Welcome Kapstadt – Teil 11

Rasch zog ich meine Hose aus und legte mich zu ihm. Wir küssten uns und streichelten gegenseitig die festen Ständer. Obwohl es kühl war in dem Zimmer froren wir nicht – dazu waren unsere Körper viel zu erhitzt.
Mein Blick fiel ans Fußende. Und da waren sie, die schönsten Füße, die ich je an einem Jungen gesehen hatte – beschienen von der Morgensonne. Der Flug fiel mir ein, seine Schuhe, die auch jetzt vor dem Bett standen.
Ich löste mich von meinem Schnucki, drehte mich und kroch über ihn, bis ich seine Füße vor meinem Gesicht hatte. Da war er wieder, der Gedanke an perverse Handlungen. Aber hatten wir nicht eh schon alle Tabus gebrochen? Ich nahm seinen linken Fuß in die Hand und begann an den hübschen Zehen zu lecken.
»Was machst du da?«
»Siehst du doch, ich werde dich langsam aufessen. Und an deinen Füßen fange ich an.«
Ich nahm die Zehen in den Mund, mit einer Hand streichelte ich seine Hoden und knetete sie durch. Es erregte mich teuflisch. Shaun hielt ganz still, packte dann aber meinen Schwanz durch meine Beine hindurch und begann zu massieren.
Es dauerte nicht lange bis die Bewegungen heftiger wurden, irgendwann hatte ich alle seine Zehen im Mund gehabt und nun wollte ich mehr.
Ich drehte mich um, nahm seine Eichel in den Mund lutschte kräftig darauf herum. Ich war richtig wild geworden, verrückt nach all dem was wir da taten.
»Dario, ich… komme..«
Ich entließ seinen Schwanz aus meinem Mund und wartete auf den Moment, wo Shaun mir alles ins Gesicht spritzte. Das meiste landete jedoch auf meiner Zunge und in meinem Hals. Ich leckte ihn noch sauber, richtete mich auf und Shaun bearbeitete mich unablässig, bis ich auch ihm meine Gabe verabreichte.
Ich sank neben ihn, schwer atmend, kraftlos, fertig – aber überglücklich. Ich wischte Shaun den Mund und das Gesicht ab.
»So ein Frühstück – wie fandest du das?« fragte ich ihn.
»Geil.«
Mehr sagte er nicht, dann warfen wir die Decke über uns und schliefen noch einmal ein.
Die Sonne war aus dem Zimmer gewandert als wir aufwachten. Es war schon zwei Uhr Nachmittags und wir bekamen richtig Hunger.
Wir gingen in die große Küche und setzten uns auf die Barhocker der Anrichte, wo das Frühstück seit dem frühen Morgen auf uns wartete.
»Was wirst du in den sechs Wochen in Deutschland machen?«
»Wahrscheinlich geht alles seinen normalen Weg. Werde weiter zur Schule gehen, mit Daggi den Hund ausführen. Vielleicht ist ja schönes Wetter und man kann schon an den Baggersee.«
Shaun aß mit großem Appetit.
»Schade, da wär ich auch mal gern mitgegangen.«
»Ach Schnucki, du hast hier doch das Meer. Ist viel schöner als so ein See. Außerdem – das Wasser ist jetzt noch sehr kalt.«
»Hm, das ist es hier immer. Nur Verrückte gehen da baden. Am meisten findest du hier Surfer.«
In etlichen Schweigeminuten stellte ich mir tatsächlich vor, was ich in der Zeit noch anstellen würde. Immerhin – ich musste mich von meiner Heimat verabschieden. Ein bisschen Wehmut traf mich dabei schon, aber es war keine Überlegung wert daran etwas zu ändern.
»Was machen wir heute noch?«
»Wir fahren runter zum Cape Agulhas. Da treffen Ozean und Atlantik zusammen.«
»Weit von hier?«
»Naja, wir können nicht die Küste entlang, es gibt da keine Straße. Wir müssen hoch Richtung Brodersdorp und dann schräg über eine Gravel Road nach Westen. Aber in einer Stunde müsste das zu schaffen sein.«
»Oh je, wieder eine Stolperstraße?« grinste ich.
