Good bye Amerika – Teil 17

Ich hatte nicht auf die Uhr geschaut, aber die aufgehende Sonne verriet mir, dass es noch recht früh sein musste. Im Haus selbst war es noch still, es schienen noch alle zu schlafen. Da Gustav keine Anstalten machte, wieder hereinzukommen, beschloss ich, allein wieder hineinzugehen.

Leise lief ich zu meinem Zimmer zurück, stieg in mein Bett und kuschelte mich wieder in meine Decke. Ein Schauer durchzog meinen Körper, bevor die Restwärme ein wohliges Gefühl über meinen Körper wandern ließ.

Müde war ich eigentlich nicht mehr, also stand Schlafen nicht mehr zur Debatte. Mein Blick fiel auf meinen PC. Bob war mir behilflich gewesen und hatte ihn an das Internet angeschlossen.

Ich nahm meine Decke, wickelte sie um mich und setzte mich an den Schreibtisch. Schnell war das Teil hochgefahren und ich klickte das Internet an. Das gewohnte Google – Bild erschien.

Mit dem einzigen Unterschied, diesmal stand nicht Google Amerika darunter, sondern Australia. Ich tippte die Adresse meines E-Mail-Providers ein, dessen Seite kurz darauf erschien. Ich gab meinen Nicknamen ein und das Codewort.

Wenig später baute sich mein Konto auf, wo ich den Button der Emails anklickte. Wie nicht anders zu erwarten, zeigte das Bild jede Menge Spammails auf, die ich zu löschen begann. Halt, was war das? Eine Email von Corinne. Corinne? Corinne aus meiner Klasse?

Ich klickte die Mail an und wieder baute sich ein neues Fenster auf.

From: corinne_dori@netswitch.com

To: tom.miller@network.net

Sent: Tuesday, August 17,2006 4:27 PM

Subjects: Where are you?

Hallo Tom,

ich habe heute von Pikelton nach langem Drängen deine Emailadresse bekommen. Er hat uns heute Morgen vor dem Unterricht erzählt, dass du nicht mehr kommst. Auch wenn in der Klasse der Kontakt zu dir nicht grad immer vom Feinsten war, fanden wir das ganz schön mies, dass du einfach so verschwunden bist. Niemand von uns wusste etwas.

Wir haben den ollen Pikelton regelrecht ausgequetscht, bis er uns endlich sagte, was los war. Das mit deinem Vater tut uns Leid. Warum hast du nicht erzählt, dass dein Vater einen Unfall hatte und im Koma liegt? Ja, ich weiß, wir haben nie viel über Privates geredet, aber trotzdem dachte ich, dass uns immer so etwas wie eine – na ja – Freundschaft verband.

Und jetzt bist du weg. Es hat eine Weile gedauert, bis ich die Adresse deiner Großeltern herausbekommen habe, aber die wollten mir auch nichts sagen. Ich sei eine Fremde, meinten sie.

Wo bist du? Tom…bitte melde dich, wo immer du auch bist… irgendwie mach ich mir Sorgen und fühl mich schuldig, dass ich nichts bemerkte… wie es dir geht.

Melde dich bitte Tom!

Gruß Corinne

PS: Auch Grüße von der Klasse!

Wow, damit hätte ich jetzt nicht gerechnet. Es stimmte schon, in der Schule war ich viel mit Corinne zusammen. Wir belegten so ziemlich dieselben Kurse und waren so oft den ganzen Tag zusammen.

So wie sie geschrieben hatte, erzählte ich nicht viel von zu Hause und in der Zeit, wo ich noch zur Schule musste vor meiner Abreise, versuchte ich, mir die Situation, in der ich steckte, nicht anmerken zu lassen.

Anscheinend mit Erfolg. Aber dass sie sich jetzt auf die Suche nach mir machte, wunderte und erstaunte mich sehr. Besonders die Grüße aus der Klasse, die mir fast unglaubwürdig schienen.

Vielleicht hatte sie recht – vielleicht hätte ich wirklich etwas sagen sollen und nicht einfach so verschwinden, aber dazu war es jetzt zu spät. Sollte ich ihr antworten? Brachte das überhaupt noch etwas.

Mein Blick wanderte zum Fenster. Draußen schien die Sonne nun schon kräftiger. Der Baum vor dem Haus wiegte sich sachte im Wind. Auch konnte ich schon erste Geräusche im Haus hören.

Ich sah wieder auf die Mail, las sie noch einmal durch und wieder und wieder. Meine Hand griff zur Maus und der Pfeil des Cousers wanderte zum >Antworten< Button.

Hallo Corinne,

du siehst mich sprachlos vor deiner Mail sitzen… du hast Recht, ich hätte wirklich etwas sagen können, aber ich war dazu nicht fähig. Auch auf die Gefahr hin, dass du mir nicht mehr antwortest, schreibe ich dir nun, was mich dazu gebracht hat.

