Margie 76 – Flucht mit Folgen

»Es ist wirklich alles in Ordnung mit dir? «, wollte Papa wissen.

»Ja, bestimmt. «

»Und wo bist du jetzt? «

Autsch. In der Panik der Eile hatte ich das natürlich völlig vergessen. Rasch sah ich mich um. Ein Familienhaus neben dem anderen. Gepflegt, ruhig, sicher auch nicht billig die Gegend. Aber diese Erkenntnis nutzte mir nichts. »Papa, ich ruf gleich wieder an. «

»Ralf, ist wirklich alles Okay? «

»Ja, Paps, wirklich. Bis gleich. «

Es war verdammt ruhig in den Viertel, keine Menschenseele. Den Autokennzeichen nach war ich aber immerhin noch im Großraum Frankfurt.

Ein Auto kam die Straße hoch. Es fällt aber sofort auf, wenn jemand in so einem Gebiet quasi rast wie ein Bekloppter. Weil der Wagen so schnell angedüst kam, beachtete ich ihn auch.
Damit erkannte ich im vorbeirasen Enrico Schumann am Steuer, jener nicht willkommene Gast bei Sandro. Er sah mich nicht, da ich nah am Gartenzaun stand und weil Schumann wegen der Raserei auf die Straße achten musste.

Es war dann irgendwie ganz seltsam. Man hat so Momente, in denen man zunächst ohne Grund stutzig wird. Sandro hatte ihn hinausgeschmissen oder es zumindest versucht. Schumann hatte gedroht, ihn in gewisser Weise auffliegen zu lassen oder schlecht zu reden oder was auch immer. Sandro hatte nicht mitbekommen dass ich mich davongestohlen hatte.. Womöglich saß er jetzt wegen mir in der Patsche. Hab ihm vielleicht alles verdorben..
Gut, ich hatte mir ja so mein Urteil gebildet. Der Junge wäre echt was für mich gewesen, durch ihn wäre ich möglicherweise sogar von Angelo losgekommen. Aber seine Lebensart würde das verbieten. Ich mein, ich hätte ihm bestimmt nicht sagen können, dass wenn wir was zusammen anfangen, er dann mit den Männern aufhören müsste. Sowieso kam mir das alles viel zu kompliziert daher.
Aber jetzt war Schumann weggefahren. Sandro würde wieder alleine sein und wer weiß wo nach mir suchen. Er hatte sich um mich gekümmert, das hätte er gar nicht tun müssen. Es gab noch so ein paar Szenen, die mir da einfielen und auf einmal kam ich mir schäbig vor. Es war sicherlich kein Vorsatz, dass ich abgehauen war. Eine Art Schockreaktion, weil plötzlich dieser pomadige Schumann da unter der Tür stand. Über das wie und warum machte ich mir erst mal keine Gedanken, sicher konnte mir Sandro erklären, woher ausgerechnet diesen Menschen kannte. In was, zum Teufel, war ich da bloß hineingeraten?
Wie dem auch war, ich beschloss, zu Sandro zurückzugehen. Zum einen weil ich mich anständig von ihm verabschieden wollte, zum anderen hätte ich ja auch gerne gewusst, wo ich denn überhaupt war.

Also lief ich ein Stück auf dem Gehweg, bis zur nächsten Kreuzung. So schön das Viertel auch aussah, aber fast mittendrin prangte so ein hässlicher Mobilfunkmast. Sicher hatte es wegen dem hier schon richtig Ärger gegeben. Bim Anblick des Mastes fielen mir die Anrufe und die SMS ein. Zwar versucht man gelegentlich, unangenehme Dinge zu verdrängen oder gar zu ignorieren, aber in diesem Fall siegte die Neugier. Was hatte Angelo mir noch zu sagen gehabt? Er wusste ja nicht, dass ich ihn und Sebastian beobachtet hatte. Eigentlich eine sehr gute Gelegenheit um herauszufinden, wie gut er schauspielern und lügen konnte.
Ich drückte die Nummer der Mailbox.

