flachste zurück.

„Alex, mein Guter. Was gibst es?“

„Nicht viel! Wir sind fündig geworden!“

„Gut, na ja, nicht gut! Wie viel?“

„Dürften so knappe 25.0000 sein, die er sich in die eigene Tasche gewirtschaftet hat. In diesem Jahr.“

„Und vorher?“

„Kann ich noch nicht sagen. Dürfte aber auch in dem Rahmen liegen. Wir nehmen die Unterlagen mit und prüfen dann in der Heimat.“

„Dann seid ihr in München fertig?“

„So gut wie. Standartprozedere?“

Der Vizepräsident Personal überlegte nicht lange.

„Das Übliche!“

„Es gibt nur ein Problem. Der Zweite Mann hat Urlaub. Wem sollen wir den Laden solange aufs Auge drücken?“

„Tja, weiß ich auch nicht. Ich komm gleich zurück.“

Er legte auf.

Ich blickte auf Günther, der sich schon sein Jackett übergezogen hatte.

„Wozu so feierlich?“, wollte ich wissen.

„Du weißt doch, bei Beerdigungen trägt man doch Sakko, oder?“

„Stimmt auch wieder.“

Ich zupfte meine Krawatte zu Recht, als das Telefon bimmelte.

„Van Aart.“

Die Stimme von vorhin verband mich wieder.

„Also, Alex, die Verantwortung kriegt bis Mitte nächster Woche ein gewisser Herr Blumenhügel. Danach sehen wir weiter. Ist auch nicht unsere Sache, soll sich der Bereichsleiter darum kümmern. Der ist eh sauer!“

„Warum denn? Weil man uns nicht angekündigt hat?“

„Genau deshalb!“

„Wenn wir immer angemeldet kommen würden, würde uns die Arbeit doch keinen Spaß mehr machen.“

„Na ja, er meinte irgendwas von Unabhängigkeit der Tochtergesellschaften und den üblichen Sermon. Er hat sich dann bitterlich bei Frau Knappmeyer ausgeweint.“

Besagte Frau war die Verantwortliche für den Bereich Informationstechnologie in der Holding, aber nicht besonders beliebt bei ihren Kollegen, denn es hieß, sie hätte eine etwas unorthodoxe Art, Karriere zu machen.

„Lass mich raten, Blondie kam zu dir und hat sich beschwert?“

„Hat sie versucht, aber da der Auftrag von ganz oben kam, hat sie schnell wieder das weite gesucht.“

„Kann ich mir lebhaft vorstellen. Schickst du mir gleich die Kündigung per Fax?“

„Müsste gleich ankommen, lieber Neffe.“

Albert Walters, für Personal zuständiger Vizepräsident der Holding, war nicht wirklich mein Onkel, sondern der Bruder des Patenonkels meiner jüngeren Schwester. Er kannte mich seit meiner Grundschulzeit, daher auch das vertrauliche Du zu Jemanden, der mehr als das dreifache im Jahr nach Hause bringt.

„Was macht ihr noch?“

Ich schaute irritiert Günther an.

„Wir eröffnen ihm gleich das Urteil. Dann wollten wir eigentlich versuchen, heute noch nach Hause zu kommen, wenn wir umbuchen können.“

„Keine Panik. Macht Euch einen schönen Tag und besucht den Englischen Garten.“

„Warum? Wollt ihr uns nicht mehr? Wir wollen die Sache abschließen, denn nächste Woche Dienstag steht ja Berlin an.“

„Ist erst mal auf Eis gelegt?“

Mein Gegenüber zuckte mit den Schultern, er war ebenso ratlos wie ich.

„Wieso?“

„Blankenberg hat sich gestern Abend beim Bowling die Hand gebrochen und fällt erst mal für zwei Wochen aus.“

Blankenberg, ein biederes Männlein jenseits der fünfundfünfzig, war unser Abteilungsleiter. Der Mann bestand nur aus Zahlen und brauchte da, wo andere den Computer zu Hilfe nahmen, noch nicht einmal einen Taschenrechner.

„Was ist denn sonst für uns geplant?“

„Momentan nicht viel, soviel ich weiß. Blankenberg will Mittwoch mit euch eine Besprechung abhalten und alles Weitere besprechen. Bis dahin braucht auch erst der Bericht fertig zu sein.“

Man schickte uns also in ein verlängertes Wochenende, großartig. Ich überlegte nicht lange und fragte, ob ich Dienstag nicht auch frei machen könne. Die Aussicht auf fünf freie Tage ließ mich lächeln.

„Du willst doch nicht …?“, drang es aus dem Telefon. Günther grinste über beide Backen, denn er wusste genau, was jetzt kommen würde.

„Doch, Onkelchen. Sei lieb, bitte?“

Ich legte etwas Schmalz in meine Stimme.

„Lass deinen armen Neffen zu seinem geliebten Wesen eilen. Bitte!“

„Mach doch, was du willst! Aber der Bericht muss bis Mittwoch auf meinem Tisch liegen! Ist Kaltenbach da?“

„Ist er! Willst du ihn haben?“

„Gib ihn mir mal.“ Ich reichte Günther den Hörer, ließ den Lautsprecher aber angeschaltet, damit ich mithören konnte. Das Telefon hatte zwar auch eine Freisprecheinrichtung, aber es klingt immer besser, wenn derjenige, der gerade spricht, auch die Muschel am Mund hat. „Herr Doktor Kaltenbach. Ihr Kollege möchte gerne frei machen. Schaffen Sie den Bericht auch alleine, oder brauchen Sie ihn unbedingt?“

„Ist blanke Routine. Er kann von mir aus wieder nach New York düsen, wenn er will.“ „Danke. Aber seien Sie nicht immer zu nett zu ihm. Er kann einen leicht ausnutzen. Geben Sie mir noch einmal Doktor van Aart.“

Ich musste mir mein Lachen verkneifen. Günther nutze mich eher aus, jedenfalls wenn es darum ging, Alibis für seine Gattin zu erfinden. Er übergab mir den Hörer wieder.

„Was gibt es denn noch?“

„Du kannst fliegen. Aber unter zwei Bedingungen!“

„Die da wären?“

„Deine Tante liebäugelt mit dem Armreif von Paloma. Sie hat ja auch bald Geburtstag. Mir bitte das Übliche.“

„Wird gemacht. Ich schau dann bei Tiffany und bei Godiva rein. Silber oder Gold?“

„Was?“

„Der Armreif, Onkelchen.“

„Silber, glaube ich jedenfalls. Aber falls es doch Gold sein sollte, melde ich mich. Die Nummer hab‘ ich ja.“

„Aber wenn, bitte erst übermorgen.“

„Wieso denn?“

„Soll eine Überraschung werden!“

„Dann sieh‘ zu, dass es keine für dich wird. Überraschungen können auch nach hinten losgehen.“

Ich überlegte kurz und verfiel in ein Schmunzeln. Günther schaute mich fragend an, ich winkte ab.

„Soll ich euch sonst noch was mitbringen?“

„Nicht das ich wüsste. Ich kann mich aber melden. Grüß deinen Scott schön. Bis Mittwoch dann.“

Er hatte schon eingehängt.

„Und dir auch ein schönes Wochenende.“, sagte ich in den Raum.

„Was machen wir nun, Herr Doktor Van Aart?“

„Wir walten unseres Amtes und entlassen jemanden!“

Ich überlegte kurz.

„Dann gehen wir ins Reisebüro, ich versuche noch einen Flug für heute zu kriegen. Danach ins Hotel, Sachen packen und dann Marlene anrufen.“

„Soweit ganz gut, aber was willst du denn von meiner Frau?“

„Ihr sagen, dass wir erst Samstag zurückkommen werden. Aber wenn du heute schon …“

Ich ließ den Satz unvollendet. Ich kannte Günther, die Ehe der beiden verlief nicht gerade sehr harmonisch und er nutzte jede Gelegenheit, den Treueschwur, den er einst seiner Gattin gegeben hatte, ad absurdum zu führen.

Eigentlich konnte man sein Verhalten verstehen, hatte sich doch die einst so agile und schlanke Jurastudentin in ein passives, dickliches Hausmütterchen verwandelt. Günther betitelte sie als Hausdrachen, was noch der harmloseste Kosename für sein angetrautes Etwas war.

Inmitten unserer Unterhaltung spuckte das Faxgerät das Kündigungsschreiben aus Düsseldorf aus. Der Rest unserer Aktivitäten war schnell erledigt. Wir nahmen dem Übeltäter seine Schlüssel ab, überreichten sie Herrn Blumenhügel, der nicht so recht wusste, wie ihm geschah.

Wir verabschiedeten uns ganz höflich und versprachen baldmöglichst mal wieder reinzuschauen. Der Gesichtsausdruck des frisch beförderten Verkäufers verfinsterte sich, aber das waren wir gewohnt, denn die Innenrevision sieht man halt nicht gerne.

„Essen? Entlassungen machen mich immer hungrig.“

Günther schaute mich wehleidig an. Ich blickte auf die Uhr. Es war gerade kurz nach elf und die Aprilsonne lag hinter Wolken verborgen.

„Lass uns erst einmal ins nächste Reisebüro. Danach können wir immer noch was essen.“ „Was machen wir derweil mit der Kiste?“

Er deutete auf die Monitorkiste, in der die Akten feinsäuberlich verpackt lagen. „Stimmt. Also, ab zum Hotel.“

Günther winkte bereits einem Taxi. Der Fahrer, ein etwas stämmiger Mann mittleren Alters, nuschelte etwas in seinen nicht vorhandenen Bart. Wir waren wirklich ein komisches Paar. Zwei Herren in Nadelstreifen und Wollmantel, mit Akten- resp. Pilotenkoffer beladen und einer billig aussehenden Kiste in ihrer Mitte.

„Wo soll’s denn hingehen.“

Ich nannte die Adresse des Hotels. Die Fahrt verlief schweigend. Kurz vor dem Hotel entdeckte ich die Filiale der ehemals staatlichen deutschen Fluggesellschaft.

„Halten Sie bitte hier.“

„Was soll ich?“, raunzte mich der Fahrer an.

„Hier halten. Ich muss noch ins Reisebüro!“

„Und wer zahlt die Fuhre?“

„Der Herr dahinten.“

Ich deutete mit dem Daumen auf Günther, der im Fond neben der Monitorkiste, die er wie seinen Augapfel hütete, saß. Der Chauffeur brummelte etwas, fuhr dann aber schließlich doch rechts ran und ließ mich aussteigen. Ich bedankte mich und stieg aus.

Einige Augenblicke später betrat ich das Gebäude und fand auch einen freien Schalter.

„Was kann ich für Sie tun?“, wollte die Dame hinter demselben wissen.

„Ich bräuchte einen Flug nach New York. Am besten heute noch!“

Sie schüttelte den Kopf, dass ginge nicht mehr. Ich müsste direkt zum Flughafen, allenfalls dort könne man mir noch helfen. Ich wollte wissen, ob es überhaupt gehen würde. Sie bejahte die Frage. Allerdings müsse ich in Frankfurt umsteigen.

Sie wünschte mir schon gutes Gelingen für mein Vorhaben und wollte sich meiner Hinterfrau schon zuwenden, als ich sie um Stornierung meines und die Umbuchung von Günthers Rückflug in die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt bat.

„Das ist ja auch etwas kurzfristig!“, meinte sie mit Blick auf das morgige Abflugdatum. Fünf Minuten später hielt ich Günther neues Ticket in Händen und die Gutschrift für mich. Ich wusste zwar noch nicht, was ich damit veranstalten sollte, denn schließlich hatte die Firma ja mein Ticket bezahlt und ich würde sicher wieder Ärger mit Peter Westermeier bekommen, der unsere Reisekostenanträge immer peinlichst genau bearbeitete.

Aber das waren die Probleme von nächster Woche, mit denen ich mich heute noch nicht zu beschäftigen hatte. Ich ging die fünfhundert Meter zum Hotel zu Fuß. Günther stand noch an der Rezeption und verhandelte mit dem Mann im schwarzen Cut bezüglich der Zimmer. Nach einem etwas höheren Trinkgeld war alles kein Problem mehr.

