Margie 45 – Scherben bringen Glück

»Oh, Ronald, das muss es nicht. Da sind noch so einige andere Dinge, du spielst in dieser Musik nicht unbedingt die erste Geige… « Ich musste lachen.. »sozusagen. Aber eins kannst du mir ja verraten.. wieso bist du jetzt hier?«

Ronalds Blick ging zu Sebastian, der nun bei uns am Tisch saß. »Wir kennen uns auch schon so lange, Ralf. Sind halt gute Freunde.. und wenn’s dem einen mal mies geht, dann kommt es schon vor, dass einer von uns beim anderen vor der Tür steht. Und wenn’s mitten in der Nacht ist.«

Ich heftete meinen Blick auf Ronald. »Aber von.. Sebastian, da weißt du..«

»Ja. Drum, ich hab keine Probleme mit Schwulen, gar nicht.«

»Und wie hast du es von Sebastian erfahren?« Das wurde so ne richtige Fragestunde.

»Ich hab es ihm gesagt, ziemlich früh«, kam es dann von Sebastian.

»Und du hast nicht gemerkt, dass er Angelo.. sozusagen im Visier hatte?«, wandte ich mich an Ronald.

Der wurde rot, das konnte man trotz der relativ trüben Funzeln sehen. »Nein.. Sebi hat nie etwas darüber gesagt. Und ich hab’s ja auch gar nicht mitgekriegt.«

»Aber.. du bist jetzt nicht überrascht.. «

»Nein. Das geht mich überhaupt nichts an.«

Schöne Freunde. Aber mich ging das auch nichts an.
Ich fand’s irgendwie richtig gemütlich auf einmal. »Sebi, ich denke nicht dass du arbeiten gehen solltest«, wurde ich dann meinen Übermut los.

Er sah auf die Uhr. »Nein, ich fürchte das macht wirklich keinen Sinn.«

Schön, dann war das geklärt. Ungeklärt blieb, wie der Rest der Nacht aussehen würde. Zum durchmachen fühlte ich mich nicht wirklich fähig.

»Scheiße..«, gab Ronald plötzlich von sich. Zugegeben, dieses Wort stand ihm so überhaupt nicht.

»Was ist passiert?«, wollte ich folgerichtig wissen.

»Ich hab was getrunken.. «

»Ja nun, solche Dinge kommen schon mal vor.. Bekommt es dir nicht oder was ist plötzlich los?«

»Doch, doch. So ist das nicht, aber wenn wir uns schon.. besucht und dann was getrunken haben.. Autofahren ist dann nicht mehr.«

»Wir nehmen meistens einen zur Brust, das will er damit sagen. Und dann bleibt eben derjenige gleich da«, versuchte Sebastian zu erklären.

Selbst zu so später Stunde und unter der Einwirkung des Alkohols wusste ich, worauf die beiden hinauswollten. Ronald wollte nicht mehr fahren, also musste er hier pennen. Irgendwo sicher nicht, ich vermutete einfach mal die Couch. »Also ich kann hier draußen pennen, kein großes Problem. Hab’s eh vorgehabt.« Das entsprach ja auch in etwa den Tatsachen. Ich wollte unter keinen Umständen die regelmäßigen Gewohnheiten der beiden aus dem Takt bringen.

Ronald sah etwas verlegen zu Sebastian hin.

»Also wie ich schon sagte, Ralf, mein Bett ist groß genug«, bekräftigte Sebastian nochmals, auch wieder ohne den Zusatz, dass er mich nicht antasten würde.

Das war dann eindeutig. Ronald würde wahrscheinlich kein Auge zumachen, wenn er neben Sebastian pennen müsste. Demzufolge war ich es, dem die Rolle des Beischläfers sozusagen zufiel. Aber ich nahm es gelassen. Auf irgendeine verdammte Art und Weise würde auch diese Nacht irgendwann ein Ende finden, wie auch immer.

»Was.. machst du denn morgen?«, wollte ich von Ronald wissen, ohne weiter auf die Nachtlagersituation einzugehen.

»Morgen? Du meinst wohl eher heute. Nun, ich hab noch Urlaub.. weil ich Angelo doch beim einziehen helfen wollte.«

Passt. Haargenau. »Hm, würdest du.. mit mir kommen? Zu Angelo?«

Er sah mich mit großen Augen an. »Ähm.. «

Gut, ich gab ihm Fairerweise Zeit zum nachdenken. Sicher war die Akte Angelo mein Fall, aber Unterstützung konnte nicht schaden. Wenn Angelo merkt, dass Ronald und ich.. Verbündete sind sozusagen, dann würde die Sache vielleicht einen ganz anderen Verlauf nehmen. Das allein in die Hand zu nehmen schien mir nämlich immer noch ziemlich schwierig. Wenn Hilfe naht, sollte man sie annehmen. »Und?«, fragte ich denn doch nach.

