Welcome Kapstadt – Teil 1

Ich wusste an diesem Tag, dass ich mich nie daran gewöhnen würde, in einem hellen Zimmer zu schlafen. Einige Sonnenstrahlen fielen an jenem frühen Morgen in mein Zimmer und das seit etlichen Tagen. Scheinbar war niemand bei der Hausverwaltung in der Lage, diesen Missstand zu beseitigen. Der Rollladen ließ sich nicht mehr ganz schließen und so drang nun Licht durch die oberen Lamellen und hielt mich wach.
Aber dieser Tag war eigentlich nicht dazu geeignet sich zu ärgern. Zum ersten mal in meinen 16 Jahren allein in Urlaub fahren. Nicht an die Nordsee, nicht in den Bayerischen Wald und nicht zu Tante Lotte nach Bad Elster. Und vor allem alleine. Meine große Schwester – groß im Sinne ihres Alters, sie ist bereits 24 – hatte mich zu sich eingeladen. Ans andere Ende der Welt sollte ich heute fliegen. Südafrika, Kapstadt. Genauer nach Somerstet West, wo sie mit ihrem Mann in einem – den Fotos nach – schmucken Häuschen wohnte.
Anders als sonst setzte ich mich deshalb fröhlich auf das Bett. Mein Blick fiel wie fast jeden Morgen auf den Boden davor. Vier zerknüllte Papiertaschentücher lagen da herum und zeugten von meiner Lieblingsbeschäftigung eines jeden Abends. Heute war es noch nicht lange her, denn es war recht spät, eigentlich schon früh geworden. In letzter Zeit vermisste ich jemanden, der mehr mit dem Inhalt der Taschentücher anfangen konnte. Aber nun war das halt nicht so. Schwul zu sein ist oftmals gar nicht so einfach, aber ich war ja erst zwei Wochen zuvor 16 geworden. Da ist ja noch nicht alles verloren.
Irgendwie war mein Zimmer ein Chaos. Die Schranktüren standen offen, ein Koffer und mein Rucksack mitten drin und etliche Kleidungsstücke auf jedem Meter. Bis um zwei Uhr in der Nacht wühlte ich in meinen Sachen. Meine Mom wollte mir die Klamotten heraussuchen, aber ich wehrte mich. Schließlich wollte ich entscheiden was mir steht und was nicht. Aber es endete dann doch darin, dass sie mir dabei half.
Ich schnappte mir frisches Unterhemd, Slip, Strümpfe und ging in mein Bad. So elend wie sonst sah ich gar nicht aus, stellte ich befriedigt fest. Außerdem hatte ich mir die letzten Tage ausgiebige Sonnenbäder auf der Terrasse verordnet, wodurch ich dann schon so braun war als käme ich aus dem Urlaub zurück.
Lange brauchte ich dafür nicht und böse Zungen behaupten, mir würde eine 60 Watt – Birne genügen um braun zu werden. Hab halt die Haut von meinem Vater geerbt, der sah auch immer aus als würde er nahe der Sonne wohnen.
“Elektroneger” war deswegen so ein häufiges Uzwort für mich in der Schule. Dabei wollten die mich ja nur aufziehen, sie wussten schon dass ich keine Sonnenbank brauchte.

” Die Sonne hier scheint siebenmal kräftiger als bei euch” hatte mir meine Schwester mitgeteilt. Und Lust auf einen Sonnenbrand hatte ich nicht. Darum die Vorsorge. In Südafrika war jetzt zwar Herbst, Spätherbst sogar, aber meine Schwester versicherte mir, dass es auch für eine Frostbeule wie mich noch warm genug wäre. Aber ein Gang war heute noch unvermeidlich: Ich musste zum Friseur. Zeitlich kein Problem, der Flieger ging erst kurz vor 21 Uhr.
Ich stieg unter die Dusche und trachtete nach meinem besten Stück. Sollte ich es noch vorsorglich zur Ruhe zwingen? Falls mir das Aufregendes in Form eines süßen Boys über den Weg laufen sollte und der Lümmel zwischen meinen Beinen sich dann wieder nicht beherrschen konnte?
Dann beschloss ich, es sein zu lassen. Immerhin würde ich mit vielen Menschen zusammenkommen und es ist doch absolut Top, wenn man dann so richtig Tropfgeil ist. Allerdings war mir auch klar, dass gerade zu den Osterferien, die dieses Jahr besonders lang waren, kaum ein Junge in meinem Alter ausgerechnet nach Südafrika fliegen würde.

Aber das tat meiner Stimmung an jenem Morgen keinen Abbruch. Schließlich würden in Kapstadt ja nicht nur Weiber herumlaufen.
Ich zog mir das Unterhemd über und dann betrachtete ich meinen Slip. Anziehen oder nicht? Es war schon schön warm da draußen und dann ich finde es ziemlich geil keinen Slip anzuhaben. Ich beschloss daher, ihn nicht anzuziehen.
» Dario, komm runter zum Frühstück « rief meine Mutter, aber da war ich schon auf den letzten Treppen nach unten.
» Wäre reichlich wünschenswert, wenn das immer so wäre « sagte sie grinsend und spielte auf meine sonstige Trödelei an.
» Schafft die Schule ab und alles ist Bestens « entgegnete ich ihr.
Sie stellte den Kakao auf den Tisch. » Schwing jetzt keine Reden, ich muss dich zum Friseur fahren. Also beeil dich. «
Ich schlang das Müsli und den Kakao so schnell hinunter wie noch nie zuvor und mir war schleierhaft wieso ich das vor einem Friseurbesuch tun konnte. Einer der wenigen Dinge nämlich, die ich wirklich absolut hasste. Aber an dem Tag ging daran kein Weg vorbei.
» Du, Mutti? « fragte ich noch mampfend.
» Was gibt’s? «
» Ich glaub du musst mich nicht zum Friseur fahren. «
» Aha, und wie kommst du dann hin? In der Regel muss ich dich die paar Meter doch auch immer fahren. «
» Ach, die Daggi will sich heute glaub ich auch stylen lassen und mit der würde ich dann hingehen. «
» Na ja, wenn du meinst, mir ist es recht. Ich hab da noch ein paar Sachen für deine Schwester zum einpacken. «
Das mit Daggi war gelogen. Aber trotzdem, ich wollte ihren Rat haben. Stets jammerte sie mir die Ohren voll dass ich mehr aus mir machen sollte. Heute wollte ich ihr diesen Wunsch erfüllen.
