Mein liebster, bester Weihnachtsmann – Teil 5

Für Anna13 und alle meine lieben Fans hier, danke für euer Interesse. Viel Spaß beim Lesen wünsch ich euch, ich hoffe, es gefällt.

Teil 5  Zu Hause?

Dienstag, 20. Januar 2009, 08:30 Uhr, Airport Kapstadt, Rep. Südafrika

Julien

Als der Silbervogel die Flughöhe erreicht hat, schnallen wir uns ab. Auf der Rückseite der Sitze vor uns sind kleine Bildschirme angebracht, auf denen man Filme gucken, aber auch aktuelle Nachrichten, Einzelheiten zum Flug und zur Maschine und vieles mehr sehen kann.

Es ist doch gut, wenn man nicht am Ticketpreis spart für einen so lange Flug, der Komfort ist einfach besser. Auch bei der Bordverpflegung merkt man deutlich den Unterschied zu Billigfliegern. Bei einigen muss man seine Stullen ja sogar selbst mitbringen, muss aber echt nicht sein, auf so einer langen Strecke.

Jan ist wohl wieder müde oder noch immer. Er döst in seinem Sitz, die Augen geschlossen. Ja, Sex kann sehr anstrengend sein und unsere gestrige Aktion war ja dann auch die letzte in Südafrika. Wir haben wirklich nichts ausgelassen und bis zum geht nicht mehr gevögelt. Jans Mama hat heute Morgen sehr vorwurfsvoll geguckt.

Offensichtlich war die Lautstärke nicht angemessen. Jan und ich sind rot geworden und sie hat gesagt, sie begrüßt die Tatsache, dass wir im Rheingau eine separate, etwas abgelegene Wohnung haben, dann würde die Nachtruhe nicht mehr andauernd durch zwei brünstige Jungmänner gestört.

Mama Mbete hat vor lauter Lachen einen Teller fallen lassen, so lustig fand sie das Statement. Wenn ich daran denke, wie verklemmt sie damals war, als Nelson und Jan sich geoutet haben. Jan hat mir das öfter erzählt, das sie, als seine Mutter über Safer Sex gesprochen hat, auch einen Teller kaputt geworfen hat, damals aber vor Schreck über die Vorstellung von Sex zwischen den beiden.

 Ich wäre am liebsten im Boden versunken und Jan gleich mit. Obwohl wir schon um fünf Uhr dreißig gefrühstückt haben, war Mama Mbete gekommen und auch Jans Papa war aufgestanden, um mit uns zu frühstücken.

Der Abschied war kurz und heftig und Mama Mbete sagte zu Jan, das er immer ein bisschen ihr Sohn bleiben würde und das er sie nicht vergessen soll. Jan versprach ihr auch in der Zukunft so oft wie möglich mit ihr und Johann zu skypen und den Kontakt aufrecht zu erhalten. Mit Tränen in den Augen hat sie uns hinterher gewunken, als  Jans Mama uns zum Flughafen gebracht hat.

Jan schnarcht leise und ich stupse ihn an. Sofort ist das Schnarchen beendet, aber es dauert keine zehn Minuten, da fängt er wieder an. So geht das noch zweimal, bis er nach einem erneuten Anstupser die Augen öffnet. Wie sind jetzt etwa anderthalb Stunden in der Luft und haben noch einige vor uns.

Die  Kabinenbesatzung beginnt jetzt, Essen und Getränke aus zu teilen und so werden wir jetzt zunächst mal was zu uns nehmen. Schließlich muss man ja bei Kräften bleiben, wo so viel Arbeit auf uns wartet. Wir nehmen beide einen Wein zum Essen, Wein vom Kap, als Abschiedstrunk so zu sagen.

Wer weiß, was uns alles erwartet, was meine Leute wohl machen und was Papa macht, dem mein Schwul sein so ein Dorn im Auge ist?

*-*-*

Jan

Jetzt sind wir schon fast zwei Stunden in der Luft, das Wetter ist klar und man kann ganz tief unten das Meer sehen. Wir fliegen in dreißigtausend Fuß Höhe, hat der Pilot vorhin durchgesagt, also etwa zehntausend Meter. Im Moment essen wir und trinken Wein vom Kap. Ein bisschen Wehmut fühle ich schon in mir.

Soweit weg von der Heimat, auch wenn diese Heimat nicht immer so nett zu uns war, sondern gemein und sogar grausam, so ist es doch das Land, in dem ich geboren bin, wo ich gelebt, geliebt und gelitten habe. Oh Nelson, du fehlst mir immer noch, obwohl Julien an meiner Seite ist, den ich auch ganz Doll lieb habe.

