Thomas

Das Sonnenlicht kitzelte meine Nase und ich öffnete langsam meine Lider. Sofort blickte ich in ein Paar strahlendblauer Augen.

„Guten Morgen, Tom. Hast du bequem gelegen?“ Sein Grinsen irritierte mich etwas.

„Morgen auch. Ja, wunderbar.“ Irgendwas war allerdings komisch, mein Kopf wachte heute nur langsam auf.

„Deine Matratze fand es auch sehr bequem, sie müsste aber langsam mal aufs Klo.“

Erschrocken rollte ich von ihm runter. „Sorry, das tut mir leid.“

„Hey, alles in Ordnung, ich hab so gut wie ewig nicht geschlafen. Dich halte ich aus.“

Wir lachten beide. „Könnte mich daran gewöhnen, so zu schlafen“, entgegnete ich.

„Gerne, aber jetzt zieh dich mal an und mach dich frisch. Wir sind zum Frühstück eingeladen.“

Mit einem Kuss verließ er mich in Richtung Bad und ich legte mich noch einen kurzen Moment zurück. Das Ganze war so unwirklich und schön. In meinem Leben war es noch nie so perfekt. Ein toller Job, ein Mann der mich liebte und das, obwohl er von meiner Vergangenheit wusste. Beinahe schon zu gut, um wahr zu sein. Nun, fast alles perfekt, mein Sorgenkind gab es ja auch noch. Aber solange er sich nicht helfen lassen wollte, war Mats auf sich allein gestellt. Ich konnte ihn nicht dazu zwingen.

„Wollen wir schnell zusammen duschen?“

Renés nackter Anblick sorgte für ein wohliges Kribbeln und ich beschloss vernünftig zu sein. „Besser nacheinander oder aus dem Frühstück wird Brunch.“

Er zwinkerte mir zu und nickte. Eine Viertelstunde später standen wir vor dem Haus seines Onkels. Sofort wurde die Tür geöffnet und ich blickte auf die vermeintliche Ehefrau von René. Aus der Nähe war die Ähnlichkeit zwischen Bruder und Schwester nicht zu leugnen.

„Hi, Schwesterchen, das ist Thomas. Tom, Selina, meine herzallerliebste Zwillingsschwester, mit der ich total unverheiratet bin.“ Beschämt senkte ich den Blick und Selina lachte. Offenbar hatte sie verstanden, was mein Freund ihr damit sagen wollte.

„Hallo, Tom“, begrüßte sie mich. „Ich habe schon unglaublich viel von dir gehört.“

Nun war es René, der ein wenig rot wurde. „Er hatte gestern kein anderes Thema.“

„Danke sehr“, beschwerte er sich deshalb.

„Aber ich denke, ich kann gratulieren, oder?“

Ich nickte einfach nur und sie umarmte mich herzlich. „Willkommen in der Familie. Na kommt rein Jungs! Martha, Karl und Celine warten schon.“

Mein Chef und seine Frau begrüßten uns und nur das kleine Mädchen, Celine, versteckte sich schüchtern hinter ihrer Mutter.

„Wer ist das, Mama?“

„Das ist Tom, er hat deinen Onkel lieb.“ Ich spürte die Hitze in die Wangen kriechen und alle anderen sahen mich wohlwollend an.

„Wirklich? Nicht wie Oma und Opa?“ Die Gesichter der Anwesenden zeigten nun Betroffenheit, offenbar ein ungeliebtes Thema.

„Hey, Celine, das gehört jetzt nicht hierher. Oma und Opa können nichts dafür, aber dich haben sie doch lieb und deine Mama auch.“ René kniete vor der Kleinen und redete ruhig auf sie ein. Langsam wurde auch mir klar, was hier eben passierte, warum er hier lebte und bisher nicht ein Wort über seine Eltern verloren hatte.

„Oma und Opa sind doof. Ich hab dich auch lieb.“ Sie schlang ihre kleinen Ärmchen um meinen Freund und ich schluchzte unwillkürlich auf. Sofort drehte sich René um und lächelte mich herzlich an. Celine betrachtete mich einen Moment und kam auf mich zu, ihre Arme nach oben gestreckt.

Ich hob sie hoch und wurde auch umarmt. „Hallo, Tom! Wenn du meinen Onkel lieb hast, dann hab ich dich auch lieb.“ Die Welt durch Kinderaugen konnte so einfach sein.

„Ja, ich hab ihn sehr lieb“, antwortete ich ihr mit zittriger Stimme.

„Komm, Kleine, wir fahren in die Stadt, lass die beiden mal mit Karl und Martha frühstücken.“

„Au ja, lass mich runter, Onkel Tom! Mama und ich gehen einkaufen.“

Wir verabschiedeten uns von den beiden Damen und saßen bald darauf am Küchentisch. René durchbrach das bedrückende Schweigen als Erster. „Mein kleiner Sonnenschein mag dich, sie hat dich adoptiert. Ich seh sie leider nicht sehr oft.“

„Du kommst ursprünglich aus Bayern?“

Mein Schatz nickte. „Ich wohne erst seit sieben Jahren hier. Meine Eltern haben mich noch zwei Jahre in ihrem Haus geduldet, nachdem sie mich mit meinem ersten Freund erwischt hatten. Mit Achtzehn wurde ich dann hierher geschickt.“

„Tut mir leid für dich, wirklich.“ Ich griff nach seiner Hand, was im Gegenzug mit einem freundlichen Lächeln vom Ehepaar Wobrecht beantwortet wurde.

„Muss es nicht, hier fühle ich mich wohl und hier hab ich dich gefunden. Besser geht es wohl nicht. Karl und Martha… sind gute Eltern, mehr als nur ein Ersatz.“

„Ein gutes Stichwort.“ Karl blickte mich ernst an. „Wir sind froh, dass es mit euch endlich geklappt hat. Diese Woche war eine kleine Ewigkeit für uns.“ Der gespielte Tadel in seinen Augen traf René. „Aber auch für dich wird es damit nicht einfach, Thomas. Du gehörst jetzt zu unserer Familie. Wenn du meinem Neffen weh tust, dann wird das eine schwierige Situation.“

„Ich verstehe, aber das liegt nicht in meiner Absicht.“ Karl hatte Recht, ein normaler Mitarbeiter war ich nicht mehr. Ein Ende der Beziehung würde das Arbeitsverhältnis schwer belasten. Doch an so was wollte ich im Moment nicht denken, es gab keinen Grund dazu.

„Gut, dann lasst uns essen.“

Das Frühstück verlief sehr ruhig. Besonders René schien etwas abwesend zu sein. Ganz so locker nahm er die Sache dann doch nicht. Im Prinzip ähnelten sich unsere Geschichten mit den Eltern. Bei mir war es nicht die Homosexualität, damit kamen meine klar. Es geschah nach der ersten Verhaftung, dass sie den Kontakt zu mir abbrachen. Dieser Grund war für mich deutlich nachvollziehbarer.

Ich legte meinen Arm um seine Schulter und er lehnte sich sofort gegen mich. In seinen Augen lag Dankbarkeit, wahrscheinlich weil ich das Thema nicht weiter vertiefte.

Pappsatt verließen wir das Haus am frühen Mittag und René holte mir eine zweite Liege aus dem Keller, damit wir zusammen die Hitze in seinem Garten genießen konnten. Noch immer wirkte er sehr nachdenklich, aber deutlich gelöster als am Anfang.

„Tom… darf ich dich noch was zu Mats fragen?“

Ich seufzte, aber wenigstens fragte er vorher. „Wenn es unbedingt sein muss.“

Er schenkte mir einen verlegenen Blick. „Warum habt ihr überhaupt miteinander geschlafen, wirklich nur aus Einsamkeit?“

„Ja und nein. Er hat mich verführt, weil er dachte, er sei in mich verliebt. Aber das ist geklärt. Wolltest du wissen, ob es mir Spaß gemacht hat?“

„Vielleicht, ja.“

„Hat es. Du musst dir keine Sorgen machen. Mit Mats war es wirklich schön, aber kein Vergleich zu dir. Wenn ich die Wahl hab, dann könnte ich mich nur für dich entscheiden.“

Sein strahlender Gesichtsausdruck zeigte nur zu deutlich, dass es wegen dieses Themas keine Schwierigkeiten mehr geben würde.

„Möchtest du auch was wissen? Also… abgesehen von der einen Sache, die ich nicht beantworten kann. Und vorzugsweise nichts über meine Eltern.“

Einen Moment dachte ich nach. „Hat deine Nichte keinen Vater?“

„Doch“, seufzte er. „Selina lässt sich gerade scheiden. Ihr Mann, Raphael, liegt leider mit meinen Eltern auf einer Wellenlänge. Er hat versucht sie zu überreden, den Kontakt mit mir abzubrechen. Abgesehen davon war er eigentlich ein guter Ehemann, meine Schwester liebt ihn noch immer, aber sie erträgt diesen Kampf nicht mehr. Blut ist dicker als Wasser, in unserem Fall ganz besonders.“

„Tut mir leid.“

„Hör jetzt endlich mal mit den Entschuldigungen auf“, lachte er leise. „Es hat auch was Gutes, Selina kommt hierher. Karl hat ihr eins der Häuser angeboten. Dann würden fast alle Menschen, die mir wichtig sind, hier wohnen.“ Er bedachte mich mit einem Blick, der mir eine wohlige Gänsehaut über den Körper jagte.

„Ist es nicht noch ein wenig früh, jetzt schon daran zu denken?“ Ich hasste es, den Spielverderber zu spielen, aber es war mir zu schnell.

„Doch, natürlich. Aber generell würde ich gerne mit dir hier wohnen. Du suchst doch eh was Neues, es müsste nicht eine andere Wohnung in der Stadt sein, dein Arbeitsweg wäre unschlagbar kurz und…“

„René“, unterbrach ich ihn. „Du musst mich von den Vorzügen nicht überzeugen, die sehe ich natürlich auch. Aber wenn überhaupt gäbe es nur einen Grund für mich und der bist du. Okay?“

„Das wird sich zeigen. Bald irgendwann.“ Mit einem Mal wirkte er wieder abgrundtief traurig.

„Was ist los, was wird sich zeigen?“

„Ob du das meinetwegen willst. Es ist… diese Sache.“ Die innere Zerrissenheit war in seinem Gesicht deutlich zu lesen. „Ich hab eigentlich wieder zuviel gesagt.“

„Kann ich nicht behaupten, Süßer. Du verwirrst mich immer mehr mit den Andeutungen.“ Und es war frustrierend.

„Hab Geduld, du wirst dann alles verstehen.“ René stand von der Liege auf und bugsierte mich zu der schattigen Schaukel. Eine willkommene Abwechselung nach dem ermüdenden Sonnenbad. Ich setzte mich an den Rand, so wie er es wollte und René legte sich hin, den Kopf auf meinen Schoß gebettet. Schweigend saßen wir so eine Weile und ich streichelte durch seine Haare. Die Geheimnisse nervten mich immer mehr, aber diese weiche Seite an ihm überstimmte die kritische Stimme in mir. Ich liebte seine Schmusigkeit einfach.

„Schatz, heute Nacht möchte ich bei mir bleiben, falls Mats sich meldet. Ich hab ein schlechtes Gefühl. Zum Geburtstag bin ich natürlich wieder hier.“

„Darf ich auch mit?“

„Warum fragst du mich eigentlich dauernd, ob du was darfst? Hat dich vorher doch auch nicht gestört.“

Er griff nach meiner Hand und legte sie auf seine Brust. „Wegen dem, was du gestern gesagt hast. Wegen … ungefragt. Ich möchte nichts tun, wenn du es nicht willst.“

Mein Herz setzte einen Moment aus. „Sei nicht bescheuert. Das mit dir und die Zeit im Knast, es gibt doch keine Gemeinsamkeiten. Ich weiß, dass du mir nicht wehtust.“

René strahlte wieder. „Und darf ich jetzt?“

„Eifersüchtig?“, grinste ich ihn an.

„Ja, vielleicht ein bisschen. Und jetzt antworte mal und stell nicht immer Gegenfragen!“

„Magst du keine Fragen?“ Langsam, aber sicher braute sich ein Lachanfall in mir zusammen.

„Toooooom“, knurrte er langgezogen und der Anfall brach heraus.

„Glaubst du, dass du das verdient hast?“

„Na warte!“ Er sprang auf und riss mich um. Seine Hände waren überall und überschütteten mich mit einer wahnsinnigen Kitzelattacke. Japsend kämpfte ich um Luft, es war unmöglich mich zu befreien, dafür war er zu stark.

„Ich… gebe… auf“, lachte ich angestrengt. „Ja… du… darfst!“

„Warum nicht gleich so?“ Die unbarmherzige Attacke hörte auf und ich schnappte noch immer lachend nach Luft.

„Tom… vielleicht ist das jetzt auch ein wenig früh, aber ich glaube ich liebe dich.“

Ich küsste ihn einfach nur, seine Worte fühlten sich warm und gut an.

„Ist okay, wenn du noch etwas Zeit brauchst. Ich weiß, dass ich dir was bedeute.“ René war einfach toll.

Eine Weile blieben wir noch so liegen wie vor seinem kleinen Übergriff. Der Kopf in meinem Schoß war etwas, an das ich mich gewöhnen konnte. Seine Augen waren geschlossen und er sah unwahrscheinlich friedlich dabei aus. Und immer hatte er dabei das verträumte Lächeln auf den Lippen, welches meinen Herzschlag beschleunigte. Und noch ein letztes Mal verglich ich dieses Gefühl mit meiner Liebe zu Jakob: René gewann haushoch.

Ein kleiner sommerlicher Wolkenbruch ließ uns ins Haus fliehen, nachdem wir die Schaukel mit einer Plane abgedeckt hatten. Schnell suchten wir ein paar Dinge zusammen und machten uns auf den Weg zu mir.

Der Regen hatte mittlerweile nachgelassen und der Himmel klarte wieder auf. René holte noch die Tasche aus dem Auto und ich ging zu meinem Briefkasten, wo Rainer mich abfing.

„Hey, alles okay bei dir, Thomas? Du bist gestern nicht zurückgekommen.“

„Ja, alles bestens, ich hab bei meinem Freund übernachtet.“

„Du bist mit dem Jungen zusammen?“ Rainer seufzte. „Evelyn wird durchdrehen.“

„Rainer, bei aller Freundschaft, es geht sie nichts an. Und nein, es ist nicht Mats.“

In der Sekunde kam auch René auf den Hof. Einen Moment lang starrte Rainer ihn beinahe fassungslos an. „Du?“

„Ihr kennt euch?“ Nun war ich verwirrt.

„Flüchtig, Schatz. Geh schon mal vor, ich hab mit Rainer noch was zu klären.“

„Was ist hier los?“ René verschloss sich wieder, wie schon ein paar Mal in den letzten Tagen und ich wurde sauer.

„Tom, es ist alles in Ordnung, wir müssen nur was bereden. Vertrau mir bitte!“

„Ich hab ja kaum eine Wahl, oder?“

Die beiden gingen ins Haus und ich holte den Stapel Werbung aus dem Briefkasten. Beinahe war mir so, als hörte ich Rainer ein ‚Bist du des Wahnsinns?’ zischen. Die Wahl meiner Freunde stieß hier offensichtlich auf wenig Gegenliebe, oder war es in dem Fall eher Renés Entscheidung, die hier nicht gut ankam? Wütend stapfte ich in meine Wohnung und feuerte die Reklameblättchen auf den Tisch. Dabei rutschte ein seltsames Stück Papier aus dem Stapel heraus. In diesem Moment trat auch mein Freund ins Wohnzimmer. Den Zettel in meiner Hand ignorierte ich erstmal.

„Okay, ich akzeptiere, dass du ein Geheimnis hast, kein Thema Aber was zur Hölle war das eben?“

„Das… also… wir kennen uns. Er dachte wohl, ich wüsste nicht, wer du bist und… naja, ich hab ihm gesagt, dass du mir alles gesagt hast. Er macht sich wohl nur Sorgen.“ Er stotterte beinahe.

