Dunkel – Teil 1

Dunkel war alles, und Nacht. In der Erde warte ich, durchtrieben mit einem Pflock aus Holz, seit Jahrhunderten auf den Tag, da ich befreit werde von meinen Ketten aus Silber, die mir angehaftet in einer Stunde vollkommenen Glücks.
Keiner ward sich meiner seit der Zeit gewahr und alle freuen sich ihres Lebens, da ich nicht mehr bin, denn ich lebe, um meinen ewigen Durst zu löschen. Doch niemand kommt, um mich aus diesem Grab aus Stein und Erde zu befreien.
Mein Dasein so dahinzufristen, bin ich nun mehr seit 1000 Jahren verdammt. Den ewigen Geschmack des Lebenssaftes zu kosten, war mir seit dieser Zeit nicht mehr vergönnt.
Doch es tröstet mich zu sehen, dass die Menschen noch immer, ihren Kriegsdurst zu löschen, nicht in der Lage sind. So sah ich die unzähligen Kriege, die, die Menschen wegen so Unwichtigem bereit sind, einzugehen.
Menschen – welch unlogische, rassistische und monströse Geschöpfe. Sie schlachten sich gegenseitig nur so dahin, um Freude an ihren Triumphen zu haben. Die wenigen, die das Prinzip des Daseins verstanden haben, werden als Heuchler, Lügner oder Wahnsinnige bezeichnet.
Es gab einst eine Zeit, in der man diese armen Seelen sogar hinrichtete mit der Begründung, sie wären vom Teufel besessen. Diese einfältigen Geschöpfe wissen nicht, was der Teufel ist.
Ich dagegen weis es! Ich weis, dass ich für ihn gern gehalten werde, doch ich bin es nicht. Meine Grausamkeit reicht nicht im Ansatz an die Seinige heran, und das ist wirklich erschreckend, denn ich gelte als das Angst einflößendste Wesen auf diesem Planeten.
Die Sage um meine uralte Rasse hat sich verbreitet und ist in den tiefsten Tiefen der Welt verankert. Hierbei half mir ein alter Irischer Schriftsteller, der eine atemberaubende Gabe hatte, er konnte die Untoten hören und dies wenn sie per Gedanken sprachen.
Sicher, ich habe die Geschichte etwas abgeändert, ich wäre wirklich dumm hätte ich diesem Narren erzählt, wie man Meinesgleichen töten könnte. Aber all dies ist bedeutungslos, ich spüre etwas Bedeutendes.
Etwas, was alle paar Jahrhunderte nur einmal passiert, ein junger Mann der noch kein Vampir ist, hat sich freiwillig einem Vampir hingegeben. Es wird eine Verwandlung geben, die nicht üblich ist, eine Verwandlung die durch den Akt der Liebe zweier junger Männer von statten gehen wird.
Beide wissen voneinander, der Vampir unter ihnen hat seinem Geliebten die Wahrheit gesagt und dieser hat sie akzeptiert. Ich bin stolz auf meinen Sohn der Nacht, denn jeder Vampir ist mein Sohn, ich selbst bin allerdings der letzte Abkomme der Wamphiry, der ältesten Rasse, die es überhaupt gibt, wir sind selbst als Gefallene Engel bekannt.
Als der Krieg zwischen Luzifer und Cimeterium begann, waren wir auf Luzifers Seite, jedoch bin ich der Einzige, der die Zeit danach überlebte. Die meisten sind verrückt geworden und haben sich auf den unmöglichsten Wegen das Leben genommen.
So spüre ich heute, was meine Kinder soooo lange Zeit taten und ich redete mit den Mächtigsten unter Ihnen.
Macht.
Ein so verführerisches Wort, was so viel sein und so viel aussagen kann.
Ich ziehe die innere Macht vor und diese beiden Jungen meiner Art haben viel dieser Macht, die ich so zu schätzen gelernt. Niemand auf dieser Welt kann meine Gefühle nachvollziehen, niemand verstehen, was ich denke.
So geht es auch diesen beiden verängstigten Liebenden. Schwul, wie sie es in der neuen Welt nennen, das sind sie, und sie werden großes Leid erfahren, wenn sie nicht aufpassen.
