Freiflüge an Weihnachten

„Jetzt beeil dich endlich, wir haben noch viel vor“, hörte ich meine Mutter irgendwo sagen.

Hallo! Ich bin siebzehn und dein Sohn und nicht dein Schwertransporter. Mühsam schleppte ich die ganzen Tüten diverser Modegeschäfte und Einrichtungshäuser durch die Einkaufspassage. Jedes Jahr zu Weihnachten dasselbe Spiel: Meine Mutter zückt die Kreditkarte meines Vaters und macht die Stadt unsicher. Und ich, ihr heiß geliebter, einziger Sohn, darf Packesel spielen. Toll, oder?

„Kommst du jetzt endlich?“

„Ja! Ich bin unterwegs. Kannst du mir vielleicht mal was abnehmen? Ich sehe kaum noch was.“

„Stell dich nicht so an, die paar Sachen.“

Die paar Sachen…, Mum war gut. Die Laschen der Tüten schnitten sich in meine Hände. Die Ecke des einen Kartons drückte mir gegen die Rippen.

„Können wir nicht wenigstens erst zum Auto gehen und alles abladen?, fragte ich.

„Gregor, nur noch der eine Laden!“

Das hatte sie vor zwei Stunden auch schon gesagt. Also folgte ich ihr schwerbepackt und nachdem wir den nächsten Laden wieder erfolgreich verlassen hatten, war ich wieder um eine Tüte reicher. Und dann kam es, wie es kommen musste.

Ich übersah das Verkehrsschild und lief voll gegen den Masten. Der Schnee auf dem Bürgersteig tat sein Übriges. Die Welt von unten war so groß und so interessant, besonders wenn zich Leute um einen herumstanden und einen blöd an grinsten.

Schadenfreude war eben die schönste Freude. Hallo könnte mir mal jemand aufhelfen? Mühsam setzte ich mich auf und rieb an meiner Stirn. Und als hätte ich das Startsignal gegeben, löste sich der kleine Pulk um mich herum auf.

„Gregor, ist irgendetwas kaputt gegangen?“ , rief meine Mutter, die nun bemerkte, dass ihr Packesel abhanden gekommen war.

Ich schüttelte den Kopf. Und was ist mit mir? Mein Kopf tat weh und mein Ego litt mal wieder, weil ich die perfekte Clownimitation abgegeben hatte. Aber halt, was war dass denn? Da stand ein schnuckeliger Junge vor dem Schaufenster und sah mich mitleidend an.

Er war genauso bepackt wie ich selbst. Ihn hatte wohl das Schicksal genauso erwischt wie mich. Eine Frau kam daher und schob den Jungen an. Oh sie trug wenigstens ein paar Sachen selbst. Während ich nun alle Tüten aufhob und versuchte, alles wieder in meinen Händen aufzunehmen, schob sich die Frau mit den Jungen an uns vorbei.

„Susanne?“, gab plötzlich meine Mum von sich.

Ich schaute auf und die Frau blieb plötzlich stehen.

„Andrea, das ist aber ein Zufall, auch beim Shoppen?“, kam es von der Frau.

Jetzt erst erkannte ich die Susanne, durch ihren Schal, den sie um den Kopf gewickelt hatte, konnte ich sie gar nicht erkennen. Dann musste der Junge… wow, ich weiß nicht wie lange ich Andreas schon nicht mehr gesehen hatte.

Was da in einer Winterjacke steckte, konnte sich echt sehen lassen. Und dann fiel mir alles wieder ein, was ich mit Andreas erlebt hatte, als wir noch im Haus neben ihnen wohnten. Aber das war nun schon drei Jahre her und heute sah ich ihn das erstemal wieder.

„Ja, und da mein Mann wieder einmal keine Zeit hat, habe ich Gregor mitgeschleift.“

„Geht mir genauso, aber Andreas ist freiwillig mitgegangen.“

Meine Mutter schaute wie ich kurz zu Andreas.

„Der ist ja ein richtig fescher junger Mann geworden!“, sagte Mum, was bei mir ein Grinsen und bei Andreas, ein rotes Gesicht auslöste.

„Und, schon alles bei einander?“, fragte meine Mum weiter.

„Ja, aber dieses Jahr wird es etwas anders ausfallen wie sonst unser Weihnachtsfest.“

„Wieso das denn?“

„Das Hotel, in dem wir unseren Winterurlaub gebucht haben, hat storniert, weil sie durch eine Lawine einen größeren Schaden haben. Und somit verbringen wir Weihnachten zu Hause.“

Ich merkte wie es in Mum’s Kopf arbeitete. Sie zog ihr Handy aus der Tasche.

„Ich weiß nicht ob es klappt, aber vielleicht kann ich euch helfen!“, kam es von ihr.

„Was meinst du damit?“, fragte Susanne.

Meine Mum hob nur die Hand und hielt das Handy ans Ohr.

„Hallo Hans … ja bin mit Andi noch in der Stadt … warum ich … nein haben wir nicht vergessen … warum ich anrufe, ich habe gerade die Lösung unseres Problems gefunden“

Wir haben ein Problem, davon wusste ich gar nichts.

„Nein Hans, mit dem Haus in der Schweiz meinte ich!“

Wir haben anscheinend mehrere Probleme von denen ich nichts wusste. Doch nun wurde mir noch ein Problem bewusst. Meine Hose, mit der ich auf dem Schnee gelandet war, war nass, was wiederum bedeutete, dass ich langsam anfing zu frieren.

„Ich habe gerade Susanne getroffen, die hat mir erzählt, dass ihr Urlaub ins Wasser fällt.“

Eher in den Schnee, würde ich sagen.

Susanne und Martin … genau die, was hältst du von der Idee? Okay ich frage sie gleich … ja klar … dann sehn wir uns heute Abend! Tschüss!“

„Was hast du nun wieder ausgeheckt?“, fragte Susanne.

„Euren Urlaub retten, ihr müsst nur mit einverstanden sein!“

Meine Mum als rettende Samariterin. Wenn ich nicht so frieren würde, hätte ich schon losgelacht.

„Bitte?“

„Also ich erklär dir das. Hans und ich haben da im Internet ein schönes Häuschen in der Schweiz gefunden. Einziges Problem, das Haus ist für 8 Leute ausgelegt und wir sind nur 4!“

Ah, daher weht der Wind…, apropos Wind, jetzt wird es langsam wirklich sau kalt.

„Und du meinst, wir sollen mitfahren?“, fragte Susanne.

„Klar, wir haben doch früher auch so viel miteinander unternommen, was mir ehrlich gesagt schon fehlt!“

„Ich muss zwar erst noch mit Martin reden, aber ich wäre sofort dabei!“

Urlaub mit den Sperlings, könnt ja noch interessant werden. Aber jetzt muss ich mich doch einmal durchsetzten, auch wenn Mum noch viel vorhat.

„Mum, meine Hose ist nass und mir wird kalt!“, motzte ich.

„Ja Gregor, schon gut, wir gehen ja gleich!“, meinte meine Mum und wandte sich wieder an Susanne, „wenn ihr heute Abend Zeit habt, könntet ihr doch vorbeischauen und alles mit uns besprechen.“

„Kann ich dich nachher anrufen?“

„Klar Susanne, wenn du willst können wir auch noch etwas Kleines zusammen kochen.“

„Ja, wie früher, also ich rufe dich dann an!“

„Hast du meine Nummer noch?“

„Ja, die ist bei uns noch abgespeichert.“

Andreas hatte während des Gesprächs keinerlei Regung gezeigt. Ich wusste also nicht ob er sich freute, oder ob er die Idee ätzend fand. Mehr konnte ich jetzt auch nicht heraus bekommen, denn schon verabschiedeten sich unsere Mütter, was mir ja auch Recht war, so wie ich fror.

Etwas später saßen wir dann schon im Wagen und ich begann so langsam meine Beine wieder zu spüren. Vor lauter Freude, über den Urlaub, hatte Mum wohl doch jetzt ihre ganzen restlichen Einkäufe vergessen.

„Und was hältst du von der Idee?“, fragte meine Mum neben mir.

„Wird sicherlich lustig!“

„He, jetzt zieh doch nicht so ein Gesicht, du und Andreas habt euch doch immer gut verstanden!“

„Ja schon…“

„Aber?“

Ich schaute meine Mum an, aber antwortete ihr nicht.

„Hast du vielleicht Angst, Andreas könnte etwas über dich herausfinden, was du ihm nicht sagen willst?“

Wie immer war meine Mum sehr direkt, auch wenn sie eben voll ins Schwarze getroffen hatte. Aber außer bei meiner Familie, hatte ich mich noch bei keinem geoutet, Ich nickte nur, ohne sie weiter anzusehen.

„Ich kann mir nicht vorstellen, das Andreas etwas dagegen hätte, oder gar seine Eltern. Susanne und Martin, waren bei dem Thema immer sehr aufgeschlossen.

„Bitte?“

Ich wusste jetzt echt nicht, was Mum damit meinte.

„Ich hab dir doch damals erzählt, dass Martins Bruder schwul ist, als du geglaubt hast, wir hätten mit deinem Schwulsein Probleme.“

„Ach so, dass meinst du…“

„Siehst du, das wird sicherlich nicht schlimm!“

„Mum, könntest du mir einen Gefallen tun?“

„Ja und welchen?“

„Wenn jemand was erzählt, dann bitte ich!“

„Geht klar!“, sagte sie, aber ich traute ihr nicht so recht, denn sie grinste dabei so komisch.

*-*-*

Natürlich rief Susanne an und sagte zu. Ihr Martin wäre mehr als begeistert gewesen von der Idee. So war ich nun in meinem Zimmer und räumte auf, denn Susanne brachte auch Andreas mit und da ich nicht den ganzen Abend da unten bei den Erwachsenen bleiben wollte, musste ich zwangsläufig Andreas mit in mein Zimmer bitten.

Die Tür ging auf, ich fuhr zusammen und Melanie kam hereingerannt. Melanie meine Schwester, genannt die Bestie!

„Mel, wie oft soll ich dir noch sagen, klopf an, wenn du in mein Zimmer kommst.“

„Jetzt stell dich nicht so an! Oder hast du etwas vor mir zu verstecken?“

„Ich…“

Ich atmete einmal tief durch, denn ich wollte nicht noch lauter werden.

„Hast du schon einmal was von Privatfähre gehört?“

„Jetzt tu doch nicht so empfindlich, man könnt direkt meinen du bist die Tochter des Hauses!“

Mel war nur ein Jahr jünger als ich, wusste natürlich über mich Bescheid. Sie fand es cool einen schwulen Bruder zu haben. So hatte sie jemand in der Familie, mit dem sie über süße Jungs reden konnte.