Er nickte.
»Meinst du wir können noch einen Tag bleiben? Ich meine, wir brauchen ja keine zwei Tage für die Rückfahrt. Es ist so schön hier.«
»Von mir aus schon, aber was sagt deine Schwester dazu?«
»Die überrede ich schon noch, keine Bange.«
»Dann sollest du es jetzt tun, denn wenn sie nicht mitmacht müssen wir jetzt schon packen. Wir kommen dann nicht wieder hierher zurück.«
Ich seufzte.
»Gut, werd ich machen.«
Ich zückte mein Handy und rief an.
»Hallo Nadine? Alles klar bei euch?«
»Aha, mein Brüderchen. Ja, natürlich ist alles okay hier. Wo seid ihr?«
»Gleich auf dem Weg nach.. Cape Agulhas.«
»Na schön, aber ihr kommt anschließend zurück?«
Schon wie sie die Frage stellte war mir klar, dass sie nicht unbedingt damit rechnete.
»Ähm, du, es ist so schön hier. Kann ich nicht noch.. also ich meine wenn wir morgen…«
Sie schnaufte, aber das hatte ich erwartet.
»Schön. Aber Ultimo, verstanden?«
Ich küsste sie durchs Telefon.
»Danke, Schwester. Morgen, ganz bestimmt. Gruß an Wolfgang.«
»Ja, Gruß an Shaun… und.. bleibt sauber..«
»Hey, Nadine, immer doch. Ciao.«
Ich atmete aus. Noch einen ganzen Tag und eine ganze Nacht.
Ich sah Shaun in die Augen.
»Danke dass du noch einen Tag dranhängst.«
Er nahm mich in den Arm.
»Kein Problem, für dich werde ich alles tun – wenn es möglich ist.«
Wir duschten rasch, und da wir das zusammen taten ging es schnell.
*
Der Sturm und die Wolken waren abgezogen, heftig brannte die Sonne vom Himmel und ich genoss die Fahrt ausgiebig. Wieder lief dieser Radiosender und ich träumte mich regelrecht in die Landschaft – und meine Zukunft – hinein. Meine Entscheidung war richtig gewesen.
Ich lehnte mich an Shaun.
»Sag mal, wo werde ich eigentlich wohnen?«
»Kein Problem. Meine Bude in Stellenbosch ist groß genug für zwei. Außerdem kostet es nicht mehr. Am Wochenende kannst du bei uns im Weingut wohnen – oder bei deiner Schwester.«
Ich machte große Augen. »Was soll ich um Himmels Willen am Wochenende bei meiner Schwester?«
»Ja, klar, entschuldige. Jedenfalls denke ich hat Onkel Robert schon eine Bleibe für dich. Würde mich jedenfalls wundern.«
»Aber trotzdem werde ich etwas Geld brauchen zum leben.«
»Ich denke da gibt’s auch eine Möglichkeit. Aber darüber sollten wir alle zusammen, also deine Verwandten und meine, reden.«
Es gab anscheinend schon irgendein Plan in Shauns Kopf und ich zog es vor, nicht weiter zu fragen.
Auf den Feldern ringsum gab es Kraniche, Reiher, kleine bunte Vögel und Pelikane. Es würde sicher lange dauern bis ich mich an diese Anblicke gewöhnt hatte. Wenn ich das je tat.
Nach einer knappen Stunde erreichten wir Agulhas. Die Straße war wieder normal und es ist ein schönes, sauberes Städtchen.
Wir parkten an einem Leuchtturm und gingen den Weg zum Cap zu Fuß. Trotz der Sonne war es hier am Meer im Wind wieder ziemlich kühl und ich zog meine Jacke an, Shaun ebenso.
Schweigend und staunend stand ich dann zusammen mit ihm an dem Backsteinmonument. Hier an dieser Stelle treffen der Indische Ozean und der Atlantik zusammen.
