Boycamp IV – Teil 17

Er lenkte sich dann damit ab, dass er sein Handtuch aufnahm.

“Lasst euch durch mich aber nicht stören. Wie ich sehe, habt ihr ja euren Spaß hier unten.”

Damit begann er, seine Haare zu frottieren und jetzt liefen die Jungs zu den Duschen zurück. Aber aus dem Toben war ein Flüstern und Tuscheln geworden. Lustig machen würden sie sich bestimmt nicht über ihn, er konnte seinen Körper jederzeit vorzeigen.

Aber vielleicht war es ja genau das. Er hatte zwar nichts besonders großes oder fülliges anzubieten, aber bis hatte sich ja noch niemand über sein bestes Stück beschwert. Die Stimmen wurden dann wieder lauter, Nico hüllte sich in seinen Bademantel und begab sich nach oben.

Er fühlte sich jetzt müde und abgeschlagen, dennoch beschloss er, seine Kollegen aufzusuchen. Doch weder Leo noch Rainer oder Falk fand er dort, wo sie sein sollten. Auch die Küche war verwaist, was eigentlich nie vorkam.

Er öffnete die Haustür und sofort schlug ihm ein eisiger Wind entgegen, die Schneeflocken peitschten ihm förmlich ins Gesicht. Trotzdem wagte er einen Schritt nach draußen, bis er sich vergewissert hatte, dass auch Rick nicht in seiner Hütte war.

Rasch schloss er die Tür und schüttelte sich, das Wetter war nicht ungefährlich in seiner Situation. Er lief dann den Gang entlang und sah bei den Jungen in die Zimmer. Keins war abgeschlossen und die Türen standen offen.

An Jonas‘ Zimmer blieb er wieder stehen. Es war sicher keine Einbildung, dass er den Jungen förmlich spüren konnte. Ob es weitere Einträge ins Tagebuch gab? Er würde es mit Sicherheit niemals erfahren.

Er ging zurück und begann sich zu fragen, wo sie alle geblieben sein konnten. Die Jungen mussten unter Aufsicht sein, egal was sie wo trieben und wenn da unten etwas passieren würde, wäre das eine Katastrophe.

Er beschloss, nichts dem Zufall oder Glück zu überlassen und wollte zurück in den Keller. Außerdem gab es mit Sicherheit die Möglichkeit nicht mehr, sie nackt zu sehen, ohne dass das auffallen würde. Doch im selben Augenblick kamen sie ihm entgegen.

“Wisst ihr, wo der Rest der Mannschaft ist?”, fragte er direkt.

“Vorhin waren sie noch da, als wir runter gingen.”

Nico sah Jonas direkt in die Augen. Da standen offenbar wieder einige Fragezeichen, doch er konnte sich jetzt nicht darum kümmern. Er kehrte um und ging nach oben in Zimmer.

Schon beim Aufstieg wunderte er sich über seltsame, aber nicht unangenehme Gerüche.

Im Grunde konnte das gar nicht sein, schließlich war der Koch ja auch nicht, wo er hätte sein sollen. Er steckte den Kopf durch die Luke und blieb dann verdutzt stehen. Kerzenschein flackerte an den Wänden und die ganze Mannschaft hatte es sich in seinem Zimmer gemütlich gemacht. Stein, Bode, Meier, Haber, der Doktor und sogar der Koch. Irgendwo hatte sie alle Platz gefunden und im Zentrum auf dem Tisch standen zwei große Kerzen inmitten des gedeckten Tischs.

Nico kam langsam in sein Zimmer.

“Was ist denn hier los? Ich such euch überall und hier sitzt hier? Warum?”

Stein zeigte auf den Tisch.

“Wir alle wünschen dir gute Besserung und damit du uns nicht auseinander fällst, hat sich unser Koch etwas Besonderes einfallen lassen.”

Nico wurde verlegen, zumal in diesem Bademantel. Aber umziehen konnte er sich vor allen Augen schließlich nicht. Er setzte sich so wie er war an den Tisch. Was immer der Koch auch gezaubert hatte, lag jetzt noch verborgen unter abgedeckten Schüsseln und Schalen.

“Ich weiß nicht, ob ich was runterkriege, Hunger hab ich gar keinen.”

“Papperlapapp, der Appetit kommt beim essen”, protestierte Holzmann.

“Lang zu, es wird dir schmecken.”

Plötzlich ging die kleine Lampe über Nicos Bett aus und die Digitalanzeige seiner Weckuhr erlosch. Sofort sahen sich alle um.

“Der Strom ist weg”, rief Leo und sprang im gleichen Moment auf.

Nur wenige Sekunden dauerte es, bis alle nach unten unterwegs waren.

“Du bleibst hier”, rief Falk noch Nico zu, “lass dich ja nicht unten blicken.”

Mit einem Schlag war die schöne Atmosphäre hinüber. Nico beschloss jedoch sofort, sich Steins Befehl zu widersetzen. Er fühlte sich in der Lage und hier sitzen zu bleiben war völlig unmöglich. Rasch zog er seinen Jogginganzug an und dabei wurde ihm plötzlich heiß.

Vielleicht war das doch keine gute Idee und er hatte sich völlig überschätzt? Aber er biss die Zähne zusammen, es musste gehen. Er schnappte sich seine Taschenlampe und begab sich nach unten. Er ging langsam und lauschte, aber die Geräusche waren undefinierbar.

