Margie 18 – Ansätze

Angelos Eltern sahen mich zwar an, aber offensichtlich erwarteten sie nicht den großen Knaller. Aber das war er, einen größeren konnte ich mir in den Sekunden gar nicht vorstellen.
Angelo hatte den Kopf gesenkt und spielte mit seinen Fingern.
Eigentlich galt es nur, die richtigen Worte zu finden, aber genau das war so verdammt schwierig.
Mein Mut verließ mich auf der Stelle, als Andreas Kassini auf seine Uhr schaute. Dieses Thema war keins für zwischen Tür und Angel. Das brauchte Einfühlungsvermögen, sorgfältige Wortwahl und eine Menge Zeit.
Und genau die schien ich nun gar nicht zu haben. So quasi im Verabschieden wollte ich es den beiden nicht nahe bringen.

»Ja, also ich denke das müssen wir leider verschieben, ich muss los«, kamen dann Andreas Worte bei mir an.

Eigentlich genau die, welche ich an dieser Stelle nun erwartet hatte. Es dauerte eh nur einen Moment, dann sackte mein Kreislauflevel wieder ein, kein Wort hätte ich mehr über die Lippen gebracht. Keins jedenfalls, was Angelo und mich betraf.
Die beiden Eheleute standen auf, ich mit.

»Ja, also dann bis Morgen. Wird aber Nachmittag und, Angelo, halte dich bitte an die Regeln hier. Du möchtest doch nicht länger bleiben als nötig, oder?«

Ich konnte den Vorwurf sehr deutlich heraushören, die Frage, inwieweit ich damit betroffen war, blieb allerdings offen.

Wir gaben uns die Hand, Angelo bekam von seiner Mutter noch einen sanften Kuss auf die Haare, dann entschwanden die zwei etwas schneller als sie gekommen waren.
Ich ließ mich auf die Bank sinken und blies laut die Luft aus meinen gespitzten Lippen.

»Sag mal, hatte ich jetzt nur das Gefühl, dass deine Eltern sehr reserviert waren oder sind sie immer so?«

Angelo schnaufte ebenfalls.

»Nein, eigentlich sind sie redseliger.«

»Sie merken was, oder?«

»Kann sein. Aber ich vermute eher, sie sind etwas ungehalten weil ich hier herumhänge. Dass ich rauche passt ihnen ja sowieso nicht und nun sollte ich da oben liegen, eigentlich. Mein Vater ist in der Hauptsache ein sehr genauer und gewissenhafter Mensch. Er würde nicht mal eine Tomate aufm Markt klauen, selbst wenn er am verhungern wäre. Und wenn es Regeln gibt, die ihren Sinn haben, dann werden sie eingehalten.«

»Bist du eigentlich so was wie ein Rebell? Ich mein, zu Hause?«

»Manchmal schon. Aber sie ließen es mir bisher durchgehen, zumindest seit ich an dem Orchester spiele. Diesen Stolz tragen sie, aber das find ich ja durchaus okay.«

»Hm, ich verstehe immer mehr was die für Probleme kriegen wenn sie von dir und mir erfahren. Ich wollte es ihnen ja grade sagen, aber..«

»Ja, ich hab’s mir gedacht. Ich denke, das wäre so oder so nicht der richtige Zeitpunkt. Klar, wenn man es genauer betrachtet gibt es den überhaupt nicht. Von daher.. wär’s vielleicht auch egal gewesen ob hier und jetzt oder anderswo.«

Ich grübelte, denn das alles war eine existentielle Frage.

»Sag mal, gibt es nicht doch irgendeine Situation, eine, die man vielleicht sogar heraufbeschwören könnte? Eine, wo wir nicht gestört werden und eine, wo sie wirklich gut drauf sind? Noch kennen deine Eltern ja nicht, aber vielleicht fällt dir etwas dazu ein. Die Klinik hier.. ich denke wenn sie es noch nicht ahnen ist das doch eine nicht gerade einladende Umgebung.«

Auch Angelo fing an, darüber nachzudenken.