»Der südlichste Punkt Afrikas« schrie Shaun gegen den Wind,» das nächste Festland ist bereits die Antarktis.«
Es war schon ein erhebendes Gefühl. Und mir wurde klar, wie weit ich wirklich von zu Hause weg war. Am anderen Ende der Welt. Ich umarmte Shaun und zog ihn an mich. Mir wurde bewusst, wie wichtig er für mich war. Der einzige Mensch, dem ich hier vertrauen konnte und musste. Niemals durfte etwas zwischen uns passieren. Ich ließ es ihn spüren, indem ich noch fester drückte und ich wusste, dass er mich verstand.
*
Wir lagen in einem Bett in unserem Schlafzimmer, ganz eng aneinandergekuschelt und zugedeckt bis über die Ohren. Es war richtig kalt geworden nachdem die Sonne untergegangen war. Das Essen in dem kleinen Restaurant war wieder lecker und wir waren dann zu müde um den Kamin noch einmal anzuzünden. Auf den hatte ich mich zwar besonders gefreut, aber auch ich war zu müde dafür. So beschlossen wir noch eine Flasche Sekt mit aufs Zimmer zu nehmen und die hatten wir dann auch noch gebechert.
Nun lagen wir da, die Hände das anderen überall streichelnd. Auf Sex hatten wir keine Lust, aber das brauchte es auch nicht. Wir hatten schon so viel von uns und es war einfach herrlich nur so nebeneinander zu liegen. Schön, eigentlich schwebte mir für diese Nacht unser Abschiedsspielchen vor, aber es war auch so völlig in Ordnung.
Ich malte mir aus, wie wir zusammen wohnen würden.
»Shaun?«
»Ja?«
»Wie ist das eigentlich mit Essen? Ich meine, im Wohnheim?«
»Unter Tage gibt’s Schulspeisung, Abends mache ich mir immer was aufs Brot. Manchmal auch ne Pizza. Aber oft kommt es vor, dass dich andere einladen, weil sie einen Riesentopf Spaghetti oder sowas gemacht haben. Dann ist Stimmung in der Burg.«
Klang gut. Und machte Neugierig.
»Und du, lädst du auch mal andere ein?«
»Muss ich ja. Aber das wird locker gehandhabt. Und anschließend gehen wir meist noch zum Italiener. Der kennt uns schon alle, ist ziemlich billig und zudem hat der immer auf. Naja, abgesehen davon, gelernt werden muss schließlich auch. Also Stimmung ist da weiß Gott nicht jeden Abend.«
»Und dein Bett.. ist groß genug für zwei?«
Er lachte.
»Klaro, das ist sogar mein eigenes. Ich sagte ja schon, dass ich ein großes Lagerfeld brauche.«
Dass da nie jemand anderes als er drin lag musste ich ja nicht nachfragen. Irgendwie war es komisch. Er hatte selbst gesagt, dass da ein paar Schnuckel auf der Uni wären. Naja, das ist wohl auf der ganzen Welt so. Aber dass er nie so einen bei sich hatte..
»Wohnen da viele auf einem Zimmer?«
»Naja, mehr wie zwei nicht. Aber die sind in der Regel alle belegt.«
»Und es gibt keine Schwierigkeiten, wenn zwei in einem Einbettzimmer liegen?«
»Nö, hab ich noch nie gehört. Das gibt’s ja auch. Und es sind meistens… Jungs.«
Mehr brauchte er nicht zu sagen. Welcher Hetero schläft schon mit einem anderen in einem Bett?
Ich zog meine Beine an.
»Mensch, ist das vielleicht saukalt hier.«
»Musst dich nicht aufregen. Der Winter hier dauert nur drei Monate, aber selbst da sind Temperaturen von über 20 Grad nicht selten. Natürlich nicht hier an der Küste, aber im Inland ist das keine Seltenheit.«
»Drei Monate. Bei uns dauert der Scheißwinter fünf oder sechs Monate, je nachdem. Er ist etwas, dem ich nie nachtrauern werde.«
Jede Minute dieses Tages zog noch einmal an mir vorüber. Alles was ich vor dem Einschlafen noch wahrnahm war Shauns aufreizender Duft. Ich würde meinen Schnucki unter Tausenden anderer nur an seinem Geruch erkennen. So wie Rehe.
Shauns leises Nachtkonzert begann und auch ich schwebte mit ihm davon.