„Wann geht dein Flieger?“

„Um kurz vor drei, wenn ich Glück habe.“

Er schaute mich fragend an und während wir Richtung meines Zimmers gingen, erklärte ich ihm die Sachlage. Dort angekommen raffte ich die Sachen zusammen und schmiss sie in den Koffer. Es war mittlerweile kurz nach zwölf.

Meinen sonst üblichen Kontrollgang, ob ich auch ja nichts vergessen hatte, vergaß ich.

„Mach dir keine Sorgen. Falls du was vergessen haben solltest, werde ich mal wieder Packesel spielen.“

Ich grinste und wir machten uns auf Richtung Halle.

„Hast du alles?“

„Ich glaube ja. Und falls nicht, in New York soll es auch Geschäfte geben, in denen man gegen Geld einkaufen kann, habe ich mir jedenfalls sagen lassen.“

Er grinste.

„Dann lass uns mal aufbrechen. Nehmen wir die S-Bahn?“

„Dürfte am einfachsten sein.“

Wir waren schon an der Tür.

„Stopp!“

„Was hast du nun schon wieder? Doch was vergessen?“

„Ja, den Anruf!“

„Ich dachte, du willst Scott überraschen.“

„Will ich ja auch! Aber meinst du nicht, es ist besser, wenn ich deiner Frau die Nachricht überbringe, dass sie noch einen Tag länger auf ihren Gatten verzichten muss?“

Auf seiner Stirn zeigten sich einige Falten.

„Ich glaube ja.“

So telefonierte ich noch kurz mit Marlene, der es scheinbar nicht gerade viel ausmachte, weitere 24 Stunden auf ihren Holden zu verzichten.

Die Fahrt zum Flughafen zog sich wie Kaugummi. Wir fragten uns, wie man einen modernen Flughafen nur so weit außerhalb fast jeglicher Zivilisation, sprich auf die bekannte grüne Wiese, bauen konnte.

Als München-Riem noch in Betrieb war, dauerte es vom Karlsplatz, auch oder besser als Stachus bekannt, keine zehn Minuten in die Innenstadt. Heute dauert die Fahrt zum Franz-Josef-Strauß-Airport fast fünfmal so lange. Es war kurz vor halb zwei, als wir an der Endstation ankamen.

„Wo müssen wir hin?“

„Einmal quer durch den gesamten Komplex. Die Lufthansa residiert am anderen Ende.“

„Ist nicht dein Ernst?“

„Leider, Günther. Den Weg kann ich dir nicht abnehmen.“

Wir waren leicht abgehetzt, als wir an den gelben Schaltern ankamen.

„Das kann dauern!“

Günther blickte auf die Menschenansammlung, die sich vor den ersten beiden Schaltern tummelte.

„Abwarten. Da hinten ist frei.“

Ich deutete auf den freien Schalter, an den einsam eine graumelierte Dame saß und gelangweilt das andere Ende der Abflughalle anstarrte.

„Du hast doch noch gar kein Ticket, und da kann man nur hinterlegte Flugscheine abholen.“ „Abwarten!“

Schnurstracks marschierte ich auf die Dame in ihrem blauen Kostüm zu. Ohne mich richtig anzuschauen, fragte sie mich nach meinem Begehr und meinem Namen. Als ich ihr sagte, dass ich so schnell wie möglich nach New York wolle und das zwar möglichst günstig, blickte sie mich zum ersten Mal richtig an.

„Tut mir leid, aber Sie sind leider falsch hier. Ich darf Sie bitten, sich dort drüben anzustellen.“

Sie deutete auf die Menge, die sich an den anderen beiden Schaltern gebildet hatte. „Augenblick!“

Ich griff in meine Brieftasche und zog eine kleine Plastikkarte hervor.

„Entschuldigen Sie, Herr Doktor. Natürlich brauchen Sie nicht zu warten.“

Entschuldigend blickte sie mich an und wandte sich dann ihrer Tastatur zu. Günther schaute mich fragend an.

„Du brauchst nur die richtige Karte. Frequent-Traveller und die Schlangen haben ein Ende!“ Ich grinste. Ich würde ihm bestimmt nächsten Mittwoch einiges erklären müssen, aber das hatte Zeit bis nächste Woche.

„Herr van Aart, ein Sondertarif geht nicht mehr. Es gehen nur noch die normalen Tarife.“ „War mir klar. Ist noch was frei?“

Sie tippte wieder etwas in ihren Terminal.

„Also. Ich hab‘ noch zwei freie Plätze Economy ab Frankfurt. Der Rückflug nach Düsseldorf geht auch in Ordnung, aber …“

„Aber was?“

Ich wurde langsam ungeduldig.

„Es tut mir leid, aber ich habe keinen Platz mehr in der Maschine nach Frankfurt.“

„Auch nicht Business?“

„Leider nein.“

Sie blickte mich mitleidsvoll an. Ich überlegte kurz. Mein Ziel, den heutigen Abend in den Armen des Mannes zu verbringen, den ich am meisten auf dieser Erde liebte, war plötzlich in weite Ferne gerückt.

„Da kann man machen nichts!“

Resignation machte sich breit.

„Aber ich kann sie auf die Warteliste setzen, falls Ihnen das reicht.“

„Immerhin etwas.“ Ich schaute mich betrübt um, erst auf die Frau, dann auf Günther.

„Ich muss mal telefonieren.“

Er drehte sich auf dem Absatz um und ließ mich mehr oder minder im Regen stehen.

„Dann machen Sie das Ticket fertig.“

Die gute Frau nickte nur und ging der Beschäftigung nach, für die sie bezahlt wurde. „Himmel. Mein Rechner streikt schon wieder!“

Sie blickte mich an.

„Zum zweiten Mal heute schon.“

Sie fluchte irgendetwas auf bayerisch.

„Sie können mich ja ausrufen, wenn Sie soweit sind. Ich warte in der Cafeteria da drüben.“ „In Ordnung, Herr Doktor. Kann nicht lange dauern, hoffe ich.“

Ich nahm mein Gepäck auf und lenkte meine Schritte in Richtung der kleinen Snackbar. Um meinen Kummer zu ertränken, bestellte ich mir einen Sekt, der keine dreißig Sekunden in seinem Glas überlebte. Ich weiß nicht, ob ich ihn zu schnell getrunken hatte, aber ein leichtes Schwindelgefühl stellte sich ein.

Ich hatte ja seit den Brötchen am Morgen nichts mehr gegessen. Beim Mann hinter dem Tresen orderte ich ein zweites Gläschen, da man auf einem Bein bekannter weise ja schlecht stehen kann, und eines dieser ominös belegten Sandwiches.

„Hier bist du!“ Ich drehte mich um und sah Günther direkt in sein grinsendes Gesicht.

„Ist das für mich?“, deutete er auf die gelbliche Flüssigkeit.

„Eigentlich nicht, aber nimm hin und trink!“

„Danke.“

Er trank die Hälfte und grinste immer noch.

„Was grinst du eigentlich die ganze Zeit? Mir ist elend zumute und du machst dich anscheinend lustig über mich. Finde ich nicht gut!“

Ich schüttelte meinen Kopf und versuchte möglichst viel Mitleid zu erheischen, was mir aber nicht gelang, denn er grinste immer noch.

„Willst du denn gar nicht wissen, mit wem ich telefoniert habe?“

„Wahrscheinlich mit einer deiner Damen! Hast wohl für heute Abend was klar gemacht!“ „Das auch. Aber rate mal, mit welcher Dame?“

„Kenn‘ ich dein Adressbuch?“

Sein Grinsen ging mir langsam auf die Nerven.

Eine etwas quäkende Stimme aus dem Lautsprecher über uns erfüllte plötzlich den Raum. „Herr Doktor van Aart, gebucht auf Lufthansa 151 nach Frankfurt, bitte kommen Sie zum Lufthansaschalter!“

Mir fiel vor Schreck fast die Brille von der Nase, als die Ansage wiederholt wurde. Ich wusste nicht, ob ich weinen oder lachen sollte, aber es war mein Name, der da ausgerufen wurde. Ich lenkte meine Schritte wieder gen Dame in Blau.

Ihre Kollegin am Schalter der Ersten Klasse winkte mich zu sich. Ich konnte mich nur noch wundern.

„Entschuldigen Sie die Verzögerung, Herr Doktor. Hier haben Sie Ihr Ticket.“

„Ist ein Platz frei geworden?“ Sie schaute mich über den Rand ihrer Brille an und ihre grasgrünen Augen schauten mich fragend an.

„Ich weiß zwar nicht, was Sie meinen, aber egal. Bitte entschuldigen Sie noch einmal, dass meine Kollegin Sie nicht gleich erkannt hat.“

Ich wusste nicht, wie mir geschah. Ich sah die Sache nur noch wie durch eine Nebelwand und nickte zufrieden.

„Na ja, kann ja jedem Mal passieren.“

„Wie zahlen Sie? Karte?“

Ich griff wie benommen in meine Brieftasche und reichte der Dame mit den rotblonden Haaren die erste Kreditkarte, die ich finden konnte.

„Danke! Das war’s.“

Sie gab mir das Stück Plastik zurück und reichte mir mein Ticket.

„Sie haben noch etwas Zeit. Wenn Sie wollen, können Sie sich aber jetzt schon in die Lounge begeben.“

„Danke. Werde ich gleich machen. Schönen Tag noch.“

Ich nickte in ihre Richtung und ging wieder in Richtung Günther, der sich an meinem Sekt labte. Ich hatte immer noch nicht wieder alle Sinne bei mir, als ich mit dem gelben Stück Papier bei ihm ankam.

„Na, was sagst du nun?“

„Ich? Nichts! Ich glaub‘, ich brauche noch was zu trinken.“

Ich suchte den Blick des Mannes hinter dem Tresen und bedeutete ihm, zwei weitere Gläser zu bringen. Es vergingen vielleicht ein, zwei Minuten und er kam mit den Getränken.

„Macht sechzehn Euro.“

Ich reichte ihm einen Zwanziger.

„Stimmt so.“

„Danke.“

Ich brauchte eine Zigarettenlänge, um wieder auf den Boden der Tatsachen zu kommen.

„Na, wie habe ich das gemacht?“

„Was gemacht?“

„Na, das mit dem Ticket.“

„Von was sprichst du? Ich verstehe nur Bahnhof!“

Ich blätterte zum ersten Mal, seit ich sie in Händen hielt, in den Papieren. Anstatt sich zu legen stieg meine Verwunderung.

„Das ist ja First! Die muss sich vertan haben! First nach New York hin und zurück für …“

Ich schluckte, als ich die Zahlen las, die da in der unteren Ecke standen.

„… für 200 Euro?“

„Bin ich gut oder bin ich gut?“

Günther grinst immer noch.

„Sehr gut sogar! Aber wie um alles in der Welt, hast du das gemacht?“

„Alex, du magst zwar mehr Karten haben als ich, dafür habe ich aber die besseren Kontakte!“ „Ähh?“

„Du kannst dich doch noch an die Kleine aus Kassel erinnern, die wir beim letzten Seminar kennen gelernt haben?“

„Wir, du meinst wohl eher, die du abgeschleppt hast.“

„Wie dem auch sei! Ich wollte sie anrufen und fragen, ob sie nicht helfen könne. Was passiert?“

„Weiß ich doch nicht? Schieß‘ los!“

Ich war neugierig geworden.

„Nicht viel. Ich hab‘ sie nicht erreicht.“

„Und wie komm‘ ich dann an das Ticket?“

„Sie, wie hieß sie noch gleich?“

Er überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf.

„Ist ja auch egal. Ich hatte dann plötzlich ihren Chef am Apparat.“

„Ja? Und weiter?“ Ich hasse es, wenn Leute zu lange um den heißen Brei herum reden.

„Na ja, ich melde mich Zentrale Holding und teile ihm lediglich mit, dass ein Dr. van Aart von der Innenrevision in München am Schalter steht und in dringenden Familienangelegenheiten für fünf Tage nach New York müsse und fragte, ob er was tun könne. Da die Reise allerdings sehr privater Natur sei, wolle er nicht und so weiter.“

„Langsam verstehe ich.“

„Manchmal fällt der Groschen bei dir auch pfennigweise.“

Wir lachten beide, jetzt konnte ich sein breites Grinsen verstehen.