Ja, mein Vater liegt im Krankenhaus im Koma… aber nicht wegen eines Unfalls, jedenfalls nicht so, wie ich denke, dass es euch Mr. Pikelton hat glauben machen wollen. Mein Vater ist Alkoholiker und bei einem Streit mit mir gestützt.

Du wirst sicher fragen, was für ein Streit. Der Auslöser war natürlich wie immer ich, ganz normal bei meinem Vater. Er hat immer etwas gefunden, woran er etwas aussetzen konnte. Nein, geschlagen hat er mich nie. Aber es wäre sicherlich bald dazu gekommen.

Meine Großeltern haben sich dafür eingesetzt, dass ich von ihm wegkomme. Nach einem Vorschlag vom Jugendamt sollte ein anderer Verwandter der Familie meine Vormundschaft übernehmen.

Wie du weißt, lebte ich mit meinem Vater alleine und meine Großeltern sind zu alt, um diese Pflichten zu übernehmen. So fiel das Los an meinen Onkel, den Bruder meiner Mutter. Ich lebe jetzt seit drei Tagen bei meinem Onkel und seiner Familie.

Auch muss ich zugeben, dass mir im Augenblick mein altes Zuhause nicht fehlt, bis ich gerade eben deine Email bekommen habe. Eine Kleinigkeit habe ich noch vergessen zu erwähnen… mein Onkel ist vor Jahren ausgewandert… lebt jetzt in Australien.

Ja, du hast richtig gelesen, ich befinde mich in Australien, weit weg von den Staaten und allem, was mich belastet hat. Einzig meine Großeltern fehlen mir, weil ich sie nun eine Zeit lang nicht mehr sehen kann.

Und nun kommt die Email von dir… Ich habe dir immer noch nicht erzählt, warum es zu diesem schlimmen Streit zwischen meinem Dad und mir gekommen ist. Der Grund war ich… schrieb ich schon, aber wie soll ich es sagen? Ich mach es einfach kurz und bündig. Corinne, ich bin schwul und mein Dad kam nicht damit klar.

Uffz… jetzt fühl ich mich irgendwie leichter, weiß aber auch nicht mehr, was ich schreiben soll.

In der Hoffnung, dass du nicht mehr auf mich böse bist, mir vielleicht mal wieder schreibst

Tom

Meine Hand griff wieder nach der Maus und ich drückte >Senden<. Bevor ich es mir mit der Mail anders überlegte. Ich beobachtete das kleine Fenster, wie der blaue Balken unwiderruflich wuchs, bis die Email gesendet war.

Ich atmete tief durch und schloss das Internet. Ob es gut war, zu antworten? Ich fuhr den PC herunter und legte mich wieder ins Bett. In dem Augenblick merkte ich, dass etwas fehlte. Meine Hand griff ins Leere.

Zu sehr hatte ich mich schon daran gewöhnt, dass Gustav vor meinem Bett lag und ich ihn streicheln konnte. Ich hörte draußen im Flur Geräusche und leise Stimmen. Und wie durch eine Geisterhand öffnete sich meine Tür einen Spalt.

Durch diesen Spalt drängte sich Gustav, bevor die Tür sich wieder schloss. Sicher hatten Abby oder Bob ihn hereingelassen. Zielgenau steuerte Gustav wieder seinen Platz vor dem Bett an und ließ sich nieder.

Aber nicht, ohne noch einmal kurz meine Hand abzulecken, was meine Mundwinkel wieder nach oben wandern ließ.

*-*-*

„Morgen“, sagte ich, als ich die Küche betrat.

Bob und Abby saßen am Tisch und frühstückten.

„Hoppla, schon wach? Hat dich Gustav geweckt?“, fragte Bob.

„Nein, ich war schon wach.“

„Hast du Gustav hinausgelassen?“

Ich nickte und setzte mich auf einen freien Stuhl. Abby hielt mir lächelnd die Kaffeekanne hin.

„Danke“, meinte ich und hielt meine Tasse hoch, „ja, er stand winselnd vor meiner Tür, da habe ich ihn raus gelassen.“

„Gut, ich habe mich schon gewundert, wie er raus gekommen ist. Was steht heute an?“

Die schnellen Themenwechsel von Bob war ich nicht gewohnt, so musste ich diese Frage erst verarbeiten, bevor ich antwortete.

„Ähm.. ich weiß nicht.“

„Hat Molly mit dir noch nichts ausgemacht?“

Diese Frage kam von Abby, die sich gerade noch ein Brot schmierte.

„Nein, wir haben gestern Abend nichts Besonders ausgemacht.“

„Okay, war ja nur eine Frage. Ich muss dann los, Canberra ist ein Stückchen zu fahren.“

Ach stimmte ja, Bob wollte dahin fahren. Ob ich mit sollte? Wäre sicherlich interessant.

„Kann ich mit?“, fragte ich, während ich in mein Brot biss.

Erstaunt sah mich Bob an.

„Du willst mit?“

„Ähm ja… ich habe noch nicht viel gesehen von hier und ich könnte auch etwas Zeit mit dir verbringen.“

Bob schaute etwas gequält.

