Margie 32 – Der Countdown

Dieser Typ, von dem ich nur seine schlanke, große Figur und dunkles Haar erkennen konnte, lehnte Angelo so quasi ans Auto und legte beide Arme auf seine Schultern.. Zwischen ihren Köpfen hatte nicht mal eine dünne Zeitung Platz.
Gut, auf die Entfernung war das eher schlecht auszumachen. Trotzdem, so nah kommen sich zwei Menschen normalerweise nicht.. außer, die haben was ziemlich intimes vor.
Mein Körper verkrampfte sich und ich bekam Kopfschmerzen vom konzentrierten hinstarren.
Die Tür zum Haus ging auf und ich konnte in der Person, die nun auf die beiden zuging, Angelos Mutter ausmachen. Kam die grade richtig, bevor da am Auto mehr passieren konnte? Hoffentlich. Andererseits, womöglich hatten die beiden ja längst viel intimere Dinge hinter sich.
Diese meine Vermutung wurde immer wahrscheinlicher. Nun stand sie bei den beiden und sie schienen sich zu unterhalten. Wie gern hätte ich da jetzt Mäuschen gespielt. Bekam Angelo nun einen Rüffel?
So auf die Entfernung hin war das schlecht einzuschätzen. Der Fremde ließ nach einer Weile von Angelo ab und ging ums Auto herum, stieg schließlich ein. Wie schön, er musste nämlich auf dem Weg zur Kreuzung an mir vorbei und dann konnte ich mir den mal genauer ansehen.
Immerhin dürfte sein Aussehen über so einiges Aufschluss geben. Angelo würde sich mit Sicherheit nicht mit einem Heini abgeben, das hatte er weiß Gott nicht nötig.

Angelo humpelte an seinen Krücken neben seiner Mutter in Richtung Haus, winkte dem Autofahrer noch einmal zu und schließlich fuhr der los. Wusste Angelos Mutter jetzt, wer das war? Hatte er sich vorgestellt? Oder war das am Ende gar kein Fremder..
Lauter Fragen. Da die beiden kurz darauf im Haus verschwunden waren, konnte ich mich voll und ganz auf das Fahrzeug, respektive den Fahrer, konzentrieren. Der kam näher und näher und ich stand einfach da und wartete. Vielleicht sah das aus seiner Sicht blöd aus, aber was sollte mich dem seine Meinung dazu interessieren?

Der Wagen wurde kurz vor mir langsamer, weil die Kreuzung nicht weit war. Somit hatte ich die Gelegenheit, mir den Fahrer genau anzusehen. Mitte Zwanzig schätzte ich ihn. Ganz dunkle, wenn nicht sogar schwarze Haare, ein schönes, ebenmäßiges Gesicht.
Hübsch, das war nicht von der Hand zu weisen. Er trug einen dunklen Anzug, sogar eine Krawatte. Ein Yuppie – Typ hätte man früher gesagt. Unsere Augen trafen sich und ein paar Augenblicke lang dachte ich, seine Aufmerksamkeit erregt zu haben.
Aber sicher fragte er sich bloß, was so ein Typ, der nur dastand und seine kurzen Blicke erwiderte, hier draußen verloren hatte. Ohne Zweifel, den würde ich nicht von der Bettkante stoßen, grummelte es tief in mir.
Also, warum sollte das Angelo dann tun? Wenn er mit dem was angefangen hatte, wie auch immer, dann brachte dafür trotz allem niemand mehr Verständnis auf als ich. Eine bittere, aber wahre Erkenntnis.
„Vielleicht ist der aus Willards Kreisen“. Genährt wurde dieser schlimme Verdacht durch das Kennzeichen des Wagens. Frankfurt. Hatten die.. etwa geprobt? Wie war das mit Schwanz angucken bevor es zur Sache ging?
Oder was mir dann noch logischer vorkam, der hatte Aufnahmen von Angelo gemacht. Gips hin oder her, der war ja bald kein Thema mehr und Angelos blaue Flecken waren unter seiner braunen Haut so gut wie verschwunden.
Hatte mich ja selber davon überzeugen können, dass er momentan sehr gut aussah. Und ganz am Ende würde das auch der neugierige Blick von dem Typen erklären. Dorfler hatte ja offen bekundet, dass ich mitmachen konnte. Diese Typen hatten eben ein geschultes Auge..
Ich stützte mich auf mein Rad und wartete, bis der Wagen auf der Kreuzung abgebogen war. Da fuhr er hin, vielleicht mit einer Menge Fotos im Gepäck, um sie Willard oder Dorfler in einem schicken Hochhausbüro zu zeigen.
Und wie die entscheiden würden, das stand sowieso schon fest: Angelo konnte man überhaupt nicht in Frage stellen. Ich sah ihn schon auf sämtlichen Titelseiten der renommiertesten Pornomagazine. „Du weißt schon, dass das Hirngespinste sind?“ „Klar weiß ich das. Aber sie müssen deswegen nicht zwangsläufig unrealistisch sein, oder?“