„Aber so etwas nennt man Betrug!“

Der Jurist in mir kam durch.

„Quatsch! Was kann ich denn dafür, dass der Trottel in Kassel alles falsch verstanden hat?“ Meine Irritation kehrte zurück.

„Herr Kollege, dann klären sie mich mal auf.“

„Bist du Doktor jur. Alexander van Aart?“

„Ja, laut Pass und Geburtsurkunde!“

„Bist du in der Innenrevision tätig?“

„Ja.“ Ich wusste nicht, worauf er hinaus wollte.

„Arbeitest du in der Zentrale?“

„Auch!?“

„Willst du wegen eines dringenden Bedürfnisses nach New York?“

„Ja.“

„Also, ich habe die Wahrheit gesagt. Keine der gebrachten Tatsachen war falsch, oder?“

Ich nickte bejahend.

„So, ich habe aber auch keine Tatsache entstellt. Vielleicht hätte man deutlicher herausstellen müssen, dass seine Zentrale nicht die unsrige ist, aber da kann man auf unterschiedlichen Sende- und Empfängerhorizont abstellen.“

„Aber es bleibt der rechtswidrige Vermögensvorteil, den du mir verschafft hast. Und auf eben jenen kommt es an!“

„Alexander, ich bitte dich. Über Preise habe ich gar nicht gesprochen. Ich habe ihn lediglich gefragt, ob er helfen könne. Du willst den Flug bezahlen, aus eigener Tasche.“

„Ja, habe ich auch.“

„So, und bei der Vielzahl der Tarife, wer kann da nicht sagen, dass der der richtige war?“

„Günther, Günther! Vor Gericht möchte ich mit der Argumentation nicht auftreten müssen.“

„Ich weiß, auf hoher See und vor Deutschen Gerichten sind wir alle in Gottes Hand. Amen!“

Wir tranken aus.

„Nehmen wir noch einen?“

Ich schaute auf die Uhr und schüttelte mit dem Kopf.

„Warum soll ich hier zahlen, wenn ich es in der Lounge umsonst haben kann?“

„Geizhals!“

„Überredet, aber lass mich erst einchecken.“

„In Ordnung. Gehen wir?“

Wir schlenderten gemütlich und ohne Hast zum Abfertigungsschalter. Nachdem der Koffer seine Reise angetreten hatte, wandelten wir noch zur nächsten Theke und genehmigten uns noch ein weiteres Gläschen perlenden Schaumweines.

Günther winkte noch zum Abschied, als ich um zwanzig nach zwei durch die Sicherheitskontrolle ging. In der Senatorenlounge genehmigte ich mir noch einen Kaffee und aß ein Sandwich, um wenigstens etwas im Magen zu haben.

Zwanzig Minuten später saß ich im Flugzeug und schloss die Augen. Ich freute mich. Noch ein paar Stunden, und ich würde meinen Schatz umarmen können.

Da wir in Frankfurt mit einer halben Stunde Verspätung ankamen, blieb gerade eben noch Zeit, für den Duty-free-Shop. Ich erstand für mich eine Stange Davidoff, für Scott kaufte ich Kubanische Zigarren, die man in den Staaten nur zu sehr horrenden Preisen, und dann noch illegal, kaufen kann. Für Sebastian, falls wir uns sehen sollten, brachte ich Englisches Weingummi mit.

Ich verstaute die Sachen in meinem Aktenkoffer und verließ dies Relikt vergangener Tage. Mir blieben noch zehn Minuten, dann musste ich an Bord. Das Terminal wurde gerade umgebaut, der Weg zur Lounge war zu weit, oder vielleicht wollte ich auch gar nicht.

Ich flog zum ersten Mal Erster Klasse, wenn auch ungewollt. Ich rauchte noch zwei Zigaretten, ehe ich mich um zehn vor fünf an Bord begab. Das Abenteuer konnte beginnen.

Donnerstag 17:00 MEZ

„Guten Abend, Herr van Aart. Es freut uns, Sie an Bord zu haben. Mein Name ist Peter.“, begrüßte mich der Steward mit einem breiten Lächeln. Ich schätze ihn auf maximal 25.

„Das Vergnügen ist meinerseits.“

„Kann ich vor dem Start schon etwas für Sie tun?“, wollte der blonde Knabe von mir wissen.

Momentan wäre ich ganz froh, wenn Sie mir meinen Mantel abnehmen könnten und mir die FAZ geben würden. Falls Sie Raucherkaugummi an Bord haben, hätte ich gerne welche. Ansonsten werde ich unerträglich!“

„Wo habe ich nur meine Gedanken? Verzeihen Sie bitte.“

Er mochte Schwimmer sein, denn sein Rücken war breit. Wären die Umstände andere gewesen, ich hätte nicht nein gesagt, aber ich war ja schließlich und endlich auf dem Weg zu meinem Liebsten. Ich zog meinen Mantel aus und reichte ihn ihm. Er lächelte mich an, nahm ihn ab und verstaute ihn.

„Darf ich Ihnen Ihren Platz zeigen?“

„Gerne.“

Alexander, nicht flirten, sagte ich zu mir selber. Er führte mich zu meinem Sitzplatz in der dritten Reihe und stellte mich meiner Nachbarin vor.

„Frau Belzheim, Ihr Nachbar, Herr Doktor van Aart.“

Sie hielt mir die Hand entgegen. Erdmute, wie sie sich hinterher vorstellte, sah aus wie eine Frau um die fünfzig und hätte die jüngere Schwester meiner Mutter sein können. Ich ergriff ihre vierfach beringte Hand und deutete einen Handkuss an.

Der galante Handkuss, den nicht nur die Damen alter Schule lieben, unterscheidet sich von profanen, oder soll ich sagen proletenhaften Variante dadurch, dass man den Kuss des Handrückens lediglich andeutet. Es soll und müssen sich immerhin drei bis fünf Zentimeter Luft zwischen Mund und Haut bewegen können. Wer solches beherrscht, gewinnt. Wer schmatzt, verliert, jedenfalls bei der kultivierten Hälfte der Welt.

Der Attendant, wie man den Steward auch nennen darf, brachte mir die Zeitung vom heutigen Tage.

„Der Start verzögert sich noch etwas. Darf ich den Herrschaften etwas bringen?“

Ich blickte auf meine Nachbarin, um ihr den ersten Satz zu gönnen.

„Junger Mann. Bringen Sie mir eine Bloody Mary, denn ich glaube nicht, dass Sie mir meinen Lieblingsdrink machen werden!“

„Der da wäre?“

„Old Southern!“

Peter schaute fragend.

„Man nehme ein eisgekühltes Glas, lege zwei zerdrückte Cocktailkirschen hinein, bestreue sie mit Zucker. Dann gibt man zwei bzw. vier Zentiliter Southern Comfort hinzu und fülle das ganze mit Soda auf.“

Meine Nachbarin schaute mich eindrucksvoll an.

„Woher kennen Sie das Rezept?“

„Ich habe während meines Studiums in einer Bar gearbeitet. Wurde zwar nicht oft verlangt, aber ist immer noch Standart.“

Wir lächelten uns an.

„Eine blutige Maria und für Sie, Herr Doktor?“

„Den Doktor schenken wir uns erst einmal. Ich nehme einen Schraubenzieher, auch als Screwdriwer bekannt.“

Er schaute ebenso fragend drein, wie beim vorangegangenen Getränkewunsch. Erdmute fiel wohl auch der fragende Gesichtsausdruck auf.

„Wo haben Sie gelernt, junger Mann? Ein Screwdriwer macht man aus Wodka und Orangensaft.“

Sie schüttelte ihr weißes Haupt.

„Diese Jugend von heute!“

Peter rauschte ab.

„Aber so alt sind sie doch auch wieder nicht. Sie könnten ja seine Schwester sein, jedenfalls seine Ältere.“

Ich blinzelte ihr zu und konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.

„Gut das Sie den Nachsatz gebracht haben, sonst hätte ich kein Wort mehr mit Ihnen gesprochen. Ich könnte seine Oma sein! Ich bin 72!“

Ich war erstaunt. So alt hätte ich meine Nachbarin nun wirklich nicht eingeschätzt. Sie sah erheblich jünger aus.

„Aber trotzdem danke für die Blumen. Es gibt also doch noch höfliche Männer!“

Peter brachte uns die Drinks und verkündete, dass man in zehn Minuten wohl starten würde. Man hätte Probleme mit der Wasserversorgung.

Wir tranken still vor uns hin. Plötzlich meinte die in ein rotes Kostüm gewendete Dame neben mir.

„Wollen wir die Plätze tauschen? Ich muss, wie ich mich kenne, nachher öfter mal raus. Falls Sie schlafen wollen, Herr ähh, wie war doch gleich Ihr Name?“

„Van Aart, Alexander van Aart.“

„Sagte der Bengel nicht was von Doktor?“

„Stimmt. Um genau zu sein Doktor jur. Alexander Caspar David Friedrich van Aart. Caspar mit C und Aart mit Doppel-A.“

Ihr Mund lächelte.

„Erdmute Konstanze Belzheim. Ganz normale Witwe.“

Sie prostete mir zu.

„Wie ist es nun mit dem Tausch?“

„Gerne!“

Ich erhob mich und stand auf dem Gang. Sie erhob sich ebenfalls und wir tauschten die Plätze. Als wir uns wieder gesetzt hatten, kam Peter und bat uns, die Sicherheitsgurte anzulegen. Wir würden sofort starten.

Wir taten wie uns geheißen und unterhielten uns weiter, als im Monitor vor uns die Sicherheitsbestimmungen abliefen.

„Was soll der Quatsch? Runter kommen wir auf alle Fälle!”

Ich war erstaunt.

„Aber wir beide sind wenigstens vernünftig angezogen?“

„Wozu?“, wollte ich wissen.

„Na, ist doch einfach. Meinen Sie, ich will im Trainingsanzug aufgebahrt werden!“

Wir waren beim freundschaftlichen Du angelangt, noch ehe die Räder des Airbusses im Rumpf verschwanden.

Kurz nach Köln wurden die Aperitifs serviert. Wir genossen das Essen und den Service, den man uns zuteil werden ließ. Wir unterhielten uns über Gott und die Welt.

Kurz vor Grönland meinte Erdmute: „Weshalb fliegst du eigentlich nach New York?“

„Der Liebe wegen!“

„Ach, du besuchst deinen Freund!“

Ich war verdattert.

„Wieso?“

„Alexander, sei ehrlich! Wer höflich und galant ist, einen richtigen Handkuss heutzutage noch beherrscht und eine Old Southern kann, mit dem stimmt was nicht. Und wer dann noch nach New York fliegt, der kann nur! Außerdem hast du den armen Steward ja fast ausgezogen mit deinen Blicken!“

Sie kicherte wie ein Schulmädchen. Ich blickte sie fast versteinert an.

„Gut, du hast Recht. Ja, ich fliege zu meinem Freund. Schlimm?“

„Im Gegenteil!“

Nun war ich wirklich erstaunt.

„Du meinst?“

„Ja, ich meine! Du hast wenigstens den Mumm zu sagen, wer du bist, wie du fühlst und für wen dein Herz schlägt. Wenn ich dagegen meinen Enkel sehe, könnte mir schlecht werden!“ Sie nippte an ihrer vierten Bloody Mary.

„Weißt du, mein Enkel Wilson heiratet übermorgen. Aber nicht, weil er will, sondern weil er muss. Meine Tochter ist so dumm und lebt nur noch nach Konventionen. Das hat sie von ihrem Mann, diesem Ami.“

Sie kippte den Drink in einem Zug herunter und hielt das Glas hoch. Peter sah es und es dauerte keine Minute, da war er mit einem neuen Glas zur Stelle.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Diese Frau war wirklich erstaunlich. Teilweise freier in ihren Ansichten als die heutige Elterngeneration.

„Und woher weißt du, dass Wilson verzaubert ist?“

„Nettes Wort.“ Sie lächelte.

