Boycamp IV – Teil 27 Ende

Nico ließ sich auf sein Bett fallen und schloss die Augen und in seinem Kopf drehte sich alles im Kreis. Rick sprang hoch und legte sich eng neben ihn. Auch ohne Worte zu verstehen wusste der Hund, um was es ging.

Die Nähe zu dem Tier beruhigte Nico allmählich. Er legte seine Hand auf Ricks Kopf und kraulte ihn.

“Tja, nun wirst du künftig ohne mich auskommen müssen..”

Erst jetzt bemerkte er, dass sein Handy blinkte. Er sah auf das Display, dann huschte ein zaghaftes Lächeln über seine Lippen.

“Hallo Vlado. Schön, dass du anrufst.”

„Hallo Nico. Ich wollte dir nur Bescheid geben, dass ich in zwei Tagen wieder heimkomme.“

Nico holte tief Luft.

“Das freut mich. Aber.. ich muss dir etwas sagen.”

„Oh, klingt nicht gut. Ist etwas passiert?“

“Ja, so einiges. Aber das Wichtigste: Ich werde morgen schon abreisen.”

Vlado brauchte ein paar Sekunden.

„Oh, schon? Und warum so plötzlich?“

“Das ist eine lange Geschichte. Aber ich habe mich entschlossen, dem Camp für immer den Rücken zu kehren.”

Das klang vor einiger Zeit aber noch anders. Ist mit dir alles in Ordnung?“

“Ja, sicher. Ich habe es mir reiflich überlegt. Einfach war die Entscheidung nicht, das kannst du mir glauben, aber nach allem was jetzt hinter mir liegt gibt es keinen anderen Weg.”

Vlado klang enttäuscht.

„Damit sehen wir uns so schnell nicht wieder, oder?“

“Ich denke, wenn diese Verhandlung ist. Aber da gibt’s ja noch immer keinen Termin. Ich fürchte, da wird es Sommer im nächsten Jahr.”

„Und was wird aus dem Ranger?“

Nico wusste, dass diese Frage kommen würde. Er lächelte.

“An und für sich war das echt ne klasse Idee, aber dazu gehört mehr als nur da sein. Ich denke du weißt ja auch, was dazugehört. Ne Ausbildung wie du sie machen willst zum Beispiel. Was ist übrigens daraus geworden? ”

„Schade, die Idee fand ich wirklich super. Ach so, ja: Ich kann im Herbst nächsten Jahres die Lehre beginnen. Dazu muss ich zwar nach München ziehen, aber dank meiner Tante alles kein Problem.“

Es entstand eine Pause. Nico stand auf und lief zum Fenster. Auf einmal kam ihm die Dunkelheit dort draußen wie eine Bedrohung vor. Wie etwas, das auf ihn lauerte. Er drehte sich um und sah zu Rick hin, der auf dem Bett saß und ihn beobachtete.

“Vlado, ich denke, wir sehen uns sicher wieder, noch vor diesem Termin. Ich meine, München ist nicht auf dem Mond und ich habe ja Prüfungen in ein paar Wochen. Bestimmt findet sich eine Gelegenheit.”

„Ja, ich hoffe doch. Und morgen schon fährst du zurück?“

“Ja, ich habe noch keinen Plan, aber jetzt, nachdem ich mich eigentlich verabschiedet habe, kann und möchte ich nicht mehr hierbleiben.”

„Was haben denn die anderen gesagt?“

“Na ja, ob sie alles gesagt haben was sich auch dachten, das weiß ich nicht. Rein vom Gefühl her habe ich sie schon sehr enttäuscht. Besonders natürlich Falk und den Professor, denen ich vor nicht allzu langer Zeit noch eine Zusage gemacht habe. Aber nun.. manchmal ändern sich die Dinge.”

„Du hast aber keinen Ärger, oder?“ ´

“Wie meinst du?”

„Wegen mir oder Marco.. ich weiß ja nicht.“

“Nein, Vlado, da kann ich dich beruhigen. Diese Dinge haben damit überhaupt nichts zu tun.”

„Zum Glück. Und die Jungs? Was sagen die?“

“Keine Ahnung, sie wissen es noch nicht. Glaub ich wenigstens.”

