You are not alone – Teil 4

Ich saß am PC und machte meine monatliche Abrechnung. Nun waren auch alle bauliche Maßnahmen im Haus und um das Haus abgeschlossen. Kirstin und Dennis waren mit Frank ins Nachbarhaus gezogen, dort hatten sie auch reichlich Platz und nach dem die Adoption mit Frank durch war, waren sie jetzt eine richtig kleine Familie.

So stand der baldigen Hochzeit auch nichts mehr im Wege. Micha und ich konnten nun mit Nico zusammen uns in der oberen Wohnung breit machen, alle Schlafräume wurden nach oben verlegt. Nicos Zimmer wurde wieder zu Michaels Arbeitszimmer und unser Schlafzimmer wurde zu meinem Büro

Das Gartenfest stand bald an, denn jetzt wo beide Häuser einen Swimmingpool gemeinsam hatten, der Garten neu angelegt worden war, hatten wir allen Grund zum Feiern.

Micha war rausgegangen, um zu schauen, was draußen für einen Krach war. Vor fünf Minuten waren mehrere Polizeiwagen mit Sirene angekommen.

Neugierig wie mein Micha eben war, stürmte er gleich hinaus auf die Straße. Ich war in der Abrechnung vertieft, als ich die Wohnungstür hörte.

„Chris, könntest du mal bitte kommen?“, hörte ich Micha rufen.

Ich atmete tief durch, weil ich eigentlich diesen Schriftkram fertig machen wollte und wandte mich vom PC ab. Als ich zum Flur hinaustrat stockte ich kurz. Dort stand Micha mit zwei kleineren Kindern und einem Polizisten, den ich irgendwo her kannte.

„Chris, wir bräuchten dringend ein Bett für die zwei Kleine hier!“, meinte er.

„Was ist passiert?“, fragte ich, doch bevor der Polizist etwas zu sagen begann, deutete Micha auf die Kinder.

„Moment!“, meinte ich und griff nach dem Telefon.

„Hallo Klara, hier ist Chris. Wir hätten da einen kleinen Notfall, besser gesagt zwei Kleine, wäre euer Gästebett frei?“

Ich wusste genau, dass ich mich auf meine Mitbewohner verlassen konnte. So überraschte es mich nicht, dass Klara gleich zusagte und sofort runterkommen würde. Ich legte wieder auf und schon hörte ich draußen im Treppenhaus eilige Schritte von oben.

Micha lächelte mich an und ging zu den Kindern auf die Knie.

„So, jetzt kommt die Klara, die hat ein wunderschönes Bett für euch“, meinte Micha.

„Aber ich will zu Marius!“, sagte der Junge, das Mädchen fing an zu weinen.

In dem Augenblick kam Klara an die Tür. Sie schaute mich verwundert an.

„Na nu, wer seid ihr beiden denn?“, fragte sie mit leiser Stimme.

Das sind Tessa und Mirco, und suchen dringend ein Bett, denn sie sind toll müde“, meinte Micha ohne Mircos Hand loszulassen, der anscheinend von den zweien der Jüngere war.

„Kommt ihr zwei, mit Michael und mir nach oben? Da steht ein großes Bett, mit ganz viele Kuscheltieren, die auf euch warten!“, fragte Klara.

Die zwei nickten und ließen sich von Micha und Klara, nach oben führen. Kaum waren sie weg, trat der Polizist auf mich zu.

„Hallo Herr Miller, ich weiß nicht ob sie mich noch kennen?“, begann er zu reden.

„Irgendwoher, kenne ich sie“, antwortete ich.

„Klar, Wachmeister Klinger, ich war bei den Ermittlungen gegen Bernds Onkel dabei, sie erinnern sich sicher, der Junge, der misshandelt wurde.“

„Ja, natürlich erinnere ich mich, Bernd gehört heute zur Familie, ist fast täglich bei uns. Und was ist nun mit diesen Kindern, ich meine, wir nehmen hier schon welche auf, die in einer schwierigen Lage sind, aber in dem Alter…“

„Wo sind meine kleinen Geschwister?“, unterbrach mich jemand.

Ein junger Mann kam herein gestürmt und schaute sich suchen um.

„Marius, es ist alles gut, beruhige dich doch erst mal!“, meinte Klinger.

Jetzt erst sah ich das große Pflaster an die Stirn des Typs zierte, an dem ein kleiner Rinnsal aus Blut herunterlief.

„Wer hat dich denn verarztet?“, war das einzigste, was ich heraus brachte.

„Bitte?“, meinte Marius und blieb wie angewurzelt stehen.

„Deine Wunde… da läuft Blut herunter, meinte ich.“

Ich ging zu ihm hin und wollte an das Pflaster langen. Marius zuckte zusammen.

„Keine Angst, ich wollte nur danach sehn.“

Mir lief es kalt den Rücken herunter, ich hatte so einen ängstlichen Blick schon lange nicht mehr gesehen. Das letzte Mal bei Bernd. Er war damals von seinem Onkel misshandelt worden.

In dem Augenblick kam Micha von Kerstin zurück.

„Die Kleinen sind versorgt, Gunther und Klara kümmern sich rührend um sie“, sagte er, bevor er Marius sah.

„Herr Miller, könnten sie sich auch bitte um Marius kümmern? Ich weiß, ein wenig viel verlangt, aber ich muss wieder nach draußen und weiß mir gerade keinen Rat“, sagte Klinger leise.

„Schon okay Herr Klinger, wir kümmern uns um Marius und ich heiße Christopher.“

Er tippte sich kurz an die Mütze, nickte Micha zu und verließ uns dann.

„Erst mal machen wir da was anderes drauf“, meinte Micha und schob Marius langsam in die Wohnung.

Ich ging ins Bad, an den Arzneischrank und holte die Pflaster.

„Du brauchst wirklich keine Angst zu haben, hier tut dir wirklich niemand etwas!“, hörte ich aus dem Wohnzimmer.

Als ich den Raum betrat, stand Marius in Abwehrhaltung da. Micha schaute mich hilflos an und ich zuckte mit den Schultern. Es klopfte an der Wohnungstür, was uns alle drei zusammen zucken ließ.

Ich ging hin und öffnete. Es war Gunther, der mir dann ins Wohnzimmer folgte.

„Die Kleinen schlafen bereits, Kirstin ist bei ihnen geblieben“, erzählte Gunther, „weiß jemand überhaupt, was passiert ist?“

Micha und ich schauten zu Marius, der sich noch keinen Zentimeter bewegt hatte.

„Mein Vater ist durchgedreht…“, sagte Marius fast unhörbar.

„Ich mach mal einen Kaffee, Gunther willst du auch einen?“, fragte Micha und machte zu Gunther ein Zeichen, dass er ihm in die Küche folgen sollte.

Zwar brauchte Gunther kurz, bis er verstand, folgte aber dann Micha dann in die Küche. Ich schaute wieder zu Marius, der immer noch ängstlich vor mir stand.

„Willst du dich nicht setzten, Marius?”, fragte ich vorsichtig.

Marius schaute zum Sofa und ging dann langsam auf es zu, um sich zusetzten. Da klingelte das Telefon. Ich ging dran, damit es nicht länger klingelte. Vor lauter Nervosität, schaute ich nicht auf das Display. So sah ich nicht, dass es Kerstin war.

„Miller!“

Kerstin meldete sich ein wenig verwundert, und erzählte mir, dass der Kleine aufgewacht war und weinte.

„Gunther, ich glaube, du solltest wieder hochgehen!“, rief ich in die Küche.

„Wieso?“, meinte er.

„Der Kleine ist aufgewacht und weint!“

Marius murmelte etwas unverständliches.

„Bitte?“, fragte ich.

„Sie soll ihm mit dem Finger über die Nase streicheln, dann schläft er ein“, sagte Marius etwas lauter, „aber vielleicht sollte ich hochgehen!“

„Nein du bleibst hier Marius, der Kleine bekommt einen Schock, wenn er dich so sieht“, sagte ich bestimmend und zeigte auf seine Stirn.

„Kerstin, streichle ihm über die Nase, dann schläft er wieder ein.“

Sie kicherte und meinte ob ich jetzt Kinderpsychologe sei.

„Nein, der ältere Bruder sitzt bei mir und hat es gesagt!“

Kirstin verabschiedete sich und ich legte wieder auf.

„Und jetzt kümmern wir uns um deine Stirn“, meinte ich und nahm mein Verbandszeug in die Hand.

Als ich mich Marius näherte, zuckte er wieder zurück.

„Ich tu dir wirklich nichts, Marius!“

Mein Mund entfleuchte ein Seufzer. Ich legte die Sachen auf den Tisch und verließ dass Wohnzimmer wieder.

„Weiß jemand, ob Bastian und Dominic schon da sind?“, fragte ich die zwei in der Küche.

„Die sind vor einer halben Stunde vom Kino zurückgekommen“, antwortete Gunther.

„Könnte jemand von euch beiden, mal einen von den Zweien holen?“

„Klar!“, sagte Gunther und war schon draußen.

Wer sind Bastian und Dominic?“, hörte ich jemand hinter mir die Frage stellen.

Es war Marius, der an der Küchentür stand. Mich zog mich zu sich und legte seinen Arm um mich.

„Dominic und Bastian sind beide von ihren Eltern misshandelt worden!“, sagte Micha.

Ich wollte schon etwas sagen, weil ich fand, Micha hatte einen zu harten Ton angeschlagen, aber Marius fragte weiter.

„Und warum sind sie dann hier?“, kam es von ihm.

„Tja, mein Schatz hier“, dabei schaute er mich kurz an, „hat den Beiden geholfen, damit sie drüber weggekommen sind.“

„Was ist das hier?“, fragte Marius.

„Ein Projekt des Jugendamtes!“, begann ich, aber Micha fiel mir wieder ins Wort.

„Hier wohnen lauter liebe Menschen, die sich gegenseitig geholfen haben.“

Verständnislos schaute ich Micha an. Was wollte er mit seiner Tour bezwecken? Ich bemerkte, dass die Augen von Marius sich mit Tränen füllten. In dem Augenblick kam Gunther zurück und hatte Bastian und Dominic im Schlepptau.

Bastian schien die Situation gleich zu erkennen.

„Hallo ich bin Bastian. Kann ich dir helfen?“, meinte er im sanften Ton.

Er blieb auf Abstand, während Gunther und Dominic sich zu uns in die Küche gesellten.

„Was… wie willst du helfen?“, fragte Marius weinerlich.

„Zuerst mal deine Stirn verarzten!“

Marius stand wahrscheinlich unter Schock und spürte nicht, dass ihm Blut über die Wange lief und auf sein Tshirt tropfte.

Marius nickte nur und Bastian sah mich fragend an.

„Verbandzeug liegt auf dem Wohnzimmertisch“, sagte ich, als ich verstand, was Bastian meinte.

„Komm, wir gehen ins Wohnzimmer, da kann ich dich besser verarzten“, sagte Bastian und machte eine einladende Handbewegung.

Bastian machte im Augenblick Zivildienst, in einem Krankenhaus und hatte sich entschlossen, Krankenpfleger zu werden. Marius bewegte sich zögerlich Richtung Wohnzimmer und ich atmete tief durch.

„Was ist eigentlich geschehen?“, fragte Dominic.

„So genau weiß ich das auch nicht“, meinte Micha, „jedenfalls handelt es sich um ein Familiendrama, hier in der Nachbarschaft.“

„Ich brauch einen Kaffee jetzt“, sagte ich und löste mich aus Michas Arm.

„Ja, eine gute Idee!“, kam es von Gunther und ging zum Schrank um Tassen heraus zuholen.

Er schaute fragend in die Runde und alle nickten. So holte er vier Tassen heraus und stellte sie auf die Theke. Micha nahm die Kanne und goss jedem ein. Dominic hatte den Zucker und die Milch geholt.

Da wir oft zusammen saßen, kannte sich auch jeder in unserer Küche aus. Micha setzte sich neben mich und ich lehnte an ihn, aber keiner Sprach ein Wort. Als ein lautes >Autsch< aus dem Wohnzimmer drang, wollte ich schon aufstehen, aber mein Micha hielt mich zurück und schüttelte den Kopf.

Jeder nippte nun an seinem Kaffee, aber weiterhin sprach keiner etwas. Bastian erschien in der Küche.

„Chris, hast du die Nummer von Doc Schneider parat?“, fragte er mich.

Ich nickte. Doc Schneider, war mittlerweile ein Freund des Hauses geworden. Seit er damals Frank nach seiner Vergewaltigung verarztet hatte, beanspruchten wir noch öfter seine Hilfe.

„So schlimm?“, fragte Micha.

„Ich weiß nicht, ob dass genäht werden muss, ich kann die Blutung nicht stoppen“, antwortete Bastian und verschwand wieder.

Ich nahm mein Telefon in die Hand und wählte die Nummer von Schneider.

***

„Ich habe es nur geklammert, aber er wird eine Narbe behalten“, meinte Doc Schneider, als er bei uns in der Küche seine Hände wusch, „am besten Christopher, du kommst in zwei, drei Tagen mit ihm bei mir vorbei.

„Okay, werde ich machen, danke.“

„Nichts zu danken, mache ich doch gerne“, meinte der Doc und lächelte.

Als er gegangen war, trat ich ans Wohnzimmer und schaute hinein. Da saß Bastian neben Marius und hatte ihn im Arm.

„Kann ich reinkommen?“, fragte ich leise.

