Margie 55 – Rosige Aussichten

Verwundert sah ihm Sebastian nach. »Oh, war ich da.. jetzt Schuld?«

Ich schüttelte den Kopf. »Gewiss nicht. Es war diese Nacht sehr heiß hier oben..«

Sebi grinste richtig unverschämt. »Aha, heiß war’s«, sagte er zwinkernd und knuffte mich mit dem Ellenbogen in die Seite. »So, genug gehampelt. Die Möbelpacker kommen um Neun, vorher wird erst Mal richtig gefrühstückt.«

»Woher.. weißt du das, ich mein, dass die da kommen?«

»Ich hab die bestellt, Ralf, auf Placzeks Anweisung hin.«

»Gut, da ist ja noch jede Menge Zeit.«

Wir gingen auf den Balkon und ich begrüßte für mich persönlich diesen Tag ganz formell. Solche Nächte und solche Tage konnte es von mir aus massenweise geben.
Nebenbei zückte ich mein Handy und verkündete die frohe Botschaft, dass ich im Lauf des Tages wieder zu Hause aufkreuzen würde. Welch freudige Mitteilung, Mam war richtig begeistert. Vermutlich hatte sie mich schon im Moloch Mainhattan untergehen sehen. Näheres berichtete ich aus Kostengründen nicht, dazu war später Zeit genug.

Sebi bot mir eine Zigarette und wir setzen uns. »Dann.. war das also ne schlaflose Nacht, wie?«
Sebastian konnte es nicht lassen, aber ich verstand ihn. Wenn man bedachte, wie er Angelo hofiert hatte und nichts dabei herauskam, dann war das nur natürlich. Dass Angelo und ich zusammen geschlafen hatten, das musste man ihm nicht extra unterbreiten; wahrscheinlich konnte man uns das sogar angesehen. Details gabs trotzdem nicht, da würde lange picken müssen, bis an meinem Hirn war. »Ja. Man glaubt nicht wie heiß es da in dem Zimmer ist.« Dabei grinste ich und weitere Kommentare waren an der Stelle überflüssig.

Angelo hörte ich dann telefonieren, keine Ahnung mit wem und den süßen Mandelblütenduft hinter sich herziehend, setzte er sich anschließend zu uns. »Puh, jetzt bin ich wach«, stöhnte er. Und grinste dabei..

Sebi hatte belegte Brötchen mitgebracht und eine Thermoskanne Kaffee. Lustig, weil wir alle drei aus dem gleichen Schraubbecher trinken mussten.

»Übrigens, wenn ihr soweit seid, könnt ihr schon mal losfahren. Die brauchen euch hier nicht. Zudem reicht es, wenn ich denen zwischen den Zehen herumtapse«, bemerkte Sebastian fast wie nebenher.

Das war ein wahrlich fürstlich Wort. Hatte ich erwähnt, dass ich Umzüge hasse? Gut.

Es war dann so halb Neun, als wir uns auf die Socken machten. Sebastian blieb wie geplant in der Wohnung, als Koordinator sozusagen. Er wollte nachkommen, wenn die Wohnung leer war.
Angelos neues Auto stand in der Garage, die zur Wohnung gehörte. Allerdings musste ich leider auf die Mitfahrt in einem schicken Sportwagen verzichten. Völlig unauffällig reihten wir uns mit seinem Stuttgarter Gefährt der kleineren Klasse in Frankfurts Verkehr ein.

»Freust du dich?«, wollte ich von Angelo wissen.

»Klar. Ist doch viel besser so. Und wir sind zusammen. Schöner können wir es doch gar nicht haben.«

Oh, wie wahr. Es stand außer Frage, dass wir uns jeden Tag sehen konnten. Endlich vorbei dieses Hin und Her. Ich hoffte, dass sich das nicht schon bald wieder ändern würde. Keinen Bock darauf. Zwar konnte ich eh nichts dagegen machen, die Wege der Kunst und Kultur können ja schon seltsam sein. Aber beten durfte man ja.