Dass ich ihr den Einen oder Anderen vielleicht ausspannen könnte, daran hatte sie aber noch nicht gedacht.

„Und was verschafft mir die Ehre deines Besuchs?“, fragte ich.

„Hast du schon gehört, die Sperlings kommen heute Abend.“

„Meinst du, warum ich mein Zimmer aufräume.“

„Aufräumen nennst du das? Du schiebst doch nur die Sachen von einer Ecke in die Andere!“

Da hatte sie Recht. Mir bleib also nichts anderes übrig, als richtig aufzuräumen.

„Okay, dann lass ich dich mal alleine. Ist vielleicht eine gute Idee mit dem Aufräumen, falls Bettina auch mitkommt.“

Bettina, Andreas kleiner Schwester. Eigentlich war es genial, Andreas in meinem Alter und Mel und Bettina waren ebenso gleich alt. Wäre bestimmt toll geworden, wenn wir uns nicht aus den Augen verloren hätten.

Seit Dad zum Juniorpartner in seiner Firma aufgestiegen war, hatte sich auch einiges bei uns geändert. Auch das Haus, was wir jetzt gewohnten. Es war sozusagen der Bonus, für Dad’s Beförderung.

Was natürlich auch hieß, wegziehen aus der gewohnten Umgebung, neue Schule und neue Freunde. Das mit den neuen Freunden hielt sich aber in Grenzen, bis auf Carsten und Brit aus meiner Klasse konnte ich hier nicht großartig jemand zu meinem Freundeskreis zählen,

Mel hatte es da irgendwie einfacher. Schnell hatte sie Anschluss gefunden und so mehr nervte es mich, wenn im Zimmer neben mir, Mädchennachmittag angesagt war. Mel war inzwischen wieder verschwunden.

Ich stellte mein Mülleimer in die Mitte des Zimmers und fing an richtig sauber zu machen. Schneller als ich dachte, war der Eimer voll und so beschloss ich runter zu laufen um mir in der Küche einen neuen Beutel zu holen.

Als ich fast unten war, hörte ich Mum und Dad aus der Küche.

„Die Jungs und die Mädchen können sich ja ein Zimmer teilen“, hörte ich meinen Dad sagen.

„Meinst du, das ist so eine gute Idee? Ich meine… ich will Gregor nicht vorgreifen.“

„Gregor ist alt genug, aber du hast Recht, wir sollten ihn vorher lieber fragen.“

„Was wollt ihr mich fragen?“, sagte ich, betrat die Küche und tat so, als hätte ich nichts mitbekommen.

„Wir haben uns noch einmal die Hausaufteilung vorgenommen. Wie du weißt hat es 10 Betten zur Verfügung, wobei zwei davon, eigentlich die Schlafcouch im Wohnzimmer sind. Dein Vater hatte die Idee, ob du nicht mit Andreas ein Zimmer teilen willst, ansonsten wärst du mit Mel zusammen im Zimmer.“

Nun schaute mich auch mein Dad fragend an, nach dem meine Mum ihre Erklärung abgegeben hatte. Zehn Tage mit Mel ein Zimmer zu teilen, nein dass musste nicht sein. Aber mit Andreas im Zimmer, dass hieß Arbeit für mich.

Aber als ich schnell Plus und Minuspunkte sammelte, war Andreas eindeutig der Sieger.

„Nein mit Mel zehn Tage ein Zimmer, da bräuchte ich Urlaub vom Urlaub!“

Mein Dad begann zu kichern, was ihn ein Rippenstoss meiner Mum einbrachte.

„So schlimm ist Mel auch wieder nicht!“, verteidigte Mum ihre Tochter.

„Für mich ist es kein Problem, das Zimmer 10 Tage lang mit Andreas zu teilen.“

Mum schaute mich mit einem durchdringenden Blick an.

„Bist du sicher Gregor?“

„Mum, mach doch bitte keine Staatsaffäre daraus. Ich komm schon klar damit!“

Für mich war das Thema erledigt. Ich ging an den Küchenschrank und zog einen Müllbeutel aus der Schublade. Na ja, so richtig erledigt nicht, eigentlich nur im Bezug auf meine Eltern. Beim Hochlaufen kamen mir schon einige Gedanken in den Kopf, vor allem wie die Nächte mit Andreas werden würden.

Zwei Stunden später strahlte mein Zimmer in Hochglanz. Seit langen hatte ich nicht mehr die Tischplatte meines Schreibtisches gesehen. Auch wunderte ich mich, dass da nun vier Mühlsäcke standen, randvoll und zum Abtransport bereit.

Langsam quälte ich mich die Treppe hinunter, bedacht darauf, dass mir kein Müllbeutel zerriss.

„Was hast du denn vor? Willst du ausziehen?“

Meine Mum kam gerade aus der Küche und sah mich auf der Treppe.

„Nein, ich habe nur aufgeräumt, das ist alles.“

„Das war wohl auch bitter nötig!“, entgegnete Mum und zeigte auf die Müllbeutel.

Langsam näherte ich mich der Mülltonne und verfluchte mich keine festen Schuhe angezogen zu haben. Mit meinen Hüttenschuhen rutschte ich mehr oder weniger, der Mülltonne entgegen.

„Übst du fürs Eislaufen?“, kam eine Stimme vom Gartentor.

Da stand Carsten und grinste mich fies an.

„Klar, nur mit den Drehungen habe ich noch so meine Schwierigkeiten!“

Und hätte ich es nicht geahnt, es zog mir den einen Fuß weg. Mit einem Schrei landete ich zwischen den Müllbeuteln im Schnee.

„Shit, nicht schon wieder!“, fluchte ich.

Carsten fing laut an zu lachen. Er öffnete das Gartentor, kam zu mir und reichte mir seine Hand.

„Komm steh auf, sonst wirst du noch nass!“

„Das hatte ich heute schon“, meinte ich ärgerlich.

Ich erzählte ihm in Kurzfassung, wie am Morgen Bekanntschaft mit einer Laterne gemacht hatte, was natürlich für einen weiteren Lacher seitens Carsten sorgte.

„Kommst du noch mit rein?“, fragte ich ihn.

„Nein, ich will zu Brit, ich habe da eine Cd ausgeliehen, die ich für sie brennen will.“

„Das könntest du doch auch zu Hause machen!“

„Klar, wenn mein Schrotthaufen von Pc funktionieren würde.“

„Was für eine Cd hast du denn?“

„Die neue von Westlife!“

„Echt?“

„Klar, warum fragst du?“

„Könnte ich dir mir auch schnell brennen?“

„Ich dachte Herr Maiberger hat den Herren von Westlife abgeschworen!“

Als ich damals von der Trennung bei Westlife hörte, war ich irgendwie ziemlich sauer. Ich wollte nie wieder ein Lied von denen hören. Aber seit sich Marc öffentlich geoutet hatte und ich das erstemal »You raise me up« gehört hatte, war ich wieder besänftigt.

„Stimmt doch gar nicht! Ich hatte zwischenzeitlich nur andere Interessen.“

„Okay, aber nur kurz, Brit wartet auf mich!“

„He danke!“

Da war wieder das Problem, sicher ins Haus zu kommen. Doch Thorsten schien mein Gedanken erraten zu haben und hielt mir helfend seine Hand entgegen. Mit etwas Mühe schaffte ich dann auch den sicheren Weg bis zur Eingangstür, wo mein Dad auftauchte.

„Hast du wieder mal den Schnee heimgesucht? Hallo Carsten!“

„Hallo Herr Maiberger!“

Notdürftig klopfte ich den Schnee von mir ab und grummelte meine Dad nur an. Carsten entledigte sich seine Schuhe und Jacke und folgte mir nach oben.

„Was ist denn mit deinem Zimmer passiert?“, fragte Carsten, der mein Zimmer so auch noch nie gesehen hatte.

„Ich habe etwas ausgemistet.“

„Etwas ist gut… ist der Schreibtisch neu?“

„Nein, der habe ich schon, seit ich hier wohne.“

Carsten reichte mir die Cd und ich fuhr meinen Pc hoch.

„Für das, das du Westlife abgeschworen hast, hängen noch sehr viel Bilder von ihnen hier!“, meinte Carsten süffisant.

Jetzt wo Carsten es erwähnte, fiel mir das auch auf. Was sollte Andreas denken, wenn er nachher hier hereinschaute. Ein 17 jähriger, der auf Westlife stand. Egal, deswegen würde ich die Bilder jetzt nicht abhängen.

Bei Carsten hatte ich da weniger Problem. Kurz nach unserem kennen lernen vor drei Jahren, hatte ich mehr oder weniger unfreiwillig erzählt, dass ich mehr auf Jungs stand als auf Mädchen. Tja mit 14 war ich sowas wohl wie frühreif, weil ich da schon wusste was ich wollte.

Das Outing bei meinen Eltern folgte kurz darauf, was recht gut ablief, jedenfalls für mich. Meine Mum hatte zwar anfänglich Schwierigkeiten damit, aber mittlerweile schaute sie mit mir gemeinsam Jungs nach.

„Die haben auch genug Geld gekostet!“

Mittlerweile war mein Pc hochgefahren und ich legte die Cd ein. Nach kurzen Reinhören, öffnete ich das Brennprogramm, gab die notwenigen Daten ein und startete es.

„Kann ich schnell bei dir telefonieren und Brit sagen, dass ich mich verspäte?“, fragte Carsten.

„Klar, bedien dich!“, antwortete ich und zeigte auf mein Telefon.

„Oh, du hast Brit eingespeichert, wie praktisch!“

Meine Augen hafteten auf dem Monitor, ob alles klar ging beim Brennen. Drei Minuten später öffnete sich ein Fenster »Der Brennvorgang war erfolgreich!« Überglücklich, dass ich nun diese Cd hatte, löschte ich alle eingaben und schloss das Programm.

Die Schublade des Brenners und des CD-Faches öffneten sich fast gleichzeitig, so konnte ich Carsten seine CD zurückgeben.

„Ja, bis gleich Brit!“, meinte Carsten und drückte das Gespräch weg.

„Brit fragt ob du nicht mitkommen willst!“

„Nein du, wir bekommen nachher Besuch, da muss ich da bleiben, ist etwas wichtiges!“

„Kein Problem, können ja noch telefonieren“, meinte Carsten.