Bastian und Marius nickten fast gleichzeitig. Langsam lief ich zum Sessel und ließ mich darauf nieder.

„Willst du uns erzählen, was passiert ist?“, fragte ich Marius.

„Was soll ich da erzählen, dass interessiert hier doch eh keinen!“, antwortete er ein wenig säuerlich, „es hat bis jetzt auch keinen gekümmert.“

Tränen liefen ihm wieder übers Gesicht. Ich griff nach hinten ins Regal und holte eine Tempobox hervor und stellte sie zu Marius auf den Tisch.

„Marius hör mal“, begann Bastian, „wir alle haben irgendwann alle etwas Schlimmes erlebt, du kannst es uns ruhig erzählen, wir hören gerne zu.“

Ich war stolz auf Bastian, was aus ihm geworden ist. Mir liefen die Bilder im Kopf ab, wie Bastian damals zu uns gekommen und nun ein fester Teil unserer Familie war. Nun saß er da, und sprach mit einer Selbstsicherheit mit dem Jungen, als wäre er schon immer so gewesen.

„Meine Mum, hatte noch mal geheiratet und am Anfang war ja auch alles toll, bis die Zwillinge auf die Welt kamen. Fast zeitgleich verlor mein Stiefvater seine Arbeit. Er begann zu trinken und wurde unausstehlich.“

„Hat er dich verprügelt?“, fragte ich vorsichtig.

„Nein, er hat nie Hand an mich gelegt“

„Und woher kommt dann deine Schramme an der Stirn?“

Marius senkte seinen Blick.

„Meine Mum hat sich mit dem Bruder meines Stiefvaters eingelassen und vorhin kam er zurück und hat die Beiden im Bett erwischt, da ist er ausgerastet, hat seinen Bruder zusammen geschlagen und ist dann auf meine Mum los.“

Er fing wieder an zu Weinen und griff nach einem Tempo.

„Deine Geschwister haben dass alles mit bekommen?“, fragte Bastian leise.

„Nicht ganz, sie spielten in ihrem Zimmer. Aber als meine Mum anfing zu schreien, sind sie ins Schlafzimmer gekommen, gerade in dem Augenblick als Walter mich gegen den Schrank geschmissen hatte.“

„Daher die Schramme!“, meinte ich.

Marius nickte.

„Die Kleinen haben dann voll angefangen zu schreien und Walter ist dann aus der Wohnung gerannt, die Nachbarn scheinen die Polizei verständigt zu haben.“

„Puh, harter Tobak, wie geht es deiner Mutter?“, fragte ich.

„Kann ich mal eure Toilette benutzen, ich müsste dringend!“, meinte Marius plötzlich.

Ich stand auf und zeigte ihm unser Bad, in das er auch gleich verschwand. Zurück im Wohnzimmer, bemerkte ich, dass Bastian in seinen Gedanken versunken war.

„Was ist, Bastian?“, fragte ich.

„Irgendetwas stimmt nicht!“, antwortete er, immer noch halb in seinen Gedanken versunken.

„Was meinst du?“

„Christopher, du hast selbst gesehen, wie Marius mehrere Male zurückgezuckt ist, als wir ihm helfen wollten. Das ist keine normale Reaktion, wenn du sie einmal von deinem Stiefvater bekommen hast.“

„Er hat ihn gegen den Schrank geknallt!“

„Ja, sicher. Aber so ängstlich, wie er schaut, dass kommt nicht davon, dass er einmal Verprügelt wurde. Da steckt viel mehr dahinter.“

„Aber er meinte doch, sein Stiefvater hätte ihn nur einmal geschlagen.“

„Entweder hat er gelogen, oder verheimlicht uns etwas.“

Ich hörte die Spülung unserer Toilette und gab Bastian das Zeichen zum Schweigen. Die Badtür ging auf und kurz darauf kam Marius zurück. Als er sich wieder neben Bastian setzten wollte, fing ein Handy an zu läuten.

Marius griff in seine Hosentasche und das vermeintliche Handy kam zum Vorschein. Er tippte kurz darauf herum, und wurde etwas blass im Gesicht. Langsam ließ er sich neben Bastian nieder.

„Schlechte Nachrichten?“, fragte Bastian.

„Nicht direkt“, kam es kurz von Marius.

„Willst du darüber reden?“

„Über was soll ich reden?“

„Über die SMS, oder deine Angst vor Schlägen?“

Entsetzt schaute Marius auf und wurde für meinen Geschmack, etwas zu fahl in seinem Gesicht. Ich wusste, dass Bastian sehr direkt sein konnte, aber ob das hier angebracht war, da war ich mir nicht so sicher.

In den Augen von Marius konnte ich die pure Angst sehen. Dann senkte er den Kopf und legte sein Handy auf den Tisch.

„Die ist von meinem Freund“, kam es leise von ihm.

Bastian schaute mich kurz an und ich zuckte fast unmerklich mit den Schultern.

„Er fragt mich, wo ich bleibe, er vermisst mich.“

„Ist doch schön, wenn man vermisst wird“, sagte Bastian.

„Ja, aber…“, Marius stockte.

„Du Marius, hier hat niemand Probleme mit dem Schwulsein, falls dir das Sorgen bereitet.“

Wieder ein direkter Angriff von Bastian, für meinen Geschmack, jetzt schon sehr heftig. Aber Marius blieb ruhig sitzen, keinerlei Reaktion kam, von ihm auf diesen Satz.

„Clemens ist sechsunddreißig…“, stammelte er.

Hoppla, der Altersunterschied war groß, für mich jedenfalls, wobei ich immer der Meinung war, wenn richtige Liebe im Spiel war, war dies unwichtig. Doch Marius war erst achtzehn, und da hatte ich eben so meine Zweifel, ob das gut für ihn war.

„Ja, und? Willst du ihm nicht zurückschreiben, damit er weiß, was passiert ist. Vielleicht möchte er herkommen“, meinte Bastian.

„Ich weiß nicht.“

Wieder schaute Bastian mir kurz in die Augen. Die Wohnungstür ging. Michael kam zurück, er war kurz weggefahren um Nico abzuholen, der bei Bernd, den Abend verbracht hatte.

„Wir sind wieder da!“, hörte ich Micha rufen.

Nico schaute kurz herein und grüßte uns, bevor er die Wendeltreppe hinauf in sein Zimmer verschwand. Micha hatte ihn wohl schon alles erzählt, denn es kam keinerlei Bemerkung von Nico, wie ich es sonst von ihm gewohnt war.

Alle Augen waren auf Marius gerichtet. Michael kam aus der Küche und setzte sich zu mir auf die Armlehne meines Sessels.

„Wie geht es nun weiter?“, fragte Michael, der den letzten Teil unserer Unterhaltung nicht mitbekommen hatte.

„Ich meinte gerade, Marius soll seinem Freund zurückschreiben, dass der weiß, was hier passiert ist, Marius hat gerade eine SMS von ihm bekommen“, meinte Bastian.

„Und wo liegt das Problem?“, kam es von Micha, der sich nun enger an mich lehnte.

„An Clemens“, meinte Marius leise.

„Clemens ist dein Freund?“

„Ja!“

„Und was ist mit Clemens?“

Marius starrte auf den Boden. Ich spürte, wie innerlich mit sich kämpfte uns etwas zu erzählen.

„Hör mal, Marius. Du musst uns nichts erzählen, wir sind schließlich Fremde für dich. Wir möchten dir nur versuchen zu helfen, soweit es uns möglich ist!“, sagte ich um Marius ein Halteseil zuzuwerfen.

„Es ist schwer!“, meinte Marius.

Wieder läutete der Türgong. Doch bevor Michael sich aufmachte, war ich schon aufgesprungen und zur Tür gelaufen. Draußen stand Ralf.

„Guten Abend, Ralf!“

„Hallo Christopher, hast du kurz Zeit für mich?“

„Im Augenblick schlecht, um was geht es denn?“

„Einmal um Doreen aus Amerika, du weißt schon unsere Austauschpraktikantin und dann noch um einen Neuzugang.“

„Hätte das eventuell Zeit bis morgen?“

„Bei Doreen schon, aber nicht bei dem Neuzugang, der stehen einige Dinge an, bevor wir ihn aufnehmen können.“

Ich überlegte kurz.

„Ich denke, du wirst schon richtig entscheiden! Ich hab hier selbst jemand sitzen, der gerade Hilfe braucht.“

„Ich bin mir eben nicht so sicher, ob dieser Kerl zu uns passt, ich möchte nur keinen Ärger provozieren, bei seiner Vorgeschichte.“

„Ralf ich versuch mein Möglichstes und komme, wenn ich hier mehr Luft habe, zu dir hinüber.“

„Okay, wenn es nicht anders geht!“

„Du hast mein vollstes Vertrauen!“, meinte ich und Ralf verabschiedete sich mit einem Lächeln.

Zurück im Wohnzimmer, sah ich Marius, wie er in Bastians Armen lag und laut weinte. Ich sah Micha fragend an.

„Sein Freund hat seinen Job als Hausmeister verloren und trinkt seither. Ein paar Mal schien er ausgerastet zu sein und hat dann Marius verprügelt.“

„Mist!“

„Ja, das kannst du laut sagen!“

Marius beruhigte sich ein wenig.

„Was soll ich denn machen, ich liebe ihn doch, sonst ist er ein Engel, seit er aber mit dem Trinken angefangen hat, ist er mir fremd geworden.“

„Schluss machen, ist, find ich keine Lösung!“, meinte Bastian.

„Stimmt, es muss Clemens geholfen werden und somit würde sich dein Problem von alleine lösen.“

„Ich traue mich ja nicht mal mehr zu ihm, das letzte Mal war einfach zu heftig!“

„Du willst die Sache beenden?“, fragte ich leise.

Marius nickte und griff nach einem weiteren Papiertaschentuch.

„Ich wollte ihm ein Email schreiben, saß zuhause am PC, als das mit meinem Stiefvater dann passierte. Ich kann einfach nicht mehr, den Clemens, den ich mal geliebt habe, gibt es nicht mehr.“

Schweigend saßen wir nun alle da, und keiner wusste so recht, was er jetzt noch sagen sollte. Ich hörte ein Scheuern an meiner Wohnungstür und stand auf um nachzusehen. Es war Joe, der Hund von Carsten.

„Nanu, was führt dich denn zu mir?“, fragte ich Joe.

Langsam trottete der Hund in meine Wohnung, zielsicher Richtung Wohnzimmer. Erstaunt schaute ich ihm nach. Vor der Tür versicherte ich mich noch mal, ob Carsten nicht irgendwo stand, aber Joe war alleine gekommen.

Zurück im Wohnzimmer, starrten mich alle an. Der weiße Schäferhund hatte es sich bei Marius bequem und seinen Kopf auf dessen Schoss gelegt.

„Joe war alleine, ich weiß nicht, wo Carsten steckt“, meinte ich und setzte mich wieder zu Micha.

Joe lag zufrieden da und ließ sich von Marius kraulen, der anscheinend für einen kurzen Augenblick, seine Traurigkeit vergessen hatte.

„Na, zu wem gehörst du denn?“, fragte Marius, Joe, der das Kraulen sichtlich genoss.

„Das ist der Hund von unserem Carsten, wohnt hier ganz oben unterm Dach“, sagte Bastian.

Wieder klingelte es und ich stand nun doch genervt auf. Diesmal war es die Haustür. Ich ging an die Sprechanlage und meldete mich.

„Miller!“

„Hier ist Wachmeister Klinger noch mal.“

Ich drückte den Öffner und ging zur Wohnungstür. Klinger betrat das Haus in Begleitung einer Frau. Ich vermutete mal, es war die Mutter der Drei, die Ähnlichkeit war groß. Ich bemerkte auch das blaue Auge, dass sie hatte.

„Danke Christopher, dass sie uns noch herein lassen“, meinte Klinger.

„Kein Problem, heute geht es hier eh wie am Bahnhof zu“, meinte ich und machte eine einladende Handbewegung in Richtung Wohnung.

„Wo sind meine Kinder?“, fragte die Frau leise, mit zerbrechlicher Stimme.

„Die zwei Kleinen schlafen oben, bei einer Mitbewohnerein, da sind sie auch gut aufgehoben, denke ich.

„Danke“, sagte die Frau, „ich bin Andrea. Und wo ist Marius?“

Ich spürte, wie unwohl sich Andrea fühlte und auch am ganzen Körper zitterte.

„Der ist bei uns, aber kommen sie erst mal herein. Möchten sie einen Tee trinken?“

„Ja gerne. Wenn es keine Umstände macht!“

Beide folgten mir in die Wohnung, die Tür ließ ich offen stehen, weil ich ja nicht wusste, wer heute noch alle hier ankam. Als Marius seine Mutter sah, sprang er auf und fiel ihr in die Arme.

So stand beide eine Weile da.

„Will noch jemand einen Tee?“, fragte ich in die Runde.

Bis auf Klinger nickten mir alle zu. Also ging ich in die Küche, um den Wasserkocher zu befüllen und einzuschalten. Ein Hallo im Flur riss mich aus den Gedanken. Der Stimme nach, war es Carsten.

„Hatte jemand meinen Joe gesehen?“, fragte er, als er mich in der Küche stehe sah.

„Ja! Der sitzt im Wohnzimmer bei uns.“

„Hoppla, ist ja was ganz Neues!“, kam es von Carsten.

„Dachte ich auch, aber er ist ein guter Seelentröster!“

Carsten betrat die Küche, und schaute mich fragend an. Ich erzählte ihm kurz, was vorgefallen war und Carstens Augen wurden immer größer.

