Good bye Amerika – Teil 1

Das Zeichen zum Anschnallen leuchtete auf. Ich suchte den Gurt und fand ihn schließlich, ich saß halb darauf. Mein Magen schmerzte immer noch. Nach achtzehn Stunden Flug kein Wunder. Je näher ich meinem Ziel kam, desto mehr krampfte mein Magen.

Vor einem viertel Jahr, als Dad nach einer Zechtour erneut im Krankenhaus lag, kam das Jugendamt das erste Mal mit dem Vorschlag, einen anderen Vormund für mich zu suchen. Meine Großeltern waren nicht sehr angetan davon.

Doch als sich der Zustand von Dad verschlimmerte und er mehr betrunken als nüchtern war, stimmten sie zu. Doch wie alles hatte auch diese Sache einen Haken. Meine Großeltern waren einfach zu alt, um die Vormundschaft übernehmen zu wollen.

Sie trauten sich es nicht zu. Also wurde mein Onkel, der Bruder meiner Mutter auserkoren, dieses Amt zu übernehmen. Und nicht nur das – auch sollte mein Wohnsitz zu seiner Familie wechseln.

Nur dass mein Onkel vor ungefähr zehn Jahren ausgewandert war und er nun in Australien wohnte. Meine Mutter war fast zur gleichen Zeit, wie er wegzog, einfach verschwunden. So lebte ich die letzten Jahre mit Dad alleine.

Als er vor einem Jahr auch noch seinen Job verlor, begann er mit dem Trinken. Und nun saß ich im Flugzeug nach Australien, wo mich meine „neue“ Familie erwartete. Onkel Bob war mit einer Australierin verheiratet und sie hatten eine gemeinsame Tochter, so wie ich siebzehn Jahre alt.

Ein Rumpeln durchfuhr die Maschine, ein Zeichen, dass ich endlich wieder auf dem Boden war. Es war mein erster Flug. Es war meine erste Reise überhaupt. Dad war nie mit mir weggefahren.

Die Maschine rollte aus und am Ende der Landebahn bogen wir ab Richtung Terminal. Melbourne Airport. Hier sollte ich abgeholt werden. Langsam rollte die Maschine an das Terminal heran, bis sie an der Gangway ankam.

In der Maschine standen bereits die Leute auf und räumten ihre Sachen aus den Deckenfächern. Ich dagegen blieb sitzen und sah aus dem Fenster.

„Tom, du kannst dann gleich aussteigen.“

Ich schaute zum Mittelgang, wo die freundliche Flugbegleiterin stand, die während des Fluges sorgsam über mich gewacht hatte. Ich stellte meinen Mp3 Player ab und verstaute die Ohrstöpsel in meiner Jackeninnentasche.

Sie nahm mir meine Tasche ab und ich verließ meinen Sitzplatz am Fenster. Vorne verließen bereits die ersten Menschen die Maschine.

„Tom, ich bring dich noch bis zum Auschecken.“

„Danke“, meinte ich.

Madeleine hatte sich während des langen Flugs sich rührend um mich gekümmert, ja fast bemuttert. Gut, es fiel mir schon schwer, in San Fransisco in die Maschine zu steigen und mein altes Leben zurück zulassen.

Meinen Vater hatte ich nicht mehr besucht. Mit etwas Wut im Bauch, Traurigkeit im Kopf bestieg ich die Maschine, denn der Abschied von meinen Großeltern tat am meisten weh.

Und nun sollte ein neues Leben beginnen. Ich folgte Madeleine durch die Gangway, bis wir das eigentliche Terminal erreicht hatten. Sie reichte dem Beamten meine Papiere.

„Tom, ich wünsch dir alles Gute, vielleicht sieht man sich ja mal wieder!“

„Ja, danke Madeleine… Tschüss!“

Sie lächelte und lief zurück zur Maschine. Der Beamte stempelte meinen Pass ab und reichte ihn mir wieder. Ich schulterte meine Tasche und folgte den Leuten, die in die große Halle liefen.

Ich schaute mich um, konnte aber niemanden entdecken, der mir bekannt vorkam. So blieb ich einfach eine Weile stehen, drehte mich des Öfteren im Kreis, um eventuell Onkel Bob vielleicht doch noch zu erkennen.

Doch nichts tat sich. Ein Meer von Menschen umgab mich, aber kein Onkel Bob. Ich schaute hoch zu den Hinweisschildern und las >Gepäckausgabe<. So folgte ich den Schildern, bis ich an ein Band kam, wo sich recht viele Menschen drängelten.

