Margie 16 – Durch den Wind

»Zimmer 204, im zweiten Stock«, gab der Mann endlich Preis.

Ich nickte und ging los, zu den Fahrstühlen und dann nach oben. Die Orientierung war nicht schwierig, alles schön ausgeschildert. Erst als ich vor dem Zimmer stand wurde mir mein eigentlicher Zustand dann so richtig bewusst. Dahinter lag er, endlich. Ich klopfte zaghaft.

Aber diese Türen waren zu dick, als das man jemanden dahinter hören konnte. Langsam drückte ich die Klinke herunter und schob die Tür auf.

Zwei Betten, das vordere an der Tür war benutzt, aber leer und dann das am Fenster. Ja, kein Zweifel, da lag er, endlich. Und er schien zu schlafen. Das machte mir zunächst nicht viel aus, ich hatte auch nicht vor ihn zu wecken wenn dem so wäre. Nur sehen, anfassen, das würde mir nach all dem schon reichen.
Ich betrat das Zimmer und schloss die Tür, sehr leise. Schritt für Schritt näherte ich mich dem Bett. Ein Blumenstrauß stand auf dem Nachtschränkchen, Zeitungen im zweiten Fach.
Dann stand ich vor ihm, er lag zum Fenster hin und war bei der Hitze in dem Raum nicht zugedeckt.
Nun gut, erst jetzt sah ich dass er wohl etwas verrenkt da lag, ein Bein in Gips bis zum Oberschenkel. Langsam ging ich um das Bett herum, bis ich sein Gesicht sehen konnte.
Der erste Moment war natürlich ein Schock.
Das Gesicht war noch ziemlich geschwollen, grün, rot und blau die Farben, die überall leuchteten und einen Verband um die Nase. Langsam ließ ich mich auf dem Stuhl nieder, der da am Fenster stand.
Es wird ne Weile dauern bis er wieder so hübsch ist, dachte ich. Er schlief tatsächlich tief, vielleicht war das eh ein sehr unpassender Moment für einen Besuch. Aber ich hatte genug gesehen. Ihn anfassen wollte ich nicht, er würde seinen Schlaf brauchen.
Ein Kuss – eher auch nicht, wer weiß wo es ihm überall wehtat. Irgendwie kämpfte ich dann doch mit den Tränen. Erstens vor Freude dass es offenbar nicht so schlimm war wie ich es mir ausgemalt hatte, zweitens sein Zustand.
In einer Sekunde waren sämtliche Pläne über den Haufen geschmissen. Nun würde es wohl eine Weile dauern bis Frankfurt und all diese Dinge wieder aktuell würden. Ich stand auf, ging ums Bett und nahm den Kuli der dort lag.

»Hallo Liebster. Ich war hier, aber ich habe dich nicht wecken wollen. Ich hoffe es geht dir gut und du hast keine großen Schmerzen. Mit mir ist alles okay, ich komme morgen wieder. Dein Ralf.«

Das hatte ich auf den Rand einer der Zeitschriften geschrieben und so hingelegt, dass er es lesen musste. Liebster.. ja, dieses Wort fand ich nicht übertrieben oder kindisch. Es war nicht gelogen und erfunden. Eher so spontan.

Ganz zart fuhr ich ihm dann doch durch die wirren Haare, was ziemliche Emotionen in mir weckte. Aber was soll’s, ich komme wieder, morgen schon.

Damit schlich ich wieder aus dem Zimmer, im Gang draußen lehnte ich mich an die Wand und sortierte erst mal meinen Kopf. Es wird alles gut, das war das einzige, was jetzt wirklich zählte.

Auf der kurzen Fahrt nach unten machte ich mir dann erst mal Gedanken über meine Heimfahrt. Kompliziert war sie von der Klinik aus nicht, aber mein Geld reichte nur bis Worms. Nun gut, dann wird halt einmal im Leben Schwarz gefahren. Ich rechnete fest mit einem Ticket, denn die kontrollieren auf der Strecke nur Stichprobeweise. Und das war heute. Garantiert.