Daggi heißt sie natürlich nicht, aber keiner von denen die ich kenne nennt sie Dagmar. Sie geht in die Para und eigentlich mag ich sie ganz gern. Sie wohnt nur zwei Häuser weiter und so kamen wir uns im Lauf der Zeit näher. Mal gingen wir mit ihrem Hund spazieren, lagen im Sommer am See herum, dann hörten wir nur Musik bei ihr oder mir oder wir paukten Englisch.

Wenn wir zusammen spazieren gingen nahm sie mich manchmal an der Hand, so als würden wir zusammen gehören. Ein gelegentlicher Kuss unter der Tür fand aber nur dann statt, wenn Daggi sicher war dass man uns dabei auch sah. Sie gab mich sozusagen als ihren Freund aus, auch wenn sie wusste dass das nie passieren könnte.
Bis vor einem halben Jahr sah das anders aus. Und das kam so:
Rico, der saß zwei Reihen vor mir, war der bekennende Schwule der Klasse. Schon früh verhielt er sich dermaßen auffallend, dass die Frage nach seiner Vorliebe gar keinen anderen Schluss zuließ. Er sah verdammt gut aus und machte aus seiner Neigung keinen Hehl. Und außerdem war er in fast allen Fächern gut bis sehr gut. Die Klasse mochte ihn, er mischte sich unters Volk, machte allen Scheiß mit. Ich bewunderte das an ihm so, dass ich ihn eines Tages fragte, ob er mir bei den Hausaufgaben helfen könnte. Meine Gefühle waren zu dem Zeitpunkt bereits geordnet und ich traute mich zu einem ersten Mal. Irgendwie hatte er mich kurz zuvor so geil angegrinst und ich war sicher, er wollte was von mir. Und das war auch so.

Na ja, rühmlich war dieser Nachmittag in meinem Bett nicht, immerhin hatte ich noch keine Erfahrung, aber trotzdem kamen wir auf unsere Kosten und ich war stolz drauf, den geilsten Boy der Klasse sozusagen verführt zu haben.
» Du bist gut « hauchte er mir trotzdem unter der Tür zu und dann gab’s noch einen Kuss zum Abschied – und ich war richtig Happy.
Zwischen Rico und mir änderte sich dadurch nichts. Der war nur Schwanzgeil, einen Freund suchte er nicht. Gern hätte ich aber gewusst mit wem er es in der Klasse noch getrieben hatte.
An jenem Abend nachdem das mit Rico passiert war, ich saß grade mit meinen Eltern beim Nachtessen, klingelte es plötzlich Sturm.
Daggi sauste an mir vorbei ins Haus, baute sich mit ihren Fäusten in den Hüften vor mir auf und wetterte los.
» Sag mal, bist du eigentlich schwul? «
Kein Zweifel, meine Eltern mussten diese Frage gehört haben.
Sicher wich mir sämtliche Gesichtsfarbe, mein Blutdruck sank unter Niveau, der Mund trocknete aus und auch sonst ging‘s mir in Sekunden beschissen. Aber dann raffte ich mich auf. Die Gelegenheit war günstig, um ein Missverständnis aus der Welt zu schaffen.
» Ich fürchte, du wirst dagegen nichts machen können « antwortete ich.
Ihr Blick versteinerte, sie ließ ihre Arme sinken und starrte mich an.
Aber mehr kam nicht. Sie ging langsam auf mich zu und unter einer Träne sagte sie, dass es ihr Leid täte und sich zwischen uns nichts ändern würde.
Später beichtete sie mir, dass sie den Kuss zwischen Rico und mir beobachtet hatte.
So ganz nebenbei wussten dann auch meine Eltern Bescheid, aber ich hatte zum Glück keinen Stress deswegen. Ja, okay, es dauerte eine Weile bis sie es verkraftet hatten, aber heute ist alles in Ordnung. Sie nehmen mich wie ich bin und eigentlich kann ich Daggi dankbar dafür sein.
Nachdem ich also mein Frühstück in mich reingezwängt hatte eilte ich nach oben und rief sie ganz frech an, trotz der frühen Stunde. Und sie ging schon nach dem zweiten klingeln dran.
» Hallo Liebes. Was ist, hast du Lust mit mir zum Friseur zu gehen? «
» Warum sollte ich? « fragte sie und ich hörte dass sie am Frühstück herumkaute.
» Ich brauch ja vielleicht mal nen Rat oder so.. «
» Ah, das ist ja prima. Rastalocken? Dauerwellen? Irokesenschnitt? Was hätte der Herr gerne? «
Deutlich schlürfte sie jetzt ihren unvermeidlichen Kaffee.
» Mach keine Witze. Was ist nun? «
» Ja, hol mich ab. «

Wenig später klingelte ich an ihrer Haustür und Daggi sah mich etwas betrübt an.
» Nanu, was ist los? Stress? Hey, es sind Ferien. «
» Eben. Und du bist zwei Wochen weg. Wie soll ich diese Zeit schaffen? Ohne dich? «
» Oh Daggi, schnapp dir Olaf oder Fritz und mach dir ein paar schöne Tage. «
Sie schnaufte. » Lass mich doch mit denen in Ruhe. Das sind doch Spinner.. «
» Oh, oh, Daggi, das seh ich aber anders.. «
» Komm, fasle jetzt nicht, gehen wir. «
Ich sah mich beim Friseur im Spiegel an. Mein halblanges, dunkelbraunes Haar war nach einer knappen Stunde um die Hälfte gekürzt und – blonde Strähnchen. Ich hatte mich bis dato vehement gegen eine solche Frisur gewehrt, aber nun war es passiert. Allerdings, ich musste Daggi recht geben. So schlecht sah das nicht aus. Ich gefiel mir.
Wir liefen durch den Ort nach Hause.