Alan, der Vampir, ein aufgeweckter junger Mann. Er wurde damals gebissen, als er 18 war, und ein Vampir ihn als Häppchen nutzte. Seine Stärken sind auch seine größten Schwächen, er ist misstrauisch gegenüber Fremden und noch misstrauischer gegenüber Leuten, die seinem Liebsten etwas anhaben wollen, oder ihn auch nur schlecht ansehen.
Alan ist aber auch sehr stark, er hat Kräfte die selbst einen Jahrhunderte alten Vampir in Erstaunen versetzen.
Einige Male schon hatte ich den Gedanken gehegt, dass er nicht ein direkter Nachfahre meiner alten Rasse sein mochte, aber das würde voraussetzen, dass er vorher schon vampirische Neigungen gezeigt haben müsste, und dies wiederum wäre mir aufgefallen. Trotz allem verbindet mich irgendetwas mit diesem Jungen und ich werde erfahren, was es ist, und wenn ich aus meinem Grabe auferstehen muss, um diese Information zu bekommen.
Alans Geliebter heißt Leonard – eigentlich das genaue Gegenteil seines Engels der Nacht, er ist verträumt und sehr zutraulich zu Fremden. Das ist es wohl, was Alan so an Leonard liebt, er muss ihn beschützen, und so deucht es mir, dass die beiden eine Zukunft bekommen werden, die von Leid nur so gespickt sein wird.
Allerdings können sie auch das mit Leichtigkeit überleben, denn auch in Leonard versteckt sich eine Kraft, die ich so in dieser Form noch nie gespürt habe.
So verspricht es mir ein sehr interessantes Kapitel in meinem Grab zu werden, diesen beiden Wesen zuzuschauen, und ihre Geschichte in meinem Geist aufzubewahren, bis ich wieder frei bin und wieder Schrecken über die Welt bringen kann.
Wenn ich aus meinem Grab erstanden bin, wird kein Wesen mich wieder zurück bringen.

* * *

Alan war noch nicht danach aufzustehen. Das ewige Ziehen durch die Nacht hatte ihn müde gemacht. Er war nicht mehr der neugierige Vampir, der seine Grenzen austesten musste. Viel mehr sehnte er sich danach, nicht mehr allein zu sein, jemanden zu haben, der mit ihm dieses „Leben“ führte, für ihn da war und dem er vertrauen konnte.
Doch er hatte die Suche längst aufgegeben. Zu viele hatte er schon verloren. In seinem kleinen Zimmer, am Ende der Stadt, war es dunkel. Die Fenster waren zugenagelt und alle Türen verschlossen.
Er lag auf einem alten schäbigen Bett und starrte an die Decke des Zimmers. Die Farbe blätterte schon ab und überall rieselte Staub aus den Wänden. Ein kleiner Schrank stand an der einen Wand, ein Tisch mitten im Zimmer mit zwei Stühlen.
Ansonsten gab es in diesem Raum nichts außer vielleicht einer Ratte, die ab und zu mal über den Boden huschte. Alan lebte hier nicht, aber für die letzten Nächte war es sein Unterschlupf.
Er war nicht in Stimmung für ein hübsch hergereichtes Zimmer oder irgendwelche Leute, die ihn nach seinen Wünschen fragten. Das kleine Haus, in dem er sich versteckte, war schon lange abrissbereit.
Es stand schon Jahre lang leer und nur noch Katzen, Ratten oder andere Tiere trauten sich hier rein. Er fand es passend, um nicht entdeckt oder überrascht zu werden, denn hier würde niemand ihm nachkommen.
Er sah noch einige Minuten an die Decke, ehe er sich dazu bereit erklärte, doch aufzustehen. Sein Blutdurst sagte ihm, er solle sich in der Stadt herum treiben, nach einem Opfer suchen und es aussaugen, doch sein Körper sagte ihm, er solle schlafen, solle sich nicht mehr bewegen.
Dennoch stand er auf, streckte sich und ging langsam auf die Tür zu. Ein seltsames Gefühl beschlich ihn, machte ihn stutzig. Er dachte einen Moment nach, verwarf aber dann den Gedanken und ging aus dem Haus.
Ein Katze schreckte vor ihm zurück und lief weg und verschwand im dunkel des Waldes. Er sah ihr einen Augenblick nach und drehte sich dann Richtung Stadt. Diese war nicht weit weg, vielleicht gut 500 Meter, mehr nicht.
