Mein Alptraum

„Mum jetzt komm schon! Ich hab keine Lust wegen Euch den Zug zu verpassen!“

„Jetzt mach mal Halblang! Dein Vater musste halt noch in die Apotheke!“

War ja klar. Was sollte ich auch sonst zu hören bekommen. Immer das gleiche! Meine Eltern wollten mich zum Bahnhof fahren weil wir, also meine Klasse und eine Parallelklasse, auf Klassenfahrt fahren. Und was machen meine Eltern?

Erst mal im Bahnhof einkaufen gehen! Immerhin haben hier die Geschäfte ja schon um sieben Uhr Morgens auf. Und ich soll dann warten und nicht vorrennen. Schließlich haben sie mich ja hier her gefahren und wollen mich auch auf dem Bahnsteig verabschieden.

Und ich kann mir schon denken wie… mit Küsschen auf jede Seite, mit Taschentuch hinterher winken und dem Zug nachlaufen… So langsam sollten die echt begreifen, dass ich schon eine ganze Weile siebzehn bin und in einem halben Jahr meinen achtzehnten Geburtstag feiere.

Die treiben mich echt noch in den Wahnsinn! Zumindest bringen die mich bestimmt noch zur Verzweiflung, wenn mir schon nicht der Wahnsinn vergönnt ist.

Und wenn selbst das nicht eintritt, sind sie doch auf jeden Fall dafür verantwortlich, dass ich bestimmt schon 50 Prozent meines Lebens mit rotem Kopf verbracht habe.

Ärgerlich streife ich mir die Träger meines Rucksacks von den Schultern und schleudere ihn in die Ecke. So langsam wird das Ding nämlich schwer. Dies ist einer der wenigen Momente in denen ich auf einmal doch schon fast Erwachen bin. Selbst mein Vater hat mir den Rucksack nicht mal für zwei Minuten abgenommen.

Aber der musste ja auch noch in die Apotheke.

Hatte ich das schon erwähnt?

Bestimmt!

Immerhin hatte das ja keine Zeit bis ich im Zug sitze.

Aber bestimmt wisst ihr noch nicht, dass er vorher noch im Supermarkt und beim Bäcker war.

Dass wir auch noch an einem kleinen Obst- und Gemüsestand vor dem Bahnhof halten mussten, muss natürlich auch noch erwähnt werden. Erdbeeren sind ja wichtig! Genauso wie die Granatäpfel, der Sekt, die Croissants, die Marmelade mit Cognac, die Sahne, der Honig und der Schokoladensauce im praktischem Spender.

Und?

Habt ihr erraten was das wird?

Treffer!

Junior ist nicht da und wir kaufen augenblicklich Alles für ein ausgiebiges Frühstück im Bett! Zum Glück gibt es hier kein Fischgeschäft, sonst wären bestimmt auch noch Austern dazu gekommen. Und was mein Vater jetzt grade in der Apotheke kauft, will ich erst gar nicht wissen!

Aus den Augenwinkeln sehe ich wie meine Mutter belustigt zu mir rüber guckt.

„Mach dir keine Sorgen du kommst schon noch rechtzeitig zu deinem Lukas.“

Ihr fragt euch wer Lukas ist?

Lukas ist mein Freund. Schon seit einem halben Jahr. Es hat etwas gedauert und war etwas chaotisch bis wir zusammen waren, was vor allem an meinen Eltern lag.

Ja, wie so viele hatte auch ich ein paar, wenn auch ungewöhnliche, Probleme mit dem Coming-Out. Aber jetzt ist er mein Ruhepol mit dem ich jede einzelne Minute verbringen will.

„Wenn das da drin noch länger dauert“, damit deute ich auf die Apotheke, “ist Lukas schon längst mit den Anderen weg!“

“Und ich stör euch bei eurem Frühstück!“ rutscht es mir aus versehen raus.

„Es ist doch noch genug Zeit. Und selbst wenn; dann leistet du uns halt Gesellschaft“, entgegnet meine Mutter.

OK.

Das war es wieder. Sie hat es wieder geschafft. Diesmal werd ich zwar nicht rot, dafür aber weiß. So weiß, dass selbst unsere neu renovierte „wir-haben-leider-keine-anderen-Farben-außer-weiß-Schulaula“ vor Neid grün werden würde.

Es gibt einfach Dinge die will man sich nicht vorstellen.

Selbst ein ordentlicher Alptraum würde darum einen Bogen machen und von sich aus zum Psychiater gehen. Und das Wort „Eltern“ in Kombination mit dem „S-Wort“ gehört auf jeden Fall dazu.

Aber wer von euch würde das wohl ernsthaft bestreiten.

Bevor meine Mutter jedoch noch mehr dazu sagen kann, sehe ich zum Glück meinen Vater durch die Schaufensterscheibe, wie er auf die Tür zukommt um die Apotheke wieder zu verlassen. Augenblicklich hieve ich mir wieder meinen Rücksack auf den Rücken.

„Wir können weiter.“

Und mach mich auch schon auf den Weg.

Hinter mir höre ich meine Eltern.