» Ach Dario, warum sind deine Gene durcheinander? Kann man denn gar nichts machen um dich umzupolen? «
Ich grinste und nahm sie in den Arm. » Dummes Ding, du weißt genau dass das nicht geht. Erstens weil ich das gar nicht möchte und zweitens – in der Schule stehen sie Schlange nach dir an wenn sie erfahren dass ich Jungs nachsteige. «
Sie knuffte mich in die Seite. » Liebst du mich wenigstens ein bisschen? «
» Klar « sagte ich und drückte ihr einen Kuss auf sie Wange.
» Weißt du schon wie es aussieht? Ich meine da, wo deine Schwester wohnt? «
» Nur von ein paar Fotos und aus dem Internet. Aber ich glaub dort wird es mir gefallen. «
» Ja, klar. Würde es mir auch « seufzte sie. » Oh Dario, Zehntausend Kilometer bist du weg.. «
» Daggi, komm. Die paar Tage sind schnell um. «
» Und wenn du dort jemanden findest? «
Ich musste lachen. » Was meinst du? Einen Jungen oder wie? «
» Ja « antwortete sie leise.
» Kind Gottes, ich komm zurück, mach dir doch deswegen keinen Kopf. «
Unmöglich war es nicht, aber doch eher unwahrscheinlich. “Wir zeigen dir die ganze Gegend” hatte meine Schwester geschrieben. Mir würde gar keine Zeit bleiben jemanden kennen zulernen. Ein positiver Effekt der ganzen Sache war ja Hauptsächlich, dass ich nun mein Englisch so richtig auf Vordermann bringen konnte. Alles andere wollte ich dem Zufall überlassen.
» Und du meldest dich bei mir, ja? «
» Ehrensache « sagte ich und drückte Daggi erneut einen Kuss auf die Wange. Ihre Augen wurden feucht. Sie schloss die Tür und ich holte tief Luft.
Ich hatte ihr ja schon vorher angeboten mit auf den Flughafen zu fahren, aber das lehnte sie ab. “Das gibt Tränen” sagte sie, “und öffentlich mag ich das nicht.”
Wann begriff sie, dass ich schon deswegen nicht zu retten war, weil ich es doch gar nicht wollte?

» Aha, endlich mal eine Frisur die dir steht « empfing mich meine Mom. Und sie meinte es scheinbar ernst.
Ich ging auf mein Zimmer und sie hatte den Koffer fertig gepackt. 20 Kilo und ich fürchtete, da war wesentlich mehr drin. Aber meine Eltern waren beim wiegen dabei, sie konnten den Zuschlag ja bezahlen.
Ich sah auf die Uhr, kurz nach vier. In einer Stunde wollten wir losfahren, denn auf der Autobahn war die Hölle los.
Ich setzte mich auf mein Bett und versuchte abzuschalten. Endlich weg von all dem hier. Sicher, es ging mir gut. Besser als den meisten die ich kannte, aber im Grunde doch nicht. Die hatten richtige Freunde, unternahmen etwas. Ich hatte nur Daggi, ausgerechnet. Klar, da waren Kumpels aus der Schule. Aber seit ich wusste dass ich schwul bin hatte ich mich zurückgezogen. Zu viel Angst, man könnte es merken und dann würde die ganze Schule über mich herfallen. Nicht im Sinne des körperlichen Lustaktes, sondern verbal. Das wollte und konnte ich nicht riskieren, denn ich bin kein Mensch der auf alles eine Antwort hat.
Völlig ungewohnt ging dann die Abreise ohne Theater vonstatten. Ich sah unser Haus noch einmal an, den Garten, kraulte Felix, unseren Kater, und stieg in den Wagen.
Ich ließ die Landschaft auf der Autobahn an mir vorbeiziehen. Deutschland ist doch schön, dachte ich. Na ja, was man halt so denkt wenn es einem gut geht und die Ferien winken. In Gedanken war ich längst am indischen Ozean, oder Atlantik – je nachdem; es gibt da ja beides. Palmen, Strand, schönes Wetter. Und vielleicht war da doch die Möglichkeit, einen netten Südafrikaner kennen zulernen. Wie das gehen sollte wusste ich nicht, aber man darf ja immerhin noch träumen. Außerdem berichtete mir meine Schwester von ihrem “schnuckeligen Gärtner”. Ich hatte ihr gleich nach dem Vorfall mit Daggi meine schwule Neigung gemailt und von daher würde es auch keine Probleme geben. Sie und ihr Mann standen da voll hinter mir.
Mein Vater fluchte mehr als einmal über die unfähigen Schleicher auf der Autobahn, aber das bin ich ja von ihm gewöhnt. Wir hatten genug Zeit und ich brauchte nicht im Stress zu verfallen.
Endlich kamen wir am Flughafen an.
» Hast du alles? «
» Mutti, ich hab Ticket, Reisepass, Geld. Mehr ist ja nicht « antwortete ich locker.
» Mein Sohn, ich fragte nicht was nicht ist. «
Meine Mutter war nervöser als ich und obwohl ich noch nie geflogen bin war ich irgendwie die Ruhe in Person.
Wir gaben den Koffer auf – die vier Kilo Übergepäck ließ man gnädig durchgehen – und setzten uns dann nahe des Eingangs zu den Flugsteigen in ein Café.
Ich sagte nicht mehr viel an diesem Abend. War eigentlich auch schon längst weg. Daggi würde ich schon ein bisschen vermissen, aber sonst eher nichts. Keine Schule, keine Aufgaben, nicht aufstehen in der Früh, kein Stress – ich wollte jede Minute genießen.
Grüne Punkte blinkten hinter meiner Flugnummer an der großen Anzeigetafel. “SA 264 Johannesburg 20:45” stand da.

Die zwei Stunden Aufenthalt in Johannesburg ärgerten mich erst ein wenig, dann aber dachte ich, kommst vielleicht nie mehr dahin. Nimm mit was auf dem Weg liegt. Dass ich mit einer südafrikanischen Gesellschaft flog lag einzig an dem Preisunterschied zu der hiesigen Fluglinie. Fast 300 Euronen sparten meine Eltern dadurch und da sprangen dann ein paar Klamotten heraus.