„Eigentlich ganz einfach. Er war letzten Sommer bei mir zu Besuch. Da habe ich es durch Zufall entdeckt.“

„Und was sagte er dazu?“

„Nichts. Das ist es ja, was ich nicht verstehe. Wir sind doch heutzutage alle aufgeklärt und es ist doch nicht schlimm. Jeder soll nach seiner Fasson glücklich werden. Sagte übrigens schon der alte Fritz.“

Sie starrte auf ihren Drink.

„Aber er heiratet. Was soll’s. Er muss damit leben. Ist zwar nicht schön für die Frau, falls sie das herausfindet, aber …“

„Aber was?“

„Ich dachte immer, Amerika ist ein freies Land. Aber die beiden wurden durch ihre Eltern verkuppelt. Fast so wie bei uns früher auf dem Lande, wo die jungen Leute auch nichts zu sagen hatten, für wen ihr Herz zu schlagen hatte.“

Sie nahm einen großen Schluck.

„Alexander, weißt du, es ist für eine Frau einfacher, ihr Mann betrügt sie mit einer anderen als mit einem anderen!“ I

ch hob die Augenbrauen.

„Tut mir leid. Diese Logik ist mir zu weiblich.“

„Ist doch ganz einfach. Bei einer Frau kann ich kämpfen, da ist noch nicht alles verloren, aber wenn mein Gegner ein Mann ist, habe ich verloren. Dann brauche ich noch nicht einmal den Versuch zu unternehmen. So meine ich das.“

Ich blickte sie immer noch leicht verwundert an. Aber irgendwie musste ich ihr Recht geben. Der Krieg war schon verloren, ehe er richtig begann.

„Seine zukünftige Frau ist die Tochter eines Geschäftspartners seines Vaters. Ich glaube, seines wichtigsten Partners. Es ist also wie früher auf dem Lande.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Du meinst, wenn man den Sohn mit der Tochter des Nachbarn verheiratete, um mehr Land zu haben?“

„Du hast es!“

Ich schaute sie an. Sie wirkte irgendwie resigniert.

„Hätte ich ihn im letzten Sommer nicht mit dem Nachbarn erwischt, würde ich ja nichts sagen.“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Erst wollte er sich herausreden, es wäre nur eine Phase. Aber das dürfte ja wohl eher bei einem Fünfzehn- als bei einem Fünfundzwanzigjährigen der Fall sein.“

„In der Regel schon, aber es soll auch Spätzünder geben.“

Sie schaute mich erstaunt an.

„Daran hätte ich auch gedacht, aber du weißt ja nicht, wie ich die beiden erwischt habe!“

Sie machte mich neugierig.

„Wie denn?“

„Das möchte ich lieber nicht sagen. Es war zu extrem!“

„Der Zungenkuss zweier Männer wurde mal als extrem eingestuft und mit Zuchthaus bestraft.“

„Das war aber vor Jahrzehnten, mein Lieber. Inzwischen hat sich einiges geändert.“

Sie verschwand wieder einmal. Während ich auf den nun leeren Platz neben mir schaute, fragte ich mich, wie extrem die Situation wohl gewesen sein mochte. Nicht, dass ich neugierig war, ich wollte es lediglich wissen.

Ich liebe es, mich auf Flügen zu unterhalten, jedenfalls manchmal. Wenn mein Pendant, egal ob männlich oder weiblich, interessant ist, und das stellt sich meistens innerhalb der ersten zwei Minuten heraus, dann ist der Flug ziemlich kurzweilig. Man merkt dann gar nicht, dass man auf das Rauchen verzichten muss.

Wenn man aber das Gefühl hat, das Gespräch wird einem aufgezwungen, dann wird aus einer Stunde eine ganze Ewigkeit. Ich merkte gar nicht, dass sie wiederkam. Es lag wohl an den Drinks, aber entgegen meinen Angewohnheiten, schlummerte ich ein. Geweckt wurde ich ziemlich unsanft durch einen Ruck.

„Schönheitsschlaf beendet?“

Ich schaute leicht verschlafen auf Erdmute.

„Was war?“

„Nur ein Luftloch. Du solltest dich anschnallen, wenn du weiter schlafen möchtest.“

Ich nahm mir die Brille ab und rieb mir die Augen.

„Schlafen kann ich später noch. Ich brauche jetzt was zum wach werden.“

Sie winkte unserem Steward, der auch prompt kam. Er hatte ja auch nur die acht Gäste der First zu betreuen. Der neue Airbus A340, der uns über den Atlantik transportierte, hatte nur acht Sitze in der ersten Klasse und nicht zehn oder zwölf, wie bei anderen Gesellschaften.

„Das gleiche noch einmal?“

„Nein, für mich nichts Hartes mehr. Ich nehme einen Sekt für den Kreislauf.“

„Ich nehme noch eine Maria. Haben Sie Kaugummis?“

Er schaute etwas verwundert, da er mit der Frage wohl nicht gerechnet hatte, jedenfalls nicht aus ihrem Mund.

„Welcher Geschmack?“

„Ist mir egal. Ich will den Zöllner nicht gleich mit einer Fahne begrüßen müssen.“

„Dann bringe ich Ihnen besser die Lutschbonbons.“

Er ging grinsend ab und kam kurze Zeit mit zwei Gläsern und einer Minitüte einer schweizerischen Firma zurück.

„Das reicht ja für uns beide. Danke, Peter!“

Er verschwand.

„Was machst du morgen?“

Ich schaute sie verdutzt an.

„Na, du fliegst doch nicht nur rüber, um mal mit deinem Freund einen Tee zu trinken.“ „Stimmt. Aber ich habe seinen Dienstplan nicht im Kopf sondern im Organzier.“ „Dienstplan?“

„Scott ist Steward.“

„Ein Kollege von unserem Kleinen?“

Ich nickte. „Aber bei einer anderen Gesellschaft.“

„Warum fliegst du dann nicht mit der? Da müsstest du doch eigentlich Freiflüge kriegen?“ „Das ist leider nicht ganz so einfach. Wenn ich eine Frau und seine Verlobte wäre, dann ja. Aber seine Gesellschaft ist halt noch etwas konservativer als die meinige. Sie kommt ja auch aus Texas.“

Ein mitfühlendes Lächeln umspielte ihren Mund.

„Tja, das freieste Land der Welt ist gefangen in den Konventionen des letzten Jahrhunderts.“ „Wem sagst du das! Was ich bei den Amerikanern nicht verstehe, es regt sich fast niemand auf, wenn im Frühstücksfernsehen das Blut aus dem Katen fließt, aber wehe, im Nachtprogramm küssen sich zwei Männer!“

Sie lachte laut auf.

„Aber wie sieht es nun aus?“

„Warte. Ich muss sowieso mal für kleine Königstiger.“

Ich erhob mich und sie ließ mich passieren. Ich hantierte an der Gepäckablage und holte meinen Aktenkoffer aus derselben.

„Hältst du mal?“

„Gerne.“

Ich schloss die Klappe und öffnete den Deckel. Ich nahm die schwarze Ledermappe heraus und warf sie auf meinen Sitz. Den Koffer verstaute ich wieder in der Gepäckablage und mache mich auf den kurzen Weg, meine Notdurft zu verrichten.

„Schon wieder zurück?“

„Ich war noch gar nicht. Die eine Toilette ist defekt und auf der anderen scheint jemand an einer Debatte des Bundestages teilzunehmen.“

„Dann musst du wohl zu den Pariern!“

Sie schaute lächelnd in meine fragenden Augen.

„Na, du musst wohl in die Zweite Klasse.“

Ich zog die Stirn hoch und ging durch den Vorhang, der die Abteile voneinander trennte. Das WC befand sich gegenüber der Galley, wie die Küche in Flugzeugen auch genannt wird. Dort sah ich Peter. Er kam sofort auf mich zu.

„Kann ich etwas für Sie tun?“

„Nein, ich glaube nicht.“

Ich deutete auf die Toilette.

„Oder geht Ihr Service soweit?“

Er grinste mich an.

„Nicht der an Bord, Herr Doktor van Aart. Nicht der an Bord.“

„Habe ich nicht gesagt, wir können den Doktor vergessen?“

„Haben Sie. Aber wir sind hier an Bord und da kann und darf man nicht so, wie man immer möchte.“

Ich nickte und setzte meinen Weg fort. Er hantierte an einem der Rollwagen, als ich die Wasserspiele verließ.

„Möchten Sie einen?“

Er hielt mir einen Schokoriegel hin und grinste.

„Danke nein, mein Zahnarzt hat mir zuviel Süßigkeiten verboten.“

„Und wie wäre es damit?“

Er kam auf mich zu und küsste mich flüchtig. Stimmte meine Vermutung also.

„Na, das waren ja kaum Kalorien.“

Wir lachten beide.

„Aber wer sagte gerade, man kann an Bord nicht immer so, wie man will?“

„Erwischt. Aber ich konnte nicht anders. Ich habe nämlich einen Teil Ihrer Geschichte gehört. Das Sie auf dem Weg zu ihrem Freund sind.“

Er grinste.

„Sollten wir das Sie nicht besser lassen? Ich bin der Alexander.“

„Sobald wir von Bord sind, gerne.“

Da waren wieder die Konventionen, die sein Dienst mit sich brachte.

„Augenblick.“

Ich griff in meine Gesäßtasche und holte mein Portemonnaie hervor.

„Hier. Da sind alle Nummern drauf, unter denen man mich erreichen kann. Nur wunder dich nicht, wenn unter der New Yorker Nummer jemand anders an den Apparat geht.“

„Dein Freund?“

Ich nickte.

„Hätte ich auch gerne.“

„Das kommt schon! Schau mich an. Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.“

Ich blinzelte ihn an.

„Herr Doktor!“

Er schaute mich strafend an. Wir mussten beide lachen.

„Aber mal ehrlich. Ich gebe die Nummern nicht an jeden. Nur an die, die ich sympathisch finde.“

„Danke für die Blumen. Ich bin also nett?“

„Bist du. Wir müssen uns unbedingt näher kennen lernen!“

„Gern. Ich finde Sie auch sympathisch. Ich melde mich bestimmt.“

„Versprochen?“

„Großes Ehrenwort. Aber hier in New York wird es wohl nichts werden!“

„Wieso?“

„Na, ich bin neu in der Crew. Da muss ich erst mal die anderen näher kennen lernen. Aber übernächste Wochen habe ich vier Tage frei. Vielleicht kann man sich da sehen?“

„Wäre nett. Das wann, wo und wie können wir dann ja immer noch klären. Ich brauche lediglich eine Nummer, wie ich dich erreichen kann.“

Er nickte, zog sein Portemonnaie hervor und reichte mir seine Karte.

„Meine private Karte. Kriegt auch nicht jeder!“

Wir lächelten uns an, als plötzlich der hintere Vorhang der Küche aufgezogen wurde und ein Rollwagen herein geschoben wurde. Hinter ihm tauchte eine Brünette auf, die den Wagen gerade noch abbremsen konnte, sonst hätte der gute Peter keine Hacken mehr gehabt.

„Lässt du deine Gäste jetzt selber laufen?“

Ihre Stimme klang leicht erbost.

„Nein. Ich war gerade da, wo auch der Kaiser zu Fuß hingeht. Und leider kann ich nicht mehr sitzen.“

Ich stütze meine Hände in meine Seiten und streckte mich.

„Aber ich bin schon verschwunden und überlasse sie wieder der Arbeit.“

Ich verschwand wieder zu meinem Platz.

„Erfolg gehabt.“

„Wieso?“

„Du warst ja eine Ewigkeit weg!“

Ich setzte mich auf meinem Organzier, der immer noch auf meinem Platz lag.

„Da haben wir ihn ja.“

Ich zog ihn hervor und öffnete ihn. Die Karte, die mir Peter gerade in die Hand gedrückt hatte, steckte ich in das dafür vorgesehene Fach.

„Mit wem hast du geflirtet?“

„Mit niemandem.“

„Und die Karte?“

„Die ist von Peter.“

„Also doch geflirtet!“

In ihrer Stimme lag ein gewisser Triumph.

„Glaub doch, was du willst. Er brauchte meinen juristischen Rat.“

„Erzähl das deiner Oma, aber nicht mir. Du bist besserer Buchhalter, auch wenn du Jurist bist.“ Sie hatte Recht, aber ich kannte mich ja schließlich auch in Personalsachen aus. „Ich bin in der Innenrevision, da muss man mehr können, als Zahlen addieren.“

„Nun sei mal nicht eingeschnappt. Ich bin ja schon ruhig.“

Sie kippte ihren Drink hinunter und drückte den Serviceknopf. Peter erschien keine zwanzig Sekunden später.