Du warst der Mensch, mit dem ich alt werden wollte und es wohl auch geworden wäre, hätte nicht der Hass und der Rassenwahn deinem jungen Leben ein brutales Ende bereitet. Mir kommen jetzt fast die Tränen, so real läuft das alles noch einmal vor Augen ab. Zwei warme Lippen schmusen meinen Hals, er fühlt es jedes Mal, wenn es über mich kommt, so als würde mein Herz Hilferufe an ihn senden.

„Ich liebe dich“ flüstere ich mit flatternder Stimme zu ihm hin. Deutlich höre ich: „Massa, nicht weinen, Massa. Alles ist gut so Massa Jan. Nelson immer bei dir ist und bei Julien, Nelson euch beide lieb hat Massa Jan.“ Es ist gerade so real, das ich meine, ich würde seinen Atem spüren an meinem Nacken, obwohl es ja Juliens Atem ist,  und seine Lippen, die mich kosen.

„Schwarze Schwuchtel, knutscht woanders, verdammt noch mal“, tönt es links von mir. Mein Nachbar zur Linken, etwa 45 Jahre alt,  Speckbauch und Hornbrille. Mir wird es kalt ums Herz, eiskalt. Das hier jetzt gerade in dem Moment, als Nelson in meinem Gehirn spukt, gerade, als all der Schmerz um seinen Tod meine Seele aufwühlt, na warte.

„Was willst du alter Fettsack? Was passt dir nicht? Wenn du was dagegen hast, das er mich liebt, dann setzt dich weg, aber schnell, sonst helfe ich nach, du Penner“, blaff ich ihn an, mein Tablett zu Julien schiebend. Ich steh auf, wende mich ihm zu und schau ihn an. Ich kann mein Gesicht selber nicht sehen, aber offensichtlich spricht es deutlich aus, was ich fühle und er steht auch auf.

Da er den Innenplatz am Gang hat, hält ihn nichts und als ich Anstalten mache, ihm nach zu gehen, ergreift er die Flucht. Ein Stewart kommt von vorne, ich bin bis an den Gang vorgetreten und schau dem Kerl nach. „Was ist passiert“, fragt mich der Stewart und mustert kritisch mein Gesicht. Langsam dreh ich mein Gesicht zu ihm.

„Er hat meinen Freund eine Schwarze Schwuchtel genannt und hat gemeint, er soll mich doch verdammt noch mal woanders knutschen“, kommt es wütend über meine Lippen, „Wenn der noch mal herkommt, passiert was.“

„Bitte, beruhigen sie sich, ich werde mich darum kümmern“, sagt der junge Mann, „hinten finde ich bestimmt jemanden, der den Platz mit dem Mann tauscht, dann soll er sich dort hinten hinsetzen.“ Er geht nach hinten.

Juliens Hand  zieht mich wieder zurück zu meinem Sitz: „Komm, mein Schatz, beruhige dich wieder, er ist es nicht wert, das du dich so aufregst. Danke, das du mich verteidigt hast, aber lass es jetzt gut sein. Komm, wir essen weiter.“ 

Nur mühsam beruhige ich mich wieder. Das Gemurmel der anderen, in der Nähe sitzenden Passagiere verlischt wieder im  Rauschen der Turbinen. Mein Puls wird langsam wieder normal und ich wende mich meinem Schatz zu und sage zu ihm:

„Ich habe gerade an Nelsons Tod gedacht, als dieser Arsch sein Maul aufgemacht hat. Ich war außer mir und bin jetzt froh, dass ich im keine gescheuert habe. Ich war so kurz davor, ihn zu schlagen“, sag ich leise zu ihm.

„Ich habe dein Gesicht gesehen, kein Wunder, das er abgehauen ist. Blanke Mordlust stand in deinen Augen, zum Fürchten. So hab ich meinen Schatz noch nie gesehen“, sagt Julien zu mir und zieht mich runter auf meinen Platz.

Mein Appetit ist dahin, also trinke ich meinen Wein und zwinge mich, nicht weiter über den Vorfall nachzudenken. Der Stewart kommt, einen etwa achtundzwanzig jährigen Mann im Schlepptau. Der Mann, den ich unter anderen Umständen einen netten Twink nennen würde, hat Handgepäck dabei, will sich also offensichtlich zu uns setzen.

„Hi, ich bin Holger Sandhöfer“, stellt er sich vor. „Der Stewart hat gefragt, ob ich bereit wäre, den Platz zu tauschen, weil es hier offensichtlich Probleme gegeben hat. Was war denn los?“ „Der Dicke dahinten hat meinen Schatz eine Schwarze Schwuchtel genannt“, sag ich  und beobachte dabei sein Gesicht.

„So ein Arsch, na ja, leider sterben diese Spinner nicht aus. Darf ich euch bis London Gesellschaft leisten oder fliegt ihr auch noch weiter nach Frankfurt?“ sagt und fragt er. „Wir fliegen bis Frankfurt“, sag ich und dann reiche ich ihm spontan die Hand zum Gruß. Er nimmt sie und meint:  „Freu mich, euch kennen zu lernen“. Dann begrüßt er auch Julien mit Handschlag.

