Margie 65 – Die Tücke des Objekts

Ich spürte, wie mir der Schweiß aus allen Poren schoss. Nur ja keine Bestätigung, dass die dieses Gepiepe mitbekommen hatten. Ich wollte es gar nicht wissen. Kaum saß ich am Steuer, atmete ich dann doch auf. Kein Schaltknüppel der üblichen Art – die Kiste hatte Automatikgetriebe.
Schlüssel rein und rumgedreht. Statt eines brüllenden Sounds jedoch war fast nichts zu hören. Ich dachte einen Augenblick an einen Achtzylinder, aber nur ganz kurz, denn es galt ja die Sache im Auge zu behalten.

Vielleicht hätte ich mich in meinem Leben auch mal um diese technischen Dinge kümmern sollen. Ich wusste bis dato nur, dass man nicht zu schalten braucht, aber das Handling war mir doch ziemlich unbekannt. Mithin, ich hatte mir das eben ganz einfach vorgestellt. Man sagt ja immer, Automatik sei was für alte und faule Leute, aber in Betrieb nehmen muss sie dennoch jeder können.
Was heißt da nämlich P und N und D und 1 und 2 neben dem Schalthebel? R für rückwärts war ja eigentlich ohne Frage, aber die anderen? Angel anrufen? Keine Zeit.
Ich brachte die Abkürzungen einfach nicht unter einen Hut, so sehr ich mich auch anstrengte. Ein Blick hinaus, aber ich sah niemanden. Vielleicht hatte man es doch nicht gehört? Immerhin, weiter hinten fuhr ein Wagen, Richtung Ausgang. Möglicherweise hatte man die auffälligen Geräusche ja dem zugeordnet.

Nachdem sich draußen nichts tat, wurde ich ein bisschen ruhiger. Nachdenken war angesagt. Der Hebel stand auf P, was mich auf Parken kommen ließ. N… verdammt, was heißt N? Es gab nur eine Möglichkeit: ausprobieren. Wenn man langsam mit dem Gaspedal spielte, sollte ja nichts passieren.
Aber der Hebel ließ sich gar nicht bewegen. Keinen Mucks vor oder zurück. Und schon war die Panik wieder da. Ich fluchte richtig ordinär, was also besser hier nicht wörtlich erscheinen sollte.

Es gab nur zwei Pedale, so sehr ich auch nach einer Lösung meines Problems fahndete. Auf das Gaspedal reagierte der Motor, was man eher an dem Drehzahlmesser als am Geräusch erkennen konnte. Auf die Bremse steigen wenn man eh stand kam mir ziemlich unlogisch vor, trotzdem tat ich es. Mein Kampf mit der Tücke des Objekts durfte ja keine Tage dauern.

Und dann ließ sich der Hebel plötzlich bewegen. Welche Stellung war mir zunächst völlig egal, ich versuchte mein Glück mit dem N.

Also ließ ich dann natürlich die Bremse los, nur um festzustellen, dass sich weiterhin nichts tat.

Wieder Bremse treten, auf D, was immer das auch heißen sollte. Und siehe da, der Wagen kam ins rollen. Mit zitternder Fußspitze wechselte ich vom Brems- aufs Gaspedal und dann machte der Wagen bereits einen Satz nach vorn. In der Sekunde wurde mir klar: Das musst du vorsichtig handhaben. Aus Gewohnheit schnallte ich mich trotzdem noch an, wer konnte wissen was ab diesem Moment alles passieren würde.

Wie wunderbar weich und leicht der sich lenken ließ. Etwas mutiger jetzt trat ich aufs Gas und kam in den Genuss einer kleinen Rakete auf vier Rädern. Erst mal rechts rum, rüber zu den Fahrstühlen. Und natürlich aufpassen auf andere Autos. Und nach Angelo Ausschau halten. Alles Gleichzeitig war natürlich gar nicht so einfach, aber irgendwie saß mir auch die Angst im Nacken. Blieb zu hoffen, dass Sebi bald hier auftauchen würde. Auf einen Kampf mit denen am Ausgang hatte ich nämlich überhaupt keine Lust.

Zügig fuhr ich um die Kurven und trotz allem machte es Spaß mit dem Renner da unten. Wer sagt eigentlich, dass die Krimis in Tiefgaragen alle erfunden seien? Fehlte nur noch das Kamerateam. Aber das gab’s natürlich nicht.

Und da sah ich sie. Erich und die Alte. Sie standen so halb links von mir und dummerweise kannten sie mich ja. Ich duckte mich etwas mehr hinter das Lenkrad und versuchte nicht schneller zu werden. Denn das würde mich mit Sicherheit sehr schnell verraten.

