Margie 72 – Morgendämmerung

Ich hatte ja nun wirklich schon alles durchlebt, was Angelos und meine Freundschaft anbelangte, aber das war dann doch die Krönung. Mochte mir mein Gewissen jetzt auch einreden, ich hätte es ja auch hinter seinem Rücken getrieben – fast wenigstens – ich war dann trotzdem tödlich Beleidigt.
Das erste was ich tat, als wir wieder am Wagen waren, ich suchte die Bar anheim. Erst nach zwei gut gefüllten Gläsern puren Gins ging es mir besser, aber nicht gut.

Ich kenne Dampflokomotiven eben mal von Museumsfahrten und so, aber ich wusste nicht wie es ist, wenn man in ihrem Kessel liegt und 12 Bar Druck aushalten muss. Jedenfalls war es genau das Gefühl in meinem Kopf, als ich irgendwann irgendwo die Augen aufschlug.
Das erste was ich wahrnahm, war düsteres Licht, das durch ziemlich dunkle Vorhänge ins Zimmer fiel. Dann vier Wände, die ich nicht kannte und schließlich ein Bett, das auf keinen Fall mein eigenes war.

Es dauerte Ewigkeiten, bis es mir mein dröhnender Schädel erlaubte, irgendeinen klaren Gedanken zu fassen. Wohl bemerkt, einen einzigen. Und der konzentrierte sich auf die Frage, wo ich war. Mein Mund klebte zusammen und an den Geschmack möchte ich mich gar nicht erinnern.
Ganz langsam drehte ich meinen Kopf zur Seite und trotz der Dampfwumme im Kopf stellte ich sofort fest, dass da noch jemand neben mir lag. Mehr Eindrücke konnte ich dann gar nicht sammeln, das genügte auch vorerst.
Ich lag also in einer fremden Wohnung in einem fremden Bett. Dass es Sandro war, der neben mir lag, ergab sich aus der üblichen eins und eins gibt – Rechnung.

Es wurde langsam heller in dem Raum, aber ich traute mich nicht zu irgendeiner Handlung. Jeden Millimeter, den ich meinen Kopf bewegte, quittierte der mit einem richtig stechenden Schmerz. Okay, das war nicht mein erster Kater, aber so heftig kannte ich das nun doch nicht. Üblicherweise schwört man sich in solchen Momenten, keinen einzigen Schluck Alkohol mehr zu trinken, so lange man sich mit auf diesem Planeten dreht. Aber wirklich vorrangig war dieses Vorhaben dann nicht.
Ich stellte in einem weiteren Schritt in die Nüchternheit nämlich fest, dass ich außer meinen Shorts nichts an mir trug und dass die Bettwäsche nach Sandros Parfüm roch. Außerdem kläffte draußen ein Hund und ein paar Spatzen schimpften. Sonst war nichts zu hören und Sandro rührte sich überhaupt nicht. Sein Gesicht konnte ich nicht sehen, weil es zur anderen Seite gedreht war, aber so wirklich wichtig war das auch nicht.

Viel interessanter schien die Frage, was mit mir passiert war und noch viel brennender die, ob etwas passiert war. Ich mein, zwischen Sandro und mir. Krampfhaft versuchte ich, mich in den Tiefen meines Systems an etwas zu erinnern. Der Gedanke, mit Sandro gepennt zu haben und mich nie daran erinnern zu können flößte mir richtig Angst ein. Nein, das ging gar nicht. Irgendwann würde es mir einfallen, ganz bestimmt. Man kann außerdem bestimmt keinen Orgasmus haben und das nicht mitkriegen. Ich langte zwischen meine Beine, aber dort war alles ruhig und offenbar auch in Ordnung.
Ich geriet auch gar nicht in Panik. Wenn wir es tatsächlich getrieben hatten, dann brauchte ich mich dafür nicht zur Rechenschaft zu ziehen. Mildernde Umstände wegen Trunkenheit. Bloß, wo hatte ich soviel gesoffen? Ich versuchte mir die letzten noch klaren Minuten in Erinnerung zu rufen, aber irgendwo im Auto entstand der Filmriss.

Sandro räusperte sich und drehte sich auf den Rücken. Wir lagen unter derselben Decke, zum Glück war sie groß genug. Nun berührten sich unsere Arme und ich kann nicht sagen, dass ich das unangenehm fand. Zeitgleich kamen Fetzen der Erinnerung zurück. Angelo, Sebastian. Der Kuss. Die Lähmung meines Gehirns löste sich langsam, aber sicher, wenn auch noch sehr ungeordnet.

