Margie 60 – Der Super – Gau

»Ja, weil man ja nicht wusste ob du ihm nachstellst. Du musst wissen, Angelo.. ist inzwischen eine VIP-Person hier geworden und man achtet sehr auf seine Sicherheit.«

Ich staunte nicht schlecht. Mein Angel war also bereits in ganz andere Gefilde aufgestiegen. Eine Berühmtheit eigentlich. »Hat er schon.. Bodyguards?«

»Ja, zumindest einer. Den hast du inzwischen kennen gelernt.«

Okay, das ließ meinen Zorn auf den Typen vergessen. Ich hätte ja auch nicht gewollt, dass man meinem Schatz was antut und von daher war ich sogar fast erleichtert. »Oh, dann.. na ja.« Ich beugte mich zu Sebi hin. »Hast du ihn zusammengestaucht?«

»Nein, nicht wirklich. Er hätte nur deine Angabe überprüfen müssen, in dem Fall mich informieren. Weil er das nicht gemacht hat, deswegen hab ich ihn etwas gerüffelt. Aber Charly ist an sich ein netter Typ. Er macht halt seine Arbeit, mehr nicht.«

Charly. Egal wie, noch ein Mensch, an den ich mich sicher gewöhnen musste. Der würde an Angel kleben wie eine Klette, dessen war ich sicher. Und weil dem so war, musste ich mich mit dem arrangieren. Ich ging an Sebi vorbei auf ihn zu und hielt ihm die Hand hin. Huschte gerade sowas wie ein Lächeln über sein Gesicht? Er gab mir die Hand und drückte zu.

»War wohl ein Missverständnis«, sagte ich und Charly nickte.

»Es ist schwer, die Guten und die Bösen voneinander zu unterscheiden«, meinte er dann.

»Ralf, Ralf Bach.«

»Charly Baumann.«

Baumann war allerdings wirklich kein Aminame. Also sowas wie ein Besatzungskind? Nein, dann wäre er jetzt eher steinalt. So schätzte ich ihn auf höchstens Vierzig. »Wo ist Angelo jetzt?«, fragte ich ihn, denn der musste es schließlich wissen.

»Im Studio.«

»Kann ich ihn.. sehen?«

Er sah zu Sebastian hinüber und der schüttelte den Kopf. »Im Augenblick eher nicht. Morgen Abend ist ein Konzert für das Fernsehen. Die üben wie die Bekloppten.«

Ich sah auf die Uhr. »Aber es ist bald Mittag.«

»Ja, ich denke dann kannst du ihn sehen. Aber jetzt muss ich wieder an meine Arbeit. Charly, kümmerst du dich um Ralf?«

Der Hüne nickte. »Ja, klar.«

Also verschwand Sebi wieder und ich stand da mit Charly, dem Bodyguard. Komisch, vor ein paar Stunden hätte ich ihn noch auf den Mond schießen können und jetzt kam es mir so vor, als fühlte ich mich in seiner Nähe geborgen. Rein vom Gefühl her konnte ich mir dann sogar sowas wie ne Freundschaft mit ihm vorstellen. Na ja, am Ende wäre das sogar eine ideale Lösung. Ein Mensch, in dessen Nähe ich mich zusammen mit Angelo nicht wohlfühlen würde, der könnte die Atmosphäre vergiften.

»Und jetzt?«, fragte ich ihn.

»Hast du Durst, Hunger?«

Wenn er so fragte, dann schon. Also nickte ich.

»Komm, lass uns in die Cafeteria gehen.«

Ich folgte ihm erneut, aber mehr neben als hinter ihm. Doch kaum waren wir ein paar Schritte gegangen, fummelte er an seinem Mikrofon und sein Blick wurde ernst. Sehr ernst. Charly blieb stehen und schien der Stimme in seinem Ohr genau zu lauschen. Er nickte ein paar Mal, brummelte nur »Aha« und schließlich seufzte er.

»Ist was passiert?«, fragte ich unbedarft.

Charly nickte besonnen. »Margie ist verschwunden.«

Wie er das sagte. Als stünde gleich der Einsturz des Gebäudes bevor. Dabei dauerte es eine Weile, bis dieser Satz vollständig und mit allen Konsequenzen in meinem Hirn angekommen war. »Was?«

