Margie 21 – Datum, Stempel, Unterschrift

Angelo hielt in der anderen Hand den Umschlag und starrte irgendwie zu Dorfler hin, als wäre der aus dem Weltall herabgestiegen. Mein Schnuckel schien sehr genau zu wissen, was da gerade lief, während ich nur langsam einige Vermutungen für mich anstellte.
Es dürfte sich um ein Arrangement handeln. Ein Vorvertrag für eine Band vielleicht. Ich wünschte mir jedenfalls, dass das so oder so ähnlich aussehen würde. Dann dürfte dieser Sammy auch Sinn machen, dessen Name ich sicher schon irgendwo bei MTV oder im Netz gelesen hatte.

»Wie haben Sie mich gefunden?«, fragte er irgendwann.

Dorfler räusperte sich. »Nun ja, das war sicher alles andere als einfach.«

Angelo war auf einmal ganz aufgeregt; so kannte ich ihn noch gar nicht.

»Und wie kommen Sie.. überhaupt auf mich?«

Jetzt sah mich Dorfler irgendwie seltsam an.

»Übrigens, wenn ich es mir recht überlege und Sie so betrachte.. Ja, das könnte sicher klappen.«

Dann wandte er sich wieder Angelo zu.

»Sammy Willard ist ein sehr großer Liebhaber großer und auch berühmter Orchester. Dass wir auf dem Konzert in Mannheim waren, das allerdings muss man in die Kategorie Zufall einordnen.

Er sieht sich grade in der Stadt um und, na ja, er hat halt ein sehr feines Gespür. Sie sind ihm sofort aufgefallen. Ähm, mir natürlich auch. Im Übrigen haben wir eine Erfolgsquote von bis zu siebzig Prozent.«

Die beiden sprachen nun in für mich allergrößten Rätseln. Was wollte der denn plötzlich von mir? Angelo sah mich an und ich wollte gerade fragen was denn hier eigentlich für ein Film lief.

»Sehr schöne Musik, die das Orchester spielt, muss ich wirklich zugeben. Obwohl«, Dorfler grinste, »es nicht unbedingt meine Richtung ist.«

Wieso hörte er es sich überhaupt an wenn es nicht sein Geschmack ist? Was hatten die beiden denn bloß?

»Danke«, gab Angelo zurück.

»Wollen Sie das Couvert nicht öffnen? Ich denke, das Angebot ist recht großzügig. Mag daran liegen, dass sich Sammy persönlich darum gekümmert hat. Übrigens, ein Anruf bei Ihnen zu Hause hat mich hierher geführt.«

Wurde Angelo plötzlich rot oder war das Einbildung?

»Wie kommen Sie.. an meine Adresse? Und was haben.. Sie ihnen denn gesagt?«

»Das Orchester, in dem Sie spielen sollten, ist zwar auf Tournee, aber am Theater wusste man schon wie und wo die entsprechenden Leute zu erreichen sind. Ihre Eltern, nun, ich sagte, dass ich ein Angebot geschäftlicher Art für Sie hätte.«

»Aber darum kümmern sich in der Regel doch meine Eltern selber.. ich hab da nichts mit zu tun.«

Ja, klar. Andreas Kassini war offenbar so eine Art Manager für seinen Sohn. Ist ja auch legitim und dann konnte er auch nicht über den Tisch gezogen werden.

»Nun, um diese Art der Erlaubnis wollten wir nun doch nicht fragen«, erklärte Dorfler mit einem schiefen Lächeln. »Schließlich sind Sie für derartige Entscheidungen alt genug.«

Es wurde mir zu bunt. Woher wollte der auch noch wissen, wie alt wir sind?

»Ich will ja nich unhöflich sein, aber dennoch wüsste ich gerne von was ihr es da habt.«

Angelo sah mich an.

»Ich…gleich.«

Er wandte sich wieder an den Mann.