„Mein Joe? Ich fasse es nicht, sonst ist er doch Fremden gegenüber so zurückhaltend.“

Wie auf Kommando kam Joe in die Küche getrottet und sprang an Carsten hoch.

„He, mein Alter! Was höre ich da über dich, bist jetzt unter die Retter gegangen?“

Können Hunde eigentlich Lächeln? Mir schien es kurz so, als ich Joe beobachtete, wie er Carsten, mit seiner Zunge ableckte. Das Wasser war heiß und ich konnte es auf die bereitgestellten Tassen verteilen.

„Kannst du den Zucker nehmen?“, fragte ich Carsten.

„Klar doch“, meinte er und schob Joe zur Seite, „aus jetzt, genug!“

Joe horchte und trottete wieder ins Wohnzimmer zurück. Carsten schaute ihm erstaunt nach.

„Man kann immer wieder dazu lernen!“, meinte er und folgte Joe, mit dem Zucker in der Hand.

Ich nahm das kleine Tablett mit den Teetassen und ging ebenso ins Wohnzimmer zurück. Andrea, hatte inzwischen neben ihrem Sohn Platz genommen. Wachmeister Klinger stand etwas unbeholfen, neben der Tür und hatte seine Mütze unter dem Arm.

Als ich das Wohnzimmer betrat, kam er langsam auf mich zu.

„Der Vater wurde in einer nahen Kneipe gefunden und verhaften, der Bruder wurde ins Krankenhaus gebracht, wenn sie nichts dagegen hätten, würde ich wieder zu meinen Kollegen gehen“, sagte er im leisen Ton zu mir.

Ich stellte den Tee ab.

„Frau Hölzer, wenn sie sich dann bitte morgen bei uns auf der Wache melden würden um ihre Aussage aufzunehmen und bringen sie Marius bitte gleich mit“, meinte Klinger, wieder im festen Ton.

Andrea nickte zögerlich.

„Dann wünsche ich ihnen allen, noch einen ruhigen Abend“, sagte Klinger und ich merkte, wie er sich dabei unwohl fühlte.

Ich ging mit ihm noch zu Haustür und verabschiedete mich dann auch von ihm. Er ließ mir eine Karte da, mit seiner privaten Telefonnummer. Wieder drinnen hörte ich meinen Michael erzählen.

Anscheinend hatte Andrea gefragt, was für ein Haus dies sei. Ich ging nicht sofort ins Wohnzimmer zurück, sondern blieb in der Küche. Ich hörte Michael gerne zu, besonders, wenn er wegen mir ins Schwärmen kam. Wie ich diesen Kerl doch liebte.

„Dann hat unser Chrisi, einfach so mir nichts dir nichts noch den Swimmingpool besorgt und dass für sehr wenig Geld!“, erzählte Micha.

„Na ja, du musst schon die ganze Geschichte erzählen, warum wir den Pool fast geschenkt bekommen haben, ist nicht alleine auf meinem Mist gewachsen!“, meinte ich, als ich wieder das Zimmer betrat.

Nico kam die Treppe heruntergepoltert.

„Oh, volles Haus, wusste ich gar nicht. Wollt nur gute Nacht sagen, Morgen will ich mit Bernd früh weg, da will ich ausgeschlafen sein. Soll dir übrigens von Karl einen Gruß ausrichten.“

„Danke Nico, dann bis morgen. Schlaf gut!“

Nico drückte mich und Micha kurz und verschwand wieder hinauf in sein Zimmer, nach dem er sich von den Anderen verabschiedet hatte. Andrea schaute mich fragend an.

„Ach so, Andrea sie kennen hier ja niemanden. Michael hat auch nur vom Haus erzählt“, meinte ich.

Sie nickte mit dem Kopf und nippte kurz an ihrer Teetasse.

„Also, dass ich und Michael ein Paar sind, haben sie ja schon mitbekommen. Nico, den sie eben gesehen haben, ist sozusagen unser Pflegesöhnchen. Carsten hier wohnt mit seinem Hund unterm Dach.

Bastian wohnt mit Dominic zwei Stock höher, daneben haben Klara und Gunther ihre Domizil, wo jetzt auch ihre Kleinen Schlafen. Dann fehlen noch Thomas und Andreas, die wohnen uns gegenüber.“

Ja und eine Wohnung steht leer!“, meinte Micha und schaute dabei Marius an.

Auch ich schaute Marius an, aber der nahm davon keine Notiz. Seine Augen hingen an Carsten, der mit seinem Jose spielte und schmuste. Erst als keiner mehr etwas sagte, schaute Marius auf.

„Und wie geht es jetzt weiter?“, fragte er vorsichtig seine Mutter.

„Ich weiß es nicht“, antwortete sie leise.

„Also, die Kleinen können bis morgen sicher hier bleiben, vielleicht sollte auch Marius hier schlafen, damit er da ist, wenn sie aufwachen!“, meinte ich.

„Ich weiß gar nicht, wie ich das wieder gut machen kann!“, sagte Andrea.

„Kein Problem, wie helfen doch gerne aus!“, sagte Micha.

***

Da wir am gestrigen Abend noch lange saßen, kam ich nur schwer aus meinen Federn. Müde lief ich ins Bad, wo Michael bereits unter der Dusche stand. Irgendwo her drang Kindergeschrei, dass ich noch nicht richtig zu ordnen konnte.

Michael bemerkte, als er das Wasser abdrehte, dass ich ebenso im Bad war.

„Morgen Schatz, gut geschlafen?“, fragte er.

„Es geht!“, antwortete ich und reichte ihm sein Handtuch.

Wieder polterte es im Haus und Kindergeschrei war zu hören.

„Wer macht da so einen Krach?“, fragte ich.

„Das sind die zwei Kleinen bei Klara, die toben schon seit einer halben Stunden herum“, gab Michael von sich, der nun tropfend neben mir stand.

Ich nahm ihn kurz in den Arm und gab ihm seinen Gutenmorgenkuss. Ich wollte eigentlich loslassen, weil ich durch mein Schlafshirt, die Feuchtigkeit von Michas Körper spürte, aber er hatte mich fest im Griff.

„Hast du etwas vor?“, fragte ich, ganz unschuldig und ließ meine Hand über seinen Rücken wandern.

„Eigentlich nicht“, erwiderte er und gab mir einen Kuss und schob mich wieder zum Bad hinaus.

Etwas frustriert ging ich in unser Schlafzimmer zurück und zog mich an. Dann ging ich erst mal hinunter in die Küche, um die Kaffeemaschine anzuschmeißen. Das Gepolter aus Klaras Wohnung nervt ein wenig, aber es waren eben Kinder.

Ich lief hinüber ins mein Büro und ließ den Pc hochfahren. Mir fiel ein, dass ich noch die Abrechnung fertig machen musste. Aber erst mal wollte ich die Emails abrufen. Ein unbekannter Absender!

Ich öffnete das gesonderte Programm, um mir nicht irgendwelche Viren einzufangen. Die Email ging problemlos auf und ich lass sie.

leergebrannt bin ich

und weiß nicht warum

oder doch

verdränge nur alles

will nichts davon wissen

es tut jedenfalls weh

die tränen fast am überlaufen sind

die letzte kraft aufbringe

das nicht geschehen zu lassen

weil meine nerven

eh schon blank liegen

und ich schon genug

angreifbar bin

auch nimmer noch mehr preisgeben möchte

wie ich es ohnehin

schon genug getan hab

es einfach zuviel ist

was schon jeder weiß…

© Peter

Die Email stammte aus dem Internetcafe in der Breslauer Strasse. Was sollte ich tun, etwas zurückschicken konnte ich nicht, aber derjenige, der uns die Mail geschickt hatte, hatte massiv Probleme.

Außer Werbung und ein paar Informationen vom Amt, war nichts Besonderes in der Post. Ich speicherte das Gedicht ab, ließ es noch ausdrucken und verließ mein Büro wieder. In der Küche war schon der Kaffee durch gelaufen.

Der Duft hatte auch bereits meine zwei Mitbewohner angelockt. Michael und Nico saßen an der Theke und nippten an ihrem Kaffee.

„Und, etwas Besonderes dabei?“, fragte Micha, als er mich zu Tür hereinkommen sah.

„Eine Mail aus dem Internetcafe!“, antwortete ich und nahm mir ebenso eine Tasse voll Kaffee.

Michael wusste, dass ich jeden Morgen als Erstes, Emails abrief.

„Und was ist an ihr so Besonders?“, fragte Nico.

„Hier ließ selbst!“, antwortete ich und legte ihm das Blatt auf die Theke.

Nico und auch Michael überflogen das Geschriebene.

„Hoppla, da hört sich einer sehr einsam an“, sprach Michael.

„Da muss ich dir leider Recht geben“, kam es von Nico und gab mir das Blatt zurück.

„Irgendeine Adresse dabei, Name oder so etwas?“ fragte Micha.

„Nein, absolut gar nichts.“

„Mist!“

„Ja, aber vielleicht meldet er sich ja wieder.“

„Kann ich davon ausgehen, dass oben das Bad nun frei ist und ich ungestört duschen kann?“, fragte ich die Beiden.

Ein beidseitiges Nicken bestätigte mir meine Annahme. So trank ich meinen Kaffee in einem Zug hinunter, stellte die Tasse ins Waschbecken und verließ die Küche. Erst mal duschen, dachte ich mir.

Müde lief ich, die Wendetreppe hinauf und holte mir noch schnell neue Wäsche im Schlafzimmer. Aber kaum stand ich unter der Dusche ging auch die Badtür auf.

„Chrisi, dein Typ wird verlangt!“, hörte ich Micha rufen.

„Oh Mann, kann ich nicht mal in Ruhe duschen?“, rief ich ärgerlich zurück.

„Ist ja schon gut, Schatz! Ich sag Dad einfach er soll vorbei kommen, dann hast du noch ein wenig Zeit fertig zu werden.“

„Julius ist am Telefon?“

„Ja, ist er und er hört sich nicht toll an!“

„Probleme?“

„Weiß ich nicht, er will ja mit dir reden!“

Mittlerweile hatte ich die Dusche ausgedreht und die Kabine geöffnet. Micha musterte mich grinsend.

„Vielleicht sollte ich ihm sagen, er soll erst in einer halben Stunde kommen“, meinte Micha und kam zu mir.

Obwohl ich noch nass war und tropfte, nahm mich Micha in den Arm und küsste mich sanft. Ich spürte, wie seine Hand über meinen Rücken wanderte. Sie blieb auf meinem Po ruhen. Meine Knie wurden ein wenig weich und mein Blut begann sich an einer bestimmten Stelle zu sammeln.

„Ich muss zurück an das Telefon!“, sagte Micha und verließ das Bad wieder.

Nun stand ich da, leicht erregt und Julius verfluchend. Ich nahm mein Handtuch und trocknete mich ab. Schnell war ich in meine Wäsche geschlüpft und zurück ins Schlafzimmer gegangen. Vor dem Schrank, kam die morgendliche Prozedur, was ziehe ich an.

Ich entschied mich für was leichtes, obwohl wir ja schon Herbst hatten, waren die Temperaturen noch recht hoch. Ich schlüpfte in eine Dreiviertelhose und ein kurzarmiges Hemd drüber.

Als ich den Schrank schloss kam Micha herein.

„Ach Mensch, jetzt haste dich schon angezogen!“

„Klar, oder sollte ich nackt im Bad auf dich warten?“

Micha verzog sein Gesicht zur Grimasse und streckte mir die Zunge raus.

„Was wollte dein Vater jetzt genau von mir“, fragte ich.

„Er wollte am Telefon nicht darüber sprechen, es wäre etwas Ausgefallenes, meinte er zu mir“, antwortete Micha.

„Habt ihr Probleme zu Hause?“

„Nicht dass ich wüsste.“

„Dann können wir nur abwarten und noch einen Kaffee trinken!“

Gemeinsam mit Micha ging ich wieder hinunter um noch eine Tasse Kaffee zutrinken. Wir saßen etwa zehn Minuten, hatten über das Mittagessen gesprochen, als der Türgong ging.

„Das wird mein Dad sein, ich mach auf“, kam es von Micha.

Nico kam die Treppe hinunter gepoltert und düste zu mir in die Küche.

„Ich bin dann weg, ich treffe mich mit Bernd zum Shoppen!“

Er setzte kurz eine Sprudelflasche an und zog kräftig daran.

„Könntest du vielleicht ein Glas nehmen, wie alle hier?“

Nico setzte ab und ein lautes Rülpsen entwich ihm.

„Das sind ja ganz neue Töne hier“, kam es von der Tür.

Julius war eingetroffen und stand dort mit Micha.

„Entschuldigung, ist mir so entfleucht!“, sagte Nico schuldbewusst.

Bevor ich etwas sagen konnte, nahm mich Micha in den Arm und legte seinen Finger auf die Lippen.

„Dann pass mal schön auf, dass dir dies nicht noch einmal passiert!“, sagte Micha.

„Wieso?“

„Das wirst du dann schon merken!“

Nico schaute auf seine Uhr.

„Oje, ich muss dann, bin eh schon spät dran.“

Er kam zu mir gab mir und danach Micha einen Kuss auf die Wange und stand dann grinsend vor Julius.

„Mögen es Opas, wenn sie von ihren Enkeln geküsst werden“, meinte Nico frech.