Stimmen waren zu hören, aber nicht zu verstehen. Unten im Gang flackerten die Lichter der Taschenlampen in den Zimmern. Nico schaute in das erste hinein.

“Warum ist der Strom weg?”

Benny stand im Zimmer und leuchtete ihn mit der Taschenlampe an.

“Keine Ahnung.”

Dann kamen auch die anderen Jungs auf den Flur, jeder mit einer Taschenlampe in der Hand. Sie leuchteten alle auf einmal in Nicos Gesicht, so dass er die Hand davor halten musste.

“He, ich seh nichts mehr. Also, keine Panik, Leute. Das kriegen wir schon wieder hin. Ist mit euch alles in Ordnung?”

Sie nickten. Sascha und Jonas standen in ihren Slips auf dem Gang.

“Wollt ihr euch erkälten wie ich?”

“Wieso, kalt ist es doch nicht”, antwortete Jonas.

Damit fiel Nico ein, dass das Heizwerk ebenfalls ausgefallen sein könnte. Er ging zur Haustür und öffnete sie er konnte es kaum fassen: Er schätzte zwanzig Zentimeter Schnee, die nun gefallen waren und noch immer schneite es heftig.

So wie es aussah, war bisher niemand aus dem Haus gegangen, auch sonst gab es keine Spuren da draußen. Vermutlich war der Schnee an dem Ausfall schuld, wieso auch immer. Er ging zurück und leuchtete hinter die Haustür, wo der Schlüsselkasten hing.

Der vom Heizwerk war noch da. Kurz entschlossen nahm er ihn an sich und wagte er es, hinauszugehen. Er ging eng an der Hauswand entlang, wo noch nicht so viel Schnee lag und der Wind nicht so fegte.

Rasch schloss er die Tür zum Heizwerk auf und zog sie sofort wieder hinter sich zu. Gespenstisch still war es hier, kein Licht und keine Kontrolllampe brannte. Mehr wollte er nicht wissen und hier konnte er weiter nichts tun.

So schnell er gekommen war, ging er wieder zurück, hängte den Schlüssel hin und so war eigentlich gar nichts geschehen. Wundersam war nur, dass noch immer kein Strom floss. Das Notstromaggregat sollte ja sofort anspringen. Hatte zumindest Leo einmal erwähnt.

Trotzdem zog er es vor, wieder nach oben zu gehen. Die Aktion hatte ihn doch zu sehr angestrengt und von Falk erwischt zu werden, war auch nicht besonders klug.

Jetzt war auch zu spüren, dass es kühler wurde.

Er lief zur Küche, aber auch dort war niemand. Scheinbar waren sie alle mit dem Aggregat beschäftigt. Unschlüssig, was er tun sollte, stand er im Flur. Jonas kam auf ihn zu, er hatte sich inzwischen etwas angezogen.

“Was ist denn bloß los hier?”

Nico zog die Schultern hoch.

“Wenn ich das wüsste. Aber mach dir keine Sorgen, die machen das schon. Sicher ist der Schnee Schuld an allem. Ich geh dann mal nach oben. Sorge bitte dafür, dass auf die Kerzen aufgepasst wird. Das ist nicht ungefährlich.”

“Mach ich.”

Als Nico in sein Zimmer kam, spürte er die Kälte viel deutlicher. Hier oben waren die großen Fenster das Problem. Er schnappte sich sein Handy und rief Vlado an.

„Hallo Nico, schön dass du anrufst.“

“Vlado, wir haben keinen Strom hier oben. Ist im Dorf alles klar?”

„Keinen Strom? Wieso das denn? Ne, hier ist alles okay.“

“Ist der hier oben schon öfter ausgefallen?”

„Nicht dass ich wüsste. Aber alles krieg ich hier ja auch nicht mit. Was macht ihr denn jetzt?“

“Sie versuchen das Notstromaggregat anzuwerfen. Aber scheinbar klappt das nicht.”

„Bist du nicht dabei?“

“Nee, ich hab Verbot, Stein hat mir befohlen im Zimmer zu bleiben.”

„Recht hat er. Wie geht es dir denn?“

“Nach dem Bad ganz gut, aber fit bin ich nicht, wenn du das meinst.”

Die amüsante Begegnung mit den Jungen wollte er jetzt nicht erwähnen.

„Na ja, hat dich auch ganz schön umgehauen.“

“Okay Vlado, ich mach Schluss. Ich melde mich, wenn wieder alles läuft hier.”

„Gut. Dann bis bald.“

Die Untätigkeit nagte ungeheuerlich, aber Falks Worte waren deutlich. Er trat ans Fenster und starrte in die stockdunkle Nacht. Was war hier bloß passiert?

Plötzlich flackerte das Licht, dann wurde es wieder hell.

“Na also”, sagte er zu sich selbst.

Auf seinem Nachttisch lag neben dem kleinen Becher ein Zettel.

„Hallo Nico, hier sind noch mal Tabletten. Bitte einnehmen. Morgen früh kommst du bitte zu mir. Gruß Dr. Schnell.“

Er folgte der Anweisung und nur wenig später fiel er in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Am anderen Morgen fühlte sich Nico schon wesentlich besser. Nicht so, dass er hätte Bäume ausreißen können, aber das matschige Gefühl war weg.