Er sah die vereinzelten Lichter schon von hier, manchmal auch die eine oder andere Fackel, wenn der Wachmann durch die Gassen lief, in denen es kein Licht gab. Es war fast Mitternacht und die Stadt beruhigte sich langsam.
Einige hielten sich noch auf Feiern oder in Theatern auf, aber die meisten waren schon zu Hause und schliefen bereits. Als Alan an den ersten Häusern vorbeikam und auf die gepflasterten Wege kam, liefen ihm hier und da ein paar Menschen über den Weg.
Sein Blutdurst schrie bei jedem Mal mehr auf, jedes Mal wenn Alan ihm nicht nachkam und die Menschen weitergehen ließ. Alan hatte keine Lust zu töten. Er lief einzig allein durch die Stadt, weil ein Gefühl in ihm war, was ihn hierher zog.
Etwas sollte er sehen, nur wusste er nicht was. Auch das Gefühl vermochte er nicht zu deuten, war es seine Sehnsucht? Seine Neugier? Oder einfach nur sein Durst? Er kümmerte sich nicht mehr darum, sondern ging einfach, wohin ihn sein Gefühl leitete.
In der Stadt roch es süßlich, ein schwerer Geruch von Parfüm lag auf ihr. Die Wärme der vergangenen Tage verstärkte dies. An einem Park hielt er inne und sah sich um. Ein Brunnen nahm seine Aufmerksamkeit ein.
Er ging darauf zu und bemerkte jemanden der dort auf der Wiese an den Brunnen gelehnt saß. Als Alan dichter kam, erkannte er einen Jungen. Dieser war so sehr in Gedanken versunken, dass er Alan nicht wahrnahm, um so mehr erschrak er, als Alan ihn ansprach.
„Hey, ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte Alan ihn und lehnte sich auf den Brunnen.
Der Junge erschrak so sehr, dass er aufsprang und ein stück weit vor Alan stehen blieb. „Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken.“
„Schon gut, ich war nur in Gedanken und hatte niemanden mehr hier erwartet.“
„Warum bist du allein hier?“
„Ich war die dämliche Feier leid. Alle zwingen einem Gespräche auf und immer muss man freundlich tun. Ich wollte da einfach nur weg.“ gestand der Junge und wirkte dabei etwas wütend.
Alan beobachtete ihn ganz genau. Der Junge war ungefähr 19, vielleicht auch 20. er wirkte ein wenig bedrückt und verschlossen, aber auf den zweiten Blick sah Alan in den Augen des Jungen ein Funkeln.
Er beobachtete das Farbenspiel des Mondes darin ein wenig, ehe er sich den Jungen weiter ansah. Er war nicht sehr kräftig, aber ungefähr so groß wie Alan selbst. Sein Haar wirkte dunkel, und seine Augen hatten immer noch das geheimnisvolle Funkeln, was nun ein wenig zu Neugierde wurde.
„Warum siehst du mich so an?“ wollte er wissen.
„Ich dachte, zu sehen, warum du so einen bedrückten Eindruck machst, aber ich sehe keinen Grund. Warum bist du von der Feier weg? Doch nicht nur wegen dem Freundlichtun. Ich meine, ich nehme an, die Feier ist die deiner Mutter?“
„Ja.“
„Dann hättest du dich doch lieber in dein Zimmer zurückziehen können, als hier mitten in der Nacht im dunkeln zu hocken – ganz ungefährlich ist das nicht.“
„Ich weiß, aber hier draußen fühle ich mich wohler als zu hause. Es ist freier hier“, sagte der Junge mit einem Lächeln.
„Das stimmt, freier ist es hier“, sagte Alan leise und ließ den Satz eine Weile in der Luft hängen und auf sich wirken.
Dieser Junge verwirrte ihn. Sein Blutdurst war still und gab keinen Laut von sich, als wolle er ihn nicht. Seine traurige und einsame Stimmung war verschwunden und er fühlte sich wohl in Gegenwart von ihm
„Wie heißt du?“, fragte Alan nach einiger Zeit.