»Mal sehen. Ich.. bin jetzt bloß noch müde. Wir können ja später noch mal drüber reden.«

Okay, mir wäre eine spontane Entscheidung lieber gewesen, aber es war ja noch nichts verloren. Notfalls musste ich meinen ganzen Charme spielen lassen, dem konnte selten jemand widerstehen.

»Gut, kein Problem.«

»Verfluchter Mist«, fiel Sebastian in unser Gespräch und sah auf die Uhr.

»Ups, was passiert?«

»Allerdings, Ralf. Mir fällt ein, dass ich heute doch noch einen wichtigen Termin habe.. total vergessen.«

Aha. Unter anderen Umständen hätte mich das jetzt wieder frustriert, aber ich hatte ja nun Ronald.. als Unterstützung sozusagen.

»Hat keinen Wert, ich muss den Termin wahrnehmen. Also, Leute, ich geh dann mal flugs ins Bett.« Damit stand er auf. »Gute Nacht«, und in die Wohnung deutend sagte er noch, »irgendwo werdet ihr einen Platz zum pennen finden. Wir sehen uns heute Nachmittag.«

Wir riefen ihm Gute Nacht hinterher und weg war er.

Irgendwie spürte ich dann sofort, dass Ronald unser Alleinsein nicht besonders behagte. Ein paar Fragen hätte ich schon auf Lager gehabt, aber ich wollte dann auch nicht mehr. Fest stand nur, dass Ronald die Couch in Beschlag nehmen würde und sonderlich bequem war es hier draußen nun doch nicht. Somit fällte ich eine Entscheidung.. Gut, ich kann nicht verheimlichen dass Ronald im Bett neben mir wesentlich weniger Kopfzerbrechen gemacht hätte. Da bestand höchstens von mir aus eine gewisse Gefahr, aber mit Sebastian..

»Ich geh dann mal ins Bett. Wir können ja zusammen frühstücken.«

Ronald nickte. »Ja, gute Nacht. Bis.. später.«

Ich begab mich ins Wohnzimmer, durchschritt dieses und steuerte mutig auf die Tür hinten rechts. Wahrscheinlich schlief Sebastian schon und zudem, er brauchte jede Minute. Keine einzige davon würde er mit mir verschwenden, da war ich mir dann sicher.

Eben noch mal schnell pinkeln gehen, dann betrat ich das Schlafzimmer. Auf Zehenspitzen und Luft anhaltend. Schnarchte Sebi eigentlich? Ich lauschte, aber außer einem gleichmäßigen Atmen vernahm ich nichts. Es war nicht ganz dunkel, der Lichterschein der Stadt ließ vage Erkennen wie es da drin aussah.
Sebastian lag in dem zugegeben riesigen Bett auf dem Bauch, das Gesicht zum sperrangelweit geöffneten Fenster. Zum Glück verspürte ich einen angenehmen Luftzug, wenngleich der kaum etwas gegen die Schwüle ausrichten konnte.
Sebastians Arm lag quer über das Doppelbett, genau da wo ich mich niederlassen wollte. Wenn ich nun diesen Arm wegschieben würde.. Scheißegal, ich war an der Grenze zur Ohnmacht. Mit Shirt und Short setzte ich mich vorsichtig auf das Bett und nahm den Arm, hob ihn ein bisschen an und legte ihn dorthin, wo er sein sollte.
Langsam ließ ich mich dann sinken, das Bett wirkte eigentlich schon wie ein Magnet. Es zog mich förmlich hinunter und dann lag ich. Endlich.
Nun war runterkommen angesagt. Abschalten. Augen zu und nichts mehr wahrnehmen, am besten auch an nichts denken. Alles später..

Ich habe öfter lebhafte Träume, aber noch wie war es da so laut zugegangen. Im ersten Moment wusste ich tatsächlich nicht wo ich bin, als ich die Augen aufschlug. Rasch rief ich mir die letzten Erinnerungen ins Gedächtnis.
Meine Lage in dem Bett war völlig unverändert, außerdem hatte ich keine Ahnung wie lange ich schon geschlafen hatte. Aber nun war ein Geräusch zu mir vorgedrungen, das ich keinem Traum zuordnen konnte.
Durch die offene Schlafzimmertür fiel Licht. Irgendwas musste da draußen passiert sein und nachdem ich mich vergewissert hatte, dass Ronald neben mir noch am pennen war, setzte ich mich auf.
Hörte ich grade Stimmen? Ja, irgendwie..
Ich stand leise und vorsichtig auf und bewegte mich in Richtung Licht.

Nein, ein Traum war’s wahrlich nicht, obwohl der Gedanke nahe lag. Das Licht kam aus der Küche und nun stand ich unter dem Türrahmen zur selbigen. Ronald war in die Hocke gegangen und fluchte leise vor sich hin. Ich erkannte sofort die Ursache der Geräusche.