Der Stewart hat das Handgepäck von dem Dicken genommen und trägt es nach hinten, so das Platz wird für Holgers Handgepäck. Der verstaut das jetzt, bevor er neben mir Platz nimmt. „Ich war zwei Wochen in Kapstadt, beruflich so zu sagen. Ich bin Maschinenbauingenieur und arbeite bei einer Frankfurter Firma“, erklärt er seinen Flug.

„Wir haben mehrere Maschinen zur Erzgewinnung dorthin geliefert und ich habe das Ganze jetzt übergeben und mit den Leuten ein paar Tage Einweisung gemacht. Leider war ich über Weihnachten allein hier am Kap, mein Freund ist Arzt in einer Frankfurter Klinik und Schwule, die sind ja als Unverheiratete und ohne Kinder bestens für Bereitschaftsdienste an Weihnachten geeignet.“

Der Stewart bringt Holgers Essentablett und fragt uns, ob er noch was bringen soll. Ich bestelle für uns drei einfach mal noch einen Wein vom Kap. Holger ist einverstanden und bei meinem Schatz weiß ich, dass das OK ist. Wir kommen ins Gespräch, erzählen uns gegenseitig von uns, wobei er auch viel über seinen Freund erzählt.

Sie sind jetzt schon drei Jahre zusammen, haben sich auf der Uni kennen gelernt und sind dann auf einer Studentenparty zusammen gekommen.  Beide machen aus ihrem Schwul sein keinen Hehl und da sie zusammen bei den Eltern seines Freundes, allerdings in einer separaten Wohnung leben, geh ich davon aus, das zu mindestens die Eltern seines Partners kein Problem mit Schwulen haben.

Er selber stammt aus Kemel, einem kleinen Ort im Taunus mit ca. fünfzehn Hundert Einwohnern, an der Bäderstraße gelegen. Studiert hat er in Frankfurt und da, wie bereits erwähnt, seinen Freund Johannes Wegmann kennen gelernt, mit dem er ganz offiziell eine Lebenspartnerschaft ein gegangen ist

Heute haben sie in der Nähe des Klinikum Frankfurt Hoechst, wo sein Freund nach seiner zweiten Facharztprüfung als Orthopäde arbeitet, die  gemeinsame Wohnung bei seinen Schwiegereltern, wie er sie bezeichnet.

Ich erzähle von uns, von Südafrika, von Opa im Rheingau und auch von Nelson. Sichtlich bewegt von unserem Drama drückt Holger spontan meine Hand. Danach ist erst mal ein paar Minuten Stille, bis sie die Nerven bei mir wieder beruhigt haben.

Julien beschmust während der Pause meine rechte Gesichtshälfte und als ich ihn anschaue, bekomme ich auch einen ganz lieben Kuss. Seine Augen streicheln meine Seele, sein Blick ist so voll Liebe und Zärtlichkeit, das die dunklen Schatten der Vergangenheit wieder verfliegen.

Seelisch so gestärkt, erzählen wir nun, warum wir wieder in den Rheingau gehen und warum wir auch für immer dort bleiben werden.

Julien erzählt von sich, vom Elsass, auch von seinem Vater und dem Rest der Familie. Auch Holgers Vater, so erzählt der, hat sich nur schwer damit abgefunden, dass er schwul ist. Seine Mutter stand voll hinter ihm und die Ehe seiner Eltern ist letztendlich an diesem Zwiespalt gescheitert.

Das liegt aber schon vierzehn Jahre zurück und seine Mutter hat drei Jahre nach der Scheidung wieder geheiratet. Sein Stiefvater ist auch Maschinenbauingenieur und ist in der gleichen Firma beschäftigt, in der Holger arbeitet. Das gute Verhältnis hat auch dazu geführt, das er selber Maschinenbau studiert hat.

Seine Mutter hat dann mit seinem Stiefvater noch ein Kind bekommen, eine Tochter, die ist jetzt zehn Jahre alt und ganz verrückt auf ihren großen Bruder. Seine Augen strahlen förmlich, als er von ihr erzählt und ich denke, er ist auch ganz vernarrt in die Kleine.

Seine Familie lebt in Hanau, nicht weit von Frankfurt weg und die haben einen großen Schrebergarten, mit Pool und sein Mann und er sind im Sommer oft das ganze Wochenende dort draußen, wenn sie frei haben.