»Das Problem ist ja erst mal das, wie es mit mir weitergeht. Ich hab mit Dad gesprochen gestern und klar, er möchte dass ich so schnell wie möglich nach Frankfurt fahre. Er hat mir erst mal die wichtigen Telefonate abgenommen, jetzt wissen die zumindest dass ich eine Weile außer Gefecht bin. Meine Mutter wollte heute Margie abholen. Komisch nur, sie hat gar nichts gesagt.. Nun, wie dem auch sei. Sie haben jetzt eigentlich genug um die Ohren wegen mir, schon auch des Unfalls wegen.«

»Was haben sie eigentlich darüber gesagt?«

»War keine große Sache. Sie glauben mir, das haben sie immer. Schon, weil ich sie nie angelogen habe. Also kleine Notlügen schon, aber das haben sie nie rausgekriegt. Mein Vater kümmert sich um all die Sachen, wobei es natürlich auch erst mal… Ich vergaß es dir zu sagen.«

Seine Tonlage verhieß plötzlich nichts Gutes.

»Was denn?«

»Mein Vater hat natürlich sofort einen Anwalt genommen.«

»Wozu das denn?«

»Ralf, ich bin vorläufig angeklagt wegen fahrlässiger Tötung.«

Zunächst wusste ich nichts mit diesen Worten anzufangen.

»Wie bitte?«

»Ja, mein Vater meinte, das ist so üblich. Diese Anklage stellt die Staatsanwaltschaft generell, wenn jemand bei einem Unfall ums Leben kommt.«

Ja, die Sache mit dem anderen Auto. Ich hatte die Gedanken daran erfolgreich verdrängt, aber nun waren sie da. Wie ein Blitz.

»Angelo, das darf doch nicht wahr sein. Du hattest keine Schuld.«

»Klar, es ist auch nur ne formelle Geschichte bis die Unfallursache geklärt ist.«

Ich traute mich nicht, die Frage zu stellen, aber sie musste sein. Irgendwie bestand ja die Hoffnung, dass Angelo nichts darüber wusste.

»Wer.. ist denn umgekommen?«

»Der Fahrer. Ich weiß nur dass es ein Mann war und Deutscher. Mehr hat mein Vater auch noch nicht raus. Aber über den Anwalt werden wir bald alles wissen.«

»Das klingt, als wärst du ein Schwerverbrecher. Komisch. In diesen Dingen sind die so dermaßen fix.. und draußen rennen unzählige Gauner und Verbrecher frei herum, die längst hinter Gitter gehören.«

»Ralf, es besteht kein Grund sich aufzuregen. Das alles hat seine Ordnung, aber du siehst, dass wir beide mit unserem.. Thema.. jetzt ziemlich unpassend daherkommen. Meine Eltern haben damit nun eh schon einiges um die Ohren, ich weiß im Moment nicht wie das passen sollte.«

Er hatte Recht. Selbst ich, der große Zweifler in diesen Dingen, musste Klein beigeben. Es gab nun mal wichtigere Sachen als unsere Liebe, auch wenn das nur schwer in meinen Kopf wollte. Die Geschichte musste warten und nach diesem Gespräch war ich im nachhinein froh, dass die beiden gehen mussten.

»Wollen wir was trinken? Ich komm um vor Durst.«

Angelo nickte fast begeistert und so schob ich ihn langsam vor mir her. Langsam wurde die Hitze wieder unerträglich, aber wenigstens hatten die Wetterfrösche Gewitter angesagt. Die lang ersehnte Abkühlung stand bevor, auch wenn man noch nicht so genau wusste, wann.

Was war das für ein Gefühl, Angelo so im Rollstuhl durch die Gänge zu schieben. Was wäre eigentlich passiert, wenn er.. Querschnittsgelähmt.. ein Schaudern erfasste mich. Würde ich ihn dann noch so lieben, so wie jetzt?
Ich kannte mich damit nicht sonderlich gut aus, so von wegen der Gefühle die sie haben und doch nicht.. Würde ich ihm eine Stütze sein, ein ganzes Leben lang? Was hätte das für Konsequenzen? So gesehen ging’s uns gut, sehr gut sogar.
Er würde wieder laufen können und er würde auch wieder sein hübsches Gesicht wiedererlangen. Welche Schutzengel hatten wir, die uns nicht zu Krüppeln oder durch Glas verstümmelte Wesen werden ließen? Ich blieb stehen.

»Was ist? Keine Kraft mehr?«, feixte Angelo.

Ich ging um den Rollstuhl herum, kniete mich neben ihn und betrachtete mir meinen Freund.

