Good bye Amerika – Teil 28

Nachdem man sich nun auch beim Priester für seine Rede bedankt hatte, verließen wir gemeinsam den Friedhof. Meine Tränen waren versiegt, meine Augen brannten. Ich nahm den Regen, der auf unsere Köpfe fiel, überhaupt nicht mehr wahr.

Was ich wahrnahm, war eine Frau, die Abseits stand, in Schwarz gekleidet. Ihr Gesicht konnte ich nur schwach erkennen, aber doch so viel, um zu bemerken, dass ich diese Frau kannte.

Das Bild vom Flughafen in Melbourne erschien wieder vor den Augen, als Bob und Abby mit dieser Frau redeten. Ein weiteres Bild erschien von der Frau, als sie im Flugzeug an mir vorbei lief.

Und nun stand sie hier… ich sah sie im Vorbeigehen an. Berry zog mich langsam zum Ausgang. Sie sah mir nach. Trotz ihrer Sonnenbrille konnte ich sehen, wie ihr Blick mir folgte.

Sonnenbrille – bei dem Wetter. Ich überlegte, ob ich zu der Frau gehen sollte, doch da hatte mich Berry schon hinausgezogen.

„Geht es wieder?“, hörte ich Berry mit leiser Stimme.

Ich drehte mich wieder zu ihm um.

„Ja“, meinte ich heiser.

Er stoppte und stellte sich vor mich. Sanft strich seine Hand über meine Wange.

„Alles wird gut… gemeinsam schaffen wir das!“

Leicht gequält lächelte ich ihn an. Ich wusste, dass er es ernst meinte und umarmte ihn.

*-*-*

Ich saß auf der Fensterbank am Fenster unseres Zimmers, schaute hinaus und doch nicht. Tropfen bahnten sich ihren Weg über die Scheibe nach unten. Dahinter eine düstere graue Stadt, die in Nebel gehüllt war.

„Möchtest du etwas essen?“

Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen.

„Was?“, fragte ich.

„Ich wollte wissen, ob du etwas essen möchtest. Du sitzt jetzt schon seit zwei Stunden dort.“

Berry kam auf mich zu.

„Sorry, ich habe soviel im Kopf…“

„He, du brauchst dich nicht zu entschuldigen, würde mir wahrscheinlich auch so gehen.“

Ich legte meinen Kopf auf die verschränkten Arme, die auf meinen Knien lagen.

„Fehlt dir dein Dad?“, fragte ich Berry.

Berry zog langsam die Luft ein und atmete lange aus.

„Puuh… schwierige Frage…. als Mensch… Person vermisse ich ihn nicht, weil ich ihn kaum gekannt habe. Aber das Gefühl, einen Vater zu haben, gerade wenn ich Molly mit Bob gemeinsam sehe, das vermisse ich. Man könnte sagen, ich bin neidisch.“

„Aha…“

„Warum fragst du?“

„Ich weiß nicht, wie ich mit diesen Gefühlen umgehen soll.“

„Welche Gefühle…?“, fragte Berry und setzte sich zu mir.

Seine klaren Augen funkelten mich an.

„Wie ich damit umgehen soll, dass Dad tot ist. Einerseits war ich froh, aus dieser Hölle, die er Familie nannte, entfliehen zu können…“

„Aber?“

„Er fehlt mir, er war mein Vater. Er hat mir soviel beigebracht und doch verdunkelt sich bei mir alles, wenn ich an die zwei letzten Jahre denke.“

„Vielleicht hilft es dir, wenn du versuchst, dich nur an die schönen Sachen mit ihm zu erinnern. Du kannst nichts mehr daran ändern, was passiert ist.“

„Nein kann ich nicht… aber ich würde es gern…“

„Hätte ich nur… was wäre wenn… das sind alles Sachen, die du im Nachhinein nicht mehr steuern kannst. Was du steuern kannst, ist das, was du daraus machst!“

„Wo hast du das gelesen?“, meinte ich lächelnd.

„Ich weiß nicht, aber ich finde das gut.“

„Stimmt, aber schwierig ist es.“

„Habe ich nicht behauptet, dass dies leicht ist!“

Wieder wanderte mein Blick nach draußen. Berrys Hand wanderte über meinen Kopf, kraulte in meinen Haaren und endete an meiner Wange. Sanft wiegte ich meinen Kopf in seiner Hand.

„Danke.“

„Wofür?“

„Dass du für mich da bist!“

Er zuckte mit seinen Schultern und glitt vom Fensterbrett. Er nahm mich in den Arm und ich bettete meinen Kopf an seine Brust. Eine einzelne Träne verließ mein Auge und rann langsam meine Wange hinunter.

*-*-*

Das Telefon klingelte. Berry und ich schauten uns verwundert an. Er stand auf und nahm ab.

„Ein Moment bitte, ich hole ihn ans Telefon“, meinte Berry und hielt mir den Hörer entgegen.

„Wer?“, fragte ich.

„Die Rezeption, da möchte dich jemand sprechen… eine Corinne oder so.“

„Corinne?“, fragte ich und nahm den Hörer entgegen.