Ich versuchte, einen Blick aufs Band zu erhaschen, ob ich eins meiner Gepäckstücke sehen würde. Es war ein hoffnungsloses Unterfangen, denn die Erwachsenen nahmen keine Rücksicht auf einen siebzehn jährigen Jungen.

Als sich mit der Zeit das Band leerte und auch die Gepäckstücke weniger wurden, konnte ich endlich direkt an das Band treten. Doch so lange ich auch wartete, es war kein mir bekanntes Gepäckstück dabei.

Enttäuscht atmete ich durch. Etwas verzweifelt schaute ich zurück in die Halle. Kein Gepäck, kein Onkel Bob… war ich am falschen Flughafen? Hatte Melbourne zwei Flughäfen?

„Tom Miller bitte zur Information!“, hörte ich die Sprechanlage tönen.

Information? Ich? Wo war die? Also zurück in die Halle und die Information suchen. Ein alter Mann wischte zwischen den Stühlen, also beschloss ich, ihn zu fragen.

„Entschuldigen sie, können sie mir sagen, wo sich die Information befindet?“

Der alte Mann hob sein Gesicht.

„Hallo Junge… ganz alleine hier?“

Ich nickte.

„Die Information findest du da vorne, neben der großen Palme.“

„Danke“, meinte ich und lief Richtung Palme.

Ich konnte nun auch das Schild >Information< sehen und noch etwas konnte ich entdecken. Onkel Bob. Automatisch wanderte ein Lächeln auf meine Lippen, als er mich erkannte.

„Hallo Tom, ich dachte schon, ich habe dich verloren.“

„Nein, ich bin noch da, wo sollte ich auch hin?“

„Hallo Junge“, meinte er und umarmte mich.

Es tat gut, nach so langer Zeit endlich mal wieder richtig gedrückt zu werden. Mein Vater hatte das schon lange nicht mehr gemacht. Ich spürte, wie sich Tränen in meinen Augen sammelten und schämte mich dafür.

Onkel Bob ließ mich los und schaute mich an.

„He, alles in Ordnung?“

„Ja geht schon…“

Er hob den Kopf schief und schaute mich durchdringend an.

„Alles klar… wirklich!“

Er grinste.

„So, dann holen wir mal dein Gepäck.“

„Das wollte ich schon holen, habe es aber nicht gefunden. Auf dem Band war es nicht.“

„Dein Gepäck ist auch nicht auf dem Band. Gibst du mir mal deine Bordkarte?“

Verwundert zog ich den kleinen Reißverschluss meiner Tasche auf, wo ich vorhin meine Papiere hinein gesteckt hatte. Ich zog die Bordkarte heraus und reichte sie Onkel Bob.

„Ah, da steht es ja.“

„Was?“, fragte ich verwundert.

„Wo wir dein Gepäck abholen können, das wurde extra aufgegeben.“

„Extra?“

„Tom, du hast ja nicht nur ein oder zwei Koffer, da sind sicher auch ein paar Kartons dabei.“

Stimmt. Grandma hatte mich einige Sachen von mir in Kartons packen lassen. Unter anderem meinen Computer. Eigentlich war ich der Meinung, dass sie das in ihrem Haus einlagern würden.

So war die Überraschung groß, als Onkel Bob meinte, dass diese Sachen alle schon hier waren.

„Zuerst müssen wir den Wagen holen. Dann können wir deine Sachen abholen.“

Ich wollte gerade wieder meine Tasche schultern, als Onkel Bob sie mir abnahm.

„Lass gut sein Junge, du bist sicher fertig, nach so einem langen Flug.“

„Nein, ich habe viel geschlafen und Madeleine hat sich gut um mich gekümmert.“

„Madeleine?“

„Eine der Flugbegleiterinnen, die für mich da war.“

„Hat dich dieses weibliche Wesen also umgarnt.“

Ich wurde etwas rot und Onkel Bob lachte. Ich folgte ihm durch die Halle zum Ausgang. Die Tür öffnete sich automatisch. Heiße, trockene Luft schlug mir entgegen. Ich war in Australien und hier war es heiß, während es bei uns auf Winter zuging.

Und ich hatte einen dicken Pulli und Jeans an.

„Hast du etwas Leichtes darunter an?“, fragte Onkel Bob, als hätte er meinen Gedanken gelesen.

„Ein Tshirt, Onkel Bob.“

„Das Onkel lässt du mal schön weg und komm, zieh den Pulli aus, die Leute gucken schon komisch.“

Also zog ich meinen dicken Pulli aus, was mir gleich eine gewisse Erleichterung verschaffte. Ich band den Pullover um die Hüfte und folgte >Bob< zum Parkplatz. Was für ein Auto würde er wohl fahren?