»Sie geben mir doch Bedenkzeit?«

»Ja, aber nicht zu lange. Sammy könnte es sich vielleicht überlegen.. Aber ich sehe, Sie möchten diese Dinge vielleicht erst Mal unter sich besprechen. Ach, und Herr.. Bach? Richtig?«

Ich nickte.

»Ich nehme das jetzt mal auf meine Kappe, aber sehen Sie das Angebot, das an Herrn Kassini gerichtet ist, auch für sich. Geben Sie mir Bescheid, alles andere steht auf dem Brief.«

Er stand auf und gab uns die Hand.

»Nun, ich und selbstverständlich Mister Willard würden uns freuen, wenn Sie sich bald positiv entscheiden könnten. Rufen Sie an, wann immer sie wollen. Unsere Nummern stehen auf dem Brief.«

Wenige Augenblicke später war der Spuk vorbei. Erst jetzt spürte ich meine Anspannung.

»Sag mal, was war das denn jetzt?«

Angelo antwortete nicht, sondern öffnete mit zitternden Händen das Couvert. Nun war ich aber mächtig gespannt, las aber nicht mit was da drin stand, obwohl ich natürlich unheimlich neugierig war.

Angelo las und las und las. So lange konnte man doch für die paar Zeilen gar nicht brauchen. Währenddessen versuchte ich, der Sache selber auf den Grund zu kommen. Mit Musik konnte es ab dann nichts mehr zu tun haben, wo ich ins Gespräch kam. Ich kann ja nicht mal pfeifen. Aber was zum Teufel war es dann?

Nach ewigen Zeiten reichte er mir schließlich das Schriftstück.

„Sammy Willard Productions, San Francisco, München, Frankfurt, Rom..“ Woher kannte ich den Namen bloß? Ich las weiter. Unten angekommen begann ich von vorne, drei mal. Der Text war wohl in Deutsch und alles in allem doch ziemlich formell.
Es lag also nicht an meinem Verständnis, sondern schlicht und ergreifend am Inhalt.

»Angelo.. das ist.. «

Ich konnte es nicht fassen und erst da, nachdem ich es ein viertes und letztes Mal gelesen hatte, wusste ich wohin mit dem Namen. Ich schlug mir mit der flachen Hand an die Stirn, dann ließ ich den Brief sinken.
Waren es Todsünden, die mir in Massen dazu einfielen? War das alles nur ein schlechter Scherz? Nein, mitnichten. Das war ernst gemeint.

»Angelo.. was soll das denn?«

»Hm, steht ja drin.«

»Ja, aber ich glaub das einfach nicht.«

»Warum? So gehen die vor, meine ich jedenfalls zu wissen.«

»Mag ja sein, aber du? Und.. ich?«

Plötzlich grinste er, wie ein kleiner Junge.

»Warum nicht?«

Ich lächelte gequält.

»Du meinst jetzt aber nicht, dass du darauf eingehst?«

»Hast du gesehen, was man dafür bezahlt?«

»Klar, aber.. das ist kein Geld.. in dem Sinn.«

»Ralf. Auf dem Brief ist das Datum, der Stempel, Willards eigenhändige Unterschrift, Bankverbindungen und sogar der Gerichtsstand. Wo liegt das Problem?«

Ich schnaufte, wie ein Stier in der Arena.

»Angelo, das Problem liegt ganz einfach in der Sache an sich. Du bist.. Musiker, du wirst Karriere machen.«

. »Was willst du denn«, ich wedelte mit dem Brief vor seinem Gesicht, »damit?«

»Hey Ralf. Das eine muss das andere doch nicht ausschließen.«

»Oh doch«, gab ich zu bedenken, »was wird wohl passieren, wenn man dich
erkennt?«

Angelos Blick ging zum Fenster hinaus, in diesen schönen Sommertag. Für mich allerdings begannen dunkle Wolken dort aufzuziehen.

»Dieses Risiko sollte mal glaub ich in Kauf nehmen.«

Ich stand spontan vom Bett auf.