„Okay, ich begleite dich noch mit hinunter!“

Zusammen mit Carsten wanderte ich also noch hinunter, verabschiedete mich von ihm an der Tür und schaute ihm noch etwas nach, bevor ich die Tür schloss. Im Gedanken versunken lief ich wieder nach oben, legte meine neue Errungenschaft in den Cd – Player ein und ließ mich auf das Bett fallen.

wenn ich niedergeschlagen bin

und meine Seele so müde ist wenn ärger kommt

und mein herz beladen ist

dann bin ich still

und warte hier in der stille bis du kommst

und eine weile bei mir sitzt

du hebst mich hoch damit ich auf berge stehen kann

du hebst mich hoch damit ich auf stürmischer See gehen kann

ich bin stark wenn ich auf deinen schultern sitzen kann

du machst mehr aus mir als ich bin

»You raise me up« Deutsche Fassung © Josh Garbon / Westlife

Ich weiß nicht wie oft ich das Lied abgespielt hatte, aber irgendwann streckte Mel ihren Kopf herein.

„Alles klar mit dir?“, fragte sie.

Ich hob den Kopf und schaute sie an.

„Warum fragst du?“

„Du hörst jetzt schon fast seit einer Stunde dieses Lied. Es ist zwar sehr schön, aber man kann auch depressiv davon werden. Jedenfalls hört es sich traurig an.“

„Sorry, ich stell es leiser!“

„Du kannst es gleich abstellen, unser Besuch ist nämlich gerade vorgefahren!“

„Echt? Shit, ich wollte doch noch duschen!“

„Dann beeil dich mal schnell, ich entschuldige dich so lange unten.“

Schon war Mel wieder verschwunden. Ich sprang auf, stellte die Stereoanlage ab und rannte ins Bad. Beim Ausziehen konnte ich den Türgong hören und nicht nur den, sondern auch das fünfte Mitglied unserer Familie.

Bell, unsere Hündin, gab Laut von sich, wurde aber vom Herr des Hauses, sprich meinem Dad, gleich zu Ordnung gerufen. Schnell schmiss ich alles in die Wäschetonne und drehte das Wasser auf.

Das herrlich warme Wasser sprudelte mir entgegen und ich ließ mich erst einmal richtig nass werden. Aber viel Zeit hatte ich eben nicht so griff ich nach meinem Shampoo und begann mich schnell einzuseifen.

Wenige Minuten später stand ich wieder vor der Dusche und war mit abtrocknen beschäftigt. Shit! Ich hatte vergessen mir etwas zum Anziehen mit zunehmen. Was machte ich jetzt nur. Mel rufen? Nein, das war eine schlechte Idee.

Also band ich mir das Handtuch um die Hüften und lauschte an der Tür. Anscheinend war die Luft rein, ich konnte nichts auf dem Flur hören. So öffnete ich die Tür und wollte in mein Zimmer rennen.

„Ahhhhhhhhhhhhhhhhhh!“, entglitt es nur aus meinem Hals.

Ich blieb mit dem Fuß an etwas weichen hängen. Der Länge nach knallte ich auf den Boden. Vom Schrei und dem Lärm angelockt, hörte ich jemand die Treppe hinaufpoltern. Nicht jemand, sondern die ganze Familie, samt Besuch stand da plötzlich vor mir und fingen wenige Sekunden darauf an zu lachen.

„Eins hat sich jedenfalls bei euch nicht geändert Gregor ist noch genauso tollpatisch wie früher“, hörte ich Susanne rufen.

Ich versuchte mein Handtuch zu Recht zuziehen, um mir nicht völlig die Blöße zu geben. Der Grund meines Fluges schlabberte meine Fuß ab. Bell hatte sich vor der Badtür breit gemacht.

„Du blödes Vieh, kannst du dir nicht einen anderen Platz suchen?“

„Gregor, jetzt sei doch nicht so!“, kam es von meiner Mutter, die versuchte, ihr Lachen zu unterdrücken, was ihr aber auch nicht gelang.

Wieder ging das Gejohle los, doch mein Dad besann sich irgendwann und scheuchte die Meute wieder hinunter. Allein Andreas stand noch am Ende des Flures.

„Hast du dir weh getan?“, kam es leise von ihm.

Wenigstens einer, der sich nach meinem Befinden erkundigte.

„Nein, ich bin ja weich gelandet.“

Er kam zu mir und streckte mir die Hand entgegen, was sich aber für mich als Problem erwies. Würde ich seine Hilfe beanspruchen, so hätte ich kein Hand mehr frei um das Handtuch zu halten. Würde ich mein Handtuch halten, konnte ich mich nicht mit der anderen Hand alleine aufstützen.

Andreas schien dies zu bemerken und wurde leicht rot im Gesicht.

„Wenn es dich nicht stört, dann helfe ich dir auf!“

Irgendwie war mir jetzt alles egal, so nickte ich nur. Andreas trat heran und half mir auf, so, dass ich das ich ohne weitere Blessuren aufstehen konnte. Doch seine Hände auf meiner nackten Haut, erweckten andere Körperfunktionen an mir.

Verschämt ging ich in mein Zimmer, Andreas folgte mir.

„Ich kann auch wieder runter gehen, wenn du alleine sein möchtest!“, kam es wieder leise von Andreas.

„Eigentlich ist es egal, du hast mich schon früher nackt gesehen, warum jetzt nicht auch?“

Andreas schluckte.

Ich ließ das Handtuch los und warf es über meine Stuhl.

„Wow, du siehst aber gut aus, treibst du Sport?“, entfleuchte es Andreas.

Jetzt war ich am Rot werden und Andreas ging es ebenso, anscheinend hatte er gemerkt, was er da gerade gesagt hatte. Ich zog die Schublade meiner Kommode auf und zog eine Shorts heraus, in die ich in Null Komma nichts geschlüpft war. Jetzt fühlte ich mich wohler.

„Nein, ich jogge ab und zu, wenn ich Zeit habe, aber ich kann das Kompliment nur zurückgeben.“

Irgendwie war das Eis gebrochen, denn wir fingen beide an zu Lachen und ich wusste nicht mal wieso. Schnell hatte ich mich angezogen und stand nun vor Andreas, der sich bis jetzt nicht bewegt hatte.

„Was hältst du von der Idee, mit dem gemeinsamen Urlaub?“, fragte ich.

„Cool, so komm ich wenigstens doch noch raus!“

„Auch wenn du die zehn tage ein Zimmer mit mir teilen musst?“

„Was ist daran so schlimm? Wir haben doch oft zusammen in einem Bett sogar geschlafen!“

„Etwas hat sich geändert… ich…“

Die Tür flog auf.

„Kommt ihr runter, das Essen ist fertig!“, rief Mel.

Diese blöde Kuh, warum störte sie immer!

„Ja, wir kommen, aber ich sag es dir zum letzten Mal, klopf das nächste Mal an!“

„Wieso? Habe ich euch bei was gestört?“

Andreas sah mich fragend an. Ich nahm mein Kissen und schmiss es Richtung Mel, die lachend auswich.

„Irgendwann räche ich mich…, dass verspreche ich dir! Komm Andreas, wir gehen runter, sonst haben wir doch keine Ruhe.“

Später am Tisch, waren alle voller Vorfreude auf den Urlaub. Mum hatte Prospekte und Bilder ausgebreitet und alle Köpfe hingen zusammen. Meine Gedanken waren aber wo anders. Die ganze Zeit bemerkte ich, wie Andreas mich beobachtete, wenn ich aufblickte schaute er weg.

„Also ist es beschlossene Sache, Freitag packen wir und am Samstag recht früh geht es los!“, meinte mein Dad.

Mum hatte eine Sektflasche geöffnet, was für mich wiederum hieß, die Erwachsenen wollten nun alleine sein. So gab ich Andreas ein Zeichen, mir wieder nach oben zu folgen. Wieder oben, machte ich mich an meiner Stereoanlage zu schaffen.

„Was hast du vorhin gemeint… es hat sich etwas geändert?“, fragte Andreas.

Ich schluckte, stand mit dem Rücken zu ihm gewandt. Was sollte ich denn jetzt machen? Vorhin hatte ich noch den Mut es ihm zu sagen… aber jetzt ließ mich mein Verstand im Stich. Mein Herz pochte wie wild, mir kam es so vor, als würde es von innen, an die Schädeldecke hämmern.

Ich drückte die Playtaste und drehte mich langsam um.

„Alles klar mit dir?“, kam es von Andreas.

„Nein, überhaupt nicht!“

„Soll ich dich lieber alleine lassen?“

„Nein, dass ist es nicht… Andreas… da gibt es etwas, was ich dir gern sagen würde.“

„Und was?“

„Mir fällt das nicht leicht…“

„Komm schon Gregor, früher haben wir uns alles anvertraut.“

„Ja früher… da dachte ich auch noch anders.“

„Jetzt sag endlich, was ist mit dir los?“

Ich schaute zum Boden auf meine Füße und stammelt leise.

„Ich bin… schwul?“

„Bitte?“

Oje, das klang so… so…, ich hab bestimmt alles vermasselt.

„Gregor, ich habe es nicht verstanden, könntest du mal lauter reden?“

Er war mittlerweile aufgestanden und stand jetzt dicht vor mir. Seine Hand ruhte auf meiner Schulter.

„Gregor, was ist mit dir?“, fragte er nun ganz sanft und leise.

„Andreas…“, ich schaute auf, direkt in seine braunen Augen, „… ich bin schwul.“

„War das jetzt so schwer?“

„Bitte?“

„Was?“

„Du bist nicht angeekelt?“

„Wieso sollte ich mich vor dir, meinem ältesten Freund ekeln?“

„Andreas hast du verstanden, was ich dir gerade gesagt habe ich bin schul!“

„Ja du schmust gern mit Jungs, und?“

Jetzt war ich baff, hatte meine Mum etwa doch recht, dass Sperlings recht abgeklärt waren. Ich konnte mich von diesen braunen Augen nicht losreisen und sah wie Andreas Lächeln immer breiter wurde.

„Das hat jetzt aber lange gedauert!“, meinte Andreas.

„Was?“

„Was? Dass du mir das endlich gesagt hast! Wir haben uns zwar so gut wie nicht mehr gesehen, aber denkst du ich bin blind. Wir sind zusammen aufgewachsen, ich weiß alles von dir. Und zudem habe ich viele Gespräche mit meinem Onkel Piet gehabt.“

„Onkel Piet?“

„Der schwule Bruder meines Vaters!“

„Du hast es gewusst?

„Klar!“

„Und da lässt du mich dermaßen auflaufen, über die Klinge springen?“

„Andreas, jetzt stell dich nicht so an, hätte ich her gehen sollen, und sagen »hi Andreas ich weiß dass du auf Jungs stehst«?“

„Du hast ja Recht!“

„Dann wäre das Thema wohl geregelt, oder? Ach noch etwas, ich teile mein Zimmer sehr gerne mit dir! Du fehlst mir nach wie vor!“

Bitte? Was war das jetzt? Ich fehle ihm?