»Hallo Ralf. Warum meldest du dich nicht? Ich habe dir etwas Wichtiges zu sagen, bitte ruf mich doch zurück. «

Die beiden anderen Anrufe waren vom Inhalt etwa gleich, wobei der letzte Anruf traurig klang. Wohlgemerkt, klang, zwangsläufig musste das ja gar nicht so sein. In den SMS stand auch nur, ich soll mich doch bitte melden. War das irgendwie Ironie des Schicksals, dass ich seine wichtige Mitteilung bereits kannte? Sollte ich mir das, was ich gesehen hatte, noch einmal von ihm bestätigen lassen? Darauf hatte ich ehrlich gesagt keinen Bock.
Dabei fiel es mir schwer, Angelo so richtig bitterböse zu sein. Okay, ich durfte mich verarscht fühlen, gewaltig sogar. Aber irgendetwas in mir brodelte da noch. Nicht die Gewissheit, dass ich ihm irgendwann einmal mitten ins Gesicht sagen würde, was mir alles nicht an ihm passt, das käme so oder so. Nein, so ein merkwürdiges Gefühl.
„Du hängst immer noch an ihm, darum.“
„Blödsinn. Abhaken, diesen Menschen. Er bringt dich nicht weiter, höchstens zurück.“
Diese Streitereien in meinem Kopf hatten mir da grade noch gefehlt. Was sehnte ich mich nach Ruhe. Danach, nichts zu hören und nichts zu sehen. Alles hinter mir lassen, den ganzen, blödsinnigen Kram. Sammeln, sortieren, zuordnen. Das war ein richtiger Wunsch an der Stelle, aber ich sah ein, dass es dafür weder der richtige Ort noch die richtige Zeit war.

Also lief ich los. Erst rechts rum, weiterlaufen, die nächste wieder rechts. Ich kannte das Haus von der Straße aus ja nicht, aber vielleicht gelang mir ja ein Blick über die Zäune, dann würde ich es schon finden.

An einem Haus stand die Haustüre offen und ein Blick von der Straße hinein genügte mir. Wenn auch Schemenhaft, so war ich mir sehr sicher, Sandros Haus gefunden zu haben.
So stand ich also am auch offenen Gartentor und blickte die Treppen hoch zum Eingang. Merkwürdig. Wieso stand die offen? Dass es schon wieder so heiß geworden war konnte der Grund eigentlich nicht sein. Durchzug schön und gut, aber so musste man sicher nicht übertreiben.
Und in dem Augenblick bekam ich ein saudummes Gefühl in die Magengegend. Ich brachte zwar dieses „eins und eins gibt gleich zwei“ nicht korrekt zusammen, aber trotzdem beschlich mich da etwas, das mir den Mund austrocknen und mein Herz schneller schlagen ließ.

»Sandro? « Ich stellte meine Tasche ab und ging zur Treppe. »Sandro? Hallo? Ich bin’s, Ralf. «
Ich nahm die erste Treppe, lauschen, dann die zweite Treppe. »Sandro? « Ich wurde dabei etwas lauter. Ein Blick in den Flur ließ nichts und niemanden erkennen, aber ich wusste in diesem Augenblick, dass etwas nicht stimmte.
Beherzt nahm ich die letzten beiden Stufen und mit einem großen Schritt stand ich im Flur. Ich rief Sandros Namen noch ein paar Mal, aber es rührte sich nichts.
Da bekam ich es dann mit der Angst. Wenn man aber auch so verdammt alleine ist in so einer Situation, das ist wirklich saublöd.

Ich nahm den direkten Weg ins Wohnzimmer, sah mich zuerst dort um. Nichts. Weiter hinaus auf die Terrasse. Nichts.
Es konnte nicht sein, dass er nicht hier war und die Tür offen stand. Mein nächster Weg ging zurück, ins Schlafzimmer. Das präsentierte mich noch so, wie es verlassen hatte.

Dann weiter in die Küche.
Man kann die Gefühle bei so einem Anblick, der sich mir dann bot, nicht beschreiben. Ich war wie gelähmt zunächst, zu keiner Tat fähig. Es ist ein Alptraum, aus dem man aufwachen möchte, sofort, und es dauert Ewigkeiten bis man begreift, dass es kein Traum ist. Auch kein Film oder eine Wahnvorstellung.

