Margie 47 – Falsche Adresse

»Wer sind „sie“?«, fragte Ronald und sah mich mit großen Augen an.

»Ich werd das Gefühl nicht los, das könnte Willard oder seine Schergen sein.«

»Hm, ich weiß nicht.. warum sollten die hier auftauchen und weißt du, wie viel Menschen hier wohnen? Also für mich wär das aber ein ganz großer Zufall.«

Am Ende wollten die wirklich zu wem ganz anderem oder sie waren vom Rundfunk, aber mir blieb keine Zeit mich mit Wahrscheinlichkeiten abzugeben. Ich spürte einfach Gefahr im Verzug und drauf verließ ich mich. »Ja, möglich. Wenn sie es sind, müssen erst mal verhindern, dass sie mit Angelo reden. Wenn sie es nicht sind, um so besser. Aber ich hab so ein scheißblödes Gefühl..«

»Sie steigen aus. Was jetzt?«

Rasch suchte ich nach einer Lösung. Sie aufzuhalten schien unmöglich, aber..

»Komm, raus, schnell.«

Zum Glück fragte Ronald nicht lang. Praktisch war nun unser Standort; nur über den Gehweg zum Eingang. Deshalb waren wir wenige Sekunden später da.

»Hast du was zum schreiben?«

Ronald nickte und hielt mir einen Stift hin. Dass er dann auch noch Papier dabei hatte, das war denn wohl zuviel verlangt. Mir fielen die Werbeprospekte auf, die ein Träger freundlicherweise einfach auf die Eingangstreppe gelegt hatte. Rasch nahm ich eins. »Wo sind sie?«

»Hm, sie kommen nur langsam. Ich weiß dass hier einige Häuser keine Nummern haben. Frag nicht warum, das ist einfach so. Damit haben sie jetzt scheint’s ihre Probleme. Aber.. Ralf, das ist doch quatsch. Wer weiß zu wem die wollen.«

Ich ließ mich nicht drauf ein. Irgendwie passte das alles und damit versuchte ich, einen Schnipsel einigermaßen anständig aus dem Rand eines Prospekts abzureißen. »Ich sage ja, wenn sie es nicht sind ist es okay. Können sie uns grade sehen?«

»Im Augenblick gehen sie zum übernächsten Eingang. Nee, die sehen uns nicht.«

Das Prospekt diente denn auch als Unterlage, als ich „A. Üzdemir“ auf den Schnitzel schrieb. Ich riss Angelos mit Klebstreifen befestigtes Namensschild ab und popelte den Papierfetzen herunter. Ganz würde ich ihn nicht abkriegen, das merkte ich gleich, aber wenigstens war sein Name nicht mehr zu lesen. Mit zittrigen Händen pappte ich das neue Namensschild auf das Tableau.

»Was wird das denn jetzt?«, fragte Ronald verwundert.

»Wenn die gleich Fragen stellen, hälst du am besten den Mund, okay?«

Ronald nickte und ich war echt heilfroh, dass er keine weiteren Erklärungen wollte.

»Hast du deine Hausschlüssel einstecken?«, fragte ich ihn schließlich.

»Ähm.. nee, nur den Autoschlüssel.«

»Egal, gib her.«

Und dann kamen die beiden auch schon auf uns zu. Sie bekamen aber nicht mit, dass mir Ronald seinen Schlüssel gab. Zum Glück war so etwas wie ein Garagenschlüssel dran. Mit dem tat ich dann so, als wollte ich die Haustür öffnen.

Nun standen die beiden sehr gut gekleideten Männer direkt bei uns und studierten das Klingelschild. Zu genau wie ich fand und meinem Gefühl nach wollten sie in dieses Haus in der Kastanienallee. Und sie wollten zu Angelo. Zumindest für mich stand das fest.

Mit großen Augen starrte ich die beiden an. »Zu wen du wolle?«, fragte ich und hoffte, Ronald würde sich nicht gleich kaputtlachen. Aber sein Gesicht blieb ernst, er hatte meinen Plan anscheinend durchschaut. Sicher war er auch überrascht, dass die beiden tatsächlich zu unserem Freund wollten.

Die zwei gutaussehenden Männer mittleren Alters musterten mich. Gut, wie der geborene Türke sah ich nicht aus, aber meine dunkelbraune Hautfarbe dürfte wenigstens etwas an einen Südländer erinnern.