Der Mann nickte nur. »Du bleibst hier«, bestimmte er und ließ mich mitten in dem Gang stehen. Klasse. Margie.. Mir wurde sehr schnell klar, was das zu bedeuten hatte. Ohne Margie kein Angelo Kassini. „Symbiose“. Mir wurde ganz anders und ich erwartete eigentlich Augenblicklich das Schrillen der Alarmglocken. Aber es blieb erstaunlich ruhig. Ich traute mich nicht vom Fleck, zumal ich gar nicht gewusst hätte, wohin. Charly hatte ja gesagt, ich sollte dableiben und so lehnte ich mich an die Wand. Sicher war Margie nur verlegt und alles würde sich in kurzer Zeit aufklären. Wer sollte denn was mit Margie anfangen wollen?
Dumm, wenn einem plötzlich so alle Sünden einfallen. Sollte Margie entführt worden sein, dann konnte das nur einen Sinn haben: Erpressung stand an erster Stelle. Für mich war dann die hypothetische Frage nach dem Warum beantwortet, bloß nicht, wer dahinterstecken würde. Aber das war am Ende nicht meine Sache, darum mussten sich andere kümmern. Hunger und Durst waren auf einmal weg. Angelo.. für ihn würde eine Welt zusammenbrechen. Vielleicht wäre mein Verlust noch zu verschmerzen, aber Margie? Niemals. Ohne sie würde Angel schon heute seine Karriere aufgeben, dessen war ich sicher.

Irgendwann sah ich Sebastian den Gang auf mich zukommen. Eilig hatte er es, das war eindeutig. Schwer atmend blieb er vor mir stehen.

»Und?«, fragte ich.

»Nichts. Wir haben alles druchsucht, die Geige ist wie vom Erdboden verschwunden.«

»Und Angelo? Wo ist er, verdammt noch mal? Ich bin schon den halben Tag hier und habe noch kein Wort mit ihm gesprochen.«

Sebi legte seine Hand auf meine Schulter. »Du kannst dir denken, was grade mit ihm los ist. Selbst mich hat er ignoriert, er ist wie von Sinnen. Das ist nichts persönliches dass er sich nicht bei dir meldet.«

Ja, sicher, das war mir schon klar. Aber braucht der Mensch nicht gerade in so einer Situation einen Freund? Also ich schon. Nun gut, ich konnte daran nichts ändern, auch wenn es mich fuchste. »Wo ist er denn jetzt?«

»Keine Ahnung. Er wird im Gebäude herumschwirren, der Laden ist so oder so in heller Aufruhr. Dazu kommt das Konzert morgen. Liveübertragung im Fernsehen auch noch.«

Ich grübelte einen Moment. »Das hört sich an, als wäre dieses Orchester ohne Angel nichts wert. Das kanns ja auch nicht sein, oder?«

»So gesehen hast du recht, aber scheinbar hast du nicht mitbekommen dass Angelo einen Solopart dort spielen soll. Und auf den warten nicht wenige Menschen.«

Also doch. Mein Hase stand bereits ganz oben auf dem Treppchen. Kurzum, Margie musste her, das sah ich dann ein. Und auch den Aufruhr verstand ich. Wie immer würde es bestimmt auch um Geld gehen, sehr viel Geld. »Ich will jetzt sofort zu ihm«, motzte ich dann ärgerlich.

Sebi rieb sich das Kinn. »Okay, dann müssen wir ihn aber erst mal finden.«

So liefen wir beide los. Ich hinter Sebi her, weil mir das Gebäude ja noch ziemlich fremd war und was ich bisher gesehen hatte bescheinigte nur, dass man hier sicher zwei Tage nach jemanden suchen konnte, riesig wie das alles war. Und Margie? Die war unter Umständen schon gar nicht mehr in dem Bau. »Ob sie jemand geklaut hat?«, fragte ich Sebi, während wir durch alle Räume fegten.

»Keine Ahnung. Und wenn, dann wusste derjenige schon ziemlich genau was er damit anrichtet.«

Das war mir auch klar. Ich wollte gar nicht wissen, wieviele Geigen es in diesem Gebäude gab und ausgrechnet Margie war das Opfer. Zum angestrengten Nachdenken kam ich gar nicht, mit Sebastian mizuhalten erforderte nämlich schon ein gewisses Maß an Energie.

Schließlich landeten wir im Orchestersaal. Ein riesiges Ding, was man von außen so niemals vermutet hätte. Scheinwerfer, Kameras und der ganze Pipapo drumherum. Man wird ja fast Ehrfürchtig angesichts dieser ganzen Technik. Nur Leute, die waren hier nicht. Wirkte wie ausgestorben und damit schon fast unheimlich.

Sebi bleib schwer atmend stehen. »Hier hab ich ihn zuletzt gesehen. Aber wer weiß, wo die jetzt alle hin sind.«

»Die suchen bestimmt.«

»Ja, das darf man annehmen. Nur wo, das ist die andere Frage. Hast du schon versucht, ihn anzurufen?«

»Ja, aber er geht nicht dran.«

Sebastian grübelte wieder. »Komm, vielleicht sind sie ja unten, in der Tiefgarage.«

Also flugs dort runter, wobei ich den Weg in hundert Jahren nicht gefunden hätte. Aber auch da unten war’s still.

Sebi sah sich um. »Hm, sein Auto ist weg.«

Dazu wollte ich mich dann nicht äußern. Zumindest hatte es den Anschein, dass Angelo nicht mehr im Sender war und nun weiß der Kuckuck wo. Ich versuchte es nochmal mit dem Handy, aber die Mailbox war das einzige, was sich meldete.

»Und jetzt?«, fragte ich dann doch ratlos wie ich war.