Sandro saß angelehnt an den Herd und auf dem Kachelboden. Er sah mich mit seltsam glasigen Augen an, so ganz komisch, als wäre ich gar nicht da. Die Hände, die er in seinen Schoß gelegt hatte, waren voller Blut, wie auch der untere Teil seines Bademantels.

Ich weiß nicht, wie lange es dauerte bis ich reagieren konnte.
Mit einem Satz war ich bei ihm und kniete mich hin. »Sandro.. was ist passiert? «

Langsam richteten sich seine Augen auf meine und er öffnete seinen Mund, um etwas zu sagen. Ich verstand ihn nicht und es war entsetzlich. Mein Blick fiel auf seine Hände, erst jetzt erkannte ich, dass er sie regelrecht zwischen seine Beine presste.
»War das.. Schumann? «

Sandro nickte einmal, mehr Kraft hatte er scheinbar nicht. Ich war so dermaßen Hilflos, mir blieb nur eins im Kopf: Hilfe holen.
Es war fast unmöglich, die Nummer der Notrufzentrale zu wählen, so zitterten meine Hände. Noch während das Freizeichen ertönte, fiel mir wieder ein: Wohin mussten sie den fahren? Es war eine Katastrophe.
Auf Sandros Stirn standen Schweißperlen und sein ganzer Körper begann zu zittern. Ich fuhr ihm mit der Hand über das unter der Bräune blasse Gesicht, es fühlte sich ganz kalt an. Meine Angst drohte mir die Kehle zuzudrücken.

Dann meldete sich die Rettungsleitstelle.

»Ralf.. Ralf Bach hier, Ich habe eine verletzte Person gefunden.. « Ich weiß nicht mehr, was ich alles gestottert habe, nur noch dass der Mann am Telefon ruhig und besonnen blieb und mir, nachdem ich meinen Standort nicht sagen konnte, zweimal deutlich machte, ich solle nicht auflegen und das Handy auf keinen Fall ausschalten. Ich legte es neben mir auf den Boden.
Am Herd sah ich ein Geschirrtuch hängen und wie im Reflex stand ich auf und tränkte es mit Wasser. Ich tupfte damit Sandros Stirn ab, fuhr ihm auch über sein Gesicht.
»Ganz ruhig, Sandro, es kommt gleich Hilfe. «

Er nickte einmal, dann endlich ein Satz, den ich verstand. »Es tut so verdammt weh. «

»Was hat er gemacht? «

»Ich weiß.. es nicht. Es ging.. so schnell.. « Dann schloss er die Augen.

Jeder, der den Führerschein macht, muss ja diesen Erste – Hilfekurs absolvieren. Aber man kann’s mir glauben, in so einer Situation nützt das herzlich wenig. Ängstlich sah ich auf Sandros Hände, die immer noch so verkrampft in seinem Schoß lagen. Zum Glück macht es mir nichts aus, Blut zu sehen, davon floss auf der Baustelle schon so mal so einiges. Auch ohne medizinische Kenntnisse schien mir aber, dass kein Blut irgendwie nachlief.
Was war da passiert.. Ich ahnte es, aber ich wollte den Gedanken nicht zu Ende führen. Er war einfach zu schrecklich.
Zu allem kam ja nun dazu, dass ich mir nicht vorstellen konnte, wie man uns hier findet. Bestimmt versuchten sie, mein Handy zu orten, aber näher als bis auf den nächsten Mast kamen sie wahrscheinlich nicht. Das hieß, ich musste mich draußen irgendwie bemerkbar machen. Aber ich wollte Sandro nicht alleine lassen.
Gebannt sah ich auf seinen Brustkorb, er hob und senkte sich, wenn auch kaum merklich. Seine Lage wollte ich nicht ändern, obwohl das vielleicht besser gewesen wäre. Mir fiel die Schocklage ein, von der immer wieder gesprochen wurde in so einem Fall. Aber was war das für eine Verletzung? Wurde es am Ende schlimmer, wenn Sandro sich bewegte?
Ich spürte, wie die Zeit begann, davonzulaufen und es half nichts, ich musste raus auf die Straße.
»Sandro, geht es?«, fragte ich.

