Margie 59 – Besuch im Sender

Ein schöner Tag. Die Sonne meinte es gut am Morgen danach (ich hatte es aber nach ein bisschen fummeln dann aufgegeben, vielleicht war ja meine Stimme doch im Recht) und frohgelaunt eilte ich in das Esszimmer.
Ich weiß ja nicht, aber Paul muss ganz einfach immer alles mitkriegen. Er lauscht, horcht, guckt, spioniert. Ich mein, das macht mir ja nichts aus, aber es ist schon erschreckend wenn man verpennt aus dem Zimmer kommt und alles ist so hingerichtet, als hätte man sich fünf Minuten vorher angekündigt. Abgesehen davon, das würde ich in jedem Fall vermissen. Nur noch an den Tisch setzen und nach nichts mehr fragen müssen.
Minuten später stand mein Kakao vor mir und schon war Paul wieder unsichtbar. Die Herrschaften waren auch nicht zu sehen, man konnte bei denen eh nie wissen ob sie sich im Haus befanden oder nicht.

Viel Zeit blieb mir nicht, denn ich wollte ja so einiges mitnehmen für diese Woche. Meinen Eltern gab ich dann noch rasch Bescheid, auch, dass es diese Woche leider nichts werden würde mit der Fahrschule. Das mussten sie einsehen und taten es, wenn auch zähneknirschend. Ich befürchtete mittlerweile, Alfons würde mich rausschmeißen weil auf diese Art kein junger Mann den Führerschein macht. Pech gehabt. Irgend ein Fahrlehrer würde das schon übernehmen und Angelo war mir wirklich wichtiger als alles andere. Was konnte eine Woche früher oder später schon ausmachen? »Er hat aber seine Termine«, mahnte mich Paps an. »Ich auch irgendwie«, gab ich zurück, ohne zu ahnen ob das schon eine freche Antwort war. Immerhin war der Ausfall der drei Wochen auch nicht auf meinem Mist gewachsen und jetzt musste halt diese eine auch noch warten.

Kurz vor Neun klingelte es, ich war gerade dabei, ein paar Sachen zusammen zu packen. Ich hörte Stimmen an der Tür und Sebastian war darin ja auch nicht zu verwechseln. Ernst schien es da an der Tür nicht zuzugehen, Sebi lachte ab und zu und auch der Paul schien sich irgendwie zu amüsieren. Ich bin ja nicht neugierig und somit packte ich den Rest der Sachen in die Reisetasche.

»Hallo. Welch Freude, dich wiederzusehen.«

Sebastian stand mit ausgebreiteten Armen unter der Tür und strahlte richtig. Was nur gabs für eine Freude ringsum?

Ich ging auf ihn zu. »Grüß dich, Sebi.«

Wir umarmten uns, ein Küsschen hüben und drüben.

»Bist du soweit?«

»Ja, eigentlich schon.« Ich sah mich noch einmal kurz um, beschloss dann aber, alles zu haben und folgte Sebi nach draußen.
Kurzer Abschied von Paul, dann gings schon los.

»Gabs was besonderes während ich weg war?« Diese Frage war an sich überflüssig, das hatten Angelo und ich ja schon am Telefon besprochen. Aber vielleicht gelang es mir ja etwas zu erfahren, wovon er mir nichts erzählt hatte.

»Nein, im Grunde nicht. Angelo wird wohl bald eine CD herausbringen. Er hat dafür schon Tag und Nacht geschuftet, so ganz neben seinem normalen Job.«

Darauf war ich dann doch unheimlich stolz. Schon bald würde er mit seinem schönen Gesicht die Käufer in den Musikläden anlächeln. Viele, davon war ich überzeugt, würden die CD nur kaufen wegen ihm, nicht nur wegen seiner Musik. Aber das störte mich nicht. Er gehörte mir, mir ganz allein und ich würde so oder so niemand anderes neben ihm dulden.

»Hat sich.. dieser Willard noch mal gemeldet?« Das war ein Name, der in der Zeit nicht zwischen Angelo und mir gefallen war. Ich hatte es nicht vergessen, aber es war eben wichtig dass es aus der Richtung nichts mehr zu befürchten gab.