„Leonard. Und wer will das wissen?“
„Alan. Entschuldige das ich mich einmische in deine Angelegenheiten, aber du sahst so traurig aus.“
„Hmm….. Ein wenig bin ich das. Ich mein ich habe zwar alles was ich mir wünsche, aber eines fehlt mir, was meine Eltern vergessen haben mir zu geben. Das macht mich traurig.“
„Was ist es, was sie vergessen haben?“
„Zeit für mich zu haben, mich zu lieben und für mich da zu sein. Sie denken mit ein paar Geschenken ist das getan, aber sie sind nie da, ständig feiert meine Mutter, mein Vater treibt sich irgendwo herum.“
Eine Pause entstand. Alan hing seinen Gedanken nach, fragte sich, warum er mit dem Jungen über so was redete, wobei er ihn doch leicht als Mahl für die Nacht haben konnte, aber sein Hunger regte sich noch immer nicht.
„Was machst du so spät noch hier?“, fragte Leonard leise.
„Ich konnte nicht schlafen und wollte noch etwas spazieren gehen.“ log Alan und sah in den sternenklaren Himmel.
„Aber ich denke ich werde jetzt nach Hause zurück kehren.“
„Du willst gehen?“
„Ja.“
„Sehen wir uns wieder?“
Alan sah Leonard an. Wüsste dieser, welcher Gefahr er sich damit aussetzte, würde er dies nicht fragen und eher das Weite suchen, doch halt, welche Gefahr? Alan verstand es nicht, dieser Junge zog ihn an, aber sein Durst wollte ihn nicht. er hatte nicht mal den Gedanken, dem Jungen etwas zu tun.
„Ja, ich denke schon“, hörte er sich sagen, „ich komme morgen wieder hierher, um die gleich Zeit.“
„Ich werde da sein“, sagte Leonard und lächelte.
Daraufhin drehte Leonard sich um und verschwand in einer Seitenstraße. Alan fuhr sich mit einer Hand durchs Gesicht und atmete hörbar aus.
„Ist ihnen nicht gut?“, fragte ein Mann hinter ihm.
Alan drehte sich um und musterte den Mann.
„Mir geht’s bestens, aber ich brauche da etwas von ihnen“, sagte Alan, und noch ehe der andere die Worte verstand, riss Alan ihn an sich und nahm das Blut in sich auf.
Ohne Rücksicht ließ er den Körper einfach fallen und verschwand aus der Stadt zurück, in das alte leer stehende Haus.
Eine Weile noch beschäftigte der Junge seine Gedanken, doch als die Sonne langsam aufging, schlief er ein.

Ja, so war die erste Begegnung der beiden Liebenden, niemand hätte vermutet, dass der hübsche Alan schon die 200 Jahre überschritten hatte und Leonard fühlte sich merkwürdiger angezogen von Alan als dieser von ihm.
Was ich in beiden Köpfen für Gefühle und für Behagen gegenüber dem anderen sehe, obwohl sie sich noch kaum kennen, bezeichnet man wohl als Liebe auf den ersten Blick. Auch ich habe einmal geliebt, doch mir wurde meine Liebe entrissen, ich werde nicht zulassen das Alan diesem Schicksal genauso ausgesetzt sein mag.
Ich werde über dies Paar wachen. Nun last uns schauen, wie es mit diesen beiden Liebenden weitergehen mag, ich bin gespannt. Sie könnten meinen Weg aus der ewigen Verdammnis der Tiefe ebnen, ich kann schon fast wieder das Blut schmecken, welches Bald meine Kehle hinabströmen wird.
ICH WERDE EIN KÖNIGREICH ERBAUEN AUS BLUT!!!

Als Alan wach wurde, war es noch nicht ganz dunkel. Die Sonne war bereits untergegangen, aber noch immer war es recht hell. Er beschloss, noch ein wenig liegen zu bleiben, und die Ruhe seiner Gedanken zu genießen, doch diese wehrte nicht sehr lange. Bald schon, nach wenigen Minuten, kam ihm Leonard in den Sinn.
Das geheimnisvolle Funkeln seiner Augen, die sanfte Stimme. Er fühlte auch die eigene Freude darauf, ihn heute Nacht wiederzusehen. Doch woher kam diese Freude, das Gefühl des Wohlbefindens in Leonards Gegenwart, gerade da er ihn doch kaum kannte.
Alan wischte die Gedanken bei Seite und stand langsam auf. Er öffnete vorsichtig die Tür und lauschte kurz, ob jemand in der Nähe war. Als er nichts fühlte, trat er hinaus und lief auf den Fluss zu, der ganz in der Nähe war.
Er hörte das Rauschen bereits und freute sich auf ein wohltuendes Bad.