Gut, das grüne Khakihemd und die gleichfarbige Zipphose waren nicht unbedingt das was ich mir unter jugendlicher Mode vorstellte, aber im nachhinein standen sie mir doch ganz gut. Und bequem war das allemal. Mein Spielkamerad zwischen den Beinen hatte nämlich mächtig viel Platz und es fühlte sich richtig geil an. Und nun sah ich eher aus wie einer, der an einer Safari teilnehmen wollte. Dabei gibt’s am Kap gar keine Safaris. Hatte ich gelesen.
Nun wurde es also ernst und plötzlich stand ich vor der Passkontrolle. Ich fürchtete, genauso schnell wie jetzt würde die ganze schöne Zeit vergehen.
Ich nahm meine Mom in den Arm, sie drückte mich fest und ich wusste, sie heult. Ein bisschen wenigstens.
» Mach keine Dummheiten, hörst du? Und du rufst sofort an wenn du bei Nadine bist. «
» Ja, haben wir doch schon besprochen. «
Was war das? Ein glitzern in den Augen meines Vaters? Na gut, der einzige Sohnemann geht auf ganz große Reise, fast um den halben Globus. Dabei dachte ich, er wäre sicher auch gern mitgeflogen. Aber vielleicht gibt’s ja ein nächstes Mal – alle zusammen.
Und jetzt musste ich schlucken. Abschiedsschmerz? Jetzt schon Heimweh? Völliger Unsinn. Ich unterdrückte meine Tränen, lief eilig zu dem Schalter und legte meinen Ausweis vor.
Ein letzter Blick zurück, ein krampfhaftes Winken meiner Mutter – dann war ich nach dem nicken des Beamten in einer anderen Welt.
Ich sah mich um. Warum hatte ich das Gefühl, tatsächlich in einer anderen Welt zu sein? Ich war noch in Deutschland, und doch nicht mehr. Das Tor zur Welt stand mir offen. Ich konnte reisen wohin ich wollte.. Dieser Ort hier, wo sich die Reichen und die Schönen die Hand gaben. Ich streckte mich, schloss die Augen und sog die Luft ein. Der Hauch von Luxus umgab mich.
“Reiß dich zusammen” bläute ich mir ein, “du bist kein Junge mehr”.
Halt.
Natürlich war ich das. Prima. Im besten Alter stand ich hier im Niemandsland und wartete auf meine große Reise.
Ich sah noch einmal auf meine Bordkarte. Ausgang B 5 stand da. Die Schilder waren so deutlich, man konnte sich nicht verlaufen. Brav folgte ich den Schildern und wenig später kam ich an den Eingang zum Gate.
Eine Gruppe Flugbegleiter überholte mich. Sie zogen ihre Koffer hinterher und dann schluckte ich. Da war ein Boy dabei. Ja, also vom alter her eher nicht, aber vom aussehen. Ein Schnuckel, mit dem ich sofort durchgebrannt wäre.
So groß wie ich, dunkle Haare, braungebrannt, eine betonte Taille in der ihm bestens stehenden Uniform. Und dieser Hintern – ich hätte meinen Flug für ihn verschenkt.
Sie schwatzen und lachten, dann verschwanden sie im Getümmel. Drehte sich der junge Kerl grade noch mal nach mir um? Zufall, dachte ich. Dann kam ich zur Kontrollstation; Körper- und Gepäckvisite. Ich musste meine Taschen leer machen, auch die Uhr ausziehen, meinen Rucksack abgeben, und alles wurde in einem Korb auf ein Band gelegt, das in den Röntgenapparat führte.
Dann war ich dran.

Mit einer Sonde fuhr der Beamte meinen Körper ab und es piepte.

Dann langte mir der Kerl doch ungefragt an meine Hosentasche, ein paar Zentimeter von meinem besten Stück drückte er herum. Ich zuckte zusammen, doch bevor ich protestieren konnte winkte er mich durch. Kleingeld. Ich hatte Kleingeld in der Tasche. Ich musste jetzt grinsen. Na ja, real betrachtet – so schlecht hatte der Typ ja auch nicht ausgesehen.

Ich stellte da unmissverständlich fest, dass ich schweingeil war. Ich hätte es unter Dusche abstellen können, aber nein, ich musste ja aufgeladen bleiben. Wie das wohl war, sich in zehntausend Metern Höhe bei über 800 Stundenkilometern im Klo eines Düsenriesen einen runterzuholen? Ich fürchtete nun, das würde nicht ausbleiben.
Nachdem ich auf der anderen Seite der Kontrolle meine Sachen wieder aufgesammelt hatte sah ich mich in der Halle um. Viele Geschäfte, viele Leute. Es war alles so neu und interessant, aber zum Verweilen blieb mir keine Zeit.
Weiter folgte ich den Schildern, die mich zu meinem Gate führten. An dessen Eingang legte ich mein Ticket vor und bekam eine Bordkarte.

Dann stand ich in der kleinen Abflughalle. Nackt kam sie mir vor, nur diese unbequemen Stühle, Reihe an Reihe. Und viele Menschen saßen da schon drin. Mir war klar, dass die alle in meinen Flieger steigen würden. Und deswegen fuhr ich meine Antennen aus. Was waren das für Leute?
Alle möglichen, stellte ich danach resigniert fest, nur nicht das, was nach einem Boyhasen aussah. Wer würde neben mir sitzen? Ein paar Kinder piensten und jammerten. Oh Gott, schoss es mir durch den Kopf und ich wagte das Szenario nicht auszudenken. Elf Stunden neben… Nein, ich verweigerte mir den Gedanken.
Dann sah ich auf die Schnauze eines riesigen Flugzeugs vor der großen Fensterfront. Es schien mich anzulächeln. A 340 las ich an der Seite. Nur zufällig wusste ich, dass ich in einem Airbus den Weg antreten würde.
Ich sah immer wieder auf die Uhr. Draußen wurde es langsam dunkel und man konnte die Piloten im Cockpit geschäftig handeln sehen. Diese beiden also würden mich zu meinem Ziel bringen. Nun ja, nicht ganz. Ich musste ja in Johannesburg umsteigen.

Neid stieg auf, irgendwie, auch wenn Pilot nicht mein Traumberuf war.