„Jetzt schau mich doch nicht so an! Andreas, wir waren dreizehn Jahre fast jeden Tag zusammen, haben alles miteinander unternommen und dann ziehst du weg. Meinst du, ich habe in der Zwischenzeit irgendein Ersatz für dich gefunden?“

Jetzt war ich sprachlos. Natürlich hatte ich mich zu Andreas immer hingezogen gefühlt, ohne ihn fehlte mir etwas. Aber dieser Abstand zwischen uns, brachte uns eben auseinander. Es klopfte an der Tür.

„Herein!“, sagte ich.

Die Tür ging auf und Susanne steckte ihren Kopf herein.

„Na Sohnemann, wie sieht es aus, mit heimfahren?“

Das Susanne einen sitzen hatte, bemerkte ich sofort.

„Mum, müssen wir denn schon los? Gregor und ich haben uns so viel zu erzählen!“

„Warum wusste ich dass schon vorher? Geh mal bitte runter und helfe deinem Vater die zwei Taschen hereinzutragen!“

Andreas und ich verstanden nicht!

„Jetzt guckt nicht so, als wüsstet ihr die Antwort auf die Millionenfrage nicht, Ich habe heute Mittag Andrea angerufen, ob wir vielleicht hier schlafen könnten, weil ich selbst wusste, dass es sehr spät werden kann!“

„Das hättest du ns ja auch schon vorher sagen können!“, meckerte Andreas.

„Jetzt sei nicht so und hilf deinem Vater!“

Und schon war Susannes Kopf an meiner Tür verschwunden.

„Dann werde ich mal runter gehen und meine Sachen holen“, sagte Andreas.

„Willst du bei mir schlafen?“, fragte ich leise.

„Klar, wo sonst?“, antwortete er mit einem Lächeln, was mich fast dahin schmelzen ließ.

Sollte es war sein, und ich hatte endlich den gefunden, den ich solange gesucht hatte? Halt Gregor. Stopp! Andreas hat keine Schwierigkeiten mit meinem Schwulsein, was aber nicht heißt er ist selber schwul!

Aber warum hat er dann so viele Gespräche mit seinem Onkel Piet geführt? Wie in Trance ging ich an meinen Schrank und zog ein zweites Kissen und eine Decke heraus.

„Willst du schon ins Bett?“

Andreas stand wieder in meinem Zimmer, ich hatte ihn nicht gehört.

„Nein… äh… ich dachte ich hol schon mal…“

„Kein Problem, wir können auch im Bett reden!“

Andreas stellte seinen kleine Rücksack in die Ecke und ließ sich auf mein Bett fallen. Er schien vor Selbstsicherheit zu strotzen, was ich von mir nicht behaupten konnte. Ich ließ einfach Decke und Kissen fallen und setzte mich neben ihn.

„Andreas?“

„Ja?“

„Bist du auch… schwul?“

„Weiß ich nicht!“

„Hä?“

Andreas lehnte sich nach hinten und grinste.

„Was soll ich sagen? Ich hatte weder Freundin, noch hatte ich bisher einen Freund, aber reizen tut mich beides gleichermaßen.“

„Also bi?“, stammelt ich.

„Ich weiß es nicht, denn mein Onkel meinte zu mir, bi gibt es nicht, entweder man ist schwul, oder eine Hete, alles dazwischen ist irgendwie Betrug.“

„So hab ich dass noch nie gesehen! Aber irgendwie kann ich dem Gedanken auch nicht folgen.“

„Wieso?“

„Also ich denke, in jedem steckt etwas »Bi« drin. Würdest es sonst so tollen Freundschaften zwischen Männern oder Frauen geben, die ein Leben lang halten?“

„Was hat das bitte schön mit Bi sein zu tun?“

„Andreas, ich hab mich immer zu dir hingezogen gefüllt. Ein Tag ohne dich, war wie ein verlorener tag für mich.“

„Interessant, aber du hast dann später auch gemerkt warum dass so ist, du bist schwul!“

„Dann wären ja alle die eine tolle Freundschaft führen, schwul oder lesbisch!“

„Nein eben nicht, deswegen meinte ich ja, dass hat nichts mit Bi sein zu tun.“

„Also ich kann dir nicht ganz folgen, aber es ist auch egal. Ich freu mich dass du da bist!“

Ich hatte nicht einmal gemerkt, dass ich bei dem Gespräch immer näher zu Andreas hingerutscht war.

„Das merke ich!“, meinte Andreas, wieder mit diesem Lächeln.

„Warum hast du dich nie gemeldet?“

„Du doch auch nicht! Aber bevor wir hier jetzt in eine lange Unterhaltung verfallen, würde ich vorschlagen, wir gehen runter sagen unseren Eltern gute Nacht und machen uns Bett fertig, dann können wir uns solange unterhalten wie wir wollen.“

Mit einem Nicken stimmte ich zu.

„Gregor?“, sagte Andreas sanft.

„Was?“

„Wo ist der selbstsicher Gregor geblieben, den ich einmal kannte?“

„Den muss ich irgendwo in den letzten drei Jahren verloren haben.“

Andreas grinste, gab mir einen Kuss auf die Nase und stand auf.

„Komm jetzt, um so schneller sind wir wieder oben!“, meinte er.

Ich musste grinsen und ließ mich von ihm hochziehen. Auf der Treppe schalte uns schon das Gelächter unserer Eltern entgegen. Die fünf Flaschen Sekt, die leer auf der Mitte des Tisches standen, zeigten wohl ihre Wirkung.

„Guckt mal, unsere Turteltäubchen kommen runter“, kam es von meiner Mum.

Bitte? Was soll das jetzt schon wieder bedeuten.

„Habe ich dir nicht gesagt unser Plan funktioniert?“, lallte Susanne.

Unsere Väter lachten nur und stießen mit ihren Gläser an. Anscheinend war Andreas jetzt auch etwas aus der Fassung, fragend schaute er mich an. Sein Dad drehte sich zu uns und stellte sein Glas ab.

„Hört mal her Jungs. Unser Kontakt ist ja niemals ganz abgebrochen. Im Gegensatz zu euch. Wir wusste schon eine ganze Weile, dass Gregor schwul ist, und als mir Piet gesagt hat, ich solle mich doch etwas mehr mit dir beschäftigen Andreas, weil du Probleme hättest. Da kam uns gemeinsam eine Idee.“

„Der gemeinsame Urlaub?“, fragte ich.

„Nein, dass ist jetzt wirklich ein Zufall. Ich meinte, wir entschlossen euch beide wieder zusammen zu bringen. Ihr ward mal früher wie Pech und Schwefel, nicht zu trennen.“

„Die wollen uns verkuppeln!“, sagte ich fassungslos.

„Eltern!“, kam es nur von Andreas, was zu einer erneuten Lachsalve unserer Eltern führte.

„Komm, wir gehen wieder hoch, dass ist ja nicht zum Aushalten!“, sprach ich.

„Okay! Gute Nacht ihr…“, Andreas hob seine Hand und winkte ab.

„Gute Nacht“, kam es im Chor von den Vieren.

Wieder im Zimmer, fing Andreas laut an zu lachen.

„Was ist denn?“, fragte ich.

„Jetzt versteh ich erst, diese Geheimniskrämerei, der letzten Wochen, es ging um mich!“

„Ich muss das jetzt erst mal verdauen!“

*-*-*

Andreas und ich unterhielten uns bis tief in die Nacht hinein. Irgendwann verhallte auch der Lärm, der immer noch unten aus dem Wohnzimmer drang. Gepolter und Kichern war zu hören und etwas später kehrte dann Ruhe ins Haus.

„Und noch nie jemand in Aussicht gehabt?“, flüsterte Andreas, der dich neben mir lag.

„Nein, wie denn auch. Bis auf zwei meiner Freunde, weiß niemand, das ich schwul bin.“

„Und keine Chancen, bei einer von den Beiden?“

„Erstens ist einer der zwei Brit, ein Mädchen und zweitens sind Brit und Carsten ein Paar.“

„Und du das dritte Rad am Wagen!“

„Nein, so habe ich das nie empfunden!“

„Du, ich freu mich auf unseren Urlaub.“

„Ich auch!“, entgegnete ich und fing herzhaft an zu gähnen.

„Da ist aber einer sehr müde!“

„Klar, dann noch meine drei Flugstunden, das schafft!“

„Tut dir irgendetwas weh?“, fragte Andreas besorgt.

„Nein, ich bin ja jedes Mal weich gelandet.“

„Ich glaube du brauchst einen Aufpasser!“

„Und wen hast du dir dafür ausgesucht?“

„Mich!“

Jetzt war ich der jenige der laut anfing zu lachen.

„Pst, du weckst sonst alle wieder auf!“, meinte Andreas.

„Ach was, die schlafen ihren Rausch aus, da hört keiner mehr was.“

Plötzlich klopfte es leise an die Tür, was mich zusammen fahren ließ. Andreas neben mir fing an zu kichern.

„Ja?“, flüsterte ich.

Die Tür ging auf und Mel und Bettina steckten ihre Köpfe rein.

„Wieso schlaft ihr beiden noch nicht?“, fragte Andreas.

„Wie soll man schlafen, wenn eine Herde wildgewordener Eltern, durchs Haus trampelt“, antwortete Bettina.

„Jetzt schlafen sie, und dass solltet ihr nun auch tun!“, meinte Andreas.

Mel nickte mit einem Gähne und schob Bettina vor sich aus dem Zimmer.

„Wir sollten aber auch langsam schlafen!“, sagte ich.

„Okay, machst du das Licht aus?“

„Klar!“

Ich beuge mich etwas nach vorne und knipste die Lampe aus. Schnell gewöhnte ich mich an die Dunkelheit, was auch daran lag, dass mein Rollladen noch offen war und die Laterne von der Straße hereinschien.

„Gute Nacht! Schlaf gut!“

„Du auch Andreas!“

Beide kuschelten wir uns in die Decken ein und es dauerte auch nicht lange, bis ich Andreas leisen, gleichmäßigen Atem hörte. Durch das Fenster konnte ich einen Stern sehen, hell und kräftig, wenig später war ich wie Andreas ebenso in einen tiefen Schlaf gesunken.

*-*-*

Am nächsten Morgen wurde ich wach, weil mir kalt war, Zudem lag etwas auf mir, was ich mir nicht erklären konnte. Ich schaute auf mich hinunter und konnte einen Arm erkennen, der auf meine Bauch ruhte.

Als ich meinen Kopf nach links drehte, schaute ich in das Gesicht von Andreas, der in der Nacht wohl beide Decken in Besitz genommen hatte. Zudem verstärke sich der Druck auf meine Blase derart, dass mir wohl nichts anderes übrig blieb, als aufzustehen.

Vorsichtig schob ich den Arm von Andreas herunter und schlich mich ins Bad. Es schien, als schliefen alle noch, im Haus war es ruhig. Nur Bell kam mir entgegen und wedelte erfreut mit ihrem Schwanz.