Am Fluss angekommen, entledigte er sich seiner Kleider und stieg ins Wasser. Es war noch schön kühl und nicht so aufgeladen heiß, wie manch Abend, wenn die Sonne am Tage sehr heiß brannte.
Er ließ sich ins Wasser gleiten und schwamm ein wenig, ehe er sich treiben ließ und den Abend genoss. Nach einiger Zeit legte er sich zu seinen Sachen am Ufer und schloss die Augen. Er spürte, wie der kühlende Abendwind über seinen nackten Körper zog und ihn trocknete.
Er hörte das Rauschen der Blätter, den vereinzelten Singsang der Vögel und Schritte, die sich ihm näherten. Er schrak hoch. Schritte? Er lauschte noch einmal und musste feststellen, dass er sich nicht geirrt hatte.
Leise Schritte näherten sich ihm, versuchten keinen Laut zu machen, doch für Alans Ohren waren sie zu hören. Alan zog sich seine Hose an und blieb aber weiterhin dort, wo er war, sitzen und wartete.
Als die Schritte schon recht dicht waren, erkannte er etwas Vertrautes, etwas sanftes, was ihn erahnen lies, wer da herumstrich. Alan nahm sein Hemd in die Hand und sprang kurzerhand in einen der Baumwipfel und blieb auf einem Zweig sitzen, um zu sehen, ob er Recht hatte.
Nach einigen Augenblicken trat eine Gestalt aus den Büschen hervor und ging auf das Wasser zu. Alan erkannte ihn sofort, auch ohne sein Gesicht zu sehen. Leonard lies sich am Ufer ins Gras sinken und hielt eine Hand ins Wasser.
Er spielte ein wenig damit und zog die Hand daraufhin zurück. Alan beobachtete ihn interessiert. Er fragte sich was Leonard hier machte. Um diese Zeit war sonst niemand mehr freiwillig im Wald unterwegs.
Man hörte viele Geschichten in der Stadt von Geistern, die bei Nacht in den Wäldern umherirren und heulend durch die Nacht streifen, Werwölfe, die angeblich schon ein oder zwei Menschen angegriffen haben sollen, wobei sich Alan nicht sicher ist, ob er vielleicht damit zu tun hatte, als ihm ein Mann entwischt war.
Er grinste. Er hatte sich damals geärgert, dass der Mann ihm entkommen war, weil er dachte, dass er erkannt worden wäre, aber dem war nicht so. Der Mann war so betrunken, dass alle es für ein Märchen hielten.
Alan sah wieder nach unten zu Leonard und hielt vor Schreck den Atem an. Leonard war dabei, sich zu entkleiden, wahrscheinlich wollte auch er ein wenig schwimmen. Alan konnte seinen Blick nicht abwenden so sehr er es auch versuchte, aber Leonard hielt ihn in seinem Bann.
Als Leonard endlich ins Wasser stieg, konnte Alan sich wieder bewegen und sah verschämt weg. Aber er war einfach zu neugierig und wand seinen Blick wieder Richtung Fluss. Dort schwamm er eine ganze Weile, tauchte ab und zu unter oder lies sich auf dem Rücken liegend treiben.
Alan wusste nicht, was er da eigentlich tat. Er beobachtete einen Jungen beim baden und es gefiel ihm, aber er fühlte sich ein wenig seltsam dabei. Sein Durst war, wie schon das letzte mal, wie weg, doch wusste Alan, dass dieser tief in ihm schlummerte.
Doch warum war das in Leonards Gegenwart so und bei niemandem sonst? Warum konnte er nicht so wie bei anderen einfach kalt sein und seiner Natur nachgehen. Als Leonard aus dem Wasser kam, sah Alan verschämt weg und zog sich leise zurück.
Er kletterte leise und geschwind über einige weitere Baumwipfel und sprang, weit genug entfernt, hinunter und lief wieder in das alte schäbige Haus. Dort lies er sich aufs Bett fallen und versuchte, seine Gedanken zu beruhigen, die ihn verwirrten, versuchte, sein Herz langsamer schlagen und nicht mehr so rasen zu lassen.
Was war los mit ihm? Er wusste es nicht.

Mein armer Sohn, hast du die Zeichen doch noch nicht richtig gedeutet *lacht leise*, du wirst erfahren, was in dir schlummert, und was dieser Junge für dich ist, wenn du aufnimmst wer du bist!

