Margie 35 – Das Angebot

Sie schwatzten eine ganze Weile, derweil mir die Hitze den Schweiß aus den Poren trieb. Wie schön dass unser Wagen eine Klimaanlage sein Eigen nannte und bald für eine angenehme Temperatur sorgen würde. Ich nutzte die kleine Pause für eine Zigarette.

Endlich, man gab sich die Hand und Becker stapfte eilig auf mich zu. Zeit war ja auch für ihn Geld und ich war gespannt, was so wichtig war dass er einiges davon verschenkte.

»Tschuldige, ich wurde aufgehalten«, stöhnte er denn auch und setzte sich auf seinen Platz.

»Hab’s gesehen. Kennen Sie den Herrn näher?«

»Paul? Ja, klar.«

Ich ließ den Motor an, in der Hoffnung der Alfons wollte wissen warum ich das wissen wollte.

»Warum fragst du?«

Na bitte.

»Ich kenn ihn auch.«

»Aha. Paul ist mein Schwager, deswegen.«

Soso. Na ja, die Welt ist ein Dorf, hatte ich schon recht oft festgestellt diese Tage. Aber ich fand es dann gar nicht so schlecht, über diese Schiene vielleicht mehr über die Kassinis zu erfahren als das je möglich gewesen wäre.
Alfons Becker blieb mir noch ne Weile erhalten und irgendwie hatte ich plötzlich das Gefühl, dass jene Dinge in die Gänge kamen, von denen ich schon ständig träumte.

»Und woher kennst du ihn?«

»Über den Sohn der Kassinis.«

»Ah, der Angelo. Hat bei mir auch seinen Führerschein gemacht.«

Klar, bei wem auch sonst. Geht’s noch dörflicher? Eher nicht. Im nächsten Leben gab’s also schon drei Dinge die ich werden wollte: Abgeordneter für ein paar Jahre, Doktor im Kreiswehrersatzamt oder Fahrlehrer.
Machte Alfons beim erwähnen von Angelos Namen ein verklärtes Gesicht oder war das Einbildung?

»Kennen Sie die Kassinis näher?«

»Kann man sagen. Bin mit Andreas, also Herrn Kassini, in eine Klasse gegangen.«

Es geht noch dörflicher, stellte ich fest. Jep, das kam hin, Alfons Becker ist Dreiundvierzig wie ich wusste. Irgendwie fand ich diesen Aspekt sehr interessant, denn man durfte getrost davon ausgehen, dass die sich öfter mal sahen.
Es ging mir dann bloß noch darum herauszufinden, wie oft und was mir Becker erzählen konnte. Vornehmlich über Angelo.

»Und woher kennst du sie?«

»Ich.. eigentlich nur über Angelo.«

Ich sah aus den Augenwinkeln, dass sich Becker irgendwie räusperte. Dieser Name hatte für ihn eine Bedeutung, aber ich nicht den blassesten Schimmer, welche.

»Fahr wieder zurück, aber nimm die Strecke über den Rosengarten. Wir wollen ja auch noch was lernen heute«, sagte er dann lächelnd.

Ich nickte und legte den ersten Gang ein. Egal wie, aber mir musste schnellstens einfallen, was ich Alfons Becker über die Kassinis und Angelo aus der Nase ziehen konnte.

An dem Tag aber fragte ich nichts mehr, ich wollte mir einen kleinen Plan machen. Mich wunderte bei all diesen Kreuz- und Querverwandtschaften doch so ziemlich, dass mein Vater mit den Kassinis nichts am Hut hatte.
Das wäre ungemein praktisch gewesen.

Für den Samstag stand eins ganz oben auf dem Programm: ausschlafen. Zwar hatten wir inzwischen wieder die große Hitze, aber trotzdem nahm ich mir nichts vor. Außer natürlich, ein paar unverfängliche Fragen zu sammeln, die ich meinem Fahrlehrer Montagabend bei der nächsten Stunde stellen wollte.
Ich musste vorsichtig sein, das konnte ja auch ins Auge gehen. Solange nichts zu tun war natürlich alles andere als einfach. Rad putzen, Paps im Garten helfen. Dinge, mit denen ich eigentlich nur einen Stillstand der Zeit verhindern wollte.
Ich glaube das war seit langem das erste Mal, dass ich mich nicht so riesig aufs Wochenende freute wie sonst.
Außer dass Felix sonntags anrief und nach mir und Angelo fragte, tat sich auf dieser Ebene nichts. Natürlich war Felix unheimlich neugierig wie das denn nun ausgegangen war, ob unser Kuss etwas bewirkt hatte.
Freilich musste ich ihm sagen, dass die Dinge im laufen waren, so sie es überhaupt taten. Denn das geisterte in meinem Kopf herum. Einzig das Ergebnis dieser Aktion.