Erhobenen Hauptes, schon auch weil es mir jetzt viel besser ging, durchschritt ich das Foyer und strebte dem Ausgang zu. Eine Menge Menschen waren hier zwar unterwegs, aber dennoch, selbst wenn man jemanden nur Bruchteile einer Sekunde ansieht und denjenigen kennt.. es dauerte nicht länger, als ich ein Gesicht unter den vielen her sofort erkannte. Angelos Mutter ist nun mal keine Person, die einfach so in der Masse untergeht. Sie war allerdings schon an mir vorbei bis ich anhielt. Mich hatte sie offenbar nicht erkannt. Gut, es lag an mir wie ich damit umgehen wollte.
Ihr hinterherlaufen, sie wenigstens begrüßen? Oder die Dinge zumindest im Augenblick so lassen wie sie waren? Ich sehnte mich nach Ruhe, irgendwie und nach Reden war mir schon gar nicht zumute.
Als ich ihr hinterher sah, stellte ich fest dass sie nicht alleine war. Ein Mann lief neben ihr her und es war offensichtlich, dass die beiden zusammengehörten. Zum ersten Mal sah ich Angelos Vater. Von hinten zunächst, aber gut. Groß war er und schlank.
Vor allem, wie auch seine Frau, ziemlich gut gekleidet. Das konnte ich von mir immerhin nicht behaupten. Zwar hatte ich im Krankenhaus so leidlich die schlimmsten Spuren des Unfalls beseitigt, aber Blut, na ja, das ist so ne Sache für sich. Aber es war nicht sehr auffällig und zudem, mir wirklich egal.
Nein, ich wollte ihnen nicht hinterherlaufen, nur noch nach Hause. Ausruhen, nichts tun, schlafen und noch mal schlafen. Am anderen Tag wollten meine Eltern zurücksein und ganz allmählich würde alles wieder in die Tagesordnung kommen. Was mit Angelo nach seiner Entlassung geschehen würde, das musste man einfach sehen.

Lange musste ich nicht warten bis die Straßenbahn Richtung Bahnhof kam und ich bereitete mich seelisch und moralisch auf den Kontrolleur vor, der mir unweigerlich über den Weg laufen musste. Die Straßenbahn und den Zug nach Worms waren ohne Frage, die konnte ich ja bezahlen. Aber die letzte Strecke, nun, man musste das abwarten.

„Du bist anständig durch den Wind“, hörte ich meine Stimme, als mir im Zug einfiel, dass ich wenigstens mein Handy hätte mitnehmen können. Nervös nestelte ich in meinen Taschen, ob ich den Zettel mit Angelos Zimmertelefon eingesteckt hatte. Natürlich nicht. Damit war das Thema anrufen erst Mal vom Tisch. So ein Mist.

Aber erst, als ich so quasi endlich meinen Fuß auf den heimischen Bahnhof setzte – und welch Wunder, ich wurde nicht kontrolliert – da kam dann der Schock. Ich blieb wie angewurzelt stehen und ein Schub ungeheuerlicher Gluthitze durchfuhr meinen Körper, bis mir der Schweiß aus allen Poren trat. Sämtliche Todsünden fielen mir einer und noch ganz anderer Sachen.
Es half kein Blick auf die Uhr, es half auch nicht, den Weg zurück ins Auge zu fassen. Wenn, dann war jetzt sowieso alles zu alles zu spät. Und das im wahrsten Sinne des Wortes.
Ich setzte mich auf die einzige Bank an dem kleinen Bahnhof und schloss die Augen.
Ganz ruhig jetzt. Überlegen, wie es gelaufen sein könnte. Auf keinen Fall Panik.
Also, ich hatte Angelo diese Nachricht geschrieben, auf den Rand einer Zeitschrift, auf die Seite mit einem Artikel über was weiß ich. Ich ging davon aus, dass er das gerade am lesen war. Im Grunde so oder so eine bescheuerte Idee.
Aber egal. Diese Zeitschrift mit besagtem Artikel hatte ich so auf das Schränkchen an seinem Bett gelegt, dass er es ganz einfach lesen musste. Und nun waren seine Eltern gekommen. Rein ins Zimmer.. mir wurde wieder blöd im Kopf.
Klar, wenn er schlief und sie ihn nicht wecken wollten hatten die alle Zeit der Welt, Ordnung zu schaffen. Also diese Zeitschrift weglegen.. Brauchten die beiden eine Brille? Ich meinte, keine gesehen zu haben. Wenn ja, dann konnte ich Glück haben. Wenn nein, dann musste ihnen das Gekritzel aufgefallen sein.
Eine Liebeserklärung eines Jungen an einen anderen. Mit Name und wenigen Sätzen aussagekräftig genug, um daraus die unbestechlich einfachsten Schlüsse zu ziehen. „Du bis ein Arschloch,“ Ja, danke, das hab ich mittlerweile auch selbst herausgefunden.
Gut, zu meiner Entschuldigung, ich liebe diesen Jungen und aus Liebe macht man die merkwürdigsten Dinge. Solche vor allem, die sonst nie im Leben passieren würden.
Was jetzt? Zunächst war es ganz wichtig, nicht die Nerven zu verlieren. Ich stand auf und begab mich auf den relativ kurzen Heimweg. Auf dem hätte ich mir schon ein paar Mal in den Hintern treten können, aber was sollte das helfen?