*
An jenem Abend kamen Nadine und Wolfgang ins Weingut Rustenburg. Robert hatte sie gebeten und mir war klar, es ging ums liebe Geld.
Wir saßen alle in dem Weinkeller, Shaun hatte Rotwein eingeschenkt und nun wartete ich, was dabei herauskommen würde.
Shaun setzte sich neben mich, wir hielten unsere Hände, ich drückte fest zu. Immerhin war dieses Thema mit das Wichtigste überhaupt.
Robert räusperte sich.
»Also, ich hab mit Deutschland telefoniert. Genauer, mit deinen Eltern.«
Dabei sah er mich an, aber ich konnte seinem Blick nichts entnehmen.
»Sie haben für dich gespart, einmal auf ein Sparbuch, zum anderen für ein Auto – wenn du 18 bist.«
Ich war ziemlich gerührt, davon hatten sie nie etwas gesagt. Und nun entging ihnen die Freude, wenn sie mir… ich musste schlucken.
»Wir haben es kurz überschlagen und ich kann dir sagen, dass es hier unter normalen Umständen reicht, bis du 20 bist. Das kannst du dem Euro verdanken, der hier achtmal soviel Wert ist wie der Rand.«
Vier Jahre. Zeit, in der ich keinen Job zu machen brauchte…
»Bis dahin wird sich finden wie es weitergeht. Das Geld wird automatisch monatlich überwiesen. Und zwar auf Shauns Konto.«
Ich horchte auf.
»Du darfst hier noch kein Konto besitzen, und nachdem ihr zusammenleben wollt – ihr müsst es euch halt irgendwie einteilen. Ihr seid alt genug, wie ihr das macht ist eure Sache. Übrigens, die Überweisungen laufen auch, sollte deinen Eltern – was sich keiner wünscht – etwas passieren.«
Er hob sein Glas, wir taten es ihm nach.
»Und heute Morgen habe ich dich an der Schule angemeldet. Ich bin sozusagen dein Erziehungsberechtigter und am 1. Juni geht es los« warf Nadine dazwischen.
Sie hatten an alles gedacht. Hätte mich nicht gewundert, wenn Robert auch bei der hiesigen Bank seine Finger im Spiel gehabt hätte.
Shaun sah mich mit großen Augen an. Mir war klar dass wir jeden Cent teilen würden.
»Nachdem dies nun geregelt ist, komm mit.«
Er winkte mich mit dem Zeigefinger und ich folgte ihm, nicht ohne Shaun noch einen Blick zuzuwerfen.
Wir gingen nach oben, bis in den ersten Stock des Gebäudes. Robert lief vor mir her und ich legte mir bereit wie ich mich bei ihm bedanken könnte. Denn mir war klar was jetzt kam.
Ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, ein Bad, eine kleine Küche. Eine richtige Wohnung, nicht groß aber alles eingerichtet.
»Das ist dein Quartier« sagte er nicht ohne Stolz.
»Aber.. aber das braucht ihr doch für die Touristen..«
»Jetzt nicht mehr. Deine Miete ist allerdings ziemlich reduziert – du bist ja alleine hier.«
Ich brachte den Mund nicht zu. Ich war erleichtert, nicht umsonst hier leben zu müssen, das hätte mir Unbehagen bereitet.
Nun war ich an der Reihe. Robert stand vor mir und sah meine Freude.
»Scheint dir ja zu gefallen.«
»Onkel… ich weiß nicht was ich sagen soll. Ich hab’s zurechtlegen wollen, aber es passt nicht..«
Er kam auf mich zu, legte seinen Arm um meine Schulter.
»Wenigstens bist du ehrlich. So, nun komm, du musst gehen.«
Diese Worte hauten wie ein Faustschlag in meinem Magen. Ich hatte vergessen dass ich die letzten Minuten mit Shaun zusammen war.
Eilig stürmte ich nach unten, wo alle mit zufriedenen Gesichtern am Tisch saßen und sich angeregt unterhielten. Nur Shaun, der blickte mich traurig an.
*
Wolfgang hievte meine Reisetasche ins Auto.
