Good bye Amerika – Teil 22

Gelangweilt saß ich auf meinem Bett. Kurz nach Bobs Untersuchung war
Berry gegangen. Er hätte noch etwas zu erledigen, wollte aber am Mittag
noch mal vorbei schauen. Auch wenn Bob gesagt hatte, ich sollte das Bein
hochlegen, wer sagte denn, dass ich dies in meinem Bett tun musste?

So stand ich auf und humpelte zu Tür. Gustav hob den Kopf.

„Komm… bisschen an die frische Luft.“

Gustav sprang sofort auf und lief vor mir durch die Tür. Da fiel mir
ein, dass ich seit zwei Tagen keine Mails mehr abgerufen hatte.

„Gustav, ich lasse dich hinaus und ich komme nach“, meinte ich zu dem
wartenden Hund.

Ich humpelte also zur Haustür und ließ ihn hinaus. Dann begab ich mich
wieder in mein Zimmer. Bein hochlegen, hatte Bob gesagt. Also schob ich
meinen Stuhl quer, damit ich den Fuß aufs Bett legen konnte.

Inzwischen war der PC hochgefahren und ich drückte auf >Emails abrufen<.
Natürlich hatte sich in den zwei Tagen wieder Einiges angesammelt. Ich
löschte eine Werbung nach der Anderen. Bei einer Mail mit Miller als
Absender wurde ich stutzig.

Wer sollte mir aus der Familie schreiben… Dad etwa? Erstens lag der noch
im Krankenhaus und meine Emailadresse besaß er auch nicht. Ich öffnete
das Teil und starrte mit großen Augen auf meinen Monitor.

From: miller grandma@procomcafe.net

To: tom.miller@network.net

Sent: Friday, August 21,2006 3:49 PM

Subjects: Hallo

Hallo Junge,

na da staunst du, dass deine alte Großmutter Mails verschicken kann.
Eine junge Dame aus deiner Klasse war mir behilflich dabei. Sie hat uns
nach deiner Abreise besucht und gemeint, dass sie per Mail von dir
erfahren hat, dass du nun in Australien bist. Ich wusste gar nicht, dass
du Freunde in deiner Klasse hattest.

Ja, das war mir so auch nicht bewusst.

Sie erzählte mir, wie das mit dem Mailen geht und überredete mich, in
dem Internetcafe bei uns um die Ecke es mal selber zu versuchen. Wenn
ich das gleich gewusst hätte, wie einfach das geht, hättest du schon
früher eine Mail bekommen.

Sie hat mir auch ein eigenes Konto eröffnet, so dass du mir auch eine
Mail schicken kannst. Ist verrückt, nicht? Du bist so weit weg und
kannst mir einfach eine Email schicken. Corinne meinte, du siehst das
von alleine, wo du die Mail hin senden kannst.

Nun erzähl mal, wie ist es dir bis jetzt ergangen? Hoffe, du hast dich
darüber gefreut, dass wir dir alles mitgeschickt haben. Das war meine
und Grandpas Überraschung für dich. Ist es bei euch sehr heiß? Verstehst
du dich gut mit Bob und Abby? Und wie geht es deiner Cousine Molly? Und
wie ist es bei dir jetzt mit der Schule, oder habt ihr dort gerade
Ferien? Also ich glaube, ich könnte hier noch ewig sitzen und viele,
viele Fragen stellen. Doch Corinne meinte, da müsste ich zuviel zahlen,
weil ich ja hier im Internetcafe sitze. Grüß mir Bob, Abby und Molly
recht schön. Morgen komme ich wieder her und schaue, ob du mir auch eine
Mail geschickt hast.

Liebe Grüße

Deine Grandma

Jetzt hatte ich Tränen in den Augen. Jetzt schlug das Heimweh ordentlich
durch. Grandma war einfach nur cool! Also setzte ich mich gleich daran,
eine Antwort zu schreiben. Natürlich erzählte ich ihr auch von dem
Schlangenbiss und dass es mir soweit gut geht.

Eigentlich war es eine Aufreihung von den Erlebnissen, seit meiner
Ankunft. Über Berry schrieb ich nicht sonderlich viel… das wollte ich
einfach noch für mich behalten. Wenig später drückte ich >senden< und
weg war die Mail.

Grandmas Email speicherte ich ab. Die Email von Corinne, die ich
eigentlich erwartet hatte, suchte ich vergebens. Sie schien aber
wenigstens nicht ganz böse auf mich zu sein, denn sonst wäre sie nicht
bei Grandma gewesen.

Durch die Einstellungen von Bob war es mir möglich, die Email an den
Drucker in der Praxis zu schicken. Was ich natürlich auch gleich machte.
Danach fuhr ich den PC herunter und verließ mein Zimmer wieder. Gustav
wartete schließlich auf mich.