Dann schienen sich die Ereignisse überschlagen zu wollen. Etwas unerwartet klingelte es Sonntagabend, wir waren gerade mit dem Abendessen fertig. Onkel Herbert nebst seiner Frau standen unter der Tür.

»Wir waren mit den Rädern unterwegs und dachten, wir gucken mal rein«, tönte Onkel Herbert.

Da sie recht selten zu Besuch kamen, waren sie nicht unwillkommen. Ich bekam das alles nur oben in meinem Zimmer mit, da ich nur abends meine Tür schloss. Wegen der Videos und Bildern und überhaupt.

»Ralf, kommst du mal?«, rief meine Mutter und irgendwie ahnte ich nichts Gutes. Okay, Onkel Herbert hatte mich ja bei meiner Mutter in höchsten Tönen gelobt, von daher konnte es nichts Gefährliches sein. Trotzdem fand ich es merkwürdig.
Als ich runterkam, saßen meine Eltern und die beiden Gäste auf der Terrasse.

»Setz dich mal, Onkel Herbert hat dir etwas zu sagen.«

Diese Aufforderung meiner Mutter sorgte dann doch für eine gewisse Aufregung. Es ging zweifelsfrei um mich beziehungsweise meine Person. Ich setzte mich dazu, wobei in meinem Kopf alles Mögliche rotierte. Was konnte man von mir wollen?

Onkel Herbert saß aufrecht in seinem Stuhl und mir schien, als trüge er im Gesicht ein gewisses Strahlen. Also so, wenn man so quasi eine freudige Botschaft verkünden dürfte. Nur, ich hatte keine Ahnung was das sein könnte.

»Also, ich hätte dir das auch in der Firma sagen können, aber wenn wir nun schon mal hier sind.. «

Er machte es furchtbar spannend.

»Außerdem, für diese Sache brauche ich die Erlaubnis deiner Eltern.. gesetzt den Fall, dass du zustimmen möchtest.«

Aha. Ich wurde also gefragt. Immerhin. Nur, was sollte er mich fragen?

»Es ist nämlich so.. Ich habe einen Großauftrag bekommen. Einen sehr lukrativen wie du dir denken kannst.«

Klar konnte ich das. Onkelchen hatte dafür das richtige Gespür. Während andere Handwerksbetriebe in der Gegend sang- und klanglos untergingen der schwachen Konjunktur wegen, hatte er flugs irgendwelche Ideen ausgetüftelt um sich über Wasser zu halten.
Am Ende stand seine Firma immer mit schwarzen Zahlen da. Wie er das im Einzelnen drehte wusste ich nicht und wollte es auch nicht wissen. Meine Vermutung ging in Richtung Beziehungen, wie man in Sachen Bundeswehr ja sehen konnte. Im Übrigen würde ich dazu auch noch ein paar Fragen haben – falls er an dem Abend noch damit herausrücken würde, um was es eigentlich ging.

»Ich habe in der Nähe von Cottbus einen Auftrag angenommen. Ein neues, sehr modernes Gebäude entsteht da und.. na ja, ich weiß auch nicht wie die auf uns gekommen sind, obwohl der Auftrag bundesweit ausgeschrieben war.«

Ob er das wirklich nicht wusste wagte ich schwer zu bezweifeln, aber so ganz allmählich dämmerte mir die Richtung, in die diese Reise gehen würde. Warum sollte er sonst meine Eltern fragen?
Aber ich ließ ihn ausreden, vielleicht lag ich ja auch völlig falsch.

»Nun, es gibt da natürlich eine ganze Menge Dinge, die für deine Lehre äußerst förderlich sein können.«

Ich ahnte es. Auf Montage sozusagen. Mein Onkel ist nicht so blauäugig, als dass er solche Dinge über den Kopf plant und entscheidet. Bevor er damit herausgerückt war, wusste er ganz genau wie das laufen würde.
Am Ende musste ich nur noch ja sagen. Oder nein. Zugegeben, es reizte mich unheimlich mal von hier wegzukommen.. aber Halt. Wie auch immer, ich konnte nicht weg.. es gab immerhin einen Grund. Nur, ob ich den hier so einfach ins Feld führen konnte.. eher nicht. Ich ließ ihn weiterreden.

»Dein Sommerurlaub hast du ja schon genommen. Von daher..«

»Ja, das wohl. Aber in einer Woche gehen auch die Ferien zu Ende und ich muss wieder in die Berufsschule«, gab ich berechtigterweise zu bedenken.