Ich hielt Shaun in meinen Armen, sah ihm unablässig in die Augen. Gleich würden die Tränen fließen,
»Sechs Wochen. Das sind 42 Tage. 1008 Stunden. Wie soll ich das überleben?«
Wir drückten uns, unter den Augen der anderen.
»Wird schon. Wirst mal sehen wie schnell du wieder hier bist.«
Es war Dienstag. Ich musste am Donnerstag spät Abends fliegen. Ich ging zu Nadine hinüber.
»Du, war gestern Abend nicht – das Phantom der Oper?«
Nadine grinste mich an.
»Ja, und es war sehr schön. Wir haben nun doch Sonja mitgenommen, nachdem ihr beide verschollen wart.«
»Puh, ich hab’s echt vergessen.«
»Macht nichts. Wir holen das nach wenn du da bist.«
»Sag mal, was mache ich den ganzen Mittwoch bei euch?«
Nadine legte ein umwerfendes Lächeln auf.
»Eigentlich wollte ich heute Abend mal was besonderes für dich kochen… und morgen hättest du mal gar nichts machen brauchen. Aber genau genommen kann ich dich ja auch morgen Abend mit meinen Kochkünsten verführen..«
Wieder spürte sie, dass ich einen Aufschub wollte. Den letzten, allerletzten.
Sie sah zu Wolfgang hinüber, der gerade den Kofferraum schließen wollte. Er verharrte, ließ die Tür wieder nach oben springen und lud meine Tasche aus.
Mein Herz jubelte.
Ich sah zu Shaun hinüber, der alles beobachtet, aber nichts hören konnte.
»Hast du Lust, meine neue Wohnung einzuweihen? Heute Nacht?«
Er sah mich ungläubig an.
»Du meinst..«
»Ja meine ich. Morgen ist auch noch ein Tag, aber der Abend heute, der gehört noch einmal uns.«
*
Als mein Vater die Auffahrt vom Flughafen zur Autobahn hochfuhr, sah ich noch einmal zurück. Da stand er, der Jumbojet, der mich in sechs Wochen zurückfliegen würde – One Way Ticket.
Aber wollte ich das wirklich? Der letzte Abend mit Shaun..
Wir gingen hoch in „meine“ Wohnung. Ich lief erst Mal noch hin und her, sah mir alles genau an. Natürlich entsprach die Einrichtung nicht der eines 16-jährigen, aber ich würde sicher die eine oder andere Veränderung machen können.
Shaun stand nur im Zimmer und folgte mir mit seinen Augen.
»Und, bist du zufrieden?« fragte er schließlich.
»Klar, hier kann man leben. Ich hab das ja von Anfang an gewusst.«
»Aber irgendwas ist anders an dir, seit wir von Arniston zurück sind. Irre ich mich, oder was ist los?«
Er hatte recht. Und er besaß dieses feine Gespür, das mir schon im Flieger aufgefallen war. Gedanken lesen konnte er sicher nicht, aber er schien kleinste Gemütsschwankungen zu bemerken.
»Ja.. aber es ist nicht so wichtig.«
»Hm, das sehe ich aber anders.«
Ich sah ihn an.
»Nein, du siehst das nicht, du spürst es.«
»Mag sein. Stört dich das?«
Was sollte ich darauf antworten?
Es störte mich nicht wirklich, aber was, wenn er ständig fragen würde was los ist? Jeder Mensch ist an keinem Tag gleich. In irgendeiner Minute ist er anders. Und wenn das Shaun immer sofort spüren würde? Es war kein Vorwurf, aber ich konnte mir auf einmal nicht vorstellen dass er es hinnahm.
»Nein, es stört mich nicht.«
Ich wusste auf der Stelle, dass er mir das nicht glaubte. Meine Körperhaltung dabei, meine Stimme, an irgendetwas würde er es merken.
»Nun, dann ist ja gut. Trotzdem, sagst du mir was dich bedrückt?«
Sollte ich jetzt Nein sagen? Ich spürte wie mein Körper zu rebellieren begann. Gegen mich selbst. Noch vor wenigen Stunden, da draußen am Meer, wurde mir klar wie wichtig Shaun hier für mich war. Dass ich ihn liebte und er mich, daran gab es keine Zweifel. Aber was, wenn..?
