Zoogeschichten I – Teil 5

Nächtliche Gedanken

Sabine und ich hatten viel zu lachen. Die kleinen Biester waren richtig schlau und einfallsreich. Fritz und Volker hatten einiges zu tun, bis endlich alle sechs in den Käfigen waren.

Wir halfen ihnen noch, die Kisten in den Transporter zu verladen, bevor wir uns auf den Rückweg machten.

„Wie die Zeit vergeht, es ist schon wieder Mittag“, meinte Sabine, „gehen wir essen.

Es wiederholte sich der Ablauf wie gestern, nur, dass ich diesmal selber die Flasche für Krümel machte. Sabine schaute währenddessen nach Tamara. Mit Krümel auf dem Arm lief ich zur Kantine.

Sabine brauchte nicht lange und kam dann auch.

„Ich mach mir irgendwie Sorgen um Tamara. Sie lag eben in der Ecke und reagierte nicht all zu sehr auf mein Rufen. Nicht mal mit Futter konnte ich sie zum Aufstehen bewegen“, erzählte Sabine.

„Hängt ihr vielleicht die Narkose nach?“, fragte ich, während Krümel weiter seine Flasche schmatzend leerte.

„Das kann ich mir nicht vorstellen, das Gegenmittel ist normalerweise stark genug, damit die Tiere wieder ganz schnell fit sind.“

Ich sah Sabine ihre Sorge an. Sie hing an ihren Bären.

„Bist du eigentlich alleine verantwortlich für die Bären?“, fragte ich.

„Nein, das mache ich normalerweise mit Dieter zusammen, aber der befindet sich im Urlaub. Ansonsten hilft ja noch Michael, wenn ich ihn brauche und die anderen Pfleger sind auch immer schnell zur Stelle, wenn etwas wäre.“

„Und wie ist Dieter?“

„Dieter ist ein ganz Lieber, auch wenn er sich oft mit Michael nicht so gut versteht, weil er meint, Michael fehle es an genügend Disziplin.“

„Michael ist halt einfach gut drauf, oder?“

War ich verrückt, jetzt nahm ich noch Partei ein für diesen Kerl.

„Da hast du Recht. So, jetzt habe ich aber Hunger.“

„Ich auch!“

So verbrachten wir die Mittagspause in der Kantine und amüsierten uns über die tollpatischen Krabbelversuche von Krümel.

„Heute Mittag wirst du Anschauungsobjekt“, sagte Sabine, als sie das Geschirr abräumte.

„Bitte?“

„Ja, Krümel muss sich an Menschen gewöhnen, an die Geräusche der Umgebung. Du wirst dich mit ihm in den Käfig setzten und einfach mit ihm spielen. Er muss ja auch die Umgebung kennen lernen.“

„Und die Leute schauen zu?“

„Ja klar. Es geht nur darum, dass Krümel seine Scheu vor Geräuschen verliert. Bei dir im Arm fühlt er sich wohl, da passiert ihm nichts, aber irgendwann muss er sich ja auch mit sich alleine beschäftigen können und alleine sein.“

„Ach so. Gut, kein Problem.“

So saß ich mit Krümel zwei Stunden im Käfig, ließ ihn den Raum erforschen, half ihm bei seinen kleinen Kletterübungen. Sabine hatte extra kleine Stämme bereit gelegt, wo man sicher sein konnte, Krümel kommt drüber.

Den Rest des Tages verbrachte ich wieder mit Aufräumen und noch Füttern. Etwas geschafft kam ich zu Hause an, wo meine Mutter schon mit dem Essen wartete.

„Tim hat angerufen, ob du dich noch bei ihm melden könntest heut Abend“, meinte meine Mum, als sie mir das Essen hinstellte.

„Werde ihn nachher kurz anrufen. Ach übrigens, Brit kommt am Samstagabend zu Besuch.“

„Ich dachte, du hast diesen Bären bei dir.“

„Gerade deswegen, ich möchte nicht weggehen und den kleinen so lang alleine lassen.“

„Ist er das jetzt nicht auch?“

„Nein über Nacht sind auch einige Pfleger da, die immer wieder nach ihm gucken. Nur am Wochenende ist der Nachtdienst nur mit Minimalbesetzung im Zoo, deswegen bekomm ich den Krümel mit nach Hause.“

„Da bin ich mal gespannt!“

„Du wirst ihn sofort ins Herz schließen, er ist fast so süß wie ich“, grinste ich ihr entgegen.

„Du wieder!“, meinte sie und wuschelte mir über den Kopf.