„Mach bloß dass du Land gewinnst, sonst ordne ich noch eine Untersuchung, wegen fehlender Erziehung an!“, sagte Julius.

Das er es nicht ernst meinte, sah ich an seinen lachenden Augen. Nico drückte ihm frech einen hörbaren Knutscher an die Wange und war schnell aus der Wohnung verschwunden.

„Wenn ich daran denke, als Nico hier her kam und wie er sich jetzt verhält, dass sind Welten!“

„Hallo Julius.“

Ich war von meinem Hocker aufgestanden und nahm Julius zur Begrüßung in den Arm.

„Morgen Christopher!“

„Was führt dich zu uns? Kaffee?“

„Ja, eine Tasse werde ich mir genehmigen, war eine lange Nacht“, meinte Julius und setzte sich an die Küchentheke.

„Was ist passiert?“, fragte Micha besorgt und setzte sich neben ihn, was mir sagte, ich muss den Gastgeber spielen.

Also lief ich zum Schrank und zog einen Kaffeepott heraus.

„Schwarz wie immer?“, fragte ich.

Julius nickte und rieb sich erschöpft über das Gesicht. Ich stellte die Tasse vor ihn und goss den Kaffee ein.

„Gestern Abend gegen neun hat Tröger mich angerufen. Ihr kennt doch die Pizzeria in der Oststadt?“

Wir nickten beide.

„Da gab es ein größeres Familiendrama, bei den Wirtsleuten.“

„Was die? Die sind doch immer so nett und zuvorkommend“, sagte Micha.

„Nach außen hin schon, aber in der Familie privat, spielte sich anscheinend schon länger ein Drama ab.“

„Ehemann gewalttätig geworden…?“, fragte ich tonlos.

„Eher das Gegenteil!“, meinte Julius.

„Bitte?“

„Der Mann wurde von seiner Frau verhauen, mit dem Nudelholz.“

„Autsch!“, kam es von Micha.

„Und was hat das mit uns zu tun?“, hackte ich nach.

„Bei einem Familienstreit, hat sich der neuzehnjährige Sohn geoutet, der Vater wollte ihn in Schutz nehmen, da anscheinend die Mutter ausflippte. Da ist die auf ihren Mann losgegangen.“

„Und der Sohn?“

„Abgehauen und bis jetzt verschwunden. Man hat sein Zimmer durchsucht, um vielleicht einen Anhaltspunkt für seinen Aufenthaltsort zu finden. Aber außer einer Menge verzweifelter Gedichte, hat man nichts gefunden.“

„Gedichte?“

Mir fiel die Email von vorhin ein. Ich stand auf und lief kurz in mein Büro. Irgendwo hatte ich es doch hingelegt. Da war es, musste vorhin wohl runter gefallen sein. Ich hob es auf und ging zurück in die Küche.

„So etwas?“, fragte ich und gab Julius das Gedicht.

Julius nahm das Blatt in die Hand und zog seine Lesebrille aus der Hemdtasche.

„Seit wann hast du denn eine Brille?“, fragte Micha erstaunt.

„Schon eine Weile, aber nur zum Lesen“, meinte Julius und lass weiter.

„Wo hast du das her?“

„Das kam heute morgen mit den anderen Mails“, gab ich zur Antwort.

„Das liest sich genauso, wie die anderen Sachen, die ich kurz dort gelesen hatte.“

„Es stammt aus dem Internetkaffee, wo wir damals Frank aufgefischt haben!“

Michael schaute mich an.

„Du meinst es könnte von diesem Kerl sein?“, fragte er.

„Ja, wäre doch eine Möglichkeit. Aber etwas anderes, warum hat Tröger dich angerufen?“, fragte ich, Julius.

„Er dachte wohl, wenn man den Jungen findet, müsste er eine Bleibe haben, wo er vorerst mal Ruhe hätte, weil nach Hause kann er ja nicht.“

„Wieso? Die Dame wurde doch bestimmt Dingfest gemacht!“

„Eben nicht. Als man sie festnehmen wollte, beschwörte der Ehemann die Polizisten, das es Zufall gewesen wäre und es nie wieder vorkommen würde, plötzlich spielten sie das Traumpaar schlecht hin.“

„Das gibt es doch nicht! Die können doch bei so etwas kein Augen zudrücken“, ärgerte sich Michael.

„Doch, der Mann spielte alles herunter, er hätte nur eine kleine Beule am Kopf. Ich denke eher, er wollte die Schande für ihn und seine Familie, herunter spielen.“

Micha schüttelte den Kopf.

„Also, was machen wir jetzt?“, fragte er.

Ich musste Grinsen, weil mein Kleiner soviel Energie versprühte.

„Du bist gut, wir wissen ja nicht mal, wie er aussieht oder heißt!“, sagte ich.

„Kein Problem“, meinte Julius und griff nach seiner Tasche.

Ein Bild kam zum Vorschein, dass er mir vor das Gesicht hielt.

„Er heißt Tommaso, ist wie gesagt neunzehn Jahre alt und denke nicht schwer zu entdecken.“

Ich musste ihm Recht geben, Tommaso, war wirklich eine Augenweite. Ich gab Micha das Bild, der einen leisen Pfiff verlauten ließ.

„Also, den werden wir bestimmt nicht übersehen.“

Lange, schwarze Locken zierten seinen Kopf, welche die blauen Augen voll zur Geltung brachten. Den Rest konnte man nur erahnen, es war ja nur ein Bild von seinem Gesicht.

„Aber es hat erst Sinn, wenn wir heute Abend dort hingehen, oder am späten Mittag, oder was meinst du, Chris?“, fragte mich Micha.

„Ja, klar. Heut morgen müssen wir uns erst mal Gedanken über Marius machen, wie es bei ihm weiter gehen könnte.“

„An den habe ich gar nicht gedacht!“

„Wo ist er überhaupt?“, fragte Julius.

„Der hat heute Nacht bei Carsten geschlafen, seine Mutter ist bei einer Freundin untergekommen.“

„Bei Carsten? Das wundert mich ein wenig.“

„Wieso?“, fragte ich hellhörig.

„Carsten ist ein wunderbarer Kerl, sehr hilfsbereit und im Amt sehr fleißig. Aber wenn es privat wird, ist er immer noch sehr verschlossen. Denke der Tod seines Freundes belastet ihn immer noch schwer, er hat seither nie groß darüber geredet.“, antwortete Julius.

„Stimmt, seit Carsten hier wohnt, hab ich mich nie so richtig um ihn gekümmert. Seit er seine Sprachblockade aufgeben hatte, dacht ich, es wäre alles gut“, meinte ich.

„Chris, du kannst nicht immer für alle und jeden da sein, auch nicht ihre Probleme aufspüren, sie müssen schon zu dir kommen, dafür bist du da!“

Mein Großer hat eben ein großes Herz und will es allen richtig machen!“, kam es von Micha.

Ich sah die beiden an und seufzte. Was konnte ich dafür, es war halt eben meine Art. Ich nahm meine Tasse und stellte sie gedankenverloren ins Spülbecken. Ich hatte das nie bemerkt, wegen Carsten.

Jetzt machte ich mir ein wenig Vorwürfe, aber es half nichts, ich musste die Tage einfach mal mit ihm reden. In Sekundenschnelle zogen die letzten drei Jahre an mir vorbei, alles kam hoch, was sich hier zu getragen hatte.

Ich spürte eine Hand auf meiner Schulter, die sanft zog und mich veranlasste mich umzudrehen. Micha stand vor mir.

„He Chris, was ist los?“

„Nichts besonderes!”

“Nichts besonderes? Und warum laufen dir Tränen an den Wangen herunter?“

Das hatte ich nicht mal bemerkt, jetzt wo er es sagte, spürte ich wie sich kleine Tränen über meine Wangen ihren Weg bahnten.

„Chris, du machst deinen Job nach wie vor hervorragend. Du kannst eben nicht immer überall vor Ort sein. Klar du bist für jeden hier im Has da und auch irgendwie auch verantwortlich. Aber du bist auch nur ein Mensch, kannst dich nicht zerteilen.“

Julius stimmte seinem Sohn mit einem Nicken zu.

„Und wenn es dir noch nicht aufgefallen ist, dass Carsten noch nicht drüber weg ist, dass sein Freund tot ist, liegt es vielleicht daran, dass er noch nicht bereit ist, es zu zeigen oder darüber zu reden.“

Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und nahm Micha in den Arm, der mich fest an sich drückte. In dem Augenblick kam Carsten herein und schaute uns verwundert an.

„Ähm, störe ich bei etwas? Ist etwas passiert?“, fragte er vorsichtig.

„Nein schon gut, es ist alles in Ordnung!“, antwortete Micha, der mich nach wie vor fest in seinen Arme hielt.

„Wollt nur sagen, dass ich Marius und die Kids noch kurz rüber zu seiner Mutter bringe, bevor ich noch kurz ins Amt fahre.“

„Im Amt, ist etwas vorgefallen?“, fragte Julius erstaunt.

„Ja, Susanne hat irgendetwas erzählt, dass heute Nacht etwas vorgefallen sein, wo die Eltern sich geprügelt haben und der Sohn weggelaufen ist.“

„Da brauchst du nicht extra am Samstag ins Amt zu fahren. Ich kann dir die selben Informationen geben, war schließlich vor Ort!“

„Du warst dabei?“

„Nicht direkt, es war schon vorbei, als ich ankam.“

„Und was passiert jetzt?“, fragte Carsten.

„Das werden dir Micha und Christopher erzählen, ich für meinen Teil gehe nach Hause in mein Bett, falls mich mein Weib schlafen lässt!“

Ich löste mich aus der Umarmung von Micha.

„Gut“ Sag deinem Weib einen schönen Gruß von uns. Wir sehen uns ja Sonntag Mittag eh, da wir ja bei euch zum Essen eingeladen sind.“

„Stimmt, hatte ich ganz vergessen. Also, dann bis Sonntag!“, meinte Julius und verließ uns. Micha begleitete ihn noch nach draußen.

„Warum hast du geweint?“, fragte Carsten leise.

Ich stockte kurz und sah Carsten dann voll in die Augen.

„Indirekt wegen dir!“, gab ich ebenso leise zurück

„Wegen mir?“, fragte Carsten doch jetzt sichtlich verwirrt.

„Hallo, ist jemand da?“, rief jemand in den Flur.

Ich sah Carsten noch mal kurz an.

„Später, dann reden wir zwei!“

Ich drängte mich an ihm vorbei und lief in den Flur, wo Marius an unserer Wohnungstür stand.

„Guten Morgen, komm doch herein, Carsten ist auch da.“

Er nickte mir zu und lächelte mir zu. Dann drehte er den Kopf zum Hausflur, wo anscheinend Micha von draußen zurück kam.

„Morgen Marius! Und, hast du etwas schlafen können?“, hörte ich Micha sagen.

„Ja, klar! Joe lag die ganze Nacht neben mir und hat über mich gewacht, war ein beruhigendes Gefühl.“

Plötzlich stand Carsten neben mir und schaute mich traurig an. Micha merkte dies sofort und wandte sich wieder an Marius.

„Warst du schon, bei deinen Geschwistern? Oben bei Klara muss ja voll die Party abgehen, nach dem Getrampel zu urteilen.“

„Nein ich habe auf Carsten gewartet!“

„Egal, komm! Ich geh kurz mit dir hinauf, die werden dich sicherlich schon vermissen“, sagte Micha und zog Marius aus der Wohnung, ohne eine Antwort abzuwarten.

Ich dagegen wandte mich wieder zu Carsten und schob ihn ins Wohnzimmer, wo wir uns beide aufs Sofa nieder ließen.

„Warum hast du mir nie etwas gesagt?“, begann ich.

„Was soll ich dir sagen?“, fragte Carsten immer noch verwirrt.

„Dass du ein Problem hast, an dem du ganz schön zu knabbern hast.“

Carsten drehte seine Kopf weg und sah zur Wand.

„Ich hätte dir das schon gesagt!“

„Und wann?“

„Eigentlich jetzt!“

„Wieso jetzt? Ist etwas vorgefallen?“

„Ja, heute Nacht.“

„Mit Marius?“

„Nicht was du denkst!“

„Carsten ich denke gar nichts, ich bin nur unheimlich traurig, dass du mein Angebot, für dich da zu sein, nicht angenommen hast.“

„Entschuldige bitte!“

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, wir sitzen ja jetzt hier zusammen und können reden.

Carsten schaute mich kurz an, bevor er aufstand und zur Terrassentür lief.

„Ich kann einfach nicht damit umgehen. Mein Freund fehlt mir nach wie vor. Ich kann keine Gefühle für Andere aufbringen, dass wäre für mich ein Betrug an unserer Liebe.“

„Glaubst du wirklich, dein Freund hätte gewollt, dass du für immer alleine bleibst?“

„Nein…!“

Er drehte ich um und ich sah, dass er weinte. Langsam kam er auf mich zu und setzte sich direkt neben mich.

„Als Jochen damals in meinen Armen starb, waren seine letzten Worte, ich solle glücklich werden!“, sagte Carsten fast so leise, dass ich es nicht verstehen konnte.

Ich legte meinen Arm um ihn und zog ihn zu mir. Ohne Widerstand, ließ er sich das, mit sich geschehen.

„Aber wie soll ich glücklich ohne Jochen werden, er war doch mein Ein und Alles.“

„Bist du nicht ein wenig streng mit dir selbst?“, fragte ich vorsichtig.