»Wir suchen einen Herrn Kassini«, fragte der eine höflich, nachdem sie das gesamte Schild einige Male rauf und runtergelesen hatten. Volltreffer. Meine Ahnungen waren völlig in Ordnung, mein Geist nicht. Ruhe bewahren.
Ich sah Ronald fragend an, dann wieder zu den beiden. »Kassini? Nix Kassini hier. Du gucken.« Dabei zeigte ich stolz auf das Tableau.

»Aber er muss hier wohnen«, sagte jetzt der andere und zeigte auf die Hausnummer über dem Eingang.

»Du kenne Kassini?«, fragte ich Ronald. Der sah mich an und schwieg. »Ich nix kenne. Ich Ali. Da«, und tippte auf mein gebasteltes Schild. Es war sicher ein heikles Ablenkungsmanöver, aber Ronald spielte mit und unsere Chancen standen so schlecht gar nicht.

Ronald räusperte sich. »Ähm, mein Freund Ali hier ist gestern da oben eingezogen. Das ging ganz schnell, weil der ursprüngliche Mieter abgesagt hat.«

Oh Ronny, ich hätte ihn küssen können.

»Wieso abgesagt?«

Man merkte, dass das die beiden sehr interessierte. Ich war gespannt, was Ronald noch auf Lager hatte. Mit einigem Glück könnte es funktionieren; wenigstens konnten wir so die nötige Zeit schinden und ich zog es vor, erst mal nichts mehr zu sagen.

Ronald zog die Schultern noch. »Na ja, als ich Ali geholfen hab, den Mietvertrag zu unterschreiben, hat der Vermieter geschimpft.« Er rieb sich nachdenklich das Kinn. »Ach ja, er sagte noch, so ne Wohnung für den Preis würde der in Berlin nicht kriegen. Ja, so was hat der gesagt.«

Die beiden Männer sahen sich an. »Berlin?«

»Ja, so hab ich’s verstanden.«

Die beiden guckten wirklich sehr ungläubig aus der Wäsche. Ich hatte das Gefühl, die glaubten uns kein Wort. Aber zunächst hatten sie keine andere Wahl; immerhin war es für sie völlig unmöglich, unseren Auftritt zu durchschauen.

»Ja, danke.«

Und damit verließen sie uns, nicht ohne sich noch ein paar Mal umzudrehen. Die waren völlig ratlos. Nur, sicher nicht lange. Im Moment dürften sie höchstens annehmen, dass sie die falsche Adresse bekommen hatten. Angelo würde ihnen so auf keinen Fall durch die Lappen gehen. Ich fragte mich allerdings, was das zu bedeuten hatte. Warum suchten sie ihn wie einen Verbrecher? Da wurde ne Menge Zeit verschwendet und das musste doch einen Grund haben. Aber egal, jetzt zählte jede Minute.
Entschlossen drückte ich auf die Klingel, nachdem die beiden Honoratioren wieder in ihr schickes Auto gestiegen und davongefahren waren. Wahrscheinlich hatte einer längst das Handy in der Hand um von dem Missgeschick zu berichten. Sicher aber war, dass sie niemals auf die Idee kommen würden, sie wären gelinkt worden.

Die Sprechanlage krächzte. »Ja?«

Ich schnaufte durch, mein leidiger Blick fiel auf Ronald. Ich drückte automatisch beide Daumen in der Hand. »Wir sind es. Ralf und Ronald.«

Klick. Die Zeitspanne zwischen dem abschalten der Sprechanlage bis zum summen des Türöffners zog sich Ewigkeiten dahin. Wir waren also noch nicht abgeschrieben, was ich an dieser Stelle bereits als einen sehr wichtigen, sogar äußerst wichtigen Punkt betrachtete. Natürlich konnte er auch oben stehen, an der Treppe, einen Kübel mit heißem Teer der einer Kalschnikov im Anschlag.
Ich drückte die Tür auf und schob Ronald in den Hausflur. So wie das Leute tun, die schnell von der Straße verschwinden müssen wenn ihnen jemand auf den Socken ist.

»Hey, die Typen sind weg«, moserte Ronald dann auch.

»Ja, sicher. Aber ich trau denen einfach nicht.«

»Blödsinn. Komm, hoch.«

Nun folgte ich Ronald die Treppen nach oben. Stickig war’s und die bereits bekannten Gerüche waberten vor unseren Nasen. Nur ruhiger war’s. Die Balgen des Hauses waren sicher im Kindergarten oder in der Schule.