*-*-*

„Hallo Tim, hier ist Dennis.“

„Grad habe ich an dich gedacht. Hallo! Und wie geht es unserem Tierbändiger?“

„Sehr gut, kann mich nicht beklagen und was macht dein grüner Daumen?

„Der ist taub, den hab ich mir heut unter einem Stapel Blumenerde eingeklemmt.“

„Autsch!“

„Ja, das habe ich auch gesagt.“

Tim hatte am gleichen Tag wie ich seine Lehre angefangen, nämlich in einer Gärtnerei.

„Und warum wolltest du mich sprechen?“, fragte ich.

„Na ja… Brit hat mir erzählt, dass sie am Samstag bei dir vorbeischaut… und ich wollt fragen, ob ich auch kommen kann, hab dich schon eine Weile nicht gesehen.“

„Wenn du nichts gegen Bären hast, klar!“

„Wie gegen Bären.“

„Übers Wochenende wohnt einer bei mir.“

„Bitte… so ein richtiger Bär… ähm…“

„Keine Angst, der ist noch ganz klein und schläft die ganze Zeit.“

„Okay… ich komm dann mit Brit vorbei.“

„Gut, ich freu mich schon, dann bis Samstag.“

„Tschüss Dennis!“

„Tschüss!“

Ich legte auf und ließ mich auf mein Bett fallen. Tim und ich kannten uns schon aus dem Kindergarten, wir verloren nie ganz den Kontakt. Ich musste grinsen, wenn ich an Tim dachte.

Wenn man ihn so betrachtete – groß, kurze, schwarze Haare, jede Menge Muskeln und ein so süßes Gesicht – und dann steht er mit einer grünen Schürze hinter der Theke und verkauft Blumen.

Zwei Welten! Aber mir gefiel es. Oft schon dachte ich darüber nach, ob ich Tim mehr über mich erzählen sollte, aber irgendwie hatte ich nie die Kurve bekommen, da ich dachte, ich könnte damit die Freundschaft zerstören.

Aber ich wollte es unbedingt tun, denn ich hatte dieses Versteckspiel so satt, zumindest unter meinen Freunden wollte ich mich frei geben können. Arbeitsplatz war etwas Anderes. Das war privat und gehörte nicht dorthin.

Bei diesen Gedanken musste ich eingeschlafen sein. Ein sanftes Rütteln an meiner Schulter, weckte mich auf.

„Junge willst du nicht deine Klamotten ausziehen und dich richtig schlafen legen“, meinte Dad, der vor mir stand.

„Sorry, ich muss echt eingeschlafen sein.“

Ein kurzer Blick auf meinen Wecker sagte mir, dass es schon nach elf war.

„Du gehörst jetzt zur arbeitenden Bevölkerung, daran muss man sich erst einmal gewöhnen. Und, wie geht es deinem kleinem Bären?“

„Krümel? Dem geht es gut, hat wieder hundert Gramm zugelegt.“

„Bin mal echt gespannt auf den kleinen Racker.“

„Am Freitag fährt mich Sabine nach Hause, dann kannst du ihn dir ansehen.“

„Okay, dann mal gute Nacht.“

Mein Dad lächelte mir noch einmal zu und verließ mein Zimmer wieder. Ich streckte mich und stand auf. Schnell hatte ich meine Klamotten aus und stand nun nur noch in Shorts da. Kurz noch ins Bad und schon lag ich wieder im Bett.

Plötzlich hatte ich wieder den traurigen Blick von Michael vor Augen. Was war mit diesem Kerl nur los, erst ein Großmaul, dann total traurig und am Schluss genervt und trotzig? Wenn ich’s nicht besser wüsste, würde ich sagen, er ist ein Mädchen und zickt.

Egal… oder sollte ich ihn doch mal ansprechen, ihn besser kennen lernen. Mum hatte ja schon Recht mit dem kennen lernen. Gut, ich war noch nie so, aber bei dem arroganten Auftreten von Michael hatte ich schon meine Schwierigkeiten, ihn irgendwie zu mögen.

Ich vergrub mich ins Kopfkissen legte ein Bein auf die Decke, denn es war einer der ersten Nächte, wo es angenehm warm war. Ich schlug die Decke wieder zurück, stand auf und ging zur Balkontür.

Draußen war es dunkel, das Licht der Straßenlampen war vom E-Werk schon reduziert worden. Ich trat hinaus und spürte die kühle Luft auf meiner Haut. Tief atmete ich durch und verschränkte die Arme.