„Was hat er den?“ Mein Vater.

„Ich glaub’ er ist in Zukunft auch auf das Wort „Frühstück“ allergisch.“ Meine Mutter, mit dem für sie so typischen Unterton.

Meine Hand schließt sich etwas fester um den Handlauf der Rolltreppe, die ich grade erreicht habe.

„zwei Woche Ruhe…zwei Woche Ruhe…zwei Woche Ruhe“ wiederhole ich mein aktuelles Mantra der letzten Wochen immer wieder in Gedanken. Natürlich bin ich deshalb natürlich wieder so abwesend, dass ich über das Ende dieser blöden Rolltreppe stolpere.

„Paul, alles in Ordnung?“

Ihr fragt euch wer Paul ist? Paul, das ist das bedauernswerte ich. Also der, der euch grad zulabert und versucht vor seinen Eltern zu seiner Klasse zu flüchten.

„Ja, nix passiert“, nuschle ich vor mich hin, während ich schon nach meiner Klasse suche.

Na ja, eigentlich nach Lukas. Aber der Rest der Klasse reicht mir erst mal auch.

Mit meinem Gepäck gehe ich den Bahnsteig entlang, meine Eltern hinter mir her.

Nach nicht einmal zehn Metern sehe ich ihn dann.

Lukas!

Ein Stück vor mir. Inmitten der anderen Schüler, deren Eltern und den beiden Lehrern, die auf uns aufpassen sollen.

Ohne auf meine Begleitung zu achten versuche ich so schnell wie möglich zu ihm zu kommen. Ein paar Leuten ausweichen, einige Haken schlagen und schon sieht er mich natürlich bevor ich bei ihm bin. Mit einem Lächeln im Gesicht stelle ich mich zur Gruppe.

„Morgen.“

Lukas streicht zur Begrüßung leicht über meinen Arm. „Hallo Kleiner. Wie war dein Morgen?“

Ich verdrehe wie fast jedes Mal nur meine Augen als Antwort.

„Also wie immer.“

„Hast du etwa was anderes erwartet?“

„Hast du zufällig neue Eltern?“

„Hä?“ ich sehe ihn fragen an. „Wie kommst du darauf?“

„Weil das für dich wohl die einzige Möglichkeit ist einen ruhigen Morgen zu verbringen.“

Lukas Erklärung bringt dann doch ein Lächeln in mein Gesicht. So langsam wird der Tag besser.

Und erst jetzt sehe ich mir meine Umgebung etwas genauer an.

Bei uns stehen noch Martin und Achim, eigentlich Joachim, aber wenn er wüsste, dass ich Euch das verrate würde er mich durch den ganzen Bahnhof jagen.

Neben uns stehen Lukas Eltern zusammen mit Herrn Dreiher, unserem Klassenlehrer und Frau Unger, die für unser biologisches Wissen verantwortlich und die Klassenlehrerin der anderen Klasse ist.

Zu dieser Erwachsenen Gruppe stellen sich dann auch meine Eltern.

Na ja… fast….

Zumindest mein Vater stellt sich dazu.

Der Weg meiner Mutter beschreibt einen leichten Bogen. Auf diesem begrüßt sie kurz die Anwesenden und kommt dann ohne anzuhalten auf mich zu.

„Paul, ist dir auch wirklich nicht passiert?“

Ihr Mutterinstinkt ist scheinbar grade mal wieder sehr ausgeprägt.

Bevor ich irgendwie regieren kann, habe ich schon eine ihrer Hände am Kragen meines Poloshirts, an dem sie augenblicklich herumzupft. Ihre andere Hand ist nur wenig später etwas tiefer beschäftigt und klopft mir den eigentlich nicht vorhandenen Staub von meiner Hose.

„Wenn du jetzt noch ein Taschentuch rausholst und mir im Gesicht rumwischt komm ich nie wieder nach Hause!“

„Stell dich nicht so an. Du willst doch ordentlich aussehen.“

Das erklärt natürlich warum meine Mutter es für nötig hält meine zerrissene Jeans zu säubern.

Doch da für sie das Thema erst mal erledigt ist beschwer ich mich lieber nicht weiter. Immerhin stellt sie sich nun ebenfalls zu unseren Lehrern.

„Ich hab doch gesagt wir bekommen hier was geboten. Und du wolltest dich zu Melanie stellen.“

Martin gibt sich nicht einmal die Mühe leise zu sprechen. Ebenso wenig wie Achim.

„Hattest Recht. Paul und seine Eltern sind besser als Kino.“

Mit flehendem Blick guck ich zu Lukas. Doch der steht nur mit blitzenden Augen da und kaut leicht auf seiner Unterlippe.

Scheinbar ist er kurz vorm loslachen.

Na toll!

„Jetzt fängst du auch noch an!“ fahre ich ihn an.

Eigentlich will ich es ja nicht. Aber nach dem Einkaufsmarathon mit meinen Eltern am frühen Morgen kann ich nicht anders, auch wenn es mir sofort wieder Leid tut.