„Ja gut, Nico, leider lässt sich da ja nichts dran ändern. Ich möchte jetzt keine Abschiedsszene, wir haben ja unsere Verbindungsmöglichkeiten. Sehen wir uns auf Skype?“

“Ja, natürlich. Immer, wann du willst. Würde mich freuen.”

„Was macht übrigens Marco jetzt?“

Nico schnaufte. Es war ja nicht so, dass er den Jungen von Jetzt auf Nachher vergessen hätte, aber er versuchte, es zu verdrängen.

“Ich weiß es nicht. Es ist verdammt nicht einfach, das kannst du mir glauben.”

Er setzte sich auf das Bett.

“Sie sind mir ans Herz gewachsen, alle. Es gab so viele unterschiedliche Charaktere, das ist schon fast unheimlich. Und wenn auch der eine oder andere dabei war, der nicht die Regeln einhalten wollte, so kann ich sagen, dass sie viel mitgenommen haben aus den Camps. Und bevor du mich fragst: Ich werde sie vermissen, da muss ich ehrlich sein.”

Das knarren der Treppe ließ Nico aufhorchen.

“Vlado, ich mache erst Mal Schluss. Muss noch meinen ganzen Kram richten. Wir bleiben ja in Verbindung.”

„Okay, Nico, bis dann also. Melde dich, wenn du wieder zu Hause bist.“

“Klar. Bis dann.”

Kaum hatte er das Gespräch beendet, erschein Falk Stein am Aufgang.

“Ich hoffe, ich störe nicht?”

Nico schüttelte den Kopf.

“Du hast nie gestört und du wirst nie stören. Komm rein.”

Stein setzte sich neben ihn auf das Bett.

“Ich bin nicht gekommen, um dir einen Vortrag zu halten oder dich versuchen umzustimmen.

Ich wollte dir aber anbieten, dich nach Hause zu fahren. Dann musst du nicht heute noch packen und mit dem Zug ist ja auch immer so eine Sache.”

“Das ist lieb von dir. Wenn dir das nichts ausmacht, ich wäre schon dankbar drum.”

“Kein Problem. Wie geht es dir denn jetzt? Ich meine, so wirklich einfach hast du es dir ja nicht gemacht.”

“Nein, Falk. Aber alles, was es dazu zu sagen gibt und gab, ist gesagt worden. Ja, ich bin traurig, ich gehe auch nicht gerne. Es ist nur eine Vorsichtsmaßnahme. Es ist einfach so, ich ziehe das Pech und Unglück an, von dieser Meinung lasse ich mich auch nicht abbringen. Ich werde aber ganz bestimmt zu Besuch kommen, regelmäßig. Dazu hänge ich zu sehr an all dem hier, vor allem auch an euch.”

“Du bist jederzeit willkommen, Nico.”

“Ich weiß und das freut mich. Wann wollen wir denn morgen fahren? ”

“Nach dem Frühstück würde ich sagen. Dann sind wir alle noch einmal beisammen. Ich bringe Roth, die Berger und Kirchheim erst zum Bahnhof, dann können wir fahren. Hast du eigentlich schon mit den Jungs geredet? ”

“Nein, Falk, noch nicht. Ich denke, das wird kein allzu großes Theater geben.”

“Und Marco?”

Nico starrte vor sich hin und überlegte.

“Ich habe keine Ahnung, wie er es auffassen wird. Klar ist, dass wir uns trennen müssen. Zumindest jetzt. Ich kann ihn ja schlecht bei mir aufnehmen, außerdem kommen die Prüfungen. Ich hätte gar keine Zeit und sicher auch nicht den Nerv.”

Falk legte seinen Arm um Nicos Schulter.

“Das wird schon, irgendwie. Du solltest aber mit ihm reden, er hat ein Recht darauf.”

“Sicher, ich weiß.”

Stein verließ ohne weitere Worte das Zimmer und Rick folgte ihm. Nico hatte das Gefühl, dass der Hund jedes einzelne Wort verstehen konnte.