»Was ist los mit dir?«, fragte er.

»Ich frage mich gerade, wieso wir so ein verdammtes Glück hatten.«

Angelo sah an mir vorbei.

»Ich habe mich das auch schon gefragt. Ich weiß es nicht.«

»Wir.. wir könnten verstümmelt sein, oder.. tot. Glaubst du an Schutzengel?«

»Wenn du mich so fragst und ich es richtig überlege – ich denk schon dass es so was gibt.«

Ich nickte nur. Er teilte meine Ansicht, glaubte nicht an Zufälle. Jemand wollte das nicht, auch wenn wir nie herausfinden würden, wer oder was das war.

Nachdem wir uns mit diversen Säften den Durst gestillt hatten, brachte ich ihn zurück auf sein Zimmer. Sein Bettnachbar schlief wohl tief und fest und so erlaubte ich mir zum Abschied einen zarten Kuss auf Angelos Lippen.

»Bleib anständig, hörst du? Ich komm morgen wieder, nicht dass du mir hier Dummheiten machst.«

Er grinste, soweit ihm das möglich war, und dann entschwand ich. Den Kopf voll mit all den Eindrücken dieses Vormittags machte ich mich auf den Heimweg. Ob meine Eltern schon da waren oder nicht bereitete mir kein weiteres Kopfzerbrechen.
Im Gegenteil; so schön das Alleinsein manchmal auch ist, ich freute mich richtig dass sie zurückwaren.

Und das waren sie. Minuten trennte unsere Ankunft, sie luden noch das Auto aus.
Besorgte Blicke trafen mich, als ich in die Einfahrt kam.

»Junge, was machst du für Sachen..«, sagte meine Mutter und musterte mich.

Nun, durch eben dieses viele Glück sah man mir die Katastrophe nicht an. Trotzdem wurde jeder Zentimeter meines Körpers begutachtet.

»Alles in Ordnung?«, fragte sie.

»Ja, ich bin okay. Hätte alles viel schlimmer kommen können.«

Mein Vater stellte sich dazu und schüttelte den Kopf.

»Kaum ist man aus dem Haus.. Aber komm, wir laden das Auto aus und dann reden wir.«

Gesagt, getan. Ich kann echt von Glück sagen, solche Eltern zu haben. Kein böses Wort, keine Sanktionen, nichts. Sie hörten mir beim Kaffee zu und ich plapperte wohl wie ein Kakadu. Keine Sekunde ließ ich aus, auch nicht wie ich Angelo kennen gelernt hatte.
Mögen sie auch immer ihre Zweifel gehabt haben, was für ein Paradiesvogel ich eines Tages mal anschleppen würde, so waren sie von Angelo allein vom Hörensagen doch ziemlich angetan.

»Das Problem ist«, setzte ich so quasi den Schlusspunkt, »seine Eltern wissen nicht wie wir zueinander stehen. Und so wie die Dinge liegen, wird es sehr schwierig es ihnen zu sagen.«

Meine Eltern sahen sich an, wohlwissend, dass sie mit ihrer Offenheit über dieses Thema nie verkehrt gelaufen waren.

»Und was wollt ihr jetzt machen?«, fragte mein Vater und ich spürte dass er eine ernsthafte Antwort erwartete.

»Dad, ich habe keine Ahnung, Angelo noch weniger. Wir haben etwas zu verlieren und das ist der springende Punkt. Wir müssen abwarten, zumindest bis sich die ganze Aufregung um den Unfall gelegt hat. Übrigens, möglicherweise werden Manskes gegenüber das eine oder andere Wort verlieren. Die haben uns gesehen und.. na ja, ihr kennt sie ja.«

Mutter lächelte und nippte an der Kaffeetasse.

»Für die war Zeit dass mal wieder was passiert hier. Ich hab schon befürchtet sie hängen sich aus Langweile in der Ecke hier auf.«

»Rita, bitte.«

Mein Dad rügte sie nicht, denn auf seinem Gesicht lag so ein merkwürdig gehässiges Grinsen.

»Und was geschieht jetzt weiter? Bist du krank gemeldet?«

»Nein. Hab ja noch ne Woche Urlaub.«

»Nun, eigentlich tut das aber nichts zur Sache.«

»Lass ihn, sei froh dass nicht mehr passiert ist«, mischte sich Mutter ein.