„Ladys and Gentlemen,…………..“Die Ankündigung des Kapitäns, dass wir jetzt den Landeanflug auf London beginnen und wir uns anschnallen müssen, reißt uns aus unserer angeregten Unterhaltung. Über dem Reden ist die Zeit wie im Flug vergangen und eigentlich wissen wir jetzt schon sehr viel übereinander. Wir vereinbaren, uns mal gegenseitig zu besuchen, sobald wir uns im Rheingau eingerichtet haben.

*-*-*

Dienstag, 20. Januar 2009, Airport London Heathrow

Fünfunddreißig Minuten später setzt der Airbus ein bisschen unsanft, aber trotzdem sicher, in Heathrow Airport auf, die erste Etappe ist geschafft. Wir kommen an Terminal zwei an, unser Anschlussflug geht ab Terminal vier. Nach dem Auschecken in zwei fahren wir drei mit einem Bus zu Terminal 4, wo wir gleich wieder einchecken, denn der Anschlussflug geht bei Zeiten. In der Maschine angekommen, besetzen wir wieder eine Sitzreihe in einen kleineren Airbus der Lufthansa.

Die Maschine ist erst zur Hälfte besetzt und als sie schließlich startet, sind bestimmt noch vierzig Plätze frei. Draußen ist es bereits längere Zeit dunkel und der Blick aus dem Fenster zeigt die Lichter der Stadt auf der rechten Seite unter uns, nach dem wir gestartet sind. Holger sitzt am Fenster, ich in der Mitte und Julien hat den Sessel am Gang.

Vor dem Einchecken haben wir die im Handgepäck verstauten Winterkleider angezogen, war es doch mit null Grad Celsius sehr kalt, wenn man bedenkt, dass wir heute Morgen bei einundzwanzig Grad  weg geflogen sind. Auch Holger, der diesen Flug nun schon das dritte Mal macht, hatte warme Sachen eingepackt und sie auch angezogen.

Wir sind alle ein bisschen müde und die Unterhaltung ist so nach und nach eingeschlafen und, wie sollte es anders sein, wir auch. Vom Flug nach Frankfurt bekommen wir nicht allzu viel mit.

*-*-*

 20. Januar 2009, Martinsthal, Rheingau 17:00Uhr

Michael

„ Hallo Opa, ich komm die Schlüssel holen“, sag ich, als ich ins Wohnzimmer meiner Großeltern komme. Oma hat mich rein gelassen, nach dem ich geklingelt habe. Opa liegt auf der Couch, zugedeckt, mit Fieber und Grippe.

Heute Abend kommen Jan  und Julien von Kapstadt und landen gegen einundzwanzig Uhr dreißig in Frankfurt. Weil Opa krank ist, fahre ich die beiden holen, das haben wir alles schon geregelt. Opa geht es zwar schon besser, aber die Fahrt mache besser ich.

 Opa gibt mir dafür seinen Audi A6. Der ist zwar erst ein halbes Jahr alt, aber Opa vertraut mir da voll und ganz. Ein Kombi, aber ein nobler, mit einem Haufen Pferdchen unter der Haube.

Damit und mit einem Hänger, liefert Opa immer seinen Wein aus. Heute werde ich mit diesem Schlitten nach Frankfurt düsen und meinen Cousin und seinen Schatz vom Flughafen abholen.

Das Semester ist so gut wie zu Ende. Ich studiere an der Johannes Gutenberg Universität in Mainz, so dass ich jeden Tag nach Hause fahren kann. Heute war ich schon um fünfzehn Uhr daheim und habe noch ein bisschen geschlafen. Weil das ja wohl noch eine etwas längere Nacht wird.

Die Jungs kommen, das beschäftigt die Freunde von Jan und Julien schon ein paar Tage. Für Morgen ist eine Empfangsparty in Opa Partykeller geplant und die Vorbereitungen sind schon so gut wie abgeschlossen.

 Meine Freundin, die, die auch in unserer Band singt, hat heute noch ein bisschen dekoriert. Wir wohnen jetzt schon zwei Monate zusammen, haben eine Mansardenwohnung in meinem Elternhaus und wir studieren an derselben Uni, beide auf Lehramt.

Alle freuen sich, dass die Schwester meiner Mutter mit fast der ganzen Familie aus Südafrika hier her zieht nach Martinsthal. Sie werden Opas Weingut übernehmen, wen der sich in absehbarer Zeit zur Ruhe setzt.

Bis dahin machen sie alles gemeinsam und die beiden, Jan und Julien, werden noch drei Semester studieren und in eineinhalb Jahren ihren Abschluss in der Tasche haben.

Mein Onkel, Jans Vater ist gesundheitlich eingeschränkt nach einem Anschlag auf sein Auto. Er und Opa werden sich wohl etwas zurück nehmen und die beiden Jungs werden sich im Wein austoben und den Laden in Schwung halten.

