Die Familie – Teil 2

Einleitung Teil II

Simon lief über eine weite Wiese. Plötzlich sah er sich von Flammen umringt; er schrie um Hilfe, doch was brachte es? Nichts war in der Nähe! Komischer weise wusste er das, auch, wenn er nie zuvor hier gewesen war. Eine dunkle Stimme erhob sich:

„DU DARFST HIER NICHT VERWEILEN!”

Simon sah nur noch zwei rote Schlitze – ca. 15 Meter über ihm. Oder waren es nur 5 Meter? Er konnte es nicht schätzen.

„Wer bist du!?!”

„GEH! DU DARFST HIER NICHT VERWEILEN. DIES HIER IST DAS LAND DER TOTEN. LEBEN GIBT ES HIER NICHT. DU MUSST GEHEN!”

„Aber wie?”

„SIEH HINTER DIR DIE MAUER! DU MUSST ÜBER SIE KLETTERN!”

Simon drehte sich um. Die Flammen in diese Richtung erloschen, und so wurde ihm ein Pfad eröffnet. Langsam aber sicher schritt er Richtung Mauer; jeder Schritt barg eine Qual in sich, und er hatte so viele Fragen! Das musste ein Traum sein… so ein Land gab es doch gar nicht… Oder doch?

Nein, das konnte nicht sein.

Kapitel I

„Simon… Simon wach auf!”

Max rüttelte an Simon. Er versuchte ihn schon seit geraumer Zeit wach zu bekommen. Simon hatte begonnen im Schlaf zu reden, schließlich sogar zu schreien, und er schwitzte – hatte einen Gesichtsausdruck, als wenn er Schmerzen hätte. Das musste ein Alptraum der fiesesten Sorte gewesen sein.

Marie holte ein Glas mit kaltem Wasser. Sie war sehr besorgt um Simon, er war kreidebleich. Als Marie wieder in das Zimmer kam, war Simon aufgewacht. Max drückte ihn ganz fest an sich und flüsterte ihm beruhigende Worte zu. Simons grüne Augen strahlten vor Angst wegen dem Albtraum.

Seltsamerweise fiel Marie gerade jetzt auf wie süß Simon eigentlich war. Der Mann der ihn einmal bekommen sollte würde wohl ein sehr glücklicher werden. Sie reichte ihm das Glas und er trank einen Schluck, der weilen befühlte Max Simons Stirn.
„Du glühst ja”, meinte Max entsetzt. Er nahm Simon das Glas ab, stellte es auf den Nachtschrank und drückte Simon zurück ins Bett. „Du bleibst liegen!”, sagte er in einem unmissverständlichen Ton, der Simon nur noch nicken lies.

Marie war schon wieder aus dem Zimmer verschwunden, um Gregor zu holen. Als die beiden Simons Zimmer betraten, hatte sich Max ganz nah an Simon gekuschelt und beide waren eingeschlafen. Sie sahen sehr süß zusammen aus, dachten sich Marie und Gregor gleichermaßen.

Gregor schlich zum Bett und befühlte die Stirn seines Sohnes. Schon war in seinem Gesicht abzulesen, für wie ernst er die Sache hielt. Er ging aus dem Zimmer ins Erdgeschoss und in sein Arbeitszimmer, von wo aus er sofort Jimmy anrief, ihren Hausarzt.

Zwei Stunden später stand Jimmy auch schon vor der Tür. Er hatte vorher noch eine Operation unmittelbar nach Gregors Anruf gehabt.
Simon war bereits wieder wach, während Max noch schlief. Gemeinsam mit Marie bewunderte er Max’ gutes Aussehen. Er war schon ein ziemlicher Traum: 1,76m, schlank-athletisch, süßes Gesicht mit noch süßerer Stupsnase, und hinter den Lidern verbarg er dermaßen schöne Augen, die jedes Mal so hell und freundlich leuchteten, dass man sie einfach ansehen musste.

Simon fühlte sich alles andere als gut und wollte aufstehen, um zur Toilette zu gehen. Er bekam weiche Knie, dann wurde ihm schwarz vor Augen. Im nächsten Moment lag er bereits auf dem Boden.

Er hörte noch, wie aus weiter Entfernung sein Name gerufen wurde und ihn jemand hoch hob; dann war alles still und leer um ihn.