Alan hatte sich noch immer nicht bewegt. Mittlerweile war es düster draußen. Er erinnerte sich daran, heute noch verabredet zu sein, und stand langsam auf. Ihm schwirrte der Kopf vom vielen Nachdenken.
Einen Moment blieb er sitzen, stand dann aber auf und ging nach draußen. Er schob alle Gedanken zur Seite, so gut es ging, und machte sich auf den Weg. Auf dem Weg zum Brunnen erinnerte er sich seines Durstes und hielt kurz inne.
Es waren nur noch recht wenige unterwegs. Alan wunderte sich ein bisschen, denn es war die gleiche Zeit wie gestern. Als er ein entsprechendes Opfer sah, verwarf er jedoch den Gedanken wieder und machte sich daran, sein Opfer zu fangen.
Er ging auf eine Frau zu, die gerade dabei war, ihren Laden abzuschließen – ein kleines Blumengeschäft. Sie hatte wohl noch vor, wegzugehen. Alan war fast bei ihr, als sie sich herumdrehte und ihn bemerkte. Sie erschrak.
„Meine Güte, ich habe sie gar nicht kommen hören. Kann ich etwas für sie tun? Ich meine, ich habe den Laden zwar schon geschlossen, aber ich denke ich kann eine Ausnahme machen.“
Alan sah die Frau einen Moment an. Er überlegte kurz und machte noch einen Schritt auf sie zu. Er spürte, dass sie sich unwohl fühlte in seiner Gegenwart, doch das störte ihn nicht. Er nahm aus der Vase neben der Tür eine weiße Lilie und kam der Frau dabei so nahe, dass er den Geruch ihrer Haut riechen konnte.
Er spürte ihre Angst. Einen Augenblick verharrte er, ehe er sich ihr noch weiter näherte, ihr den Mund zu hielt und im gleichen Moment zubiss. Ein leiser Schrei war von ihr zu hören, mehr nicht. Er lies sie auf die Erde sinken und ging unbekümmert weiter.
Immer noch die Lilie in der Hand kam Alan bei dem Brunnen an. Leonard saß wie gestern dagegen gelehnt und war in Gedanken versunken. Alan sah auf die Lilie und wusste erst gar nicht, woher er sie hatte, und wollte sie gerade achtlos fallen lassen, als Leonard ihn ansah und aufstand.
Leonards Augen bannten ihn so sehr, dass er keinen Ton heraus bekam, und einfach nur dastand, bis Leonard ihm die Lilie aus der Hand nahm. Für ein paar Sekunden berührten sich ihre Hände und Alan war es, als würden Blitze durch seinen Körper fahren.
Leonard sah ihm wieder in die Augen und immer noch sagten beide nichts.
„Warum starrst du mich so an? Hab ich was im Gesicht?“, fragte Leonard dann plötzlich und lächelte sanft.
Der Bann brach dadurch ein wenig, jedoch nicht ganz und Alan musste sich zusammenreißen, um sich nicht wieder in Leonards Augen zu verlieren.
„Nein hast du nicht. Entschuldige, ich war nur in Gedanken“, sagte Alan und sah auf die Lilie.
„Müssen ja sehr interessante Gedanken gewesen sein.“ grinste Leonard und hielt die Lilie vor sein Gesicht, um daran zu riechen.
„Woher wusstest du, dass ich Lilien mag?“
„Wusste ich nicht, ich … hab sie einfach mitgenommen“, sagte Alan leise.
„Möchtest du irgendwohin gehen?“
„Wie wäre es mit einem Spaziergang?“
Was mach ich hier eigentlich? Ich hab doch mal reden gelernt, ärgerte sich Alan in Gedanken und erschrak fast wieder, als Leonard ihn ansprach.
„Du siehst aus, als würde dich etwas bedrücken.“
„Ist das so offensichtlich?“, fragte Alan leise und lächelte etwas.
Er ging ein paar Schritte und wartete dann, bis Leonard neben ihm war, und sie zusammen weitergingen.
„Ja, irgendwie schon. Du wirkst abwesend.“
„Bin ich auch.“
„Wo bist du denn?“
„Wenn ich das wüsste, wäre es einfacher“, meinte Alan und lächelte traurig.
„Lass uns da vorn hinsetzen“, sagte Leonard und zeigte auf eine Bank, die in der Nähe von einem Teich stand.