Die Frau hing schon wieder oder noch immer am Handy und suchte die Gegend mit wachen Augen ab. Es war eine Frage der Zeit, bis sie mich erkennen würde und dann war Schluss mit Lustig. Erich gierte in die andere Richtung, aber Angel hatte sich wohl bisher erfolgreich ihren Blicken entzogen. Er musste hier irgendwo sein, vermutete und hoffte ich.
Noch hatten mich die beiden nicht entdeckt, weil der Wagen halt auch keinen Lärm machte.

Und dann sah ich meinen Schatzi. Weiter vorne lugte sein Kopf in Stoßstangenhöhe hinter einem geparkten Wagen hervor. Trotzdem fuhr ich nicht schneller, die beiden standen hinten auf der anderen Seite und jetzt kriegte ich es mit: Die Alte glotzte zu mir herüber, schraubte die Augen aus den Höhlen und dann sie schien nach Erich zu rufen.

Jetzt trat ich aber aufs Gas, was der Wagen mit quietschenden Reifen quittierte. Aber das war mir egal.
In Angels Höhe angekommen, trat ich genauso forsch in die Bremsen, was über das Gummi der Reifen ebenfalls weithin und deutlich hörbar war.
Kaum stand ich, riss Angelo die Beifahrertür auf, hechtete auf den Sitz und noch bevor die Tür zu war oder Angel was sagen konnte, gab ich wieder Gas.

Man glaubt nicht an den Unterschied zwischen einem Transporter auf einer sandigen Baustelle und dem Schlitten hier unten in der Tiefgarage.

Angelo sagte nichts, er hielt sich bloß am Armaturenbrett fest und harrte den Dingen, die jetzt wohl gleich kommen mussten.

Ich folgte ziemlich hurtig dem Schild „Ausfahrt“ und achtete nicht mehr auf andere Verkehrsteilnehmer hier unten. Sollten doch die mal aufpassen.

Zwei davon taten das, zum Glück. Hätten die gepennt, wäre Angelos Schlitten nur noch Schrott gewesen. Die bremsten wirklich haarscharf und dass sie dabei am fluchen waren, konnte ich allerdings nur vermuten.

Die Ausfahrt kam in Sicht und außerdem drei Typen, die dort mitten auf der Fahrbahn standen. So vermessen und zu glauben, dass sie gleich ihre Waffen heben würden, war ich nicht, trotzdem hatte ich auf einmal eine Scheißangst. Angelo? Weiß nicht, der rührte sich nicht. Doch, dann, seinen Mund.

»Halt auf die zu. Nicht bremsen.«

Doch Krimi. Ich sah uns im Knast sitzen und Kartoffelsuppe essen, aber immer noch besser als tot oder sowas ähnliches. Lieber die als wir, da hatte Angel recht.
Ergo ließ ich den Wagen laufen und konzentrierte mich bereits auf die scharfe Rechtkurve, nach der es steil nach oben ging, hinaus aus dieser Mausefalle.
Die Typen beachtete ich gar nicht, die würden sowieso zur Seite springen.

Gut, das dachte ich bis wenige Meter, bevor ich sie erreicht hatte. Sie machten gar keine Anstalten, mir aus dem Weg zu gehen und damit wurde mir dann doch mulmig. Vielleicht waren das auch völlig unbeteiligte Passanten, und dann?
Lebenslänglich kam mir in den Sinn. Aber wenn, dann ja vielleicht mit Angel in einer Zelle. Wie schön. Auf einen einzigen Schlag keine Aufregungen mehr. Keine Konzerte, keine Auftritte, kein Willard.. Aber halt. Mein Angel war schön, bildhübsch. War es nicht so, dass die Kerle im Knast so einen Menschen gern um sich haben? Weil die doch nichts zum vögeln kriegen, nehmen sie auch Männer, egal ob schwul oder hetero.. Nein. Das kam gar nicht in Frage. Mein Schatz gehörte mir, niemand machte eine Hure aus ihm.
Also wenn ich die Typen schon über den Haufen düsen musste, dann anschließend nicht erwischen lassen. Kein Knast, niemals.
»Angelo, wie reich bist du? «, fragte ich so in die noch verbleibenden Sekunden bis zur Sperre.

»Was?«

»Wie weit kommen wir mit deinem Geld?«, fragte ich etwas forscher.

»Was meinst du? Achtung, da vor jetzt.. «

»Ja, eben.«

»Wir kommen schon ein Stück weit«, sagte er schließlich mit trockener und zittriger Stimme.