»Das stimmt. Aber ich hab mit deinem Lehrer gesprochen. Dein Blockunterricht beginnt erst in vier Wochen. Das heißt, du könntest den ersten Schultag mitmachen, wegen den Plänen und so weiter und dann für drei Wochen auf die Baustelle.«

Drei Wochen.. nun gut, in dieser Größenordnung hatte ich gerechnet. Also, die Sache mit der Schule war erst Mal kein Grund hier zubleiben. „Gibt’s überhaupt einen Grund?“ „Frag nicht so dämlich. Da steht noch was Wichtiges offen, schon vergessen?“
„Und? Du weißt dass das kein Grund sein kann. Die lachen dich aus.“ Stimmt irgendwie. Wenn ich ihnen da erzählt hätte, ich möchte auf die Reaktion eines jungen Mannes warten, den ich abgöttisch liebe und von dem ich zwingend wissen muss ob er Eifersüchtig ist.
„Du hast eine Woche Zeit die Dinge zu klären. Angelo wartet nicht auf dich und denkt an Frankfurt. Wenn er einmal dort ist, kannste dir schminken.“ Eine Woche..

»Ähm, aber ich mach grad den Führerschein..«

»Das regle ich mit Alfons, mach dir darüber mal keine Gedanken«, brachte mein Vater ohne lange Pause hervor. Damit wurden alle wichtigen Dinge erst Mal aufgeschoben. „Und das ist nicht aufgehoben.“ Ja schon, aber..

»Muss ich dahin?«, wollte ich dann geklärt wissen.

Immerhin wollte er mich fragen, wenn ich das noch richtig in den Ohren hatte.

Mein Onkel sah mich an, aber weder überrascht noch böse oder sonst was.

»Nein, müssen musst du überhaupt nichts. Sieh es einfach als Chance. Ein Angebot.«

Mir ging noch so einiges im Kopf herum das ich dann loswerden musste.

»Und wer fährt da hin? Ich mein, du wirst ja die Firma nicht schließen solange..«

Herbert lachte.

»Nein, natürlich nicht. Werner wird fahren, Boris, Hans und Sigmund. Und natürlich du, falls du möchtest.«

Der harte Kern.

»Aber so viele sind das ja nun nicht. Können die, also wir, da überhaupt was ausrichten? Ich mein, wenn’s doch ein Großauftrag ist.«

Damit lehnte ich mich scheinbar etwas weit aus dem Fenster. Das hatte bestimmt schon ein bisschen was mit Kritik oder sogar Zweifeln zu tun und das stand mir als Azubi natürlich überhaupt nicht zu. Nun, es war gesagt..

Aber Herbert setzte sich nur bequemer hin, das schien ihn nicht zu kratzen.

»Du hast schon Recht, aber wir sind nicht alleine. Es ist so eine Art Kooperation. Vor Ort wird das geklärt, dir das jetzt zu verklickern.. «

Ich verstand. Mit anderen Firmen zusammen arbeiten.. nun, warum nicht? Das war mir echt egal.

»Und zudem wirst du nicht der einzige Auszubildende sein.«

Warum horchte ich da auf? Klar, ganz tief in mir schlummerten ja noch andere Dinge und die wurden jetzt aktiviert. „Na, kein Bock auf Hasen?“ „Nein.“ „Aha.“ „Nichts aha. Ich hab hier einen, basta.“ „Vielleicht, vielleicht aber auch nicht.“
Mein Onkel.. das hatte er nicht so dahergesagt. Er wusste ja dass ich schwul bin und mich sollte der Teufel holen wenn das keine Anspielung war. Mit Speck fängt man Mäuse.. Nur, ich hatte den Braten sofort gerochen.

»Wie muss ich das verstehen?«

»Nun, ich denke es ist viel einfacher wenn man Menschen um sich hat die im gleichen Alter sind, die gleichen Interessen haben.. und ihr habt ja auch ganz normalen Feierabend.«

Ich wusste es. Welch Wunder, dass er nicht gleich sagte „vielleicht lernst du ja da einen hübschen Jungen kennen.. „

»Sieh mal, du kommst ja auch kaum herum. Also ich würde gleich meine Koffer packen«, mischte Tante Gerda mit, worauf Mum zustimmend nickte. Alle sahen mich jetzt an, eine Entscheidung wurde verlangt.
Aber so schnell wollte ich mich nicht verkaufen lassen. Ich persönlich fand diesen Vorschlag viel zu wichtig, um an Ort und Stelle einzuschlagen. Diese zwei blöden Stimmen. Die eine sagte geh, die andere meinte bleib.
Ich konnte mich wirklich nicht entscheiden, nicht an dem Tisch und nicht an dem Abend.