Dann kam Leben in die Leute. Ich schätzte die Zahl auf Hundert, vielleicht auch ein paar mehr. Und zum ersten Mal hatte ich ein mulmiges Gefühl. Die alle in so einer Kabine? Ich bekam Angst. Angst vor Flugangst. Weil dort doch sicher alles so eng ist. Und das Abstürzen? Herunterfallen aus so großer Höhe?
Dennoch reihte ich mich in die Schlange ein als das Gate geöffnet wurde und mein Herz begann zu klopfen, als ich der freundlichen Hostess meine Bordkarte gab. Sie lächelte mich ganz lieb an und sagte » Danke « ; Das baute mich wieder etwas auf.
Aber als ich durch den Tunnel ging der zum Bauch des Flugzeugs führte, baute ich wieder ab. Elf Stunden – es ging mir plötzlich nicht mehr aus dem Kopf.
Dann stand ich am Eingang zum Flieger. Leise dudelte Musik von irgendwoher und auf einmal ging die Sonne auf. Direkt vor mir. Keine Angst mehr, nichts. Da war er, der Boy von vorhin. Es gab also doch noch so etwas wie Gnade.
Ein Lächeln traf mich, dass mir anders wurde. Eine Hand, die sich mir entgegenstreckte, so schön und zart. Diese Augen. Ich schmolz dahin. So sehr, dass ich vergaß weiterzulaufen um dem jungen Steward meine Bordkarte zu geben. Er winkte mich zu sich.
Ab jetzt unterhielt ich mich nur noch in Englisch, eine der Hauptsprachen in Südafrika.
» Na, junger Mann, alles in Ordnung? « Irgendwie sah der Steward plötzlich besorgt aus.
» Äh, ja, klar.. « Ich gab ihm die Bordkarte und es gelang mir bei aller Liebe nicht, meinen Blick von seinen Augen zu nehmen.
Er lächelte wieder. » Da entlang, junger Mann « sagte er mit seiner ruhigen, angenehmen Stimme und wies mir mit der Hand den Weg.
Brav folgte ich seiner Anweisung, aber ich musste mich noch einmal umdrehen. So stieß ich mit meinem Vordermann zusammen.
» Tschuldigung « sagte ich und mein Kontrahent, ein ziemlich dicker Mann mittleren Alters mit Brille und Halbglatze, funkelte mich böse an. Er sagte nichts, ging nur den Gang weiter. Vermutlich war ich in seinem Sinn “einer dieser ungehobelten Jugendlichen, die rabiat und unfreundlich sind”.
Klasse, dachte ich, ganz große Klasse. Fängt gut an, wirklich.
Trotzdem drehte ich mich noch einmal um. Es war nicht ausgeschlossen dass ich diesen schnuffigen Steward den ganzen langen Flug nicht zu Gesicht bekam. Wenn er zum Beispiel die erste oder zweite Klasse bediente. Dann war er hier, in der “Holzklasse”, nicht sichtbar. Oder er bediente eine andere Sitzreihe…
Da ich für gewöhnlich solches Pech habe, fand ich mich bereits mit meinem Schicksal ab. Und zudem, was würde es bringen wenn er wirklich für unsere Abteilung zuständig war? Gut, man sagt, die meisten Stewards seien schwul. Freundliches Wesen, nicht aggressiv, sauber, elegant und durch Ehelosigkeit jederzeit einsetzbar. Und nicht zu vergessen: Das sind häufig richtig hübsche junge Männer. Aber die werfen sich letztlich ja sicher auch nicht auf alles was Hosen anhat.
Ich fand meinen Platz. Da durch die Nacht geflogen wurde und ich eh nichts sehen würde, riet mir mein Klassenkamerad Fritz von einem Fensterplatz ab; ich sollte mich besser in den Gang setzen. Dann müsste ich nicht über die anderen wegsteigen wenn ich aufs Klo musste und außerdem könnte ich meine Beine im Gang ausstrecken.
Am Fensterplatz saß bereits eine Person.
Aber eigentlich war das nicht möglich. Mir klappte die Kinnlade etwas herunter. Ich sah noch mal auf meine Bordkarte, verglich die Nummer mit der über den Sitzen. Sie stimmte. “SIE STIMMT” sauste es mir durch den Kopf.
Was mir sofort aufgefallen war: Ohrringe, Seitenscheitel im dunkelblonden Haar, ein paar freche Strähnen auf der Stirn. Erst auf den zweiten Blick realisierte ich die Person an sich. Schlank, vielleicht auch groß, dunkles T-Shirt, Jeans. Und zum hineinbeißen der Rest. Und die Person war männlich. Ob 17 oder 19, das war schwierig einzuschätzen. Aber so viel Glück konnte ich gar nicht haben. Mir war vollkommen Wurscht ob dieses himmlische Geschöpf schwul sein könnte oder nicht, Hauptsache nicht neben so einem Typen sitzen zu müssen wie der von vorhin. Wahrscheinlich wäre mir dann den ganzen Flug über schlecht gewesen. Jetzt waren die elf Stunden vielleicht noch zu kurz.
» Sorry, aber ich glaube Sie sitzen auf meinem Patz « hörte ich jemanden in akzentfreiem Englisch sagen, nachdem ich mich gesetzt hatte. Ich brauchte meine Bordkarte nicht noch einmal anzusehen, ich wusste dass ich richtig saß.
Dann sah ich hoch und kniff meine Augen zusammen. Tatsächlich – der dicke Typ mit der Halbglatze stand da – und schielte nach meinem schnuckeligen Nachbarn. Ich fing sofort an zu beten. Mach, dass das nicht wahr ist!!
Der Junge zog seine Karte aus der Tasche und hielt sie dem Brillentyp vor die Nase. Schweiß rann dem an den Schläfen herunter und er schnaufte wie ein Walross.
» Glaub ich eher nicht « entgegnete ihm der Schnucki.
Der Dicke nahm die Karte, las sie und starrte dann auf die Zahlen über den Sitzen. Entweder er war halb blind oder Saudoof. Ich schloss beide Möglichkeiten in mein Gebet mit ein.