„Wieso streng? Was hat dies damit zu tun?“

„Du lässt nicht los und fühlst dich Jochen immer noch verbunden, ja sogar verpflichtet. So blöd wie sich das anhört, du solltest langsam versuchen loszulassen!“

„Ich liebe Jochen, ich kann das nicht einfach unter den Tisch kehren“, kam es jetzt recht trotzig von Carsten.

„Das verlangt ja auch keiner von dir. Du musst nur mit dem Thema abschließen, dein Leben weiter leben!“

„Das weiß ich ja selber.“

„Na also, wo liegt dann das Problem?“

„Es fällt mir einfach schwer!“

„Und was hat das Ganze mit Marius zu tun?“

„Wir haben, bevor wir uns schlafen legten, noch ein sehr langes Gespräch, dabei wurde ich schmerzlich an Jochen erinnert.“

„Ich kann mir denken, dass es dir schwer fällt, aber du musst es tun. Du gehst sonst noch vor die Hunde.“

Carsten nickte und vergrub sich in meiner Schulter. Eine Weile saß er nur da und weinte.

***

„Ist es nicht ein wenig übertrieben, wenn wir da alle drei auftauchen?“, fragte ich unsicher.

„Chris, wir gehen einen Kaffee trinken, dass ist doch ganz normal!“, sagte Carsten, der neben Micha lief.

„Und wie sollen wir es anstellen, Kontakt zu dem Jungen zu bekommen?“

„Das lassen wir schön auf uns zu kommen!“, antwortete mir mein Micha.

Dennis schob mich in den Eingang der Internetcafes. Es hatte sich seit damals, als wir Frank aufgabelten, einiges geändert. Die Farbe der Wände war jetzt in einem satten gelb gestrichen, neue Möbel waren auch angeschafft worden.

Neben ein paar Tischen mit Pc’s, gab es auch eine Ecke an der man sich einfach nur so hinsetzten konnte, ohne am Computer zu sitzen. Genau so einen Tisch steuerte Dennis an. Es dauerte nicht lange, als der junge Mann hinter dem Tresen hervorkam und uns fragte, was wir trinken wollten.

:Wir bestellten uns alle einen Capuccino und während wir darauf warteten, ihn serviert zu bekommen, ließen wir alle unseren Blick durch den Raum schweifen.

„Er scheint nicht da zu sein“, kam es von Micha enttäuscht.

„Hast du wirklich gedacht, wir würden ihn gleich finden?“, fragte ich.

„Klar, mit dir als Glückspilz, so wieso!“

Der Cappuccino wurde gebracht. Jeder begann mit dem Löffel an der Schaumkrone zu löffeln.

„Hat von euch eigentlich jemand mitbekommen, warum Ralf eine Firma kommen lassen hat, die Rampen ins Treppenhaus baut?“, fragte Carsten plötzlich.

„Eine Rampe? Wohin?“, fragte ich erstaunt.

„Weiß ich nicht genau. Ich war heute morgen noch kurz bei Denis drüben da sah ich wie zwei Handwerker, die untere Treppe zu Ralfs Wohnung ausgemessen hatten.“

„Komisch, davon weiß ich überhaupt nichts. Er war nur wegen Doreen bei mir, die ja Ende des Monats zu uns zieht, dann noch wegen einem Neuzugang, weißt du ehrlich nichts darüber?“

Carsten überlegte kurz.

„Ich weiß das Susanne einen neuen Fall bearbeitet, aber um was es geht, damit kann ich nicht dienen.“

„Ich habe Ralf auch versprochen, bei ihm vorbei zuschauen, aber meinte auch, er hätte mein vollstes Vertrauen. Da geht ich nachher noch vorbei, wenn wir zurück sind!“, sagte ich.

„Und wie lange wollen wir hier sitzen?“, kam es von Micha.

„Also, ich will hier nicht Stunde um Stunde verbringen, die Möglichkeit ihn hier zu finden, wäre zu schön und wahr zu sein.“

„Wenigstens haben wir einen guten Cappuccino, und sind mal seit langen wieder mal zusammen Kaffee trinken gegangen, ist ja echt selten geworden“, meinte Michael.

„Stimmt auch wieder. Gut dann gehen wir wieder, wenn wir ausgetrunken haben. Zu Hause wartet ja auch noch Arbeit auf uns.“

Wir sprachen noch über Nico, dessen Geburtstag bald anstehen würde, bis Carsten aufstand und unsere Cappuccinos bezahlte. Gemeinsam standen wir auf und verließen das Internetcafe wieder.

Gerade in dem Augenblick, als Carsten und ich mich durch die Tür schoben, drängte sich jemand herein. Ich hörte Carsten Tommasos Namen sagen und dann ging alles recht schnell. Der Junge schaute auf.

Er drehte sich um und rannte weg. Micha sah mich fragend an, aber bevor ich etwas sagen konnte, hatte Carsten schon zur Verfolgung angesetzt. Mir und Micha blieb nichts anderes übrig, als den beiden hinterher zurennen.

Die beiden verschwanden in den nahegelegenen Park und als wir dort ankamen, war jede Spur von ihnen verschwunden.

„Na super! Was soll das denn jetzt?“, fragte Michael schwer atmend.

„Ich weiß es nicht. Wenn man wenigstens einen der Beiden sehen könnte.“

Plötzlich hörten wir Carsten laut Tommaso rufen. Wir folgten diesem Ruf und fanden die beiden auch bald. Tommaso stand am Rand des kleinen Sees, der sich hier im Park befand. Beide Hände in die Seite gestützt und nach Luft ringend.

Carsten stand in einer gewissen Entfernung zu ihm und redete auf ihn ein. Es dauerte noch ein wenig, bis wir Carsten erreicht hatten.

„Chris, könntest du bitte Tommaso sagen, das ich nicht von der Mafia bin!“, krächzte Carsten immer noch nach Luft ringend.

Micha schaute mich an und wir fingen lauthals an zu lachen. Nach dem wir uns wieder einigermaßen beruhigt hatten lief ich langsam auf Tommaso zu.

„Hör mal Tommaso, ich weiß es kommt dir komisch vor, wenn plötzlich drei wildfremde Männer vor dir stehen und deinen Namen kennen!“

Tommaso schaute mich ängstlich an. Ungefähr zwei Meter vor ihm blieb ich stehen. Ich erzählte ihm, wer ich war und woher wir ihn kannten. Eine gewisse Erleichterung war in seinem Gesicht zu erkennen.

Er schien mir zu glauben. Ich wollte aus meinem Geldbeutel eine Visitenkarte ziehen, als sein Blick wieder verdüsterte und er plötzlich losrannte. Carsten wollte ihm wieder hinter her spurten, aber Michael hielt ihn davon ab.

„Wir können ihn nicht dazu zwingen!“, meinte ich, ebenfalls genauso enttäuscht.

***

Zuhause wieder angekommen, ließ ich gefrustet meine Schlüssel auf die Kommode fallen.

„Jetzt komm, Chris. Wir haben es wenigstens versucht!“, meinte Micha, ich mach uns jetzt eine schöne Tasse Kaffee und dann setzten wir uns gemütlich auf die Couch.“

Ich sah in Michaels funkelnden Augen, was bei mir ein Grinsen verursacht. Nach dem ich ihm einen Kuss auf seine Nase gegeben hatte, verzog ich mich ins Wohnzimmer. Kaum saß ich kam Nico die Wendeltreppe herunter gepoltert.

„Oh, ihr seid wieder da? Ich habe euch gar nicht kommen hören“, meinte er, ließ sich neben mich plumpsen und schmiegte sich an mich.

Ich legte meinen Arm um ihn und streichelte seine Haare.

„Was ist mit dir? Du schaust so traurig!“, fragte Nico.

„Etwas, was ich mir vorgenommen hatte, hat nicht funktioniert!“

„Dann beim nächsten Mal eben, ist doch nicht schlimm, mache ich auch immer so!“

Ich seufzte vor mich hin, als Michael mit zwei Tassen wieder kam.

„Das ist aber lieb, dass du mir auch eine Tasse Kaffee bringst“, kam es von Nico, mit einem frechen Grinsen.

Micha schaute mich an, doch ich konnte nur mit den Schultern zucken und ein Grinsen ebenfalls nicht verstecken. Etwas genervt verschwand Michael noch einmal in die Küche.

„Du Christoph, hast du eigentlich Erfahrung mit Behinderten?“, fragte Nico plötzlich.

„Wie kommst du denn da jetzt drauf?“

„Na ja, wenn dieser Joey nächste Woche einzieht, ich weiß nicht wie ich mich gegenüber ihm verhalten soll.“

„Welcher Joey… einziehen?“

„Ja, bei Ralf und Barbara, in die Wohnung gegenüber. Eine Firma hat heute eine Rollstuhlrampe eingebaut.“

Total durch den Wind, schaute ich Nico verwundert an.

„Kann es sein, dass du darüber nichts weißt?“

„Das werde ich sofort ändern!“

Ich stand auf ließ Nico auf der Couch alleine zurück. Vor der Küche wäre ich fast mit Michael zusammen gestoßen.

„Wo willst du hin?“, fragte mich Michael.

„Ich muss dringend mal kurz zu Ralf hinüber, da läuft etwas, von dem ich nichts weiß.“

Und schon war ich aus der Wohnung draußen. Mit schnellen Schritten lief ich zum Nachbarhaus und klingelte bei Ralf. Es dauerte ein wenig bis sich jemand an der Sprechanlage meldete. Es war Barbara.

Der Türsummer ging und ich konnte eintreten. Fast wäre ich über die Rampe gefallen, wenn ich nicht rechtzeitig noch ausgewichen wäre.

„Hallo Christopher, was führt dich zu uns?“, fragte Barbara, die an der Wohnungstür auf mich wartete.

„Unser neuer Zugang, Ralf wollte mir etwas erzählen, aber ich hatte keine Zeit für ihn, aber wie ich sehe, komm er ganz gut ohne mich zu Recht.“

„Dafür schwitzt er aber Blut und Wasser, hat Angst etwas falsch zu machen. Bisher konnte er sich bei dir immer rückversichern, diesmal aber war er auf sich gestellt.“

„Das tut mir leid, aber ich hatte gestern einen Problemfall in der Wohnung.“

„Chris, dass ist doch nicht schlimm! Ralf muss endlich wieder auf seinen eigenen Beinen stehen, seine Selbstsicherheit wieder finden.“

Mittlerweile war ich Barbara in die Wohnung gefolgt und wir hatten es uns im Wohnzimmer bequem gemacht.

„Wenn er mich braucht, ich bin jederzeit da, er muss mir nur auf die Füße stehen, damit ich es auch merke.“

„Wie gesagt, dass tut ihm gut, sich einmal alleine um etwas zu kümmern.“

„Und wer ist dieser Joey?“, fragte ich jetzt doch neugierig.

„Joey ist vor kurzen 18 geworden und muss nun das Heim, dass er bewohnte verlassen. Die einzigsten freie Plätze für ihn waren zwei weitere Heime für Behinderte, wo aber die Mehrzahl der Heimbewohner geistig krank sind“, fing Barbara zu erklären an.

„Das ist ja wohl wirklich nichts!“, gab ich von mir.

„Susanne hatte dann die Idee, ihn vielleicht bei uns unter zubringen und Ralf darauf angesprochen, weil ja die Wohnung gegenüber noch immer leer steht.“

„Warum nicht? Ich finde das eine gute Idee!“

„Na ja, Ralf und ich auch, aber nun haben wir beide zusammen Joey kennen gelernt. Ich gebe offen und ehrlich zu, ich weiß nicht, ob er in unseren Kreis passt.“

„Wieso das denn?“. Wollte ich wissen.

„Joey ist eine starke Persönlichkeit. Wenn er möchte, kann er dich in Grund und Boden reden, sein Allgemeinwissen hat einen Status, von dem manche von uns nur träumen können. Aber so klug er auch scheint, zieht er vieles ins Lächerliche wird sarkastisch.“

„Kann vielleicht an seinem bisherigen Umfeld liegen, dass ist schwer zusagen. Da bleibt uns nichts anderes übrig, als abzuwarten, wie er sich hier einlebt.“

„Also, Ralf tut sehr viel dafür! Wir können ja mal kurz rüber gehen in die Wohnung. Du glaubst nicht was er an einem Tag alles in Bewegung gesetzt hat, dass Joey gleich einziehen kann, wenn er mag..“

Sie stand auf und ich folgte ihr. Gemeinsam betraten wir die Wohnung. Ich wusste, das diese schon eingerichtet war, so wunderte es mich nicht, dass hier überall schon Möbel vorhanden waren.

In der Küche bemerkte ich die besondere Halterungen, an denen man sich hochziehen konnte. Ebenso im Bad, wo in der Dusche nun ein Sitz eingebaut war, wie auch mehrere Halterungen zum festhalten.

Ansonsten war alles recht breit gestaltet, damit man bequem mit dem Rollstuhl hinkam.

„Meine Hochachtung, jetzt bin ich wirklich platt, was Ralf da an einem Tag zustande gebracht hat“, meinte ich.

Wir hörten die Haustür und schon bald stand Ralf bei uns im Flur, doch bevor er etwas sagen konnte, fiel ich ihm ins Wort.

„Habe ich nicht gesagt, du schaffst dass auch alleine!“, meinte ich und bemerkte, dass er verlegen wurde.

„Na ja, ich habe hier und da, ein paar Beziehungen spielen lassen, und irgendwie hat dann alles funktioniert“, kam es leise von Ralf.