»Und.. wann wird die Arbeit in deinem Studio anfangen?«

»Zunächst bauen sie die Technik aus, damit wollen die aber noch diese Woche beginnen. So lange ist vielleicht ein bisschen Ruhe um uns.. Wenn Placzek nich ankommt.. mit den ersten Ideen.«

Gute Güte, wie er das sagte. Ruhe um uns. Das klang sehr, sehr verlockend. Schon, weil ich so meine ganze eigene Vorstellung davon hatte. Niemand stört, keiner. »Was für Ideen?«

»Na ja, er meinte, so die klassische Musik wär ja nicht schlecht, aber ihm schwebt da schon mehr was peppiges vor.«

»Peppiges?«

»Ja, mehr so in der Pop – Richtung.«

Ich erinnerte mich an den Morgen, als Angelo da unten saß in seinem Keller. Dieses Musikstück war auch nicht klassisch. So irgendwie, schmusig halt. Zum träumen. »Was ist das gewesen, was du damals im Keller gespielt hast? Als Margie noch.. im Eimer war?«

»Das hab ich selbst komponiert und das war es auch, womit Placzek auf mich aufmerksam geworden ist. Ich denke, so in der Richtung stellt er sich das vor. Etwas flotter vielleicht, aber ja, das wird’s wohl werden.«

Schön, denn mit Klassik konnte man ja schon ganze Autobahnen bepflastern. Nun, ich wollte mich überraschen lassen. »Darf.. ich eigentlich schon vorher hören was du so spielen wirst? Also, bevor es andere..«

Angelo lachte und schlug mir übermütig auf den Schenkel. »Na klar. Du wirst mir schon sagen müssen obs gut ist oder nicht.«

»Ähm.. aber ich hab doch null Ahnung..«

»Genau, Ralfi, genau. Du bist unbedarft, unbefangen, unversaut.«

»Hast du keine Angst, ich könnte alles gut finden was von dir kommt.. weil’s eben von dir ist?«

»Nee, nicht wirklich. Du bist ja dann nur ein Filter von vielen. Weißt du, ich glaube dass du ein sehr guter Kritiker sein wirst.«

Hach Gott, was für ein Kompliment. Ob ich dieser Anforderung gerecht werden könnte, na ja, abwarten. Sicher würde ich ihm sagen wenn mir dieses oder jenes nicht gefällt. Wie auch immer, ich freute mich auf diese Aufgabe. Und darauf, noch ein paar freie Tage zu haben. Mit ihm.

Auf der Autobahn war dann mal wieder kein Fortkommen, in und um Frankfurt gehört dahinkriechen auf den Straßen genauso dazu wie die Wolkenkratzer. Aber wir hatten Zeit und die Klimaanlage verhinderte einen Hitzekollaps. Denn wie erwartet standen laut Thermometer schon wieder 30 Grad im Schatten an. Morgens um Neun rum.

Dann unser Ortsschild. War ich ein paar Wochen weg? Monate? Wieso kam mir das nach so kurzer Zeit schon so fremd vor? Nun, geändert hatte sich während meiner Abwesenheit nichts. Zumindest nicht auf den ersten Blick.

Angelo bog in den Weg zum seinem Haus ein. Auch keine Änderung.

Ankunft vorm Kassini’schen Anwesen. Endlich da. Angelo stellte den Motor ab und wir blieben einfach so sitzen. Ob wir Angst hatten dass uns gleich der Hitzschlag treffen würde oder warum auch immer; wir saßen einfach da.

»Ich habe das Gefühl, ab jetzt beginnt eine neue Ära«, sagte Angelo dann fast andächtig.

»Dieses hab ich auch«, fügte ich an. Wer hätte das alles vor ein paar Tagen so kommen sehen? Ich auf keinen Fall. Werner? Der vielleicht am ehesten. Hatte ja dauernd die Ahnung, dass er sehr viel zuversichtlicher war. Ich glaubte, er würde sagen: „siehst du, ich hab’s ja gewusst.“ Meine Eltern.. nun gut, anderes Thema. Sicher war jetzt nur, dass Angelos Eltern keine Probleme mehr verursachen würden. Das ganze Affentheater war ein Missverständnis und darauf wollte ich es auch beruhen lassen. Die Zukunft lag vor uns, hier begann sie und ich riet so insgeheim niemand, sich dem entgegenzustellen. »Was macht eigentlich Sebi.. ich mein, der ist ja dann auch hier, oder?«

»Ja, den quartiere ich im Gästezimmer ein. Er wird wohl in gleichen Teilen hier und in Frankfurt sein.«