In Lukas Augen sehe ich ein kurzes Erstaunen. Dann kommt er allerdings den halben Schritt, den wir auseinander standen, auf mich zu und umarmt mich.

„Sorry, ich wollt mich nicht über dich lustig machen“, meint er nur zu mir und gibt mir dann einen Kuss, bei dem ich ihm alles vergeben hätte.

„Wo ich euch beide grade so stehen sehe.“ Meine Mutter hinter meinem Rücken.

Kennt ihr das?

Wenn man einen Film guckt und dort alles schön bunt und fröhlich ist?

Und dann beginnt eine leichte Geigenmusik, die immer dunkler und schneller wird. Spätestens wenn die Musik nur noch aus kurzen, schnellen Stakkatos besteht weiß man, dass einem der Horror genau bevor steht.

Die gleiche Wirkung hat grade die Stimme meiner Mutter.

„Wir haben euch noch was für Unterwegs mitgebracht.“

Mit diesen Worten fängt sie an in ihrer Handtasche zu wühlen. Nach einigem hin und her schieben des Inhaltes zieht sie zwei kleine Schachtel aus ihrer Tasche.

Mit einem wahrscheinlich wirklich ernst gemeinten Lächeln hält sie mir beide entgegen. Als ich danach greifen will sehe ich einen Teil der Aufschrift.

Aber der reicht mir erst mal.

15 x EXTRASTARK

Sofort merke ich wie mir das Blut in den Kopf schießt.

Hinter mir höre ich Martin und Achim wieder kichern.

Und ich frage mich nicht zum ersten Mal wofür meine Eltern mich eigentlich halten.

Für ein notgeiles Karnickel?

Wir werden grade mal vierzehn Tage weg sein, inklusive An- und Abfahrt!

Und die geben mir dreißig Kondome mit!

„Und dein Vater hat auch noch was für dich.“

„Ach ja! Hätte ich fast schon wieder vergessen. Deshalb musste ich auch noch in die Apotheke.“

Mit diesen Worten drückt mir mein Vater noch eine kleine Tube in die Hand.

Was da drin ist könnt ihr euch wohl denken.

Und Lukas kann es wohl auch. Ich merke wie er nun auch neben mir nervös wird.

„Was guckt ihr denn so. Wisst ihr nicht was ihr damit machen sollt?“

„Na dann können sie ja Frau Unger fragen. Die kommt ja zum Glück mit auf Fahrt.“

Martin und Achim lehnen mittlerweile aneinander um nicht vor lachen umzukippen.

Und auch unsere anderen Mitschüler kann ich nun grinsen sehen.

Zumindest zum Teil.

Einige sind gleich zum kichern gekommen und stehen nun ebenfalls kurz vorm Lachanfall.

Ich selbst starre noch immer auf die Geschenke, wahrscheinlich mit einem dämlichen Grinsen im Gesicht.

Auch Lukas sieht so aus als würde er sich am liebsten unter den Gleisen verstecken.

„Ich weiß gar nicht, was diese jungen Leute haben. Die sollen doch froh sein, dass sie in so aufgeklärten Zeiten Leben.“

Der Einwurf stammt von eine älteren Herren.

Dunkler Anzug, helles Hemd darunter, sogar das ordentlich gefaltete Taschentuch fehlte nicht. Neben ihm steht scheinbar seine Frau. Ebenfalls im aufeinander abgestimmten Kostüm und aufwendig toupierten Haaren.

“Wenn wir damals solche Hilfsmittel gehabt hätten wäre das mit den Mädchen viel einfacher gewesen.“

„Karl, ich glaube nicht, dass diese jungen Männer die Kondome für Mädchen brauchen“, mischt sich nun auch noch seine Frau ein.

Wie rot kann man eigentlich werden?

„Ich sag doch, wenn wir solche Hilfsmittel gehabt hätten, wäre das früher Alles viel einfacher gewesen“, erwidert dieser mit dem süffisantesten Grinsen das ich in meinem Leben gesehen habe.

Meine Eltern stehen mir noch immer lächelnd gegenüber.

Lukas Eltern scheinen sich grade auch in der Rolle der aufgeklärten Erziehungsberechtigten zu gefallen.

Nur Frau Unger schein etwas Angst zu haben wir könnten sie wirklich nach dem richtigen Gebrauch der Kondome fragen.

Ich drehe mich zu Lukas um und drücke mich an ihn ran.

Mein Gesicht liegt an seinem Hals.

„Duhu?“ säusele ich während ich seine Hand beruhigen auf meinem Rücken spüre.

„Wenn wir jetzt eine Woche weg sind, können wir mir dann nicht neue Eltern suchen?“

„Au ja. Am Besten welche die nicht ganz so aufgeklärt sind.“

„Und auch nicht ganz so offensiv sind!“

„Etwas weniger Akzeptanz?!“

„Und vielleicht sogar ein bisschen intolerant!“

„Das wäre Klasse!“ höre ich noch Lukas Bestätigung bevor der einfahrende Zug, der uns aus diesem Alptraum herausholt, das Gekicher und Lachen um uns herum übertönt.

*-* Ende *-*

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