»Shaun, es ist nur so, ich hab Angst.«
»Angst, wovor? Komm, setz dich.«
Er öffnete eine Flasche besten Rotweins, die er zum Abschied aus dem hintersten Winkel des Kellers geholt hatte.
So saßen wir da. Zum ersten Mal gegenüber und nicht nebeneinander.
Er schenkte ein und wir stießen an. Der Blick in seine Augen.. egal was passierte, ich würde sie nie mehr vergessen, in meinem ganzen Leben nicht.
»Nun?«
»Ich hab Angst, wir könnten uns einmal streiten. Nicht so, wie das oft vorkommt. Nein, dass wir eigene Wege gehen danach.«
»Du meinst, dass wir uns trennen?«
»Ja. Sieh, du bist der einzige hier in diesem Land den ich habe. Klar, da sind Nadine und Wolfgang, aber wegen denen würde ich nicht auswandern. Du bist es. Und deswegen hab ich diese Furcht im Nacken.«
Er stand auf, ging um den Tisch und setzte sich neben mich. Seine Wärme zu spüren, ihn wieder zu riechen..
»Jeder Mensch hat Angst vor Trennung« sagte er leise und fuhr mir durch die Haare, »aber damit muss man leben. Trennung von Familie, vor Freunden, vor Geliebten und Eheleuten. Und er hat Angst vor der letzten Trennung, auch wenn er es nicht merkt oder zugibt.«
»Du meinst, den Tod?«
»Ja.«
»Und du meinst, wir würden uns nie trennen?«
»Ich wüsste nicht, wieso.«
»Aber, was macht dich so sicher?«
»Nichts. Ich denk einfach nicht dran. Wir haben bestimmt eine schöne Zeit vor uns, warum sollte ich so etwas annehmen? Keiner würde heiraten, wenn er immer nur in Angst vor Trennung leben müsste. Wenn ja, dann darf er eben keine Ehe eingehen.«
Dabei zeigte er auf seinen Ring.
»Ich bin stolz, dein Freund und mit dir verlobt zu sein. Verlobt kommt von Geloben, und ich denke das ist Grund genug, nicht an etwas anderes zu denken.«
Er war stolz und das musste ich auch sein. So einen Schnuckel trifft man nicht an jeder Ecke und so einen lieben schon gar nicht. Wieder ging mir alles durch den Kopf, der Rotwein besorgte den Rest.
»Du kommst um in deinen Selbstzweifeln. Freu dich, dass du bald hier sein kannst. Bei mir.«
Er hatte recht. Trotzdem war der Abend gelaufen. Immer noch nagte diese komische Angst in mir und Shaun merkte das auch. Er ließ mich einfach in Ruhe. Und das schätzte ich so an ihm. Er ging nicht bis zur Grenze oder darüber hinaus, er wusste wann Schluss sein musste.
Er nahm meine Hand und inspizierte meinen Finger.
»Eine kleine Narbe wirst du behalten, als Erinnerung an die Schwarze Witwe.«
Ich lächelte. Ja, das würde ich.
Er nahm meinen Kopf in die Hände und küsste mich, aber irgendwie war ich nicht in Fahrt.
»Komm, gehen wir zu Bett« hauchte er.
»Schläfst du bei mir?« fragte ich hoffnungsvoll.
»Wenn du willst..«
Wenn du willst. Wollte er nicht? Warum zog er mich nicht einfach ins Bett, wie nun schon öfter zuvor? Meine Laune schlug um, gewaltig, und ich konnte nichts dagegen machen.
»Wenn du nicht willst, du brauchst es nicht. Kannst auch in deinem Bett schlafen« fauchte ich plötzlich, und ich dachte ein Dämon sprach aus mir, nicht ich selbst.
Er verließ mein Zimmer ohne ein Wort und schloss leise die Tür.