„Ja, hier Tom Miller.“

„Mr. Miller, hier an der Rezeption steht eine Mrs. Corinne, die sie gerne sprechen möchte.“

„Öhm ja danke, können sie sie hochschicken?“

„Sicher, Mr. Miller. Noch einen schönen Tag. Auf Wiederhören.“

Ich legte auf.

„Wer ist Corinne?“, fragte Berry.

„Eine Klassenkameradin…“

„Freundin?“

„Kann man als solches nicht bezeichnen… ich hab mich nur gut mit ihr verstanden.“

„Willst du mit ihr alleine sein?“

„Nein, warum auch. Sie soll meinen süßen Freund ruhig sehen“, antwortete ich mit einem Lächeln.

Berry zwinkerte mir zu. Dann klopfte es an der Tür. Ich ging hin und öffnete.

„Hallo Tom, dich zu finden ist ja Schwerarbeit.“

Corinne stand vor mir und lächelte mich an.

„Hallo Corinne, komm doch rein.“

„Ich hoffe, ich störe dich nicht, aber als ich hörte, du bist noch mal in den Staaten, wollte ich dich sehen.“

Grandma, die Plaudertasche.

„Ja… auch wenn der Grund etwas traurig ist…“

„Ja stimmt… tut mir Leid wegen deinem Dad.“

Ich schloss die Tür hinter ihr.

„Hallo“, sagte Corinne, als sie Berry erblickte.

„Das ist Berry, mein Freund“, erklärte ich.

„Hi“, meinte Berry und reichte ihr die Hand.

„Freund im Sinne von… du weißt schon?“

„Ja, ich bin Toms Freund… Lover sagt man bei euch glaub ich.“

Ich musste grinsen. Corinne ließ sich in einen Sessel fallen, wir setzten uns aufs Sofa.

„Schicke Bude, muss ich schon sagen. Wie lange seid ihr noch hier?“, fragte Corinne.

„Die ganze Woche noch…“, antwortete ich, „…ähm… hast du etwas in der Klasse erzählt?“

Corinne schaute wieder zu mir.

„Ja, habe ich. Nachdem wir nichts weiter aus dem ollen Pikelton herausbekommen haben, wurde abgestimmt, dass ich mich an deine Großmutter wende. Na ja, den Rest weißt du ja schon. Du glaubst gar nicht, wie viele in der Klasse erstaunt waren, dass du nicht mehr kommst und ausgewandert bist.“

„Kann ich mir gar nicht vorstellen.“

„Kannst du ruhig. Und da du noch bis Ende der Woche da bist, wirst du um eine kleine Abschiedsfete nicht herum kommen.“

„Muss das sein, das ist so gar nicht mein Ding.“

„Da musst du wohl durch, alles schon beschlossene Sache. Wir dürfen sogar in der Schule feiern.“

„Ich dachte, du weißt nicht, wie lange ich hier bin… wie konntet ihr das alles schon arrangieren?“

„Ich habe meine Quellen“, sagte sie lächelnd.

„Grandma!“

„Schuldig im Sinne der Anklage. Aber los, erzähl mal, wie ist es da drüben.“

„Heiß, wir haben dort gerade Sommer.“

„Ich will auch wieder Sommer, dieses scheiß kalte Wetter hasse ich.“

„Dann habe ich einen Hund, der auf den Namen Gustav hört. Schon ein paar Freunde, noch Ferien. Reiten war ich schon und vor ein paar Tagen hat mich eine Schlange gebissen.“

„Bitte? Das alles in den wenigen Tagen?“

„Ja.“

„Von `ner Schlange gebissen?“

„Ja hier“, erklärte ich und hob meine Hose etwas an, wo man noch deutlich die zwei Einstiche der Zähne sehen konnte.

„Gut, dass sie nicht giftig war“, meinte Corinne.

„Das war sie.“

„Giftig? Ach du schei… Aber dir geht es doch gut… oder.“

„Ja, wieder.“

„Hat nicht gut ausgesehen, er hatte hohes Fieber und Fieberträume“, mischte sich Berry ein.

„Aber ich hatte eine gute Pflege“, meinte ich und lächelte Berry dabei an.

„Du hast vergessen, dass du dir noch einen süßen Boy geangelt hast.“

„Ähm ja… war – wie soll ich sagen – irgendwie eine Begleiterscheinung… Zufall?“, schaute ich Berry fragend an.

Berry zog eine Grimasse, aber er war mir sicherlich nicht böse.

„Hauptsache, ihr habt euch gefunden“, meinte Corinne und schaute auf ihre Uhr.

„Mist, schon so spät. Ich muss wieder los, wollte dir eigentlich nur diese Einladung mitbringen.“

Sie kramte einen weißen Umschlag aus ihrer Jackentasche.

„Und Berry kannst du ruhig mitbringen. Man lernt ja nicht alle Tage einen Australier kennen.“

„Öhm, ich habe noch zwei dabei…“

„Wie, zwei?“

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