Kapitel II

„Er bleibt noch einen Tag zur Beobachtung und morgen können Sie ihn – denke ich – mitnehmen. Jetzt schläft er. Am Besten fahren sie nach Hause und versuchen, auch ein wenig zu schlafen!”
Simon kannte diese Stimme nicht, aber sie klang verdächtig nach Arzt; und überhaupt, er hatte eindeutig das Gefühl in einem Krankenhaus zu sein – und das lag nicht allein daran was er eben hörte. Es roch einfach nach Krankenhaus. Es roch steril, und Simon beschloss für sich, dass er diesen Geruch nicht mochte. Doch er beschloss auch, dass er besser ein Lebenszeichen von sich gab: „Mmmhh und was denken Sie, was ich habe?”
Alles um ihn herum erschrak. Er konnte die Bewegungen fast körperlich spüren, die um ihn begonnen hatten. Erst dann öffnete er leicht die Augen.
„Könnte mal jemand das Licht ausmachen?”

„SIMON, GOTT SEI DANK!”, kam es wie aus einem Munde von Max, Marie, Gregor, Jimmy und Janette.

„Bitte nicht so laut”, meinte Simon mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, „Was ist denn passiert?”

„Der Arzt meint, du hattest so was wie einen Anfall. Hervorgerufen durch einen Alptraum. Auch wenn sich das komisch anhört”, meinte Gregor.

Simon dachte darüber nach. Er wusste was er geträumt hatte, aber nicht, was das sollte. Irgendetwas quälte ihn, das wusste er selbst am Besten. Er konnte es aber irgendwie nicht einordnen. Das es sich in  einem so gravierenden Traum niederschlug, war wohl mehr oder weniger einfach nur Simons Phantasie zu zuschreiben, von der er nämlich eine Menge besaß.
Warum auch nicht. Er schaute sich auch gern mal einen Horrorfilm an und Fantasy war sowieso seine Welt. Aber was er über alles liebte waren Liebesgeschichten. Keine Filme, sondern wirklich Geschichten, die er systematisch aus dem Internet zog, sie ausdruckte und sich sogar eine kleine Bibliothek angelegt hatte – in der er sie in Ordnern abgelegt hatte. Um genau zu sein, war das einer der Umstände gewesen, die zu seinem Coming Out geführt hatten. Er hatte die Seite kurz zuvor entdeckt und hatte angefangen, die Stories zu drucken und zu archivieren, wollte aber vermeiden, dass irgendwer es durch Zufall erfuhr. Deswegen hat Simon lieber den einfacheren und ehrlicheren Weg gewählt und hatte schlussendlich sein seelisches Versteck verlassen, welches jeder ungeoutete Teenager aufbaut, um nicht erkannt zu werden.

Besonders liebte er Geschichten von Seiten wie etwa www.Nickstories.de. Dort hatte er auch seine Lieblingsautoren wie Chris_1985 und Pit. Das mussten bemerkenswerte Charaktere sein, wenn sie solche Geschichten zustande brachte. Chris immer etwas mythisch, während Pit schon mal das wahre Leben rezitierte.

Dieser Traum brachte ihn aber zu etwas anderem, was ihm sehr bekannt vorkam. Er glaubte es lächerlicher weise vor ein oder zwei Jahren in einen Fantasyfilm gesehen zu haben. Diese Mauer. Das Land. Das hatte er sicher schon in diesem besagten Film gesehen. Es handelte sich um das Land der Toten, und die roten Augen waren der Herr der Toten. Da hatte ihm wohl seine Phantasie einen Streich gespielt. Irgendwie schon lustig, aber auch seltsam.

Nach nun mehr einem Tag und einer Nacht durfte Simon wieder nach Hause. Er freute sich sehr, wieder in seinem Bett zu schlafen, in seinem Zimmer zu sein und sein Leben außerhalb dieser kargen weißen Wände zu genießen. Es war kein Geheimnis, dass Simon keine Krankenhäuser mochte. Er wusste auch noch ganz genau, worauf dies zurückzuführen war.
Auf der einen Seite die Erinnerung an seine Mutter im Krankenhaus vor vielen Jahren. Sie war an vielen Geräten angeschlossen gewesen und hatte einen Schlauch im Mund gehabt. Das war ein Anblick, den kein Sohn so schnell vergass, das wusste er. Auf der anderen Seite hat er jedes mal das Gefühl, als wenn er selbst krank werden würde, wenn er im Krankenhaus war.

Über seinen Gedanken musste er eingeschlafen sein, denn als er das nächste Mal wieder erwachte, saß nur noch eine Person auf dem Stuhl neben seinem Bett, und das war Max.

„Hey, mein Kleiner. Wie geht’s dir?”

„Hallo Großer, na ja, trockene Kehle, sonst ist eigentlich alles ok!”, erwiderte Simon, wobei er sah, dass Max Tränen in den Augen standen und er auch ganz rote Augenränder hatte, die zeigten, dass er viel geweint haben musste. Seinetwegen?

„Du hast ja geweint.”