Ich freu mich jedenfalls wahnsinnig, dass Jan und Julien wieder hier her kommen. Wir haben so viele tolle Sachen gemacht zusammen und wir sind allerbeste Freund geworden. Der Kontakt ist nicht einen Tag abgerissen, zumindest eine SMS hat täglich ihren Weg nach Stellenbosch und wieder zurück nach Martinsthal gefunden.

Auch aus Heathrow kam eine kurze Nachricht, dass sie Richtung Frankfurt abfliegen.

„Schau mal, da auf dem Esszimmertisch liegen die Schlüssel und die Papiere für den Wagen. Der Tank ist voll, das reicht bis nach Amsterdam“, sagt Opa und grinst, „du wirst die beiden schon heil herbringen.

Mach, wie ich dir gesagt habe, der Navi ist eingestellt, park das Auto bei meinem Freund und nehme ein Taxi. Geld liegt auf dem Tisch beim Schlüssel. Fahrt dann mit dem Taxi zum Auto und dann hierher. Jan kennt das schon, das mach ich immer so.“

„OK, Opa ich werde das auch so machen, ich fahr dann jetzt los. Ich schick eine SMS, wenn ich am Flughafen bin und eine,  wenn wir mit dem Auto losfahren. Vielleicht gehen wir ja noch in Mac Donalds, mal sehen, was die Beiden sagen, “ sag ich und nehme die Sachen und das Geld.

„Oma hat was zum Essen vorbereitet und Riesling gibt’s auch hier. Kommt also besser gleich heim, anstatt euch mit dem Zeugs dort den Magen zu verderben“, lacht Opa. Für ihn wäre Mac Donalds erst dann ein Thema, wenn die auch Rheingau er Wein verkaufen würden.

Ich sage ihm und Oma, die in der Küche werkelt, noch Tschüss und wecke dann die Horde Rennpferde unter dem silbergrauen Blechkleid des Audis. Ein sattes Brummen dezent und doch äußerst kraftvoll, lässt den Wagen leicht vibrieren. Langsam gebe ich Gas, das Automatikgetriebe greift, es geht los, Richtung Autobahn und dann Richtung Frankfurt.

Auf der Autobahn ist viel Betrieb, so dass mit schnell fahren nichts drin ist. Angepasst an den fließenden Verkehr, wird es auf Frankfurt zu noch voller und ich muss mich voll konzentrieren bei dem Verkehrsaufkommen.

Etwa eine halbe Stunde vor der geplanten Landung habe ich, das letzte Stück per Taxi, den Flughafen erreicht und gehe in die große Halle, um die Ankunftszeit zu überprüfen. Es ist keine Verspätung angekündigt, also werden sie wohl pünktlich landen, also werde ich mal noch einen Kaffee trinken gehen.

Später werde ich dann am ausgeschriebenen Ausgang auf die beiden warten. Ich freu mich echt so,  auf Jan, mit dem ich mich vom ersten Tag an so gut verstanden habe und auch auf Julien, der Nelsons Stelle in Jans Leben eingenommen hat.

Ich bin froh, dass es ihn gibt, wer weiß, ob Jan das sonst jemals verkraftet hätte. Damals, als ich zur Beerdigung geflogen bin und ihn dort gesehen habe, habe ich gedacht, er folgt Nelson nach.

Angst hatte ich um ihn, er würde sein Leben nicht mehr wollen ohne Nelson und es hat lange gedauert, bis diese Angst verschwunden ist. Ganz verschwunden ist sie, seid es mit ihm und Julien angefangen hat, als er dann endlich loslassen konnte, jedenfalls so viel, das Platz in seinem Herzen wurde für Julien.

Julien hat es verstanden, ihn mit Nelson anzunehmen, hat nie versucht, Nelson zu verdrängen. Das hat Jan es ermöglicht, ihn zu lieben, ohne ein schlechtes Gewissen gegenüber Nelson zu haben. Mit der Zeit ist dann Nelson nicht mehr so dominant gewesen in Jans Gedanken und die Liebe zu Julien ist heute wohl genauso groß und intensiv, wie die zu Nelson gewesen ist.

Jetzt bin ich in dem Coffeeshop angekommen, bestell mit einen großen Milchkaffe und setze mich an einen Tisch in der Ecke. Allzu viel Betrieb ist hier gerade nicht, lediglich zehn Leute zähl ich, die hier Kaffee trinken. Das wird auch immer auf und ab gehen hier, so wie Maschinen kommen und gehen, so kommen auch die Kunden.

Ich trinke noch einen Kaffe, dann wird es Zeit für mich, den entsprechenden Ausgang auf zu suchen und auf die Zwei zu warten, deren Maschine gerade hereinkommen muss, wen sie in der Zeit liegen.

*-*-*

Jan

Wir sind mal wieder angeschnallt und befinden und schon seit etlichen Minuten im Sinkflug. Ich habe mit Holger den Platz getauscht und sehe aus dem Fenster nach unten wo  die Lichter ständig heller und größer werden je weiter die Maschine sinkt.