„Sorry, mein Junge. Ich weiß, ich hatte bisher noch nicht viel Zeit für dich, aber du hast ja selber gesehen, die Praxis und…“

„So hatte ich das nicht gemeint“, fiel ich ihm ins Wort, „ich wollte einfach nur mit dir zusammen sein.“

Ich lächelte, um diese Aussage zu unterstreichen, er erwiderte das Lächeln.

„Bist du schon einmal geflogen?“, fragte er plötzlich.

Ähm, was sollte die Frage? Ich bin doch erst aus den Staaten gekommen. Er schien meine Verwirrung zu erkennen.

„Ich meine… bist du schon mal mit einer Cessna geflogen?“

Ungläubig schüttelte ich den Kopf.

„Gut, dann geh mal ganz schnell in dein Zimmer mach dich fertig, es geht nämlich gleich los.“

Diesmal nickte ich nur und stand auf.

„Ich mach dir noch ein paar Brote für unterwegs“, hörte ich Abby mir hinterher rufen.

*-*-*

Etwas nervös bestieg ich mit Bob die Cessna. Er zeigte mir, wie ich mich festschnallen musste und schon wurde der Motor gestartet und der Propeller begann sich zu drehen. Bob klopfte mir kurz auf das Knie und lächelte mich an.

Es gab einen kleinen Ruck und die Maschine setzte sich in Bewegung. Mir wurde mulmig und ich bereute plötzlich die Entscheidung, Bob zu begleiten. Der Flieger rollte auf die Stertbahn.

Nie hätte ich gedacht, dass Griffith über einen kleinen Flughafen verfügt. Na ja, Flughafen. Es gab ja nicht mal eine richtige Lande und Startbahn. Das sah eher aus wie eine frei geräumte Sandbahn.

Ich hörte den Piloten irgendwas in sein Mikro sagen und wieder setzte sich die Maschine in Bewegung. Sie nahm langsam Fahrt auf und steigerte ihr Tempo. Mein Bauch bereute nun auch, etwas gegessen zu haben, denn mir wurde leicht übel.

Ängstlich schaute ich zur Seite, hinaus auf die unbefestigte Rollbahn. Der Wind, den das Flugzeug aufwirbelte, hinterließ eine mächtige Staubwolke. Noch ein weiterer Ruck durchzog die Maschine und ich spürte, wie wir uns langsam in die Luft erhoben.

Jetzt erst spürte ich, wie ich mich am Gurt festgeklammert hatte. Bob grinste mich nur an und schaute wieder zum Fenster hinaus. Wir gewannen schnell an Höhe. Zum ersten Mal sah ich Griffith aus der Luft, denn der Pilot flog quer über die Stadt.

Wenig später lichteten sich die Häuser und dann sah ich nur noch Steppe. Der Pilot flog parallel zur Straße, so konnte ich ab und zu ein paar Wagen und Lkws ausmachen.

„Und, wie gefällt es dir?“, fragte Bob neben mir.

„Cool!“, meinte ich nur, obwohl mein Magen mir etwas anderes sagte.

Mir schien, dass dieses Flugzeug wohl jeden einzelnen Lufthauch draußen wahrnahm, jedenfalls so, wie es hier wackelte.

„Wenn ich kann, nehme ich immer das Flugzeug, das weite Fahren strengt doch sehr an und zudem erreichst du deine Ziele viel schneller.“

Ich nickte. Trotzdem war mir flau im Magen. Anscheinend tanzte das Flugzeug. Jedenfalls wurden wir ordentlich durchgeschüttelt. Nach einer Stunde war der Spuk vorbei. Ich konnte vorne die ersten Siedlungen sehen, die zu Canberra gehörten.

Wenig später steuerte der Pilot den Flugplatz an. Langsam glitt er zum Rollfeld hinunter, bis er mit einem harten Stoß aufsetzte.

„War eine gute Landung“, meinte Bob.

Was war dann keine gute Landung? Als das Flugzeug ausgerollt war, wollte ich nur noch raus, festen Boden unter den Füßen haben.

„Wie wäre es mit einem zweiten Frühstück?“

Bobs Späße! Nein, ich konnte nun sicher keinen Bissen runter bekommen. Mit zitternden Knien verließ ich das Terminal, vor dem uns Bob ein Taxi rief. Wenig später waren wir schon im Getümmel der Innenstadt.

„Wie findest du unsere Hauptstadt?“, fragte Bob.

„Ich dachte immer, Melbourne oder Sydney sei die Hauptstadt.“

„Falsch gedacht. Canberra wurde ausgewählt, als Melbourne und Sydney im Streit lagen. Was machen wir als erstes?“

„Ich kenn mich hier nicht aus, also musst du bestimmen.“

„Willst du erst einige Sehenswürdigkeiten sehen, oder willst du lieber gleich Shoppen gehen?“

„Haben wir fürs Angucken überhaupt Zeit?“

„Klar, wir haben so viel Zeit wie wir brauchen. Und falls wir es heute nicht mehr schaffen, fliegen wir erst Morgen zurück.“

„Aha.“

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