„Das klingt für mich ziemlich lahm. Rainer kennt mich auch und ich glaube kaum, dass er mich schädlich für dich hält. Das ist eine ganz schöne schlechte Erklärung.“

„Es ist die beste, die ich dir geben kann, okay? Es hatte auch mit Mats zu tun. Ich bin aber wieder raus, wollte mir den ganzen Scheiß nicht mehr anhören. Tom, ich hab dich gebeten, mir zu vertrauen, du hast gesagt du tust es. Bitte hör damit nicht auf.“ Er ließ die Schultern hängen und atmete geräuschvoll ein und aus. „Ich brauche dich einfach, mit dir fühle ich mich besser denn je. Aber ich brauche auch dein Vertrauen.“

„Du verlangst echt eine Menge von mir. Wie soll ich dir Vertrauen, wenn da dieses Etwas im Raum steht, dieses ungreifbare Ding?“ Aufgeregt fuchtelte ich mit der Hand vor seinem Gesicht herum, bis er meine Bewegung mit einem schnellen Griff stoppte.

„Tom, du solltest das lesen.“ Er starrte auf den Zettel.

‚Mir geht es gut, alles in Ordnung. Mach dir bitte keine Sorgen. Mats’

„Scheiße, er muss gestern oder heute hier gewesen sein. Verdammt!“

„Er wird wiederkommen, keine Angst. Es ist ihm wichtig, dass du weißt, dass er okay ist.“

„Wenigstens etwas. René, ich muss bescheuert sein, aber aus irgendeinem Grund vertraue ich dir genug, um dich nicht gleich aus dem Haus zu jagen. Deine Erklärung wird hoffentlich gut sein. Und wenn noch mal so was wie vorhin passiert, dann ist Schluss.“

„Verstehe. Das ist mehr als ich hoffen durfte. Tom… ich schwöre dir, meine Gefühle sind echt, ich spiele dir nichts vor.“

Ja, ich war vielleicht total verrückt, mich weiterhin auf diese Sache einzulassen, aber mein Herz ließ kaum eine andere Entscheidung zu.

Mats

Der erste Deal ging gut über die Bühne. Vielleicht war ich nicht der Schlauste, aber dass ich Drogen an Unterhändler vertickte, schnallte sogar ich. Die Qualle hatte damit etwas Schlimmeres in der Hand, als nur ein Foto von mir mit der Hand in der Keksdose.

Meine Optionen waren um einiges schlechter als befürchtet, aber wenigstens waren Kevin und, leider nur vorerst, Tom in Sicherheit. Eine Galgenfrist.

Schnauzis Leute besorgten mir eine kleine Unterkunft, meine eigene Bude schied vorerst aus, denn ich wollte nicht gefunden werden. Ich hätte es weder erklären können, noch wollen.

Die halbe Woche hielt ich mich versteckt und verließ nur spät abends den Unterschlupf, um die verlangten Geschäfte abzuwickeln. Die Kohle, die ich dabei verdiente, war gar nicht mal so schlecht, bereitete mir aber Magenschmerzen. Drogengeld war schmutzig, sogar für jemanden wie mich. Wer wusste schon, wie vielen Menschen das hier den Tod bringen würde.

Am Donnerstag musste ich dringend ein paar Besorgungen machen, mit der Kohle ging ich sehr sparsam um. Notfalls wollte ich damit eine mildere Strafe bekommen, wenn ich es der Polizei übergab. Das Rauchen hatte ich mir, wohl oder übel, abgewöhnt. Gegen 16 Uhr stieg ich in die Bahn in Richtung Einkaufsstraße und grübelte vor mich hin.

„Mats? Oh man, endlich!“ Ich zuckte etwas zusammen, als Kevin mir plötzlich gegenüber saß. „Ich hab mir Sorgen gemacht, wo warst du die ganze Zeit? Bei Tom?“

Ich betrachtete ihn genauer und mein Puls beschleunigte sich. Hatte die Qualle zugeschlagen? Sein linkes Auge war stark verfärbt.

„Was ist mit dir passiert?“ Ich versuchte so schroff wie möglich zu klingen, was mir offenbar gelang.

„Es… war ein Kunde. Ich wollte…“

Meine Sorge schien unnötig und so fuhr ich ihn gleich an. „Halt doch dein Maul! Echt, ich will nichts über deine verfickten Geschäfte wissen.“ Es tat mir in der Seele weh, im Nachhinein, aber ich musste ihn von mir fernhalten. Kevin war den Tränen nahe, doch ich setzte noch eins drauf. „Ich bin nicht mehr bei Tom, wir waren zwar ein paar Mal in der Kiste, aber im Moment hab ich keine Zeit für so was.“

„Ich erkenn dich nicht mehr wieder, Mats, was ist passiert?“

„Das geht dich einen Scheißdreck an!“ Ich sprang auf und wechselte in den Nebenwagen, bevor mir auch noch die Tränen kommen konnten. Mein Herz zerplatzte fast und dazu noch die Wut darüber, dass er immer weitermachte. Auch wenn Tom recht hatte, ich glaubte nicht an eine Chance für Kev und mich. Nach heute ganz besonders nicht mehr. Oder?

Die Bahn hielt und ich sprintete zurück. Mein Freund war bereits auf dem Weg nach draußen.

„Kevin, warte!“ Er drehte sich tatsächlich um und ich blickte in seine rot geheulten Augen. Es ging nicht mehr und ich fiel ihm um den Hals. „Es tut mir so wahnsinnig leid. Ich kann es dir nicht erklären, aber du musst wegbleiben von mir.“ Sehr zögerlich erwiderte er meine Umarmung, schob mich aber nach kurzer Zeit wortlos weg.

„Was ist mit deinem Auge passiert? Ich möchte es wirklich wissen.“

„Vielleicht geht es dich ja auch nichts an, Matti. Sag mir, was ich von dir halten soll.“

Ich fing an zu zittern, denn so hatte er mich schon lange nicht mehr genannt. „Ich hab Probleme, okay? Und ich kann nicht drüber reden.“ Vorsichtig sah ich mich um, Schnauzis Lakaien konnten ganz in der Nähe sein. Aber mit ihm zu reden wurde mir nicht verboten, nur das eine Thema war tabu. „Lass uns einen Kaffee trinken.“

Wir suchten ein gut gefülltes Café und setzten uns mitten in die Menge. Den bestellten Eiskaffee bekamen wir schnell gebracht und ich zahlte gleich.

Mit einem Schaudern bemerkte ich, dass das Parkhaus, welches ich ein paar Tage zuvor als Ausweg sah, direkt in meiner Blickrichtung lag. Eine eiskalte Gänsehaut überzog meinen Körper. Sollte Kevin etwas passieren, dann würde ich wieder dort stehen und nicht mehr zögern.

„Also, was ist mit deinem Auge passiert?“

„Erst will ich wissen, ob du mit Tom zusammen bist.“ Innerlich schmolz ich bei seinem trotzigen Blick.

„Nein. Die Kurzfassung ist, dass wir zwar im Bett waren, aber er liebt mich nicht und ich ihn nicht. Wir sind Freunde.“

„Du schläfst mit allen Freunden, was?“ Kurz blitzen seine Augen wütend auf.

„Das sagt der Richtige. Du lässt dich kaufen!“ Die Worte bereute ich sofort wieder, ich hatte ihn in der Bahn schon zu sehr verletzt. „Ich dachte, ich liebe ihn. Aber Tom hat mir einiges klar gemacht.“

Kevin umklammerte den Zuckerstreuer auf dem Tisch und dachte einen Moment über etwas nach. „Nein, ich lasse mich nicht mehr kaufen. Seit unserem Streit ist alles anders. Deshalb auch mein Auge… der Typ ist ausgerastet, als ich nicht mehr wollte.“

„Aber wieso denn so plötzlich?“ Ich war ehrlich überrascht.

„Das ist nicht mehr wichtig, Matti. Ich hab mich getäuscht.“

Konnte es wirklich sein, hatte Tom recht? Ich legte meine Hand an seine Wange und zwang ihn so, mich anzusehen. Mit dem Daumen strich ich über den unteren Rand der, noch leicht spürbaren, Schwellung und mein Freund zuckte kurz.

„Bitte, Kev, es ist wichtig!“

„Bist du dumm oder so? Ich habe deinetwegen aufgehört, weil ich dich nicht verlieren wollte. Hat ja viel gebracht.“ Entgegen meiner Erwartung schlug er die Hand nicht weg, sondern nahm sie langsam aus seinem Gesicht, nur um meine Finger mit seinen zu umschließen.

Wieder füllten sich seine Augen mit Tränen.

„Kevin… liebst du mich?“

„Und wenn schon, was ändert es denn noch?“

„Alles. Dann hätte ich einen Grund, das hier durchzustehen und nicht aufzugeben.“

„Dann… liebst du mich auch?“

Ich stand langsam auf und leerte das Glas in großen Schlucken. „Mehr als alles andere. Kevin, rede mit keinem über mich, wir haben uns nicht gesehen, okay? Das gilt besonders für die Bullen. Ich hoffe, das ist alles bald vorbei.“

„Ich halte es ohne dich nicht mehr aus, Matti.“ Noch einmal griff er nach meiner Hand und drückte sie fest. „All die Signale hast du total ignoriert, auch in der Nacht, bevor Colin zu uns kam. Ich dachte wirklich, du siehst nur den Freund in mir.“

In der Sekunde konnte ich einfach nicht mehr anders und beugte mich für einen kurzen, aber zärtlichen Kuss nach vorne. „Geht mir auch so. Und ja, ich war dumm und blind. Lass uns irgendwann darüber reden.“

Meinen überraschten Freund ließ ich nun sitzen und ging meine Besorgungen machen. Aber alles war wieder ein Stückchen heller. Er folgte mir auch nicht mehr und hatte verstanden, dass es, egal was es war, gefährlich werden konnte.

An meiner Bleibe erwartete mich auch gleich eine nette Überraschung.

„Was willst du, Johan?“ Mit diesem Namen verband ich mittlerweile pure Angst, die ich noch tapfer überspielte. Er erschien mir noch böser als die Qualle selber. Seine stechend kalten Augen musterten mich.

„Was hast du ihm erzählt? Wenn es Ärger gibt, dann ist er fällig!“ Er schenkte mir ein grausames Grinsen. In seiner Sprache war ‚fällig’ gleichbedeutend mit ‚tot’.

Mir war klar, dass unser Treffen nicht unbeobachtet gewesen sein konnte. „Ärger hätte es gegeben, wenn ich nicht mit ihm geredet hätte. Gefühlskram, kennst du nicht.“

„Pass auf was du sagst, sonst…“

„Jaja, du schneidest mir den Schwanz ab und steckst ihn mir ins Maul. Habs kapiert. Kevin ist mein Freund, okay? Ich bin nicht so bescheuert und sag ihm was, das ihn in Gefahr bringt. Er hat mit der Sache nichts zu schaffen. Dein Boss hat mir nicht verboten ihn zu sehen.“

„Glaub nicht, du kannst uns verarschen. Du bist ein Nichts, wenn es sein muss, dann pusten wir dich weg.“

Ich seufzte, denn mittlerweile waren mir ein paar Dinge klar geworden. „Für ein Nichts betreibt ihr ganz schön viel Aufwand. Wenn ihr mich umbringt, dann werdet ihr Thomas warnen, falls ich gefunden werde. Kann eigentlich nicht euer Ziel sein. Und wenn ich ihn nicht bald mal besuche und sage, dass es mir gut geht, dann wird er irgendwann misstrauisch. Bock zu sterben hab ich gerade auch nicht, also passe ich genau auf, was ich sage. Ist das ein Problem?“

„Die Adresse für heute.“ Johan steckte mir den Zettel zu und verschwand wieder. Für ihn war das Thema damit erledigt und ich hatte wahrscheinlich mein Leben etwas weiter verlängert.

Mit starkem Herzklopfen schloss ich die Tür hinter mir und lehnte mich mit dem Rücken gegen das Holz. Ich musste vorsichtiger werden und meine Frechheiten nicht weiter übertreiben. Noch war mir nicht bewusst, was meine Rolle wirklich war oder welche Pläne sie für Tom hatten, aber das würde sich bald zeigen.

Den ‚Job’ erledigte ich zügig und brachte die Kohle zum Boss. Dann hieß es abwarten, bis zum nächsten Abend. Ich überbrückte die Zeit und dachte an Kevin, an unsere letzte Nacht und wie sehr es mir fehlte, von ihm als Kissen missbraucht zu werden. Unsere Nächte vor Colin waren so anders, zärtlicher und ohne meine eifersüchtige Wut. Sein Gesicht berühren zu können war einfach schön, trotz der Schwellung.

So verletzbar und traurig hatte ich ihn wahrscheinlich noch nie erlebt und wenn, dann konnte ich mich daran nicht mehr erinnern.

Einen neuen Auftrag gab es am Abend nicht und ich machte mich auf den Weg zu Toms Wohnung. Es war bereits nach 20 Uhr und er war nicht daheim. Durch die Fenster konnte ich keine Bewegung ausmachen und so setzte ich mich auf die Mauer am Grundstück gegenüber. Geschlagene drei Stunden später hatte sich daran auch nichts geändert. Außer einer handvoll Passanten, die mich misstrauisch ansahen, geschah absolut nichts.

Damit der Abend nicht völlig umsonst war, kramte ich einen Zettel aus meiner Tasche und hinterließ Tom eine Nachricht.

Thomas

„Schlaft schön und kommt gut heim“, witzelte Karl am späten Abend.

Schweigend legten René und ich die dreihundert Meter zu seinem Haus zurück. Die Feier war unglaublich, Karl hatte eine Menge Freunde und dementsprechend heiter wurde sein fünfzigster Geburtstag zelebriert. Über ein Outing vor meinen Kollegen musste ich mir keine Gedanken mehr machen, René wollte sich nicht zurückhalten und ich war ganz froh darüber. Ein Problem hatte damit niemand. Mein Freund verhielt sich überhaupt sehr zuvorkommend und umsorgte mich mit der größtmöglichen Aufmerksamkeit. Kurz gesagt: Er versuchte erfolgreich, mich den erschreckend seltsamen Vorabend vergessen zu lassen.

Die kommende Woche verlief außergewöhnlich gut. René und ich schliefen abwechselnd bei ihm und bei mir, für den Fall, dass Mats noch ein weiteres Mal zu mir kam. Von der Eifersucht meines süßen Blonden spürte ich nichts mehr, dafür mehr seiner Leidenschaft.

Mittlerweile war es wieder Freitag und ich suchte René in seinem Haus. Sein übliches Ballspiel hatte er schon vor Stunden unterbrochen und war seither verschwunden. Im Arbeitszimmer wurde ich fündig und sah ihn mit erschöpfter Miene telefonieren.

„Ich mache mich auf den Weg. Bis dann.“ Mein Freund legte das Telefon auf die Station und sah mich traurig an.

„Tom, heute wird es leider nichts mit uns. Ich hab morgen einen Termin und muss heute noch los. Geht um einen Neukunden für Karl.“

Enttäuscht seufzte ich auf und René nahm mich in den Arm. „Wann kommst du wieder?“

„Vermutlich morgen Abend, spät. Ich mach so schnell ich kann.“ Er klammerte sich fest an mich und küsste meinen Hals. „Sei nicht sauer auf mich, ich wäre auch lieber hier.“

Meine Hände legten sich auf seinen Po. „Ich bin nicht sauer. Wann fährst du?“ Die Fingerspitzen glitten in den Bund seiner kurzen Hose.