Die heiße Dusche war lang und jetzt fühlte er sich bereit für den Tag. Es hatte in der Nacht aufgehört zu schneien und nun stand er am Fenster und sah hinaus in die Winterlandschaft. Fast beklemmend still lag sie praktisch zu seinen Füßen.

Die Wolken rissen hin und wieder auf und dann glitzerten die Sonnenstrahlen so im Schnee, dass er geblendet wurde. Seine Alarmstufe knarrte.

“Guten Morgen. Wie geht es dir?”

“Hallo Falk, gut soweit. Schon viel besser auf jeden Fall. Doktor Schnell hat wohl Wunderpillen im Gepäck.”

“Das ist möglich.”

“Sag mal, was war denn da los gestern? Warum war der Strom weg?”

Stein stellte sich neben ihn.

“Wir wissen es nicht. Ich hab gleich unten im Dorf im Gasthof angerufen um sicher zu sein, dass es nur hier keinen Strom gibt. Dann haben wir alles abgesucht, vor allem die Zuleitung der Kabel. Die kommen unterirdisch hier hoch und schon am Verteiler gab es keinen Strom. Dann ist dieses Notstromaggregat nicht angesprungen. Normalerweise startet es durch eine Batterie, aber die war völlig leer. Leo sagt, das könne eigentlich nicht sein, da sie ständig geladen wird.”

“Und wie habt ihr das Ding dann zum Laufen gekriegt?”

“Ich hab die aus meinem Auto ausgebaut, die ist stark genug. Aber das war ein Theater sag ich dir. Und kaum lief der Motor, war der Strom wieder da.”

“Also stimmt da immer noch etwas nicht.”

“Müsste man annehmen. Aber wir können nichts finden, was auf Manipulation hindeutet. Seltsam ist und bleibt, warum der Strom überhaupt ausgefallen ist. Ich habe übrigens einen Motorschlitten angemietet, es gibt auch Leute im Dorf, die nichts gegen uns haben.

Einer der Bauern benötigt seinen zurzeit nicht, den können wir benutzen. Allerdings können wir ihn nicht die ganze Zeit behalten. Aber so haben wir bei dem Schnee wenigstens ein Transportmittel. ”

“Oh.. Ich hoffe doch, ich darf mal damit fahren?”

“Sobald der Arzt dich wieder für fit erklärt”, lächelte Stein.

“Oh, da fällt mir ein, ich muss jetzt runter zum Doc, der will mich heute Morgen sehen.”

“Na dann komm, gehen wir zusammen.”

Doktor Schnell nickte, nachdem er Nico untersucht hatte.

“Sieht gut aus, ich bin zufrieden. Aber du musst dich noch schonen, in solchen Sachen ist ein Rückfall ganz schnell da und dann kann das böse enden. Geh rauf in dein Bett, zumindest heute noch. Gegen Abend schau ich noch mal bei dir vorbei, einverstanden?”

Nico hatte gar keine Wahl.

“Klar, mach ich. Aber ich hätte da noch eine Frage.. es geht um etwas ganz anderes.”

“Aha. Natürlich, frag ruhig.”

“Als hier noch die Behinderten untergebracht waren, hat es wohl einmal einen Todesfall gegeben. Wissen Sie zufällig näheres darüber?”

Der Arzt nahm seine Brille von der Nase und starrte Sekunden ins Leere.

“Ja, ich weiß. Damals war ich noch nicht zuständig hier, aber meinen Vorgänger konnte ich kurz kennen lernen. Es herrschte da wohl großes Durcheinander, weil die Heimleitung keinen Unfall dahinter vermutete. Ich weiß nur so viel, dass die Staatsanwaltschaft den Fall zu den Akten gelegt hat. Es gab nie einen Grund, den Unfall in Zweifel zu ziehen. Keine Spuren, keine Zeugen.”

“Aber Hundertprozentig sicher ist es wohl auch nie gewesen?”

“Weißt du Nico, es gibt die Annahme, dass ein gewisser Prozentsatz an Todesfällen nicht natürlichen Ursprungs sind und das nie festgestellt werden kann. Auch wenn die Polizei anderes behauptet: Das perfekte Verbrechen gibt es durchaus. Wir haben natürlich auch unsere Grenzen, über die wir nicht hinwegschauen können. Der Fall damals lag wohl eindeutig, sonst hätte es weitere Untersuchungen gegeben.”

“Okay, danke. War ja auch nur eine Frage. Bis bald.”

Nico spürte, dass es kein Unfall war, auch wenn er keinerlei Beweise beisteuern konnte.

Er hörte Stimmen aus dem Gemeinschaftsraum, dort waren die Jungen in Rollenspiele vertieft. Das würde den ganzen Tag dauern und einmal mehr überlegte er beim hinaufgehen, wie er diese Zeit nutzen wollte.

Sein Handy blinkte und deutete an, dass Vlado angerufen hatte. Nico wählte zurück.

“Na, hast du schon wieder Pause?”

Vlado lachte.

„Ja, aber eine lange. Tach Nico. Die Schule fällt vorerst aus, die haben ein Problem mit der Schneelast auf dem Dach. Scheinbar ist da etwas herunter gebrochen, genaues weiß ich auch nicht. Jedenfalls ist bis Mittwoch kein Unterricht.“

“Oh. Ich hab auch noch mal Freizeit heute, gezwungenermaßen. Möchtest du raufkommen?