»Hm, weißt du, Ralf, ich bin nicht dauernd um ihn herum. Oft und viel, ja, aber nicht ständig. Und was dabei so alles passiert, das weiß ich dann nur, wenn Angel mir davon erzählt.«

Das klang höchst verdächtig. So nach dem Motto, das kann schon sein, aber mein Name ist Hase. Gut, ich würde an Sebis Stelle auch nichts anderes sagen, diese Sache ging am Ende nur Angelo etwas an. Ich würde ihn natürlich immer noch schützen vor diesem Pornopack. Aber ob das auch dann gelingen würde, wenn Angelo meine Hilfe gar nicht woltle?

Bei dem Wetter machte sogar die Autobahn nach Frankfurt Freude, auch wenn man langsam erkennen konnte, dass der Hochsommer vorüber war.

Wir redeten noch über dies und das, auch jenes, aber nicht mehr über Angelo. Ich fragte nicht weiter, weil das eher wie ein Verhör aussehen würde und zudem, ich konnte meine Fragen ja bald selber an ihn richten. Unter anderem erfuhr ich noch, dass mein Schatz nach Frankfurt – Höchst gezogen war. Soll angeblich schöne Ecken da geben. Nun, im Grunde war mir egal wohin und ich durfte annehmen, dass er nicht in irgendeiner heruntergekommenen Bude hausen würde.

Völlig überraschend fuhr Sebi aber in die City und schon steuerte er in die Tiefgarage des Senders. Da war ich ja auch noch nie und plötzlich wurde ich richtig nervös. Mir fiel der Rote Teppich ein, mein alter Traum. Kam ich dem näher, schneller als ich dachte?

Sebi steckte mir nach dem einparken einen Ausweis an mein T-Shirt. »Damit kommst du hier überall hin. Ich kann dir leider nicht alles zeigen, aber sieh dich ruhig um. Sollte dich jemand fragen was du da zu suchen hast, verweise auf mich.«

Somit war anzunehmen, dass Sebastian in diesem Gebäude kein Unbekannter war und das wiederum erfüllte mich mit einem gewissen Stolz. »Und wo finde ich Angelo?«

Sebi sah auf die Uhr. »Es gibt hier überall Wegweiser, wir treffen uns gegen Mittag in der Kantine. Ich bringe dir deinen Angelo dann mit, okay?«

Ich nickte. Deinen Angelo.. Wie das klang. Die Zeit bis dahin würde ich schon rumkriegen und langweilig dürfte es bestimmt nicht werden.

Wir fuhren mit dem Fahrstuhl einen Stock höher und schon betraten wir die große, schmucke Eingangshalle. Ich war überwältigt von all dem und blieb ratlos stehen. Sebi nahm mich am Arm und zeigte auf die Infotafel. »Da steht wo es lang geht. Schau dir ruhig alles an, ich hab einen Termin. Bis später.«

Zack, da stand ich. Schön und gut das Ganze, aber ich wollte Angel sehen. Warum hatte mir Sebi nicht gesagt, wo ich ihn finden konnte? Egal jetzt, ich wollte mir dann unbedingt die Studios ansehen. Da wo das Radio gemacht wird und schließlich kannte ich den Sender ja – zumindest aus dem Radio.
Wie praktisch, dass plötzlich eine Gruppe junger Leute an mir vorbeikam. Voran eine erzählende, hübsche Frau und ganz offensichtlich fand da grade ne Führung statt. Ohne lange zu überlegen schloss ich micht dem Tross an und lauschte gespannt den Ausführungen.

Nur wenig später standen wir bei den Studios. Glasscheiben ließen einen Blick aufs Innere zu und über einen Lautsprecher konnte man die Moderatoren dort drinnen hören. Das machte schon Laune, immerhin hatte ich sowas noch nie live gesehen.

Tja, und dann rutschte mein Herz in die Hose. In einer der Kabinen saßen zwei Personen und unterhielten sich. Was, das konnte man da nicht hören, aber es reichte dass dort mein Angelo saß und einem Moderator scheinbar Rede und Antwort stand. Ein Interview wie es schien und langsam kam ich der Glasscheibe näher. Angelo redete und redete, allem Anschein nach wurde dieses Gespräch aufgezeichnet, denn es fehlten die üblichen Pulte wie in den anderen Studios. Mein Schatz konnte mich nicht sehen, er saß so halbschräg mit dem Rücken zu mir. Und dann kam der Hammer.