„In zwanzig Minuten. Ich dusch nur noch schnell und pack meine Tasche. Soll ich dir ein Bad einlassen?“

Knurrend zog ich meine Hand zurück und nickte. Meine Hoffnung auf einen Quickie konnte ich damit auch begraben. „Wäre lieb von dir.“

René lachte auf, als er in mein Gesicht sah, und griff mir in den harten Schritt, das verlangende Fleisch massierend. „Um den kümmere ich mich morgen ganz besonders ausführlich, versprochen.“

Mein Schatz drängte sich an mir vorbei, doch ich hielt ihn an der Schulter fest und legte meinen Arm um ihn. Sein fragender Blick verwandelte sich in einen lustvoll verzerrten, als meine Hand in die Short glitt und seinen prallen Schwanz drückte. Er stöhnte heiser auf und presste seinen Hintern an mich. „Jetzt sind wir quitt, Schatz“, flüsterte ich und verabschiedete ihn mit einem Klaps auf den Po Richtung Dusche.

Dreißig Minuten später lag ich allein in der Wanne und wusch mir den Holzstaub vom Körper. Unser Abschied dauerte etwas länger, aber leider nicht lang genug. Mit geschlossenen Augen lehnte ich mich zurück und beendete, was mein Freund angefangen hatte.

Im leeren Haus fühlte ich mich etwas verloren und zog mir frische Klamotten an. Das schmale Bett in der eigenen Bleibe schien mir passender. Unbemerkt lief ich zu meinem Dienstwagen und machte mich auf den Heimweg.

Die leisen Stimmen von Evelyn und ihrem Pantoffelhelden im Garten ignorierte ich, im Moment war ich nicht mal auf Rainer besonders gut zu sprechen. Die Sache mit René steckte noch im Kopf fest. Einmischungen von außen konnte ich einfach nicht leiden.

Auf dem Weg zu meiner Tür beschlich mich ein merkwürdiges Gefühl, die Haare in meinem Nacken stellten sich auf. Ich spähte in die leere Wohnung und trat einen Schritt hinein, erst da bemerkte ich einen unbeschrifteten Umschlag, der im Flur auf dem Boden lag. Vorsichtig schüttelte ich ihn und hörte nur das Rascheln von Papier. Kein Absender, überhaupt nichts. Neugierig riss ich den Klebestreifen auf und schüttete den Inhalt auf den Couchtisch. Und was ich dort zu sehen bekam, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.

Vor mir lagen zwei Bilder, die nach einem zufälligen Schnappschuss aussahen, dem Datum nach gerade drei Tage alt. Auf ihnen sah ich zwei glücklich wirkende Kerle am Strand. Und ohne jeden Zweifel handelte es sich um Jakob Raller und seinen Freddy.

Angst machte mir nur der Kringel um Jakobs Kopf und die schwarze Aufschrift: ‚Wir wissen wo er ist, Tin’. Auch auf der Rückseite stand etwas geschrieben. ‚Morgen 19:00, P-L-T, komm in den Sportteil’.

In der aufkeimenden Panik fiel mir das Denken schwer und den kryptischen Hinweis begriff ich erst nach einigen Minuten. Ausgerechnet im Publicity, wollte sich der anonyme Schreiber mit mir treffen. Wenigstens war es ‚Der Sportteil’ am Samstag. Voll genug, damit es niemand riskieren konnte, mich über den Haufen zu schießen. Außerdem hatte ich eine böse Vorahnung, um wen es sich hier handeln konnte, denn dass er mich Tin nannte, sprach Bände.

Ausgerechnet jetzt, wo es bei Wobrecht so gut lief. Zum Glück hatte sich Mats von mir zurückgezogen, so wurde er zumindest nicht in die Sache mit reingezogen.

Am nächsten Tag machte ich mich etwas früher auf den Weg. Den Firmenwagen ließ ich stehen und ich lief die zwanzig Minuten. Dort angekommen, blieb mir noch eine halbe Stunde, der Laden war bereits ziemlich voll. Lediglich einen freien Tisch fand ich noch. Bei der Bedienung bestellte ich ein Wasser und wartete.

„Hey Tin, kennst du mich noch?“ Eine dunkle Stimme hinter mir sprach mich an. Und wie ich diese Stimme noch kannte, dieses fette Schwein konnte ich nicht vergessen.

Robert Carstens, der ältere Bruder des verstorbenen Mac, setzte sich mir gegenüber an den Tisch, begleitet von zwei wirklich hässlichen Kleiderschränken. Kurz dachte ich an Flucht, doch wie durch Zufall schwang das Jackett einer der Schränke auf und ich sah den Griff einer Knarre glänzen.

„Was willst du von mir.“

„Na, ich will mir natürlich deine Dienste sichern. Ich glaube, du schuldest mir noch was.“

„Robert, ich mach das nicht mehr. Mein Leben bekomme ich langsam wieder in den Griff. Bitte lass mich in Ruhe.“

„Jetzt hör mir mal zu, du Arschloch“, flüsterte er drohend, „deinetwegen ist mein Bruder tot und du schuldest mir immer noch eine Menge Geld. Darauf kann ich nicht verzichten. Dein dämlicher Egotrip hat mich bereits zwei Jahre länger als nötig warten lassen. Dachtest du, du könntest dich im Knast vor mir verstecken?“ Mit einem fiesen Grinsen schob er nach: „Denk an die Fotos. Ich weiß, dass der kleine Mistkerl Mark abgeknallt hat. Wenn du dich weigerst, dann halte ich mich an ihn.“

„Nein, bitte nicht! Lass Jakob da raus. Er hat genug durchgemacht.“

Robert schien das für einen Witz zu halten, denn er lachte schallend. „Tu mir den Gefallen und hör auf zu denken. Das liegt dir nicht. Das letzte Mal hast du dein Spatzenhirn an deinen Schwanz abgegeben, du siehst ja was daraus geworden ist. Tin, es ist ganz einfach, du arbeitest für mich, oder das nächste Bild zeigt deinen Jakob mit einem Einschussloch im Schädel. Seinen Freund leg ich dann als kleinen Bonus noch dazu. Wäre dir das lieber? Dann sag ja und ich lass dich gehen, Fall erledigt.“

Ich kämpfte mit den Tränen. „Nein, das kannst du nicht. BITTE!“

„Du weißt, dass ich es kann. Ach, da hab ich doch glatt was vergessen.“ Robert legte ein weiteres Foto auf den Tisch. Es zeigte Mats. „Dein kleiner Freund hier arbeitet im Moment für mich. Deine Absage wird auch ihm nicht gerade zuträglich sein.“

„Du willst ihn auch töten?“ Der Schreck ging mir immer tiefer in die Knochen.

„Aber nein, wo denkst du hin. Aber er vertickt gerade Koks für mich und bessert seine Kasse ein wenig auf. Zugegeben, es sind Fake-Käufer. Bisher hat er nur mit meinen Leuten zu tun, den Spaß gönne ich mir einfach. Aber, oh mein Gott, stell dir mal vor, der gerät an einen verdeckten Ermittler. Im Knast freuen sich bestimmt ein paar Jungs über den Burschen.“

Robert kannte jede einzelne meiner Schwachstellen und schlug gnadenlos auf sie ein. Aber wie konnte Mats das nur tun, hatte ich ihn nicht eindringlich gewarnt, seine Bewährung nicht zu riskieren? War er denn wirklich so dermaßen dämlich? Ich kapitulierte. Lieber riskierte ich selber ein paar weitere Jahre, als dass die Jungs dran glauben mussten. Robert hatte meinen Willen gebrochen.

„Was soll ich tun?“

„Ah, jetzt kommen wir ins Geschäft. Die Details bekommst du noch früh genug. Ich hab mir ein paar hübsche Einbruchsziele ausgesucht. Meine Jungs sind da sicher qualifizierter, aber dich zu benutzen ist irgendwie witziger.“

Ich nickte. „Natürlich. Aber was passiert, wenn ich geschnappt werde? Lässt du sie alle in Ruhe?“

„Es wäre schöner, du wirst nicht geschnappt, aber ich denke, da können wir uns einig werden. Außerdem, nach ein paar Jahren kommst du ja wieder raus, ich warte auf dich. Lieber sehe ich dich in einer Zelle verrotten, als dich hier einen auf braven Bürger machen zu lassen.“

Die letzten Jahre meines Lebens, die verbissene Arbeit an meiner Zukunft, zerfielen in diesem Moment zu Staub. Einmal Verbrecher, immer Verbrecher.

„Ach, Tin, tust du mir noch einen ganz winzigen Gefallen?“ Bei dem selbstgefälligen Grinsen wollte ich nur noch kotzen. „Ich hab da ein Problem mit deinem Lover. Ich mag ihn nicht. trotz meiner Nachforschungen kommt kaum was dabei rum. Es ist, als gäbe es ihn nicht. Mach einfach Schluss. Dir steht soviel Glück einfach nicht zu, klar?“

„Hatte ich sowieso vor. Ich will sein Gesicht nicht sehen müssen, wenn die Bullen mich aus seinem Haus zerren, falls ich auffliege.“ Und das würden sie. Robert glaubte gewonnen zu haben, aber das Spiel würde schnell enden. Die JVA würde mich bald wieder begrüßen dürfen.

Es folgte noch eine Karte mit der Adresse eines Hostels in der Stadt. Meine vorläufig neue Anschrift, wie ich richtig vermutete.

„Braver Junge. So, wir sind durch. Geh mir aus den Augen. Hab einen schönen Abend, Tin.“

Auf dem Weg nach draußen sah ich mich nochmals um. Keiner der Gäste schien etwas mitbekommen zu haben, während sie lautstark und Bier saufend das Spiel auf der kleinen Leinwand verfolgten.

Daheim packte ich meine Sporttasche, nahm etwas Geld mit und schrieb meinem Freund eine kurze SMS. ‚Es ist aus, Thomas.’

Ein weiteres Mal ließ ich alles Wichtige hinter mir. Die Antwort von René ließ nicht lange auf sich warten, mein Telefon klingelte beinahe sofort und ich drückte ihn weg. Mit Tränen in den Augen schaltete ich das Handy aus und machte, dass ich fort kam, bevor er hier auftauchte. Lange würde er sicher nicht mehr brauchen.

Die Tram führte mich tief in die Eingeweide der Stadt, hinein in das kochende Nachtleben und wieder aus ihm heraus, bis ich mein Ziel erreicht hatte, allein in grenzenloser Anonymität. Wer nicht gefunden werden wollte, der blieb verschwunden. Im Hostel meldete ich mich mit dem Namen an, den Robert auf der Karte notiert hatte, für eine Weile würde ich wohl Alexander Roth heißen müssen.

„Willkommen, Herr Roth. Ich habe eine Nachricht für sie.“

Ich steckte den Umschlag zu dem anderen mit den Bildern und ließ mir den Schlüssel für das Zimmer geben. Meine Unterkunft war mehr als spartanisch eingerichtet. Ein fleckiger Teppich bedeckte den Boden und nur die furchtbare ‚Ostalgie-Tapete’, in düsteren Brauntönen, war noch schrecklicher. Das Bett war lieblos aus dünnen Sperrholzplatten zusammengeschraubt und die Matratze, falls man sie so nennen durfte, bestand aus einem dünnen Streifen Schaumstoff. Nicht zu vergleichen mit dem Bett bei René.

Seufzend setzte ich mich auf den wackeligen Holzstuhl, der neben einem klebrigen Tisch stand und kramte die Nachricht wieder aus der Tasche. Der Inhalt bestätigte meine schlimmsten Befürchtungen.

Mats

„Verdammte Scheiße!“ Rasend vor Wut trat ich gegen die Tür meiner Behelfsunterkunft. Nicht nur, dass Schnauzi mir den zweiten Tag in Folge keinen Auftrag vermittelte, mein Schlüssel passte auch nicht mehr in die Tür. Das Arschloch hatte das Schloss tauschen lassen und ich war damit obdachlos, denn der Schlüssel zu meiner Wohnung war noch immer bei Tom. Doch das war im Moment nicht mal mein Hauptproblem, denn alles, was ich bei mir hatte, und das Geld aus den Deals ließ ich am Nachmittag hinter der verschlossenen Tür zurück. Die Qualle hatte mich benutzt und ausgetrickst.

Es half nichts, ich musste mein Glück bei Thomas versuchen. Die Tram schied aus, Geld für ein Ticket hatte ich nicht mehr und ausgerechnet heute schlichen zahllose Kontrolleure herum. Halb gehend und halb rennend brachte ich die Strecke hinter mich und erholte mich an der Mauer zum Grundstück von meinem Seitenstechen. Natürlich war die Wohnung dunkel. Vor lauter Frust fing ich an zu heulen, mir gingen die Optionen aus. Vielleicht Kevin? Allein der Gedanke verursachte Herzklopfen, aber noch waren wir in Gefahr. Oder hatte die Qualle nun den nächsten Schritt eingeleitet?

Ein Wagen bog viel zu schnell in die Straße ein und kam ruckartig vor mir zum Stehen. Den Fahrer, der hektisch aus dem Wagen sprang, erkannte ich sofort. René sah mich aus geröteten Augen an, hatte er auch geheult? Ich verstand immer weniger, es musste was passiert sein.

„Er ist nicht hier.“ Der Satz war eigentlich überflüssig, die dunklen Fenster sprachen für sich.

René setzte sich neben mich und holte tief Luft, bevor er mich mit brüchiger Stimme ansprach. „Weißt du, was los ist? Gestern war alles in Ordnung und er hat vor einer Stunde Schluss gemacht, ich erreiche ihn nicht mehr.“

Ich schüttelte den Kopf, denn ich konnte nur vermuten, wusste aber gar nichts. Der hübsche Kerl tat mir leid, jede Faser seines Körpers versprühte Verzweifelung. „Ich bin eben erst gekommen, wollte meinen Schlüssel holen.“ Vielleicht sollte ich ihm etwas sagen? Hier draußen war es aber zu gefährlich für uns.

„Hast du einen Schlüssel für die Wohnung? Wir müssen reden, aber nicht hier.“

„Moment.“ René stand auf und klingelte beim Vermieter. Aus dem Haus drangen laute Stimmen, offensichtlich ein Streit, aber ich konnte sie trotzdem nicht verstehen. Die Tür öffnete sich wieder. „Es war deine Aufgabe!“

„Schrei nicht so rum, Rainer. Das Meeting war wichtig, Fabian persönlich hat es einberufen. Ich konnte das doch nicht ahnen!“

„Er ist in Berlin? Dann kocht es wohl richtig.“

„Es brennt, Rainer.“ René erinnerte sich an mich und sah erschrocken zu mir rüber. „Ich regel das mit Fabian. Du musst dich nicht darum kümmern. Komm, Mats, lass uns reingehen.“

Die Szene ließ mich misstrauisch werden, etwas war hier seltsam. Aber der Aufforderung kam ich gerne nach, ich sehnte mich nach einer Sitzgelegenheit. Der Blonde holte zwei Bier aus dem Kühlschrank und folgte mir ins Wohnzimmer. „Worüber willst du reden, weißt du doch irgendwas?“

Es war zwar ein Risiko, aber es sollte nicht noch einer leiden. René war kein Teil der Verbote und ich erzählte ihm restlos alles, auch wenn ich den wirklichen Namen der Qualle nicht kannte. Erschöpft und kraftlos ließ er sich in den Sessel sinken. „Scheiße! Du kannst hier nicht bleiben. Du musst dich verstecken!“

„Und wo? Meine Wohnung kennen die Typen und Kevins auch. Ich kann nirgendwo hin!“

„Komm, ich hab ‘ne Idee.“ René sprang aus dem Sessel auf und zog mich von der Couch. Ehe ich wusste was los war, saßen wir schon in seinem Wagen und schossen los. „Gib mir bitte Kevins Adresse.“

Mit einem mulmigen Gefühl tat ich was er wollte und wir fuhren ein Stück weiter Richtung Westen, bis zu einem netten kleinen Hotel. René zerrte mich beinahe schon aus dem Auto und schickte mich vor zum Fahrstuhl, während er selbst leise mit der Rezeption diskutierte. Irgendwas stimmte mit dem Kerl doch nicht, er machte mich nervös.

„Was ziehst du hier ab?“, fragte ich deshalb, als wir auf den Fahrstuhl warteten.