Zusammen ist’s nicht so langweilig.”

„Ja, kann ich schon machen. Allerdings nur zu Fuß, fürs Moped ist der Schnee zu hoch. Hier haben die nur teilweise geräumt, es gibt wohl überall Engpässe.“

“Macht ja nichts, es ist noch früh. Ich freu mich. Bis nachher.”

Nico ließ sich auf das Bett fallen. Vlado hier, den ganzen Tag hier. Konnte es besser kommen? Er fühlte sich fit und seine Laune kehrte augenblicklich zurück. Vlado brauchte etwa eine halbe Stunde zu Fuß, die wollte Nico nutzen um ein bisschen aufzuräumen.

Doch kaum hatte er sein Vorhaben in die Tat umgesetzt, knarrte die Treppe.

“Nico? Kommst du mal runter?”

Steins Stimme klang nicht nach Kaffeekränzchen.

Sofort stand Nico bei ihm.

“Was gibt es? Ich sollte eigentlich im Bett bleiben..”

“Ja ich weiß, aber es ist wichtig.”

Eine weitere Frage war überflüssig und wenig später stand Nico in Steins Zimmer, wo sich ein weiterer, ihm unbekannter Mann befand. Den stellte Stein als Doktor Hermann Uhrig vor – als den Rechtsanwalt, der von Professor Roth geschickt worden war.

“Nico, schildere Herrn Doktor Uhrig doch bitte noch mal in Details, was sich abgespielt hat. Oben am Sendeturm und bei denen, die Rick entführt hatten.”

“Gut, aber können wir nicht noch ein paar Minuten warten? Vlado kommt her und ich fände es gut, wenn er dabei wäre.”

Das leuchtete Stein ein.

“Haben Sie etwas Zeit?”

Uhrig nickte und Stein verließ das Zimmer, um Kaffee zu besorgen. Währenddessen begann Nico ein Gespräch mit dem hochgewachsenen, schlanken und durchaus eleganten Mann. Er schilderte ihm seine Eindrücke als er mit Stein hier ankam, was man im Dorf so redete, die fremde Gestalt im Heizwerk und der Stromausfall.

Und vor allem auch über die Berichte der alten Frau aus dem Krämerladen.

“Das hat zwar jetzt nichts mit meinen Dingen zu tun, aber vielleicht bekommen Sie so einen Überblick über all das hier.”

“Danke erst einmal”, erwiderte der Anwalt, “es sind auch Kleinigkeiten schon wichtig. Dann muss ich nicht erst noch recherchieren.”

Falk Stein betrat mit dem Kaffeegedeck auf einem Tablett und Vlado im Schlepptau das Zimmer.

“So, dann kann’s ja losgehen.”

Vlado lächelte Nico kurz an, setzte sich dazu und dann begannen die beiden mit ihren Erlebnissen. Eine gute Stunde dauerte das, der Anwalt schrieb nur eifrig mit und ließ die beiden reden.

Erst danach begann er Fragen zu stellen, ließ sich einige Einzelheiten nochmals wiederholen und legte schließlich sein Schreibset auf den Tisch.

“Gut, vielen Dank. Also machen Sie sich mal keine Sorgen. Manche Menschen glauben, über eine Anzeige alles ins Lot zu bekommen, aber ganz so leicht ist es nicht. Ich werde auf jeden Fall eine Anhörung vor dem Ostsgericht anberaumen und dann schauen wir mal, wie standhaft die Gegenseite ist. Bis dahin unternehmen Sie bitte nichts, ich werde mich um einen raschen Termin kümmern.”

Man redete noch über dies und das, dann verabschiedete sich Uhrig.

“Warten Sie, ich sage Bescheid, dass man Sie wieder ins Dorf bringt. Mit Ihrem Fahrzeug wären Sie ja nicht hier heraufgekommen”, sagte Stein und rief Leo mit dem Handy an.

“Und, was meint ihr?”, fragte Stein die beiden, nachdem Leo den Anwalt abgeholt hatte.

“Ich vertraue ihm. Er macht einen richtig soliden und stabilen Eindruck. Ich hatte das Gefühl, der hat schon sein Statement fürs Gericht parat und ich kann mir sehr gut vorstellen, wie er die Bande dort in die Enge treibt.”

Vlado nickte.

“Ich denke auch nicht, dass die sich um einen seriösen Anwalt kümmern werden. Es sei denn, der Telefonbetreiber bringt da jemanden hervor.”

Stein grübelte.

“Glaub ich fast nicht. So furchtbar wichtig kann der Zaun da oben auch nicht sein. Das ist eine einzige Hetzkampagne, mehr nicht.”

Kurze Zeit später lagen die beiden züchtig bekleidet auf Nicos Bett.

“Ich glaube wirklich, wir müssen nichts befürchten “, sinnierte Vlado.

“Der wird der Bande die Leviten schon lesen.”

Nico stupste ihn an der Nase.

“Hast du eigentlich keine Angst, dass sie dir nachstellen?”

“Was heißt Angst. Klar, ich muss damit rechnen und sollte ihnen besser nicht begegnen. Aber ich kann mich deswegen ja auch nicht einmauern. So lange bin ich auch nicht mehr hier, als dass mir das Sorgen bereiten könnte.”

“Aber doch nicht für immer? Du weißt ja, Ranger und so.”