So verlief der Nachmittag eigentlich ganz gut für mich. Ich mein, klar, ständig musste ich an Angelo denken und insbesondere an seine Eltern. Dummerweise nahm diese Sache dann doch mehr Platz in meinem Kopf ein als ich zulassen wollte.
Es war verdammt wichtig. Viel zu wichtig denn ich war einfach nicht bereit für ewiges Versteckspielen. „Und was willst du machen? Sie anrufen? Vorbeikommen?“

»Mum, Dad, ich bin noch mal kurz weg.«

Ich sagte ihnen nicht, wohin ich mit meinem Rad fahren wollte. Mir war klar, dass Angelos Vater nicht zu Hause war, seine Mutter vielleicht auch nicht. Aber ich konnte nicht mehr in meinem Zimmer sitzen und grübeln, was aus Angelo und mir werden sollte.

Nach dem zweiten Gong stand Paul unter der Tür. Er erkannte mich sofort und wie sie so sind, wusste er auch meinen Namen noch.

»Herr Kassini ist nicht hier.. also, der junge Herr..«

»Ich weiß. Ist seine Mutter zu sprechen?«

Aber darum musste sich Paul nicht mehr kümmern, Angelos Mutter stand plötzlich in der Tür.

»Herr Bach, welche Überraschung. Kommen Sie doch rein.«

Gewünscht, getan. Ich folgte der Frau auf die Terrasse, wo sie mir einen Platz anbot. Augenblicke dachte ich, keine Luft zu kriegen.

»Möchten Sie etwas trinken?«, fragte Paul, der uns wie ein Schatten gefolgt war.

Ich nickte und ob meines trockenen Halses krächzte ich wohl mehr ein

»Wasser wäre mir recht.«

Angelos Mutter setzte sich mir gegenüber.

»Ich nehme an, es gibt einen besonderen Grund warum Sie hier sind.«

»Ja, den gibt es.«

Langsam bekam ich meine Fassung zurück. Dennoch.. war es gut, dass ich hier saß? War es gut, dass Angelo davon nichts wusste? War es gut, gerade jetzt damit zu kommen? Ich bin einfach meiner Stimme gefolgt.
Wenn dies nicht der richtige Augenblick war, dann würde es nie einen geben. Vielleicht war ich auch bewusst so spontan hier hergefahren, weil ich wusste dass sein Vater nicht hier war. Eine Frau, besonders Mütter, hatten meistens etwas mehr Verständnis für diese Dinge.
Rumdrucksen wollte ich nicht, es galt jetzt überlegt und emotionslos zu handeln. Vielmehr, zu reden.

Paul entschwand, ich nahm einen Schluck aus dem Glas und lehnte mich zurück.

»Ich bin wegen mir und Angelo gekommen.«

Etwas peinlich war mir schon, dass Paul dann doch noch einmal auftauchte und mir einen Aschenbecher auf den Tisch stellte. Aber gut, eins nach dem anderen, dachte ich.

»Nun, ich kann mir denken, dass Sie nicht nur zufällig hier sind. Im Übrigen habe ich bemerkt dass Sie etwas auf dem Herzen hatten, heute Morgen in der Klinik. Tut mir leid dass keine Zeit dafür war. Aber ich rede zuviel. Wenn ich die Sache richtig sehe geht es wohl auch um Angelo. Ist es wegen dem Unfall? Oder.. weil Angelo nicht auf seinem Zimmer war, wie es sich eigentlich gehörte?«

»Nein, eigentlich nicht.«

Über dieses Thema wollte ich mich auf keinen Fall unterhalten. Angelo war schließlich alt genug; kein Grund, zumal er ohne mich da unten war.

Nun sah sie doch ziemlich neugierig aus. Wie hätte sie auch annähernd ahnen können weshalb ich hier saß.

»Ich darf doch?« und während dieser Frage zog ich meine Zigaretten aus der Tasche.

Warum sollte ich jetzt so tun als rauche ich nicht, Paul hatte mir ja schon Vorarbeit geleistet.

»Bitte«, antwortete sie, und das nicht mal irgendwie skeptisch.

Der erste Zug aus meiner Zigarette ging durch bis zu den Zehenspitzen.

»Es betrifft Angelo und mich. Aber vielleicht sollte ich von vorn anfangen.«

»Von vorn? Ja, dann.. bitte.«

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