„Vertrau mir bitte, ich will nur helfen. Und danke für das Gespräch vorhin, es ist dir sicher nicht leicht gefallen, aber jetzt kann alles gut werden.“

Auch wenn er sich merkwürdig verhielt, ich spürte dass er auf meiner Seite war, für den Anfang musste das genügen. Immerhin hatte ich jetzt erstmal eine Bleibe und konnte mir kaum vorstellen, dass uns bei dem Tempo jemand unauffällig hätte folgen können. René war im Zickzack-Kurs durch die Stadt gerast. Wo nahm er nur den kühlen Kopf her, immerhin war sein Freund verschwunden.

„Okay, ich vertraue dir.“

René lächelte mich an und blieb vor einer Tür stehen. „Hier, die Schlüsselkarte. Ich hole Kevin, bitte ruf ihn an! Ich muss wissen, ob er daheim ist und sag ihm, dass er bereit sein soll. Ich warte hier im Flur.“

Ich nickte und drehte mich zur Tür. Die Nummer meines Freundes kannte ich auswendig und tippte sie in den Ziffernblock ein. Das Telefon klingelte und nach einer halben Minute wollte ich schon aufgeben, bis mir unsicheres ‚Hallo?’ entgegen scholl.

„Kevin, ich bin‘s, Mats. Alles okay bei dir?“

„Matti! Ich…“

„Wir haben jetzt keine Zeit“, fiel ich meinem Freund ins Wort. „Lass uns später reden! Hör zu, es ist wichtig! Toms Freund René kommt gleich zu dir und holt dich ab. Pack was zusammen und warte. Gehe nur mit ihm und mit niemand anderem mit.“

„Wie erkenne ich ihn?“

Ich warf nochmals einen Blick auf den Wartenden. „Groß, dunkelblond. Eine Sünde auf zwei Beinen.“ René hörte meinen Beschreibungsversuch und lachte leise. „Blaue Jeans und ein weißes Shirt. Glaub mir, den kannst du nicht übersehen.“

„Alles klar. Sehe ich dich dann? Du fehlst mir!“

„Du fehlst mir auch, Kev. Wir sehen uns bald.“

Nachdem René verschwunden war, setzte ich mich aufs Bett und zappte mich nervös durch die Kanäle. Ich fühlte mich wie in einem schlechten Krimi. Eine Stunde verging im absoluten Kriechtempo, bis auf dem Flur zügige Schritte erklangen. Zeitgleich klopfte es an der Tür.

„Mats, mach auf, wir sind es!“

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Für einen Moment betrachtete ich Kevin, der unsicher neben René stand. Die Schwellung war ein wenig zurückgegangen und Kevin war fast wieder der Alte. Wortlos zog ich ihn in meine Arme und hielt ihn einfach nur fest, Tränen flossen aus unser beider Augen.

„Geht bitte ins Zimmer und verriegelt die Tür. Ich hab was zu erledigen. Es bleibt dabei, macht zur Sicherheit niemandem auf, ich kündige mich über das Telefon kurz vorher an.“ Mit diesen Worten übergab er mir noch eine Karte, auf der seine Handynummer stand.

„Danke, René, für alles bis jetzt.“ Ich legte nun auch meine Arme um ihn und atmete tief ein. Tom und er würden hoffentlich bald wieder zusammen sein.

Kaum war er gegangen, zog ich Kevin zum Bett. Eng umschlungen und schweigend sahen wir uns eine ganze Weile nur an.

„Erzählst du mir jetzt endlich was los war? Ich hatte eine beschissene Angst um dich, Matti. Die ganze Zeit…“

Meine Lippen verschlossen seinen Mund, während ich seinen Nacken streichelte. Minutenlang lagen wir nur da und tauschten zärtliche Küsse aus. “Kev, ich liebe dich. So lange schon und hab es nicht gemerkt. Erst jetzt, als ich dachte dich zu verlieren… da wurde es mir endgültig klar. Tom hatte einfach nur Recht.“

„Ich liebe dich auch, Matti. Aber du hättest mich nicht verloren, ich hätte um dich gekämpft.“

Meine Hand glitt über seine Wange und mir kamen die Tränen. „Nicht, wenn sie dich getötet hätten“, schluchzte ich und erzählte auch ihm alles. Mit jedem Wort wurde mein Freund blasser und er klammerte sich an mich. Als meine Erzählung am Parkhaus ankam, da weinte auch er. Aber seine Nähe tat mir gut und meine Augen wurden immer schwerer. Es wurde unsere erste gemeinsame Nacht seit Ewigkeiten, in der wir vollständig angezogen und uns in den Armen liegend einschliefen.

Der nächste Morgen begann mit einem knurrenden Magen und Atemschwierigkeiten. Ich fand mich unter Kevins Körper fast vollständig begraben und lächelte ein wenig. Sein einnehmendes Wesen hatte mir wirklich gefehlt und ich genoss die Wärme, die er an mich weitergab. Meine Hand kraulte fast schon automatisch durch sein Haar, während ich überlegte, wie die ganze Sache wohl weitergehen würde. Eins war klar, ich wollte mit ihm zusammenbleiben, aber wir mussten alles versuchen, um endlich aus unserer beschissenen Lage herauszukommen. Dabei dachte ich nicht nur an die Gefahr durch die Qualle, sondern auch an unser soziales Loch.

So versunken, lenkte erst ein zarter Kuss meine Aufmerksamkeit auf die glücklich strahlenden Augen, die mich mit einem liebevollen Ausdruck beobachteten. „Guten Morgen, Matti.“

„Guten Morgen, Kev. Ich mag es, wenn du mich so nennst. Es ist so lange her.“

Wieder presste er seine Lippen sanft auf meinen Mund. In den letzten Wochen, vor der Misere, waren unsere Küsse meist nur wild und voller angestauter Geilheit, doch was er jetzt mit mir tat, ließ mein Herz schneller schlagen. Diese Zärtlichkeiten zeigten mir ganz deutlich, dass es wirklich Liebe war. Unendlich langsam strich seine Zunge über meine, ohne Druck, ohne das heftige Keuchen der früheren Nächte. Seine geschlossenen Augen verstärkten den Eindruck nur noch mehr.

Mein Freund rollte von mir herunter und blieb leise schnaufend neben mir liegen. Voller Sehnsucht nach seiner Haut, schob ich meine Hand unter sein Shirt und legte sie ruhig auf die nackte Brust. Unter den Muskeln pochte das Herz spürbar schneller und er sah mich wieder an.

„Du hast dich ganz schön verändert, bist irgendwie erwachsener geworden. Und strenger.“

„Schlimm?“, fragte ich.

„Nein, vielleicht genau das was ich brauche. Hilfst du mir, was zu ändern?“

Ich lachte. „Dich mit starker Hand führen, oder wie?“

„Ja, genau das meine ich“, antwortete er ohne das kleinste Zeichen von Humor. Er schien es ernst zu meinen. „Ich mochte es immer, wenn du die Initiative an dich gerissen hast. Matti, du bist cleverer als ich, warst du schon immer, aber du hast es nie ausgenutzt, bei dir fühle ich mich gut.“

Seine Worte gingen tief. Es stimmte schon, früher machten wir oft was ich wollte. Erst mit den Jahren ließ es ein wenig nach. Als er mit den Escort-Treffen anfing, hatte ich mich zurückgezogen und er musste sich was einfallen lassen, wie wir die Abende gestalteten. Was mir jetzt erst klar wurde: Nie hatte er von sich aus versucht mit mir zu schlafen, dabei war er bei anderen Kerlen immer aktiv.

„Wenn du das ernst meinst, okay. Aber eins muss ich dazu sagen, du bist nicht dumm. In der Schule warst du früher immer besser als ich.“

„Es ist mein Ernst. Schule war was anderes, ich habe aber ein paar sehr dämliche Entscheidungen getroffen.“

Ich nahm eine seiner Brustwarzen zwischen die Finger und kniff herzhaft hinein, was ihn aufstöhnen ließ.

„Und zu stehlen, mich erpressbar zu machen und dich in Gefahr zu bringen war nicht unglaublich dämlich?“

„Doch, schon.“ Kevin lachte nun ein wenig. „Aber du hast trotzdem immer das Beste daraus gemacht und warst viel stärker als ich. Früher hast du unser Geld eingeteilt, damit wir über die Runden kamen und alles geregelt. Matti, ich an deiner Stelle wäre gesprungen. Garantiert. Aber nicht du, du hast angefangen zu kämpfen.“

Durch das Shirt küsste ich den geschundenen Nippel sanft. „Wir waren beide dumme Kinder. Haben uns maßlos überschätzt. Aber wenn du willst, dann trete ich dir künftig kräftig in den Arsch, wenn du Scheiße baust.“

Nun grinste er anzüglich. „Beim Treten bleibt es hoffentlich nicht.“

„Du bist geil“, stellte ich sachlich fest.

„Total“, nickte Kevin.

So gern ich ihm da geholfen hätte, eine nicht weniger wichtige Angelegenheit hielt mich davon ab. Es galt nun, unsere simultan knurrenden Mägen zu beruhigen. Kevin schien das nicht zu gefallen, aber ich erfüllte ihm seinen Wunsch von vorher und blickte ihn streng an. Mein Freund nickte ergeben und das Zelt in seiner kurzen Hose nahm nochmals zu. Er stand wohl wirklich drauf.

Doch die Nahrungsbeschaffung stellte sich problematisch dar, das Zimmer sollten wir besser nicht verlassen und den Zimmerservice wollte ich gleich aus zwei Gründen nicht bemühen. Zum einen war da die Angst, dass Schnauzis Leute vielleicht doch wussten wo ich war und der Zimmerkellner eine Falle sein könnte – ja, ich war mittlerweile ein wenig paranoid – und zum anderen wollte ich René nicht stärker finanziell belasten als nötig, da er schon das Zimmer bezahlen musste. Und da war sie auch schon, die Lösung; ich griff nach dem Telefon. Toms Freund meldete sich auch sofort nach dem ersten Klingeln und seine Stimme klang erschöpft.

„Gute Idee, Mats. Ich bring euch gleich was vorbei. Wirklich gut mitgedacht.“

„Danke, dann bis gleich.“

Ich kuschelte mich wieder zu Kevin ins Bett und neckte mit einem Grinsen seine Beule. Mein Freund presste sein Becken immer wieder meinen streichelnden Fingern entgegen. Doch auch bei ihm nahm das Magenknurren langsam schmerzhafte Formen an und trotz der Behandlung schrumpfte sein schöner Schwanz immer weiter.

Es dauerte keine zwanzig Minuten, als René noch mal anrief und sich ankündigte. Sofort danach klopfte es und ich ließ ihn eintreten.

Die schwere Papiertüte nahm ich ihm gleich aus der Hand und Kevin schnappte sich die drei Pappbecher mit dem Coffee-To-Go. In der Tüte fand ich ein paar Flaschen Cola, belegte Brötchen und einen trockenen Kuchen, den wir wohl später essen würden.

Am Tisch schnappten wir uns jeweils einen der vier Stühle und aßen schweigend. Dabei betrachtete ich René etwas gründlicher. Es war kein Wunder, dass Tom gleich hin und weg war, der Kerl sah wirklich verdammt gut aus und war zudem noch unglaublich hilfsbereit. Doch eins gefiel mir überhaupt nicht, der Blonde sah aus wie erschlagen. Seine Augen glänzten matt und waren gerötet, die Ringe unter den Augen deutlich dunkler. Das unrasierte Gesicht wirkte kraftlos.

„René, du siehst echt scheisse aus. Nicht geschlafen?“

Er schüttelte abwesend den Kopf. „War die Nacht unterwegs und hab mich umgesehen. Ich muss auch gleich weiter.“

„Vergiss das sofort. Du legst dich hin und wenn es nur für ein oder zwei Stunden ist.“

„Lieb gemeint, Mats, aber ich kann nicht. Ich muss wissen was mit Tom ist.“

Ich stand auf und breitete mich vor ihm aus, was angesichts meiner Statur auf ihn eigentlich eher belustigend wirken musste. „Wenn du übermüdet in irgendein Haus rast, dann hilft das Tom keinen verdammten Meter weiter.“

René blickte mich erstaunt an und lächelte plötzlich ein wenig. „Da hast du allerdings Recht.“

Kevin grinste dabei nur stumm in sich hinein, ihm gefiel auch das ganz offensichtlich. Ein wenig Sorgen machte mir das schon, nicht das er künftig immer spitz wurde, wenn ich ernsthaft mit ihm schimpfen wollen würde.

„Du hast gewonnen, ich lege mich daheim etwas hin. Okay?”

„Keine Chance, du kannst mir ja viel erzählen.“ Ich deutete auf das Hotelbett. „Hier! Und vorher lasse ich dich nicht gehen.“

Der Blonde kapitulierte und stimmte mit einem Nicken zu. Sogar sein Handy stellte er demonstrativ auf lautlos um. „Wenn ich einschlafe, dann weck mich bitte in spätestens zwei Stunden, versprochen?“

„Okay, versprochen. Das ist besser als nichts.“

René stand auf, streifte seine Sneakers ab und krabbelte auf die Matratze, während Kevin und ich nun weiter unsere Mägen füllten. Allerdings schlief unser Besucher nicht, sondern wälzte sich unruhig von einer Seite auf die andere, die Bettdecke zusammengerollt in den Armen haltend.

Mit stummen Blicken forderte ich Kev auf, mir zu folgen, denn René schien ein wenig Zuwendung zu brauchen, wenn ich seinen traurigen Gesichtsausdruck richtig deutete.

„Rück mal ein Stück“, forderte ich ihn auf. Der blonde Hüne kam meinem Wunsch nach, blickte mich aber fragend an. „Ich weiß, dass wir dir Tom nicht ersetzen können. Aber wegen allem, was du für uns tust, wollen wir uns ein wenig erkenntlich zeigen.“

Kevin lächelte mir zu und nickte, woraufhin er auch gleich hinter René auf die Matratze kletterte und ich legte mich vor ihn. Toms Freund lag nun zwischen uns, noch ein wenig verwirrt, aber deutlich entspannter als vorher. Wir kuschelten uns an ihn heran und es dauerte nicht mehr lang, bis er tatsächlich einschlief.

Thomas

Dass mir keine Pause gegönnt war, erschien mir logisch. Robert wollte, dass ich unter Zeitdruck kam. Unvorbereitet stand ich mittlerweile in dem Haus, dessen Anschrift ich in dem Umschlag gefunden hatte. Es war fast so, als wollte Macs Bruder, dass ich geschnappt werde, denn ein guter Plan war das A und O.

Der Einbruch war ein Kinderspiel, das Regenrohr und dessen Halterungen trugen mein Gewicht problemlos und brachten mich zu einem Balkon der kleinen Villa, wo mich ein ungesichertes Fenster erwartete. Es war fast schon zu einfach.

Vorsichtig sah ich mich um und schritt langsam durch die dunklen Räume. Nur eine kleine Taschenlampe beleuchtete schwach den Weg. Auch wenn das Haus leer schien, schlich ich so leise wie möglich umher. Teure Geräte interessierten mich nicht, die hätte ich auch nicht transportieren können. Robert hatte in der Nachricht durchblicken lassen, dass es hier wertvollen Schmuck und nicht gerade wenig Bargeld gab.

Nach einiger Zeit wurde ich fündig, im Arbeitszimmer des Hausherren entdeckte ich ein altes Safemodell hinter einer Tür im Aktenschrank. Mit meiner Ausrüstung, die Robert für mich hinterlegt hatte, öffnete ich die Tür ohne große Anstrengung. Der Inhalt war wirklich nicht übel, ich überflog die Geldbündel kurz und kam auf knapp 50.000 Euro, dazu zwei Etuis mit Halsketten, offenbar Gold mit reichlich Diamanten besetzt.

Schnell verstaute ich das Zeug in meiner schwarzen Tasche und zog meinen Handschuh aus. Aus der Jacke holte ich das Bild von Freddy und Jakob hervor und ließ es auf das Regal unter dem Safe fallen. Als ich die Tür schloss, hinterließen meine nackten Finger verschwitzte Abdrücke auf dem blanken Stahl. Noch einfacher konnte ich es der Polizei nicht machen.