„Lass mich noch auf die Toilette gehen, dann zieh ich mich an und wir beide machen einen kleinen Sparziergang, okay?“

Mit einem kurzen Wuff, schien sie mir Antwort zugeben, dann trottete sie zufrieden wieder nach unten. Nachdem ich meinen Druck abgelassen und mich ein wenig tageslichttauglich hergerichtet hatte, schlich ich wieder in mein Zimmer.

Leise suchte ich meine Klamotten zusammen und wollte gerade das Zimmer verlassen, als sich Andreas regte.

„Wo willst du denn hin?“, grummelte er ins Kissen.

„Bell muss nach draußen, ich bin bald wieder da.“

„Okay!“, brummte er und war wieder eingeschlafen.

Leise schlich ich mich die Treppe hinunter, wo Bell schon schwanzwedelnd auf mich wartete. Ich griff nach meiner Jacke und packte mich warm ein. Die Nacht war sternenklar, somit war es draußen bitter kalt.

Als ich die Haustür öffnete, bestätigte mir die eisige Luft, die hereindrang, wie kalt es wirklich war. Bell lief an mir vorbei und wartete am Gartentor. Leise zog ich die Haustür zu und folgte Bell. Sie war gut erzogen, so konnte ich ohne Sorge das Tor öffnen, ohne das mir Bell gleich abhaute.

Mir kam die Idee zum Bäcker zu gehen, der bei uns auch am Sonntag geöffnet hatte. So pfiff ich kurz und Bell folgte in die eingeschlagene Richtung. Beim Bäcker angekommen, war schon etwas Gedränge. Es waren wohl noch mehr auf die Idee gekommen, so früh Brötchen zu holen.

Die Verkäuferin sah mich etwas bemitleidend an, als ich mit zwei große Tüten bepackt, das Geschäft wieder verlies. Bell saß noch brav an ihrem Platz, wo ich sie verlassen hatte. Im Gedanken an Andreas lief ich mit Bell nach Hause.

Dort angekommen, musste ich feststellen, dass noch niemand unter den Lebenden weilte, so beschloss ich meiner Familie und unserem Besuch etwas Gutes zu tun. Ich machte mich daran, das frühstück vorzubereiten.

Während ich die Wurst und den Käse auf einen Teller legte, hörte ich ein Geräusch hinter mir. Erschrocken fuhr ich herum und sah Andreas in die Augen.

„Ich dachte du kommst wieder zu mir?“, meckerte er ein wenig, noch damit beschäftigt seine Augen auf zu bekommen.

„Du hast so schön geschlafen, da wollte ich dich nicht wecken.“

„Ich glaube ich brauche eine Dusche, bevor bei euch die Belagerung ausbricht.“

„Okay, hast du alles, oder brauchst du noch etwas?“, fragte ich.

„Dich!“, antwortete Andreas und gab mir einen Kuss auf die Wange, bevor er die Küche wieder lächelnd verließ.

Während ich dann den Tisch deckte, hörte ich oben ein Poltern. Oh der erwürdigen Herrschaften waren erwacht. Mein Blick zur Uhr ließ mich frech grinsen. Sonntag halb elf! Aber irgendwann ist es immer das erstemal, das meine Eltern so spät aufstehen.

Zurück in der Küche kam mir meine Mum gähnend entgegen.

„Morgen Mum, und gut geschlafen?“

„Oh Gregor, brüll doch nicht so!“, zischte sie und hielt die Hand auf den Kopf.

„Ich glaube, ich hätte ein Katerfrühstück richten sollen.“

„Du hast das Frühstück schon fertig?“

„Klar!“, antwortete ich und zeigte auf den gedeckten Tisch im Esszimmer.

„Du bist ein Goldschatz, danke! Dann kann ich ja noch Duschen gehen, bevor alle runter kommen.“

„Dann musst du die Dusche auf dem Speicher nehmen, die andere hat Andreas schon beschlagnahmt.“

Meine Mum setzte ein komisches Grinsen auf.

„Und? Was ist nun mit Andreas und dir?“

„Eure Kuppelversuche sind fehlgeschlagen!“

„Was?“

Ich amüsierte mich innerlich, über das entsetzte Gesicht meiner Mutter.

„Andreas will nicht mit in den Urlaub fahren und mich nie wieder sehen!“

Anscheinend hatte ich meine Mundwinkel nicht so unter Kontrolle, wie ich es gerne gehabt hätte. Meine Mum merkte sofort, dass ich sie auf den Arm nehmen wollte.

„Du kleiner Schuft meinst wohl, du kannst deine alte Mutter aufs Glatteis führen!“

„Kein Problem, gehen wir raus?“

„Bitte?“

„Gehen wir nach draußen, da ist es glatt!“

Diese Antwort handelte mir eine kleine Kopfnuss ein und eine lachende Mum, die sich wieder nach oben verzog. Ich setzte mich, so lange bis der Rest der Schlafmützen eintraf, ins Wohnzimmer und widmete mich noch etwas Bell.

Sie lag vor mir auf dem Boden und genoss meine Kraulerei.

„Da könnte man doch glatt neidisch werden!“

Andreas stand frisch geduscht und auch voll angezogen im Türrahmen.

„Kannst dich ja auch vor mir auf den Boden werfen!“, erwiderte ich.

„Mich dir unterwerfen? Träum weiter im Legoland!“, sagte Andreas und fing an zu lachen, bevor er sich neben mir niederließ.

„Und?“, fragte er.

„Was?“

„Gut geschlafen?“

„Himmlisch!“, beantwortete ich grinsend seine Frage.

„Stimmt, könnte ich mich auch daran gewöhnen!“

„Willst du?“

„Was?“, fragte nun er.

„Dich daran gewöhnen?“

Seine Antwort blieb aus, aber dafür machte sich ein breites Grinsen auf seinem Gesicht breit, bevor er sich an mich lehnte. Er beugte sich kurz vor und gab mir ein kleines Küsschen auf die Nase. Später saßen wir alle am Tisch, auch Mel und Bettina, die als letztes den Weg aus dem Bett gefunden hatten.

Das Hauptthema drehte sich die ganze Zeit um den gemeinsamen Urlaub. Über die Skiausrüstung wurde diskutiert, bei den Damen eher über die passende Kleidung dazu. Genüsslich schob ich schon das dritte Brötchen in den Mund.

„Machen wir diese Woche, vor dem Urlaub noch etwas gemeinsam?“, fragte mich Andreas.

„Klar, kein Problem. Kino?“

„Ja, war ich auch schon lange nicht mehr!“

„Gut! Am Dienstagabend? Kann ich Brit und Carsten mitbringen?“

„Natürlich, will ja wissen, wer die ganze Zeit meine Beschützerrolle übernommen hat.“

„Da kannst du beruhigt sein Andreas, Carsten ist in dieser Rolle total aufgegangen“, mischte sich meine Mum ein, was ihr ein bösen Blick von mir einhandelte.

„Jetzt stellt mich nicht hin, als wäre ich der Tollpatsch der Nation!“

Augenblicklich fing alles am Tisch an zu lachen. Na toll, keiner hielt zu mir. Das werden bestimmt schöne 10 Tage für mich, wenn ich so eine Sippschaft um mich herum hatte.

*-*-*

Noch etwas geschafft vom Wochenende, trudelte ich kurz vor dem Gongen in der Schule ein.

„Morgen Gregor, wie war dein Wochenende?“, reif mir Brit zu.

„Gut!“

„Sehr informativ!“, kam es von Carsten, der sie im Arm hielt.

„Was wollt ihr hören?“, fragte ich und konnte mir ein Grinsen nicht verbeißen.

„Da ist etwas im Busch Carsten, oder hast du jemals erlebt, dass Gregor so gut gelaunt am Montag in die Schule kommt?“, meinte Britt scharfsinnig.

„Im Busch ist gut, sollten mal lieber fragen, ob etwas im Bett war“, gab Carsten von sich.

Ich spürte das Blut in meinen Kopf schießen.

„Ich glaub wir müssen hinein“, stammelte ich.

„Volltreffer!“, meinte Britt und sah mich fordernd an.

„Der Gentleman schweigt und genießt!“, gab ich von mir und ließ die beiden am Eingang stehen.

„Du bist fies!“, sagte Britt, „lernen wir ihn wenigstens kennen?“

Ich blieb stehen und drehte mich um.

„Dienstag Abend, Kino?“, fragte ich.

„Klar, aber was hat…“, fragte Carsten.

„Da wird er mich begleiten!“

Britt knuffte Carsten in die Seite.

„Ich glaube da hat es einen erwischt!“

„Meinst du?“, fragte Carsten.

„Klar! Guck doch, wie seine Augen funkeln.

Ich fuhr mit der Hand über meinen Mund, als wollte ich einen Reisverschluss zuziehen und grinste dabei.

„Da bin ich echt gespannt, wen er da mitbringt.“

Der Tag zog sich ewig hin, aber ich nahm dies eh nur am Rande wahr, meine Gedanken waren die ganze Zeit bei Andreas. Britt versuchte während aller Pausen, etwas aus mir heraus zu bekommen, aber erfolglos.

Umso mehr freute ich mich, als der letzte Gong für heute schlug und ich meinen Rucksack einräumen konnte.

„Wie gefällt dir eigentlich die neue Cd, die du dir gebrannt hast?“, wollte Brit wissen.

„Kann ich dir nicht sagen, ich habe nur ein Lied davon gehört.“

Brit grinste, verließ das Klassenzimmer und ich trottete gemächlich mit Carsten hinter her. Am Mittag lag ich fast nur in meinem Bett ließ die Cd von Westlife laufen und träumte von Andreas. Ich fragte mich, ob ich ihn nicht anrufen sollte, kam mir aber dann irgendwie aufdringlich vor und verwarf diesen Gedanken.

Total vertieft merkte ich nicht, dass meine Mum ins Zimmer gekommen war.

„Soll ich dir noch etwas waschen, was du in den Urlaub mitnehmen möchtest?“

„Ich? Ach so, ja hier habe ich ein paar Sachen!“

Ich sprang auf und gab ihr ein kleinen Berg Wäsche und schon war sie wieder verschwunden. Hausaufgaben hatten wir so kurz, vor den Weihnachtsferien keine mehr auf und ich denken mal, dass die Lehrer genauso wenig Lust auf Unterricht hatten, wie wir.

Ich fuhr den Pc hoch und wollte meine Emails abfragen. Neben an hörte ich die Musik bei Mel trällern. Nein die Musik spielte, Mel trällerte. Ein Grinsen machte sich auf meinem Gesicht breit. »Sie haben Post« weckte mich aus dem Gedanken und so schaute ich die Emails durch. Außer ein paar Spammails und eine Email von Carsten, stand da noch eine unbekannte Adresse.