Ich schnaufte tief durch. Was ich dann da an der Stelle auch plante, irgendwie hatte nichts Hand oder Fuß. Zu ihm hinfahren? Dann musste er mich nicht extra anrufen. Wobei, obwohl.. das war doch ein prima Test.
Seine Mutter würde ihm sagen dass er mich anrufen soll und dann lag es an ihm das zu tun oder nicht. „Fahr Heim“, war dann auch meine Entscheidung. Unter anderem gab’s dort bei Kassinis ja auch noch was zu tun, am nächsten Tag.

Paps war schon von der Arbeit da, Mum wirkte in der Küche. Lauthals verkündete ich mit einem „bin da“ meine Anwesenheit. Hintergrund dieser Aktion war ja nur, ob sie mir gleich über Angelos Anruf Bescheid geben würden.
Aber außer einem zweistimmigen „Hallo“ kam da nichts. Vorsichtshalber schritt ich sofort in die Küche.

»War ein Anruf für mich?«

»Ja.«

Oh, wie nah liegen Glück und Unglück beieinander.

»Werner war’s. Er wollte nur sagen, dass ihr Morgen zur normalen Zeit anfangen würdet.«

Ich nickte, wahnsinnig enttäuscht. Diese Info war überflüssig, zumindest im Augenblick empfand ich das so.

Mum rührte im Kochtopf.

»Du bist aber nicht direkt nach Hause gefahren, oder?«

»Nein.«

Sie nickte; keine Nachfragen, wie meistens.

»Übrigens«, fing sie dann doch an, »schau mal da auf dem Tisch. In der Zeitung.«

Ich holte mir ein Bier aus dem Kühlschrank und setzte mich an den Küchentisch.

„Einfach Fantastisch“, stach mir eine Artikelüberschrift ins Auge. „Begeisterung kennt keine Grenzen. Orchester feiert Erfolge.“

»Das sind doch die, bei denen Angelo dabei wäre, oder?«

Ich nahm die Zeitung hoch. Viel war auf dem kleinen Foto nicht zu erkennen, aber so im Schnitt strahlten die Musiker des Ensembles doch recht glücklich in die Kamera. Bald waren sie zurück und mit ihnen käme Angelo auch wieder.
Wäre es so rum nicht besser gewesen? Eine gute Tonne an Aufregungen und Ärger hätte ich mir dann ersparen können. Trotz allem stellte ich mir immer wieder die Frage, warum Margie diesen Unfall erleiden musste, just zu dem Zeitpunkt als ich mich an Angelos Fersen geheftet hatte.
Nun gut, ich legte die Zeitung wieder hin.

»Ja, das sind sie.«

Beim essen wurde nicht viel geredet. Nur eins konnte mich kurzzeitig aus meinen Gedanken reißen.

»Onkel Herbert ist übrigens sehr zufrieden mit dir. Er sagt, er hätte schon lange keinen Azubi mehr gehabt der so engagiert..«

Ich winkte, Unterbrechung.

»Lass mal. Bis jetzt hatte er ja auch noch keinen aus der Verwandtschaft.«

»Ralf. Du weißt, dass dein Onkel keine Unterschiede machen würde. Im Übrigen, die Manskes haben tatsächlich eine Reparatur in Auftrag gegeben.«

»Oh. Und.. was sagt Onkelchen dazu?«

Mum grinste.

»Weiß ich nicht. Ich hab ihm nur erzählt was die da drüben manchmal abziehen.«

»Ähm.. auch in Bezug auf mich.. und Angelo?«

»Nun, ich hab’s nicht direkt gesagt, aber Herbert hat ja keine lange Leitung.«

Gut, ein Lichtblick. Man durfte nun davon ausgehen, dass Manskes indirekt meine Rache zu spüren bekamen, wie auch immer.