Ich stand wohl da wie ein Ölgötze, unfähig zu einer Handlung. Ich spürte nur wie meine Tränen über die Wangen auf mein Shirt tropften. Mein Kopf geriet zu einer Wäscheschleuder. Alles flog durcheinander, in sämtliche Richtungen. Ich sah kurze Bilder dieser Tage, herrliche Bilder in allen Farben, hörte Wortfetzen, schöne und wunderbare, sah Tränen von mir und Shaun, spürte Freude, Wärme, Geborgenheit und Lust. Hörte uns lachen und sah uns Arm in Arm am Strand entlanggehen. Fühlte seine Hände auf meinem Gesicht, roch seinen unwiderstehlichen Duft, der auf meinem Köper heftete und schmeckte seinen Mund.
Wie mit einem Donnerschlag kam ich zu mir. Stand da allein in dem Zimmer, das einmal meines werden sollte. Ich sank auf einen der Sessel und krallte meine Hände ins Gesicht. Die Tränen ließen nicht nach, ich begann zu verzweifeln. Was war das bloß? Nur die Angst, ihn eines Tages zu verlieren? War es die Angst, etwas ganz Neues zu beginnen? Oder die Furcht vor dem Abschied zu Hause? Alles zurücklassen zu müssen?
Ich schüttete mir Wein in das Glas, wir hatten nicht viel getrunken an diesem Abend. Mit einem Zug leerte ich es, spürte das Brennen in meinem Magen. Ich stand auf und ging zum Fenster. Obwohl es dunkel war reichte das Licht der wenigen Laternen ringsum, um die Weinreben zu erkennen. Ich konnte von hier aus die ganzen Berge sehen, wenn auch nicht im Augenblick. Es war schön hier, viel zu schön für so einen Gefühlsausbruch.
»Komm rein« rief Shaun leise, als ich an seiner Tür geklopft hatte.
Ohne zu fragen stürzte ich an sein Bett, er legte sein Buch zur Seite und nahm mich in den Arm.
Ich schluchzte mir die Seele aus dem Leib und mein Schnucki drückte mich fest an sich.
»Beruhige dich, es wird alles gut« versuchte er mich zu beschwichtigen.
Ich brachte kein Ton hervor, aber ich musste das auch nicht, Shaun verstand.
»Komm, leg dich zu mir, ich war blöd vorhin.«
»Wieso blöd«
»Weil meine Antwort eben blöd war. Vergiss es einfach« flüsterte er und küsste mich auf die Schläfe.
Ich kroch zu ihm unter die Decke und weinte mich in den Schlaf.
Wolfgang holte mich am anderen Morgen ab, Shaun und ich verabschiedeten uns ziemlich gefasst. Mir hatte die Heulerei gut getan, etwas war aus meinem Körper gewichen. Dennoch, ein Funke Zweifel blieb.
*
»Hast du gar nichts zu erzählen?« fragte mich mein Vater und lenkte den Wagen auf die Autobahn.
»Doch, jede Menge. Aber ich muss das alles erst Mal verkraften.«
»Junge, dazu hattest du 12 Stunden Zeit…«
»Die reichen nicht, Papa.«
»Ok, dann musst du zu Hause auch nicht alles noch einmal wiederholen.«
Mein Vater verstand mich.
Es regnete und meine Stimmung war nicht die, die ich mir erhofft hatte. Das Grau in Grau passte im Augenblick zu meiner Stimmung. Irgendwie kam mir die Umgebung fremd vor, obwohl ich sie gut kannte.
Mum fiel mir um den Hals.
»Hm, siehst gut aus nach den paar Tagen. Wie geht es dir?«
Ich zog die Schultern hoch. Sie dachte wohl, Shauns Abwesenheit war daran Schuld.
»Komm, die paar Tage gehen vorbei, dann hast du ihn wieder.«
Ich hatte es geahnt und war froh, dass sie es so auslegte.
Noch am selben Abend lag mir Daggi am Hals und knutschte mich ab. Sie wusste dass ich das nicht leiden konnte, aber ich ließ sie. Es würde bald vorbei sein, wahrscheinlich für immer.
Die kommenden Tage und Wochen verliefen Ereignislos. Ich ging wie immer zur Schule, musste dort allerdings detailliert alles erzählen was ich erlebt hatte. Aber ich hielt Shaun tunlichst aus meinen Beschreibungen heraus.