Er öffnete die Augen einen Spalt und nickte. »Ja, schon.. «

»Ich muss dich alleine lassen für einen Moment. Ist das Okay? « Hätte er nein gesagt, wäre ich keinen Millimeter von ihm gewichen. Aber nickte nur noch einmal.

Ich stand auf und merkte Sekunden später, wie sich alles in meinem Kopf drehte. Für einen Moment musste ich mich am Herd festhalten, weil mir Schwarz vor Augen wurde.
Alles fluchen half aber nicht. Ich dachte angestrengt nach und dabei fiel mir der Sendemast da drüben ein. Ich nahm mein Handy auf und hielt es ans Ohr. »Hallo? «

»Gott sei Dank sind Sie noch dran. Der Notarzt ist unterwegs. Können Sie sich irgendwie bemerkbar machen? «, fragte der freundliche Mann.

»Hier ganz in der Nähe gibt es einen Sendemast, zu dem geh ich hin. «

»Das ist sehr gut«, hörte ich.

Mit wackligen Beinen ging ich dann hinaus aus dem Haus. Die drückende Hitze machte es nicht einfacher, aber ich hatte schließlich keine Wahl. Schnurstracks ging ich die Straße hinunter, aber da hörte ich bereits die Sirene des Rettungswagens. Was ein Glück, dass sie trotz allem eher langsam fuhren und gerade weiter oben über die Kreuzung kamen. Dann begann ich zu winken und zu schreien. Erst fuhr der Wagen weiter, doch dann hielt er plötzlich an. Scheinbar hatte mich der Beifahrer gesehen und als mir das klar wurde, bleib ich stehen und holte Luft. Ich kann niemand sagen, wie froh ich war, als der Wagen auf mich zukam.

Von da an ging es Schlag auf Schlag. Nur wenige Minuten später waren die beiden Sanitäter und der Arzt in der Küche und kümmerten sich um Sandro. Man stellte mir ein paar Fragen wegen Uhrzeit und was ich unternommen hätte und so weiter, aber mehr nicht.
Ich konnte es nicht mit ansehen, als der Arzt Sandros Hände vorsichtig wegnahm und den Bademantel öffnete. Rasch drehte ich mich um und ging hinaus auf die Terrasse.
Es war völlig unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen. Ich konnte mich nicht mal entscheiden, ob ich mich setzen, fallen lassen oder einfach stehen bleiben sollte.

Eine weitere Sirene war zu hören, kurz darauf verstummte sie. Ich hörte Stimmen im Haus, dann kam ein Polizist auf mich zu. Ja, auf die hatte ich gewartet.
In den wenigen Minuten, die mir zum nachdenken blieben, fasste ich einen Entschluss. Ich würde alles, aber auch alles Haarklein erzählen. Von mir aus sollten sie mir eine Führerscheinsperre aufhalsen, weil ich Auto gefahren war. Was mir wegen dem Typen blühen könnte, den ich umgefahren hatte, basierte erst einmal nur auf Spekulation. Lebenslang bekäme ich sicher nicht.
Wichtig bei all dem war mir nur eins: Schumann würde büßen und vielleicht kam dann auch endlich Licht hinter all die Machenschaften.

Der Polizist fragte, wer ich war und ob ich meine Papiere zeigen könnte. Ich nickte und ging hinein ins Haus. Noch immer war das Rettungsteam in der Küche und ich eilte rasch vorbei. Wollte nicht mitkriegen was sie inzwischen von der Verletzung wussten und fragte auch nicht, wie es um Sandro stand.
Ich hatte einfach nur panische Angst vor der Antwort. Was ich die ganze Zeit verdrängt hatte, kam jetzt aber mit voller Wucht zum Vorschein. Hätte ich mich gezeigt, als Schumann vor der Tür stand, wäre das nicht passiert. Ich hatte mich feige aus der Affäre gezogen und war davongelaufen. Wie ein kleiner Junge. Und dafür begann ich mich aufrichtig zu hassen.

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