“Ach Nico, du und deine Träume. Wenn es wirklich soweit kommt, sind sicher schon ganz andere Dinge hier passiert.”

Er schob seinen Arm unter Nicos Kopf und beugte sich über ihn.

“Ich hab jetzt aber mordsmäßig Lust.”

Nico ahnte was kommen könnte, fragte aber trotzdem.

“So? Auf was denn?”

“Na, auf dich.”

Hastig sprang Vlado auf, schloss die Bodenklappe und zog sich auf dem Rückweg durch das Zimmer aus. Nico beobachtete ihn tatenlos, denn er wollte, dass Vlado ihn auszieht – eine äußerst delikate Angelegenheit, die er sehr schätze sich nicht nehmen lassen wollte.

Und er enttäuschte ihn nicht. Kein hastiges herunter reißen der Klamotten. Vlado verstand es, das ausziehen so erotisch zu zelebrieren wie ein Vorspiel. Als Nico den warmen Atem und dann die Zunge an seinen Hoden spürte und sich der Mund um seine Eichel schloss, ließ er sich fallen.

Alle anderen Gedanken wurden unwichtig und belanglos. Vlado legte seinen Kopf in die verschränkten Arme und starrte zur Decke. Noch atmete er so schwer wie Nico neben ihm, aber allmählich begann die Realität wieder Besitz von ihm zu ergreifen.

“So ist das also, wenn man richtig mit einem Mann schläft”, flüsterte er leise.

Nico strich ihm eine Haarsträhne von der Stirn und küsste ihn an dieser Stelle.

“Ja, so ist das.”

“Mann, so einen Orgasmus hatte ich ja noch nie.”

Nico grinste.

“Das ist doch schön.”

“Nur als du in mich eingedrungen bist, das war schon..”

“… ein bisschen schmerzhaft. Das ist aber normal.”

“Du hast dir ja dann auch Zeit gelassen damit. War ich dir zu heftig?”

“Nein, Vlado, ich bin da einiges, sagen wir mal, gewöhnt. Der Schmerz weicht sehr schnell einem tollen Gefühl.”

“Ist das mit einer Frau eigentlich auch so? Ich mein, dieses Gefühl wenn man eindringt…”

“Hm, du kannst mich sicher viel Fragen, aber darauf kann ich dir keine Antwort geben. Ich weiß es nicht.”

“Naja, ist eigentlich auch egal. Aber das heißt doch nun endgültig, dass ich schwul bin, oder?”

“Wenn dich dieser Gedanke nicht ängstigt, solltest du es annehmen, ja.”

“Ängstigen nicht, aber ich bin jetzt doch… überrascht.”

“Oh, das Leben ist voller Überraschungen mein Lieber, aber das weißt du ja inzwischen auch. Manche sind schlimm, andere sehr schön. Dazwischen gibt’s ein paar Varianten, aber zählen tun nur die, die wir ein Leben lang nicht vergessen.”

Vlado richtete sich auf und sah Nico intensiv in die Augen.

“Wie geht das denn nun weiter? Wem sage ich es, wem nicht und überhaupt.. meine Eltern. Oh je.”

“Bleib ganz ruhig. Ordne erst mal alles zusammen und lass dir Zeit dabei, niemand drängelt. Ganz wichtig ist, dass du dir selbst im Klaren bist, was da passiert. Du selbst musst dich akzeptieren können, etwas Wichtigeres gibt’s vorerst nicht.”

“Das geht sicher nicht von heute auf morgen, richtig? Ich meine, bevor du hier angekommen bist hatte ich selbst ja keine Ahnung. So richtig fassen will ich es eigentlich nicht.”

“Du bist da eben ein Spätzünder sozusagen. Manche Jungs bemerken schon mit Zwölf oder Dreizehn, dass da was anders ist. Manche brauchen aber auch Jahre dafür, das ist ganz unterschiedlich. Und das Outen ist mal noch eine ganz andere Sache. Wer seine Eltern kennt und deren Reaktion erahnen kann, hat es leichter als einer, der die Katastrophe aufkommen sieht. Freunde und Bekannte sind auch wichtig, aber nicht immer muss man zwingend jedem und alles vor die Nase binden.”

“Nun ja, ich hab noch nie eine Äußerung meiner Eltern zu dem Thema vernommen. Aber ich glaube, sie kommen damit zurecht. Ich denke nicht, dass es zu bösen Szenen kommt.”

“Da ist viel wert. Wenn die Familie nicht hinter einem steht, ist es wirklich dumm. Leider passiert das allzu oft und macht es noch eine Stufe schwieriger. Nur sechszehn Prozent der Jugendlichen akzeptieren die Homosexualität, das ist erschreckend wenig und darauf muss man sich notgedrungen einstellen. Die Chancen, damit auch seine besten Freunde zu verlieren, sind leider sehr hoch und schon allein deshalb verstecken sich viele hinter ihrem Schwulsein. Sie haben Angst, plötzlich alleine da zustehen und zum Gespött und gemoppt zu werden. Weißt du, es gibt sieben Milliarden Menschen auf der Welt, aber manchmal habe ich das Gefühl, es gibt keine anderen Probleme als die Neigung anderer Menschen auszukundschaften um dann auf deren Gefühlen herum zu trampeln. Nur weil die glauben, Hetero zu sein ist das einzig Richtige, alles andere sei krankhaft und falsch. Aber komm, lass uns duschen, es ist gleich Mittagspause.”