Wir schickten uns täglich eine Email mit allem was wir erlebten und nichts war davon zu spüren, dass Shaun seine Meinung geändert hätte. Nein, im Gegenteil, die Mails wurden jeden Tag leidenschaftlicher, von beiden Seiten aus. Er schickte mir Fotos von sich, ich von mir, von unserem Haus, meinen Eltern, Daggi, dem Hund, der Katze. Ich erlebte den Winter dort per Fotos und ich sah meine Schule auf Bildern, die Shaun gemacht hatte. Nebst einer Aufnahme der Bude, die wir uns teilen wollten.
Dann kam der Tag, an dem ich zu Rektor Lobig gerufen wurde. Es war der letzte Tag vor den Pfingstferien und mein letzter Tag an der Schule. Ich erinnerte mich an den schlimmen Traum von damals und sah meinen Finger an. Ja, der Biss war noch zu sehen.
»Hallo Dario. Nimm Platz.«
Ich setzte mich wie mir geheißen und beobachtete Herrn Lobig genau. Er sah mich tatsächlich über seine Lesebrille an und blätterte in irgendwelchen Formularen.
»Also, ein ganz schön gewagter Schritt, muss ich sagen. Aber wenn ich mir deine Noten ansehe, besonders die in Englisch, dann bin ich mir sicher dass du Glück hast in Südafrika. Ich kenne das Land, es ist phantastisch. Hätte ich in deinem Alter die Chance gehabt, dann wäre ich sicher auch auf und davon.«
Er stand auf, ich tat es ihm nach.
»Die Formalitäten sind erledigt, wir haben die Abmeldung, die Anmeldung nach Kapstadt gefaxt und das Konsulat hat bestätigt.«
Er reichte mir die Hand.
»Nun wünsche ich dir viel Glück da unten und wenn du Lust hast, melde dich doch mal bei uns, okay?«
»Tschüs und machen Sie es gut« brachte ich gerade noch hervor.
»Och, nur noch sechs Monate, vielleicht komm ich dich dann als Rentner mal besuchen..«
Er grinste und hob die Hand.
Ich ging durch das Treppenhaus meiner Schule, drehte mich oft im Kreis. Dachte über Erlebnisse nach, die sich hier zugetragen hatten. Alle Schüler, die ich gut kannte, alle Lehrer, die guten und die bösen, sausten im Geiste am mir vorbei.
Ich ging zurück in meine Klasse und setzte mich neben Fritz. Der sah nicht glücklich aus.
»Wieso gehst du da runter? Was ist da so besonderes?« flüsterte er.
»Och, weißt du, manchmal fällt die Liebe auch ans andere Ende der Welt.«
Er starrte mich an, so große Augen hatte ich bei ihm noch nie gesehen.
»Waaas?«
»Ja, wenn ich dir es sage.«
»Du.. und verliebt? Das gibt’s doch nicht.«
»Doch, genau das ist der Grund.«
Er sagte nichts mehr.
Mein Anschied nach der letzten Stunde war dann doch rührend. Auch die, mit denen ich nicht besonders viel Kontakt hatte, umarmten mich.
Ich nahm an diesem schönen Tag nicht den Bus, sondern lief die zwei Kilometer nach Hause. Alleine, ohne irgendjemanden schlenderte ich durch die Straßen. Und ich nahm von jeder Stelle, die irgendeine Bedeutung hatte für mich, Abschied. Jedes Mal den Tränen nahe.
Irgendwann kam ich zu Hause an. Zwei Tage noch, dann war alles hier vorbei. Fassen konnte ich es nicht, nur Shauns Emails waren in den letzten Tagen so feurig geworden, dass ich es glauben musste.
Ich aß an dem Abend nichts, verzog mich in mein Zimmer, das bis auf das Mobiliar ausgeräumt war. Alles was ich sonst besaß war bereits auf einem Container unterwegs ans Cap. Nur meinen Computer nahm ich nicht mit, Shaun meinte, einer würde uns reichen.
Ich setzte mich vor die Kiste, loggte mich ein und rief die Emails ab. Außer Werbung war auch Shaun wieder dabei – wie an jedem Abend.

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