„Meinetwegen.“
Sie setzten sich auf die Bank und schwiegen einen Moment. Leonard sah nach einer Weile zu Alan und beobachtete ihn ein wenig.
„Was denn?“, fragte Alan verunsichert.
„Ich weiß nicht. Ich hab so ein komisches Gefühl, wenn du da bist. Ich kenn dich grad mal ein paar Stunden, aber ich hab ehrlich gesagt das Gefühl, dir vertrauen zu können, und ich weiß nicht warum.“ gab Leonard zu.
„Da geht es nicht nur dir so“, meinte Alan fast flüsternd.
Er sah nach oben und lehnte sich an.
„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte Leonard leise und lehnte sich seitlich gegen die Lehne, um Alan ansehen zu können.
„Bis auf das Chaos meiner Gedanken und Gefühle, ja“, sagte Alan grinsend und sah Leonard in die Augen.
„Warum bist du mir nah?“
„Hm? Na weil ich mich neben dich gesetzt habe und die Bank nicht größer ist“, sagte Leonard verwundert.
Alan sah ihn einen Augenblick verständnislos an und fing daraufhin an zu lachen.
„Was ist?“ Leonard sah Alan vollkommen verwirrt an.
Als Alan sich wieder beruhigt hatte, sah er Leonard lächelnd an und fing an zu erklären.
„Also, ich meinte nicht warum du mir körperlich so nah bist, sondern, warum du mir so vertraut vorkommst, als würde ich dich ewig kennen, aber eigentlich weiß ich gar nichts von dir.“
„Ach so. Und ich dachte schon, ich wäre dir irgendwie zu nahe gekommen. Keine Ahnung, warum das so ist. Vielleicht kennen wir uns aus einem früheren Leben“, sagte Leonard grinsend.
„Nein, das sicher nicht, daran würde ich mich erinnern“, sagte Alan ohne zu überlegen und bereute seine Worte auch gleich.
„Wie meinst du das?“
„Nicht so wichtig. Ich muss jetzt allerdings gehen.“
„Jetzt schon? Wohin denn?“
„Nach Hause. Ich bin müde.“ log Alan.
Er musste allein sein und das alles erst mal verarbeiten. Er konnte Leonard schlecht sagen, dass er ein Vampir war und schon etliche Jahre hinter sich hatte.
„Sehe ich dich denn wieder?“
„Ja, ich komm hier her.“
„Wirklich?“
„Versprochen, aber ich weiß noch nicht, wann.“
„Na gut, aber vergiss dein Versprechen nicht.“
„Nein. Schlaf gut, bis dann“, sagte Alan und stand auf.
„Gute Nacht“, meinte Leonard noch leise und stand ebenfalls auf, um zu gehen.
Alan verschwand aus Leonards Sichtweite und schlich sich von der anderen Seite an ihn heran. Er wollte noch nicht weg von ihm aber auch nicht mehr mit ihm reden, also beobachtete er ihn einfach noch.
Leonard machte sich auf den Weg nach Hause, bog aber kurz vorher in eine andere Straße ein und lief noch ein wenig durch die Stadt. Alan folgte ihm über die Dächer, bis Leonard in ein Haus verschwand.
Einige Augenblicke wartete Alan noch, ehe er sich auf den Weg zu dem alten Haus machte. Er lief langsam den schmalen Weg zum Haus entlang und versuchte nicht nachzudenken. Erst als er auf seinem Bett lag, erlaubte er es sich und schlief über dem Durcheinander seiner Gedanken ein.

Nach all der Zeit ein Hoffnungsschimmer, zwar wird mein Sohn wohl noch etwas brauchen um zu erkennen, was das für Gefühle sind, die in ihm brodeln, er versteht das nicht, es ist einerseits durchaus amüsant für mich, dies zu beobachten, jedoch auch beschämend, dass mein Sohn es nicht versteht.
Gefühle sind eine teuflische Erfindung von Cimeterium, und dass er sie uns als gefallenen Engeln genau wie den Menschen zugesprochen hat, verwirrte mich einst, doch jetzt weiß ich, dass es als Folter gemeint war!
Ich werde hier weiterhin liegen bis es so weit ist und ich meine Blutherrschaft von neuen beginnen kann!
Mit Blut hat alles begonnen und mit Blut wird alles enden!

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