Das Haus verließ ich wieder durch das Fenster im ersten Stock, den letzten Meter sprang ich hinunter und rollte mich auf dem Rasen ab. Ich hatte kein Herzrasen so wie früher, als mich die Angst vor dem Erwischt werden forttrieb, denn diesmal wollte ich es ja. Noch blieb die Frage, wie mich die Polizei aufspüren sollte, denn in dem Hostel war ich kaum auffindbar. Außer… Die Idee kam plötzlich. Jemand musste mich erkennen, wenn mein Fahndungsfoto rausgegeben wurde. Aber nachts um 4 Uhr war das nicht unbedingt so einfach, um die Zeit traf man meist nur Betrunkene und die würden sich kaum an mein Gesicht erinnern.

Auf der Rückseite des Hauses legte ich meine Jacke gegen eins der gesicherten Fenster und schlug mehrmals vorsichtig mit einem Stein auf das Glas unter dem Stoff, bis ein feiner Riss entstanden war. Der stumme Alarm tat nun sein Werk und ich verschwand in Richtung meiner Unterkunft. Bald heulten die Sirenen der Polizei durch die Stadt und ich schlug mich erstmal durch die Seitengassen.

Kurz vor dem Hostel traf ich auf jemanden, der eiligen Schrittes auf die Bäckerei auf der anderen Seite zulief. Wenige Schritte vor ihm wartete ich kurz ab und rempelte ihn dann an.

„Kannst du Idiot nicht aufpassen?“, brüllte ich den Bäcker an.

„Wieso ich? Du hast mich doch…“

Mit einem Ruck riss ich ihn herum und presste ihn an die Hauswand. Sekundenlang zwang ich ihn so, mich anzusehen. „Noch ein Wort und ich hau dir aufs Maul“, zischte ich und stieß ihn noch mal an.

Seine Augen verfolgten meinen Weg bis zum Hostel, bevor er sich kopfschüttelnd auf den Weg in seinen Laden machte.

Sicher, ich hatte maßlos übertrieben. Beinahe wäre es einfacher gewesen, direkt zur Polizei zu gehen, aber eben nur beinahe. Robert hätte es sofort erfahren und sich gerächt. Meine Aktion verschaffte mir und den anderen Zeit. Und wenn es nur Minuten waren, jede zusätzliche Sekunde war kostbar. Und ich konnte nur hoffen, dass die Staatsgewalt das Foto richtig deutete und sich umgehend um Jakobs Sicherheit kümmerte.

Auch für Mats hoffte ich das Beste, aber im Zweifelsfall konnte ich nicht alle retten. Der Junge war clever, ich betete, dass er für sich einen Ausweg fand.

Gut zwei Stunden lag ich auf dem unbequemen Bett und starrte an die schmutzige Decke, unfähig zu schlafen, bis es an die Tür klopfte. Betont langsam quälte ich mich von dem Schaumstofffetzen herunter und hörte erneutes Getrommel gegen das Holz.

Einer von Roberts Russen erwartete mich ungeduldig. „Na, kommt der Boss nicht selbst?“

„Du Idiot hast Alarm ausgelöst, die Bullen sind überall“, zischte dieser mich an.

„Hey, ich war ‘ne Weile nicht mehr im Geschäft, bei der Technik bin ich nicht mehr ganz informiert.“

„Hast du alles?“

Die Tasche mit der Beute schob ich mit dem Fuß zu dem Typen. „Alles was im Safe war.“

„Halte dich bereit! Heute Abend bekommst du den nächsten Auftrag.“ Mit diesen Worten verabschiedete sich mein Gast und ich blieb allein in dem Loch zurück.

Bisher war alles nach Plan verlaufen, offenbar hatte Robert keinen Verdacht geschöpft, denn sonst wäre ich, Rache hin oder her, bereits tot. Zurück im Bett fand ich dann doch meinen Schlaf, der irgendwann durch lautes Klopfen an der Tür beendet wurde.

Die Uhr zeigte bereits 12 Uhr. „Aufmachen, Polizei!“

Den Beamten ergab ich mich widerstandslos und schwieg beharrlich. Erst musste ich wissen, ob meine Hinweise restlos alle verstanden worden waren. Das Gefühl, in Handschellen abgeführt und in den Einsatzwagen verfrachtet zu werden, hatte ich nicht vermisst. Bis zum Revier brauchten wir nicht lang und schon bald saß ich alleine im Verhörraum.

„Dass wir uns noch mal wiedersehen würden, hätte ich nicht gedacht, Herr Ingenberg.“

Das Gesicht des Polizisten, der eben den Raum betreten hatte, kam mir sehr bekannt vor. Die Jahre hatten ihn nicht ganz so gut behandelt, auch wenn er noch ungefähr in meinem Alter war. Die Haare waren nun deutlich weniger  als bei unserer letzten Begegnung.

„Schön Sie wiederzusehen, van Bergen.“ Ohne Zweifel, es war der Einsatzleiter der Truppe, die damals den Keller gestürmt hatte und Jakob und mich aus der Gefangenschaft befreite. Der Mann, der mich aus dem Krankenhaus persönlich ins Gefängnis überstellte.

„Die Freude ist nicht ganz auf meiner Seite. Aber gut, reden wir Klartext: Ich weiß, was Sie getan haben. Und auch warum.“ Das Bild, welches nun auf dem Tisch lag, hatte ich in der Villa zurückgelassen. „Die beiden sind in Sicherheit. Wir haben sie in Schutzhaft genommen.“

„Danke. Aber warum hat man Sie hergeholt, ist alles doch ein wenig weit weg von Ihrem Revier?“

„Wie man es nimmt. Ich habe mich ein wenig hoch gearbeitet.“ Van Bergen grinste. „Vor Ihnen sitzt der Leiter der Abteilung SO beim BKA. Schwere und organisierte Kriminalität“, ergänzte er bei meinem fragenden Blick.

Ich nickte. Es machte natürlich einen gewissen Sinn.

„Thomas, ich bin nicht hier, um sie zu verhaften“, fuhr er in einem vertraulichen Tonfall fort. „Wir wissen, wer hinter allem steckt. Robert Carstens konnte zwar bisher nicht überführt werden, doch jetzt hat er endlich Fehler gemacht. Und davon nicht wenige.“

„Er will Rache für seinen Bruder. Mich hat er mit dem Leben von Freddy und Jakob erpresst. Und er hat einen Freund von mir in der Hand.“

Van Bergen nickte bedächtig. „Mats Ole Jorgensen und Kevin Schmidt sind ebenfalls in guten Händen.“

„Woher wissen Sie das alles?“ Mein Gegenüber war unheimlich gut informiert.

„Seit wir wissen, dass Carstens in Berlin ist, stehen Sie unter Beobachtung. Und eigentlich hätte das hier alles nicht passieren dürfen. Es gab Komplikationen.“

„Nett gesagt. Wenn Sie so gut Bescheid wussten, warum haben sie nicht vorher eingegriffen? Warum mussten erst alle in Gefahr geraten? Nicht nur Mats war in Gefahr, auch mein Freund hätte zur Zielscheibe werden können! Wo war da ihr Beobachter? Ich kann ihm nicht mehr unter die Augen treten. Mein Job, alles ist zum Teufel. Wegen ein paar ‚Komplikationen’!“ Mittlerweile war ich in Rage und brüllte van Bergen an. Dass meine Augen feucht wurden, konnte ich auch nicht verhindern. Der Gedanke an René ließ mein Herz fast zerspringen.

„Es tut mir leid, wenn etwas mehr Zeit ist, dann werde ich es Ihnen erklären. Aber jetzt bringen wir Sie erstmal in Sicherheit.“

In dem Moment klingelte das Handy des Beamten und als er aufs Display sah, verdunkelte sich sein Gesicht.

„Wo steckst du, Sev? Verschlafen? Das wird Konsequenzen haben…. Nein, du kommst keinesfalls her, wir können nicht riskieren, dass dich jemand sieht!“ Er stand auf und verließ den Raum. Offenbar gab es in seiner Truppe ein paar Probleme mehr. Geschlagene zwanzig Minuten später kehrte ein bleicher Fabian van Bergen zu mir zurück.

„Wir müssen Sie sofort wegbringen, Herr Jorgensen ist verschwunden und sein Freund bewusstlos, aber soweit unverletzt.“

„Noch mehr Komplikationen?“ Die Polizei hatte absolut nichts im Griff. Natürlich kam die Angst um Mats zurück. „Wenn Robert ihn hat, dann ist Mats tot. Der Typ ist kein Idiot, er wird sich mittlerweile was zusammengereimt haben.“

Der Beamte sagte nichts und mehr musste ich auch nicht wissen, er teilte meine Einschätzung.

„Kommen Sie, ich bringe Sie zum Streifenwagen. Der fährt sie direkt zum BKA. Wir kümmern uns um ihre Freunde.“ Er machte eine Pause. „Wenn wir Carstens finden, dann vielleicht auch ihren Freund. Noch ist nichts verloren, er braucht möglicherweise eine Geisel.“

Van Bergen konnte recht haben, aber wenn Mats noch lebte, dann wahrscheinlich in einem Zustand, der schlimmer war als der Tod. Macs Bruder war nicht weniger brutal, es lag in der Familie.

Mein Wagen stand schon bereit und ich setzte mich auf die Rückbank. Der Beifahrer ließ noch auf sich warten und van Bergen verschwand eiligen Schrittes wieder im Revier, er wollte die Fahndung schnell ausweiten und mehr Einheiten mobilisieren. Die Hoffnung für Mats war dennoch sehr gering.

Durch die Grübelei hatte ich nicht bemerkt, dass nun auch der zweite Polizist im Wagen saß und wir bereits losgefahren waren. Als ich aufblickte, sah ich in den Lauf einer Waffe.

„Eine kleine Planänderung, Tin. Robert ist ganz und gar unzufrieden mit deiner Leistung.“

Vor mir saß Johan, einer von Macs alten Freunden und der Mann fürs Grobe im Familienbetrieb. Und in seinem Metier war ‚grob’ gleichbedeutend mit Hinrichtungen. Er war der kompromissloseste Killer in Roberts Gefolge. Carstens hatte mich also zum Tode verurteilt und ich konnte nicht mal mehr Angst fühlen. Dachte ich zumindest, bis zum nächsten Satz.

„Du hast die besondere Ehre, dabei zuzusehen, wie dein kleiner Freund langsam aufgeschlitzt wird, Tin. Netter Junge, der Mats. Wollte sich erst umbringen, so richtig dramatisch. Morgens vom Parkhausdach springen. Allerdings ist er ziemlich frech, hätte ihm schon damals die Zunge herausschneiden sollen. Damit fange ich vielleicht an.“

Mein Herz setzte aus, plötzlich begriff ich, warum der Kleine sich an dem einen Morgen so seltsam verhielt, an dem Tag, an dem er verschwand. Ich würde ihn nie wieder einschließen müssen… Wie konnte ich das nur übersehen? Robert war es egal, wer für seine Rache draufgehen musste.

„Hat es dir die Sprache verschlagen? Du bist ja plötzlich so blass!“ Johan grinste mich an.

„Lasst ihn gehen, reicht es nicht, wenn ihr mich tötet? Mats hat euch nichts getan!“

„Robert sieht das anders. Du hast ihm ja die Aktion mit Jakob Raller versaut, den hätte er wirklich viel lieber töten lassen. Dein kleiner Freund ist ein unzureichender Ersatz, aber er wird seinen Zweck erfüllen. Er wird um seinen Tod betteln. Da kommst du übrigens ins Spiel.“ Das Lachen war abgrundtief böse.

„Was soll das heißen?“ Eine gewisse Vorahnung machte sich in mir breit und ich spürte, wie sich bittere Galle aus dem Magen nach oben kämpfte.

„So wenig Fantasie, findest du nicht auch, Harry?“ Der Killer sah den Polizisten an.

„Lass mich da raus, dein Boss bezahlt mich nur für die Fahrt, danach bin ich weg. Mit dem Scheiß will ich nichts zu tun haben.“

Johan lachte wieder. „Tin, kannst du es dir nicht denken? Du hast die Wahl. Sieh zu, wie er langsam stirbt oder bring es schnell zu einem Ende. Na, das ist doch ein toller Deal.“

Die Galle entlud sich im Fußraum und mein Magen krampfte.

„Dann machen wir dich kalt“, fuhr er ungerührt fort, „und verschwinden. Leider können wir nicht mehr zurück, Robert ist ein paar Schritte zu weit gegangen. So, genug geredet, wir sind gleich da.“

Es gab keine Hoffnung mehr, aber wenigstens war es bald vorbei.

Mats

Gegen Mittag schlug ich die Augen auf, der starke Druck um meinen Oberkörper wurde fast schon unangenehm. Kevin saß halb im Bett und seine blauen Augen funkelten mich belustigt an. René, der noch ruhig schlief, hielt mich viel zu fest umschlungen und atmete leise. Dass er stark war, konnte man sehen, aber diese Kraft war doch etwas unerwartet.

„Ähm… René? Aufwachen, bitte. Und loslassen.“ Die Reaktion bestand aus einem noch festeren Klammern. Beinahe hörte ich schon das Knacken meiner Rippen.

Kevin legte seine Hand auf die Schulter von Toms Freund und rüttelte leicht. Der ältere Blonde schoss regelrecht hoch und warf mich dabei fast aus dem Bett. Kurz vor der Kante endete der Beinahe-Flug. Irritiert sah er sich um und erinnerte sich wieder wo er war.

„Sorry, ich hab mich wohl erschrocken. Wie spät ist es?“

„Kein Problem, Großer. Es ist kurz nach 13 Uhr.“

Nun sprang er endgültig aus dem Bett. „Man, Jungs, ich sagte doch zwei Stunden, dann solltet ihr mich wecken! Scheiße.“

„Tut mir leid, wir sind selber eingeschlafen. Du warst vorhin so unglaublich kuschelig.“

Kurz sah er uns an, lächelte dann aber verzeihend. „Ist jetzt halt passiert. Okay Jungs, ich muss telefonieren.“

Mit den Worten zupfte er seine Klamotten zurecht und verschwand mit dem Handy vor der Zimmertür.

Kevin rückte nun selbst nah an mich ran und legte sich hin. Die streichelnden Finger auf meiner Wange brachten mich zum Schnurren. „Ihr habt sooo süß zusammen ausgesehen.“ Seine Lippen trafen mich für einen kurzen Kuss.

„Na danke, einen Kerl wie ihn überlebe ich aber sicher nicht lang, irgendwann bricht der mich versehentlich durch.“

„Gefällt er dir denn?“ Die Stimme meines Freundes enthielt einen kleinen Hauch Eifersucht.

„Ich will nur dich, Kev.“

„Das ist keine Antwort, Matti.“

Ich grinste ihn an. „Naja, er sieht schon geil aus und riecht auch ziemlich gut. Am Anfang hab ich echt ein Rohr bekommen.“ Kevin kniff die Augen zusammen. „Aber wenn das einer bearbeiten darf, dann du“, setzte ich nach.

In dem Moment flog die Zimmertür auf und René blickte etwas abgehetzt zu uns rüber. „Sorry Jungs, ich muss dringend los. Und danke, den Schlaf hab ich wirklich gebraucht.“

Einen Augenblick später waren wir wieder allein. Mein Freund kuschelte sich noch etwas dichter heran und schob seine Hand unter mein Shirt. Überall fing es an zu kribbeln und seine sanften Finger verursachten eine angenehme Gänsehaut. „Ich glaube, jetzt wird alles wieder gut, Matti. Wir schaffen das und diese Arschlöcher können uns bald gar nichts mehr.“

Ich öffnete meine Augen, die ich eben erst geschlossen hatte und sah ihn strafend an. „Entweder sagst du schöne Dinge, wenn du mich streichelst, oder du schweigst. Ich will nicht an die Qualle denken. Nicht jetzt.“

„Sorry“, nuschelte er leise und presste seinen Lippen leicht auf meinen Mund. Ich ließ mich in seinen Kuss fallen und streichelte den flauschigen Nacken. Seine blonden Haare waren mittlerweile deutlich länger als damals, bevor ich Tom traf. Es gefiel mir sehr. Langsam streifte ich ihm das Shirt über den Kopf und betrachtete seinen Oberkörper. Sexy war er immer schon, aber jetzt war er einfach nur noch schön. Es war erstaunlich, wie sehr die Liebe die Wahrnehmung veränderte. Meine Finger strichen zärtlich zwischen den Brustmuskeln über die Haut und ich wurde mit einem verliebten Blick belohnt.