»Hier sehen Sie grade ein Interview zwischen Angelo Kassini und Peer Laudini. Es wird für den hessischen Rundfunk aufgezeichnet.«
Die Frau hatte keinen Spickzettel, also wusste sie wer da drin saß. Und wenn mich nicht alles täuschte, leuchteten dabei auch noch ihe Augen. Klar, mein Schnuckel saß da, herausgeputzt und so schrecklich anziehend.. Mein Herz begann zu stolpern. Ich fand es unheimlich schade, dass man nicht hören konnte um was es bei diesem Gespräch ging.
Plötzlich drehte sich Angel zur Seite zu mir hin und mit einem Mal trafen sich unsere Blicke. Es kam mir so vor, als hätte er meine Anwesenheit gespürt. Sekundenlang sahen wir uns an und es war, als würde jemand etwas heißes über mich schütten. Angelo zog die Mundwinkel hoch und lächelte mich an. Mir wurde noch heißer und endlich spürte ich, wie ich rot wurde. Er hob nämlich den Arm und winkte mir zu. Sofort richteten sich die Blicke der jungen Leute auf mich, denn diese Geste war nicht zu übersehen.

Auf einmal stand diese Führerin neben mir. »Kennen Sie Herrn Kassini?«

Ich hätte schwören können, dass sie vor Neugier schier platzte.

»Ja, das kann man sagen. Er ist mein Freund.« Inwieweit ich mich da aus dem Fenster gelehnt hatte ahnte ich nicht, unter anderem war es mir aber egal.

»Ah so?«

»Ja.« Die hatte tausend Fragen auf einmal, das spürte ich. Allerdings schien die Zeit zu drängen und damit löste sich dieses Problem von selbst. Die Gute wandte sich wieder an die Gruppe. »Kommen Sie, wir müssen weiter.«

Ich für meinen Teil blieb jedoch einfach stehen. Immerhin hatte ich was ich wollte und der Rest interessierte mich nicht die Bohne.

»Kommen Sie bitte?«, forderte sie mich dann auch auf.

»Nein, ich werde hier auf Angelo warten.«

Jetzt erkannte ich einen Hauch von Röte in ihrem Gesicht. »Aber Sie dürfen hier nicht zurückbleiben. Ich muss Sie bitten, mitzukommen.«

Ich hob die Hand. »Wenden Sie sich diesbezüglich bitte an Herrn Kienmann.« Dabei grinste ich frech und mehr musste ich tatsächlich nicht sagen. Sie sah mich an wie einen Geist, schien zunächst nicht zu wissen, was sie damit anstellen soll. Aber schließlich trollte sie sich mit den anderen und ich blieb endlich ganz allein in dem Gang zurück.

Angelo unterhielt sich wieder mit dem Moderator, aber immer mal wieder sah er zu mir her. Mit diesem süßen Lächeln.. Ich hätte ihn fressen können. Wie gut er doch aussah. Schön eigentlich. Klar, dass in diesen Minuten vergaß ich die Welt um mich herum, hatte nur Augen für ihn. Wie schaffte er es nur, so schön braun zu sein wo er doch sicher keine Zeit hatte in der Sonne herumzuliegen? Egal, die Hitze in meinem Körper blieb konstant hoch. Ja, ich bekam jede Minute mehr Verlangen nach ihm. Am liebsten wäre ich in diese Bude gestürmt und hätte ihn weggezerrt. Raus hier, irgendwohin wo wir alleine sein konnten. Selten bekomme ich nasse Handflächen, jetzt hatte ich sie.

In dem Gang standen ein paar ausgelatschte Bürostühle und auf einen davon ließ ich mich fallen. Hatte auch so nen guten Einblick in den Besprechungsraum und dann ließ ich meine Erinnerungen aufleben, an unsere erste Begegnung am Theater. Trotz allem, was inzwischen passiert war, an meiner Zuneigung hatte sich nicht das geringste geändert. An die Zukunft traute ich mich nicht zu denken, das wollte und musste ich einer höheren Macht überlassen.
Nervös war ich nun bloß, weil man echt kein einziges Wort verstehen konnte.