Nico begann, seine Sachen zusammen zu packen. Ab und zu stellte er sich an das Fenster und sah hinaus in die Dunkelheit. Sie hatte nichts von ihrer Bedrohung eingebüßt und er konnte keinen Grund für sein Empfinden sehen.

Schneller als gedacht hatte er bis auf die Klamotten für den anderen Tag und die Waschutensilien sein Gepäck gerichtet.

Er verließ sein Zimmer und ging nach unten. Es war Unsinn, allen jetzt aus dem Weg zu gehen, außerdem war ihm nach einer Zigarette wie schon lange nicht mehr. Er trat vor das Haus und sah sich um. Prägte sich alles noch einmal ein, obwohl er es auch so nie vergessen würde. Es war nicht dieser Ort, es war das Camp im Allgemeinen, wovon er Abschied nehmen wollte. Eine Bilanz mochte er nicht ziehen, zumindest jetzt nicht.

Ein Hallo brachte ihn in die Gegenwart zurück.

“Hallo Sascha«, antwortete er dem Jungen.

Er sah ihn sich genau an und Sascha bemerkte das sofort.

“Stimmt etwas nicht?”

Nico schüttelte den Kopf.

“Es ist.. alles in Ordnung. Aber ich habe euch etwas zu sagen. Sind die anderen in ihren Zimmern? ”

“Ich denke schon. Was gibt es denn Wichtiges? ”

“Komm, ich erzähl euch das allen zusammen.”

Sie gingen ins Haus und den Flur entlang. Stimmen waren zu hören, von irgendwo her dudelte leise Musik.

Nico blieb vor Saschas Zimmer stehen.

“Holst du die anderen, bitte?”

“Klar, sofort.”

Es dauerte eine Weile, dann waren alle Jungs in dem Zimmer versammelt.

“Setzt euch, legt euch.. irgendwie ist es hier nicht so geräumig, aber es passt schon«, sagte Nico und kurz darauf war das Bett und der Boden besetzt.

Neugierig schauten die Jungen Nico an, der zunächst etwas verlegen wirkte. Vor allem war da Marco, dessen Blick ihn wieder in seinen Bann zog. Aber das durfte jetzt keine Rolle mehr spielen.

“Also, ich habe euch hier versammelt, weil ich euch etwas mitzuteilen habe. Ich bin ja nun schon länger mit den Camps vertraut, ich habe da sehr viel erlebt und auch gelernt. Aber schlussendlich bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass dies wohl doch nicht der richtige Job für mich ist. Natürlich werdet ihr sagen, das stimmt so nicht weil ich denke zu wissen, wie ihr mich einschätzt. Aber wie gesagt, ich kann mir ein ganzes Leben in dieser Form nicht mehr vorstellen. Ihr werdet ja auch irgendwann Pläne haben und plötzlich feststellen, dass diese Pläne doch nicht das waren, wie ihr euch das vorgestellt habt. Veränderungen nennt man das und genau vor dieser Entscheidung stand ich bis vor kurzem. Ich habe noch keine Ahnung, was ich nach dem Studium machen werde, aber sicherlich finde ich etwas, was zu mir und meinen Vorstellungen passt.

Ich möchte noch sagen, dass es mir mit euch sehr viel Freude und teilweise Spaß gemacht hat. Ihr seid ein Team geworden und bei jedem einzelnen bin ich sicher, dass er seinen Weg gehen wird. Es wird Nachfolger geben, die jetzt noch vor dem Nichts stehen und dann hier die Richtung erkennen, in die sie gehen müssen. Die Zeit hier war teilweise etwas turbulent, das wisst ihr ja selbst, aber außer einem Armbruch“, sein Blick ging zu Jonas hin, “ist Gott sei Dank nichts passiert.

Tja, mehr habe ich euch nicht sagen wollen. Ihr werdet ja nun auch nicht mehr allzu lange hier sein, die Zeit geht so schnell vorbei. So bleibt mir nichts, als euch alles Gute und vor allem viel Erfolg zu wünschen. Ich werde morgen abreisen, aber erst nach dem Frühstück. Wir werden uns also in jedem Fall noch sehen.”