Das energische Klopfen an der Zimmertür ließ mich zusammenzucken.

Auch Kevin fuhr hoch, entspannte nach einem Moment aber. „Guck mal auf den Tisch, René hat den Autoschlüssel liegenlassen. Ich mach das eben, bleib liegen Matti!“

Dankbar lächelte ich ihn an und legte mich zurück. Mein Süßer schnappte sich den Schlüssel und öffnete die Tür. Plötzlich erklang ein seltsames Geräusch, gefolgt von einem dumpfen Aufprall. Kevin lag reglos auf dem Boden. Sofort sprang ich in seine Richtung, prallte aber zurück, als mein Kopf auf zwei Beine traf. Ein schneller Schlag gegen den Kopf schickte mich in die Dunkelheit.

***

Dumpfe Stimmen drangen an mein Ohr und nur langsam klärte sich mein Blick. Um mich herum war alles verschwommen und in meinem Schädel pochte es schmerzhaft. Das Gefühl kehrte in den Körper zurück und ich spürte ein scharfes Brennen an meinen Handgelenken. Ein grobes Seil hielt meine Hände über dem Kopf und drückte sich ins Fleisch.

„Er wacht auf, Robert.“ Die Stimme des Mannes war mir unbekannt, aber nicht die des Angesprochenen.

„Ah, sehr schön. Johan hat sich auch gerade gemeldet, er hat den zweiten Gast dabei. Sag Alexej bescheid, er soll schon mal die Kanister aus dem Transporter holen, damit wir die Sauerei hier schnell beseitigen können.“ Die Qualle hieß also Robert und seine Worte bedeuteten nichts Gutes.

Mein Herz klopfte schmerzhaft vor Angst unter meiner Brust, denn ich glaubte nicht, dass er mich einfach nur töten wollte.

„Na, kleiner Mats, da hat der liebe Tin dir aber ganz schön was eingebrockt. Aber du wirst mir helfen das Stück für Stück abzuarbeiten.“ Beinahe gelangweilt legte Robert ein paar Werkzeuge bereit. Ich erkannte ein großes Jagdmesser, eine Säge und ein Skalpell. ‚Stück für Stück’… ich spürte wie meine Hose nass wurde. Blanke Panik breitete sich in mir aus und ich riss an den unnachgiebigen Seilen. Nichts rührte sich.

„Soll ich dir helfen? Die Fesseln sehen unbequem aus.“ Mit aufgerissenen Augen beobachte ich, wie die Qualle zur Säge griff.

Doch er lachte nur. „Keine Angst, noch nicht. Da hat Tommy ja nichts von.“ Grinsend zündete er sich eine Zigarette an.

Die Angst wuchs jede Sekunde mehr. Roberts irre Augen versprachen mir große Schmerzen. Und das Grinsen in seinem fetten Gesicht wurde noch breiter, als wir draußen das Knirschen von Reifen auf Schotter hörten.

Thomas

Johan stand mit gezückter Waffe neben dem Wagen und forderte mich auf auszusteigen. Der korrupte Bulle rollte sofort wieder davon. Wir befanden uns an einer abseits gelegenen Baustelle und diverse Büro- und Arbeitscontainer bestimmten das Bild. Natürlich arbeitete sonntags niemand hier und das Gelände lag verlassen.

Mit dem Lauf der Pistole zeigte Johan auf einen einsamen Container, der knapp 50 Meter vor mir stand. Mit schleppenden Schritten bewegte ich mich darauf zu, den Killer im Nacken. Ich fürchtete mich davor Mats zu treffen, ihn leiden zu sehen.

„Herzlich Willkommen in deiner letzten Ruhestätte, Tin“, wurde ich nach Durchschreiten der Tür von Robert begrüßt, der gerade eine Zigarette auf dem Boden austrat.

Dann sah ich Mats, der mit Seilen an einem Metallring festgebunden war und auf den ersten Blick noch unverletzt wirkte. Doch in seinen Tränen verhangenen Augen lag die nackte Angst. Sein Anblick erinnerte mich stark an Jakob, der Ausdruck war identisch.

„Es tut mir leid, Mats. Ich wollte das alles nicht.“ Ein dumpfer Schlag in den Rücken schleuderte mich ein Stück nach vorne.

„Robert hat mit dir gesprochen, antworte gefälligst.“

„Lass ihn gehen, es geht dir doch nur um mich! Mach mit mir, was du willst, aber lass ihn aus dem Spiel, er hatte nie was mit der Sache zu tun.“

Macs Bruder schnaubte verächtlich. „Ich hätte mich ja mit Jakob zufrieden gegeben, doch an ihn komme ich leider nicht mehr ran. Tin, ich will dein Gesicht sehen, wenn wir den Kleinen auseinandernehmen, in winzige Stücke schneiden. Du sollst ihn schreien hören. Dann weißt du, wie es ist, wenn man einen wichtigen Menschen verliert. Du hast meinen kleinen Bruder auf dem Gewissen!“

„Es war Notwehr. Und ich habe im Knast alles verloren, meine gesamte Vergangenheit und es war nicht das Schlechteste. Einen Neuanfang, mehr wollte ich nicht. Doch jetzt lass ihn nicht auch noch dafür leiden! Mats ist hier nur reingerutscht.“

„Johan, würdest du bitte?“ Der Angesprochene schob mich vorwärts zur Wand und kettete meinen linken Arm mit einer Handschelle an den Ring neben Mats. Robert nahm ein Messer vom Boden auf und wog es in der Handfläche. „Du kannst ihm hiermit“, er spielte weiter an der Klinge, „sofort das Leid ersparen. Ein Stich ins Herz, oder ein Schnitt durch die Kehle. Wie du willst.“

„Tom, bitte, lass es nicht zu!“, meldete sich erstmals mein Freund zu Wort, die Stimme war brüchig. „Ich habe Angst.“

„Es wird alles gut.“ Der Satz war lahm und absolut unglaubwürdig, Robert lachte schallend.

„Alexej, jetzt bring endlich die Kanister! Johan, ich denke wir sollten anfangen. Uns läuft die Zeit davon.“

Die Zeit zum Reden war um und hilflos beobachtete ich den Killer, wie er neben dem Kleinen in die Hocke ging und zielsicher nach dem Skalpell griff. Zeitgleich betrat ein anderer Mann den Container, jeweils einen roten Kanister in den Händen. Neben der Tür stellte er diese ab und schaute uns nun gespannt an.

„Also Mats, wir fangen mit etwas Leichtem an. Keine Angst, es tut nur weh, hinterlässt aber keine richtigen Schäden.“ Johan hielt ihm das scharfe Operationswerkzeug vor die Augen und bewegte es langsam zu seiner Wange. Ich schluckte hart und war machtlos.

Die Klinge hinterließ eine hauchzarte Spur aus Rot im Gesicht meines jungen Freundes. Mats versteifte und hielt zitternd den Atem an. Der ersten Linie folgte eine weitere, diesmal entgegengesetzt. Die oberflächlichen Schnitte bildeten ein Kreuz und Johan legte das Skalpell zur Seite, strich in perverser Zärtlichkeit über den Punkt, an dem sie sich trafen.

„Sind sie nicht wunderschön?“ Mit ruhiger Hand nahm er das nächste Werkzeug, ein langes Messer mit breiter Klinge. „Dieses Kreuz lädt dazu ein es zu durchstoßen, findest du nicht auch, Tom? Oder willst du es beenden?“

Mutlos schüttelte ich den Kopf und Johan grinste. „Na dann, Kleiner, dass wird jetzt richtig weh tun.“ Die Hand beschrieb einen ausladenden Bogen in der Luft, nur um dann in einer schnellen Bewegung vorzustoßen.

Doch irgendwas geschah, ein Lufthauch wirbelte Johans Haare auf, ich sah rötlichen Nebel. Ein ersticktes Gurgeln drang nun auch aus Roberts Kehle. Der massige Mann knickte ein und fiel zeitgleich mit dem Killer nach vorne. Der schwere Körper erwischte Mats am Arm, der mit einem Knacken nachgab, mein Freund schrie auf.

Ich riss meinen Kopf herum und blickte zur Tür. Meine Augen mussten mir einen Streich spielen! Dort stand René, die Beine zu einem festen Stand gespreizt und die Arme beide ausgestreckt. Seine Hände umklammerten eine schallgedämpfte Pistole. Ungläubig sah ich ihn an, als ich am Rande meines Blickfeldes eine Bewegung bemerkte. Alexej hatte nun seine Waffe gezogen und zielte auf meinen Blondschopf.

„René! Vorsicht!“ In dem Moment wirbelte mein Freund herum und zwei Schüsse knallten mit ohrenbetäubender Lautstärke und rissen unseren Retter von den Beinen.

„NEIN!“ Alles war aus, mein René war getroffen.

Die Waffe des Russen richtete sich nun auf uns. Doch statt eines weiteren Schusses, ertönten zwei stumpfe Plopp-Geräusche. Auch Alexej kippte rückwärts zu Boden und ich sah nur noch Renés Hand zu Boden fallen, die Waffe glitt über das Metall.

Verzweifelt rüttelte ich an der Handschelle, mein Freund lebte vielleicht noch und ich konnte nichts tun. Auch Mats reagierte nicht mehr, seine Augen waren geschlossen. Eine gnädige Bewusstlosigkeit hatte ihn vorerst erlöst.

Ohne viel Hoffnung schrie ich um Hilfe und hoffte, dass irgendjemand mich hören würde. Und dann brach draußen die Hölle los, Sirenen ertönten und die Baustelle füllte sich mit Fahrzeugen. Schwer gepanzerte Polizisten stürmten in unseren Container, gefolgt von… Fabian van Bergen.

„Kümmert euch um die beiden, die Rettungskräfte kommen jeden Moment. Und schafft ihn hier raus!“ Van Bergen deutete auf René.

Die psychische Anspannung in mir ließ nach und ich folgte Mats in die Bewusstlosigkeit.

***

Weiße Wände und massenhaft Türen umgaben mich, als meine Augen sich wieder öffneten. Lange konnte ich noch nicht im Krankenhaus sein, denn mein Bett stand noch auf dem Gang. Körperlich ging es mir gut, nicht so wie damals, als ich mehr tot als lebendig war.

Als ich mich aufsetzte, kamen sofort zwei Beamte auf mich zu.

„Was ist mit René, wie geht es Mats?“

„Herr Jorgensen ist noch in Behandlung, sein Arm wird gerichtet. Für alles andere warten sie bitte auf Herrn Direktor van Bergen.“

Warten wollte ich nicht und ich sprang auf. An der Rezeption würde man schon Bescheid wissen. Doch die Polizisten stellten sich mir in den Weg.

„Bin ich verhaftet, oder stehe unter Arrest?“

„Nein, nicht direkt.“

„Dann lassen sie mich durch.“ Ich ließ die beiden stehen und orientierte mich an den Schildern Richtung Ausgang. Nach einigen Minuten erreichte ich auch den Empfang. Wieder pochte mein Herz heftig, ich musste wissen was mit René war.

„Ich suche René Wobrecht, er ist wahrscheinlich mit mir hier hergebracht worden.“

„Tut mir leid, ich habe keinen René Wobrecht im Computer“, antwortete die Schwester.

„Haben Sie den Namen richtig geschrieben?“ Ich buchstabierte seinen Nachnamen.

Wieder schüttelte sie den Kopf. „Ich habe einen Severin Wobrecht, der heute eingeliefert wurde, keinen René.“

Severin? Den Namen hatte ich bisher noch nie gehört.

„Herr Ingenberg, alles ist in Ordnung, folgen Sie mir bitte.“ Van Bergen hatte mich eingeholt.

„Was ist hier los, warum ist René nicht hier, wer ist Severin?“

Der Beamte seufzte. „Das sollte er Ihnen besser selber erklären. Kommen Sie!“

„Er lebt? Der Russe hat auf ihn geschossen.“

„Ihm geht es gut, den Umständen entsprechend. Er ist nicht in Lebensgefahr.“

Irritiert folgte ich van Bergen. Ich hatte doch gesehen, wie mein Freund getroffen wurde. Nach fünf Minuten erreichten wir einen Durchgang, der von zwei weiteren Polizisten gesichert wurde. Mein Begleiter nickte ihnen kurz zu und wir wurden durch die Tür geschleust.

„Warten Sie bitte einen Augenblick hier! Ich bin gleich zurück.“

Van Bergen ging durch die nächste Tür und schloss sie hinter sich. Die Zeit kroch nur vor sich hin, bis endlich Bewegung in die Sache kam. Die Tür öffnete sich einen Spalt und die Stimme des Beamten drang gedämpft zu mir. „Viel Glück, Sev.“

So hatte er auf dem Revier doch den Kollegen am Telefon genannt. Und es konnte die Kurzform von Severin sein. Was wurde hier gespielt?

Ich wartete nicht auf die Aufforderung des Abteilungsleiters und schob mich in den Raum. Im Bett lag… René? Seine Augen sahen mich nervös an und ein fester Verband zog sich um seine Brust.

„Was läuft hier?“ Meine Wiedersehensfreude war gedämpft.

„Tom, ich muss dir was erklären…“

„Das sehe ich auch so. Und deine Erklärung ist besser richtig gut. Wer bist du? Wieso hast du eine Waffe?“ Er seufzte tief und verzog das Gesicht vor Schmerzen. „Bist du verletzt?“ Ein Teil meiner Sorge kehrte zurück.

„Rippenbrüche. Ohne die Schutzweste wäre ich tot, also bin ich eigentlich ganz gut davongekommen. Tom, ich werde dir jetzt alles erklären, hör mir bitte zu. Und eins vorweg: Egal, was du über mich denken wirst, das zwischen uns ist echt. Ich liebe dich. Mehr als jemals einen anderen zuvor. Glaub mir das bitte!“ Die Verzweifelung in seinem Gesicht konnte nicht gespielt sein.

„Ich versuche es…“, antwortete ich zögerlich.

„Ich heiße Severin, nicht René. Fabian van Bergen ist mein Vorgesetzter, ich arbeite auch für das BKA, bis heute zumindest als verdeckter Ermittler. Unser Treffen war kein Zufall. Ich wurde auf dich angesetzt, kurz nachdem wir Gerüchte über Robert Carstens Ankunft in Berlin gehört hatten. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er Kontakt zu dir aufnehmen würde.“

Also war er der Beobachter und ich am Ende selber die Komplikation?