„Ja, super funktioniert und wann soll Joey einziehen?“

„Ähm, eigentlich heute Abend, da wollte ich dich aber dabei haben.“

„Heute Abend? Und Barbara, kommt du wenigstens auch mit?“

„Nein, dass überlass ich euch zwei Herren. Ich bin bei Direx Schlüter zum Grillen eingeladen, das werde ich mir nicht entgehen lassen!“

Barbara hatte bei Direx Schlüter angefangen, nach dem er sie bei uns hier auf einem Fest kennen gelernt hatte und sie sofort für seine Schule haben wollte.

„Okay, dann ziehen wir alleine los und holen Joey ab, und wann willst du los Ralf?“

„Ungefähr in einer Stunde, ich muss vorher noch duschen, der Tag heut, hat mich des Öfteren ins Schwitzen gebracht.“

„Gut, dann werde ich in einer Stunde wieder hier sein!“

Ich verabschiedete mich von den beiden und lief zurück in meine Wohnung, wo Micha und Nico schon auf mich warteten. Natürlich musste ich gleich bericht erstatten, was ich gerade alle gehört hatte.

Meine zwei Männer waren natürlich so neugierig auf Joey, dass sie mit wollten, ihn abzuholen. Nur mit Mühe und viel Überredungskunst, konnte ich sie davon abhalten. Ich beschloss mich ebenso noch ein wenig frisch zu machen.

Die Stunde war schnell vergangen und so stand ich pünktlich wieder vor Ralfs Wohnungstür. Etwas nervös griff er nach seinen Wagenschlüsseln und nach der Jacke.

„Was ist denn?“, fragte ich.

„Wenn es jetzt doch die falsche Entscheidung war, Joey hier aufzunehmen?

„Jetzt mach dich nicht verrückt. Was sagt dein Herz?“

„Das er einziehen soll!“

„Also, dann los! Auf zu Joey, mal gespannt wie er ist!“

***

Wir hatten mit dem Wagen, die halbe Stadt durchquert, bevor Ralf ihn vor einem alten Haus zum Stehen brachte.

„So, hier sind wir“, sagte er und zog die Schlüssel ab.

„Das sieht überhaupt nicht nach einem Heim aus, dass ist so klein“, meinte ich, als ich mich umschaute.

„Es leben auch nicht viele Heimbewohner hier.“

Ich folgte Ralf den Plattenweg hinauf zur Eingangstür. Er klingelte und sofort wurde die Tür durch einen Ruck geöffnet. Ein Dreikäsehoch stand vor uns und strahlte uns mit einer großen Zahnlücke an.

„Hallo Kevin, na du alter Racker!“, begrüßte Ralf den Kleinen.

„Willst du wieder zu Joey?“, schnatterte der Kleine mit hoher Stimme los, „bei dem würde ich heut nicht reingucken, der ist heute böse. Immer, wenn man ins sein Zimmer kommt, schnauzt er einen an und bewirft dich mit Sachen.“

Ralf schaute mich an und grinste. Eine etwas ältere Frau war hinter Kevin getreten.

„Kevin mach dass du rein kommst, dein Zimmer sieht aus wie die Hölle, räum endlich auf!“, kam es von ihr.

Der Junge zog eine Grimasse und verschwand so schnell wie aufgetaucht war.

„Hallo Ralf, schön sie zu sehen! Und, hat alles funktioniert, mit der neuen Wohnung?“

„Ja, Frau Amseln. Darf ich ihnen Christopher Miller vorstellen, ein…“

„Sie sind der Christopher, ich habe ja schon vieles von ihnen gehört!“, unterbrach sie Ralf.

Etwas überrascht schüttelte ich ihre Hand.

„Ich hoffe natürlich nur Gutes?“, fragte ich und begann zu lächeln.

„Klar, kommen sie beide herein. Joey wartet schon ungeduldig auf sie.“

Ich folgte Ralf und der Frau ins Haus. Etwas düster für meinen Geschmack, aber stilvoll eingerichtet. Hinter einer Treppe, die ins obere Geschoss führte, blieb sie stehe und klopfte dort an eine Tür.

„Wer stört schon wieder!“, hörte ich es genervt aus dem Zimmer rufen.

Frau Amseln öffnete die Tür und trat ein.

„Ralf ist da, um dich abzuholen!“

„Wird aber langsam Zeit, ich steh mir hier schon die Räder in den Bauch.“

Mir war Joey ein wenig zu direkt. Hatte er überhaupt keinen Anstand? Ich wusste ja nicht wie lange er hier untergebracht war, aber dennoch könnte er ein wenig freundlicher zu Frau Amseln sein.

Ralf folgte Frau Amseln und begrüßte Joey. Ich blieb hinter Ralf stehen.

„Boah, Ralf, wo hast du denn dieses geile Schnuckelchen aufgetrieben?“, fragte Joey und starrte mich an.

„Das ist…“, fing Ralf an.

„Dieses geile Schnuckelchen heißt Christopher und ist ein guter Freund, von Ralf!“, unterbrach ich Ralf, weil ich Joey contra geben wollte.

„Du bist Christopher?“

« Ja, so steht es jedenfalls in meinem Ausweis und das seit dreiundzwanzig Jahren!“

Joey blieb stumm und Ralf und Frau Amseln fingen laut an zu lachen.

„Was ist denn?“, fragte ich verwundert.

„Christopher, sie haben in fünf Minuten, dass fertig gebracht, woran ich mich drei Monate verzweifelt versucht habe, nämlich diesen Junge zum Schweigen zu bringen.

Nun verstand ich, warum die beiden lachten. Joey verformte sein Gesicht zu einer Grimasse und streckte den beiden die Zunge heraus.

„Oh, eine Zicke, dass kann ja heiter werden“, entfleuchte es mir, was mit einem strafenden Blick von Joey quittiert wurde.

„So Joey, sind diese Kartons alles, was dir gehört?“, fragte Ralf.

„Ja, das ist alles was ich besitze!“

Der Ton dieser Antwort gefiel mir nicht. Einerseits hörte es sich nach > ist mir scheiß egal < an, trotzdem blieb mir das Traurige darin nicht verborgen. Ralf schnappte sich den ersten Karton und hatte bereits das Zimmer verlassen.

„Und ich werde in die Küche gehen und deine Lebensmittel in eine Kühltasche räumen“, sagte Frau Amseln, worauf sie ebenso das Zimmer verließ.

„Du bist nur drei Monate hier gewesen?“, fragte ich.

„Ja, das war eine Notlösung, mich will ja niemand haben.“

„Wir schon!“, gab ich von mir.

Ich konnte ein kurzes Strahlen seiner Augen sehn, was sich aber gleich wieder verdunkelte.

„Bist du da sicher? Wer will schon einen Rollifahrer, der auch noch schwul ist!“

„Ich weiß ja nicht, was dir Ralf erzählt hat, aber an Schwulen mangelt es nicht in unserer großen WG, da wirst du nicht alleine sein. Zudem bin ich selbst schwul!“

Deutlich bemerkte ich, wie es in Joeys Gedankenwelt schwer arbeitete. Ihm gingen anscheinend die Bemerkungen aus.

„Du bist schwul? Sieht man dir gar nicht an.“

„Na ja, soll ich Frauenfummel herum laufen, mit dem Arsch wackeln, dass jeder sieht > Hallo, ich bin schwul! < das ist mein Ding.“

Joey hatte anscheinend noch nicht viele Schwule kennen gelernt und war wie so viele an das Schubladen denken gewöhnt, Schwule sind alles Tunten. Ich stellte fest, da kam wirklich noch etwas auf uns zu.

„Würde dir auch nicht stehen“, kam es von Joey, der seinen Humor noch nicht verloren hatte.

„Stimmt, ich kann mich aber nicht beklagen, ich gefalle mir und meinem Schatz auch.“

„Du hast einen Freund?“, kam es von Joey sehr erstaunt.

„Klar, ich lebe mit Michael schon vier Jahre zusammen!“

„Und das geht einfach so?“

Ich wusste nicht, woher Barbara ihre Feststellung her hatte, das Joey sehr schlau wäre, was Thema Schule betrifft, war er jedenfalls sehr naiv.

„Klar, wo soll da ein Problem sein?“

„Ich weiß nicht…, kann mir das nicht vorstellen. Was sagen da andere Leute dazu?“

„Ich würde dir vorschlagen, du schaust dir alle in Ruhe an, und kannst dir dann selbst ein Bild machen!“

Ralf kam wieder herein um den nächsten Karton zu holen.

„Könntet ihr mir mal helfen, oder wollen die Mädels hier sich noch länger unterhalten und sich vor der Arbeit drücken?“, meinte Ralf.

Bevor Joey antworten konnte, fiel ich ihm ins Wort.

„Klar, Ralf! Du weißt doch wie gerne wir quasseln, aber ich seh schon, du armes schwaches Mann, ich werde dir wohl helfen müssen!“

Über Joeys Gesicht zog sich ein breites Grinsen. Er selbst nahm nun eine Kiste auf seinen Schoss und rollte hinaus zum Auto. Ralf schaute mich kurz an und zuckte mit den Schultern.

„Wird schon, lass ihm Zeit, er wird schon aus sich heraus gehen“, sprach ich, schnappte mir ebenso eine Kiste und folgte Joey.

Dort angekommen, wartete Joey bereits auf uns.

„Wie machen wir das eigentlich mit dem Rollstuhl, wo bringen wir den unter?“, fragte ich.

Den klappen wir zusammen und legen ihn vorne auf den Beifahrersitz und du kannst dich hinten neben Joey setzten.“

„Geht klar“, meinte ich und verräumte meine Kiste im Kofferraum des Vans.

Während Ralf nun die restlichen Sachen aus dem Haus holte, trat ich zu Joey.

„So! Und wie krieg ich dich nun ins Auto?“, fragte ich.

„In dem du mir hineinhilfst!“, antwortete Joey.

Nach langen Überlegen, kam ich zum Schluss, ihn einfach aus den Rollstuhl zu heben, und ihn auf die Rückband zu setzen. Joey schien meine Gedanken zu erraten und ging auf Abwehrstellung.

„He, bist du noch nie von einem süßen Schnuckel auf den Arm genommen worden?“, fragte ich grinsend.

Ich wartete erst gar nicht auf seine Antwort und legte beide Arme um ihn, um ihn aus dem Rollstuhl zu bekommen. Etwas widerwillig ließ Joey dies dann doch geschehen. Ich pflanzte ihn auf die Rückbank und versicherte mich, dass er auch richtig saß.

Dabei kam ich seinem Gesicht sehr Nahe und war überrascht, dass ich einen Kuss auf meiner Wange spürte.

„Danke!“, meinte Joey leise, mit einem verlegenen Grinsen.

„Keine Ursache!“, entgegnete ich ihm und machte mich daran, den Rollstuhl zu verkleinern.

Nach einer kurzen Verabschiedung von Frau Amseln und dem kleine Kevin rollte Ralf mit dem Van auch schon in den abendliche Verkehr.

***

Zu Hause angekommen, war ich dann doch sehr überrascht, die ganze Meute auf der Strasse vorzufinden. Sogar Bernd war gekommen, der mich beim Aussteigen auch gleich mit einem Kuss auf die Wange begrüßte.

Joey sah sich die Truppe ungläubig an. Bastian trat an den Van und holte den zusammengeklappten Rollstuhl aus dem Wagen und richtete ihn wieder her.

„Auch wenn es dir nicht gefällt, der süße Schnuckel nimmt dich noch einmal in den Arm!“, sagte ich.

Wieder legte ich die Arme um ihn und zog ihn aus dem Wagen.

„Sind hier alle schwul?“, wollte Joey wissen.

„Ich steh zwar auf Jungs, aber schwul bin ich deswegen nicht!“, kam es von Klara und die ganze Meute fing an zu lachen.

Etwas erstaunt war ich jedoch, als Thomas und Andreas aus dem Haus gelaufen kamen, denn sie wollten doch zu den Eltern von Andreas fahren. Bastian rollte den Rolli neben mich und ich setzte Joey ab.

„Hallo Thomas, ich dachte ihr seid über das Wochenende bei deinen Schwiegereltern“, fragte ich.

„Klar wollten wir auch, aber da kam uns andere Verwandtschaft dazwischen, sie haben schon volles Haus. Zu dem denke ich heute Abend gibt es hier noch eine Party!“, kam es von Thomas.

„Eine Party? Seit ihr deswegen alle hier draußen?“

„Auch, aber auch weil wir neugierig sind auf Joey. Hallo Joey, ich bin der Thomas!“, antwortete er und reichte Joey die Hand.

Joey reichte mit einem Lächeln auf den Lippen Thomas die Hand.

„Der Typ neben mir, ist mein Freund Andreas!“

Andreas machte einen Schritt nach vorne und schüttelte ebenso Joeys Hand. Einer nach dem Anderen stellt sich Joey vor.

„Und wer ist das da hinten?“, meinte Joey und zeigte auf Michael, der sich gerade mit Ralf unterhielt.

„Das ist Michael, mein Schnuckel!“, sagte ich mit einem frechen Grinsen, „Micha kommst du mal?“

Der Gerufene trottete brav zu uns her und schüttelte ebenso Joeys Hand.

„Hallo Joey, willkommen in unserer bescheidenen Hütte!“, kam es von Micha.

„Ihr wohnt alle hier?“, fragte Joey.