Nach einem kurzen Schweigen hörte er ein verhaltenes „Danke“ und „dir auch“. Nur Marco schwieg. Nico hatte den Eindruck, dass er gar nicht realisiert hatte, um was es eigentlich ging.

Er verließ das Zimmer und gleichzeitig wusste er, dass ihm Marco folgen würde.

Marco hielt ihn im Flur am Arm fest.

„Das ist nicht wahr, oder?”

Nico versuchte dem Blick auszuweichen, aber es gelang ihm nicht.

“Doch, Marco. Ich musste mich so entscheiden, nach allem was passiert ist.”

“Und ich? Wir? “Marcos Stimme zitterte.

“Marco, ich.. komm, wir gehen auf mein Zimmer.”

“Ist nicht mehr gemütlich hier, ich habe gerade gepackt“, sagte Nico, als sie sich auf das Bett setzten.

Marco rückte ganz dicht an ihn heran.

“Ich weiß nicht, was ich jetzt sagen soll. Du gehst einfach so weg. Warum bloß? Du musst doch einen Grund haben.”

“Marco, du warst dabei, beim letzten Camp und ich habe dir von den anderen erzählt. Du bist selbst betroffen und es passiert eigentlich immer etwas. Dieses Mal gab es wenigstens nur den Armbruch, aber niemand weiß, was als nächstes kommt. Nein, ich versuche einen anderen Weg zu gehen.”

“Schon, aber… an mich hast du dabei nicht gedacht?”

Nico legte seinen Arm um Marcos Schulter.

“Selbstverständlich. Aber schau, was soll ich machen? Hier bleiben bringt nichts und dann dauert das Camp nicht mehr lange. Da stünden wir vor demselben Problem.”

Marco wischte sich über die Augen.

“Aber Nico, ich.. ich liebe dich doch. Du kannst nicht einfach so fortgehen.”

“Marco, ich gehe ja nur nach Hause und nicht auf einen anderen Planeten. Du musst in erster Linie an deine Zukunft denken, so wie ich auch. Wenn ich durch die Prüfungen bin und du deine Lehre abgeschlossen hast, dann können wir ja weitersehen. So wie es jetzt aussieht, haben wir beide keine andere Chance.

Glaub mir, es fällt mir nicht leicht, bestimmt nicht. Aber ich sehe einfach keine Lösung.”

Marco schwieg eine Weile, immer wieder fuhr er sich mit der Hand über die Augen.

“Das sind Jahre, weißt du das? Bis dahin haben wir uns vergessen. Es ist einfach nicht fair.”

Nico spürte, wie ihm Tränen die Augen füllten. Marco hatte recht. Es war eigentlich unmöglich, über eine so lange Zeit eine Fernbeziehung zu unterhalten. Das könnte ein paar Monate funktionieren, dann würde es langsam auseinander brechen. Er kannte niemanden, wo das auf Dauer wirklich gut gegangen wäre.

“Marco, was sollen wir machen? Ich kann dich nicht mitnehmen, meine Bude ist zu klein und du hättest wieder keine Lehrstelle. Das alles bedeutet Stress und glaub mir, wir würden uns damit keinen Gefallen tun.”

Marco stand zornig auf.

“Ich denke, du willst einfach nicht. Es gibt für alles eine Lösung, aber man muss das auch wollen.”

Nico versuchte ruhig zu bleiben.

“Du musst jetzt nicht laut werden. Wenn du eine vernünftige und akzeptable Lösung präsentieren kannst wäre ich der Letzte, der dagegen ist.”

Die Stille lähmte und legte sich wie ein dumpfer Teppich über das Zimmer. Es gab keinen Ausweg, das wussten beide.

Marco ging zum Fenster und sah hinaus in die Nacht.

“Dann war es das also.”

Nico stellte sich neben ihn und wollte seinen Arm um Marcos Schulter legen, aber er wehrte ab.

Tränen standen in seinem Gesicht, als er Nico ansah.

“Ich hätte nicht geglaubt, dass es so endet. Gibt es wirklich keinen anderen Weg? Ich habe sonst niemanden wie dich.”