„Nach unserem ersten Treffen wollte ich dir näher kommen, irgendwie hatte es gleich gefunkt. Ich dachte es wäre auch eine gute Idee, ich hätte besser auf dich aufpassen können. Aber das war ein Irrtum, ich wurde unaufmerksam. Das mit dem Job bei Karl war ein Risiko für uns alle. Ich hätte jederzeit enttarnt werden können, besonders von meiner Nichte. Aber wir mussten dich im Glauben lassen, dass alles okay war, damit wir Robert auf die Spur kommen konnten.“

„Ich war euer Lockvogel…“

„Nein! Ja… für das BKA warst du es, für mich warst du Thomas, der Mann den ich liebe. Und ich hab die Risiken falsch eingeschätzt. Hab versucht mich gegen die Gefühle zu wehren. Bis zu dem Tag, an dem Selina mit Celine zu uns kam. Meiner Schwester habe ich alles erzählt, ich konnte nicht mehr einfach nur in deiner Nähe sein. Sie hat mir Mut gemacht. Weißt du… ich hab dir von meinem Freund mit 16 erzählt, bevor meine Eltern mich abgeschoben haben. Seit damals war ich nicht mehr verliebt. Als du die SMS geschickt hast, ist meine Welt zusammengebrochen, ich dachte nicht gleich daran, was dahinter stecken konnte. Bei dir hab ich dann Mats getroffen. Er hat mir alles erzählt: Robert hat auch ihn erpresst und ich habe ihn in Sicherheit gebracht und seinen Freund dazu geholt. Aber auch hier habe ich versagt. Als du verhaftet wurdest, wollte ich zu dir, hatte aber meine Schlüssel vergessen. Mats war weg, Kevin bewusstlos. Am Revier bist du gerade weggefahren worden und ich bin euch gefolgt, damit wir beim BKA miteinander reden konnten. Aber dann seid ihr in die falsche Richtung und ich bin euch mit Abstand gefolgt und hab Fabian verständigt. Robert hat ein paar Polizisten geschmiert, so fanden sie auch Mats. Den Rest der Geschichte kennst du.“

„Was war das mit Rainer, gehört er auch zu euch?“

„Nein, wir wussten aber, dass ihr euch angefreundet hattet. Und wir haben uns auch nicht eingemischt. Die Wohnung war wirklich seine Idee. Nur seine Frau hat er mit dem Argument, dass er ein Auge auf dich haben könnte, überzeugt. Evelyn hat es ein wenig zu ernst genommen und wirklich alles beobachtet und weitergegeben. Das tut mir aufrichtig leid. Es schien, als ob sie in allem ein Verbrechen wittern wollte, selbst in Mats. Dabei sollte Rainer nur aufpassen, ob sich Robert annähert.“ Severin seufzte. „Es ging alles drunter und drüber. Rainer wurde auch unaufmerksamer, als sich die Streitereien mit seiner Frau häuften. Er hat es nicht böse gemeint.“

Fassungslos starrte ich ihn an, die Geschichte musste ich erstmal verdauen. „Ich glaub das alles nicht. Warum hat mir keiner was gesagt? Habt ihr echt geglaubt, ich hätte die ganze Sache verdorben? Mehr als ihr geht ja wohl nicht mehr! Mats und ich wären heute beinahe draufgegangen. Der Junge wird noch eine Weile darunter leiden, weil ihr – und ganz besonders du – mir nicht vertraut habt.“

„Ja, es war ein Fehler. Mats wird Hilfe bekommen und wir… können ihm vielleicht helfen, dass er sein Leben auf die Reihe bekommt.“

„Wir? Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Ren… Severin.“

Severins Augen füllten sich mit Tränen. „Es tat mir weh, wenn du mich René genannt hast, dass ich es dir nicht vorher sagen konnte. Nicht René hat dich geliebt, sondern ich. Tom… verlass mich bitte nicht.“

Minutenlang betrachtete ich ihn, sah zu, wie seine Tränen liefen, bis ich aufstand und mich neben ihn ans Bett setzte. Mein Daumen wischte das Salzwasser vorsichtig von seiner Wange.

„Du denkst also, wir könnten einfach so weitermachen, als ob nichts geschehen sei?“

„Tom, bitte, ich habe dich fast nicht belogen. Okay, ja, ich bin ein Bulle. Und ich war auch nicht bei einem Neukunden für meinen Onkel. Es war ein Meeting mit Fabian und dem Team. Der Rest entsprach der Wahrheit. Ich habe mich im Bett noch nie jemandem hingegeben, weil ich den Menschen lieben muss. Bitte verzeih mir!“

Ich nahm seine Hand und sah ihm ernst in die Augen. Eine kleine Retourkutsche musste er sich jetzt noch gefallen lassen. „Das in meiner SMS nehme ich nicht zurück. René, es ist aus mit uns.“

Er bemerkte den kleinen Spaß nicht, denn er drehte den Kopf zur Seite und fing erbärmlich an zu schluchzen. Also griff ich nach seiner Wange und zog ihn ein Stück in meine Richtung. Meine Mimik verwirrte ihn, denn sie passte nicht zu den Worten von eben.

Der ungläubige Gesichtsausdruck verwandelte sich langsam in ein strahlendes Lächeln. An der Situation hatte ich zwar noch zu knabbern, aber das Herz sprach eine deutliche Sprache.

„Na, hast du es endlich begriffen? Ich habe mich in dich und nicht in deinen Namen verliebt. Ich muss aber zugeben, dass mir Severin besser gefällt. Danke. Am Ende hast du wenigstens nicht versagt. Ohne dich würde ich nicht mehr leben.“

Ich beugte mich vor und endlich küssten wir uns.

Ein leises Klopfen unterbrach unsere Wiedervereinigung und van Bergen steckte den Kopf zur Tür herein. Dass ich Severins Hand hielt, entlockte ihm ein zufriedenes Lächeln.

„Ich störe euch nur ungern, aber ich habe hier noch ein Telefonat für Herrn Ingenberg. Jemand möchte unbedingt mit Ihnen sprechen.“

„Kann ich nicht zurückrufen?“ Viel lieber wollte ich den Mann an meiner Seite wieder küssen.

„Glauben Sie mir, Sie wollen telefonieren“, antwortete er mir geheimnisvoll.

Ich seufzte ergeben und streckte die Hand nach dem Mobilteil aus. „Hallo?“

„Hallo, Thomas.“ Die Stimme erkannte ich sofort, auch wenn sie ein wenig älter klang und eine Gänsehaut überzog meinen ganzen Körper.

„Jakob, bist du es wirklich?“

„Du erkennst mich noch? Wow.“ Ich hörte sein Lächeln. „Freddy ist auch hier. Wir wollten uns bedanken. Diesmal hast du uns wirklich gerettet.“

„Dich kann man nicht vergessen. Du musst mir nicht danken, wieder war es meine Schuld. Ich hoffe es geht euch gut?“

„Veriss das schnell, Tommy. Du hast das hier nicht verursacht. Ja, uns geht es gut, wir wurden eben aus der Schutzhaft entlassen. Die Killer wurden geschnappt, als sie in unser Haus eindringen wollten. War schon seltsam, wir sind erst gestern Morgen aus dem Urlaub gekommen und heute Nacht stand schon die Polizei vor dem Haus. War ein ziemlicher Schock.“

Erleichtert atmete ich aus. „Dann ist alles gut. Ihr seid jetzt in Sicherheit, mein Freund hat die Bande erledigt. Ständig muss mich jemand retten.“

Jakob lachte auf. „Da ist was dran. Fabian hat uns schon alles gesagt. Ich wünsch dir viel Glück mit deinem Freund… ich hoffe ihr vertragt euch noch.“

„Ja, tun wir, Severin hat mir gerade alles gebeichtet. Jacky, endlich hab ich einen von den guten Jungs und ich glaube, er bleibt bei mir.“ Severin nickte heftig.

„Herzlichen Glückwunsch. Tom, also wenn du willst, oder ihr, dann könnt ihr uns gerne besuchen kommen. Wäre schön, wenn wir uns wiedersehen könnten. Du weißt ja hoffentlich noch, wo ich wohne.“

„Ist das dein Ernst?“ Ich kämpfte mit der Sprachlosigkeit. Natürlich würde es mich freuen, jetzt, wo ich wusste, dass ich nicht mehr in mein ehemaliges Opfer verliebt war.

„Ja, Freddy hat sogar den Vorschlag gemacht. Also nur, wenn es dich nicht stört.“

„Tut es nicht, ich komme euch gerne besuchen und Severin vielleicht auch?“ Fragend sah ich meinen Freund an, der meine Hand fester drückte und zustimmend lächelte.

„Cool. Dann sag Fabian, er soll euch meine Nummer geben, wir telefonieren dann. Alles Gute, Tom, bis bald.“

„Bis bald, Jacky.“

Ich strahlte über das ganze Gesicht und gab dem Beamten sein Handy wieder. Es war wundervoll zu wissen, dass die beiden noch glücklich zusammen waren und mir verziehen hatten.

„Ich hoffe nur, dass Jakob weiß was er tut“, seufzte ich.

„Er weiß es, Schatz. Ganz sicher. Und was ist mit dir? Du hast ihn mal geliebt…“ Ein Hauch von Eifersucht schwang in seiner Stimme, den ich nur mit einem Kuss bekämpfen konnte.

„Du hast recht, ich habe ihn mal geliebt. Aber das war vor dir. Dich gebe ich nicht mehr her, jetzt, nach unserem Neuanfang. Versprochen.“

Mehr Worte waren nicht nötig. Noch an diesem Tag fassten wir einen Entschluss – ich würde sein Angebot annehmen und zu ihm ziehen. Es gab keinen Grund mehr damit zu warten.

Nach nur einer Woche erlöste ich Evelyn von meiner Anwesenheit. Für die wenigen Sachen, die in der Wohnung mir gehörten, reichten drei Kartons und der Transporter von Karl. Auch die restlichen Stühle nahm ich mit, um sie künftig, in meiner Freizeit, fertig zu machen.

Severin sah mir mit Leidensmiene untätig zu, er durfte absolut nicht mit anfassen. Das allgemeine Bewegungsverbot machte ihn wahnsinnig, er war es nicht gewohnt mal ruhig sitzen zu bleiben. Ich schloss die Türen des Fahrzeugs und gab meinem Freund einen zärtlichen Kuss, der durch ein aufdringliches Räuspern unterbrochen wurde.

„Mit dir hab ich nicht mehr gerechnet, Rainer.“ Meine Stimme blieb abweisend.

„Thomas… es tut mir leid, alles. Ich hoffe, wir können wieder Freunde werden.“

„Was sagt denn deine Frau dazu, hat sie es dir erlaubt?“ Mein ehemaliger Aufseher zuckte zusammen.

„Hat sie, ja. Sie traut sich selber nicht raus, aber sie hat begriffen, dass du ein besserer Mensch geworden ist. Sie hat sogar ein Geschenk für dich machen lassen.“

„Ich will es nicht. Danke.“

Nun mischte sich Severin ein. „Tommy, sieh es dir bitte an.“ Dem flehenden Blick hatte ich nichts entgegen zu setzen und ich nickte Rainer zu, der daraufhin zurück zur Mauer ging und etwas dahinter hervorholte. In der Tüte steckte etwas sehr Großes und Flaches, eindeutig ein Bild. Wortlos zog Rainer das Gemälde hervor und zeigte es uns.

„Wow!“ Mehr fiel mir dazu nicht ein und Sev kuschelte sich leicht von hinten an mich ran.

„Ich habe ein Bild von Onkel Karls Geburtstag an Rainer weitergegeben und ihn gebeten, ob Evelyn es für uns malen lässt.“

Das Bild zeigte uns im Garten, umgeben von einigen Gästen, ich saß auf Severins Schoß und wir lachten in die Kamera. Einer der schönsten Momente meines Lebens, durch Ölfarbe auf Leinwand gebannt. „Danke. Und auch an deine Frau. Es ist wundervoll.“ Ich umarmte den Beamten und gab ihm so mein stummes Versprechen, dass wir Freunde bleiben würden.

Die nächste Überraschung wartete dann in meinem neuen Heim, als Karl mit ernstem Gesicht auf mich zukam. Das Gespräch stand zwar noch aus, aber ich hätte es gerne noch verschoben, denn seit meinem Weggang war ich nicht mehr zur Arbeit erschienen.

„Tom, wir müssen reden. Ich habe eine schwere Entscheidung treffen müssen.“

„Hallo Karl. Es tut mir leid, wirklich. Ich weiß, dass ich Fehler gemacht habe und…“

„Jetzt sei endlich still. Ich will das alles nicht noch mal hören.“ Der Blick meines Chefs fiel dabei auf Severin. „Fakt ist, ich kann dich als Gesellen hier nicht mehr gebrauchen.“

„Verstehe.“ Immerhin hatte ich noch meinen Freund.

„Tust du? Ich denke nicht. Martin und ich haben uns unterhalten, wir denken, dass wir aus dir mehr machen könnten. Aus den Unterlagen der JVA weiß ich, dass du beinahe fünf Jahre voll hast. Wir können dich also auf die Meisterschule schicken. Das wird kein Zuckerschlecken, wir denken aber, dass du es packst.“

„Ernsthaft? Ganz wirklich ernsthaft?“ Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.

„Ganz sicher. Wir denken, dass du die Chance verdienst und außerdem erleichtert es dir die Suche nach neuer Arbeit, falls es irgendwann mal nötig wird.“

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll, das ist…“ Ich umarmte meinen Chef stürmisch.

„Freu dich nicht zu früh. Möglicherweise bekommen wir bald zwei Lehrlinge, ich möchte, dass du dich dann, mit Martin zusammen, um einen von beiden kümmerst.“

Für die Chance hätte ich mich auch um 100 Azubis gekümmert, rund um die Uhr und ich stimmte freudig ein. Meine neue Perspektive feierten Sev und ich ganz alleine im Schlafzimmer und ganz ruhig. Scheiß Rippen.

Mats – 4 Wochen später

Die späte Septembersonne schien durch das Fenster in Kevins Wohnung. Es war zwar noch warm, aber längst nicht mehr so irre heiß, wie noch vor ein paar Wochen. Der Herbst zeigte nun immer deutlicher seine ungemütlichen Zähne.

Zu meiner Linken lag Kev und betrachtete mich schon den ganzen Morgen, während ich meinen Gedanken nachhing. Heute war der Tag, an dem alles anders werden würde. Erst gestern hatte ich einen Brief vom Gericht erhalten. Die Staatsanwaltschaft verzichtete auf eine weitere Anklage, lediglich meine Bewährung wurde verlängert. Das hatte ich sicherlich dem Einsatz von Severin und seinem Chef zu verdanken. Daran waren allerdings Forderungen geknüpft, die einen weiteren Rückfall vermeiden sollten. Doch den würde es nicht mehr geben. Auch gegen Tom wurden sämtliche Anklagepunkte fallen gelassen, die sich mit seinem Einbruch befassten. Für die Taten, die wir unter der besonders schweren Nötigung begangen hatten, musste sich niemand mehr verantworten.

„Wie fühlst du dich?“, fragte mein Freund leise.

„Weiß nicht. Nervös vielleicht. Wie lange noch?“

Kevin drehte sich kurz zur Uhr um. „Wir haben noch etwas mehr als zwei Stunden.“

Nachdenklich betrachte ich die Türme aus braunen Kartons um uns herum. Mein Psychologe, den ich seit meiner Entführung besuchte, begrüßte unsere Entscheidung. Weg aus dem asozialen Sumpf der Stadt, in die unmittelbare Nähe unserer neuen Freunde zu ziehen. Genau genommen in deren Haus. Severins kleiner Palast bot genug Platz für eine ganze Familie, wir würden uns nicht auf den Füßen stehen, wenn wir unter uns sein wollten.

„Sie ist fast weg, nur noch ein blasser weißer Strich.“ Kevin strich mit seiner Hand über die Wange, die noch von zwei feinen Narben verunziert wurde. „Ich bin echt total stolz auf dich, Matti. Wir schaffen das zusammen und das wird nie wieder passieren, die Schweine sind tot.“

Ich drehte meinen Kopf und sah ihm in die Augen. „Sag das meinen Träumen, ich weiß das, aber da oben ist die Nachricht noch nicht ganz angekommen. Vielleicht hilft es, wenn das da“, ich deutete auf den Gipsarm, „nächste Woche verschwindet.“

„Ganz sicher – es ist eine Erinnerung weniger. Und sieh doch das Positive, du machst Fortschritte, deine kleinen Unfälle lassen nach.“

Mein Gesicht glühte vor Scham, als mein Freund diese Peinlichkeit ansprach. Mehr als einmal hatte ich nachts das Bett geflutet, darüber hatte ich noch wenig Kontrolle.