„Ja, ich hatte große Angst um dich. Du bist doch wie mein kleiner Bruder, und ich war nicht im Stande, dich zu beschützen.”

„Ich hab mir ein paar Gedanken über den Traum gemacht, und ich glaub, das war nur irgendwie mein Versuch, das erlebte des Tages zu verarbeiten. Es ,ist ja nicht wenig passiert, und, dass ich endlich einen richtigen Bruder haben werde macht mich glücklich. Aber der Traum hat mir gezeigt, dass ich auch Angst habe, große Angst!”

„Was meinst du denn, wovor du Angst hast?”

„Na ja, ich weiß auch nicht. Vielleicht versteh ich mich nicht mit ihm, oder er kommt nicht klar damit, dass ich schwul bin. Ich soll schließlich ein großer Bruder – also ein Vorbild – für ihn sein, und wie kann ich das sein, wenn er mich hasst?”

„Aber Simon, er wird dich doch nicht hassen! Im Gegenteil denke ich. Dich kann man nur lieb haben.”

Simon lächelte Max an. Es stimmte schon, Max war sein großer Bruder. Auch wenn er es nicht blutstechnisch war, so war er es im Geiste und in der Seele, und Simon liebte seinen großen Bruder sehr stark.

Kapitel III

Die Stationsschwestern mochten Simon sehr. So ein höflicher, gebildeter und noch dazu hübscher junger Mann kam nicht oft auf ihre Station, und umso schwerer war natürlich der Abschied. Simon wurde von allen fünf Schwestern umarmt, und er musste versprechen, sie zu besuchen, was alle Anderen zum grinsen brachte. Sie wussten, dass Simon ein sehr einnehmendes Wesen hatte, man konnte sich ihm einfach nicht entziehen, und man wollte es auch nicht. Es war, als wenn sich alles in seiner Nähe entspannte. Seine Unsicherheit war durch das Gespräch mit Max zwar nicht verschwunden, aber gemildert worden, sodass er sie nicht nach außen hin trug.

Max und Simon überlegten, zuhause angekommen, was sie nun eigentlich mit den Ferien anfangen wollten. Da war Punkt eins, Simons baldiger neuer Bruder, die drei mussten natürlich Zeit haben, sich zu beschnüffeln, und die sollten sie auch bekommen. Aber was war dann?

Simon schlug eine Reise vor; er wollte und musste mal raus aus dem Alltag. Auf die Weise würde er seinen neuen Bruder auch kennen lernen. Und Max und Marie sollten auch mal wieder ein paar Tage für sich und ein paar Spaßtage in der Gruppe ohne elterliche Aufsicht haben. Nun fragte sich nur noch, wohin?

Schnell war hierfür eine Lösung gefunden. Jeder suchte ein Ziel heraus, was aber immer allen gefallen sollte, und letztendlich sollte der Neue in der Gruppe, also der neue Bruder von Simon, entscheiden. Das war schnell angenommen, und bereits einen Tag später hatten sie ihre Angebote zusammen. Nun saßen sie in Simons Zimmer und langweilten sich, als Max’ Blick auf einen Schrank fiel, wo die Tür nur angelehnt war. In diesem Schrank befanden sich die Ordner, die Simon schon für die Stories angelegt hatte, 7 an der Zahl.
Als Simon auf die Toilette ging, besah sich Max das Ganze mal genauer und nahm den ersten Ordner heraus; hier befand sich an einer Stelle sogar ein Lesezeichen. Bei der fünften Geschichte mit den Namen „Die Brüder” von einem Pit, wie das Inhaltsverzeichnis verriet, fing Max an zu lesen:

… Hanns machte sich Sorgen um Phillip. Total appatisch saß Phillip neben ihm. Im Krankenhaus angekommen, stellte er seinen Wagen auf dem großen Parkplatz ab. Er nahm Phillip in den Arm und wollte ihn in das Gebäude führen.
Er stockte, denn vor dem Eingang konnte er plötzlich Peters Vater Roland ausmachen. Er ließ Phillip los, und rannte auf Roland zu. Mit einem Hechtsprung fiel er auf ihn und riss ihn zu Boden. Ein wildes Handgemenge begann. Was Hannes nicht gesehen hatte, Roland hatte ein Messer. Genau im Augenblick, als er es sah war es schon zu spät.
Roland hatte zu gestochen und Hannes spürte einen starken Schmerz oberhalb seines Bauches. Phillip, bis zu der Zeit total abwesend, schrie auf als er das Blut auf seines Vaters Pullover sah. Personal aus dem Innern des Krankenhaus hatten Roland überwältigt und bei Hannes waren schon zwei Ärzte um ihn zu versorgen. …
(© by Pit, Die Brüder)