“Du musst ehrlich zu dir sein, Marco. Es war auch so schon sicher, dass es keine andere Lösung gibt. Vorerst nicht. Auch wenn wir so weit voneinander sind, müssen wir uns doch nicht aus den Augen verlieren. Es gibt so viele Mittel und Wege, in Verbindung zu bleiben. Ich meine, wir können es doch versuchen. Warum sollten wir uns hier für alle Zeiten trennen wollen?”

“Ich weiß nicht… wann und wie oft könnten wir uns denn sehen? Alle drei Monate? Einmal im Jahr?”

“Marco, das weiß ich nicht. Lass es uns einfach versuchen. Es hilft ja nichts, wenn wir hier nur spekulieren.”

“Du meinst, da funktioniert?”

“Wir müssen daran glauben, Marco.”

Marco legte beide Hände auf Nicos Wangen und zog ihn zu sich. Der folgende Kuss war nicht so leidenschaftlich wie die anderen zuvor, wohl auch weil beide wussten, dass das die letzte körperliche Berührung dieser Art war.

“Wäre das nicht so ein trauriger Anlass, könnten wir jetzt sicher viel Spaß hier oben haben“, flüsterte Marco mit einem flüchtigen Lächeln im Gesicht.

Nico grinste.

“Da hast du recht. Wir können uns das ja aufheben, bis zum ersten Treffen.”

“Hoffentlich dauert es nicht wirklich ein Jahr.”

Nico fuhr dem Jungen durch die Haare.

“Nein, ein Jahr ganz bestimmt nicht.”

“Ich.. ich geh dann mal wieder runter. Wir sehen uns ja morgen früh noch.”

“Ja, schlaf gut und träum was.. süßes.”

Marco lächelte.

“Ich werde mich anstrengen.”

Sie gaben sich noch einen flüchtigen Kuss, bevor Marco das Zimmer eilig verließ.

“So ein Tag.. ich möchte es nie wieder erleben“, sagte Nico zu sich selbst, bevor er sich auszog und auf das Bett warf.

Die letzte Nacht hier, die letzte Nacht in einem Camp. Trotz allem mochte er sich nicht mit diesem Gedanken anfreunden und es dauerte lange, bis er endlich einschlief.

Rasch hatte er seine restlichen Sachen zusammengepackt und ging mit reichlich gemischten Gefühlen nach unten. Die Nacht war er noch einige Male aufgewacht, offensichtlich waren daran Träume schuld, an die er sich aber nicht mehr erinnern konnte.

Er war der Letzte, der in den Gemeinschaftsraum kam. Alle saßen bereits vor ihrem Frühstück und natürlich richteten sich auch ihre Blicke auf ihn. Aber er nickte nur kurz, wünschte einen guten Morgen und setzte sich neben Falk.

Besonders hungrig war er nicht, obwohl wieder so viele leckere Sachen aufgetischt waren.

“Iss, Nico, wir werden eine Weile unterwegs sein“, riet ihm Stein.

Es wurde nicht viel gesprochen an diesem Morgen, Frau Berger, der Professor und Ralf Kirchheim schienen sich auch zu beeilen. Sie waren dann auch die ersten, die aufstanden und zum Tisch der Betreuer kamen.

Man gab sich die Hand, tauschte noch ein paar Worte und schließlich begaben sie sich nach draußen.

Die Betreuer und auch Nico begleiteten sie.

“Nico, nochmals alles Gute. Ich drücke dir die Daumen und lass dich wieder blicken, hörst du?”

“Danke, Herr Professor und ja, ich werde schon wieder mal hier oder anderswo auftauchen. Je nachdem, wo das Camp grade ist.”

Auch Antonia Berger hatte noch ein paar Worte übrig.

“Sie machen das schon. Es ist manchmal nicht einfach, Entscheidungen zu treffen und nicht genau zu wissen, ob es die richtigen sind. Aber Sie sind noch jung, das ist Ihr Kapital. Denken Sie daran.”

Frau Berger wurde von Ralf Kirchheim abgelöst. Nico fand es seltsam, welche Ausstrahlung von dem Mann ausging. Er vereinte alles, was Nico an Menschen schätzte.

“Sie werden hier im Camp eine Stelle antreten, stimmt’s?”