Endlich zu Hause. Und was war ich froh, jetzt alleine zu sein. Ich gab mir unter Einfluss eines kühlen Bieres zunächst mal keine Schuld. Es war passiert. Wichtig war nun, wie würden sie reagieren?
Welche Folgen oder gar Konsequenzen konnten diese paar Zeilen haben? Ein Schlupfloch jedoch blieb. Vielleicht war Angelo gleich nach meinem Besuch aufgewacht und damit bestünde gar keine Gefahr, so er natürlich meine Nachricht gleich gelesen hatte.
Aber nach dem zweiten Bier nahm ich genau diese Situation als gegeben an. So war es und nicht anders. „Prima, du machst es dir recht einfach. Vielleicht solltest du dir trotzdem Gedanken machen, falls sie es gelesen haben.“
Warum hatte ich nicht an mein Handy gedacht? Ich wüsste längst wie die Sache gelaufen war.
Beherzt stand ich aus dem bequemen Sessel auf und fuhr meinen Computer hoch. Die Nummer der Klinik wären ein paar Mausklicke und von da auf Angelos Apparat zu kommen…, dann würde ich halt die halbe Nacht versuchen.
Irgendwann musste das funktionieren. Ziemlich wahrscheinlich war allerdings auch, dass mich Angelo zu Hause anrief, denn jetzt wusste er dass ich nicht mehr in der Klinik lag.
Ja, das kam dann auch noch dazu.
Diese anderen Leute, in dem Wagen der uns geschnitten hatte. Was war mit denen? Bevor ich wieder den Überblick verlor, suchte ich die Nummer der Klinik und das dauerte wirklich nur Sekunden.
Und dann ging es weiter am Telefon. Eigentlich dachte ich, das ist die Vermittlung, länger als ein paar Minuten hatte ich der Sache nicht gegeben. Aber es ging dort zunächst niemand dran. Das heißt schon, so eine freundliche Maschinenstimme.
Die meinte, zurzeit wären alle Leitungen besetzt und man solle sich gedulden. Das kannte ich, oh ja, wie oft schon hatte mich diese monotone Ansage genervt. Doch nach dem ich weiß nicht wievielten Versuch, endlich.

»Moment, ich verbinde«, vernahm ich.

Jetzt war meine Aufregung erneut auf fast unerträglichem Niveau. Ein Freizeichen, zwei, drei, vier…

Ich wartete so lange, bis ich wieder bei der Vermittlung landete. Es wäre wohl gerade niemand im Zimmer und ich solle es später noch mal versuchen. Gut, das konnte alle möglichen Ursachen haben.
Zum Glück dachte ich daran, mir die Durchwahl geben zu lassen. Dick und fett schrieb ich die Nummer auf den Block neben dem Telefon, von dem ich mich nun keine zwei Minuten oder weiter als bis in die Küche entfernen wollte.