Angelo stand unter der Tür. Oh ja, nur in einer zerschlissenen Short, die zwar schon bessere Tage gesehen hatte, dafür aber brav den Konturen folgte. Sonst hatte er nichts an. Aber ich sah auch keinen Kübel und keine Waffe.

Ronald und ich blieben zwei Stufen weiter unten stehen. Angelo schien wirklich völlig überrascht. Wahrscheinlich war ihm schon so manches eingefallen, aber das hier dürfte seine kühnsten Vorstellungen zu übertreffen.
So standen wir drei da, unsere Blicke auf Angelo geheftet und seine Augen pendelten zwischen mir und Ronald hin und her. Offenbar wartete jeder, bis der andere etwas von sich gab.

»Guten Morgen, Angelo«, fing ich an. Sollte ich ihm versuchen, die Hand zu geben? Nein, ich entschied dann, dass das allzu förmlich daherkam und fast schon anbiedernd wirkte.

»Hallo«, kam Ronald hinterher.

Wir beide, in augenscheinlicher Zwietracht.. Ich hörte mal wieder Rädchen drehen, denn Angelo schien offenbar wirklich nicht zu wissen, was er mit der Situation anfangen soll. Wäre ich alleine gekommen.. na ja, wer weiß ob er mich überhaupt reingelassen hätte. Aber so..

»Morgen. Was wollt ihr?«

Ich hörte es heraus, jawohl. Das war keine echte Frage. Er wäre bestimmt schon gern freundlicher rübergekommen, aber immerhin, er war ja das getretene Pferd und wir die Sündenböcke. Angelo setzte auf Abstand. Ja nicht verraten. Sein Vater und Sebi hatten recht. Dickkopf.

»Dürfen wir reinkommen?«, fragte ich ganz normal.

Er machte die Tür weiter auf, und winkte uns herein. Dabei machte er ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. Wie sagen wir dazu?: Ne Schnute ziehen. Aber vielleicht wollte er auch nicht, dass das Haus etwas mitbekam, das nicht für dessen Ohren geeignet war.

Wir blieben im Flur stehen und Angelo schloss die Tür. Er verschränkte die Arme vor der Brust, lehnte sich an die Wand und stellte ein Bein übers andere. »Also?«

Ich wollte ihm sagen, dass es sich so nicht gut reden lässt, ich mein so fast zwischen Tür und Angel. Aber immerhin waren wir schon mal in der Wohnung drin, was ein weiterer Pluspunkt bedeutete.

»Wir sollten noch mal reden..«, sagte Ronald.

Mann war ich froh dass er dabei war. Keine Ahnung was ich jetzt alleine gemacht hätte.

»Was soll ich noch sagen, Ronald? Wir haben gestern..« Angelo war mit dem was gestern hier passiert war, auch nicht unbedingt zufrieden, das spürte man.

Ronald beschwichtigte mit den Händen, noch bevor Angelo aufbrausen konnte. So er das vorhatte. »Gestern waren wir alle durch den Wind. Ralf und ich, wir wollten deshalb.. noch mal in Ruhe mit dir darüber sprechen.«

Schön artig war er, der Ronny. Besser hätt ich ich’s auch nicht hingekriegt.

»Über was denn? Ronald, ich wüsste nicht, was es noch zu sagen gäbe.«

»Angelo, ich hab mich blöd benommen. Dafür möcht ich mich entschuldigen.«

Das war ein wichtiger Schachzug. Gleich den Wind aus den Segeln nehmen. Angelo setzte sich in Bewegung, Richtung Schlachtfeld. Klar, an einem Tag kann man so ein Chaos nicht auf die Rolle kriegen. »Kommt rein«, meinte er dann.

Also, mich hatte er bis dahin gar nicht beachtet. Er behandelte mich wie Luft, zumindest bis dahin. Aber ich hielt meine Gärung zurück und beschloss, ihm dezent meine Anwesenheit deutlich zu machen. »Ähm.. Angelo.. «

Er blieb stehen und drehte sich zu mir um. Oh ja, jetzt hatte er seinen bösen Blick drauf, gleich schlug der Feuerstein auf das Zündplättchen und das Schwarzpulver.. »Was willst du? Ich hab..«

Nanu? Hatte ich das Gefühl, ihm war grade die Luft ausgegangen? Angespannt wartete ich auf das, was er mir gleich an den Kopf schmeißen würde.

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