„Bitte?“

„Noch mal das gleiche und für meinen jungen Freund hier einen Baldriantee zur Beruhigung!“

Er schaute mich fragend an.

„Ich nehme noch einen Sekt.“

„Sehr wohl.“

Er kam mit den Getränken zurück und stellte sie auf den dafür vorgesehenen Tischen ab. „Bitte. Und danke noch einmal für eben, Herr Doktor. Sie haben mir sehr geholfen.“

Er blinzelte mir zu und ich konnte nur nicken. Er hatte ein ungewöhnliches Maß an Fingerspitzengefühl.

Erdmute schaute mich fragend an.

„Dann habt ihr also nicht geflirtet?“

„Sagte ich das nicht schon?“

Von dem Kuss musste ich ihr ja nichts erzählen.

„Aber du dachtest wieder, wenn …“

„Verzeihung. Nimmst du meine Entschuldigung an?“

„Nur wenn wir morgen Tee trinken.“

Sie lachte laut auf, so laut, dass sich einige Mitreisende nach uns umdrehten.

„Wir fallen auf!“

„Dürfen alte Leute denn keinen Spaß mehr haben?“

„Doch. Wie sieht es aus?“

„Ich weiß noch nicht, was meine Tochter für mich geplant hat. Aber das ist mir egal! Was machst du übermorgen?“

„Am Samstag? Warte mal.“

Ich blätterte im Organzier und fand das Fax von Scott mit seinem aktuellen Dienstplan. „Aber da ist doch die Hochzeit.“

„Genau. Ich brauche noch einen Tischherrn. Ich habe keine Lust, wieder neben diesem verknöcherten Professor zu sitzen, den man mir letztes Mal zugeteilt hat.“

Ich grinste.

„Kann ich mir vorstellen. Aber was würde denn deine Familie dazu sagen?“

„Nichts! Die wären sprachlos und würden um ihr Erbe fürchten. Du könntest mein Enkel sein. Wie sieht es aus?“

„Tut mir leid. Scott hat das Wochenende frei und …“

„Ich verstehe, dass ihr dann da lieber was anderes macht. Aber ich will ihn unbedingt kennen lernen.“

„Das Lässt sich gerade noch einrichten.“

Ich konnte mir mein Grinsen nicht verkneifen.

„Hier.“

Ich reichte ihr eine meiner Karten.

„Da kannst du mich in den nächsten Tagen erreichen.“

„Danke. Ich kann leider nicht mit so etwas dienen. Da musst du schon Papier und Bleistift nehmen, wenn du mich verewigen möchtest.“

„Möchte ich.“

Sie gab mir ihre Adresse in Deutschland.

„Wie kann ich dich in New York erreichen?“

„Normalerweise wohne ich ja bei meiner Tochter. Aber wegen der Hochzeit hat man mich im Hotel untergebracht.“

„Welches denn?“ „Ich glaube, im Plaza.“

„Dann grüß mir mal Georg.“

„Wer ist das denn schon wieder?“

„Georg ist Concierge im Plaza und der Freund von Sebastian.“

„Und wer ist das?“

Während des restlichen Fluges erklärte ich ihr die Zusammenhänge, wen ich wann und wo kennen gelernt hatte und wer mit wem und wem nicht.

Das Zeichen zum anschnallen leuchtete auf. Eigentlich lande ich lieber in Newark, wenn ich Big Apple besuche. Der Flughafen ist zwar kleiner, aber es geht dort wesentlich schneller und freundlicher zu. JFK ist überlastet und vor allem, wenn man, wie wir, dort abends landet, kann es vom Verlassen des Flughafens bis zum Verlassen des Gebäudes bis zu zwei Stunden dauern.

Der Flug von Mitteleuropa dauert auch in der Regel eine halbe Stunde länger, da der Flieger erst fast bis Newark fliegen muss, um dann über dem Atlantik den Landeanflug einzuleiten.

Unser Gepäck hatten wir diesmal relativ schnell. Es dauerte keine halbe Stunde und wir standen in der Schlange, um unseren Pass und die grüne und die weiße Einwanderungskarte vorzuzeigen und uns abnehmen zu lassen.

Ich hasse unnutzes Warten und die halbe Stunde, die wir mittlerweile diesem englischen Hobby frönten, war eine reine Zeitverschwendung. Aber man konnte nichts machen. Die Zollbeamten, unterbezahlt und chronisch unterbesetzt, taten ja auch nur ihre Pflicht. Trotzdem hätte es schneller gehen müssen.

Ich schob den Kofferwagen einen halben Meter weiter und drehte mich zu Erdmute um. „Teilen wir uns gleich ein Taxi oder nehmen wir die Metro?“

„Mit dem Gepäck in die Metro?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Falls mich niemand abholt, nehmen wir uns ein Taxi. Wir wohnen ja schließlich nicht weit voneinander entfernt.“

Wenn man bedenkt, dass wir gerade mehr als 6600 km zurückgelegt hatten, waren die zweitausendfünfhundert Meter ein Katzensprung.

„Stimmt auch wieder.“

Ich musste lachen.

„Es geht einen halben Meter weiter.“

„Your Passport please!“

Ich tat, wie mir geheißen, und reichte dem in schwarz gewandeten Mann meinen Pass. Er blätterte ihn durch und sah zum ersten Mal auf.

„Alex. How are you?“

„Richard?“

„Yeah, it’s me!“

„Fine, thanks. And you?“

„I’ve to work until twelve.

Then I will be better. Visiting Scott?“

„Do you know a better business?“

Er schüttelte den Kopf und lächelte.

„I’ve to hurry.“

Er suchte eine freie Seite in meinem Pass und signierte den neuen Stempel.

„I’ll give you a call. Perhaps we four can do something together.“

„Bye, and special greetings.“

Er gab mir die Hand.

„Take care. See you soon.“

Er lächelte mich an und verlangte nach dem nächsten in der Schlange. Erdmute kam lächelnd auf ihn zu. Ich wartete in der Halle auf sie.

„Was machen wir jetzt?“

„Ich weiß nicht, was du machst, aber ich werde jetzt erst einmal ein Rauchopfer darbringen. Ich kann die Nikotinkaugummis nicht mehr sehen, auch wenn sie helfen!“

Sie nickte.

„Aber sag mal, woher kanntest du denn den Zöllner.“

„Richard? Sein jetziger Freund ist der Ex von Sebastian. Sie verstehen sich jetzt besser, als damals, als sie noch zusammen waren.“

Sie nickte.

„Während du draußen rauchst, schaue ich mich mal um. Vielleicht werde ich ja doch abgeholt.“

„Das kann man ja auch erwarten. Schließlich dürftest du ja der Hochzeitsgast mit der weitesten Anreise sein!“

Sie grinste und drehte sich um.

Ich fuhr mit dem Wagen aus dem Terminal und atmete erst einmal tief durch. Es war halb zehn durch, als ich nach über acht Stunden die erste Zigarette ansteckte. Es war eine Wohltat. Jemand tippte mir auf die Schulter.

„Do you need a cab?“

„No, only this smoke!“

Ich grinste ihn an und inhalierte tief.

„Alexander! Hier!”

Ich drehte mich in Richtung der Ruferin und schob den Wagen auf die in Pelz gekleidete Erdmute zu, die mit einer jungen rotblonden Frau in Minirock zusammenstand.

„Alex, dass ist meine Enkelin Victoria. Vicky, Herr Dr. van Aart. Ich habe ihm versprochen, dass wir ihn mitnehmen. Geht doch, oder?“

Sie nickte und gab mir brav die Hand und knickste sogar. Soviel Ehrerbietung hatte ich jahrelang nicht mehr erlebt.

„Grüß dich. Ich darf doch du sagen?“ „Natürlich Herr Doktor.“

„Ich bin der Alex. Den Doktor vergessen wir mal.“

„Oki.“

„Wo steht dein Wagen?“

„Gleich hier.“

Sie deutete auf den blauen Kombi, der hinter ihr stand. Ich steuerte den Wagen Richtung Heck.

„It’s open!“

„I see.“

Ich öffnete ihn und lud die Koffer um. Den Wagen stellte ich an der Wand des Terminals ab und ging auf den Mercedes zu, in dem die beiden Damen schon Platz genommen haben. Ich setzte mich zu Erdmute auf die Rücksitzbank.

„Wohin müssen Sie, ähh, wo musst du denn hin?“

„Relativ einfach. 44ste Straße Ost zwischen Erster und Zweiter.“

„Das ist doch in der zwischen Grand Central und UNO.“

„Genau.“

Sie legte den Gang ein und fädelte sich in den abendlichen Verkehr ein. Das Gespräch im Wagen drehte sich um die bevorstehende Hochzeit. Ich lehnte mich zurück und genoss die Fahrt durch Queens, wenn man Queens überhaupt genießen kann.

Vicky lenkte den Wagen äußerst geschickt durch den immer noch starken Verkehr. Man merkte ihr an, dass sie hier das Fahren gelernt hatte. Obwohl ich viel länger meinen Führerschein habe und wahrscheinlich mehr Kilometer im Jahr fahre als die Neunzehnjährige, setze ich mich in New York nie hinter ein Steuer, es sei denn, es ist ein Notfall. Man kann hier zu jeder Tages- und Nachtzeit jeden beliebigen Punkt in der Stadt mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen, auch wenn, bösen Zungen zufolge, das Metro-System von einem betrunkenen Taxifahrer kreiert wurde.

Man kommt tagsüber als Fußgänger meistens schneller voran als hinter dem Steuer eines Wagens. Der wichtigste Punkt aber, der gegen einen Wagen in New York spricht, jedenfalls in Manhattan, ist die horrende Garagenmiete, die man zahlen müsste, um das Gefährt auch sicher unterstellen zu können.

Preise bis zu US $ 250 sind keine Seltenheit.

„Ihr kommt doch auch?“

Ich erschrak, ich war so in meinen Gedanken versunken gewesen, dass ich dem Gespräch der beiden Frauen seit geraumer Zeit gar nicht mehr zugehört hatte.

„Wohin?“

„Alex, du schläfst ja schon halb!“

„Entschuldige bitte. Ich bin wirklich etwas müde. Wann und wohin sollen wir kommen?“ „Wir wollen am Sonntag ein Picknick machen, wenn das Wetter gut ist.“

„Picknick im Park! Habe ich lange nicht mehr gemacht.“

Wir kamen aus dem Queens Midtown Tunnel heraus und Vicky musste sich neu einordnen. „Welche Nummer?“

„Dreihundertzehn.“

Es dauerte keine fünf Minuten mehr, und sie parkte in zweiter Reihe vor dem Haus aus den fünfziger Jahren.

„Danke.“

Ich beugte zu Erdmute herüber und küsste sie auf die Wange.

„Ich rufe dich morgen an. Grüß schön und gib ihm einen dicken Kuss.“

„Werde ich machen. Aber nur einen!“

Ich küsste sie auf die andere Wange und öffnete die Tür. Ich ging zum Heck und holte meine Koffer heraus. Ich winkte, immer noch auf der Straße stehend, den beiden hinterher, ehe ich mein Gepäck aufnahm und in Richtung Haus ging.

Meine Müdigkeit war einer Vorfreude gewichen. Ich stürmte in das Haus. Der italienische Portier schaute mich fragend an. Ich kramte meinen Hausausweis hervor, der mich als Bewohner auswies hervor und er ließ mich in Richtung Fahrstühle passieren.

Ich drückte den Knopf und es öffnete sich eine der drei goldfarbenen Türen. Ich bestieg die Kabine und drückte den Knopf für die elfte Etage. Kurze Zeit später stand ich vor der Tür. Ich holte den Schlüsselbund aus der Manteltasche und öffnete.

Donnerstag 22:30 est

Der Flur war erleuchtet. Scott musste vergessen haben, die Lampen zu löschen, als er heute Morgen die Wohnung verlassen hatte. Wenn die Maschine aus Dallas pünktlich landet, dachte ich, dürfte er in knapp einer Stunde bei mir sein.