Bob lief auf einen dreckigen Ford Falcon zu, so wie man ihn hier oft zu sehen bekam. Er öffnete die Hecktür und stellte meine Tasche rein.

„Wir müssen zum Gepäckdepot am Südterminal, dort können wir dein Gepäck abholen.“

Hier wurde links gefahren, was für mich sehr ungewohnt war, was ich schon beim Einsteigen bemerkte, weil ich mich anfangs auf der Fahrerseite befand.

Bob fuhr an der internationalen Terminal entlang, bis wir den Südterminal erreichten. An einer kleinen Verladerampe stoppte er den Wagen. Er stieg aus und lief zu einem Mann, der auf der Rampe stand.

Er reichte dem Mann nach einem kurzen Gespräch meine Bordkarte, der darauf verschwand. Bob gab mir Zeichen auszusteigen. Ich schnallte mich ab und stieg aus.

„Was hat Grandma alles mitgeschickt?“, fragte Bob.

„Ich weiß es nicht, ich dachte eigentlich, sie gibt nur meine Koffer auf.“

„Der Mann sagte etwas von einer Palette.“

„Palette?“

Kaum hatte ich das Wort ausgesprochen, kam der Mann mit einer Palette zurück. Außer den Koffern, die ich mit Grandma gemeinsam gepackt hatte, waren auch alle Kisten verladen.

„Mann, hast du viel Gepäck.“

„Sorry. Ich wusste nicht, dass Grandma…“

„He, du brauchst dich doch nicht zu entschuldigen. Ich hätte einen Anhänger mitgenommen, wenn ich Bescheid gewusst hätte, dann wäre das Verladen einfacher gewesen.“

„Tom Miller?“, fragte der Mann.

„Ja.“

„Bitte hier den Empfang quittieren!“

Während ich unterschrieb, fuhr Bob den Wagen rückwärts heran. Er stieg wieder aus und öffnete die Hecktür.

„Am besten steigst du auf die Rampe und reichst mir alles herunter“, meinte Bob.

Ich nickte und stieg die Rampe hoch. Der Mann vom Depot löste die Gurte und so konnte ich meine Sachen herunter nehmen. Etwa eine halbe Stunde später hatte Bob alles notdürftig verstaut.

Er bedankte sich noch bei dem Mann für seine Hilfe und schon waren wir wieder unterwegs.

„Wie lange werden wir fahren?“, fragte ich, als wir den Airport verließen.

„Ungefähr drei Stunden.“

„So lange?“

„Wenn du ein Mal längere Zeit hier bist, wirst du schnell merken, dass hier andere Entfernungen herrschen, wie in Amerika. So! Hast du Hunger, oder sollen wir gleich losfahren?“

„Ich habe schon etwas an Board gegessen und eigentlich keinen Hunger mehr.“

„Okay, dann mal los.“

Wir fuhren auf einer Art Schnellstraße vom Airport weg. Aber gegen meine Meinung, schlug Bob die Richtung von Melbourne weg ein, also direkt ins Outback. Ich hatte mir vorher nicht die Mühe gemacht, genau nachzusehen, wo ich in Zukunft wohnte.

Bald schon wurden die Gebäude weniger und auch die Vegetation wurde spärlicher. Bald verwandelte sich die geteerte Straße in ein leichtes Staubmeer. Nein, der Teer war noch vorhanden, aber der viele Sand machte auch nicht vor den Straßen halt.

Je länger wir fuhren, umso weniger Autos kamen uns entgegen. Und zum ersten Mal in meinem Leben sah ich auch diese Long Vehicle. Ein LKW und zwei oder drei Anhänger. Bob musste kräftig Stoff geben, bis er das Ungetüm überholt hatte.

Nach mehr als einer Stunde kamen wir bei einer Tankstelle vorbei, an der Bob raus fuhr.

„So, nun vertreten wir uns mal die Füße, musst du auf die Toilette?“

Ich nickte und Bob zeigte mir den Weg. Nachdem ich mein Geschäft verrichtet hatte, stand ich vor dem Spiegel und wusch mir die Hände. Die Magenschmerzen waren zwar weg, aber das flaue Gefühl blieb.

So, nun war ich in Australien. Weit weg von allem, was mir lieb und teuer war. Ich sah und spürte die einzelne Träne, die sich aus meinem Auge löste. Was würde auf mich zukommen? Würde ich mich hier zu Recht finden? Fand ich neue Freunde? So richtig hatte ich es noch nicht erfasst… mein neues Leben in Australien, das von heute an starten würde.

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