Wieso dachte ich immer wieder an Michael, ich verstand das nicht. Er war mir nicht mal sympathisch. Und nur weil er gut aussah… ich schüttelte den Kopf. Dennis Kahlberg, reiß dich zusammen und benimm dich nicht so blöd.

Aber irgendetwas war mit Michael nicht in Ordnung. Die ganzen Anspielungen der Kollegen, Sabine, die ihn eigentlich immer wieder zu Recht stutze. Ich sah in die Ferne, den Himmel erleuchtet über der Stadt.

Eigentlich war ich froh, hier in einem Vorort zuwohnen. In der Stadt… nein, dass wäre nichts für mich. Ich dachte an Krümel, ob er gut schlafen würde. Jetzt wurde es mir doch etwas kalt. Ich drehte mich um und ging wieder in mein Bett.

Eng eingekuschelt in meine Decke schlief ich dann auch schnell ein.

*-*-*

Erbarmungslos klingelte der Wecker, der mit einem Schlag meiner Hand wieder verstummte. Aber es half nichts, ich musste aufstehen. Ich war schon am Überlegen, wenn ich bald achtzehn würde, käme der Führerschein dran.

Ein kleines eigenes Auto würde mir schon reichen. Ich wäre nicht mehr auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen und könnte vor allem länger liegen bleiben. So streckte ich mich und stand auf.

Das Bad war wie immer durch meine Eltern blockiert. So ging ich erst mal auf die Toilette. Gut, dass wir zwei davon hatten. Als ich fertig war, hörte ich meine Eltern unten in der Küche reden, somit war der Weg ins Bad frei.

Später schlang ich meinen Toast hinunter und kippte den Kaffe hinterher.

„Mach doch langsam Dennis“, meinte Mum, mein Dad war schon unterwegs zur Arbeit.

„Ich will meine Straßenbahn nicht verpassen.“

„Du hast doch noch Zeit.“

„Ja, wenn ich im Dauerlauf hinrenne.“

„Würde dir gut tun!“, grinste meine Mum.

„Was denn?“, meckerte ich und hob mein Shirt hoch, „siehst du hier irgendein Gramm zuviel Speck an meinem Bauch?“

Erst jetzt merkte ich, dass sie mich nur auf den Arm nehmen wollte. Ich streckte ihr die Zunge heraus und schnappte nach meinen Sachen.

„Junger Mann, sei mal nicht so frech, du bist mir nicht zu schade für eine Ohrfeige.“

Ich legte meinen liebsten Dackelblick auf und schaute sie an.

„Das würdest du tun?“, fragte ich sie.

Sie lachte.

„Schieb ab, tschüss bis heut Abend!“

Ich gab ihr kurz einen Kuss auf die Wange und schon war ich auf dem Weg nach draußen. Zügig war ich an der Straßenbahn, auch ohne Dauerlauf. Ich ließ mich auf einen freien Sitz fallen und beobachtete die anderen Leute.

Viele kannte ich ja, weil sie jeden Tag um diese Zeit hier saßen. Früher war es mein Schulweg, jetzt mein Weg zum Arbeitsplatz. Mein Handy machte sich bemerkbar, jemand hatte eine SmS geschickt.

Ich zog es aus dem Rucksack und öffnete sie. Die Nummer kannte ich nicht, bis mir einfiel, dass ich Sabine meine Handynummer gegeben hatte, damit ich für sie erreichbar war. Die SmS baute sich auf.

>Hallo Dennis, komm bitte so schnell wie möglich zur Arbeit, wir haben hier Probleme. Sabine<

War etwa mit Krümel passiert? Nervös schaute ich auf die Uhr. Fünf Minuten würde ich noch brauchen, bis ich an die Haltestelle des Zoos kam. Ich stand auf und lief zur Tür, was eigentlich Blödsinn war, dadurch war ich auch nicht schneller an der Haltestelle.

Schon beim Aussteigen hatte ich einen komischen Geruch in der Nase. Es roch verbrannt. Ich rannte über die vielbefahrene Straße und konnte über dem Zoo Rauch sehen. Scheiße… es brannte.

An dem Tor angekommen zog ich gleich meine Codekarte durch den Scanner und schon war ich drin. Schnell brachte ich meine Sachen ins Haus, schmiss sie einfach in den Aufenthaltsraum.

Hier war niemand zu sehen, es schien, dass alle Pfleger draußen waren. Also rannte ich auch nach draußen und folgte den Rauchwolken. Als ich um die nächste Biegung kam, sah ich, wo der Rauch herkam.

Das Bärenhaus. Wie blöd rannte ich in die Richtung und wurde kurz davor von Volker aufgehalten. Ich musste zu Krümel.

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