»Nein, das kannst du nicht wirklich wollen. Eine noch so kleine Zeile darüber in einem Boulevardblatt und du bist draußen.«

»Glaub ich nicht.«

Oh, er schaltete auf stur. Natürlich hatte das Angebot seinen Reiz, das musste ich zugeben. Aber nur das Sümmchen, das darauf ausgewiesen war. An das, was man dafür tun musste, mochte ich in dem Augenblick nicht genauer nachdenken.

Ich wurde richtig sauer.

»Angelo, das wirst du doch nicht annehmen? Nicht wirklich, oder?«

Er sah weiter raus aus dem Fenster, so, als wäre ich gar nicht da. Ich war mir nicht mal sicher, ob er mir überhaupt noch zuhörte. Er war wie geblendet und ich bekam das ganz dumme Gefühl, er würde dieser Sache zustimmen.

»Hast du gehört was ich gesagt hab?«

Er nickte, aber auch das kam mir eher abwesend vor.

»Angelo, sag bitte dass du nicht annehmen wirst. Tu es mir zuliebe, bitte.«

Jetzt drehte er langsam den Kopf. Seine Augen machten mir zum ersten Mal, seit wir uns kennen, richtig Angst. Ich ahnte, nein ich wusste die Antwort in diesem Augenblick. Ich war ihm nicht wichtig, egal eigentlich.
Mir wurde schwummrig zumute, denn das alles begann mich zu überfordern. Das konnte, das durfte so nicht sein. Bitte, nicht diese Antwort, vor der ich nun Panik bekam.

Nun sah er mir genau in die Augen.

»Wieso?«

Das war keine Frage, das war bereits eine Antwort. Ich war so aufgeregt, dass ich nicht klar denken konnte. Mit großen Schritten lief ich zur Tür und deutete mit dem Zeigefinger auf ihn.

»Wenn du da zusagst, gehe ich hier raus und komme nicht wieder zurück, hörst du?«

Demonstrativ nahm ich die Klinke in die Hand. Meine Güte, wie er so dasaß und mich ansah. Immer wirrer wurden meine Gedanken, richtig durcheinander war ich.

»Ralf, nun mach keinen Blödsinn. Komm, lass uns in Ruhe darüber reden, ja?«

In Ruhe drüber reden.. ich war außer mir und er sprach von Ruhe. Wie einfach doch das alles war. Für einen Moment versuchte ich, mich in die Situation hinein zu versetzen, aber es gelang mir nur im Ansatz. Ich war hoffnungslos überfordert.
Wieso ihn? Wieso nicht Hunderte oder mehr da draußen? Es gab garantiert jede Menge Jungs, die so einem Angebot hechelnd hinterher rennen würden wir die Hasen. Aber gut, dann wieder, nüchtern betrachtet.. soooo viele gab’s nun doch nicht. Eigene Erfahrung.
Trotzdem, ich war wild entschlossen, Angelo die Pistole auf die Brust zu setzen. Sollte das unsere erste Krise sein, dann musste ich auf der Stelle wissen, welche Position ich bei ihm innehatte.

»Angelo, darüber möchte ich mit dir nicht reden. Für mich ist dieses Thema erledigt. Und ich.. bitte, sag da nicht zu.«

Er hörte schon wieder nicht hin, ich spürte es. Ganz andere Dinge gingen in seinem Kopf herum, da gab’s für mich keinen Zweifel. Das allerschlimmste war, dass ich ziemlich genau zu wissen glaubte, an was er da dachte.

»Was ist nun?«, drohte ich, noch immer die Klinke in der Hand.

Zwar wusste ich in dem Moment überhaupt nicht wie es weitergehen sollte, falls er sich nicht zur Umkehr bewegen lassen würde; ich dachte da eher so ein bisschen an meinen Stolz. Ich hätte mit Angelo da einfach Schluss machen können.