Holger weiß nicht genau, ob sein Mann ihn abholen kann. Ich überlege gerade, dass wir ihn ja auch mitnehmen könnten, Höchst liegt doch am Weg. Mal sehen, was Michael sagt, der ist der Fahrer. Vielleicht wird Holger ja auch abgeholt.

Wenn wir unten sind, will er anrufen und bis wir unsere Koffer haben, das dauert eh noch. Da können wir ja überlegen, ob wir Michael fragen, aber der wird mir das bestimmt nicht abschlagen. Holger hat sich als sehr netter Kerl entpuppt und ich würde mich freuen, Julien auch, wenn wir den Kontakt vertiefen könnten.

Ich könnte mir ihn gut als einen Freund vorstellen und ich denke, auch er ist einer Freundschaft zwischen uns nicht abgeneigt.

Jetzt kommt der Boden rasch näher und wir setzen auf, sanft diesmal, ohne Probleme und wie immer gibt es ein bisschen Applaus für den Kapitän. Jetzt dauert es nicht mehr lange, dann können wir Michael in die Arme schließen, Meinen Cousin, der mir aber über den Verwandtschaftsgrad hinaus immer ein super bester Freund war.

Er hat sich damals vor und während und vor allem nach der Beerdigung von Nelson um mich gekümmert, hat mir wenigstens einen kleinen Halt geboten in dem Gefühlschaos, das ich hatte. Damals hätte nicht viel gefehlt und ich wäre Nelson gefolgt, und wenn Michael nicht gewesen wäre, vielleicht wäre ich heute nicht mehr am Leben.

 Ich schüttele die schwarzen Gedanken ab, will mich freuen auf ihn, auf unser Wiedersehen, unsere Zukunft in Freundschaft, mit ihm, und den anderen guten Freunden, die wohl alle schon freudig auf uns warten. Jetzt macht sich eine tiefe Freude in mir breit, die keinen Platz lässt für trübe Gedanken.

Wie haben unser Handgepäck genommen und verlassen die Maschine vorne, nachdem die Treppe angedockt hat. Nur ein paar Meter müssen wir laufen, dann sind wir in der Halle, wo das Gepäcklaufband ist. Dort warten wir jetzt auf unseren Koffer.

Holger telefoniert und an seinem Minenspiel sehe ich, dass er wohl nicht abgeholt werden kann. Ich gehe zu ihm und sage spontan, dass wir ihn mitnehmen und in Höchst zu Hause absetzen können. Er will das zunächst nicht, lässt sich aber schnell von uns überreden, da es ja auch keinen Umweg bedeutet.

Unser Gepäck ist da, jeder schnappt seine Tasche oder Koffer vom Band und ab geht’s zum Ausgang. Schon von weitem sehen wir Michael und er uns und er kommt uns soweit es geht entgegen und dann habe ich ihn im Arm. Mit ein paar Tränen in den Augen drücke ich ihn an mich, reden kann ich gerade nicht.

Auch Julien schlingt seine Arme um uns beide und wir knuddeln uns so richtig durch. Holger steht etwas abseits und schaut amüsiert zu, wie wir uns gegenseitig verknuddeln. Das dauert jetzt mal bestimmt eine Minute, bis wir uns von einander lösen und wieder normal atmen. Ich dreh mich jetzt zu Holger um wink in näher ran und stelle ihn Michael vor.

Kurz erzähle ich, wie wir uns kennen gelernt haben und das wir uns sehr gut leiden können. Dann erzähle ich von Holgers Mann, dass er Arzt ist und ihn leider nicht abholen kann. „Er wohnt in Höchst, Michael, das liegt doch am Weg, oder nicht?“, frag ich. „Ja, ein großer Umweg ist das nicht und das Navi wird das auch sofort finden“, meint Michael.

„Also nehmen wir ihn mit?“, will ich wissen. „Wie ich dich kenne Jan, hast du es schon versprochen“, sagt Michael, „ und die Versprechen meiner Freunde, auch das weißt du, werde ich nicht brechen.“ „Du bist ein Schatz“, sag ich und zu Holger gewandt, „siehste, das ist Freundschaft, so wie sie sein muss. Deshalb mag ich Michael auch so gern, nicht weil er mein Cousin ist, nein, weil er mein Freund ist“.

„Auf geht’s“, sagt Michael und er strahlt ein bisschen ob meines Kompliments. Holger bedankt sich und meint dann: „Du brauchst den Navi nicht einzustellen, ich kann dir sagen, wie wir fahren müssen, es ist echt kein Umweg. Wir fahren nach Höchst und dann an der nächsten Auffahrt könnt ihr schon wieder auf die Autobahn.