“Ich werde dann mal lieber gehen, Nico. Ich will euch ja nicht aufdringlich werden.”

“Wie du möchtest, aber duschen ist Pflicht.”

Nico lachte und scheuchte Vlado vor sich her in die Duschkabine.

*-*-*

Leo berichtete beim Essen, dass die Sache mit dem Stromausfall geklärt war. Er hatte den hiesigen Stromanbieter beauftragt, nach dem Fehler zu suchen und eine Antwort von dort erhalten.

“Unten im Dorf sitzt ein Verteiler, dessen Isolierung ist im Lauf der Jahre porös geworden. Da ist Feuchtigkeit eingedrungen und es gab einen Kurzschluss, deswegen ist der Strom hier oben weggeblieben. Aber eben nur hier. Die Bereitschaft des Anbieters hat den Fehler schnell beheben können. Dumm nur, dass man uns davon kein Wort mitgeteilt hat.”

Das sorgte für allgemeines Aufatmen, denn bis dahin war ja nicht sicher, ob Absicht dahinter steckte.

“Nur warum die Batterie am Notstromaggregat leer war, da bin ich noch am suchen”, beendete Leo seinen Bericht.

Sonst gab es nichts Neues und so zog sich Nico nach dem Essen wieder wie befohlen in seine Gemächer zurück. Nachdenklich stellte er sich an das Fenster und sah in die Winterlandschaft.

Falk hatte mit Sicherheit geahnt, ja vielleicht sogar gewusst was hier mit Vlado gelaufen war. Sein Blick vorhin war so seltsam, als würde er ständig grinsen irgendwie. Konnte Einbildung sein, aber andererseits war es ja nicht verboten.

Vlado war ein ganz toller Liebhaber, der sich auch vor lustvollen Experimenten nicht zierte und lange hatte Nico solche Stunden vermisst. Aber der Junge musste ein Liebhaber, ein Spielzeug bleiben. Liebe war nicht im Spiel, das spürte Nico.

Sicher würde Vlado diese Stunden hier nie wieder vergessen, aber mehr durfte daraus nicht werden. Ein paar Schäferstündchen waren keine Sünde, eine Beziehung aufbauen kam für Nico jedoch nicht in Frage.

Nachdem er kurz darauf im Internet feststellen musste, dass noch mehr Schnee angekündigt wurde, kuschelte er sich in sein Bett und fiel in einen traumlosen Schlaf.

Er schlief so gut und fest, dass es ihm gerade noch reichte, pünktlich zum Abendessen zu erscheinen.

Falk Stein berichtete anschließend von den Rollenspielen der Jungen und beendete sein Statement mit einer kleinen Überraschung.

“Wir haben in einer Ecke im Holzschuppen zehn Paar Skier gefunden. Scheinbar sind die nie oder nur sehr selten benutzt worden, Leo hat sich von ihrer Sicherheit überzeugt. Was also liegt näher, morgen Früh mit den Jungs auf der Straße ins Dorf ein bisschen Spaß zu haben?”

“Wow”, entging es Nico.

“Das wäre ja mal Klasse. Aber.. wer von uns kann überhaupt auf Skiern fahren und es ihnen beibringen? Ich bin da ziemlich Talentfrei. Leider.”

Rainer Bode lächelte.

“Das ist kein Problem, eine meiner Lieblingsbeschäftigungen im Winter. Die Idee ist super. Das machen wir.”

“Ich muss vielleicht noch ein bisschen üben, aber früher bin ich oft auf Skiern unterwegs gewesen”, warf Leo mit ein.

“Und Falk kann doch sowieso alles”, lachte er mit Blick auf Stein.

Der nickte.

“Olympia war zwar nie Thema, aber das kriegen wir hin. Also gut, morgen nach dem Frühstück. Aber erfahren sollen sie es erst dann.”

Auf dem Weg nach oben ging Nico erst noch an den Zimmern der Jungen vorbei, Stimmen kamen jedoch nur aus einem. Nico schaute kurz hinein und sah, dass die Jungen um ein Würfelspiel im Kreis auf dem Boden saßen.

Auf den zweiten Blick vermisste er Jonas, fragte aber nicht nach ihm. Stattdessen ging er nach hinten zu dessen Zimmer. Er fand den Anblick, der sich ihm unter der Tür bot, sehr angenehm. Jonas stand gebückt vor seinem Schrank und strecke Nico seinen wohlgeformten Hintern entgegen.

Eingepackt zwar in den Jogginganzug, aber der saß schließlich wie angegossen und beflügelte Nicos Fantasie. Er hatte zwar die Stunden da oben mit Vlado noch nicht vergessen, aber es war nicht zu ändern – solche Ansichten blendeten ihn.

Plötzlich richtete sich Jonas auf, drehte sich um, verbarg seine Hände auf dem Rücken und lief sofort rot an.

“Ähm.. oh..”

“Tschuldige, Jonas, ich wollte dich nicht erschrecken”, versuchte Nico zu beschwichtigen.

“Schon gut, ich hab dich bloß grad gar nicht kommen hören.”

Nico ahnte, was den Jungen aus der Fassung gebracht hatte. Da war das Tagebuch. Vielleicht wollte er es gerade herausholen oder zurücklegen. Er beschloss, keine Fragen zu stellen.