Na ja. Drei Schwule unter einem Dach.. Da würde ich wohl des Öfteren ein Auge auf die beiden haben müssen. Zu dumm aber auch, dass ich nichts von Musik oder Management verstand. Dann könnt ich 24 Stunden um meinen Hasen sein. So musste ich tagsüber auf den Dächern herumturnen während Angelo seine Margie streichelte. So recht passen tat mir das eigentlich nicht, aber zu ändern war’s auch nicht. Nach der Lehre.. ja, ich wollte doch sowieso was anderes machen.
Nun gut, vorerst musste es ein Wunschtraum bleiben. Anderen ging’s ja nicht anders. Malochen, dann Bett. So ähnlich jedenfalls.
Es gab noch ne Menge technischer Fragen, aber die konnten warten. Fest stand jedenfalls, dass ich, wenn ich mal bei Angelo über Nacht bleiben wollte, nicht im Gästezimmer schlafen musste. Auf der Couch würde er mich sicher nicht einquartieren. Nicht nach der letzten Nacht. Welch rosige Aussichten.. »Sag mal, wir.. sind ja.. jetzt zusammen oder so.«

Angelo grinste mich an. »Ich denk schon.«

»Wie ist das denn.. ich mein, wir wohnen ja nicht weit voneinander.. aber trotzdem..« Es war so schwer die richtigen Worte zu finden ohne ihn irgendwie zu erschrecken.

»Ich gehe richtig in der Annahme, dass du es vom.. zusammenziehen hast?«

Wie schön dass er keine lange Leitung hat. »So meinte ich das.«

»Ich denke, wir sollten jetzt erst mal reingehen. Alles andere besprechen wir dann, okay?«

So stiegen wir aus, wobei man wirklich Angst haben musste, in Sekunden zu verdampfen wie ein Wassertropfen auf einer heißen Herdplatte. Es war echt sauheiß. Und natürlich diese merkwürdige Ausflucht.. erst mal reingehen. Konnte er nicht einfach Ja oder Nein sagen? Also von vorn durfte das nicht wieder losgehen, irgendwann ist nämlich Polen offen. Aber gut, ich fügte mich.

Angelo schloss die Haustür auf. »Außer Paul ist niemand da«, bemerkte er dann so beiläufig. Und ich hatte mir auf der halben Fahrt Gedanken gemacht, wie ich seiner Mutter oder Vater unter die Augen treten wollte. Immerhin, ich war ja so quasi über Nacht ein bisschen Familienmitglied geworden. Nun, auch nicht schlecht, dann blieb ja noch ein bisschen Zeit dafür.

»Paul?« Angelo rief laut und deutlich.

Wie aus dem Nichts stand er plötzlich bei uns und sein Gesicht verriet Freude. »Hallo Angelo. Herr Bach..« Er reichte mir die Hand und ich griff nicht nur sie, sondern auch die Chance zum Einstieg, sozusagen.

»Ralf, ich bin Ralf.«

Keine Ahnung ob das so richtig war, aber mich ödete dieses Sie mächtig an. Und bei einem musste ich schließlich anfangen.

Paul lächelte. »Wie du meinst.«

»Übrigens.. Sebastian kommt ganz nach Ihnen..«

Paul lächelte. »Das hör ich öfter.«

Mein Seitenblick zu Angelo ließ ein gewisses Grinsen erkennen, aber er schwieg. Nun ja, konnte ihn immer noch fragen ob das ein Fehler war. Paul durfte Du zu mir sagen, ich würde es erst tun wenn er es mir anbot. So was nennt man Höflichkeit.

Angelo rieb sich die Hände, so wie ich manchmal tat bevor es an die Arbeit ging. »Paul, was gibt’s Neues, erzähl.«

»Na ja, nicht viel. Gestern morgen waren zwei Herren hier und haben nach dir gefragt. Recht früh.. wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf. Zu früh, eigentlich..«

Bing. Alle Lampen rot, aber nicht nur meine.

»Was wollten die?« Mein Hase war verständlicherweise sofort aus dem Häuschen.

»Nun, das haben sie nicht gesagt. Sie machten es aber furchtbar dringend.«

»Und dann hast du denen gesagt, wo sie mich finden..«

»Nun, ich wollte dich erst anrufen, dann aber meinten sie, es wäre eine Überraschung. Ich hoffe das war nicht.. verkehrt? Sie sahen ja adrett aus und der Wagen..«

»Schon gut, Paul, es ist nichts passiert. Wir würden gerne etwas trinken, draußen, auf der Terrasse«, beruhigte Angelo den armen Paul.

Ein kurzes Nicken des Befehligten und wir entschwanden nach draußen.

»Willard«, sagte ich bloß und dieser Name an sich begann, allergische Reaktionen hervorzurufen. »Den müssen wir loswerden. Irgendwie.«

»Was wollen die bloß dauernd von mir?«

»Kann ich dir sagen. Geh mal im Spiegel nachgucken, also nich in dem Magazin sondern in dem im Bad. Dort siehst du es.«

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