» Äh, ja, also.. versteh ich jetzt nicht. Sie haben C 34, und ich auch « sagte er einigermaßen verblüfft und zeigte meinem Nachbarn seine Karte.
Der nahm sie und seine Augen wurden groß. » Hm, stimmt. «
Ich weiß ja dass beten nicht immer hilft, aber warum immer dann wenn es am nötigsten ist?
Ich versuchte Taktik anzuwenden. Wenn dieser hübsche Kerl nachgab hatte ich einen schweißigen, halbglatzigen Typen mir Hornbrille neben mir. Die ganze Flugzeit lang. Das wollte und durfte ich mir nicht antun.
» Also wenn zweimal der gleiche Platz vergeben worden ist « versuchte ich mich mit meinem besten Englisch einzumischen, » dann müsste ja irgendwo ein Platz übrig sein. «
Eine Stewardess bemerkte den Vorgang und trat zu uns. » Kann ich helfen? «
Der Dicke mit der Brille erklärte ihr den Vorgang. Sie nahm die Karten an sich und schüttelte den Kopf. » Moment bitte « sagte sie und ging zurück.
Ich saß auf meinem Platz wie auf einem elektrischen Stuhl. Ein Blick zu meinem Nachbarn bestätigte mir: Er MUSSTE hier neben mir sitzen bleiben. Erneut begann ich ein Gebet.
Kurz darauf kam die Stewardess zurück. » Mister Schweizer? «
Ich hielt die Luft an. Ein deutscher Name wie mir schien. Und der passte am ehesten zu meinem Nachbarn.
Und prompt nickte der auch. » Ja? «
Mir blieb beinahe das Herz stehen. Wenn der Schnucki jetzt hier weg musste würde ich mit ihm gehen. Oder den ganzen Flug über stehen. Wäre mir wirklich egal gewesen.
» Sie können sitzen bleiben. Mister van der Hold, es tut uns leid, aber das war wohl ein Computerfehler. Sie haben Sitz B 12. Wenn Sie mir bitte folgen wollen. «
Der Dicke nickte und ging ihr nach.
Ich holte erst Mal Luft und nahm mir vor, doch öfter zu beten.
» Typisch « flüsterte mein Nachbar.
» Was ist typisch? « wollte ich wissen.
» Immer wieder das selbe. Ein Riesenwirbel und dann entschuldigt man sich nicht mal dafür. «
Ich drehte meinen Kopf zu dem Jungen und hielt ihm die Hand hin.
» Dario Monero. «
» Shaun Schweizer. «
Was für ein zarter und doch fester Händedruck.
Ich holte nochmals Luft. Wie knapp war ich eigentlich einer Katastrophe entgangen?
» Klingt deutsch und doch nicht « versuchte ich ein erstes Gespräch.
Er lächelte – und das wie erwartet, umwerfend. » Meine Mutter ist Südafrikanerin und mein Vater Deutscher. «
Ich betrachtete ihn – so unauffällig wie möglich – genauer.
Er hatte Grübchen in den Wangen und seine Augen waren von langen, dunklen Wimpern umrahmt. Daher nahm ich an, dass blond nicht seine wirklich Haarfarbe war. Und man stellt sich so einen Schnuffi eigentlich in einem Katalog oder in der Werbung vor.
» Sprichst du Deutsch? « fragte ich ihn.
» Schon, aber es ist so schwer. Dein Englisch ist sehr gut, wäre nicht schlecht wenn wir bei der Weltsprache bleiben würden. «
Und wieder dieses Lächeln. Ich hätte auch Suaheli mit ihm geredet, oder mit den Füßen. Außerdem war das grade ein Kompliment.
Warum mir dann plötzlich der Schweiß in Sturzbächen die Achseln herunterlief wusste ich nicht. Ich wusste nur todsicher, dass es passierte.
Warum hatte ich mich heute Morgen unter Dusche bloß so blöd verhalten? Ich wusste doch wie schnell ich auf 300 war wenn ich mir einen Entzug verordnete. Zu anderen Gelegenheiten war das ja auch angebracht, aber jetzt verfluchte ich mich.
Dann erklang ein Gong und das Zeichen zum anschnallen leuchtete auf. Jetzt trat der hübsche Junge in den Hintergrund. Wenn man zum ersten Mal in seinem Leben fliegt, dann konzentriert man sich wahrscheinlich zunächst auf diese Sache. Richtige Angst hatte ich nicht, aber gespannt war ich.
» Na, noch nie geflogen? « wollte Shaun wissen. Er musste meine Anspannung bemerkt haben.
» Nee « sagte ich und hatte dabei das dumme Gefühl, mich zu blamieren.
Ich sah ihm in die Augen und er lächelte wieder. Er hatte so schöne Augen.
» Macht Spaß « sagte er nur.
» Wie? «
» Fliegen ist macht Spaß. Ich bin gern in der Luft. «
» Aha « brachte ich hervor.
» Du bist oft unterwegs? « fragte ich, während das Flugzeug rückwärts zu rollen begann.
» Ja, schon. Ich wohne zwar in der Nähe von Kapstadt, aber mein Vater ist beruflich in Deutschland. Ich kann ihn oft besuchen. «
Scheinbar war ein Flugzeug für ihn das, was für mich der Schulbus war.
Neid kam in mir auf. Fliegt da hin und her und.. na ja, ich würde in den elf Stunden so einiges über diesen Schnuffi erfahren. Das jedenfalls nahm ich mir vor.
» Wieso rollt das Flugzeug rückwärts? « fragte ich ihn.
» Wie soll die Maschine denn sonst von der Gangway wegkommen? Sie wird von einem Traktor auf die Taxiway gedrückt. «
» Aha «.
Wir schwiegen, bis ich die Triebwerke aufheulen hörte und der Flieger schneller zu rollen begann, diesmal richtig rum.
» Immer Startbahn West « flüsterte Shaun und sah zum Fenster hinaus.
» Was meinst du? «
» Ach, ich weiß nicht wie oft ich hier in Frankfurt schon losgeflogen bin, aber noch nie sind wir woanders gestartet als auf der Startbahn West. «
Ich wusste nicht was er meinte, aber es war mir auch irgendwie egal. Hauptsache er unterhielt sich überhaupt mit mir. Über was auch immer.