Aha. Ich nahm dann sowas wie eine Aufbruchstimmung da drin wahr. Die beiden lachten, offenbar war der offizielle Teil des Interviews abgeschlossen.
Als sie aufstanden, war’s beinahe um mich geschehen. Wenige Augenblicke noch, dann.. Sie gaben sich die Hand, der Moderator kramte seine Papiere vor sich zusammen und Angelo lachte zu mir heraus. Endlich..

»Darf man fragen, was Sie hier zu suchen haben?«

Diese Frage war ohne Zweifel sehr ernst gestellt und keinesfalls freundlich. Mein Blick fiel auf einen Hühnen von einem Mann in dunklem Anzug. Dadurch, dass dieser Halbriese ein Schwarzer war und einen amerikanischen Akzent drauf hatte, wirkte er sogar richtig bedrohlich. Wie aus sonem Krimi, wo solche Typen auf unerbittliche Verbrecherjagd gehen. Auf dem Ausweis an seiner Jacke konnte ich „Security“ lesen. Aller Erfahrung nach ist mit solchen Typen nicht unbedingt zu spaßen. Einen Namenszug trug das Schildchen nicht, aber das war auch verständlich. Wer konnte schon wissen was irgend so ein Knallkopf in die Birne kriegt um einen Sicherheitsfuzzi zu ärgern. »Ich warte hier auf Herrn Kassini.«

Sofort wurde der Blick dieses Typen eisig. »So? Und wie kommen Sie hier herein?«

»Ich bin in Begleitung von Herrn Kienmann hier.«

»Aha. Das kann jeder behaupten. Kommen Sie bitte mit.«

Das mit der Bitte war wohl eher nur der Form halber so gemeint, es kam eindeutig wie ein Befehl bei mir an. Zudem drehte sich der Mensch kurz von mir weg und flüsterte irendwas in sein Mikro, das hinter seinem Ohr klemmte.
Einen Augenblick wusste ich nicht, was ich machen sollte. Mich gegen diese Figur aufzulehnen würde nicht sinnvoll sein, gar nicht. Mir fiel Sebis Handynummer ein. »Bitte, Sie können Herrn Kienmann gerne an- oder ausrufen. Er wird es bestätigen. Zudem ist Angelo Kassini mein Freund.«

Der Typ legte den Kopf schräg und musterte mich. Anscheinend wusste er zumindest in dem Moment nicht, wie er mich einzuschätzen hatte.
Angelo war inzwischen aus dem Raum verschwunden, weiß der Geier wohin. Gleich würde sich das alles klären und ich diesen Typen los sein.
Aber mein Schatz kam nicht, ich war ganz allein mit dem Sicherheitsmensch auf dem Gang. Wieso überkam mich plötzlich ein ziemlich mulmiges Gefühl? Was passierte da grade?

Ohne lange zu fackeln packte mich der Mann am Arm. »Kommen Sie mit.« Ich hatte gar keine Chance, denn wenn der tief Luft holen würde, dürfte ich Waagrecht unter seiner Nase hängen. Also ließ ich mich mitziehen, denn lange könnte dieser Alptraum eh nicht dauern.

Ich wurde in einen ziemlich öden Raum geführt und kam mir doch langsam vor wie ein Verbrecher. Musste mich auf einen Stuhl hocken und der Typ ließ mich eine ganze Weile alleine. Diese Gelegenheit nutzte ich, um Sebi vom Handy aus anzurufen.

»Man hat mich eingesperrt«, sagte ich nur und Sebastian legte auch ohne weitere Fragen auf. Vielleicht machte er diesem Gorilla ja richtig Dampf. Angelo ging mal wieder nicht an sein Phone und ich fragte mich, warum er so schnell verschwunden war.

Nach endlosen Minuten stand Sebi plötzlich in dem Raum, hinter ihm mit ziemlich ratlosem Blick der Typ, der mich hergebracht hatte. Dem Gesichtsausdruck nach durfte er bereits die Predigt durchlaufen haben und das freute mich diebisch.

»Ralf, entschuldige, aber sowas kann passieren«, versuchte Sebastian meine mißliche Lage zu entschuldigen.

»Kein Problem, es ist ja nichts passiert. Ich frage mich nur, wo Angelo ist. Ich hab ihn gesehen und er mich auch, aber jetzt..«

»Keine Angst. Man hat ihn sozusagen in Sicherheit gebracht.«

»Bitte?«

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