Nico wusste es nicht, aber er ahnte es.

“Nun, man hat mich gefragt, ja.”

“Und was haben Sie geantwortet?”

“Dass ich.. nun, dass ich es mir überlege. Herr Stein hat mir angeboten, ein paar Tage hier zu bleiben. Ich habe eh Urlaub und Platz ist hier ja auch. Ich denke, ich schau es mir mal näher an.”

Nico beugte sich zu ihm hin.

“Nehmen Sie bloß diesen Job an, denn wenn Falk das jemanden anbietet hat das einen sehr guten Grund. Er schätzt Sie, das weiß ich. Und Sie passen hierher. Es ist ein… sehr schöner Job, glauben Sie mir.”

Kirchheim lächelte.

“Ich kann es mir fast vorstellen. In ein paar Tagen weiß ich mehr.”

Nico hob den Daumen.

“Tun Sie es.”

Nachdem sich Nico auch von Kirchheim verabschiedet hatte, stiegen sie in Steins Wagen.

“Ich bin gleich wieder zurück“, rief Falk Nico zu. “Dann können wir sofort los.”

Nico ging nach oben und holte seine Sachen. Irgendwie kam ihm alles plötzlich so leer und fremd vor und er wusste nicht, woran das lag. Obwohl die Jungen im Haus waren, herrschte eine bedrückende Stille.

Als er die Treppen herunterkam, standen Leo und Rainer im Flur.

“So, jetzt verlässt das Küken den Hühnerstall“, sagte Rainer Bode etwas süffisant.

“He, ich bin kein Küken mehr“, lachte Nico und freute sich, dass keine bedrückende Abschiedsstimmung aufkam.

“Na ja, man wird sehen. Ich für meinen Teil denke, du hast hier fliegen gelernt. Wenn auch noch etwas wacklig, so reicht es doch für immer weitere Strecken.”

“Meine Meinung«, sagte Leo und nahm Nico in die Arme. Das hatte er noch nie so gefühlsbeladen getan wie in diesem Moment. Lange standen die beiden so da und sprachen kein Wort.

Nach einer Weile schob Nico ihn von sich.

„Ich gehe ja nicht fort für immer. Irgendwann sehen wir uns wieder, versprochen.“

Nun ließ sich auch Rainer Bode zu einer Umarmung hinreißen. Er drückte Nico an sich, fast zu fest.

„Und bleib anständig, hörst du? Für deine Prüfung muss man ja keine Daumen drücken, die packst du mit Links.“

“Na ja, schaden wird es nicht. Ich werde mich noch ziemlich reinknien müssen, fürchte ich.”

“Kein Problem, oder? ”

Dann trat auch Doktor Schnell zu ihnen. Höflich streckte er die Hand aus.

“Also dann, viel Glück auch von mir. Und übrigens – ich habe eine Nachricht von meinem Kollegen, wegen des Holzknüppels.”

Nico horchte sofort auf.

“Und? Was sagt er?”

“Er hat tatsächlich auswertbare Spuren gefunden. Er geht davon aus, dass es kein Problem sein wird, über DNA-Analysen das Blut einer Bestimmten Person zuzuordnen.”

“Das heißt, der Fall wird neu aufgerollt?”

“Mit Sicherheit, ja.”

“Klasse. Sie können mich ja auch dem Laufenden halten. Ich denke, das wird ein spannender Prozess werden.”

“Möglich ja. Aber warten wir das ab. Ich wünsche Ihnen eine gute Reise und na ja, vielleicht bis bald.”

Nico atmete erleichtert auf. So hatte das alles doch noch sein Gutes.

“Hier, ich habe euch etwas für die Reise gerichtet, lasst es euch schmecken. Und dir wünsche ich alles Gute für die Zukunft.”

Der Koch drückte Nico einen Korb in die Hand, ein Tuch verbarg den Inahalt und Nico war jetzt schon gespannt, was sich darunter befinden würde.

“Vielen Dank. Vor allem für das hervorragende Essen. Noch ein Jahr und ich würde nicht mehr durch die Haustür passen.”

Holzmann lachte.