„Hey, Süßer, es muss dir nicht peinlich sein, bei mir wäre das auch nicht anders. Bettwäsche kann man waschen.“ Er dachte einen Moment nach. „Soll ich dich ein wenig ablenken?“

Dieses hintergründige Grinsen ließ mein Herz pochen und verdrängte tatsächlich die düsteren Gedanken. Ohne auf meine Antwort zu warten, legten sich seine Lippen auf meinen Mund. Ich liebte seine Küsse, die, nachdem wir nun endlich unsere Gefühle füreinander kannten, noch zärtlicher und anregender waren als jemals zuvor. Die Wärme seines nackten Körpers an meiner Haut zog mich tief in seinen Bann. Seine gefühlvollen Finger kraulten meine Brust und ich streichelte mit dem linken Arm, auf dem er seinen Kopf in Schulternähe gebettet hatte, seinen Rücken. Ein wenig ärgerte ich mich über die stark eingeschränkte Bewegungsfähigkeit meiner rechten Seite.

Kevin bemerkte das sofort und seine Hand glitt an meine Wange. „Ist in Ordnung, lass dich einfach verwöhnen. Ich liebe dich, Matti.“ Es war schön, dass sein Gespür für meine Gedanken wieder zurück war.

Die Zeit für eine Antwort ließ er mir, bevor mir sein Kuss wieder die Sprache raubte. Langsam streichelte sich seine Hand tiefer und ich spürte bald, wie mein weiches Fleisch unter seinen geschickten Fingern an Härte gewann. Das zaghafte Kraulen meiner Hoden weckte die Lust in mir immer mehr. Er wusste einfach, wie er mich alles Schlechte vergessen lassen konnte.

„Entschuldige mich kurz, ich muss dem Kleinen mal ‚Hallo’ sagen, er kommt in letzter Zeit so selten zu Besuch“, grinste mein Freund, bevor er tatsächlich auf Tauchstation ging. Sein „Hallo kleiner Matti, ich hab dich vermisst“, brachte mich zum Lachen, bis meine Lungen schmerzten. Kevin zwinkerte mir fröhlich zu, bevor er seine warmen Lippen spitzte und einen gefühlvollen Kuss auf meiner feuchter werdenden Eichel platzierte.

„Kev? Ich möchte mit dir schlafen“, stöhnte ich unter seinem nun kräftigen Saugen. Er hatte recht, es kam viel zu selten vor. In den letzten vier Wochen hatten wir uns meistens nur geküsst und gestreichelt und ich hatte ihn mit der Hand befriedigt.

„Wirklich?“ Mit einem Schmatzen entließ er meinen Schwanz aus seinem Mund.

„Ganz wirklich. Ich bin so scharf auf dich, dass glaubst du nicht.“

Kevin lächelte so, als ob ich ihm gerade das schönste Kompliment der Welt gemacht hätte.

„Endlich“, grinste er. „Ich hatte schon Angst, wieder Jungfrau werden zu müssen, weil alles zuwächst.“

Und wieder musste ich lachen. „Du bist ein Spinner.“

„Stimmt doch gar nicht“, schmollte er. „Ich weiß auch nicht, warum ich nur bei dir so wild darauf bin. Bei uns hat es schon immer super gepasst. Wir waren echt bescheuert, dass wir nix gemerkt haben.“

Da musste ich ihm widersprechen. „Nicht wir, Kev. Ich war bescheuert, du hast alles richtig gemacht. Naja, bis auf die Sache mit den Freiern“, stichelte ich noch nach. Meine Zickigkeit konnte auch nicht ermutigend gewirkt haben.

Aber alles im Leben hatte seinen Sinn und Tom konnte mir, in der kurzen Zeit, viel beibringen. Vielleicht funktionierte das mit Kevin und mir auch nur deswegen, wir konnten uns ausprobieren, mit anderen, und wussten nun, was wir aneinander hatten. Das konnte uns jetzt keiner mehr nehmen.

„Nicht weinen, Matti. Ich lass dich niemals wieder im Stich.“ Sein Gesicht schwebte plötzlich über mir und er küsste mir eine einsame Träne von der Schläfe.

„Keine Angst, es war eine Glücksträne“, lächelte ich ihn an.

Kevin nahm mein Gesicht in beide Hände und küsste mich. Langsam drang seine Zunge tiefer vor und unsere Geschmacksmuskeln streichelten sich gegenseitig. Die Zeit zum Reden war erstmal vorbei und wir ließen unserer Lust freien Lauf. Mein Freund rieb sein Becken immer fordernder an meinem Schritt, während ich von seiner schützenden Wärme tief in die Matratze gepresst wurde.

„Scheiße“, stöhnte er gierig. „Ich muss mal schnell aufstehen, ich hab nicht mehr damit gerechnet.“

Unter meinem fragenden Blick verließ er das Bett und wühlte in ein paar Kartons, bis er mir triumphierend die Hand entgegenstreckte. Eine kleine blaue Flasche blitzte zwischen den Fingern hervor. „Jetzt geht’s los.“

Übermütig sprang er aufs Bett und seine harte Latte wippte heftig auf und ab. Mit vor Aufregung zitternden Fingern quetschte er einen dicken Geltropfen in die Hand und massierte diesen auf meinen Schwanz. Den Rest verteilte er zwischen seinen knackigen Backen. Breitbeinig kniete er sich über meinen Unterleib und beugte sich vor. Unter Küssen dirigierte er meinen Stab an seine Pforte und dann trieb er mich auf einen Schlag in sich hinein. Wir beide stöhnten laut auf. Ja, auch ich hatte es vermisst und wusste plötzlich nicht mehr, wie ich darauf so lange verzichten konnte.

Kevin bäumte sich auf und warf sich dabei weit zurück. Im Wechsel glitt sein Becken auf und ab, senkte sich tief auf mich und er schob es vor und zurück. Sein Stöhnen war triebhaft und laut. Mein Schwanz wusste nicht mehr, wie ihm geschah, die Gefühle waren überwältigend.

Mein Freund ließ sich nach vorne fallen und vergrub sein Gesicht an meinem Hals, noch immer wild herumrutschend. Unter das Keuchen mischten sich Worte, die ich erst nicht verstand. Doch die Erkenntnis trieb mich über die Klippe, in schneller Folge wiederholte er die schönsten Worte der Welt. Eine Flut von ‚ichliebedich ichliebedich ichliebedich’ drang in mein Ohr und ich kam gewaltig. Mein ganzer Körper krampfte und ich stieß einen lauten Schrei aus.

Kevin richtete sich auf und ritt weiter im ekstatischen Rhythmus, aber mit letzter Kraft bremste ich ihn. Sein verständnisloser Blick richtete sich auf mich, seine Augen fragten ‚Was?’.

„Rutsch höher, ich will dich schmecken“, keuchte ich angestrengt.

Mein Freund verstand sofort und näherte sich meinem Gesicht. Den erregenden Duft seiner Männlichkeit atmete ich tief ein und schenkte Kevin ein aufforderndes Zwinkern. Energisch langte er in meinen Nacken und hob den Kopf an. Schon drückte seine nasse Eichel an meine Lippen und ich ließ ihn ein. Den Geschmack konnte ich nur kurz intensiv genießen, denn mein Freund verlor die Kontrolle und stieß seinen Schwanz tief in meinen Rachen, so wild, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Dabei tropften wahre Ströme meines Samens aus seinem Loch und auf meine Brust, der Geruch von Sex war atemberaubend.

Es war geil, ich wollte es im Moment auch nicht mehr anders. Zu lange musste er auf so was verzichten und ich gab es ihm gerne. Mit der Hand stützte er sich an der Wand ab und rammte mir sein Fleisch immer ungezügelter in den Hals. Mit der linken Hand knetete ich seinen Po und trieb bald darauf zwei meiner Finger in die warme Höhle.

Kevin stieß ein erregtes Winseln aus. Seine Brustmuskeln zitterten und das Keuchen wurde intensiver und dann war es so weit- Ich schmeckte den Saft, der in mehreren starken Schüben in meine Kehle schoss. Salzig-süße Sahne verteilte sich auf meiner Zunge. Genüsslich saugte ich noch die letzten Reste aus dem kleinen Schlitz, bis sämtliche Kraft aus Kevin wich und er sich zitternd neben mir fallen ließ.

Er rang noch nach Luft, bis er ein leises ‚Sorry’ hervorpresste. Mein gesunder Arm zog ihn zu mir. „Psst, alles gut, es war geil.“

„Wirklich? War das nicht zu heftig?“

„Es war etwas überraschend, mehr auch nicht. Die Seite an dir kannte ich noch nicht.“ Ich streichelte durch seine schweißnassen Haare. „Vielleicht wäre es ja ganz schön, wenn du mich ab und an auch mal ordentlich durchnimmst“, grinste ich ihn an. „Ich mags ja eigentlich auch ganz gerne.“

Die angespannten Züge glätteten sich zu einem Lächeln. „Wenn, dann aber nur im Wechsel. Ich will nicht auf deinen Schwanz in mir verzichten.“

„Kriegen wir hin, Süßer, versprochen.“ Die Aussicht gefiel mir. Durch Tom wusste ich ja, wie schön es sein konnte.

„Wollen wir gleich?“

Ich warf einen Blick auf die Uhr, Zeit genug blieb noch.

„Willst du wirklich?“

„Ja, Matti. Ich tu alles was du willst. Hauptsache wir sind glücklich.“

„Hast du einen Kitschroman gefressen?“, lachte ich ihn an. Zur Strafe piekte er mir grinsend in die Seite. „Komm her, Süßer.“

Kevin rollte sich halb auf mich und ich zog seinen Kopf am Nacken tiefer zu mir. Seine Zunge glitt in mein Ohr und die Wirkung setzte gleich ein. Und trotzdem fühlte es sich anders an. Jede seiner Berührungen gab die Gefühle weiter, die er schon so lange für mich hatte, Gefühle, die er unterdrückt hatte, weil er nicht an eine Erwiderung glaubte.

Eine Weile genoss ich die Zärtlichkeiten, sein Streicheln und die Küsse. Er hatte es nicht eilig, mich zum ersten Mal zu nehmen.

„Bist du bereit, Matti?“ Kevin hatte mich vorsichtig auf die rechte Seite gedreht, ohne den kaputten Arm zu belasten. Seine Lippen ruhten an meinem Hals und der warme Atem liebkoste mich sanft, während seine Hand mit leichtem Druck auf meinem Bauch lag.

Wortlos führte ich seine Finger zu meinem harten Schaft und er massierte ihn zärtlich. Ein warmes Kribbeln breitete sich in mir aus. „Wann immer du willst, Kev.“

Mein Freund rutschte ein wenig herum und brachte sich in eine bessere Position. Schon spürte ich die pulsierende Spitze an meiner Pforte. Unendlich langsam schob er sich hinein und gab mir dabei kleine, saugende Küsse auf die Schulter. „Wow, du bist so unglaublich eng. Hammergeil!“

Ich lachte leise. „Schön, dass es dir gefällt. Fühlt sich aber auch hier echt gut an.“ Es bereitete mir nicht den leisesten Schmerz. Mir war nie aufgefallen, dass Kevin sogar noch besser gebaut war als Tom. Es machte das ausgefüllte Gefühl noch besser. „Komm schon, ich bin nicht aus Zucker.“

Das ließ sich Kevin nicht zweimal sagen und er erhöhte das Tempo seiner Vorwärtsbewegung. Er war noch nicht ganz drin, als die Spitze mein Lustzentrum berührte und mich heftig aufstöhnen ließ. Sofort zog er sich ein wenig zurück und ich keuchte erneut. Konzentriert hielt er seine Bewegungen um diesen Punkt, immer nur einen guten Zentimeter vor und zurück. Mein Körper belohnte ihn mit wilden Kontraktionen des Ringmuskels. Auf jede meiner Reaktionen ging Kevin ein, tat alles, um meine Lust zu steigern und ich löste mich auf, verschmolz mit ihm. Außer unserem Stöhnen war nichts zu hören, kein hemmungsloses Klatschen von Haut auf Haut, keine hämmernden Stöße.

Mein Freund nahm die Hand von meinem Schwanz und legte sie unter meine Wange. Ich spürte die Anspannung in seinem Körper, das stärker werdende Zittern. Noch zwei oder dreimal reizte er meine Lustdrüse und ich sah Sterne. Ein Schrei löste sich aus meiner Kehle und nun stieß Kevin tief in meinen Orgasmus hinein. Mit einem leisen Wimmern fing er an zu zucken und ich spürte seine Flut in mir.

Schweigend blieben wir in dieser Position liegen und versuchten unseren Atem unter Kontrolle zu bekommen.

„Alles okay bei dir, Matti? Hat es dir gefallen?“

Ich griff nach seiner Hand und hauchte einen Kuss auf sie. „Alles bestens. Ich glaub… das war der geilste Sex meines Lebens. Du hast geübt, stimmt’s?“ Ich kicherte leise.

Mit einem „Blödmann“ stieg er in mein Lachen ein. Meine Zuversicht, dass wir den Horror der letzten Wochen zusammen durchstehen würden, wuchs stetig. Mit Kev an meiner Seite konnte es nur noch besser werden.

Unser Zeitpolster war ziemlich zusammengeschrumpft, es reichte noch für ein schnelles Frühstück und eine Dusche, natürlich nacheinander. Kaum hatten wir die labbrigen Brötchen vom Vortag verdrückt, klingelte es auch schon an der Tür.

Tom begrüßte uns zuerst mit einer langen Umarmung für jeden von uns, bis auch Severin mit ein paar Tragegurten in der Wohnung erschien. Natürlich schloss er uns ebenso herzlich in seine Arme. Die Nacht im Hotel hatte uns einander näher gebracht und wir verziehen ihm das kleine Schauspiel gerne. Beim Schleppen würden wir allerdings weitestgehend auf ihn und mich verzichten müssen, die Rippen und mein Arm brauchten noch etwas Ruhe.

„Na ihr zwei, ist alles fertig?“ Tom goss sich noch einen Rest Kaffee ein, den er mit Severin teilte.

„Ja, alles verpackt. Der Schuttcontainer kommt morgen, dann können die alten Möbel endlich weg. Danke für die neue Einrichtung, dass können wir kaum wieder gut machen“, antwortete ich.

„Wenn ihr uns keine Schande macht und Onkel Karl zeigt, dass seine Entscheidung richtig war, dann ist das mehr als genug.“ Severin sah uns beide ernst an. Er hatte sich sehr dafür eingesetzt, dass wir nun eine Ausbildung machen konnten. Ich an Tommy’s Seite in der Werkstatt, und Kevin im Büro. Wir konnten unser Glück kaum fassen. Wenn alles gut lief, dann gab es eine reelle Chance auf eine Übernahme. Und wir wollten uns anstrengen, niemals mehr würden wir so sehr abrutschen.

Tom nickte uns aufmunternd zu und zu viert marschierten wir ins Schlafzimmer, wo unsere Habseligkeiten lagerten. Er grinste, Kevin und ich wurden rot. Wir hatten vergessen zu lüften und die blaue Flasche lag neben dem Bett. „Sieht so aus, als ob ihr euren Spaß hattet.“

Ich nickte verlegen, doch Tom nahm mich in den Arm. „Ich freu mich für euch. Schön, dass ihr es wieder genießen könnt. Besonders für dich freut es mich. Du weißt ja, egal was ist, du kannst immer zu Sev und mir kommen. Kevin natürlich auch.“

Dankbar presste ich ihm einen Kuss auf die Lippen, was Severin mit einem Räuspern quittierte. „Keine Angst, ich nehm dir deinen Freund nicht weg“, grinste ich frech zu unserem Bullen. „Wenn, dann nehmen Kevin und ich euch beide.“

„Träum weiter“, grinste nun auch der Blondschopf und entriss mir seinen Tom.

Wir beendeten die Witzeleien und nach einer Stunde hatten wir alles im Transporter verstaut. Tom und ich fuhren im LKW vor, dicht gefolgt von Kevin und Severin im Sportwagen.

Unser neues Leben hatte begonnen.


Das war es nun, das offizielle Ende der Fortsetzung. Möglicherweise wird es hier noch eine Miniserie geben, im Stile von “Ableitungen”, die das weitere Leben der vier Protagonisten beschreibt. Das hängt allerdings auch von eurem Interesse ab. Hat es euch gefallen? Teilt es mir doch mit, in einem kurzen oder auch gerne langen Kommentar.

Euer Gaius

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