Der Nick kam mir bekannt vor, den gab es nämlich auf einer Storyseite, wo ich immer stundenlang verharrte und mir eine Geschichte nach der Anderen reinzog. Ich klickte das Feld mit der Maus an und die Mail öffnete sich.

Von: schreiberling @ coolstories.de

An: gregor.maiberger @ t-online.de

Gesendet: Montag, 19.Dezember 2005 14.17

Betreff : Einfach Hallo!

Hi lieber Gregor

da staunst du, von mir Post zu bekommen. Deine Schwester war so lieb und hat mir deine Emailadresse verraten. Ich saß den ganzen Morgen in der Schule und habe nur an dich gedacht. Meine Mitschüler haben sich schon gewundert und meinten ich wäre krank, weil ich die ganze Zeit nur stil da saß.

Hast du wenigstens einmal an mich gedacht? Wollte dir einfach noch mal Danke für das tolle Wochenende sagen, was zwar von Anderen geplant war, aber durch dich erst so richtig schön für mich wurde.

Freue mich riesig auf unseren Urlaub, wo ich dich dann ganze 10 Tage für mich habe!

See you… miss you!

Dein Andi

PS.: Sehen uns morgen Abend beim Kino! Rufst du mich noch einmal an wann?

Wow, jetzt war ich doch platt. Klar rufe ich ihn an! Ich schnappte mir den Hörer und… shit, ich hatte gar keine Telefonnummer. Ich sprang auf, lief aus meinem Zimmer und noch auf der Treppe rief ich nach Mum.

„Mum, kannst du mir die Nummer von Sperlings geben?“

Sie streckte ihren Kopf aus der Küche.

„Was ist los, was schreist du denn überhaupt so hier herum?“

„Hast du die Nummer von Sperlings?“

„Klar habe ich die! Für was brauchst du die denn?“

Jetzt wurde ich rot im Gesicht, musste ich doch zugeben, nicht einmal die Telefonnummer von Andreas zu besitzen.

„Ich wollte Andreas anrufen, wegen Kino gehen morgen Abend.“

„Du hast keine Nummer von ihm?“

Beschämt schüttelte ich den Kopf. Meine Mum fing laut an zu lachen.

„Zu unserer Zeit, war dass das Erste, was man dem Anderen abgeknöpft hat.“

„Kannst du sie mir geben?“, fragte ich genervt.

„Sie hängt am Kühlschrank bei den anderen Zettel!“

„Danke!“

Ich lief zum Kühlschrank und überflog jeden Zettel, doch bevor ich am verzweifeln war, tippte meine Mum auf einen der zahlreichen Zettel.

„Ich leih mir den kurz aus!“, meinte ich und nahm ihn ab, ohne auf eine Antwort meiner Mum zu warten.

Endlich im Besitz der Nummer rannte ich wieder in mein Zimmer und ließ mich aufs Bett fallen. Ich wählte die Nummer und wartete.

„Bettina Sperling!“

„Hallo Bettina, hier ist Gregor, kann ich Andreas sprechen?“

„Moment, ich weiß gar nicht ob er da ist.“

Ich hörte sie im Hintergrund laut »Andreas Telefon« rufen.

„Du Gregor, er ist da, er kommt gleich!“

„Danke Bettina!“

Ich musste noch einen Augenblick warten.

„Andreas Sperling!“, kam es mir schnaufend entgegen.

„Hallo Andi, Gregor hier”, gab ich zu Antwort.

„Hallo Gregor, hast wohl meine Email bekommen?”

„Ja habe ich!“, sagte ich mit einem Lächeln.

„Und?“

„Ach so, morgen Abend um 19.00 Uhr vor dem Cinemaskop.“

„Das meinte ich zwar nicht, aber das wollte ich ja auch wissen.“

„Was wolltest du denn wissen?“

„Ob du an mich gedacht hast?“, sprach er plötzlich ganz leise.

Ich musste kichern.

„Haben deine Ohren nicht geklingelt, ich denke schon seit dem Aufstehen an dich!“

„Süß!“

„Finde ich auch!“

Jetzt kicherten wir beide los.

„Gregor?“

„Ja?“

„Ich freu mich auf dich!“

„Ich mich auch auf dich! Dann bis morgen!“

„Bis morgen… see you!“, hauchte er ins Telefon.

„Miss you… bye!”, hauchte ich ebenso ins Telefon.

„Bye!“

Oh Mann, ich war total verknallt und das in meinen ehemaligen besten Freund. Ich hatte das Telefon in der Hand, als würde ich damit schmusen. Richtig bescheuert! Ich steckte das Teil in die Station zurück.

Komisch alles war plötzlich so einfach. Junge sieht Junge, Junge verliebt sich in Junge und wenn sie nicht gestorben sind, so lieben sie sich noch heute. Wo war der Haken an der Sache. Meine Alarmglocken meldeten sich zum ersten Mal.

Das war alles etwas einfach, Kupplerbüro Mama macht das schon. War Andreas der Richtige? Mich überkamen plötzlich Selbstzweifel. War ich zu einer Freundschaft überhaupt bereit? Andreas wohnte auf der anderen Seite der Stadt, was wenn wir uns nach dem Urlaub wieder aus den Augen verlieren würden.

Fragen über Fragen machten sich mehr und mehr in meinem Kopf breit. Meine bisher gute Laune hatte den Tiefstpunkt erreicht. Beim Abendessen saß ich total abwesend, kaute lustlos auf meinem Brot herum.

Ich nahm überhaupt nicht war, das meine Eltern mich mehrere Male ansprachen, bis Mel mich in die Seite knuffte.

„Was ist denn?“, reagierte ich sauer.

„Erde an Gregor, dass wollten wir dich gerade fragen?“, meinte Dad.

„Ach lasst mich doch in Ruhe!“, sagte ich barsch und lief in mein Zimmer.

Das sich meine Eltern und Mel fragend anguckten, bekam ich nicht mehr mit. Ich richtete meine Rucksack für den nächsten Tag und ging dann ins Bad, um mich bettfertig zu machen. Später im Bett hatte ich die Ohrstöpsel an und hörte Westlife.

Ich erschrak, als ich eine Hand auf meiner Schulter spürte. Natürlich hatte ich nicht mitbekommen, dass mein Dad ins Zimmer gekommen war und sich zu mir ans Bett setzte. Ich zog die Ohrstopsel heraus.

„Was ist mit dir Gregor?“

„Ich weiß auch nicht!“

„Deine Mutter erzählte heute Mittag warst du noch in bester Laune und jetzt… wir haben 7 Uhr und du liegst schon im Bett, ziehst ein Gesicht, wie 7 Tage Regenwetter.“

Ganz gegen die Auffassung eines 17 Jährigen umarmte ich einfach meinen Dad und vergrub mich in dessen Brust.

„Ist irgendetwas passiert?“

„Nein.“

„Was ist dann mit dir?“

„Ich weiß es nicht… plötzlich kommen so viele Fragen auf…, meinst du das mit Andreas ist richtig?“

„Was meinst du?“

„Das ich mit Andreas jetzt zusammen bin.“

„Was sollte daran falsch sein, du magst ich doch, oder?“

„Klar mag ich ihn, sehr sogar.“

„Aber?“

Wenn dieses blöde »Aber« nicht wäre. In meinem Kopf war das Chaos ausgebrochen.

„Was ist, wenn wir nach dem Urlaub wieder weniger Zeit haben, wegen Schule und so, wir einfach nicht die Zeit haben unsere Freundschaft wieder zu vertiefen? Ist Andreas überhaupt der Richtige?“

„Junge, warum plötzlich diese Fragen, genieß doch erst mal, dass ihr wieder zusammen gefunden habt, der Rest kommt dann sicher von alleine!“

Ich schaute Dad mit großen Augen an.

„Hör mal Gregor, in eine Freundschaft muss man investieren, man muss auch etwas dafür tun, dass eine Freundschaft eine Freundschaft bleibt. Und vor allem auch nicht einseitig. Du und Andreas müsst an eurer Freundschaft arbeiten, auch wenn ihr jetzt etwas weiter auseinander wohnt.“

„Das hört sich einfach an.“

„Gregor, das ist einfach. Vertraue auf dich selbst, aber auch Andreas, ihr werdet schon den richtigen Weg finden!“

„Meinst du?“

„Klar! Und jetzt weg mit diesem Zitronengesicht, mit einem Lächeln gefällst du mir viel besser.“

„Danke Dad!“

„Und wieder besser?“

„Etwas!“

„Immerhin. So ich verschwinde wieder und du lässt nicht so die Löffel hängen!“

Ich nickte und mein Dad verließ mich wieder. Wieder mit meinen Ohrstöpseln versehen, warf ich mich wieder dem Chaos in meinem Kopf zum Fraß vor. Irgendwann musste ich dabei eingeschlafen sein, denn als ich wach wurde, war es schon fast Zeit, wieder aufzustehen, in 5 Minuten würde mein Wecker klingeln.

Ich setzte mich auf und machte ihn aus. Müde rieb ich in meinen Augen. Heute Abend war Kino angesagt, zusammen mit Andreas, Brit und Carsten. Mal sehen was der Tag noch so brachte.

*-*-*

Der Tag war wie erwartet nichts sagend verlaufen. Jetzt stand ich vor dem Kino und wartete auf die Anderen. Erst stand ich ewig im Bad, dann wusste ich nicht, was ich anziehen sollte und nun war ich auch noch viel zu früh hier.

Die nächste Straßenbahn kam angerollt und ich konnte Carsten mit Brit darin erkennen. Beim aussteigen winkten sie mir zu. Die Gegenbahn kam nun auch noch angerollt, so verschwanden die Beiden wieder aus meinem Sichtfeld.

Das war anscheinend die Bahn von Andreas, denn als beide Bahnen wieder weg waren liefen Carsten und Andreas ganz dicht beieinander. Und das ohne zu wissen, wer da neben einem läuft. Als die Ampel endlich auf Rot umstieg, schob sich der Pulk von Leuten über die Strasse, direkt auf mich zu.

Andreas hatte mich nun auch entdeckt und grinste mich an. Brit, die anscheinend merkte, dass ich nicht auf sie schaute, sondern jemand anderen anpeilte, schaute an Carsten vorbei, wer denn auf mich reagieren würde.

Als Andreas mir ein zweites Mal zulächelte, waren die Gedanken vom Vortag wie weggeblasen. Ich freute mich tierisch auf diesen Abend und hob die Arme zur Begrüßung, in denen sich Andreas wenige Sekunden später wiederfand.

„Na du!“, raunte er mir mit einem Lächeln zu.