“Tja, soweit kommt es aber nun nicht mehr. Gute Fahrt und – bis bald vielleicht.”

Kurz darauf ertönte Steins Autohupe und kündigte das Ende einer Ära an.

Inzwischen waren die Jungen aus dem Gemeinschaftsraum herausgekommen und es war offensichtlich, dass sie eine persönliche Verabschiedung erwarteten.

Nico ging auf sie zu und er nahm jeden einzelnen in seine Arme. Er sagte nichts, konnte nichts sagen.

Vor Jonas blieb er eine Weile stehen und sah in diese Augen, die ihn mehr als einmal aus der Fassung gebracht hatten. Gerne hätte er sich länger von dem Jungen verabschiedet, aber er entschloss sich für die kurze, wenn auch nicht gerade schmerzlose Art. Er drückte dem Jungen fest die Hand.

“Jonas, alles Gute, vor allem auch für deinen Arm. Es war.. schön hier, eine tolle Zeit.”

Mehr brachte er nicht heraus, er fürchtete, seine Stimme könnte versagen.

“Klar, hab auch nicht mehr so viel Schmerzen. Und.. viel Glück, Nico.”

“Danke, dir auch.”

Rasch wandte er sich dann ab und folgte Leo, der inzwischen sein Gepäck zum Auto schleppte.

Bevor Nico einstieg, drehte er sich noch einmal um und da standen sie.

Ruben, Sascha, Benjamin, Maik, Timo, Jonas und Marco, Leo und Rainer, der Koch, der Doktor. Nico dachte einen Moment an die Abschiedsszene aus einem kitschigen Heimatfilm, aber manchmal waren die Dinge gar nicht so abwegig.

Er mochte sich täuschen, aber Marco und Jonas standen eng beisammen, fast auffallend eng. Vielleicht trösteten sie sich gegenseitig und am Ende wäre das die allerbeste Lösung überhaupt. Nico wünschte den beiden in seinen Gedanken mehr als nur eine bloße Freundschaft.

Er winkte verhalten, rief ihnen “Machts gut”zu und stieg rasch in den Wagen. Er konnte eine Träne nicht verhindern, verstohlen wischte er sie ab und knuffelte Rick, der ihm auf den Schoß sprang.

“Können wir? ”

“Ja, Falk. Fahr los, bevor ich es mir doch noch anders überlege.”

Stein lachte und setzte sein Fahrzeug in Bewegung.

ENDE

 

 

 

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5 Kommentare

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    • Joachim auf 10. Februar 2014 bei 19:37
    • Antworten

    Hallo Dario,
    einfach nur schön! Spannend erzählt, das man alles in einem Stück lesen will. Mehr davon!
    DANKE!
    Liebe grüße aus Berlin
    Joachim
    PS: Leider kann man bei “Margie” keinen Kommentar hinterlassen, die ist genau so spannend geschrieben. Darf man auf eine Fortsetzung hoffen?

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    • Lothar auf 26. Februar 2016 bei 11:38
    • Antworten

    Hallo Dario
    Das ist ja mal eine tolle Geschichte! So spannend um gute Protagonisten erzählt, eine abwechslungsreiche Handlung und tolle Charaktere. Alles eben, was eine gute Story braucht.

    Ich hoffe, es wird weitergehen. Man hat sich beim Lesen So in die Geschichte hineinvertieft, dass man wissen möchte, wie sich die Handlungsstränge auflösen.

    Hoffentlich also bis dahin
    Liebe Grüße Lothar

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  1. Hallo Dario
    ich habe deine Geschichten verschlungen…….sehr gut und spannend geschrieben…….schade das es hier wohl ein Ende ist (sehr schade)
    Hätte gerne das Leben von Nico weiter begleitet!
    liebe grüße
    Ralph

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  2. Ich versuche gerade einen schönen fünften Teil dazu zu schreiben mit einem guten Ausgang. Wird aber noch eine Weile dauern. Die ersten vier Teile habe ich verschlungen. Ich schreibe aber erst mal ganz persönlich nur für mich.

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  3. Hallo Dario,
    Die Geschichte war super spannend.
    Schade, dass es nicht weiter geht.
    Gruss Werner

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