Zoogeschichten III – Teil 101

Katakomben und Erreger

Volker

Ich musste husten. Um mich herum war alles dunkel. War das scheiß Ding doch tatsächlich eingestürzt. Mühsam stand ich auf und hustete immer noch. Ganz gedämpft konnte ich Stimmen hören, die etwas schrieen, aber verstehen konnte ich es nicht.

Der Raum, den ich gesehen hatte, schien heil geblieben zu sein, sonst hätte ich nicht aufrecht stehen können. Trotz der Stärke der heil gebliebenen Taschenlampe, war der Raum nur in schwaches Licht gehüllt.

Der Staub, der meine Sicht behinderte und meinen Hals zum Husten reizte, legte sich nur langsam. Mehr und mehr konnte ich erkennen. Dieser Raum sah wesentlich stabiler aus, als der vorherige und wieder befand sich am Ende eine Tür.

Ich bückte mich und hob die Taschenlampe auf. Ein Schmerz durchfuhr meine Schulter. Nur mit Not hielt ich die Lampe in der Hand. Vorsichtig leuchtete ich Richtung Schulter und sah, dass mein Shirt zerrissen und etwas blutverschmiert war.

„Scheiße! Das hat mir gerade noch gefehlt!“

Ich hatte das wohl so laut geschrieen, dass augenblicklich die Stimmen draußen verstummten.

„Volker?“, hörte ich eine Stimme rufen.

Ich hustete wieder und begab mich an die Wand, wo sich vorher mal die Tür befunden hatte, nun lag dort ein großer Steinhaufen.

„Ja, ich bin hier“, schrie ich.

„Gott sei dank, du lebst.“

Es war Michael, den ich da hören konnte.

„Bist du verletzt?“

„Nicht der Rede wert. Könnt ihr die Scheiße wegräumen?“

„Das ist nicht so leicht Volker, die müssen das hier erst abstützen. Ein Teil der Baugrube ist mit eingebrochen.“

Na super! Ich griff nach meiner Schulter, die höllisch brannte.

„Volker?“

„Ja?“

„Hast du Platz, um von der Wand wegzukommen?“

„Der Raum hier unten ist heil geblieben.“

„Gut, dann tritt zurück, wenn du den Bagger hörst.“

„Geht klar.“

Enttäuscht trat ich von dem Steinhaufen zurück, leuchtete durch den Raum. Der Staub hatte sich nun etwas gelegt und ich konnte Einzelheiten erkennen.

Dennis

„Das ist nur eine Lymphangitis, kann mit Antibiotikum behandelt werden“, sagte Doc Reinhard.

Nur? Und warum ist mir dann so elend.

„Lymphangitis?“, fragte die Helferin.

Doc Reinhard, Phillip und sie standen bei mir am Bett.

„Ja, sie wird häufig mit einer richtigen Blutvergiftung namens Sepsis verwechselt. Dies ist im groben Sinne nur eine allergische Reaktion auf Bakterien.“

„Und warum ist mir dann so schlecht?“, fragte ich leise.

„Das weiß ich auch nicht, das ist das Einzige, was nicht zum Krankheitsbild passt.“

„Hast du auch Magenschmerzen?“, fragte nun Phillip.

„Ja…“

„Was hast du gegessen?“

„Heute morgen nichts, weil mir so schlecht war.“

Die Spritze, die ich von Doc Reinhard bekommen hatte, zeigte erste Wirkungen, die Schmerzen im Kopf ließen nach.

„Und sonst?“

„Gestern Abend einen Pudding aus dem Kühlschrank.“

„Vielleicht war der nicht gut?“, meinte Doc Reinhard und ging zum Telefon, „ich ruf im Krankenhaus an, mir ist das nicht geheuer.“

Michael

Mein Handy klingelte.

„Ja?“, rief ich genervt hinein.

„Hi Michael…, hier ist Phillip. Kannst du mal vorbei kommen?“, hörte ich die Stimme unseres neuen Mitarbeiters.

„Du, ganz schlecht. Wir haben hier etwas gefunden, Volker ist hinein gestiegen und nun ist die ganze Scheiße über ihm zusammengebrochen.“

„Mein Gott… und Volker?“

„Dem ist anscheinend nichts passiert, ist in einem Hohlraum.“

„Ich verstehe… es ist nur… wegen Dennis…“

„Was ist mit Dennis?“, fragte ich.

„Dennis hat eine Blutvergiftung…“, begann Phillip.

„Was?“, unterbrach ich ihn.

„… die wir aber schon behandelt haben“, beendete er seinen Satz, „ aber es geht ihm trotzdem nicht besser.“

„So eine Sche… ich kann hier doch nicht weg…“

Mir lief es kalt den Rücken herunter. Was hatte mein Kleiner nur.

„Wir haben im Krankenhaus schon angerufen, keine Sorgen, wir kümmern uns um ihn.“

Der hatte leicht reden, keine Sorgen machen.