Ich war auf seinen Gesichtsausdruck gespannt, wenn er mich hier vorfinden würde. Er hatte heute einen relativ leichten Tag, viermal Kurzstrecke: New York – Chicago, Chicago – Atlanta, Atlanta – Dallas und dann wieder zurück. Ich stellte die Koffer ab, zog den Mantel aus und hängte ihn an die Garderobe, die wir uns selbst zu Ostern erst geschenkt hatten.

Ich sah mich um. Die Glastür zum Wohnzimmer stand offen. Es war dunkel. Nur die letzten Reste des Tageslichts drangen durch die drei Fenster, von denen eines, wie immer, halb geöffnet war.

Ich ging ins Wohnzimmer zur Schrankwand, goss mir einen doppelten Wodka ein und schaltete die Stereoanlage an. Aus den Lautsprechern erklang die Ouvertüre zu Verdis Aida. Ich überlegte, wann ich das letzte Mal die am Weihnachtsabend 1871 uraufgeführte Oper gesehen hatte. Ich summte die ersten Takte mit, als die Erinnerung zurückkam.

Es war vor neun oder zehn Jahren in der Arena von Verona gewesen. Die Aufführung war grandios und die Begleitumstände unheimlich lustig, jedenfalls aus heutiger Sicht betrachtet. Mein damaliger Freund Friedhelm hatte mir die Reise zum Geburtstag geschenkt und wir fuhren in seinem Panda über die Alpen.

Es wunderte mich, dass er noch Karten bekommen hatte. Auch wenn es nur die einfache Kategorie war, war es doch wunderbar. Weniger erbaulich war allerdings unsere Unterkunft. Wir mussten auf einem Zeltplatz nächtigen.

Nicht, dass ich irgendetwas gegen das Leben in Gottes freier Natur oder gar auf einem modernen Campingplatz hätte, aber es war ein Bild für die Götter. Zwei Mann machen sich auf einem Campingplatz für die Oper fertig.

Neben Urlaubern in Bermudashorts und Badelatschen föhnte ich mir, schon im Stehkragenhemd, die Haare. Unser Zelt hatten wir nah am Wasser. Auf dem Weg zum Parkplatz kam ich mir vor wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird.

Alle Welt starrte uns an, als ob wir von einem fremden Stern kämen. Hatten denn die Biertrinkenden Sommerfrischler noch nie zwei Herren mit Smoking und Bauchbinde gesehen?

Ich blickte aus dem Fenster in die langsam sich verdichtende Dunkelheit. Ein Gefühl von Behaglichkeit machte sich breit. Ich war zufrieden mit mir und der Welt. Ich stand vielleicht fünf Minuten still dar und lauschte der Musik.

Langsam bekam ich wieder Hunger. Ich ging in die Küche und überlegte, was ich mir den zubereiten solle. Scott wird im Flugzeug gegessen haben und es dürfte zu spät werden, wenn wir noch Essen gehen würden.

Sein Wecker würde, wie jeden Morgen, um sieben Uhr klingeln und er würde putzmunter den Tag beginnen. Das war der einzig gravierende Unterschied zwischen uns. Nach der zweiten Tasse Kaffee und der ersten Zigarette bin ich gerne willens und bereit, die Probleme dieser Welt zu lösen, aber vorher sollte man mich tunlichst in Ruhe lassen und nicht erwarten, dass ich außer Sätzen wie „Krieg ich noch Kaffee?“, „Wo ist die Zeitung?“ oder „Haben wir noch Toast?“ etwas herausbringe.

Scott hat diese Laß-mich-besser-in-Ruhe-Phase immer gegen zwei Uhr mittags, jedenfalls wenn er frei hat. Ich verziehe mich dann meistens ins Wohnzimmer und lese oder gehe bei dem kleinen Supermarkt um die Ecke einkaufen, während er sich hinlegt. Wie er mich mit morgens mit Frühstück weckt, wecke ich ihn nachmittags mit Kaffee und, so ich ihn erstehen konnte, Kuchen.

Ein Blick in den Kühlschrank verwarf jeden kühnen Plan, sich selbst etwas zuzubereiten. Es war wieder einmal nichts im Haus, jedenfalls nichts Essbares. Es starrten mich nur drei Tüten Orangensaft, etliche Flaschen Bier und zwei Becher Eiscreme an.

Eine angebrochene Flasche Weißwein, vier Dosen Cola, zwei angetrunkene Plastikbehälter Mineralwasser rundeten das Bild des Kühlschranks ab. Auch der Vorratsschrank am anderen Ende der Arbeitsplatte, die sich wie ein langer Schlauch über die gesamte Länge der Küche zog, bot ein ähnliches Bild.

Ich fand zwar vier Tüten Plätzchen, ein Beutel mit Donuts, die vielleicht vor einer Woche mal frisch waren, und acht Menüs für die Mikrowelle, von denen allerdings einige schon aussahen, als hätten sie längst die Grenze ihres Haltbarkeitsdatums überschritten. Morgen wird wohl ein Großeinkauf fällig, schließlich hatte

Scott die nächsten Tage frei, und die wollte ich nicht unbedingt in irgendwelchen Supermärkten verbringen. Ein Vorteil würde es auch noch haben, ich konnte bestimmen, was den Weg in die Wohnung und somit in unsere Mägen nehmen würde. Nicht, das Scott keinen Geschmack hätte, aber außer Wasser für Nudeln und für Eier konnte er nicht viel kochen, während ich es liebe, auch mal was neues auszuprobieren.

Ich hatte keine Lust, mich jetzt noch nach unten in den Laden zu begeben und einzukaufen, so würdigte ich noch einmal die Fertiggerichte eines Blickes. Die Auswahl war nicht gerade sehr prall. Huhn indisch, Huhn chinesisch, Huhn italienisch und Huhn amerikanisch. Ich entschied mich für die indische Machart, vielleicht, weil sie noch am appetitlichsten aussah, jedenfalls auf der Packung.

Ich stellte die Mikrowelle auf fünf Minuten ein und ging zurück in den Flur, in dem immer noch meine Koffer standen. Morgen musst du waschen, dachte ich beim Anblick des schwarzen Kurzreisekoffers, der mich ja eigentlich nur in die bayerische Landeshauptstadt begleiten sollte und mittlerweile geöffnet auf dem Bett lag.

Ich packte die Sachen schnell aus und schmiss das meiste gleich in den Korb mit schmutziger Wäsche. Die beiden frischen Hemden, die ich noch hatte, kamen auf einen Bügel in den Kleiderschrank, ebenso der Rest meiner Sachen.

Die Kulturtasche wollte ich ins Bad bringen, als die Klingel ertönte, die verkündete, dass das Huhn zum sofortigen Verzehr bereit sei. Ich ließ die Sachen so liegen und lenkte meine Schritte rechts in Richtung Küche, die gerade einmal knapp zwei Meter in der Breite maß, dafür aber fast doppelt so lang war.

Ich rückte mir einen der beiden Küchenstühle zurecht und genoss schweigend mein üppiges Mahl. Wenn man es etwas nachwürzte, konnte man es essen. Ich fragte mich zwar, was daran typisch indisch sei, denn außer der gelblichen Farbe, die wohl an Curry erinnern sollte, schmeckte es irgendwie nach nichts.

Ich spülte das einstmals so stolze Federvieh mit dem Rest Wodka herunter und machte mich wieder ans Werk. Meine Sachen hatte ich schnell weggeräumt und der Koffer verschwand im Keller, wie ich die Abstellkammer direkt links am Eingang in Ermangelung eines solchen nannte.

Scott war froh, die Wohnung vor drei Jahren gefunden zu haben, als er aus den Tiefen North Carolinas in die Stadt zog und hier bei einer Fluggesellschaft, die da die Amerikanische heißt, als Steward anfing. Wohnungen in Manhattan sind unheimlich teuer, Quadratmeterpreise von 30 Dollar und mehr keine Seltenheit.

Er hatte die Wohnung über einen Freund bekommen, der das alte Ehepaar, was bis dahin hier wohnte, kannte. Die beiden zogen nach Florida, blieben allerdings Mieter der Wohnung in der 44sten Straße und vermieteten an Scott nur unter.

Ihr Mietvertrag aus den fünfziger Jahren war Gold wert, denn er sicherte einen Mietzins zu, der nur in engen Grenzen erhöht werden durfte. Die Wohnung mit ihren fast 70 Quadratmetern kostete inklusive Türsteher und allem Drum und Dran keine 850 Dollar.

Wäre er jedoch Mieter mit einem neuem Vertrag, müsste er so knapp das Doppelte auf den Tisch des Hauses legen, um das Vergnügen zu haben, bei jeder Generalversammlung der Vereinten Nationen nur nach einer Leibesvisitation zu seiner Wohnung zu gelangen. Prominente Nachbarn bringen nicht immer nur Vorteile.

Ich blickte auf die Uhr. Es war mittlerweile kurz vor elf. Mein Göttergatte muss sich jetzt schon auf dem Weg zu mir, respektive zu sich, befinden. Ich ging ins Wohnzimmer und legte eine neue CD auf.

Meine Wahl fiel auf Beethovens Variationen über God Save the King, ein eher selten gespieltes und noch seltener eingespieltes Werk. Ich hatte das Glück gehabt, im größten CD-Laden der Stadt eine Aufnahme mit dem Meister eigenem Hammersteinflügel zu ergattern.

Ich goss mir einen Whiskey ein und setzte mich auf das an der Wand stehende Zweiersofa. Das Licht im Flur drang durch die Glastür, es war die einzige Beleuchtung des Raumes. Ich schaltete die auf dem Beistelltisch stehende Tiffanylampe an, die Scott von einem Besuch aus Brüssel mitgebracht hatte, und mein Blick fiel auf das Telefon.

Der Anrufbeantworter, der daneben stand, blinkte. Ich ergriff den Hörer und wählte meine eigene Nummer. Ich wollte meinen eigenen Anrufbeantworter abhören. Nach einigen Sekunden drang meine eigene Stimme aus dem Hörer. Ich tippte den Code und das Gerät spulte zurück. Wer mochte was von mir wollen?

Ich hatte den Telefonknecht erst gestern Abend von München aus abgehört. Ich lauschte gebannt, als nach dem ersten Pfeifton eine mir unbekannte Stimme mitteilte, dass ich meinen Wagen aus der Inspektion abholen könne.

Der zweite Anrufer war Thomas, der fragte, ob ich Sonntag Lust hätte, mit ihm wieder mal eine Partie Backgammon zu spielen. Beim dritten Anruf stockte mir der Atem.

„Alex, Sebastian hier. Ruf mich sofort an!“ Was sollte das bedeuten? Wieso sollte ich ihn zurückrufen? Die Uhrzeit, die mein AB mir mitteilte, war 20:10. Ich rechnete. Sebastian muss mich kurz nach zwei Eastern Standart Time angerufen haben.

Ich blickte auf die Uhr. Es war elf Uhr durch. Seit dem Anruf waren also neun Stunden vergangen. Ich legte auf und wählte die Nummer aus Brooklyn, wo Sebastian mit seinem Freund Richard in einer dieser neumodischen Lofts lebte.

Ich rechnete mit der hier fast obligatorischen Maschine, aber anstatt der Stimme vom Band war ein Mensch am anderen Ende der Leitung.

„Hello, Richard here!“

„Alex calling. How are you?“

„Alex, is this you?“

Ich verstand nur Bahnhof.

„It’s me! What’s up?“ #

„Alex, a minute!“

Er legte den Hörer beiseite und rief Sebastian. Der Hörer wurde übergeben.

„Alex. Bist du es?“

„Ja. Was gibt‘s?“

„Setz dich besser!“

„Ich sitze bereits vor einem Whiskey und höre Beethoven. Ich habe gerade meinen Anrufbeantworter abgehört. Was zum Teufel ist los?“

„Ich muss dir was sagen!“

Er spannte mich wirklich auf die Folter.

„Nun sag schon, was ist los. Ich habe nicht den ganzen Abend Zeit!“

„Du musst kommen. Egal wie, du musst kommen!“

„Wohin? Nach New York?“

„Ja. Ich hol dich ab, sobald du gelandet bist!“

Ich wusste wirklich nicht, was sein Verhalten bedeuten sollte.