“War keine Absicht. Das nächste Mal mach ich mich bemerkbar.”

“Wolltest du zu mir? Oder ist das Zufall?”, wollte Jonas wissen.

“Zufall. Kraft meines Amtes schau ich schon mal, ob bei euch alles in Ordnung ist.”

Das war zwar ziemlich aufgeblasen, aber gegen dieses Argument konnte niemand angehen.

“Verstehe das bloß nicht als Kontrolle, Jonas. Eher als unsere Fürsorgepflicht.”

“Ja, schon klar. Und, wie geht es dir?”

“Danke, ich hab’s wohl überstanden. Meine Schonfrist endet ja auch heute. Gottlob. So allein da oben ist nicht das Wahre.”

Jonas grinste plötzlich.

“Naja, so ganz alleine warst du ja nicht, zumindest nicht die ganze Zeit.”

Nico war wenig überrascht. Es war ein Irrglaube, dass Jungen in dem Alter ihr Umfeld nicht genau im Auge behielten. Zumindest Jonas nicht, der vermutlich jedes Mal sehr genau registrierte, wenn Vlado im Hause war.

Seine Frage letzthin, ob er und Vlado etwas zusammen hätten, ließ keinen anderen Schluss zu. Ohne zu fragen setzte sich Nico auf den einzigen Stuhl im Zimmer.

“Nun, mir scheint du beobachtest das mit Vlado und mir sehr genau.”

Jonas schmiss sich auf sein Bett und grinste erneut.

“Ich beobachte nicht, mir fällt das nur auf.”

Als das Lachen und die Stimmen im Nachbarzimmer lauter wurden, stand Nico auf, schloss die Tür und lehnte sich mit verschränkten Armen an.

“Ich vermute, du willst genau wissen, was da oben in meinem Zimmer vor sich geht. Aber du verstehst, dass ich mich dazu nicht äußern kann und werde.”

Es war lustig, wie Jonas einen Schmollmund zog.

“Schade eigentlich. Aber du hast ja recht, es geht mich nichts an.”

Nun streckte er die Beine auf den Boden und damit zeichnete sich seine Männlichkeit sehr deutlich in der Hose ab. Es war Absicht, dass er das tat. Nico zweifelte keine Sekunde mehr, dass Jonas alles daran setzte, ihn auf dumme Gedanken zu bringen.

Schwierig war das insofern, dass es ihm auf diese Art gelingen könnte.

“Hey Nico, bitte hab jetzt keinen falschen Eindruck von mir. Ich habe dir ja schon gesagt, dass ich dich mag und mehr geht halt nicht. Lass mir wenigstens die Freiheit, dich interessant zu finden.”

Jonas verstand es nicht nur seinen Körper in Szene zu setzen, er hatte auch immer die richtigen und passenden Worte parat. Nico fand ihn süß, so wie er war. Kein Vlado, der schon sehr viel erwachsener daherkam, aber dennoch nicht weniger anziehend.

“Schön, ich geh dann mal wieder. Und Jonas – ich mag dich auch, so ist das nicht. Aber uns sind nun mal Grenzen gesetzt, die müssen du und die muss ich respektieren. Okay?”

Jonas stand auf.

“Klar, ich bin ja auch nicht böse oder beleidigt. Es ist halt irgendwie dumm gelaufen.”

Nico konnte nicht anders. Er wuschelte durch Jonas’ Haare und lächelte dabei.

“Nicht traurig sein. Wenn es so kommen soll oder muss, wirst du den Richtigen finden. Du hast noch alle Zeit der Welt dazu.”

Er schluckte, als er das sagte. Aber vielleicht war das der Anfang. Ein Anfang, in Zukunft die Gefühle im Zaum zu halten. Vlado bewies, dass auch draußen noch andere herumliefen, er musste sich nicht an den Jungen im Camp bedienen.

Es war sicher oft einfacher, aber nicht der richtige Weg. Und zudem hinterließ er einen schalen Nachgeschmack. Wortlos verließ Nico das Zimmer und ging nach oben. Trotz allem begannen die Gefühle an ihm zu reißen und zu zerren.

Stefan, Marco, Vlado, Jonas. Diese Namen standen mit ihren Gesichtern in seinen Gedanken Spalier. Lachten ihn an, schienen sogar zu grinsten. Auch in seinen Träumen der folgenden Nacht wurde er sie nicht los.

Stein stand von seinem Platz auf und verschaffte sich durch ein kurzes Räuspern Gehör im Speiseraum. Das Frühstück war beendet und an der Zeit, den Tagesplan zu verkünden. Gespannt hörten die Jungen ihm zu.

“Es liegt viel Schnee draußen und wir sollten das heute nutzen. Draußen vor der Tür steht für jeden ein Paar Skier bereit und nachdem ihr euch winterfest angezogen habt, wollen wir mit euch ein bisschen damit beschäftigen. Keine Angst, wir werden keine Höllenabfahrt runtersausen und wer es mit dem Skifahren nicht hat, dem zeigen wir, wie das geht. Na, wie klingt das?”

Niemand hätte die Begeisterung erwartet, die dann unter den Jungen ausbrach. Pfiffe und Beifall tönten durch den Raum und die Betreuer nickten sich zufrieden zu.