»Schön«, gab ich als Antwort und hielt das Lenkrad fest. Nur für den Fall, dass der Wagen aus der Bahn geraten könnte.

Tja, da standen sie, alle drei, mitten im Weg. Immer noch keine Waffen, was ich sehr seltsam fand. Grinsten die etwa? Waren sich scheinbar sehr sicher, dass ich doch noch bremsen würde. Aber ich dachte an den Knast, was die mit Angelo anstellen würden und auch an uns, wenn ich jetzt hier einfach stehen blieb. Es gab ja gar keine andere Lösung. Ich musste da durch, was sich dann auch an meinen weißen Fingerknöcheln am Lenkrad äußerte.

»Halt dich fest«, sagte ich fast ruhig zu Angelo und der kauerte auf seinem Sitz, den Geigenkasten fest an sich gepresst. So war’s recht, kein Einwand, keine Bedenken. Mich machen lassen und ich fand uns beide auf einmal richtig cool.

Meinem damaligen Empfinden nach gab es nur einen Aufschlag, aber der war heftig. Zwei schienen sich doch nicht mit dem Blech das Wagens anlegen zu wollen und sprangen rechtzeitig aus der Schusslinie, aber der eine, der in der Mitte, wollte es offenbar wissen. Wohin er flog sah ich nicht, nicht direkt jedenfalls, aber ich hatte ihn erwischt und nicht nur am kleinen Finger.

Jetzt galt es, kühlen Kopf zu bewahren. Wenn’s ein Unschuldiger war, dann Gute Nacht. War’s ein Mafiosi oder sowas, dann auch. Weg hier, das war alles was ich noch sehr genau Händeln konnte.

Mit etwas mehr Gas riss ich das Lenkrad herum, damit wir anständig die Ausfahrt hochkamen und siehe da – weiter oben die Lichter der Straße.
Jetzt gab ich Vollgas und der Wagen zischte förmlich die Ausfahrt hinauf.

Aber vielleicht hätte einer von uns beiden auch auf die Ampel unten achten sollen. Jene, die dafür sorgt, dass sich in der engen Zufahrt keine zwei Autos begegnen können. Aber wer denkt denn an sowas?
Jedenfalls, so auf halber Strecke, biegt ein Auto ein und will runter.

Ich stieg sofort in die Bremsen, aber gleichzeitig war Not am Mann. Die da unten würden nicht warten bis besseres Wetter herrscht, jede Sekunde war wertvoll. Außerdem waren da noch Erich und die Alte.
Ich hupte und war glücklich, dass die genau da saß wo man sie vermutet. Der Wagen oben hielt an, viel zu langsam. Ich konnte einen etwas älteren Herrn am Steuer ausmachen, was er grade dachte wollte ich aber nicht wissen.
Jedenfalls schien mir, dass der auf sein Vorrecht pochen wollte und damit darauf bestand, dass ich das Feld räume.
Würde sicher sonst kein Problem darstellen, aber jetzt grade war diese Möglichkeit äußerst ungünstig. Also hupte ich erneut, diesmal etwas nachdrücklicher. Irgendwann musste der Depp schließlich zu einer Reaktion kommen, es sei denn, er rief bereits über sein Handy die Polizei. Solche Leute gibt’s immerhin auch.

Es reichte dann, schließlich wollten wir da nicht übernachten. Ich fuhr langsam wieder los, immer weiter auf den Wagen zu, genauer, auf den Stern, der auf der Motorhaube prangte.
Nun schien der Alte am Steuer doch etwas Muffe zu kriegen. Wahrscheinlich sah er in mir einen unverschämten Straßenrüpel, den in seinem Vorhaben nichts und niemand aufhalten konnte.
Im Zeitlupentempo begann sein Wagen rückwärts zu rollen und ich folgte ihm, zwischen meiner und seiner Stoßstange passte vielleicht grade noch eine Zigarettenschachtel.
Endlich bog der nach links weg und ich konnte an ihm vorbei.
Bis dahin gut, aber nun wurde mir wieder sehr mulmig. »Angelo, ich darf da draußen nicht fahren. Wenn sie uns erwischen, die Polizei mein ich jetzt, kann ich meinen Führerschein die nächsten Jahre abhaken.«

Angelo schien irgendwie unter Schock zu stehen, er starrte nur geradeaus und muckste sich nicht.