In den Wählpausen, die ich Zwischenzeitlich mit einer halben Pizza, diversen Bieren und Zigaretten füllte, begann sich dann mein erhitztes Gemüt zu beruhigen. Wahrscheinlich war überhaupt nichts passiert.
Wenn nur Murphy und sein dummes Gesetz nicht da dauernd da irgendwo sein Veto eingelegt hätte. Hinnehmen, ich musste es einfach hinnehmen. Das Schlimmste war aber: ich hatte, so das Unheil passiert wäre, Angelo in eine ganz blöde Situation gebracht. Nicht ich, er musste sich rechtfertigen über das, was das da am laufen war.
Und das in seinem Zustand.. Mir war wirklich danach, in den eigenen Hintern zu treten. Wenn es nur um mich gegangen wäre, damit hätte ich kein Problem gehabt. Oder wenn wir wenigstens zu zweit durch diese Sache gegangen wären. So konnte ich nur machtlos zusehen, mehr nicht.
Aber alles Heulen half nicht, wie auch immer, es war passiert und wenn sie es gelesen hatten, dann war auch da schon das eine oder andere Wort gesprochen. Nur, wenn Angelo mir das Krumm nahm, dann wäre es sehr schlecht.
Er konnte ja nicht behaupten dass ich ihn mit Absicht verraten habe, aber da reingebracht, das war schon meine Schuld.

Endlich, nach unzähligen Versuchen, hörte ich wieder seine Stimme. Ich lauschte sofort, ob sie etwas verraten würde. Aber das tat sie nicht.

»Kassini?«

Wie ich diese Stimme liebte, diesen Tonfall. »Hallo, ich bin’s, Ralf.«

»Oh, Ralf. Wo bist du? Wie geht es dir?«

»Ich bin wieder zu Hause. Aber wo warst du solange?«

»Rauchen. Verbotenerweise, aber man hält es im Zimmer einfach nicht aus.«

Nichts, seine Stimme verriet nichts.

Ich holte tief Luft, setzte mich auch vorsichtshalber. »Hast du meine Nachricht gelesen?«

Ich denke, so gezittert hat meine Stimme noch nie in meinem Leben.

»Nachricht? Nein. Welche Nachricht?«

Okay, Entwarnung, wenigstens ein Stück weit. »Ich war heute Mittag bei dir. Aber weil du geschlafen hast hab ich dir eine Nachricht hinterlassen. Auf einer Zeitschrift, an den Rand..«

Meine Güte. Er konnte es nicht gelesen haben, klarer Fall.

»Ich hab nichts gelesen. Welche Zeitschrift meinst du? Warum hast du mich nicht geweckt?«
»Ich wollte nicht.. Also, dieses Heft lag auf deinem Nachttisch. Aufgeschlagen, irgend so ein Artikel. Sieh mal nach.«

Ich hörte Geräusche.

»Hm. Hier ist nichts. Kann mich auch grad nicht erinnern. Aber es kann sein, dass die meine Eltern mitgenommen haben. Die waren hier und..«

Heiß und kalt wurde mir. »Werden sie die lesen?«, unterbrach ich ihn nervös.

»Weiß ich nicht. Aber was hast du denn geschrieben?«

Als ich ihm den Wortlaut durchgab, herrschte erst Mal Schweigen. Dann aber.. »Oh weh.«

Ich schluckte. »Angelo, ich hab das nicht so gewollt, keine Sekunde dachte ich dass..«

»Hey, erst Mal Ruhe bewahren.«

Er hatte gut reden, dabei saß er genauso drin wie ich, eigentlich noch viel mehr.

»Angelo, was werden sie tun wenn sie es lesen? Ich hab auf einmal.. so ne Angst.«

Wieder Schweigen. Lange, viel zu lange.

»Gut, Ralf. Es ist passiert, eines Tages hat es dazu kommen müssen und wer weiß, warum so und warum jetzt.«

»Schon, aber… werden sie… versuchen uns zu trennen? Angelo, das überleb ich nicht.« Kein Wort davon war gelogen und ich war so schon in einem kritischen Zustand. Mein Kopf dröhnte wieder, dieses Karussell ging erneut in die Runde.

»Nun bleib doch ruhig. Sie kommen morgen wieder, wenn sie es gelesen haben werden sie fragen.«

»Ja, genau das. Was willst du antworten?«

Er holte Luft, es kam mir vor als würde ich ihn nerven. Und aufregen. Zwei Dinge, die ich ihm unbedingt ersparen wollte, aber ich konnte nicht. Ich konnte nicht dasitzen und nichts tun. Warten bis er anrief um zu sagen, es ist aus und vorbei.

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