Punkt und Aus. Tür zu und weg und das wäre dann für immer gewesen. Das wiederum ging aber nicht, ich wähnte ohne Angelo nämlich gar nicht Überlebensfähig.

»Ralf, nun komm, so schlimm ist das doch nicht und denk dran, wir beide.. «

Ich schwankte. Irgendwo hatte er Recht, ich wäre bei der ganzen Sache ja dabei und würde es sogar zur Auflage machen, damit das immer so blieb. Aber gingen die überhaupt auf so
was ein? Nun gut, eine Frage, die man klären könnte. Immerhin war der Dorfler recht höflich, vor allem duzte er uns nicht gleich.
Wenn’s ne Masche von denen ist, okay. Zudem, die schienen sich im Vorfeld recht gut über ihre.. Klienten.. zu informieren. Ob es immer so leicht war, an die nötigen Informationen zu kommen? Na ja, ich hatte mal gelesen, dass sie die Leute in der Regel einfach ansprechen.
Allerdings meist in einschlägigen Etablissements und das war ein Orchester in dem Fall garantiert nicht. Aber gut, Dorfler hatte von Zufall gesprochen.
Zaghaft ließ ich die Klinke los, obwohl ich mir weder sicher noch überzeugt war. „..aber sehen Sie das Angebot auch für sich..“, hörte ich Dorfler noch sagen.
Sicher gab es eine Menge Fragen, aber gerade weil ich mir um die Gedanken machte spürte ich, wie sich mein Ego zu verabschieden begann.
»Und was ist mit deinen Eltern?«, fragte ich dann bloß.

»Ja, die..«

In diesem Augenblick fiel mir der eigentliche Grund meines Besuchs wieder ein. „Nun hätten wir also ein gepflegtes Doppelpack“. Jap, das war es geworden in diesen Minuten, in der Tat. Auch wenn seine Eltern nun wussten, was mit ihrem Sohn los war – den Inhalt dieses Briefes durften sie niemals erfahren.
Meine davon abgesehen auch nicht und zwar völlig unabhängig davon, ob wir der Sache zusagten oder nicht.
Ich ließ die Klinke los und ging wieder zu ihm hin. Puh, endlich, endlich wieder das Gesicht wie ich es liebe.. aufrichtig liebe. Er ahnte wohl in diesem Augenblick, dass ich ihm wenigstens ein bisschen auf dem Weg entgegen kam. Alles was mir dazu einfiel war: Gemeinsam. Zusammen wäre es zu machen, aber das war meine Forderung.

Bevor endgültig alles in unübersichtlichem Dickicht verschwand musste ich wenigstens diese eine Sache hinter mich bringen. Also holte ich tief Luft.

»Stichwort Eltern.. ich war gestern Abend bei ihnen. Also, bei deinen.«

Sofort bekam Angelo große Augen.

»Du? Zu Hause? Bei uns? Was.. wolltest du denn da?«

»Ich hab’s nicht mehr ausgehalten, Angelo. Ich hatte eine Aussprache mit meinen Eltern, sie haben die Sache zwischen uns sehr gut aufgenommen. Jedenfalls, sie freuen sich schon dich kennen zu lernen.«

Er nickte.

»Und.. was hat das mit meinen Eltern zu tun?«

Ich spürte seine Ahnung. Bis jetzt hatte ich ihn ja schon ganz gut herangeführt und er war auf dem Weg der Erkenntnis, da war ich sicher.

»Nun, deine Eltern.. na ja, ich hab mich erst mit deiner Mutter unterhalten.«

Er sah weg, weg von mir irgendwohin in den Raum. Der Groschen war gefallen. Die nächsten Momente verhielt ich mich ganz still; natürlich bereit, Rede und Antwort zu stehen, falls das gleich losginge.

Ohne mich anzusehen fragte er nur leise:

»Und, was hat sie gesagt?«

„Entwarnung“ Er ging nicht gleich hoch. Einer der vielen Steine in mir war ich schon mal los.

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