Ich ging nach dem Essen nach oben. Kopfschmerzen zum einen zwar, zum anderen nahm ich mir trotzdem vor, meinem kleinen Freund endlich wieder eine Freude zu bereiten. So wie in den vergangenen Tagen ging das auf gar keinen Fall weiter.
Erstaunlich fand ich dann, dass ich mich nicht mehr in Angelos Eskapaden hineinsteigerte. Ja, er verlor sich bisweilen sogar, als ich mir die neuesten Videos anschaute. Allerliebste Hasen waren darunter und ich schwor mir, das endlich wieder zur Tagesordnung zu machen. Das war früher gut, warum sollte es nun schlecht sein?
So war es denn auch nicht besonders verwunderlich, dass ich schon nach ein paar Minuten, den schon verlernt geglaubten Orgasmus bekam. Sonst immer getroffene Vorkehrungen zur einfachen Spurenbeseitigung fanden diesmal nicht statt, was mit aufwischen bestraft wurde. Aber das war beileibe das geringste Übel, immerhin stellte ich fest, dass da noch nichts eingerostet war. Das sollte künftig auch kein Thema mehr sein.

Aber meine guten Vorsätze waren am anderen Morgen im Bad wieder hinfällig. Fast war ich geneigt, Werner anzurufen um ihm zu sagen dass mir Übel ist. War es auch, irgendwie. Ich wähnte mich in der Phase, die Umlaufbahn in der ich mich befand, zu verlassen.
Die war nicht gut für mich und für mein Umfeld und so eine Aktion kostete Energie.
Mein Blick in den Spiegel, tief in die Augen, war fast erschreckend. „Lass ihn in Ruhe, endgültig. Vergiss nicht wie schön es gestern Abend war. Kein Theater, kein hin und kein her.
Kannst es treiben wann du willst..“ Zugegeben, dieser Aspekt hatte was. „Ralf, das war ne kurze Affäre, nimm es als solche und vergiss den Rest.“

Ich bastelte einen Plan und damit fuhr ich später zur Arbeit. Mum hatte mir beim Frühstück noch nahegelegt, Alfons Becker anzurufen. Okay, der kam mir jetzt wirklich wie gerufen. Als alter Freund meines Vaters würde ich auf die erste Fahrstunde bestimmt nicht lange warten müssen.

»Werner, ich möchte nicht mehr auf diese Baustelle«, tat ich meinem Ausbilder den gefassten Plan später kund.

»Das mit Angelo wird nichts und ich möchte mich auf meine Arbeit konzentrieren können.«

Er lächelte, mitleidig fast.

»Beinah hätte ich gewettet, dass das so kommt.«

Ich staunte mal wieder über seine Menschenkenntnis.

»Und mit wem?«

»Mit mir. Aber das ist okay, ich nehme den Boris mit.«

Gemäß Ausbildungsverordnung durfte mich nur jemand mitnehmen, der die Ausbilderprüfung in der Tasche hatte und das war außer Werner nur noch Stefan. Der zählte zwar nicht zu meinen Favoriten in der Firma und mit dem war ich auch nur zusammen wenn Werner mal nicht da war.
Auskommen konnte man nur dann mit ihm, wenn man über seine manchmal derben Sprüche hinwegsah. Seiner Meinung nach sind Männer nur auf dieser Welt, um Frauen glücklich zu machen.
Manchmal trat er voll in die Eisen wenn irgendwelche angeblich aufreizende, weibliche Wesen da auf dem Gehweg entlanggingen. Eines Tages, das war nicht nur meine Befürchtung, würde er wegen solcher Einlagen auch mal vom Dach fliegen.
Ich glaube, er hat nur aus einem Grund diesen Beruf gewählt: Gelegentliche Blicke in die Zimmer anderer Leute. Weiblicher Natur freilich nur. Da blieb einem nichts, als gute Mine zum blöden Spiel zu machen.
Schwer fiel mir das jedes Mal mit ihm, aber damit hatte ich letzten Endes rechnen müssen. Werner oder er, mehr Auswahl hatte ich nicht. Und nun musste ich mit meiner Entscheidung leben. Groß in Panik zu geraten brauchte ich nicht, es war ja nicht für alle Zeiten.
Kassinis Schuppen würde an dem Tag fertig werden und dann konnte ich wieder wechseln.

So rein zufällig sah ich dann im Büro meines Onkels den Arbeitsplan und trotz mehrmaligem hinsehen, konnte ich den Namen Manske nicht finden. Auch gut, zumindest bestand damit nicht die mögliche Gefahr, dass ich ausgerechnet bei denen aufs Dach musste.

Wir fuhren dann auch zum Rathaus, da hatte es ein paar Ziegeln geschmissen bei dem Unwetter. Nicht schlimm, drum war das nicht eilig. Stefan schonte mich, diese Arbeit konnte einer alleine erledigen.
So hatte ich reichlich Zeit, mir die Gegend aus der Höhe zu betrachten. Sogar bis zu Kassinis konnte man von da oben blicken, aber das berührte mich sehr wenig. Meinem eigenen Befinden nach verblasste allmählich das ganze Theater.
Mich beruhigte zudem, dass es eher unwahrscheinlich war, Angelo ständig über die Füße zu laufen. Der war so gut wie nicht mehr da, Frankfurt sei Dank.