Michael hat ein Taxi gewunken und wir schaffen das Gepäck nach hinten und uns dann in den Wagen. Holger erkläre ich, warum wir mit dem Taxi fahren und spontan sagt er: „das Taxi zahl dann ich, meine Firma wird das ersetzen. Wenn ich jetzt mit der Bahn nach Höchst gefahren wäre, das hätten sie auch zahlen müssen.

Bald sind wir da angekommen, wo Opa immer das Auto abgestellt hat. Da steht ein fast neuer, silberfarbener A6, ein Traum von einem Auto. Holger zahlt das Taxi und wir laden das Gepäck um. Dann geht es ab, Holger sitzt vorn und wir zwei hinten, und während wir ein bisschen schmusen, erklärt Holger Michael wie er fahren muss.

Wir beide haben das Zeitgefühl überm Knutschen gerade verloren, als wir auch schon bei Holger daheim sind. Vor einem etwas größeren Haus hat Michael gehalten. Wir steigen aus um Holger zu verabschieden. Ich halte ihm mein Handy hin, für seine Nummer einzutragen. Auch auf seinem Handy trage ich meine und Juliens Nummer ein.

Wir umarmen uns kurz und versprechen uns gegenseitig, anzurufen und auch, uns gegenseitig zu besuchen. E-Mail wollen wir dann per SMS austauschen, morgen, wenn wir ausgeschlafen sind. Michael und Holger verabschieden sich ebenfalls voneinander und dann steigen wir wieder ein.

Holger bleibt noch stehen und winkt uns nach. „Ein ganz Netter ist das“, sage ich zu Michael nach vorn, „Ich bin mal gespannt, ob sein Mann auch so nett ist.“ Dann wende ich mich wieder meinem Sugarboy zu uns schmuse noch ein bisschen.

 Viele Fragen gibt es zwischen Michael und uns nicht, weil wir ja fast jeden Tag mit einander Kontakt hatten und wir immer alle Neuigkeiten ausgetauscht haben. Einzig die Tatsache, dass die Handwerker pünktlich über der Abfüllanlage angefangen haben, ist neu und erfreulich. Da werden wir morgen mal die Baustelle in Augenschein nehmen.

Michael

Der Audi brummt, jetzt bei wesentlich weniger Verkehr auch etwas schneller und die Kilometer rasen dahin. Bald werden wir den Rheingau erreichen und dann werde ich die Beiden in Omas Obhut übergeben. Morgen ist Uni und ich muss schon um acht Uhr in Mainz sein. Es wird bestimmt halb eins, bis ich im Bett bin.

*-*-*

Julien

Wieder in Deutschland, wieder da, wo alles angefangen hat. Wieder bei seiner Oma und bei seinem Opa. Sie haben mir ja erlaubt auch Opa und Oma zu sagen, das hat mich sehr gefreut. Nun haben wir alle unsere Freunde wieder, eine neue, bessere Zukunft ohne Angst. In Südafrika haben wir uns kaum getraut, außerhalb des Weingutes etwas zu unternehmen, aus Angst vor den verdammten Rassisten.

Wenn man befürchten muss, bei einem nächtlichen Ausgang abgestochen zu werden wie ein Schwein, dann könnt ihr euch denken, dass man am liebsten gar nicht unter fremde Leute geht. Hier in Europa ist alles etwas besser, man trifft zwar auch homophobe Menschen und es gibt auch Übergriffe, aber lange nicht so wie in Südafrika.

Hier jedenfalls habe ich keine Angst, unser Umfeld ist OK und  wir haben einen großen Freundeskreis, der nur teilweise aus Schwulen besteht. Jans Familie ist gier gut angesehen und Jan sagt, er hat noch nie ein böses Wort gehört, weil er schwul ist und auch nicht, weil sein erster und sein zweiter Schatz farbig ist.

Jetzt fahren wir an der Abfahrt Walluff von der Autobahn ab. In zehn Minuten werden wir Martinsthal erreichen, werden wir Oma und Opa wieder sehen und wieder unter ihrem Dach schlafen. Freude nimmt jetzt wirklich vehement Besitz von mir und ich ziehe Jan fest an mich, suche seine Lippen, küsse ihn.

„Endlich wieder hier“, nuschel ich an seine Backe, „ endlich wieder bei unseren Freunden, endlich  Angst  und Sorgenfrei, ich freu mich so, mein Schatz, ich bin richtig glücklich, wieder hier zu sein mit dir. Versteh das nicht falsch, es war auch in Südafrika schön, aber nur weil du bei mir warst, weil ich in deiner Nähe meine Angst vergessen konnte.

Die Angst, dich zu verlieren dort, war größer, als die Angst, dass mir etwas passieren könnte. Um dich hatte ich immer Angst, du warst es, der im Visier der Rassisten war, mich hat man nicht so wahrgenommen, weil wir kaum weg waren zusammen und an der Uni immer ein wenig Abstand gehalten haben.