»Abgesehen davon, dass du natürlich auch finanzielle Vorteile hast. Ich mein, ich weiß ja dass da bald ein Auto fällig wird.«

Ja, am Geld kriegen sie sie alle. Egal wen und mit was. Der schnöde Mammon war schon Grund für Kriege. Aber dieses Argument bohrte sich wie eine Lanze in mein Hirn. „Ein paar saftige Kröten kannst doch gebrauchen.“
„Pfeif auf die Kohle, oder willst du Angelo mit Geld aufwiegen?“ Eine Frage gab’s auch zusätzlich: Was brachte mir das in Bezug auf meine Lehre? War das wirklich so lehrreich dort dass ich die Prüfung mit Links abhaken konnte? Wohl eher nicht.
Was hier zählte war mein Engagement. Der Sohnemann soll doch mal was Gescheites werden. Sollte ich ihnen stecken, dass ich den Laden nach der Lehre umgehend schmeißen werde? Oha, besser nicht. Das bedeutete unter Umständen Kleinkrieg.
Hier auf der Terrasse. Nein, das konnte ich ihnen dann noch früh genug beibringen.

»Also Leute«, begann ich schließlich mein Statement, »ich werde mir das sehr genau überlegen. Weil, ich hab da ja auch noch andere Dinge..«

Hatte ich sie jetzt neugierig gemacht? Den Blicken nach zu urteilen, ja. Hätte ich doch nur nichts gesagt. Aber nun war’s draußen.

»Und das wäre?«, fragte Paps.

»Ihr wisst doch, Angelo..«

Herbert sah zu Gerda, Mum zu Paps. Was hatte ich nur angerichtet. Gut, meine Eltern waren so in etwa drin in der Materie, aber die anderen beiden..

»Aber dann überlege nicht zu lange«, mahnte Paps und schmuggelte mir damit sozusagen einen kleinen Vorsprung unter.
Klar, Herbert hätte natürlich am liebsten gleich ein rundes JA gehört, aber trotz allen leckeren Krümelchen, mit denen er mich anfüttern wollte.. etwas untersagte mir, zuzustimmen.

Ich nickte.

»Nein, ganz sicher nicht.«

Die beiden fragten nicht wer oder was Angelo war, und das war gut so. Offenbar ahnten sie um was es gehen könnte, aber so offen wollten sie scheinbar doch nicht über schwule Dinge reden. Dabei hatte ich irgendwie den Eindruck,
Onkel Herbert rechnete bereits mit einer Absage meinerseits. Und, oh ja, mir war Angelo wichtiger als eine Baustelle im Osten. Hasen hin oder her.

Bald danach verabschiedete man sich, nicht ohne die Bitte meines Onkels an mich, baldigst eine Entscheidung zu treffen.
Wenn ich zusagen würde, hatte ich eine Woche Zeit die Sache mit Angelo über die Bühne zu kriegen. Endgültig.

Ich verzog mich kurz darauf in mein Zimmer. Meine Eltern sagten überhaupt nichts zu der ganzen Sache, sie versuchten mich nicht mal zu überreden. Ahnten sie meinen Herzschmerz oder was war da los?
Gut, ich hatte mir Bedenkzeit eingeräumt und bis dahin würden sie mich in Ruhe lassen. Ich fand mal wieder, die besten Eltern zu haben die man sich wünschen kann.
Zerstreuung war das einzig probate Mittel, mit dem ich mich von dem gerade geschehenen ablenken konnte.
Und die suchte ich nach dem Start meines Rechners im Internet. Emails nachsehen, ein paar tägliche Infos abrufen und letztlich nachsehen, was es Neues an der Porno-Front zu sehen gab.
Dazu schloss ich meine Tür, wie immer wenn’s zur Sache ging, zog mich aus und setzte mich vor die Kiste. Genüsslich eine Zigarette und los ging’s. Meine Hand zauberte mit jedem Foto ein bisschen mehr Leben in meinen kleinen Freund und ich wollte das richtig schön lange rausziehen.
Es war noch nicht spät und so war mir dann auch egal, dass der Montag schon wieder sehr nah herangerückt war. Doch dann hielt meine Hand inne. Es war so unwirklich, dass ich an eine Sinnestäuschung glaubte. Doch mit jedem weiteren Blick, den ich auf das eben aufgerufene Foto richtete, wurde mir die Tatsache bewusster.
So viel träumen kann man gar nicht und noch weniger irren. Es konnte nicht sein, und doch war es so. Meine andere Hand verkrampfte sich um die Maus, meinem Körper wichen in Sekunden alle Regungen und Gefühle. Ich saß da wie jemand, dem man einen Eimer eiskaltes Wasser übergeschüttet hatte.

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