Vorsichtig streckte ich den Kopf durch die Tür zur Praxis. Entdecken
konnte ich aber niemand.

„Hallo?“, rief ich und sogleich wurden zwei Türen aufgerissen.

Bob und Abby kamen gleichzeitig aus verschiedenen Behandlungsräumen
heraus gestürzt.

„Ist etwas mit dir, Tom?“, fragte Abby besorgt.

„Nein, ich wollte nur sagen, dass ich mich etwas hinaus setze und bei
eurem Drucker muss eine Email von Grandma sein.“

„Email von Grandma?“, fragte Bob erstaunt.

„Die hat Internet zu Hause?“, kam es ebenso erstaunt von Abby.

„Nein, in der Nähe von ihr ist ein Internetcafe.“

„Und Grandma kann einfach so mit einem PC umgehen?“, kam es nun wieder
von Bob.

„Das hat ihr ein Mädchen aus meiner ehemaligen Klasse gezeigt.“

„Aha…“, meinte Bob.

„Am Besten, ihr lest die Mail selber, sie enthält auch Grüße für euch.“

„A ja, okay… danke“, stammelte Abby.

Die Beiden schauten sich an.

„Ich bin dann draußen, wenn ihr mich sucht.“

„Okay…, aber vergiss nicht, das Bein hochzulegen…!“, sagte Bob.

„Wird nicht vergessen“, erwiderte ich und ging zurück in die Wohnung.

Aber jetzt wollte ich endlich an die frische Luft. Noch während ich die
Tür aufstieß, wehte mir eine kühlende Brise um die Nase. Die Sonne stand
noch nicht sehr hoch, so war es von den Temperaturen her recht angenehm.

Ich suchte mir einen Platz auf der Veranda, wo die gepolsterte Bank
stand. Gustav spielte mit den anderen Hunden, ich war anscheinend total
vergessen. Als ich es mir richtig bequem gemacht hatte, schien ich doch
bemerkt geworden zu sein.

Alle Hunde rannten in meine Richtung und wenige Sekunden später war ich
umringt. Doch wenn mir einer der anderen Hunde zu nahe kam, begann
Gustav komisch zu knurren. Schon ließen die Hunde von mir ab.

Ich kraulte Gustav über den Kopf, der sich Hand abschleckend bedankte.
Grandma verschickt Emails – irgendwie cool. Noch immer hing mir die Mail
nach. Das Heimweh wandelte sich aber langsam in Freude um.

So konnte ich wenigstens ständig mit ihr im Kontakt bleiben. Ich genoss
die frische Luft auf der Veranda, schaute den spielenden Hunden zu. Mein
Kopf war frei von nervenden Gedanken.

Einzig Berry spukte mir noch im Kopf herum. Wie er mir beim Abschied
vorhin einen sanften Kuss auf die Wange gab. Sollte er derjenige sein,
der mein Leben ändern würde? Mein Leben. Geändert hatte sich eigentlich
alles.

Nichts war so wie vorher. Aber trotzdem entwickelte sich alles irgendwie
positiv. Lesley. Das war noch ein Punkt, an dem ich zu knabbern hatte.
Ich wusste immer noch nicht, warum er einfach gegangen war.

War es für ihn wirklich so abschreckend – mein Geständnis – Berry schien
keine Schwierigkeiten damit zu haben. Wohl eher das Gegenteil.
Eigentlich sollte ich diese Gedanken alle in mein Tagebuch schreiben.

Wenn ich recht überlegte – hatte ich Berry noch nicht einmal gesagt,
dass ich schwul bin – nur dass ich etwas für ihn empfinde. Dass er
genauso fühlt, ließ er mich zumindest spüren. Ein Lächeln machte sich
auf meinem Gesicht breit.

Es war seit langem das erste Mal, dass ich mich geborgen und wohl
fühlte. Mein Kopf wandte sich zur Haustür. Hier war nun also meine
Zukunft. In einer Familie, die mich mochte… ja liebte, so wie ich Bob
verstanden hatte.

Er hing sehr an mir, auch wenn er das nicht immer zeigte. Und das alles
in so kurzer Zeit. Die Tür schob sich auf und Abby kam mit zwei Tassen
heraus.

„Hier bist du, hast dir einen bequemen Platz gesucht“, hörte ich sie
sagen.

„Ja, heute Morgen ist es noch recht angenehm.“

„Stimmt. Der Südwind ist immer angenehm.“

Sie setzte sich neben mich auf einen Stuhl und reichte mir eine der
Tassen. Kaffee.