Während die Maschine zur Starbahn rollte, flimmerte auf dem kleinen Monitor vor mir ein Film, wie man sich im Notfall zu verhalten hatte. Ich sah die Animation, aber ich verstand sie nicht; weil ich mit meinen Gedanken wo wirklich ganz anders war. Ein paar Zentimeter neben mir nämlich. Ich bekam plötzlich richtige Zustände. Würde mein Schweißausbruch Folgen haben? “Oh, lass es nicht geschehen” betete ich schon wieder. Alles bloß kein Schweißgeruch. Dabei waren wir erst ein paar Minuten in dem Jet… Ich musste mich auf mein Deo verlassen.
Plötzlich langte Shaun über mich und fummelte eine Fernsteuerung aus meiner rechten Sitzlehne. Sofort zog ich mehrere Liter Luft durch die Nase in mir auf – ein süßlicher Duft umnebelte ihn.
Dann drückte er ein paar Tasten. » Hier, da kannst du den Start mitverfolgen « sagte er, deutete auf meinen Monitor und gab mir die Fernsteuerung.
Ja, ich sah bunte Lichter rechts und links vorbeiziehen. Interessierte mich das eigentlich? Sollte es. Denn wenn er mich in die Geheimnisse der Fliegerei einweisen wollte, dann durfte er das den ganzen Flug über lang tun. Ohne Unterbrechung.
Dann schwenkte die Maschine herum, blieb kurz stehen und schließlich heulten die Triebwerke auf. Ich spürte wie ich in den Sitz gedrückt wurde und jetzt klammerte ich mich doch an meinen Lehnen fest – das heißt, meine linke Hand bekam Shauns Hand zu fassen. Ich zog sie sofort zurück. Er schein es gar nicht bemerkt zu haben. Oder doch?
Irgendwie war es dann doch phantastisch, wie die Lichter der Startbahn unter und neben uns hinwegsausten.
Es war praktisch dunkel da draußen und man sah durch das Fenster nur die Blitzlichter am Ende der Tragfläche, über der wir direkt saßen. Und dann hob der Flieger die Nase und es ging steil aufwärts. Es rumpelte plötzlich und eine Erschütterung war zu spüren.
Shaun sah mich grinsend an und hob einen Zeigefinger. » Das war das Fahrwerk. «
Ich nickte nur, aber der Schreck saß mir noch eine Weile in den Gliedern.
Schon bald fuhren mir die Ohren zu und ich starrte nur auf den Monitor vor mir.
» Geht’s dir gut? « fragte mein Nachbar nach einer Weile.
» Prima, alles Bestens « gab ich von mir, wobei das so nicht ganz richtig war. Das rauschen der Turbinen und der Klimaanlage, die vielen Leute in dieser engen Röhre – und bald würden wir über zehn Kilometer hoch sein. Das ängstigte mich nun doch.
» Hm, sieht aber nicht so aus « sagte er, und sah dabei aus dem Fenster.
» Wie kommst du da drauf? «
Er sah mich an. » Du bist hinter deiner Bräune weiß wie eine frisch getünchte Wand. «
Dann plötzlich legte er seine Hand auf meinen Arm. » Du musst vor mir nicht den Helden spielen. Es hat hier oben schon ganz andere aus den Socken gehauen. Sag mir ruhig wenn dir etwas fehlt. «
» Ja, « stotterte ich, » mach ich. «
Er ließ meinen Arm los, was mir überhaupt nicht passte. Er hätte ihn wegen mir gar nicht mehr loszulassen brauchen. Seine Berührung hatte mich beruhigt und nun drohte mir wieder das Chaos. Aber ich konnte ihn ja schlecht bitten, mir Händchen zu halten.
Der Gong schlug wieder und das Zeichen zum anschnallen ging aus.
Ich griff zu der Gurtschnalle und wollte sie öffnen.
» Musst du aufstehen? « fragte er.
» Nö, eigentlich nicht. «
» Dann lass den Gurt besser an. « Er blickte ein wenig ernst.
» Ah, und warum? «
Shaun holte tief Luft um eine sicher wieder interessante Antwort zu geben.
In dem Moment kam ein dunkelhäutiger Steward mit seinem Wagen vorbei.
» Was möchten Sie trinken? «
Nach was war mir eigentlich? Ich schielte zu den anderen schräg vor mir und sah, dass die Cola, Wasser und auch Bier bestellt hatten. Bier? Na ja, warum nicht.
» Ein Bier bitte « rief Shaun bevor ich etwas sagen konnte.
» Mir auch « legte ich nach.
Der Steward klappte meinen Tisch heraus und stellte das Bier samt Becher darauf ab. Zwar sah er mich dabei musternd an, aber ich sah in seinen Augen wohl schon wie 18 aus – oder es war ihm egal.
Ich zippte die Dose auf und goss das Bier in meinen Becher.
Ich hielt ihn Shaun hin. » Prost «. Mein Herz rutschte dabei in die Hose. Hoffentlich war das nicht zu aufdringlich.
Aber er hob seinen Becher ebenfalls. » Prost « sagte er und sah mich dabei an. Mein Herz war wieder da, wo es hingehörte.
Ich wischte mir den Mund mit der Serviette ab. » Also, warum soll ich mich nicht abschnallen? «
» Ganz einfach. Es kann passieren dass die Maschine in Turbulenzen gerät. Das kann plötzlich kommen und dann klebst du da unter Decke. «
Um das ganze zu unterstreichen deutete er nach oben.
» Und das kann böse Folgen haben. «
Aha, wieder was gelernt. Ich ließ meinen Gurt um.
Der Pilot meldete sich und begann uns darüber aufzuklären wie hoch und wie schnell wir flogen, wie das Wetter war und welche Route wir benutzten. 13 Kilometer hoch. 3 mehr als ich dachte. Irgendwie war das wohl wurscht. Denn ob man nun aus 10 oder 13 Kilometer Höhe abstürzt – das war unterm Strich egal. Abstürzen.. Was für ein abstruser Gedanke. Oder doch nicht?