Da Stefan ziemlich schnell war mit der Reparatur, fuhren wir noch ein bisschen in der Gegend herum bis Feierabend war. Über solche Dinge wurde nicht geredet, obwohl mein Onkel das natürlich wusste.
Aber wenn es hart auf hart ging war seine Truppe zur Stelle, wenn’s sein musste die ganze Nacht durch. Darum gab es immer mal wieder solche Freizeiten. Mit uns trafen dann auch Werner und Boris im Betriebshof ein.
Ich schlenderte in die Umkleideräume und freute mich auf eine lange, ausgedehnte Dusche. Hatte ja jetzt Zeit, alle Zeit der Welt. Die Duschen sind nur durch Wände voneinander getrennt, man konnte also schon seine Blicke schweifen lassen.
Ich mein, die Arbeiter sind ja alle Heteros, außer meiner Wenigkeit. Trotzdem, Boris war Zweiundzwanzig, hatte einen ziemlich leckeren Body und regte schon mal meine Fantasie gehörig an.
Wobei ich es bis dato vermieden hatte, ihm so richtig gezielt zwischen die Beine zu sehen. Ich fürchtete um die Reaktionen meines kleinen Freundes.

Werner stellte sich in die Dusche gegenüber und drehte das Wasser auf.

»Angelo hat nach dir gefragt.«

Sofort verkrampfte sich alles in mir. Angelo war mittlerweile zu einem Reizwort für mich geworden und meine neu angepeilte Umlaufbahn durfte auf keinen Fall in Gefahr geraten. Der Countdown lief und niemand durfte auf Not-Aus drücken.

»So?«

Werner spürte meine Gleichgültigkeit in dieser Frage. Wenn Angelo nicht mehr als nur nach mir gefragt hatte, dann war’s das ja auch schon.

»Er hat sich gewundert dass du nicht mitgekommen bist.«

Soso. Ausgerechnet er sprach von Wundern.. ich hatte mich immerhin mehr als einmal gewundert. Über ihn und sein ganzes Gehabe und Getue. Da durfte er sich auch mal über mich wundern.

»Und was hast du ihm gesagt?«

»Dass du auf einer anderen Baustelle gebraucht wirst.«

Ich schäumte meine Haare kräftig ein, aber ich konnte damit nicht verhindern dass Werners Worte bis zu mir vordrangen. Ganz sicher, ob ich das alles hören wollte, war ich mir nämlich nicht.

»Und das hat er geglaubt?«

Werner zog die Schultern hoch.

Na ja, warum sollte er es nicht glauben? Immerhin eine logische Erklärung. Ein Azubi kommt immer dahin, wo er am meisten lernt. Das war zwar an dem Tag überhaupt nicht passiert, aber warum sollte Angelo das wissen?

»Hat er sonst noch was gesagt?«

Neugierig war ich dann doch geworden, auch wenn ich mir keine Hoffnungen mehr machte.

»Ich soll dich grüßen wenn ich dich sehe.«

»Hast ja nun gemacht«, grummelte ich.

Was gab’s da zu grüßen? Er hätte lieber herausrücken sollen was da mit diesem Fremden war. Aber das durfte mich nun einfach nicht mehr interessieren.

»Seid ihr fertig geworden, mit dem Schuppendach?«

Werner nickte nur, während er seinen Körper einseifte. Komisch, sowas ging überhaupt nicht an mich. Da blieb mein kleiner Freund beharrlich in Ruhestellung. Gut. Damit war das Thema Kassini abgehakt.
Ich musste nicht mehr hin, konnte am nächsten Tag wieder mit Werner fahren und ich freute mich bereits auf einen schönen, sorgenfreien Feierabend. So würde ich bald wieder meinen Seelenfrieden finden. Ablenkung bot da ja auch schon immer der Bahnhof. Alte Bande knüpfen.

Dorthin begab ich mich dann auch, nachdem ich kurz zu Hause war um meine Anwesenheit zu bekunden. Die Drohung meiner Eltern, meinen Führerschein selber bezahlen zu dürfen wenn ich mich nicht sofort mit Alfons Becker in Verbindung setzen würde, nahm ich dann doch sehr ernst.
Ich griff zum Telefon und konnte bereits an anderen Tag abends bei ihm vorstellig werden, zwecks dem ganzen Papierkram und so. Ein kurzer Snack noch, dann aufs Rad.