Der erste Versuch, meinen Kopf zu heben, endete nach einigen Zentimetern kläglich am Hämmern. Mir ging schon das nicht gerade laute Hundegebell auf die Makrone und meine Hoffnung lag darin, dass in den nächsten Wochen kein lautes Geräusch an meine Ohren dringen dürfte.
Langsam legte ich mich wieder zur Seite, so dass ich Sandros Profil betrachten konnte. Mehr als ruhig liegen zu bleiben hatte ich die nächste Zeit sowieso nicht vor, das war alles viel zu anstrengend und schmerzhaft obendrein. Welch Glück, dass die Sonne nicht herein schien und aufs Bett knallte, das hätte ich wahrscheinlich gar nicht überlebt.

Da lag er also, ein paar Zentimeter neben mir. War das gut? War das schlecht? Meine Stimme sagte nichts, aber wie auch. Sicher war sie ab 5 Promille völlig mundtot und genauso leidend wie ich. Auch recht.
Schön. Ja, Sandro war ein Mensch zum gern haben und herzeigen. Mit dem konnte man ohne Bedenken shoppen, essen gehen oder am Strand herumhopsen. Er machte einfach eine gute Figur, die war sogar ein Tick besser als die von Angelo. Dessen Name erzeugte da allerdings ein schmerzhaftes Stechen in meinem Kopf und auch sonst wo. Mir fiel ein, dass ich Rotz und Wasser geheult hatte, bis nichts mehr kam. Der unendlichen Traurigkeit, die mich dann zu überfallen drohte, entgegnete ich prompt, indem ich noch ein paar Millimeter näher an Sandro heranrückte. Seine Nähe spendete Trost, dabei wusste ich überhaupt nicht, wie das hier weitergehen sollte.

Fest schien zu stehen, dass ich mich nicht alleine ausgezogen hatte. Zumindest zu 90 Prozent. Die restlichen 10 waren allerdings doch eher unwahrscheinlich.
Wollte ich eigentlich unbedingt wissen, ob mich Sandro – so er mich entkleidet haben sollte – unsittlich berührt hatte? Einen Moment erschrak ich ob diesem Gedanken. Mir traute ich im Umkehrschluss sowas nämlich zu. Ich bin kein Sexmonster, bestimmt auch keine Fummeltrine, bezogen aufs Fummeln und nicht auf die Klamotten, aber wenn die Versuchung allzu groß wird, dann dürfte ich dieser wahrscheinlich erbarmungslos erliegen. Aber okay, ich darf ja nicht von mir auf andere schließen. Sandro war bestimmt nicht so einer. Ein braver, süßer Junge der mich in der Not bei sich aufgenommen hatte. Gut, gut, man kann sich in allen möglichen Menschen irren. Nur, zu Sandro passte das irgendwie nicht. Womöglich war ich ihm sogar lästig? Besoffene herumzuschleppen, auszuziehen und noch sein Bett mit so einem teilen ist ein nicht unbedingt freudiges Ereignis. Fraglich blieb in diesem Zusammenhang, ob Sandro nicht über eine Couch verfügte, welche man im Allgemeinen für solche Typen wie mich zweckentfremden konnte. Hoffentlich hatte ich nicht auch noch irgendwo hingekotzt.. ins Auto am Ende? Das wäre mir echt superpeinlich gewesen und ich betete kurz, dass dem nicht so gewesen war. Tja, der Teufel hat den Schnaps gemacht.. von mir aus konnte er ihn auch wieder holen.

So lag ich also da, dämmerte vor mich hin und beobachtete zum einen Sandro, zum anderen mein Innenleben. Es galt jetzt, die Sache mit Angelo in den Griff zu kriegen. Hatte der sich noch mal gemeldet? Mir fiel ein, dass ich mein Handy abgeschaltet hatte.
Ich bin es gewohnt, dass mein Handy auf dem Nachttisch liegt, aber ein kurzer, sehr langsamer und vorsichtiger Blick an diese Stelle bestätigte mir, dass außer einer Lampe da nichts dergleichen lag.
Dafür etwas anderes.. Mit Mühe hob ich meinen Kopf um mir selbst das gesehene noch einmal zu bestätigen und ließ ihn daraufhin wieder ins Kissen sinken. Also doch. Es war bestimmt kein Zufall, dass da eine Packung Kondome lag. Und die war, gerade noch so erkennbar, nicht mehr original verschlossen.
Wieder mal Schleudergang in meinem Kopf, in der höchsten Drehzahl. Angelo hopste aus meinem Kopf, dort machte sich rasch und ungestüm die Frage breit: wer hatte jetzt mit wem?
Zugegeben, der Gedanke, es mit Sandro getrieben zu haben, war alles andere als unangenehm. Allerdings, wenn schon, dann würde ich mich liebend gerne daran erinnern können.
Die Frage reizte mich so, dass ich mit dem Zeigefinger über Sandros hübsche Nase fuhr. Ach doch, an den könnte ich mich auch gewöhnen, ganz ohne Zweifel. Er war nämlich eine echte Alternative zu diesem Geigenvirtuosen, der mein Leben eh nur aus der Spur und an den Rand des Wahnsinns brachte.
Felix grinste mich kurz an, aber das ignorierte ich.