Ich beobachtete schräg gegenüber, wie einer der Passagiere einen Knopf in der Lehne drückte und seinen Sitz um einige Grade nach hinten stellte. Ich tat es ihm nach und war richtig stolz, mal etwas ohne Shauns Anleitung geschafft zu haben.
Allmählich begann ich mich zu beruhigen. Die Maschine lag wie ein Brett in der Luft, das Geräusch der Triebwerke klang monoton und gleichmäßig. Und neben so einem Nachbarn war alles nicht mal halb so schlimm.
Ich schielte zu ihm. Flink tippte er auf dem Flatscreen und schien nach einem Film zu suchen. Diese schönen Hände. Ich hatte jetzt keine Lust auf Kino. Das war sowieso er. Die Hauptperson hier oben.
Ein Blick zwischen seine Beine. Ich blies die Luft raus. Eine süße Beule in der Hose. Wirklich, so herrlich nah und doch so fern. Ich tat, als würde ich zum Fenster sehen, aber dabei studierte ich sein Profil. Er musste hübsche Eltern haben, dachte ich. Und mein Schwanz dachte das auch. Zum Glück war Platz in meiner Hose und einen Slip, der immer so einengte, den gab es Gott sei Dank nicht.
Ich überlegte, was ich ihn fragen könnte. Irgend etwas Belangloses, Hauptsache er beschäftigte sich mit mir.
Aber: Wollte er sich überhaupt unterhalten? So langsam kam es mir vor, dass er für sich bleiben wollte. Warten, bis er in seiner Heimat angekommen war; alles andere interessierte ihn womöglich gar nicht. Welche Menschen mögen schon neben ihm gesessen haben? Wie oft mag er gebetet haben, dass der Flug schnell herumging weil eine Nervensäge neben ihm saß?
Und Überhaupt, wie sah sein Privatleben aus? Wer war um ihm herum? So richtig nah, dachte ich. Entweder du weißt es bei der Ankunft oder du weißt nichts, sagte ich mir.
Ich schloss die Augen, Müdigkeit kam in mir auf. Kein Wunder nach so einem Tag. Ich träumte mich in den Garten meiner Schwester, den Pool. Das Meer. Und in diesen schnuckeligen Boy neben mir auch.
» Und, wie geht es dir? Scheinst dich ja beruhigt zu haben. «
Wie aus einer weiten Ferne drangen seine Worte in mein Ohr. Schön, wenn man trotz einer gewissen Angst träumen kann.
Aber als er seine Hand erneut auf meinen Arm legte, war der Traum vorbei. Es war Wirklichkeit.
» Hey, alles klar? « wiederholte er.
Ich schlug die Augen auf. » Äh, ja, nun…. « Ich nutzte seine Fürsorge. Nein, nicht nutzen, Ausnutzen war das richtige Wort. Es war nicht richtig, aber man kommt auf so allerlei Gedanken wenn man jemandes Interesse auf sich ziehen will.
» Nicht so ganz. «
» Was fehlt dir? « Sein Gesicht war echt besorgt und ich hätte mich ihm am liebsten um seinen Hals geschmissen. Der wurde von einer so schönen, engen Kette geziert. Steinchen oder sowas. So irgendwie Handarbeit.
» Weiß nicht. « Jetzt begann ich zu übertreiben, aber eines war mir klar geworden – er konnte hier nicht vor mir fliehen. Frech legte ich meine Hand auf seine. Ganz zart aber nur so, dass es nicht auffiel.
» Ich hab n bisschen Angst. « Und ich versuchte, auch so auszusehen.
Er lächelte. » Musst du nicht haben. Diese Maschine ist erst drei Jahre alt und die Südafrikaner gehören zu den besten Piloten der Welt. «
» Ja, aber auch neue Flieger können doch.. «
Er unterbrach mich und beugte sich zu mir herüber. Sein Kopf war ganz nah an meinem. » Fliegen gehört zu den sichersten Fortbewegungsmitteln der Welt. Das müsstest du aber wissen. «
» Ja, aber weiß das die Technik in dem Flieger auch? « An den Haaren, völlig an den Haaren war das herbeigezogen. Ich hatte ja nicht wirklich Angst. Aber das musste und durfte dieser Schnucki nicht wissen. Hauptsache war, dass er die noch verbleibende Zeit nicht schwieg. Und dass er mir genauso nah blieb wie jetzt.
Klar, das tat er nicht.
» Das Essen kommt « sagte er nur.
Es gestaltete sich schwierig, all die Schalen auf dem kleinen Tisch vor mir zu platzieren. Immer wieder sah ich zu, wie Shaun das machte und freilich ahmte ich es nach.
» Welches Getränk darf ich Ihnen servieren? « Diese Leute waren so höflich.
» Redwine, dry, please « antwortete Shaun.
Aha, Rotwein, trocken. Ich schwitzte schon wieder. Wenn ich jetzt wieder das selbe bestellte, dann würde er denken ich hab über gar nichts eine eigene Meinung und wäre sicher nicht mal in Lage das Klopapier richtig zu benutzen – ohne fremde Hilfe.
» Ist das südafrikanischer Rotwein? « fragte ich deswegen scheinheilig.
» Ja, der ist lecker. Kommt aus der Gegend wo ich wohne. Musst du unbedingt probieren. «
Dario, was bist du für ein hinterhältiges Schwein. Aber es war mir gelungen. Ich unterdrückte mein Grinsen. » Klar, kein Problem. «
Der Steward stellte mir die kleine Flasche auf den Tisch und rollte seinen Wagen eine Reihe weiter.
» Dann lass es dir schmecken « sagte ich und Shaun begann die Verpackung der Schalen zu öffnen.
» Ja, du auch. «
Hähnchen gab‘s in leckerer Soße, Kartoffelbrei, Salat, ein Brötchen, Käse, Orangensaft, Pfeffer, Salz und ein Nachtisch. Auszuhalten hier oben, dachte ich. Als ich den Rotwein in den Becher schütten wollte, begann der Flieger bedenklich zu schaukeln. Entsetzt starrte ich zu den Leuchten über dem Sitz, aber die blieben aus.
Shaun war ein guter Beobachter. » Keine Bange, das wird jetzt oft passieren. Kein Grund zur Sorge. «
» So? «

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