„Ja, klar! Verteilt in den zwei Häusern hier.“

„Und ich bekomme hier eine eigene Wohnung?“

Die Verblüffung war Joey anzumerken, immer noch nicht hatte er richtig erfasst, was da nun auf ihn zukam.

„Ja! Wenn du willst können wir gleich deine Wohnung besichtigen!“, meinte Michael.

„Bevor ihr alle mitstürmt, könnte mir jemand helfen, die Sachen von Joey mit reinzutragen?“, rief Ralf, als er bemerkte, wie der gesamte Pulk sich Richtung Haus bewegte.

„Ich schiebe schon Joey, dass kann jemand anderes machen“, sagte Micha.

So gingen Thomas, Andreas und ich noch einmal zurück zum Vans und luden die Kisten aus. Und schon waren die zwei ebenso im Haus verschwunden.

„Und du hattest bedenken wegen Joey?“, fragte ich Ralf, der seinen Wagen abschloss.

„Ja, ich gebe zu, ich bin überrascht wie freundlich hier aufgenommen wird.“

„Mit so einem Begrüßungskomitee hätte ich auch nicht gerechnet, wenn ich ehrlich bin.“

Grinsend folgten wir den anderen. Aus Joeys Wohnung war lautes Gelächter zu hören und einen Andreas mit hochroten Kopf vor. Wie üblich war er sicherlich wieder in ein Fettnäpfchen getreten.

„Andreas du kannst beruhigt sein, auch wenn ich nicht laufen kann, alles andere funktioniert sehr gut“, kam es von Joey, der wieder die Lacher der Anderen auf seiner Seite hatte.

„Und, habe ich dir zuviel versprochen?“, fragte nun Ralf, Joey.

„Mehr als das, ich hatte dies alles nicht für möglich gehalten!“

Ich konnte eine kleine Träne über Joeys Wange gleiten sehen, aber nicht aus Traurigkeit, sondern aus Freude.

***

„Mein Dad hat vorhin angerufen, er und Mum kommen nachher auch zum Grillen vorbei“, meinte Micha.

„Du kennst deine Eltern?“, fragte Joey interessiert, weil er unsere Unterhaltung mitbekommen hatte.

„Michael ist der einzigste hier, der keine Probleme mit den Eltern hat oder so wie ich und Kirstin ohne Eltern im Heim aufgewachsen sind“, meinte ich und Micha nahm mich in den Arm.

„Meine Eltern haben mich zur Adoption frei gegeben, sie kämen nicht mit einem Behinderten klar“, sagte Joey vor sich hin.

Dies ergriff mich doch nun schon sehr arg, was Joey aber merkte.

„Lass stecken Chris, bin drüber weg. Dass hier gefällt mir viel besser! Seid ihr eigentlich alle vergeben hier, ich meine ist auch jemand solo?“

„Wieso, suchst du einen Freund?“, fragte Micha.

„Klar, wenn es hier lauter so gutaussehende Kerle gibt!“

Michael lachte laut auf, was die Aufmerksamkeit der Anderen ihm einbrachte.

„Also, um diene Frage zu beantworten. Dominic und Bastian sind beide solo und…“

„Was die sind kein Paar?“, warf Joey ein.

„Wir sind ja nicht mal schwul!“, begann Dominic an zulachen.

„Schade!“, kam es von Joey.

„Dann gäbe es da noch unseren Carsten, aber der scheint noch nicht da zu sein“, sagte ich.

„Keine Freundin?“, fragte Joey.

„Nein, keinen Freund!“, antwortete ich, wobei meine Betonung stark auf Freund lag.

„Dreizehn Leute und nur eine Chance für mich!“, sagte Joey gefrustet.

„He Joey“, rief Klara, „es gibt noch eine Menge Mütter mit schönen Söhnen, also keine Sorge, irgendwer, wird schon für dich abfallen!“

Joey lächelte und rollte zu der ersten Kiste.

„Sollen wir dir noch irgendwas helfen auszupacken?“, fragte Klara und sah dabei Kirstin an.

„Nein geht schon, muss ja wissen, wie ich hier alles erreiche“, antwortete Joey.

„Gut, dann geh ich mal hinüber und mach meinen Nudelsalat für nachher.“

„Jetzt wo du es sagst, ich wollte die Würste noch vom Metzger abholen“, meinte Dennis, „Kirstin kommst du?“

„Ja, ich gehe auch gleich mit“, antwortete diese.

„Also gut, ich denke, alle wollen noch etwas vorbereiten für heute Abend“, sagte ich, „dann kann Joey auch in Ruhe einräumen. Und Joey, keine falsche Charme, wir helfen hier alle gerne!“

„Kein Problem, ich komme darauf zurück.“

***

Ich schnitt gerade das Weißbrot auf, als Micha in die Küche kam.

„Ich will ja nichts sagen, aber auf der gegenüberliegenden Seite der Straße steht da jemand am Baum, der die Häuser beobachtet“, erzählte er.

„Bitte?“, fragte ich erstaunt.

„Schau selber, da drüben am Baum steht er!“

Ich folgte ihm ans Küchenfenster und genau, da stand jemand an der alten Eiche gelehnt und schaute auf unsere Häuser.

„Könnte dass Tommaso sein?“, fragte ich.

Schon gut möglich, ich kann es nicht genau erkenne, jedenfalls nicht aus der Entfernung.“

„Soll ich hinaus gehen?“

„Nein. Lass mal. Vielleicht lockt ihn der Lärm hinter dem Haus zu uns.“

„Lärm?“

„Ja die Grillparty, wohin wir beide nun gehen werden.“

„Ach so, sag das doch gleich!“

Ich nahm den grünen Salat, Micha die Salatsauce und so machten wir uns auf den Weg, über unsere Terrasse, in den Garten. Dennis und Gunther hatten bereits den Grill angeworfen. Kerstin und Klara richteten die Salate so, dass man später gemütlich davon nehmen konnte.

Joey stand mit seinem Rolli bei Dennis, aber ich konnte nicht hören was sie beide redeten. Durch das Gartentor kamen nun auch Thomas und Andreas, der eine riesen Schüssel vor sich trug.

„Was habt ihr denn da mitgebracht?“, rief Klara.

„Wir dachten uns, wir könnten auch etwas Süßes vertragen. So haben ich und Andreas eine Schokocreme gemacht“, antwortete Thomas.

Wieder ging das Gartentor auf und Susanne kam mit Carsten hereingeschlendert, im Schlepptau war Monika.

„Mensch Monika, dass ist ja eine Überraschung“, rief ich und fiel ihr um den Hals.

„Ich kann mir doch nicht entgehen lassen, wenn meine Lieblingsgang grillt!“, entgegnete sie.

Natürlich wurde sie auch von den Anderen herzlich begrüßt. Bei Joey blieb sie eine Weile länger stehen und unterhielt sich sehr angeregt mit ihm. Die ganze Zeit stand Carsten schweigend neben mir und beobachtete die Zwei.

„Was ist?“, fragte ich.

„Interessanter Kerl!“, kam es von Carsten.

„Soll ich euch miteinander bekannt machen? Aber ich warne dich, er hat ein loses Mundwerk.“

„Klar doch! Als hätte mich so etwas je abgehalten.“

So ging ich mit Carsten zu den beiden, die sich immer noch unterhielten.

„Joey, du wolltest doch Carsten kennen lernen, hier ist er“, meinte ich.

„Das ist also derjenige, bei dem ich noch Chancen haben könnte“, sagte Joey mit einem frechen Grinsen.

„Das kommt darauf an, wie du dich in Zukunft benimmst“, gab Carsten zurück.

Nun war Joey doch verstummt und rot geworden, ich konnte mir das Lachen nicht mehr verbeißen. Da hatte doch wer seinen Meister gefunden. Als ich mich von ihnen abwandte, sah ich Julia, Julius Frau, alleine durch das Gartentor kommen.

„Wo ist Julius?“, fragte ich erstaunt.

„Der hat auf der Strasse Arbeit gefunden“, meinte sie trocken und begrüßte die Anderen.

Ich lief durch das Gartentor hinaus auf die Vorderseite der Häuser. Gegenüber an der Eiche konnte ich Julius erkennen. Bei ihm stand Tommaso. Nun wusste ich nicht, ob ich zu ihnen rüber gehen sollte, nach dem Tommaso das letzte Mal weggerannt war.

Aber Julius schien mir diese Entscheidung schon abgenommen zuhaben. Er winkte mich zu sich. Langsam lief ich über die Straße, blieb aber kurz vor den Zweien stehen.

„Komm ruhig näher, Tommaso beißt nicht. Und entschuldige bitte, dass wir so spät dran sind. Seit wir keinen Hausmeister mehr im Amt haben, geht es ein wenig drunter und drüber“, sprach Julius.

Hausmeister? Da war doch was! Schnell hatte ich den Gedanken aber wieder beiseite geschoben.

„Hallo Tommaso“, sagte ich und streckte die Hand aus.

„Hallo Christopher“, entgegnete er mir und schüttelte meine Hand.

„Also, wollt ihr zwei hier stehen bleiben oder kommt ihr mit rüber? Ich denke, dass ihr beide sicherlich etwas zum Essen vertragen könntet.“

Julius schaute Tommaso an, der schüchtern nickte.

„Tommaso, es ist niemand hier, der dir was böses will. Versuch dich einfach Mal zu entspannen und diesen Abend genießen“, meinte Julius und legte seine Hand auf Tommasos Schulter.

Wieder nickte er leicht und setzt sich langsam in Bewegung. Gemeinsam überquerten wir die Straße und betraten den Garten durch das Gartentor.

***

Es war spät geworden, alles an Essen war vernichtet. Joey war Carsten nicht mehr von der Seite gewichen und auch so ziemlich brav gewesen, was seine Äußerungen betraf. Monika und Susanne verabschiedeten sich dann bald auch, Julius und Julia folgten ihnen.

„Und wo schläfst du heute Nacht?“, wollte Thomas von Tommaso wissen.

„Ich weiß es noch nicht, bei irgendwelchen Freunden werde ich schon etwas finden. Zu meinen Eltern möchte ich auf jeden Fall nicht.“

Thomas schaut kurz zu Andreas, der ihm kurz zunickte.

„Also, wenn du nichts dagegen hast, in unserem Wohnzimmer haben wir ein Schlafsofa, da kannst du ruhig bleiben!“

„Ich will aber niemanden Umstände machen“, kam es von Tommaso.

„Keine Sorge, dass machst du nicht und ich würde mich auch wohler fühlen, dass du eine gute Schlafstelle hast!“, sagte Andreas.

„Wenn es euch wirklich nichts ausmacht, nehme ich gerne an.“

„Würden wir nicht tun, wenn es so währe!“, sagte Thomas und trank von seinem Wein.

Ich hob den Daumen, ohne dass es Tommaso sah, weil er mit dem Rücken zu mir saß. Wir beschlossen dann alle Schluss zu machen und begannen aufzuräumen. Ich war wirklich müde und musste herzhaft gähnen.

„Ich glaube, da muss ich wen ins Bett bringen“, hörte ich meinen Micha sagen.

„Kannst du… gleich, will das nur noch abwischen!“

Micha nahm mich in den Arm und küsste mich sanft.

„Dann mach mal schnell, bevor ich es mir anders überlege!“

Ich grinste ihn an.

„Und wer bringt mich ins Bett?“, kam es von Joey.

Erwartungsfroh schaute er auf Carsten, der erstaunt auf sich zeigte, als er Joeys Blick sah.

„Klar doch!“, sagte Joey.

„Da muss ich dich aber enttäuschen, ich werde jetzt erst Mal einen Sparziergang mit Joe unternehmen“, meinte Carsten.

„Wer ist denn Joe?“

Ich merkte, dass Joey jetzt nun total durch den Wind war und total unsicher.

„Das ist mein Hund, der muss heut Abend auch mal Gassi gehen.“

Man spürte wie es im Kopf von Joey ratterte.

„Kann ich mit?“

„Ich schiebe dich aber nicht!“

„Kein Problem, ich bin durchtrainiert, ich halte etwas aus! , sagte Joey.

„Davon kann ich mich ja später überzeugen! Wenn du einen Augenblick wartest, hole ich schnell Joe aus der Wohnung.“

„Wo wohnst du denn?“

„Ganz da oben.“

„Und wie soll ich da bitte hinaufkommen?“, fragte Joey.

„Du bist doch durchtrainiert!“, gab Carsten von sich, begann zu lachen und verließ uns dann.

Schnell war alles entsorgt und jeder zog sich in seine Wohnung zurück. Im Hineingehen sah ich Joey und Carsten mit dem Hund loslaufen. Wir verabschiedeten uns von Tommaso und lagen kurze Zeit darauf im Bett.

***

Ich hatte vergessen die Rollos herunter zumachen. Die ersten Sonnenstrahlen dieses Sonntags schienen mir direkt ins Gesicht. Müde blinzelte ich durch die Gegend. Friedlich schlief Micha neben mir, der seinen Arm um mich gelegt hatte.

Langsam dreht ich mich zu ihm um und beobachtete sein ruhiges schlafen. Sanft strich ich ihm eine Strähne aus dem Gesicht. Auf seinem Mund machte sich ein breites Lächeln breit.

„Ist mein starker Held schon wach?“, fragte Micha leise.

Wieder war er wach und ich hatte nichts davon gemerkt. Ich beugte mich vor und gab ihm einen Kuss. Er schlang seine Arme um mich und zog mich fest an sich. Seine Haut war warm und rieb sich an meiner.