„Ruft mich aber sofort an, wenn ihr mehr wisst!“, sagte ich besorgt.

„Klar doch, Michael.“

Das Gespräch war beendet. Ich ließ das Handy wieder in meiner Weste verschwinden und atmete tief durch. Der Baggerfahrer schaute mich an.

„Noch mehr Probleme?“

„Ja… mein Freund hat eine Blutvergiftung.“

„Autsch… heftig…“

„Ja… also, wie weit sind wir? Können sie mit dem Bagger anfangen?“

Ich wollte dringend zu Dennis, aber Volker konnte ich jetzt auch nicht alleine lassen. Ich war in der Zwickmühle. Was sollte ich tun?

Dennis

Dad kam gleich in die Ambulanz gestürmt, als ich dort ankam.

„Junge, was hast du?“

„Lymphangitis… Kopfschmerzen und Magenschmerzen“, meinte der Sanitäter.

„Was hat er bekommen?“, fragte Dad und fühlte meinen Puls.

„Der Doktor des Zoos hat ihm eine Spritze gegen die Lymphangitis verpasst.“

„Die Kopfschmerzen sind aber schon fast weg“, meinte ich und wollte mich aufrichten.

Dad drückte mich hinunter.

„Liegenbleiben, erst müssen wir herausfinden, warum du Magenschmerzen hast.“

„Ich habe heute Morgen nichts gefrühstückt…“

Dad schaute mich schräg an.

„Schwester Irmgard, bringen sie meinen Sohn in mein Büro und schauen sie bitte, ob sie in der Küche noch etwas zu Essen bekommen.“

Die Schwester schaute erst mich, dann Dad an, als hätte sie nicht verstanden. Der Sani verabschiedete sich und nun durfte ich mich aufrichten. Das Kopfweh war wirklich fast völlig verschwunden.

Auch der rote Strich auf meinem Unterarm verblasste. Wenn nur nicht diese Magenkrämpfe wären. Schwester Irmgard begleitete mich in Dads Büro.

„Ich bin gleich wieder zurück. Legen sie sich doch so lange auf das Sofa“, meinte Schwester Irmgard.

Dads Telefon begann zu klingeln. Schwester Irmgard nahm ab. „Büro Dr. Kahlberg, Schwester Irmgard am Apparat… nein, aber ihr Sohn ist hier…“

Schwester Irmgard winkte mich zum Telefon und reichte es mir.

„Ja?“, sagte ich in den Hörer.

„Dennis, was ist denn passiert? Die vom Zoo haben angerufen, dass sie dich ins Krankenhaus gebracht haben.“

Meine Mutter.

„Ich bin doch gebissen worden… na ja, das hat sich zu einer leichten Blutvergiftung entwickelt…“

„Oh Gott…“

„Mum, ich habe bereits eine Spritze bekommen und es geht mir besser. Die Kopfschmerzen sind auch weg… nur noch die Magenkrämpfe…“

„Ich habe dir gleich gesagt, heute Morgen, iss was!“

„Ja Mum… du hattest ja Recht.“

„Auf mich hört ja niemand.“

„Ja Mum…“

„Dein Vater ist genauso…“

„Ja Mum…“

Wie aufs Stichwort ging die Tür auf und Dad kam herein. Ich wies aufs Telefon und flüsterte ihm >Mum< zu. „Ihr zwei seid immer so unvernünftig…“ „Ja Mum…“ Dad nahm mir den Hörer aus der Hand. „Hallo Schatz, ich bin es. Alles wieder im grünen Bereich“, meinte Dad. Ob das Mum wirklich beruhigte? Er sprach noch etwas auf sie ein, bis er das Gespräch dann beendete. „Und das an meinem Geburtstag… oh scheiße… ich habe Micha ganz vergessen, der weiß ja noch nichts.“ „Ganz ruhig…, du kannst ihn ja von hier aus anrufen.“ „Die Geburtstagsfeier… er hat sich soviel Mühe gegeben… er hat so viel vorbereitet.“ „Du weißt das?“ „Klar weiß ich das. Micha kann mir schlecht etwas verbergen. Was er genau gemacht hat, weiß ich allerdings nicht.“ Mein Magen grummelte recht laut. Dad grinste. „Jetzt isst du erst einmal etwas und dann sehen wir weiter.“ Beruhigend war das nicht. Was, wenn die Magenverstimmung doch nicht vom Hunger kam… Mein Dad schob mich zum Sofa zurück. „Schwester Irmgard wird sicherlich gleich kommen. Aber jetzt muss ich weiter. Ich schaue nachher wieder herein.“ Ich nickte und schon war er wieder verschwunden. Sebastian Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht herum, dass Volker verschüttet war. Achtlos verließ ich das Delfinarium und rannte sogar an den zwei Damen vorbei, die nicht verstanden, warum ich sie jetzt nicht nett grüßte.

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