»Du musst ans Steuer.. «

Nichts. Er saß da und sonst nichts. Stehen bleiben war aber eine noch schlechtere Idee, wobei ich etwas Sicherheit verspürte, weil der Alte seinen fetten Wagen nun in die Einfahrt lenkte. Blieb zu hoffen, dass er sich kein zweites Mal zurückdrängen ließ und bei dem Schneckentempo würde er Minuten brauchen, bis er unten war und unsere Verfolger freie Fahrt hatten. Zeit genug, um mit Angel die Plätze zu tauschen. »Nun mach schon, rutsch rüber«, rief ich deswegen.

»Fahr zu, ich.. kann jetzt nicht«, hörte ich ihn mit belegter Stimme sagen.

»Wieso nicht?«

»Wir.. haben einen umgefahren.. «

Ach, das war es. »Angelo, was ist mir denn anderes übrig geblieben? Nun komm schon, setz dich rüber.«

Ein nervöser Blick zu ihm hin sagte mir aber, dass ich keine Chance hatte. Okay, dann eben nicht. Theoretisch hätte ich die Fahrprüfung ja schon ablegen können, aber eben nicht im fahren. Auf der Baustelle hatte ich mir meine Fahrschulbücher rein gezogen, von daher musste es funktionieren.
Spät war’s auch geworden, viel würde nicht mehr los sein auf den Straßen. Also entscheid ich mich fürs kriminelle.
Es galt eh erst mal nur, außer Reichweite zu kommen, nach Rom wollten wir ja nicht fahren.

»Wohin?«, fragte ich und bog nach rechts auf die Straße ab. Tatsächlich, kaum Betrieb und irgendwie war alles schön übersichtlich.
»Da vorn links rum«, sagte Angel und endlich setzte er sich vernünftig hin. Ich fragte nicht, wohin diese merkwürdige Reise gehen sollte, ich kannte mich in der Bankenstadt sowieso nicht aus.

Ich bog links ab, achtete brav auf die Verkehrsschilder und Ampeln. Vorrangig galt es, nicht aufzufallen. Wobei, wir hatten bei einer Kontrolle immerhin handfeste Argumente für unser Tun. Na ja, mein Tun eigentlich. Angel kriegte aber auch was ab, weil er mich hat ohne Lappen fahren lassen.

»Jetzt rechts«, hörte ich nach ein paar Metern eine neue Anweisung. »Und dann sofort wieder links.«

Er sagte und ich tat wie mir geheißen. Meine Güte, wie schön mein Leben doch vorher war. Angelo begann massiv in mein Schicksal einzugreifen und ich war mir in dem Moment nicht sicher, ob ich das gutheißen sollte. Aber egal, ich liebe ihn, Abgöttisch und da gibt’s eben manchmal keine großen Kompromisse.

Nun fuhren wir in einer wirklich düsteren Seitenstraße. Wieder wie in so einem Film, wo die Müllcontainer herumstanden, Katzen nach Verwertbarem herumschnüffeln und sich die Beute mit fetten Ratten teilen. Schmuddlig war’s da und ganz und gar nicht romantisch.
Aber wenigstens war da sonst keine Sau, niemand zu sehen, auch im Rückspiegel nicht.

»Halt an«, kam es nach einer Weile vom Beifahrersitz und das ließ ich mir nicht zweimal sagen.

Ich steuerte den Wagen auf den Bordstein. »Und jetzt?«

»Mach den Motor aus und raus hier.«

Auch dafür brauchte ich keine schriftliche Einladung, kurz darauf standen wir neben dem Wagen. Mein Herz.. wenn das so weiterging, würd ich nicht sonderlich alt werden. Zittrig suchte ich nach meinen Zigaretten.

»Komm, hier lang«, sagte Angelo und ich folgte ihm ein Stück weit die Straße hoch. Immer wieder sah ich mich um, aber es blieb alles ruhig. Dem Alten sei Dank, schoss es mir durch den Kopf und uns hier zu suchen und zu finden, das dürfte ein größeres Kunststück sein.

»Wir sollten Sebi anrufen.. «

Angelo nickte. »Tu das. Sag ihm, wir treffen uns bei Marco.«

Wer oder was Marco war hinterfragte ich nicht großartig, sondern nahm mein Handy und wählte Sebis Nummer aus.

»Verdammt, wo steckt ihr? Wir sind an der Tiefgarage, da ist der Teufel los«, brüllte er förmlich in mein Ohr.

»Wir.. die haben uns nachgestellt. Wir mussten abhauen. Was ist denn da los?«

Ich musste es wissen, so kam vielleicht heraus, was mit dem Unfallopfer passiert war. Immerhin war noch nicht ganz klar, welche Rolle die Typen da unten gespielt hatten.

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