Simon war längst zurück und hatte gesehen, dass Max gerade in seinen Ordner las. Vermutlich an genau der Stelle, die er das letzte Mal per Lesezeichen markiert hatte. Er setzte sich ruhig aufs Bett und sah sich Max genau an. Er wollte sehen, wie er auf die Story reagierte und war doch etwas überrascht, zu sehen, wie ein oder zwei Tränen in Max’ Augen aufblitzten.
Simon ging zu Max und stand hinter ihm. Er legte seine Arme um dessen schlanke Taille und kuschelte sich von hinten an ihn heran. Max war nur ganz kurz irritiert und las noch ein wenig weiter, bis er beschloss, den Ordner zuzuklappen und sich wieder seinem „kleinen Bruder” zu widmen.

„Davon hast du mir gar nichts erzählt?”

„Ich weiß… Ich hab vor Kurzem eine Seite mit ganz tollen Geschichten gefunden, und die hier war einfach, ich weiß nicht so … unglaublich … einfühlsam und schön zu lesen! Natürlich gibt es da auch nicht so schöne Passagen. Ich denke mal, du hast gerade gelesen, wie Phillips Dad gestorben ist, da muss ich auch immer weinen, aber alles in Allem ist es eine wirklich schöne Geschichte.”

„Ja, das stimmt. Zeigst du mir auch mal die Seite? Dann kann ich das auch lesen, ohne immer zu dir kommen zu müssen!”

Simon war etwas verwundert, konnte aber nicht sehen, wie breit Max grinste, und wie schwer es ihm fiel, seine Beherrschung zu behalten. Doch da sah Simon ein leichtes Zucken in Max’ Mundwinkeln von Max. Jetzt wusste er Bescheid und setzte glattweg zum Gegenangriff an.

„Ach, wenn du nicht gern hier bist, dann geh doch!” Max war zwar ein recht guter Schauspieler, aber Simon war perfekt. Er rollte sich auf dem Bett zusammen, drehte sich zur Wand und fing an zu schluchzen.

Was hab ich denn da angerichtet, dachte Max, ging zu Simon und setzte sich neben ihn, streichelte ihm den Kopf und kraulte seinen Nacken.

„War doch nicht so gemeint, mein Kleiner!”

Simon genoss die Streicheleinheiten und merkte, dass er diese ebenso dringend benötigte wie er Max selbst benötigte.

Max merkte, dass wohl alles nur Show war, er merkte aber auch, dass Simon das jetzt brauchte. Also legte er sich zu ihm und machte weiter mit den Streicheleinheiten. Es war schon spät am Abend. Die beiden zogen sich aus, legten sich wieder hin und Simon kuschelte sich an Max’ Brust, um dann wieder seine Streicheleinheiten zu empfangen.

„Du sag mal Max, was denkst du ist er für ein Typ?”

„Bestimmt ein ganz Lieber, sonst würden deine Eltern das nicht machen, meinst du nicht auch?”

„Doch, das denk ich auch. Ähm du sag mal…”

„Mal…”, grinste Max und Simon knuffte ihn in die Seite. „Na, was brennt dir auf der Seele?”

„Ähm, was denkst du eigentlich von mir seit du weißt, dass ich schwul bin?”

„Ich denke, dass der Mann, der dich einmal bekommen wird, wohl der glücklichste Mensch auf Erden werden wird. Du bist etwas ganz besonderes, und auch etwas ganz niedliches.”

Max lächelte Simon an und Simon lächelte zurück.

„Danke, mein Großer, ich hab dich lieb.”

„Weiß ich doch, ich dich auch, mein Kleiner.”

So schliefen sie eng umschlungen ein. Man könnte meinen sie wären das ideale Traumpaar, und viele der geneigten Leser werden wahrscheinlich denken, dass Max plötzlich seine schwule Ader entdecken, sich in Simon verlieben wird und sie glücklich werden. Ich sag nur, dies ist nicht der Fall. Max ist der Bruder, den Simon bis dato nie hatte. Er war immer der starke Fels, an den sich Simon anlehnte, wenn er sich unwohl fühlte. Und Max hörte immer zu, wenn Simon einen Zuhörer brauchte. Dies war zwar Liebe, aber eine, die – wie soll man sagen – nicht darauf hinausläuft, dass Simon sich in Max verliebt, oder, dass die beiden sich küssen oder gar Sex haben. Es ist die Liebe, die zwei Jungen verbindet, die mehr sind als ein Liebespaar. Sie sind Brüder, bis ins Mark. Das wussten auch alle in ihrer Umgebung. Sie waren nicht nur beste Freunde, sondern viel, viel mehr.

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