„Sebastian! Jetzt sag mir endlich, was los ist! Ich erwarte gleich meinen Gatten, falls du nichts dagegen hast.“

„Du bist in der Stadt? So schnell?“

Erstaunen lag in seiner Stimme.

„Ja, ich will ihn überraschen. Ich habe ein paar Tage frei und was soll ich alleine in Deutschland?“

Er schluckte und atmete tief durch.

„Alex, bleibe, wo du bist. Ich bin in zehn Minuten bei dir!“

„Was ist?“

„Später!“

Der Hörer wurde aufgelegt. Ich saß wie erstarrt da, den Hörer in der Hand. Ich legte auf und wusste nicht, was ich sagen soll. Es war eigentlich nicht seine Art, lange um den heißen Brei herum zu reden.

Ich trank den Whiskey in einem Zug, er brannte mir in der Kehle. Ich wusste nicht, was ich von der ganzen Sache halten sollte. Ich hörte noch einmal meinen Anrufbeantworter ab, konnte aber keine neuen Informationen gewinnen.

Ich starrte ins Leere und wanderte zum Fenster. Mein Hirn arbeitete auf Hochtouren, aber ich konnte weder aus seinen Anruf bei mir noch aus dem eben gesagtem einen logischen Schluss ziehen. Es verging knapp eine Viertelstunde, ehe das Haustelefon läutete.

Ich ging zur Tür und nahm den Hörer aus der Wandhalterung.

„Yes?“

„A man named Sebastian Millhouse MD wants to talk to you.“

„It’s okay.“

Nach weiteren drei Minuten klingelte es an der Haustür. Ich öffnete, vor mir standen Sebastian und Richard und machten nicht gerade den frischesten Eindruck. Beide waren zwar Ärzte, aber Richard arbeitete in der Gesundheitsverwaltung und Sebastian war Kinderarzt.

Es ging auf halb zwölf zu.

„Kommt rein und legt ab!“

Ich gab die Tür frei und ging zur Garderobe, die auf zwischen Abstellkammer- und Wohnzimmertür ist. Ich streckte meine Hand aus und wollte Sebastians Mantel neben den meinen hängen, als er auf mich zukam und mich fest an sich drückte.

Richard ging um uns herum ins Wohnzimmer und steuerte direkt das Barfach an.

„Komm!“

Sebastians Stimme glich einem Flüstern. Er führte mich ins Wohnzimmer und drückte mich in den Sessel. Er blieb hinter mir stehen und ließ seine rechte Hand auf meiner linken Schulter ruhen. Richard reichte mir ein Glas nickte mir zu.

Er nahm sich selber auch eins und stürzte es in einem Zug herunter.

„Alex, es ist was Schlimmes passiert!“

„Was?“

„Scott. Er …“

Sebastian versagte die Stimme.

„Was ist los?“

Richard hatte sich das zweite Glas eingeschüttet.

„Scott ist im Krankenhaus!“

Ich war erschrocken, nahm das Glas und trank einen Schluck.

„Was ist passiert?“

Ich hörte nur ein Schluchzen.

„Was ist passiert? Sag es mir endlich!“

„Scott and I …“

Ich starrte auf Richard, der immer noch in seinem grünen Trenchcoat an der Schrankwand stand. Ich drehte mich um und sah in Sebastians Gesicht. Die sonst so lustigen Augen wirkten wie versteinert.

„Die beiden waren gestern aus.“

Ich schaute ihn fragend an.

„We went to Madison Square Garden to see the Rangers play.“

Ich erinnerte mich. Scott wollte direkt vom Dienst zum Eishockey. Deshalb hatte ich ihn gestern Abend auch nicht angerufen. Meine Augen suchten Richard.

„And?“

Er zuckte mit den Schultern. Sebastians Stimme hatte sich leicht gefasst.

„Sie sind hinterher ein Stück zu Fuß. Zur nächsten Station und da ist es passiert.“

Ich schaute irritiert von einem zum anderen.

„Ein Teenager hat sie angesprochen, wollte wohl Geld haben.“

„I told this son of a bitch to work for his money and not to beg for it!“

Richard stürzte das zweite Glas hinunter.

„Richard ist dann auf die Plattform und Scott hat wohl nach seiner Karte gesucht. Da kam der Typ von hinten an und hat …“

Ich war bleich wie die Wand.

„Was hat er?“

„Er hat ihn in den Rücken gestochen.“

Ich sackte zusammen. Sebastian strich mir über die Haare.

„Alex, I couldn’t do anything. It happened so fast.“

Mir wurde schrecklich kalt und ich fing an zu weinen.

„Scott?“

„Er ist schwer verletzt.“

Eine Welt stürzte ein.

„Kommt er durch?“

Sebastian schloss die Augen und hob die Schultern.

„Ich will zu ihm!“

Ich wollte mich erheben, meine Knie versagten aber ihren Dienst. Richard reichte mir mein Glas. Ich trank wie aus Reflex.

„Wo ist er? Ich will zu ihm!“

„Bellevue Hospital. Aber du kannst nicht.“

Ich versuchte, aufzustehen und diesmal gelang es mir.

„Sag mir nicht, dass ich nicht kann!“

Ich ging in den Flur.

„Braucht er was?“

Sebastian starrte mich an.

„Pyjama, Waschzeug? Wie sieht es mit seiner Arbeit aus. Wissen die schon, was passiert ist? Paul und Barbara? Was ist mit seinen Eltern?“

Richard kam auf mich zu und packte mich an den Schultern.

„Don’t worry!“

„Die Polizei hat sein Büro verständigt. Die wissen mittlerweile, was passiert ist.“

„Aber er braucht doch was anzuziehen im Krankenhaus.“

Ich reagierte wie ein kleines Kind.

„Er liegt auf der Intensivstation. Da kann er mit seinen Pyjamas nichts anfangen.“ Meine Augen waren fast blind. Ich wischte mir die Tränen ab.

„Richard hat heute Nachmittag mit seinem Bruder telefoniert. Seine Eltern sind im Urlaub in Florida. Sie werden so bald wie möglich kommen.“

Ich zog mir den Mantel über.

„In welchem Krankenhaus liegt er?“

„Warte.“

Sebastian stand auf und kam auf mich zu.

„Wir fahren gemeinsam. Sonst passiert dir auch noch was.“ Er nahm mir meinen Schlüssel ab und Richard führte mich zur Tür. Sebastian orderte beim Türsteher ein Taxi. Auf der Straße fing ich wieder an zu weinen.

„Here.“

Richard reichte mir ein Taschentuch. Er hatte mich untergehakt und stütze mich, so gut es ging. Wir bestiegen das gelbe Gefährt und ich fuhr zum ersten Mal in meinem Leben in ein New Yorker Krankenhaus.

Donnerstag 23:45 est

Es dauerte keine fünf Minuten, da waren wir an unserem Ziel angelangt. Ich hatte mich zwar etwas beruhigt, doch die aufgestauten Gefühle kamen bei dem Anblick des steinernen Bollwerks, dass im nächtlichen Licht eher einen abweisenden als einladenden Eindruck machte, wieder hoch.

Wir gingen durch die hell erleuchtete Eingangshalle zu den Aufzügen. Sebastian drückte einen Knopf und kurze Zeit später standen wir im fünften Stock. Der Raum vor dem Aufzug war nur schwach erleuchtet.

Der Tresen war nicht besetzt, ich konnte jedenfalls niemanden sehen. Sebastian schaute sich um und ging auf eine Tür zu. Er klopfte an und verschwand dahinter. Es dauerte einige Zeit, bis das er mit einem graumelierten Mann Mitte vierzig wiederkam.

„Das ist der Diensthabende Arzt. Es geht ihm den Umständen entsprechend.“

„Ich will ihn sehen!“

Sebastian fungierte als Übersetzer. Doktor Hamburg fragte so etwas, ob ich ein Verwandter sei. Ich verstand nicht so recht, was Sebastian ihm sagte. Der Herr im weißen Kittel nickte mit dem Kopf, nahm mich am Arm und führte mich zu einer Tür.

Er drückte auf einen Knopf und wir traten zu viert in den weiß gekachelten Flur. Er öffnete einen Schrank und reichte uns jeder einen grünen Umhang, den wir überziehen mussten. Richard half mir, ihn zuzuknöpfen.

Wir gingen den Gang entlang. Die Strecke kam mir unheimlich lang vor. Ich sah durch die Glaswände, die teilweise mit dem gleichen grünen Stoff, wie wir ihn übergezogen hatten, zugezogen waren.

Wir kamen wohl an acht oder neun Zimmern vorbei, ehe wir vor Zimmer 114 anhielten. Der Arzt ging hinein und schaltete das Licht ein. Der Raum sah jetzt weniger unfreundlicher aus. Ich wollte dem Arzt folgen, er hielt mich aber an der Tür zurück.

„No.“

Ich fing wieder an zu schluchzen und wollte ihn beiseite drücken.

„Sir. It will be better not to disturb him. You can see him tomorrow.“

Er legte mir die Hand auf die Schulter und drückte sie leicht. Er schaute mich mitfühlend an. Ich blickte auf die Person im Bett. Ich konnte nur das blonde Haarbüschel erkennen. Sein Gesicht war aufgequollen und ein Tubus markierte die Stelle, wo eigentlich sein Mund war.

Ich sah die vielen Schläuche, die ihn mit den verschiedenen Maschinen verbanden. Mir wurde übel und ich knickte ein. Die Beine versagten ihren Dienst. Richard, der bis jetzt ganz unbeteiligt dagestanden hatte, kam mir zu Hilfe und griff mir unter die Arme.

Er nahm mich am Oberarm und führte mich wieder zum Ausgang. Ich blickte auf Sebastian. „Ich will hier bleiben!“

„Besser nicht, Alex. Er ist hier in den besten Händen. Du kannst jetzt nichts für ihn tun.“

Er blickte auf den Arzt.

„Wir kommen morgen wieder.“

Ich ließ mich abführen und folgte den dreien wie ein kleines, willenloses Kind Richtung Ausgang.

Es dauerte eine Weile, bis wir in ein Taxi steigen konnten. In der Wohnung angekommen, führte mich Sebastian erst einmal ins Wohnzimmer und gab mir einen Schluck zu trinken. Ich konnte der Unterhaltung, die er mit Richard führte, nicht folgen.

„Es ist besser, wenn du dich jetzt hinlegst.“

„Ich kann nicht schlafen.“

Er kam auf mich zu und legte seine Hände auf meine Schultern.

„Du musst aber, mein Lieber. Es nützt nichts, wenn du jetzt auch schlapp machst.“

Richard goss mir noch etwas ein und reichte mir das Glas. Ich trank es in einem Zug aus. „Soll ich hier bleiben?“

Ich schaute Sebastian an und schüttelte mit dem Kopf.

„Ich bin dann morgen gegen neun wieder hier.“

„Musst du denn nicht arbeiten?“

Er hatte sich frei genommen. Richard, der bis jetzt geschwiegen hatte, stand auf und ging auf mich zu. Er sprach in meiner Gegenwart nie viel, er drückte sich eher in Gesten aus. Als wir uns vor drei Jahren kennen lernten, war er unheimlich eifersüchtig auf mich.

Warum, weiß ich auch nicht, aber er meinte wohl, ich könnte ihm Sebastian, mit dem mich eine uralte Freundschaft verband, abspenstig machen.

Er griff mir unter die Arme und half mir beim aufstehen. Ganz geschickt führte er mich in Richtung Schlafzimmer. Ich ließ mich aufs Bett fallen und er begann, mein Hemd aufzuknöpfen. Es vergingen keine drei Minuten und ich lag nur noch in Shorts und T-Shirt auf dem Bett. Sebastian reichte mir ein Glas.

„Hier. Das wird dir helfen, etwas zu schlafen.“

Ich trank es in mehreren Schlucken. Es schmeckte bitter. Ich verzog das Gesicht und blickte ihn dankbar an.

„Wir lassen dich jetzt alleine, damit du etwas schlafen kannst. Ich bin dann morgen wieder hier.“

„Danke.“

Ich drehte mich um und hörte, wie die beiden die Tür hinter sich ins Schloss fallen ließen.