Archie war da, Patrick auch. Ein Hallo und die üblichen Begrüßungsrituale. Auch die Frage nach meinem „Freund“ durfte nicht ausbleiben. Neugierig waren die schon, wobei es da in erster Linie um Angelos Umfeld ging, nicht um ihn selber. Ich erklärte kurz und knapp, dass es wohl endlich aus sei mit ihm und so weiter.

»Wundert mich nicht«, sagte Archie und rollte dabei eine Kippe zwischen den Lippen.

Ein bisschen stutzig wurde ich schon, als ich ihm Feuer gab.

»Und wieso nicht?«

»Na, ich hab den gesehen. Wollt es dir erst nicht sagen, weil, es geht mich ja gar nichts an. Aber der war ja gleich zu erkennen, auch an dem Gips, den du beschrieben hast.«

„Lass dich auf nix ein. Es geht dich nichts mehr an.“ „Klar, aber wenn der doch..“

»Und wo?«

»Wir warn im Kino am Dienstag. Da haben wir den gesehen, stimmt’s?«

Seine Frage richtete er an Patrick und der nickte eifrig.

»Sicher?«

„Warum willst du das wissen?“ „Darum.“

»Klar. Der hatte so einen geschniegelten Typen dabei.«

»Und die waren im Kino, ich mein, drin?«

Archie bemerkte, dass ich neugierig geworden war. Es bereitete ihm ja immer schon sichtlich Freude, wenn er Neuigkeiten verbreiten konnte.

»Klar.«

»Aber mit Gips halt ich das für reichlich problematisch,« tat ich meine Zweifel kund.

»Die saßen ganz vorne, am Rand. Da kann man die Gräten schon mal ausstrecken,« zerstreute Patrick meine Bedenken.

»Wo sind die denn danach hin?«

»Keine Ahnung, hab ja nicht auf die gewartet, als der Film aus war.«

Also zumindest bis dahin war ja alles harmloser Natur. Schade dass Archie nicht ein bisschen was von der Manske hatte, denn dann wüsste ich jetzt bereits viel, viel mehr. Nur, irgendwie passte das nun so gar nicht in mein Bild, das ich vom Ablauf dieses Abends hatte.
Ging man erst ins Kino und dann ins Fotostudio? Respektive in ein Hotel? Na ja, so arg abwegig war das nun auch nicht. Haben sich vielleicht nur eingestimmt.
Ich traute mich Archie nicht zu fragen, ob er, rein zufällig natürlich, gesehen hatte was die beiden im Kino so trieben. Steckten die sich gegenseitig Chips in den Mund? Intimere Handlungen dürfte es so oder so nicht gegeben haben.

»Was war das denn für ein Film?«

»Brokeback Mountain.«

Das sagte Archie, ohne auch nur mit dem Mundwinkel zu zucken. Sollte es noch irgendetwas auf dieser Welt geben, über das ich mich wundern musste? »Du.. ihr wart in einer Schwuppenromanze?«

Archie grinste und schielte zu Patrick.

»Man muss ja auf dem Laufenden bleiben. Außerdem ist der Film nicht nur für Schwule.«

Seine Stimme erhob sich sofort leicht nervös.

»Also nich dass du denkst, wir.. «

Ich winkte ab.

»Ist doch okay.«

Lustig, wie verlegen die beiden wurden und sie waren mir in diesen Sekunden ein klein wenig mehr ans Herz gewachsen. Ja, die waren in Ordnung.

»Sagt mal, haben.. sich beiden am Ende auch geküsst? Also ich mein jetzt nicht die Darsteller.«

»Wer? Dein Verflossener und der andere?«

Manchmal konnte Archies Leitung zwar bis zum Mond reichen, aber die Antwort auf diese spezielle Frage machte er extra spannend, so weit kannte ich ihn. Leider begann dann, mein Bild wieder zu passen. Angelo und sein Typ hatten sich sehr wohl eingestimmt.

»Was ist denn nun?«, hakte ich nach.

»Was krieg ich wenn ich’s sag?« Archie ließ mich zappeln; ich wusste in dem Moment nur nicht, ob ich diesen Spaß mitmachen wollte.

Abgesehen davon, dass Angelo auch noch Grüße an mich ausrichten ließ. Ich bin sicher nicht vermessen, wenn man sowas als Unverfrorenheit bezeichnet. „Herr Bach: Muss deine Antriebsrakete für die neue Umlaufbahn vielleicht erst noch aufgetankt werden? Was ist denn los?“

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