»Wir können es im Hotel versuchen.«

Gesagt, getan. Ich wollte von Sebi jetzt gar nicht wissen, wer in dem Bau eigentlich noch einer vernünftigen Arbeit nachging. Außer den Moderatoren die auf Sendung waren schienen jedenfalls alle andere auf der Suche nach Margie zu sein.

Ich wusste ja, dass Sebi ein guter Autofahrer war, aber dann fühlte ich mich fast wie in einem Film neben ihm. Er raste durch die Stadt wie ein Bekloppter und ich krümelte mich so quasi als Nichtbeteiligter in meinem Sitz zusammen und wartete auf irgendeinen Aufschlag. Aber es passierte nichts, fast schon überraschend heil kamen wir im Hotel an.
Sebi brauste auch hier in die Tiefgarage, aber Angelos Auto war nirgends zu sehen. Ernüchterung machte sich in mir breit. »Hier scheint er auch nicht zu sein.«

»Scheinbar nicht. Trotzdem, wir gehen mal hoch aufs Zimmer.«

Schön, so bekam ich ja auch mal die vorübergehende Bleibe meines Hasen zu Gesicht. Nict auszudenken wenn Margie verschwunden bleib. Mir dämmerte so im Unterbewusstsein, dass dann ein sehr schweres Leben auf mich zukommen könnte. Einen depressiven, von Alkohol anheim gesuchter Angelo..

Ganz hoch mit dem Aufzug, letzter Stock. Angelo wohnte scheinbar gerne oben und so lange es einen Aufzug gab, war mir das eigentlich egal.

Irgendwie fühlte ich mich trotz der Fremde sofort zu Hause. Ein Chaos gabs in dem riesigen Zimmer nicht, es sah sogar richtig aufgeräumt aus. Und ich konnte ihn riechen. Jawoll, Angels Geruch haftete in dem Raum, als würde er neben mir stehen. Mein Herz bekam einen leichten Stich. »Wohnt ihr zusammen hier drin?«

Sebastian lachte. »Wir sind zwar sowas wie Freunde, aber so nah stehen wir uns auch nicht. Ich wohne im rechten Zimmer, Charly im linken.«

Mein Blick fiel ins Schlafzimmer. Das Bett war nicht gemacht und sofort stiegen mir Gelüste in die Lenden, auch wenn die Situation dazu eher tödlich hätte wirken müssen. Ich wagte nicht zu denken, wann ich das erste Mal mit meinem Schatz hier eine Nacht verbringen würde. Im Augenblick standen die Chancen dazu allerdings auf Null, aber man konnte schließlich hoffen und beten.

»Und jetzt?« Mein Sprachschatz war in der Tat nicht der größte an dem Mittag.

»Hm. Ich hab im Augenblick keinen Plan. Vielleicht ist es besser wenn du hier wartest. Viel helfen können wir im Moment ja nicht und meine Arbeit im Sender macht sich leider auch nicht von alleine. Möchtest du hierbleiben?«

Immerhin, ich hatte die Wahl und so wie die Dinge standen, wäre es die beste Lösung. Irgendann in diesem Leben musste Angel ja wieder hier auftauchen. Musste!

»Du kannst dir etwas zum essen bestellen. Da drüben ist das Telefon.«

Das klang gut. »Ich geh aber noch mal mit runter, meine Sachen raufholen.«

Sebi nickte und nachdem wir das Zimmer verlassen hatten gab er mir die Schlüsselkarte.

Zurück im Zimmer deponierte ich meine Tasche im Schlafzimmer. Es standen überall Aschenbecher herum und nach Rauch roch es auch. Mit einer Zigarette im Mund trat ich dann hinaus auf die Terrasse, was mich dann beinahe umhaute. Diese Sicht über die Stadt war großartig und auch sonst bekam ich so langsam das Gefühl, selbst eine dieser VIP-Personen zu sein. Zwar hatte Angel seinen Leibwächter, aber ein zweiter, bestehend aus meiner Person, konnte schließlich nicht schaden.
Ich machte es mir auf einem der Sessel auf der Terrasse gemütlich und genoß den Augenblick der Ruhe. Innerlich war ich natürlich noch aufgewühlt, aber bestimmt würde man Margie finden und dann war eh alles wieder in Butter.
Noch zweimal versuchte ich Angel anzurufen, aber er ging einfach nicht dran. Manchmal fragte ich mich schon, wozu er überhaupt ein Handy hatte.

Etwas später ließ ich mir dann was zu essen kommen. Zwar spekulierte ich darauf, dass das auf Kosten meiner Gastgeber ging, aber vorsichtshalber bestellte ich etwas, das ich zur Not auch hätte selber bezahlen können.
So richtig Apptetit hatte ich eigentlich nicht, aber von Nichts ist auch schlecht leben.

Auf dem Weg zum Klo ging dann das hauseigene Telefon. Rasch nahm ich ab. »Hallo? Ralf Bach hier?«

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