Und dann erwachte sie, aus dem Koma gleich in die Vollen. „Hab ich es dir nicht immer gesagt? Angelo ist ein Heuchler, hat dich ausgenützt, mit dir und deinen Gefühlen gespielt. Er hat dich schon wichtige Jahre deines Lebens gekostet und er bringt dich eines Tages noch ins Grab, falls du ihn nicht schleunigst den Hasen fütterst. Sandro ist ganz anders, kein Vergleich.“
Gut, meine Stimme hatte gesprochen. Ob sie immer ehrlich ist oder Recht hat, das werd ich mein Leben lang nicht herausfinden. Direkt ist sie halt, kommt meistens ohne Umschweife auf den Punkt. Die Entscheidung, was ich mit ihren Rat- und Vorschlägen anstellte, lag ja immer noch bei mir.

Jenes unbekannte Parfüm, das Sandro am Tag zuvor so leicht und luftig umweht hatte, lag nun wie ein dünner, fast nicht wahrnehmbarer Schleier um mich herum. Ich roch an meinem Arm – und ohne Zweifel, da war es auch. Kommt sowas doch sicher nur, wenn man eine ziemlich lange und direkte Berührung.. Aha. Da meldete sich noch jemand in diesem Augenblick. Kaum aufgewacht und schon recht munter. Vielleicht reckte sich mein Schwanz auch nur, weil ich seit geraumer Zeit das Bedürfnis hatte, aufs Klo zu gehen. Dumm nur, wenn man nicht ohne Leiden aufstehen kann und dazu keine Ahnung hat, wo genau sich diese Örtlichkeit befindet. Egal, in einem Schloss mit kilometerlangen Gängen und tausend Türen würde Sandro sicher nicht wohnen und nachdem sich mein süßer Nachbar immer noch nicht muckste, begann ich ganz langsam aufzustehen. Dass mein bester Freund schon lange stand und das von Sandro bemerkt werden könnte, war mir irgendwie egal.
Ich setzte mich auf die Bettkante und betrachtete erneut die Schachtel auf dem Nachttisch. Gute Ware, extra Stark. Mein kleiner Freund fand noch mehr gefallen an der Sache und ich musste trotz meines jämmerlichen Zustands grinsen.

»Guten Morgen«, vernahm ich von hinten. Entweder Sandro war noch zu müde um lauter zu sprechen oder er wusste, wie weh eine dröhnende Stimme in meinem Zustand tun konnte. Jedenfalls erschrak ich nicht.

»Guten Morgen«, gab ich zurück. Halt in dem mir möglichen, sehr zurückhaltenden Maße.

»Wie geht es dir? «

»Vielleicht ist miserabel grade der gelindeste Ausdruck, der mir im Moment dazu einfällt«, gab ich zurück.

Ich hörte ein knarzen und dann spürte ich zwei Hände um meine Hüfte. Sandro kniete sich hinter mir auf dem Bett und seine Berührung durchflutete meinen Körper mit sehr angenehmen Gefühlen. Für die Dauer eines Blitzes überlegte ich, ob ich ihn jetzt gleich mit all meinen sämtlichen Fragen bombardieren sollte, unterließ es aber dann. Er war so lieb und zärtlich, warum sollte ich diesen bis jetzt schönsten Abschnitt seit dem Aufwachen mit solch trivialen Fragen kaputtmachen?
Lange Zeit saßen wir so da. Ein komisches Gefühl, den Jungen hinter mir zu wissen. War er nackt? Hatte er einen Steifen wie ich? Was trieb er zudem denn da hinter mir? Seine Hände bleiben ganz ruhig, er streichelte mich nicht oder so. Eines wurde mir aber klar. Wenn ich jetzt meine Hände auf seine legte, dann war das bereits so was wie ein Liebesgeständnis. Ich wurde in dem Augenblick mit einer sehr, sehr delikaten Frage konfrontiert: Liebte ich Sandro etwa? Meine Güte, ich wusste es nicht. Zudem, dafür drehte sich die Schleudertrommel noch viel zu schnell. Alles war vage, undurchsichtig, ohne festen Halt.
Ich ließ meine Hände wo sie waren.