Aber du warst bekannt, durch Nelsons Tod und den Prozess, und dein Gesicht kannte jeder aus der Presse. Ich bin froh, dass das vorbei ist, das man nicht immer Angst haben muss, wenn man das Haus oder den Ort verlässt. Hier können wir in Frieden und glücklich leben und von hier aus kann ich auch meine Mutter und meine Geschwister wieder sehen.

Immer nur skypen oder telefonieren reicht auf Dauer nicht, wenn man sich gern hat, aber das weißt du ja selber, aus Erfahrung. Das alles ist jetzt vorbei, wir sind daheim, mono Amour, je time Jan.“

Jan

Michael biegt auf das Weingut ein, wir sind da. Alles ist dunkel und Michael stellt das Auto unter einen Carport ab. Ich war etwas überrascht, jetzt so von  Juliens Ängsten zu erfahren. Es hat ihn wohl wesentlich mehr bedrückt, die Situation in Südafrika, als ich es jemals angenommen habe. Auch ich bin froh, hier zu sein.

Michael hat einen Hausschlüssel, den er mir nun gibt. „Komm, wir laden das Gepäck aus, dann sperr ich das Auto ab und ihr nehmt die Schlüssel und die Papiere mit. Ich geh dann nach Hause. Wir sehen uns morgen Nachmittag und morgen Abend gibt es hier im Keller eine Empfangsparty. Also schlaft euch aus.“

Wir holen alles aus dem Wagen und Michael macht ihn zu. „Tschüss, ihr zwei, schlaft gut. Ich bin sehr froh, das ihr wieder da seid“, sagt er und dann trabt er Richtung Ortsmitte und von da nach Hause. Mehr wie zehn Minuten wird er nicht brauchen.

Ich sperre leise auf und geh ins Haus, Julien folgt mir und wir stellen die Koffer zunächst im dunklen Esszimmer ab. Gerade, als ich die Türe zur Küche aufmache und das Licht anknipse, geht die Türe zum Schlafzimmer auf. Oma kommt, etwas verschlafen noch, aber vor Freude strahlend und ihr folgt, älter und schon etwas grau, Artus, wild mit dem Schwanz wedelnd.

„Hallo ihr zwei“, sagt Oma leise, „geht rein in die Küche, wollt ihr noch was essen? Wie war der Flug und die Fahrt, ist alles OK mit Euch.“ Ich nehme sie einfach in den Arm, drücke ihr einen dicken Schmatz auf den Mund und drück sie fest. „Guten Abend, meine allerbeste Oma“, sag ich und dann mach ich Platz für meinen Schatz, der sie auch in den Arm nehmen will.

Artus reibt sich schwanzwedelnd an mir, gibt leise Freudenlaute von sich und beschnüffelt und begrüßt dann auch Julien. „Alles war gut Oma. Bis auf einen kleinen Zwischenfall im Flugzeug war alles OK und wir sind froh, hier bei euch zu sein. Was Kleines essen könnte ich schon und mein Schatz bestimmt auch. Und einen Riesling trinken wir noch, so als willkommen und als Schlaftrunk in einem.“

„Opa hat schon eine Flasche in den Kühlschrank gestellt und ich habe ein paar Brote für euch vorbereitet mit  Schinken und Sülze und auch noch zwei mit Käse. Sie stellt alles auf den Tisch und setzt sich dann zu uns. Sie freut sich, das sieht man und wir zwei machen uns über die Brote her.

Alles schmeckt prima, der Riesling, eine Wildsau von zwotausendfünf ist echt gut und nach einer halben Stunde sind Brote und Wein in Jan und Julien verschwunden. Mit der nötigen Bettschwere geht es nach Verabschiedung von der Oma hoch in unser Zimmer, das Zimmer, das immer meine Schlafstatt war hier im Rheingau.

Hier werden wir jetzt schnellstens ins Bett gehen, schlafen, ausruhen und rein schlafen in unser neues Leben. Wir ziehen uns schnell aus, bis auf die Unterwäsche und kuscheln uns in dem Kühlen Bett aneinander, Julien mit seinem Po an meinem Bauch, mein Arm um ihn geschlungen. Ein Kuss noch und ein kurzes „Schlaf gut“, dann ist Ruhe, fast.

„Oh Massa Jan uns Julien gut angekommen mit Nelson bei Oma und Opa, schlafen gut Massa Jan und Julien in schöne Bett, wo Massa und Nelson glücklich. Jetzt glücklich mit Julien und Nelson, Massa Jan,  jetzt gute Nacht haben, Nelson immer aufpasst auf Masa Jan und Julien.“

Er musste schon immer das letzte Wort haben, mein Nelson

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