„Hallo“, erwiderte ich ebenso mit einem Grinsen.

Ein Räuspern riss mich aus meiner Traumwelt. Brit und Carsten standen direkt hinter uns.

„Hallo ihr zwei Turteltäubchen“, kam es von Brit.

„Hallo Brit, das is Andreas!”

Er reichte beiden die Hand.

„Und das sind Brit und Carsten! Wollen wir, ich habe die Karten schon vorbestellt.“

Es war wirklich Glück, dass ich die Karten vorbestellt hatte. Es stand eine große Schlange an der Kasse und es gab jetzt schon fast keine Karten mehr. Als wir endlich dran kamen, sagte ich meinen Namen und bekam sofort die Karten ausgehändigt.

Jeder bezahlte seine Karte und so konnten wir weitergehen, in die oberen Stockwerke, wo sich die Kinosäle befanden.

„Meine Freundin war schon in Harry Potter, er soll besser sein als die drei Vorgänger“, sagte Andreas.

Seine Freundin? Was sollte jetzt das? Andreas merkte, dass etwas nicht stimmte und sah mich fragend an. Doch ich schüttelte nur den Kopf.

„Ich habe das Buch noch mal gelesen“, meinte Brit.

„Hast du schon den 6 Teil gelesen?“, fragte Andreas.

„Klar, was dachtest du denn.“

Alle grinsten, nur ich nicht. Was sollte das jetzt, hatte ich da was falsch verstanden. Etwas geistesabwesend stolperte ich auf der letzten Stufe der Treppe. Andreas konnte mich gerade noch auffangen, sonst wäre ich wieder auf der Nase gelegen.

„Siehst du, du brauchst jemand der auf dich aufpasst“, meinte Andreas grinsend.

„Kann ja mal passieren!“, meinte ich in einem etwas heftigen Ton und riss mich von Andreas los.

„Was ist denn?“

„Nichts!“

Brit und Carsten sahen mich genauso verwundert an. Ich gab meine Karte dem Kontrolleur und trat in den Saal. Nach der Sitznummer suchend lief ich die Treppe hinauf, während die anderen mir folgten.

Ich hörte nicht auf das, was sie sagten, ich wollte nur auf meinen Platz. Andreas setzte sich neben mich auf der anderen Seite saßen Brit und Carsten.

„Gregor, habe ich etwas falsch gemacht?“, fragte mich Andreas leise.

„Nein, nicht du, ich habe etwas falsch verstanden.“

„Was denn?“

„Ist nicht so wichtig.“

Damit schaute ich wieder nach vorne, wo bereits die Werbung begann.

*-*-*

Während des ganzen Films kämpfte ich mit mir, nicht auf zustehen und einfach heimzugehen. Warum konnte ich Andreas nur so missverstehen. Auf Annäherungsversuche von Andreas reagierte ich nicht, was sollte der Scheiß jetzt?

Ich spürte wie mir die Tränen auf die Augen drückten, versuchte aber verbissen nicht zu heulen. Als dann später der Abspann lief und ich endlich froh war es geschafft hatte, wollte ich nur noch raus. Ohne einen Ton zu sagen, drängelte ich mich durch die Menschen.

„Gregor, jetzt warte doch!“, hörte ich Andreas rufen.

Aber ich reagierte nicht und erst als ich draußen auf der Galerie angekommen war, hatte er mich eingeholt.

„Jetzt warte doch mal Gregor, was ist los?“

„Das weißt du doch selber!“, presste ich heraus und nun liefen auch meine Tränen.

„Bitte?“

„Geh doch zu deiner Freundin, verarschen kann ich mich selber!“, schrie ich und rannte zur Treppe.

Ich drängte mich durch die Leute, übersah ein Bein und stolperte und das direkt vor der Treppe. Wie in Zeitlupe sah ich die Stufen entgegen kommen, spürte den harten Aufschlag auf dem Stein. Zu meinem Glück liefen mir mehrere Menschen entgegen, so würde mein Fall gebremst und ich war nur 6 Stufen tiefer gefallen.

Alles an mir tat mir weh, ich heulte auf, als mir jemand aufhelfen wollte. Mein Hand schmerzte furchtbar.

„Scheiße Gregor, hast du dir was getan?“, hörte ich Andreas Stimme hinter mir.

Ein kleiner Pulk hatte sich um mich gebildet, auch einer der Sicherheitskräfte war schnell bei mir.

„Hast du dir etwas getan, kannst du aufstehen?“, fragte mich der Mann.

„Meine Hand…“

Der Mann und auch Andreas halfen mir hoch.

„Herrschaften, jetzt gehen sie doch zur Seite, es ist nichts passiert!“, rief der Sicherheitsmensch.

Langsam führten sie mich zu einer Bank, am Ende der Treppe.

„Was ist denn passiert?“, wollte Brit wissen, die mittlerweile mit Carsten ebenso bei mir angekommen waren.

„Irgendwer hat den Fuß in meinem Weg gestellt!“, jammerte ich und hielt meine Hand.

Vorsichtig nahm dieser Aufpassmensch meine Hand in die Seine. Er wendete sie vorsichtig, drückte sanft auf das Gelenk, was mich aufschreien ließ.

„In denke mal sie ist verstaucht, es ist nichts gebrochen, aber ich werde trotzdem einen Krankenwagen rufen.“

„Ich will zu meinen Eltern!“, jammerte ich weiter.

„Ich geh mit, ich kenne die Nummer seiner Eltern“, sagte Carsten zu dem Mann, dessen Name ich nicht wusste.

„Kann ich euch bei ihm lassen?“, fragte der Aufpasser, Brit und Andreas, beide nickten.

Als der Typ mit Carsten verschwinden war, wandte sich Andreas zu mir.

„Kann es sein ,dass du da etwas ordentlich durcheinandergebracht hast?“, fragte er.

Ich presste meine Hand gegen meine Brust und wimmerte weiter. Durcheinander… ich?

„Clara ist meine beste Freundin, nicht meine Freundin Gregor, ich will nur dich, ich habe mich in dich verliebt!“

Entsetzt sah ich ihn an. Was hat er da gerade gesagt? Verliebt? Oh ich blöder Idiot!

„Hast du gehört was Andreas zu dir gesagt hat?“, fragte nun auch Brit.

Ich nickte, konnte aber nicht aufhören zu weinen. Andreas nahm mich vorsichtig in den Arm, was mich aber auch aufheulen ließ.

„Hast du dich doch mehr verletzt?“, fragte Brit besorgt.

„Rippe…, brachte ich nur heraus.

„Mensch, wo bleiben die denn?“, sagte Andreas etwas säuerlich.

Aus der Ferne waren die Sirenen eines Krankenwagens zu hören und wenig später tauchten auch Carsten und die Sicherheitsmensch auf.

„Der Krankenwagen kommt und deine Eltern kommen dann direkt ins Krankenhaus“, ließ er verlauten.

„Seine Rippen tun ihm auch weh!“, sagte Andreas besorgt.

„Ihr bleibt erst mal hier sitzen, der Krankenwagen ist ja gleich da. Ich werde rausgehen um den Wagen einzuweißen!“

Und schon war der Typ wieder verschwunden.

Ich weinte und zitterte am ganze Körper. Immer noch standen ein paar Leute um mich herum und schauten mich komisch an. Wenige Minuten später kniete der erste Sanitäter vor mir. Nach einer kurzen Fragerei nach Schmerzen, halfen mir auf und ich wurde zum Krankenwagen geführt.

„Kann ich mitfahren?“, fragte Andreas.

„Wieso?“, fragte der Arzt.

„Weil ich sein Freund bin!“, kam es energischer von Andreas zurück.

Der Zivi, der schon im Auto stand, kicherte leise.

„Also los rein mit dir!“, sagte der Arzt zu Andreas, während ich mich langsam auf die Liege nieder ließ.

*-*-*

Ich saß neben Andreas und schwieg. Meine Hand war wirklich nur verstaucht. Den Arm hatte ich in der Schlinge, da ich mir zusätzlich auch noch zwei Rippen auf dieser Seite geprellt hatte. Warum meine Eltern noch nicht aufgetaucht waren, verstand ich nicht.

„Du hast wirklich geglaubt ich habe eine Freundin und würde so etwas mit dir abziehen?“, kam es leise von Andreas.

Sein Tonfall klang enttäuscht.

„Tut mir leid Andi… ich hab… alles falsch gemacht!“

„Das nächste Mal hörst du richtig hin, okay?“

„Heißt das… du willst mich immer noch?

„Blöder Dummbeutel, klar will ich dich!“, sagte er nun mit einem Lächeln und legte seinen Arm um mich.

Die Tür zum Flur wurde aufgestoßen und meine Eltern traten ein.

„Mein Gott Junge, was machst du für Sachen?“, hörte ich meine Besorgte Mum.

„Ihm hat jemand das Bein gestellt und er is die halbe Treppe hinunter, aber er hat Glück gehabt!, sagte Andreas, bevor ich überhaupt antworten konnte.

Glück gehabt? Mir tat alles weh! Wieder liefen mir Tränen herunter. Eine Schwester trat aus dem Schwesternzimmer und kam auf meine Eltern zu.

„Sind sie Herr und Frau Maiberger?“

Meine Eltern nickten.

„Also ihr Sohn hat das Handgelenk verstaucht und zwei Rippen auf der rechten Seite geprellt. Weiteres konnten wir nicht feststellen. Wir würden ihn gerne zur Beobachtung eine Nacht hier behalten!“

„Ich will nach Hause“, entfleuchte es mir trotzig.

„Wäre das möglich?“, fragte mein Dad.

„Ja, aber er muss morgen hier noch einmal zur weiteren Untersuchung erscheinen. Sie müssten dann aber kurz mit mir kommen, um noch ein Formalitäten zu unterzeichnen“, antwortete die Schwester.

Mein Dad verschwand mit der Schwester und meine Mum kniete sich vor mich.

„Starke Schmerzen?“, fragte sie mich.

„Es geht!“

„Dann denke ich mal, du hast dir 4 Tage mehr Weihnachtsferien verschafft!“

Andreas neben mir grinste.

„Wenn dein Vater wieder kommt, fahren wir zuerst Andreas nach Hause und dann geht es ab nach Hause.

Ich sah meine Mum an.

„Warum habt ihr eigentlich solange gebraucht?“

„Der Typ vom Kinocenter, hat uns ins falsche Krankenhaus geschickt. Und bis wir dort heraus bekamen wo du wirklich bist, das dauerte eben ein wenig.“

„Ach so!“

„Kannst du aufstehen?“

„Ja“, antwortete ich knapp.

Andreas half mir auf. Das rechte Bein schmerzte etwas und ich wusste jetzt schon, das mein Körper

wohl spätestens morgen mehrere blaue Flecken zeigen würde.