„Danke!“

„Bitte. Was macht dein Fuß?“

„Juckt und zieht etwas, aber tut nicht mehr so weh.“

„Du hast Glück gehabt, das weißt du sicherlich?“

„Ja, ich denke schon.“

„Dann weißt du auch, dass du in Zukunft immer schaust, wohin du
trittst.“

„Ja“, meinte ich mit einem Lächeln.

Abby schlürfte an ihrer Tasse und schaute die Auffahrt hinunter.

„Wo Molly wohl bleibt? Sonst sind sie nie solange auf der Hütte“, meinte
sie Gedanken verloren.

„Berry hat mir erzählt, dass sie öfter zu dieser Hütte fahren?“

„Eigentlich schon, seit die zwei alleine wegdürfen. Sie kennen sich
schon seit dem Tag, als wir hier hergezogen sind.“

„Berry erzählte etwas davon, dass sein Vater bei einem Unfall ums Leben
gekommen ist?“

„Ja, stimmt. Ist aber schon ein paar Jahre her. Wir haben ihn nicht mehr
kennen lernen dürfen, aber so wie Linda, Berrys Mutter, erzählte, war
ihr Mann anscheinend etwas Besonderes. Bei der Beerdigung war
anscheinend die ganze Stadt anwesend.“

„Tut mir Leid für Berry und Lesley. Ich kann es ihnen irgendwie
nachfühlen, ohne Vater aufzuwachsen… jetzt wo ich Bob so langsam kennen
lerne, merke ich, was ich die letzten Jahre versäumt habe.“

Etwas traurig schaute Abby mich an, wuschelte mir dann durch meine
Haare, bevor sie weiter an ihrem Kaffee schlürfte.

„Ist es schlimm, wenn ich mich nicht nach dem Befinden meines werten
Erzeugers erkundigen möchte?“, fragte ich in die Stille.

„Sicherlich nicht. Ich kenne deinen Dad noch von früher … und sagen wir
mal… er war schon damals keiner von der feinen Sorte. Das ist aber meine
Meinung. Er ist eben der Mann von der Schwester meines Mannes – mein
Schwager. Aber mehr eben nicht.“

„Es ist das erste Mal seit Jahren, dass ich mich irgendwie frei und
unbezwungen fühle…“, redete ich weiter.

„Verständlich…“, kam es von Abby.

„Wenig los in der Praxis?“

„Ja, heute Morgen ist noch alles ruhig. Heute Nachmittag haben wir mehr
Termine.“

„Ähm… was ich noch sagen wollte… ich würde euch gerne in der Praxis
helfen… aber ich kann kein Blut sehen…“

Abby fing schallend an zu lachen.

„Ich könnte euch im Büro helfen… mit der Verwaltung, am PC… Termine…
aber bei Operationen oder Spritzen…“

Langsam bekam sie sich wieder ein.

„He, Tom. Niemand verlang von dir, in der Praxis mitzuhelfen. Aber ich
finde dein Angebot zur Bürokratie super, denn ich stehe mit dem Bürokram
echt auf Kriegsfuß.“

„Würde ich gerne machen, mit Computern kenne ich mich aus. Und so ein
Verwaltungsprogramm wird sicherlich nicht schwer sein, oder?“

„Ich weiß es nicht, das macht alles Bob, worüber ich auch froh bin. Bob
tut sehr viel, manchmal zuviel, denke ich. Aber bremsen kann ich ihn
nicht.“

„Macht ihr eigentlich auch mal Urlaub, oder habt ihr immer geöffnet?“

„Die letzten Jahre nicht. Als wir hier anfingen, dieses Grundstück
kauften, haben wir viel Geld aufnehmen müssen. Da war nichts übrig für
Urlaub. Aber nun läuft der Laden, oder wie Bob sagt >es brummt<. Dieses
Jahr wollen wir wirklich noch ein paar freie Tage machen.“

Bevor ich etwas erwidern konnte, ging die Haustür auf und Bob trat
heraus.

„Ah, hier seid ihr zwei.“

Wir nickten beide gleichzeitig.

„Ist gerade so ruhig… dachte ich geh mal an die… frische Luft.“

Bob schlenderte nervös auf uns zu.

„Ist alles klar, Bob?“, fragte Abby neben mir, der das sicherlich auch
aufgefallen war.

„Ähm ich hatte gerade einen Anruf…“

„Von wem?“, fragte Abby.

„Grandma…“

„Ja und, was wollte sie?“

„Es geht um Arthur… dein Dad, Tom.“

Erschrocken schaute ich auf.

„Ist was passiert? Ist er endlich aufgewacht?“, fragte Abby.

„Nein…“

Ängstlich schaute ich Bob an.

„Er ist heute Nacht… gestorben…“

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