Nachdem dann genügend Zeit verstrichen war, wollte ich doch so einiges, nicht unwichtiges, wissen.
»Sandro, was ist letzte Nacht passiert? «

Ich hörte an seiner Stimme, dass er grinste. »Was schon? Du hast einen über den Durst gebechert. «

Das entlockte mir ein gequältes Lächeln. »Ach, und ich dachte das hat am Kamillentee gelegen.. Nein, mal im ernst.. «

»Die Bar im Auto ist leer, falls du das meinst. Und zwar bis auf den letzten Tropfen. «

»Oha. Na ja, du kannst mir ja ne Rechnung aufmachen. «

Ich drehte mich zu ihm um, was gar nicht so einfach war. Meine Güte, wie Sandro aussah. Mit diesem Strubbelkopf, diesen langen Wimpern und die Lippen erst.. Ein Prinz, ja, so würde ich ihn auf Anhieb bezeichnen. Okay, ich will nicht lügen. Einige Dinge an ihm erinnerten mich sehr stark an Angelo, aber ich ersparte mir einen detaillierten Vergleich. War ja schön, dass Sandro einiges von ihm hatte. Die zarte Haut, die Form der Ohren, der Nase.. So musste ich mich ja wenigstens nicht komplett auf ein völlig neues Gesicht einstellen. Obwohl mir das eh nie passieren würde. Ich hab ja diesen Hang zu solchen Typen, andere kämen sowieso nicht in Frage.

»Ähm, ich mein jetzt, was ist sonst passiert, außer dass ich abgestürzt bin? «

Sein Mund verzog sich. So wie bei einem kleinen Jungen, der über eine Antwort erst nachdenken muss und dabei überlegt, ob er die Wahrheit sagen oder doch besser lügen soll.

»Kannst mir ruhig sagen, wenn da was vorgefallen ist«, setzte ich hinterher und griff zur Schachtel mit den Kondomen.
Ich hielt sie ihm hin und versuchte dabei, es nicht als Vorwurf rüberkommen zu lassen.

Trotz des Dämmerlichts sah ich, dass Sandro leicht rot wurde. Er nahm sofort seine Hände von mir und rückte von mir weg. »Ich mach uns erst mal einen Kaffee«, sagte er dann und sprang vom Bett. Wie eine Feder, dieser Junge. Kein plumper Dorfheini. Sandro hatte keine Shorts an wie ich. Oh nein. Er trug einen blütenweißen Slip, so eng als wäre er aufgemalt. Dadurch, dass Sandros Körper so braun war, stach das richtig deutlich hervor und erinnerte mich spontan an mein Faible für solche Kleidungsstücke, auch wenn ich selbst dergleichen so gut wie nie trug. Na ja, über den wichtigen Gegenstand, den ein solcher Slip wohl oder übel hinter sich verbirgt, möchte ich gar nicht reden, auch wenn der in Ruhestellung war. Im Gegensatz zu meinem kleinen Freund, der nicht eine Sekunde aus seiner senkrechten Lage abwich.

Beleidigt oder so war ich dann nicht, ich würde so oder so erfahren was da gelaufen war. Nahm ich wenigstens an. »Ich.. müsste mal aufs Klo. «

»Klar, nach der Tür rechts, kannst es nicht verfehlen. «

Ich stand auf, nachdem Sandro das Zimmer verlassen hatte und schlich zu den Vorhängen. Vorsichtig schob ich einen beiseite, nur um ihn schnell wieder zu schließen. Die Sonne meinte es nämlich allzu gut und traf mich für Sekunden wie ein Blitz. Zum Glück lehrt einen ja die Erfahrung, dass diese Empfindlichkeit nicht von ewiger Dauer ist.

Über einem Stuhl im Schlafzimmer sah ich meine Klamotten liegen und sogleich fummelte ich mein Handy aus den Jeans. Ich sah meine Hände zittern, was zweierlei Gründe gehabt haben dürfte: Zum einen der Tremor, zum anderen die Aufregung, was nach dem einschalten passieren würde.
„Du willst es dir jetzt aber partout vermiesen, wie? Lass das Ding aus, dafür ist noch alle Zeit der Welt.“
Okay, in der Sache musste ich meiner Stimme Recht geben.

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