»Ist etwas passiert?«

Au, ich hätte vorher Hüsteln sollen oder sowas, jedenfalls erschrak Ronald dermaßen.. Er hatte nen Handbesen in der einen und eine Kehrschaufel in der anderen Hand. Rasch stand er auf. »Gott hast du mich erschreckt. Komm nicht näher, mir ist ein Glas runtergefallen.«

Ich ging automatisch auf die Zehenspitzen. »Das ist blöd«, kommentierte ich. Ich sagte das eigentlich aus anderem Grund. Ronald hatte nichts an außer einem super engen Slip, und in dem war ganz schön was abgebildet. Also, er hatte keinen Steifen oder so, aber es liegt nun mal in meiner Natur, dass mir da gewisse Flüssigkeiten sofort zusammenlaufen. Und blöd fand ich eben nicht das kaputte Glas, sondern dass Ronald nicht schwul ist. Ein klitzekleines bisschen schwul, grad ein Fingerhut voll.. hätte ja gereicht. Aber so konnte oder vielmehr musste ich mich mit dem Anblick zufrieden geben. Ein hübscher Kerl, oft genug hatte ich es ja bemerkt. Gut, nicht mein Angelo, aber Ersatzweise.. „Du bist Notgeil, sonst würdest du das jetzt nicht denken.“ Ich konnte dieses Wort einfach nicht mehr hören. „Bin ich nicht.“ „Doch. Geh hin und hilf ihm. Dann bist wenigstens in seiner Nähe.“
Zweifelsohne, das hatte was. Aber die Scherben.. die fungierten leider als natürliche Annäherungsbremse. »Ähm.. tschuldige, ich bin noch nich ganz wach.«
Mein Blick fiel auf die Küchenuhr. Es war kurz vor Vier und keine Sekunde früher. Demnächst würde es hell und ich begann mir diese Nacht oder was immer das sein sollte, endlich völlig abzuschminken. Ich wollte dann auch gar nicht wissen, was Ronald noch so dermaßen lange getrieben hatte. „Er wird keine vier Stunden gewichst haben,“ „Arsch.“

Nun gut, Ronald leerte die Schaufel im Mülleimer. »Bleib dort, ich wisch noch nach. Sicher liegt da noch der eine oder andere Glassplitter. So ein Mist aber auch.«

»Ah, Scherben bringen Glück. Gibt doch Schlimmeres.« Allerdings, ich hatte das Glas ja nicht zerdeppert, von daher war das Glück wohl eher auf seiner Seite. Aber vielleicht reichte es ja schon, dass ich dazugekommen war. „Traumtänzer!“ Ja, mein Gott, an irgendwas musste ich mich doch festhalten. Ich konnte doch soviel Glück brauchen, später, bei Angelo.

„Bleib dort.“ Das sagte er nicht wegen dem doofen Glas. Todsicher wusste er von seinem knackigen Aussehen und nun fürchtete er eine Attacke meinerseits auf seinen Astralkörper. Zu recht, das musste ich mir eingestehen. Er war nun mal eine Sünde wert und wie schon bemerkt, zu schade um ihn alleine ins Bett zu lassen. Wie hielt Sebi das bloß aus, wenn der schon nächtens in seiner Nähe war? Mich würde sicher nur ein Keuschheitsgürtel von gewissen Handlungen abhalten. Aber das war im Augenblick nicht der Fall; Ronald machte mich an und ich hatte dem absolut gar nichts entgegenzusetzen. Es blieben noch zwei Stunden Zeit.. um Sechs morgens soll der Mann ja am aktivsten sein. Vielleicht mutierte er dann doch zu einem kurzzeitigen Pseudoschwulen.. „Dummschwätzer.“ »Ähm, kann ich dir.. irgendwie helfen?« Stotterte ich? Ja, ohne Zweifel.

»Nein, danke. Du hilfst schon wenn du stehen bleibst. Nicht dass du einen Splitter in den Fuß kriegst. Das ist nicht angenehm.«

Die zweite Abfuhr. Ja nicht zu nahe kommen.. Aber gut, wer weiß wie ich in seiner Situation reagiert hätte. Dumm nur, dass ich mir grade sowas überhaupt nicht vorstellen könnte. Er hätte nur kurz zu winken brauchen und ich wäre mit einem Satz bei ihm gewesen. Ohne Splitter im Fuß.

»Tut mir Leid wenn ich dich geweckt hab«, sagte er dann leise.

Gott, was für ein mitleidiges Gesicht. Stand ihm aber gut, das machte ihn nämlich um Jahre jünger. Einfach – zum anbeißen wie er da so vis a vis stand.. Dennoch, jetzt war ich sozusagen übermüdet und dann kann ich einfach nicht mehr schlafen. Schuld hin, Schuld her, mir graute vor dem Tag.

»Ralf?«

»Ja?«

»Ich.. hab darüber nachgedacht. Wegen Angelo.. also deine Frage, ob ich mitkommen möchte.«

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