Seine Hand wanderte über meinen Rücken, was bei mir ein zufriedenes Brummen verursachte.

„Oh, mein Bär brummt, dann scheint es ihm ja gut zugehen.“

Ich brummte weiter und irgendwann musste wir beide auch wieder eingeschlafen sein, denn Nicos laute Musik ließ uns beide gleichzeitig hochfahren. Sofort war die Musik wieder verstummt.

Wenig später klopfte es leise und die Tür öffnete sich langsam. Nico streckte den Kopf herein.

„Entschuldigt, der Stecker meines Kopfhörer ist heraus gerutscht“, sagte er leise.

Ich ließ mich wieder auf Kopfkissen fallen und stöhnte. Nico kam herein und krabbelte zwischen uns ins Bett.

„Habt ihr wenigstens gut geschlafen?“, fragte er.

„Ja, bis uns übersteuertes Bassgetöse aus der Traumwelt gerissen hat“, meckerte Micha.

„Ich habe mich doch schon entschuldigt!“

Ich konnte nur Brummen und zog die Decke über Nico. Eng kuschelte er sich zwischen uns.

„Ich würde dir verzeihen, wenn du uns ein wunderschönes Frühstück richten würdest!“, sagte ich.

Nico hob den Kopf und sah mich an. Ich musste zwangsläufig grinsen, weil sein Gesichtausdruck wirklich zum Schießen war. Sanft nahm ich ihn in den Arm und ließ meine Hand an seinem Rücken hinunter wandern zu lassen.

Aber nicht um lieb zu ihm zu sein, sondern heimtückisch meinen Finger in seine Seite zubohren. Nico fing an zu quicken und wälzte sich durchs Bett, was einen harten Zusammenstoss mit Micha verursachte.

„Könnt ihr eure Sexgeschichten nicht in ein anderes Bett verlegen?“, fragte er genervt.

„Sex mit wem?“, fragte Nico japsend nach Luft.

Michael musste lachen und begann ebenso wie ich Nico durchzukitzeln. Schreiend und um Gnade winselnd, wälzte er sich zwischen uns im Bett.

„Okay, wir hören auf, wenn du das Frühstück machst!“, sagte ich.

„Ihr Sklaventreiber, ist ja schon in Ordnung.“

Bevor er sich aus dem Bett mühte, gab er jeden von uns noch einen Kuss und schon war er verschwunden.

„Ist er nicht süß, der Kleine?“, brummte Micha aus seinem Kissen.

„Schon!“

Micha richtete sich auf.

„Was geht im Kopf meines Großen wieder vor?“

„Nico hat bald Geburtstag.“

„Ja und? Ach so, jetzt verstehe ich. Du willst das mit der Adoption wirklich durchziehen?“

„Ja, klar. Nico wünscht sich nichts sehnlicher, als wieder eine Familie zu haben. Monika hat keine Einwände, Nico ist supergut in der Schule, was kann ich ihm da Schöneres schenken, als mein realer Bruder zu sein.“

„Christopher und sein großes Herz!“, sagte Micha und ließ grinsend sich wieder ins Kissen fallen.

Ich schaute Micha lange und durchdringend an.

„Was?“, murmelte er.

„Und wie sieht es mit dir aus, willst du nicht auch dazu gehören?“

„Ich? Du willst mich auch adoptieren?“, fragte Micha sehr erstaunt.

„Nein, etwas viel besseres!“

Mit Michas Gelassenheit war es nun endgültig vorbei.

„Sorry, ich sitze jetzt gerade total auf dem Schlauch, was meinst du?“

Ich setzte mich auf und nahm Michas Hand.

„Könntest du dir vorstellen, mein Mann zu werden?“

„Christopher… wow… ja!“

Micha fiel mir um den Hals, drückte mich fest an sich und begann zu weinen. Und wie sollte es in so einen romantischen Augenblick nicht anders sein, die Tür wurde aufgerissen und Nico stand wieder in unserem Schlafzimmer.

„Was ist denn mit euch los?“, fragte er, als er Michas verheultes Gesicht sah.

„Nichts!“, kam es von Michas Lippen.

„Ja, das sehe ich. Deine Schminke verläuft!“, grinste Nico frech.

Das war jetzt wohl doch zuviel. Micha sprang auf, schnappte sich Nico und schleuderte ihn ins Bett. Dann sprang er auf ihn und begann ihn fies durchzukitzeln. Nico schrie wie am Spieß, wand sich unter Micha, doch er hatte keine Chance.

Mir gefiel das Schauspiel und musste ebenso lachen, aber auch, weil Micha nicht daran gedacht hatte, dass er nichts an hatte. Wie so oft hatte Micha nackt geschlafen. Kurz schaute ich Micha an und dann wanderte mein Blick tiefer.

Plötzlich hörte er auf sprang von Nico und zog sie das Leintuch um die Hüften. Nico dagegen lag wie hingeschüttet auf unserem Bett.

„Und nun raus! Man klopft an, wenn man zu Erwachsenen ins Zimmer kommt!“, rief Micha, wobei ich jetzt nicht wusste, ob sein Ärger gespielt oder Ernst war.

„Um mir diesen geilen Anblick entgehen zulassen!“, meinte Nico und zeigte auf Micha.

Ich kam aus dem Lachen nicht mehr heraus. Micha setzte sich wieder aufs Bett.

„Was ist eben mit euch los gewesen?“, fragte Nico nun leise.

Mich schaute mich kurz an und ich nickte ihm zu.

„Chris hat mir einen Heiratsantrag gemacht!“

Nico schaute zwischen uns hin und her, anscheinend konnte er nicht glauben, was er gerade gehört hatte.

„Ist das wahr, also ich meine so richtig mit Standesamt und allem?“, fragte Nico ungläubig.

„Ja, klar!“, gab ich ihm zur Antwort.

„Wow!“

„Das habe ich auch gesagt“, kam es von Micha und lächelte.

„Und wann?“, fragte Nico.

„Ich dachte da so an eine Doppelhochzeit im Frühjahr!“

***

Nach dem Frühstück wollte ich erst einmal nach Tommaso schauen, aber weil sich in der Wohnung von Andreas und Thomas noch nichts rührte beschloss ich hinauf zu Carsten zu laufen.

Erstaunt blieb ich aber an den ersten Stufen der oberen Treppe stehen, als ich vor Carstens Tür den Rollstuhl von Joey vorfand. Drinnen hörte ich plötzlich Joe bellen und wollte schon wieder kehrt machen.

Da öffnete sich die Wohnungstür und Carsten schaute heraus.

„Wolltest du zu mir?“, fragte Carsten.

„Ja, aber…“

Mein Blick fiel auf den Rollstuhl. Carsten lächelte und gab mir einen Wink, ihm in die Wohnung zu folgen.

„Ich will nicht stören!“, sagte ich leise.

Joe drängte sich an Carsten vorbei und kam die kurze Treppe zu mir hinunter gelaufen.

„Du störst nicht!”, sagte Carsten und verschwand in die Wohnung.

Mit Joe folgte ich ihm und schloss hinter mir die Wohnungstür. Suchend ging ich langsam ins Wohnzimmer.

„Falls du Joey suchst, der liegt noch im Bett! Willst du auch einen Kaffee?“, fragte Carsten.

„Ähm, ja!“

„Ich auch!“, kam es aus dem Schlafzimmer.

Verdutzt sah ich Carsten an.

„Ich muss wohl etwas aufklären“, sagte Carsten und machte sich an seiner Kaffeemaschine zu schaffen.

„Du musst gar nichts!“, erwiderte ich.

„Doch, ich habe viel zu lange gewartet mit dir zu reden, jetzt könnte ich es stundenlang tun!“

Ich fühlte mich geschmeichelt und musste lächeln.

„Joey wollte gestern Nacht unbedingt noch mit hier herauf. Ich kann dir sagen, das war eine ganz schöne Schlepperei.“

„Ist Joey so schwer?“

„Nein, der Rolli. Ich wusste ja nicht, dass man den einfach zusammenklappen kann.“

„Du hast so, als kompaktes hochgetragen?“

„Ja!“, meinte Carsten und wurde etwas rot dabei.

Ich konnte es mir einfach nicht verkneifen und fing laut an zu lachen.

„Über was lachst du denn?“, kam es von hinten.

Ich fuhr herum und Joey stand vor mir.

„Du… du stehst ja!“, sagte ich total erstaunt.

„Ja, ein bisschen kann ich noch selber laufen, aber auch nicht weit!“

Ich sah, wie er sich krampfhaft am Türrahmen festkrallte, um nicht umzukippen.

„Mensch Joey, ich habe doch gesagt, du sollst so was nicht machen!“, sagte Carsten, der das Ganze auch mitbekommen hatte.

Er ging auf ihn zu nahm ihn hoch und trug ihn in die Küche. Ich folgte den beiden und sah, wie Carsten, Joey auf einen Stuhl setzte.

„Das ist jetzt wirklich eine Überraschung“, meinte ich.

Joey hatte einen Unfall. Er ist zwar nicht gelähmt, aber er hat überhaupt kein Kraft in den Beinen. Es hat sich auch anscheinend nie einer darum gekümmert, sein Krankenblatt mal genau durch zulesen und was dagegen zu tun“, sagte Carsten ärgerlich.

„Du meinst er könnte laufen, wenn er ein richtiges Training hätte?“, fragte ich.

„Ja!“

„Und warum hast du nie jemand darauf angesprochen?“, fragte ich Joey.

„Das habe ich ja, aber keiner wollte so Recht Notiz davon nehmen“, antwortete er.

Carsten stellte mir und Joey einen Kaffee hin, als mein Handy losklingelte. Auf dem Display stand Micha. Ich nahm das Gespräch an.

„Ja Micha, was ist?“

„Hier steht ein total aufgelöster Ralf vor mir. Joey ist nicht in seiner Wohnung, hat dort heut Nacht auch wahrscheinlich nicht geschlafen.“

„Konnte er auch nicht!“, meinte ich, „er lag in einem anderen Bett.“

„Was, wie… er lag in einem anderen Bett?“

Ich schaute zu Joey und Carsten und sie bemerkten, über was da geredet wurde. Beide fingen an zu grinsen.

„Joey hat heute Nacht bei Carsten geschlafen!“

„Hoppla!“, hörte ich Micha sagen.

„Ja, dies dachte ich auch! Soll ich Carsten trotzdem fragen?“

„Ja klar, wenn wir schon soweit planen, will ich das nun auch wissen.“

„Okay. Dann kannst du ja Ralf beruhigen, wir sehen uns später. Bye!“

„Bye Schatz!“

Ich drückte das Gespräch weg und ließ das Handy wieder verschwinden.

„Was sollst du mich fragen?“, fragte Carsten.

„Ob du unser Trauzeuge werden willst?“

„Ihr wollt heiraten?“, fragte Carsten verwundert.

„Ja, nächstes Jahr im Frühling, vielleicht sogar mit Kirstin und Dennis zusammen.“

„Jetzt bin ich aber echt von den Socken!“, meinte Carsten und setzte sein bekanntes Lächeln auf.

„So jetzt aber zurück zu dir, Joey. Du könntest wirklich laufen, wenn du das nötige Training hast?“, fragte ich.

„Ich weiß es nicht genau, aber so wie das damals im Krankenhaus verstanden habe, klar!“

„Da kümmere ich mich mal am Montag drum. Und jetzt zu euch beiden, was wolltest du mir vorhin erzählen, Carsten?“

„Na ja, der Kleine wollte nicht mehr in seine Wohnung zurück, ihm wäre das jetzt zu anstrengend, meinte er und da es für ihn auf meiner Couch zu unbequem gewesen wäre, hat er bei mir im Bett geschlafen.“

Wieder musste ich grinsen, dabei wurde Joey rot.

„Nein Chris, es ist nichts passiert!“, versicherte mir Joey hoch und heilig.

„Nur ein bisschen kuscheln und in meinem Arm einschlafen, mehr hat er nicht getan!“, erzählte Carsten mit einem Lächeln.

„Muss ich mir jetzt um einen Fahrstuhl hier herauf Gedanken machen?“, fragte ich.

Joey richtet sich ein wenig auf und sah mir tief in die Augen.

„Ich mag Carsten sehr, dass gebe ich zu und ich wünsche mir nichts sehnlicheres als einen Freund wie Carsten, aber dennoch muss ich ihn ja erst mal richtig kennen lernen und er auch mich. Wenn er mich dann noch will, dann kannst du dir Gedanken machen, ob wir hier im Haus einen Fahrstuhl brauchen oder nicht!“

Carsten nahm ihn in den Arm und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn.

„Ich mag diesen Kleinen einfach“, meinte er und sah stolz auf Joey.

***

Später saß ich im Wohnzimmer auf der Couch, an Micha gelehnt und döste vor mich hin. Micha selbst, lass in einem Buch, dass er für ein Referat brauchte. Ab und zu schüttelte er den Kopf, brummte etwas vor sich hin, lass dann aber ruhig weiter.

Nach dem Mittagessen hatte Tröger, Julius Freund bei der Kriminalpolizei, uns einen Kurzbesuch abgestattet, um uns darüber zu informieren, dass Tommaso wieder zu Hause wäre, seine Mutter eingesehen hätte, dass sie sich ziemlich > blöde < benommen hatte. Nur war da das Problem mit Marius noch, wobei ich da auch schon eine Lösung hatte. Zufrieden schlummerte ich in den Armen meines Schatzes ein.

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