„Falls es ihrem Sohn schlecht werden würde, oder er starke Kopfschmerzen, so müssen sie bitte gleich wieder her kommen!“, sagte die Schwester, als sie mit Dad zurückkam.

„Geht in Ordnung!“, entgegnete mein Dad.

Andreas führte mich hinaus, obwohl ich keine Hilfe brauchte. Ich lächelte ihn an, weil mir nun bewusst wurde, wie unmöglich ich mich benommen hatte. Ich war auf jemand eifersüchtig, den ich nicht kannte und die nicht das war, was ich glaubte.

„So gefällst du mir wieder besser“, meinte Andreas und lächelte zurück.

*-*-*

Andreas war nun jeden Mittag nach der Schule bei mir. Er brachte sogar einmal Clara mit, damit ich sie kennen lernte. Wie schon vorausgeahnt, war mein Körper übersät mit blauen Flecken. Besonders freute uns aber, dass der Arzt grünes Licht für den Winterurlaub gab.

So gut ich eben konnte packte ich meinen Koffer. Was mir nicht gelang, denn ich sollte den Arm in der Schlinge lassen, legte ich auf den Schreibtisch. Andreas wollte später ja vorbei kommen und mir dann helfen.

Mum stand in der Küche und backte wie wild noch Weihnachtsplätzchen. Mel war bei ihr und half. Ich setzte mich an den Tisch und schenkte mir einen Tee ein.

„Und wie geht es dir, Schatz?“, fragte Mum.

Die Standardfrage überhaupt seit Dienstag, er ertrug es mit Fassung.

„Gut, ich kann sogar meine Finger wieder bewegen ohne dass mir die Hand gleich wieder weh tut.“

„Übertreib es aber nicht gleich, du weißt was der Arzt gesagt hat, du sollst dich schonen.“

„Warum backst du soviel, dass ist ja für eine ganze Kompanie?“, fragte ich um von mir abzulenken.

„Ich weiß eben, wie ihr euch jedes Jahr draufstürzt und jetzt wo Sperlings mitfahren, brauche ich sicherlich das Doppelte.“

Hast du schon was für deinen Schatz gekauft?“, fragte mich Mel, die verschmiert mit Schokoglasur, Buttergebäck in die Selbige tunkte.

„Wann denn, ich war seit Dienstag nicht mehr aus dem Haus!“, meckerte ich, aber mehr deswegen, weil ich ja selbst schuld war, über meinen Freiflug.

„Ich wüsste da was!“, redete Mel weiter.

„Was?“, horchte ich auf.

Mel wusch sich ihre Hände, so gut es eben ging und setzte sich neben mich.

„Wie wäre es mit einer Musikcd und Fotoshow von dir?“

„Bitte was?“

„Ich weiß von Bettina, dass Andreas einige Lieder sucht, dann noch mit ein paar Bildern von dir verziert, wäre das nichts?“

Da hatte meine Schwester eigentlich Recht. Andi fragte schon die ganze Woche ob er ein Bild von mir haben könnte. Warum nicht?

„Und was für Lieder?“

„Guck auf meinen Schreibtisch, da müsst der Zettel liegen, den mir Bettina gegeben hat.“

Eine Schwester die mitdachte. Ab und zu war sie wirklich zu gebrauchen.

„Danke Schwesterherz!“

„Nichts zu danken Brüderchen!“

Mit einem Grinsen beugte sie sich wieder über ihre, wie soll ich sagen, Kunst? Ich trank meinen Tee aus und ging hinauf. Wie von Mel erwähnt, fand ich den Zettel auf dem Schreibtisch. Nach dem ich den Schrieb überflogen hatte und fest stellte, dass ich bis auf ein Lied alle auf meinem Pc hatte, lief ich zurück in mein Zimmer.

Ich fuhr sofort mein Pc hoch. Zum Glück hatte ich jede Menge Bilder von mir. Ein weiteren Vorteil, wenn man einen Freund wie Carsten hatte, der seit seinem letzten Geburtstag, mit seiner Digitalkamera, ständig Bilder von mir machte.

Ich nahm das Bildprogramm und suchte erst alle Bilder heraus, die ich hatte. Ganz schön viel, wie ich feststellte. Einige waren zwar peinlich, aber was soll’s, Andi sollte auch seinen Spaß haben. Nachdem ich mit ein paar Schwierigkeiten die Diashow endlich am laufen hatte, suchte ich die Lieder zusammen.

Eins nach dem Anderen fügte ich der Diashow zu. Am Schluss fehlte mir noch eins, und da ich das eine Lied nicht hatte, nahm ich eben mein Lieblingslied von Westlife. Als ich endlich fertig war, schaute ich auf die Uhr.

Mist, in ein paar Minuten wollte Andi kommen, ich hatte mich echt verzettelt. So brannte ich die Diashow auf ein Cd. Über die Hülle wollte ich mir später Gedanken machen. Unten konnte ich schon den Türgong machen.

Gerade noch rechtzeitig konnte ich die Cd in der Schublade erschwinden lassen, bevor es an der Tür klopfte. Die Tür ging auf und Andi lugte herein.

„Hallo Schatz, wie geht es dir?“, fragte er und stellte seinen Rucksack ab.

„Jetzt wieder gut, wo du da bist.“

„Siehst aber trotzdem bisschen blass um die Nase aus! Warst du heute schon draußen?“

„Nein, war die ganze Zeit mit packen beschäftigt.“

„Ein Vorschlag, ich helfe dir etwas, und dann gehen wir mit dem Hund noch raus, okay?“

Manchmal konnte Andi richtig süß sein, man konnte ihm nichts abschlagen, wenn er so durchdringend schaute.

„Okay!“, seufzte ich, „wenn es sein muss!“

„Es muss und du wirst sehen es tut dir gut!“

„Okay, Onkel Doc!“

„Ich merke immer wieder, dass dein Mundwerk keinen Schaden gelitten hat!“, stellte Andi fest und piekte mir seinen Finger in die Seite.

Ich quiekte kurz auf, was Andi wieder zum Lachen brachte. Dann machte wir uns eben ans packen.

„Warum willst du dieses tragbare Teil mitnehmen, meinst du ich lass dir Zeit, im Urlaub Filme zu gucken?“, fragte Andi, als ich ihm den tragbaren DVD-Player gab.

„Man kann nie wissen, was gerade ansteht, sicher ist sicher!“

Es dauerte noch eine halbe Stunde, bis wir alles im Koffer hatten. Andi machte sich lächerlich, weil ich, wie er es ausdrückte, sowenig Schminksachen dabei hätte. Ich konterte es damit, dass ich das nicht nötig hätte und drohte ihm mit Kussentzug, wenn er das Gegenteil behaupten würde.

Nach dem ich mich dann angezogen hatte, Andi bestand darauf, mir die Schuhe binden zu dürfen, meldeten wir uns ab und gingen mit Bell nach draußen. Es hatte am Mittag noch einmal geschneit und so nahm mich Andi gleich an die Hand.

„Nur als Vorsichtsmaßnahme, ich will ja nicht, dass du mir noch einmal fällst.“

Als Antwort streckte ich ihm nur die Zunge raus. Aber Andi hatte Recht, die kühle Abendluft und der Geruch nach Schnee tat gut. Überall waren nun auch die Vorgärten oder die Häuser weihnachtlich geschmückt.

Ein Meer von Lichtern befanden sich entlang der Strasse.

„Bell aus!“, rief ich, als ich merkte, dass sie zu toll zu ziehen begann.

Andi hatte zwar ihre Leine, aber er hatte auch mich an der Hand.

„Das sieht schön aus!“, meinte Andi, während er in alle Richtungen schaute.

„Stimmt, ich habe den schönsten Anblick direkt vor mir!“

Andi drehte sich herum, und bemerkte dass ich ihn anschaute. Ein Lächeln überzog sein Gesicht. Langsam zog er mich zu sich heran und gab mir einen Kuss.

„Hach, junge Liebe, guck mal Carsten!“

Ich fuhr zusammen, denn vor lauter küssen, hatte ich nicht gemerkt, dass sich jemand näherte.

„Das war nicht nett Brit, du weißt doch wie schreckhaft Gregor ist!“, meinte Carsten und kicherte.

Bell begrüßte die beiden schwanzwedelnd mit einem Wuff.

„Habt ihr euch verirrt, oder warum lauft ihr hier in meiner Straße?“, fragte ich.

„Brit meinte, wir sollten eich euer kleines Geschenk schon heute geben, da wir ja morgen Recht früh mit dem Verein lostigern.“

„Wir haben doch gesagt, wir schenken uns nichts!“, erwiderte ich.

„Ist nur eine winzige Kleinigkeit, aber wirklich erst an Weihnachten öffnen, wenn ihr alleine seid!“, meinte Brit mit einem frechen Grinsen und gab mir das kleine Päckchen.

„So dann wünsche ich dir mal schöne Weihnachten und einen guten Rutsch!“, meinte Carsten und umarmte mich.

Andi und Brit fingen an zu kichern, als sie das Wort Rutsch hörten.

„Ha, ha! Ich habe nicht vor, in nächster Zukunft mich noch einmal flach zulegen!“, meinte ich zerknirscht.

„Nicht?“, fragte Andi anzüglich, was bei den beiden wir ein Lachen verursachte.

Ich streckte Andi einfach die Zunge heraus und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

„Also ihr beide, macht es gut und ich will eine Postkarte“, sagte ich.

„Macht’s besser! Mal sehen, ob wir uns aufraffen können dir zu schreiben!“, meinte Carsten.

Noch einmal umarmten wir uns alle, bevor wir uns wieder trennten. Die Wolken hatten sich verzogen, über uns prangte der Sternenhimmel. Mittlerweile waren wir am Park angekommen, der mit dem Schnee und der Weihnachtsbeleuchtung, wie ein Traum in Weiß aussah.

„Jetzt kann Weihnachten und Urlaub kommen!“, sagte Andi.

„Bräuchte ich überhaupt nicht, ich habe alles was mich glücklich macht!“

Andi ließ Bell springen, bevor er mich an sich heran zog. Seine jetzt fast schwarzen Augen funkelten in der Beleuchtung.

„Du bist glücklich?“

„Ja bin ich, denn ich weiß endlich, was für ein süßer Kerl mich da eingefangen hat!

„War auch schwierig genug!“

„Was?“

„Dich einzufangen!“, grinste Andi.

Ich verlor mich im Funkeln seiner Augen.

„Ich liebe dich!“, hauchte ich und mein Atem verließ den Mund mit einer Nebelschwade.

„Ich weiß!“, meinte Andi und gab mir einen Kuss, „ich dich auch!

Nun konnte Weihnachten und unser Urlaub wirklich kommen.

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