Die Tablette, die mir Sebastian gegeben, zeigte keine Wirkung. Ich wälzte mich im Bett hin und her. Es vergingen wohl mehr als zwei Stunden, ehe ich in einen leichten und unruhigen Schlaf verfiel. Viel Ruhe fand ich jedoch nicht.

Das Bild, was sich mir im Krankenhaus bot, ließ mich immer wieder aus dem Schlaf schrecken. Scott lag im Krankenhaus. Rang mit dem Leben. Überall Schläuche und Apparate, die sein Leben garantierten.

Der Wecker klingelte, wie üblich, um kurz vor sieben. Scott hatte ihn nicht ausgestellt und ich hatte es wohl übersehen. Das Bett neben mir war leer. Ich starrte an die Decke, der Ventilator, der im Sommer eine gewisse Kühle garantierte, bewegte sich nicht.

Es dauerte wohl knapp eine Viertelstunde, ehe ich mich entschloss, das Nachtlager zu verlassen. Ich stieg aus dem Bett und ging in die Küche. Ich hatte Kaffeedurst, konnte aber auf Anhieb keine Filtertüte finden.

Es dauerte eine kleine Weile, bis das ich das gewünschte Stück Papier in Händen hielt. Es vergingen weitere zehn Minuten, ehe ich die Kaffeemaschine anschalten konnte. Im Bad erschrak ich vor meinem eigenen Spiegelbild. Tiefe Ringe lagen unter meinen Augen. Ich mochte mich selber nicht anschauen. Die Dusche tat gut, so langsam kam wieder Leben in meinen Körper.

Ich saß alleine am Küchentisch und starrte auf die Tasse mit dem schwarzen Gebräu, das langsam kalt wurde. So ähnlich saß ich vor drei Jahren hier am Tisch und starrte auch auf meine Tasse, allerdings waren die Umstände damals andere, erfreulichere gewesen. Scott und ich hatten uns am Tag zuvor kennen gelernt.

Ich werde die Umstände, unter denen wir uns trafen, nie vergessen. Eigentlich habe ich die Liebe meines Lebens Sebastian zu verdanken, er machte uns bekannt. Ich trank einen Schluck und in mir kamen längst vergangene Erinnerungen wieder hoch.

Intermezzo

Es war Mitte September gewesen. Ich hatte mich gerade frisch von Felix getrennt. Wir hatten uns auseinander gelebt und uns nach fast fünf Jahren nichts mehr zu sagen. Ich war wegen ihm nach Bonn gezogen und verbrachte meine Referendarzeit in der Bundesstadt beim dortigen Landgericht.

Er, auch Jurist, allerdings weiter als ich, hatte eine Anstellung bei der Regierung gefunden. Da es zur damaligen Zeit kaum Stellen für Juristen gab, zog ich ihm einfach hinterher, besser gesagt, ich war der erste von uns, der seine Zelte in der alten Domstadt Münster abbrach und in der Stadt am Rhein aufschlug.

Ich hoffte, dass uns diese gemeinsame Erfahrung enger zusammenhalten ließ, aber das Gegenteil war der Fall. Anstatt zusammenzurücken und gemeinsam das unbekannte zu erforschen, entzweiten wir uns immer mehr.

Ich bin eigentlich ein lebenslustiger Mensch, der gerne auf Forschungsreise geht. Aber er ging in den anderthalb Jahren, in der wir gemeinsam in Bonn lebten, nicht einmal mit seinen Kollegen vom Amt raus.

Wir trennten uns Ende August in der schönsten Sommerzeit. Monotonie machte sich breit. Ich entschied mich, um nicht Trübsal zu blasen, für einen Urlaub. Da ich allerdings kein Freund des Grillens unter fremdländischen Sonnen bin, kam nur eine Städtereise in Frage. Ich ging kurzerhand in ein Reisebüro und ließ mich beraten.

Es kam New York dabei heraus. Meine Eltern, die wohl ahnten, dass ich mich von Felix getrennt hatte, wunderten sich zwar, dass ich seit Jahren zum ersten Mal wieder alleine in Urlaub, sagten aber nichts. Sie brachten mich zum Flughafen und steckten mir, der ich vom kärglichen Referendargehalt leben musste, jeder noch einmal etwas Geld zu mit dem Bemerken, dem anderen nichts davon zu sagen.

Ich hatte vierzehn Tage Zeit, die Stadt zu entdecken, in Kultur zu schwelgen und auf andere Gedanken zu kommen. Wer mir gesagt hätte, ich würde mein Herz in dieser pulsierenden Metropole verlieren, den hätte ich nur verwirrt angeschaut und ihn für einen Lügner gehalten. Aber es sollte anders kommen.

Es war ein Mittwoch, der, im Nachhinein betrachtet, mein Leben veränderte. Das Wiedersehen mit Sebastian erinnerte an eine Szene aus einem schlechten Film, aber schreibt das Leben nicht selbst die merkwürdigsten Drehbücher?

In einer kleinen Bar in Greenwich Village lauschte ich dem Klavierspieler, der sich redlich bemühte, seine Kunst an den Mann oder an die Frau zu bringen. Ich beobachtete ihn belustigt. Nach einer halben Stunde etwa betrat eine Gruppe dreier Männer das Lokal. Ich schaute etwas irritiert, ich dachte, ich würde einen von der Gruppe kennen.

Während ich an meinem Drink nippte und mein Hirn zermarterte, woher ich den einen wohl kannte, verging die Zeit. Ich ging im Geist meinen gesamten Bekanntenkreis durch, mir wollte aber niemand einfallen, der, genau wie ich, hier gerade auf Sommerfrische weilte. Der lange Blonde mit dem verschmitzten Lächeln kam mir bekannt vor, aber wer war der Unbekannte, der die anderen um Haupteslänge überragte?

Das Lokal war mittlerweile brechend voll. Ich erhob mich von meinem Platz und stellte mich hinter die Gruppe. Mein Erstaunen war groß, ich hörte deutsche Töne. Die Stimme des mittleren kam mir bekannt vor, aber mir wollte und wollte nicht einfallen, woher ich sie kannte. Die Kellnerin war schließlich der Schlüssel zur Lösung. Sie ging an der Gruppe vorbei und forderte sie auf, ihr etwas Platz zu machen, was sie auch taten. Der lange Blonde ging einen Schritt zurück und trat mir voll auf den Fuß. Er hatte wohl bemerkt, dass es nicht der Boden war, auf dem sein Fuß ruhte.

Er drehte sich um und murmelte: „Sorry.“

„Macht nichts. Ich lebe ja noch!“, entgegnete ich.

Er musterte mich von oben bis unten. Er hatte wohl nicht erwartet, eine Antwort auf Deutsch zu hören. Seine Stirn legte sich in Falten.

„Augenblick! Das kann nicht sein!“

Diesmal war ich es, der die Augenbrauen hochzog.

„Was kann nicht sein?“

„Alexander. Das gibt es doch nicht!“

Er fasste mich bei den Schultern und zog mich an sich. Es war jetzt zwar klar, dass wir uns kannten, aber, verdammt noch mal, ich wusste immer noch nicht, wer der andere, der mich da drückte, war.

„Doch, es ist möglich. Ich bin es, in voller Leibhaftigkeit!“

Ich zwinkerte ihm zu, er blinzelte zurück.

„Wie lang ist das jetzt her? Sieben oder acht Jahre?“

Jetzt hatte ich zwar einen weiteren Anhaltspunkt, aber der half mir auch nicht viel weiter. Zu dieser Zeit hatte ich meine Sturm- und Drangzeit. Also entschied ich mich, noch etwas um den heißen Brei zu reden, aber er kam mir zuvor.

„Ich stelle euch jetzt erst mal vor. Das sind Thomas und Michael, Freunde von mir. Jungs, das ist mein Lebensretter, Alexander.“

Wir gaben uns die Hände und ich lächelte. Ich hatte noch niemand das Leben gerettet, jedenfalls konnte ich mich an eine solche Tat nicht erinnern. Er hielt meine Schulter umfasst. Mir war es zwar etwas komisch, aber ich ließ es geschehen.

„Was machst du in New York? Gibt es in Deutschland keine anständigen Männer mehr?“

Wir kannten uns also aus der Szene. Wieder ein Stück des Puzzles, aber es half mir nicht weiter, das Bild vor meinem geistigen Auge zusammen zu setzen.

„Das schon, aber ich habe mich gerade getrennt.“

Er blickte mitleidig auf mich herab.

„Das Gefühl kenne ich, ging mir damals nicht anders.“

Er zog mich wieder enger an sich.

„Aber mal was anderes. Hast du was von Peter gehört?“

Peter? Ich tappte immer noch im Nebel. Mein Gehirn arbeitete zwar auf Hochtouren, aber noch fehlte mir der entscheidende Hinweis.

„Arbeitet er immer noch an der Tanke seines Onkels?“

Der Nebel lichtete sich plötzlich und das Geheimnis der Identität ward gelüftet. Mein Gegenüber musste Sebastian sein.

„Kann ich dir auch nicht sagen. Ich habe ihn nach der Geschichte nur noch zweimal gesehen, dass ist aber auch schon sechs Jahre her.“

Wir hatten vor langer Zeit mal eine etwas kompliziertere Dreiecksgeschichte, die etwas unschön endete. Hauptleidtragender damals war Peter, der das Auseinanderbrechen nicht so einfach verdauen konnte.

„Wir müssen unbedingt mal über die alten Zeiten sprechen. Wie lange bist du noch in der Stadt?“

„Noch zehn Tage.“

Er orderte bei der Bedienung eine Runde und wandte sich dann wieder mir zu.

„Ich kann es immer noch nicht fassen. Jungs, ohne diesen Herren hier wäre ich nie in die Staaten gekommen und wäre im Sauerland versauert.“

Sie blickten mich fragend an.

„Na, so viel war es auch nicht, was ich damals für dich getan habe.“

Ich grinste, ich gab ihm damals die Nummer eines Onkels von mir, der beim Akademischen Austauschdienst beschäftigt war. Er verhalf ihm, seine Zeit als Arzt im Praktikum in den Staaten zu verbringen.

„Dann feiert mal euer Wiedersehen.“

Thomas zog seine Jacke, die er die ganze Zeit in den Händen gehalten hatte, an. Er küsste Sebastian zum Abschied.

„Ich will aber nicht stören.“

„Nein, kein Gedanke. Wir sehen uns sowieso morgen auf der Arbeit. Grüß Richard von mir. Bis morgen dann.“

Er hielt mir die Hand hin und nickte, als ich sie drückte. Michael verdrückte sich auch, allerdings ohne Kuss. Wir waren allein in der Bar. Der Klavierspieler bediente sich jetzt eines Verstärkers, um der wachsenden Geräuschkulisse im Lokal Herr zu werden. Mein Gegenüber tippte mir auf die Schulter und deutete auf den Ausgang.

Ich nickte, trank das Glas aus und lenkte meine Schritte in die frische Nachtluft. Auf der Straße angekommen, musste ich eine Minute warten, ehe Sebastian die Tür hinter sich ins Schloss fallen ließ.

„Ich wollte euch aber nicht stören.“

„Alex, du störst nicht. Wir haben einmal im Monat deutschen Stammtisch vom Krankenhaus. Und wir wären sowieso gleich aufgebrochen, Michael muss immer um elf bei seiner Frau sein. Thomas und ich ziehen dann immer noch weiter um die Häuser.“

„Ach, dann ist er …?“

Sebastian schaute mich fragend an.

„Nein. Mein Freund sitzt brav vor dem Fernseher und wartet auf mich. Thomas steht eher auf SM, ist nicht so meine Welt. Aber er ist ein netter Kollege.“

Ich wusste zwar, dass Sebastian damals in die Staaten gegangen ist, aber nach Chicago. Den Rest des Abends verbrachten wir damit, die Lücken der letzten sieben Jahre etwas zu füllen.

Es war schon weit nach Mitternacht, als wir uns trennten, nicht ohne uns für den nächsten Abend zu verabreden. Ich sollte Sebastian und seinen Freund Richard zum Essen in einem kleinen Lokal im Village treffen.

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