“Okay, dann zieht euch warm an, vor allem die Winterschuhe. In fünfzehn Minuten treffen wir uns draußen.”

Das ließ sich niemand zweimal sagen, Sekunden später war der Raum leer.

“So, diesen Tag müssen wir uns keine Gedanken mehr machen. Die Straße zum Dorf ist denk ich ideal. Nicht steil, nicht weit.”

Leo nahm Falk Stein zur Seite.

“Die Straße ist zwar ganz nett, aber es gibt eine andere Möglichkeit. Wenn schon ein bisschen Spaß, dann doch richtig, oder?”

Stein schaute Leo fragend an.

“Und was willst du mir damit sagen?”

Leo grinste und winkte dann auch Nico und Rainer zu sich.

“Kommt mal mit.”

Sie traten vor die Tür und staunten nicht schlecht, denn vorm Haus stand ein Traktor mit Anhänger. Auf dem Gefährt saß eine dick vermummte Gestalt und sah zu den Männern hin.

“Was und wer ist das?”

“Ich war gestern beim einkaufen so frei, von unserem Vorhaben zu erzählen. Dann sagte man mir, es gäbe ein paar Kilometer von hier eine wunderschöne Abfahrt, ideal für Anfänger. Und dann ergab ein Wort das andere.”

Die Person stieg langsam von dem Traktor herab. Sie war viel kleiner als es auf dem Traktor oben den Anschein hatte und trotz der dicken Kleidung konnte man erkennen, dass diese Person zierlich war – und nicht mehr jung.

Sie stapfte durch den Schnee zu den Betreuern hin und wickelte den Schal vom Kopf.

Auf Nicos Gesicht legte sich ein breites Lächeln. Die alte Frau aus dem Krämerladen stand vor ihnen.

“Ich musste doch mal die Leute und die Jungs hier oben kennen lernen. Und da heute meine Tochter den Laden führt, dachte ich, das ist die Gelegenheit. Herr Meier hat den richtigen Zeitpunkt erwischt.”

Sie gab jedem die Hand und stellte sich als Emilie Huber vor.

“Aber man nennt mich grundsätzlich nur Tante Emmi”, fügte sie dann energisch hinzu.

“Wo ist denn der Rest der Mannschaft? Ich dachte, die stehen hier schon abmarschbereit.”

“Die werden sofort hier sein.”

“Ich habe den Anhänger für die Erntehelfer angespannt”, erklärte sie.

“Da sind etwas spartanische Sitzbänke drauf, aber für die Strecke brauchen wir eh nur eine halbe Stunde, da reicht das sicherlich.”

“Gut, dann ziehen wir uns auch noch schnell um”, rief Stein in die Runde.

Als sie zurückkamen, saßen die Jungs bereits voll ausgerüstet auf dem Anhänger.

Stein setzte sich auf den recht unbequemen Radkasten des Traktors und hielt sich an der Sitzbrüstung fest, die anderen fanden bei den Jungen noch Platz.

Tante Emmi lachte, als sie dann ihren Traktor bestieg.

“Lauter fesche Jungs. Da möchte man auch noch mal Zwanzig sein.”

Nico registrierte diese Worte sehr genau, zum Glück musste er noch nicht so denken. Er saß neben Benny und Ruben auf der Bank, aber mit Jonas Rücken an Rücken. Er unterstellte dem Jungen keine Absicht, Jonas saß bereits an der Stelle.

Dennoch drehte der sich kurz, um Nico ein entwaffnendes Lächeln zu schenken.

“Auf geht’s. Und bitte festhalten, es geht nicht immer nur grade hier! “, rief die rüstige Fahrerin des alten Traktors nach hinten, legte den Gang ein und fuhr recht zügig vom Gelände.

Der Himmel war bedeckt und die Luft diesig. Und sie war eiskalt. Trotz der geringen Geschwindigkeit reichte der Fahrtwind, um die Temperatur noch ein etliche Grade tiefer zu empfinden, als sie eh schon war.

Der einzige auf dem Anhänger, dem das alles nichts auszumachen schien, war Rick. Er saß am Ende des Hängers und genoss die Fahrt. Emmi steuerte den Traktor den Weg rechts des Berges entlang und trotz des hohen Schnees wusste sie ganz genau, wie der Weg verlief. Kein Zweifel, den fuhr sie nicht das erste Mal.

“Wissen Sie, man kommt ja gar nicht mehr aus dem Dorf. Ich bin froh, dass Ihr Kollege das erwähnt hat”, sagte sie zu Stein.

“Vielen Dank, das ist eine sehr gute Idee gewesen. Werden sie bleiben oder uns wieder abholen? Zu Mittag müssten wir wieder zurück sein.”

“Oh, ich werde bleiben. Es gibt da oben eine alte Jagdhütte, nach der wollte ich schon ewig mal sehen. Weiß gar nicht mehr, wie die jetzt aussieht. Langweilig wird es mir daher wohl kaum.”

Die Fahrt ging dann zügig bergauf und dann erreichten sie ihr Ziel. Tatsächlich breitete sich eine große Fläche vor ihnen aus, die mal sanft, mal etwas steiler hinab führte.

“Raufkraxeln müsst ihr aber schon selber. Das gehört halt dazu, wenn man nicht in einem ultramodernen Wintersportgebiet Skilaufen will”, lachte sie und stellte den Motor ab.

 

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