Welcome Kapstadt – Teil 12

Ich öffnete seine Email.
„Hallo mein Schnuckelchen,
heute war ein komischer Tag. Der Hausmeister des Wohnheims machte einen Anschlag ans Schwarze Brett, wonach ab sofort nicht mehr geduldet wird, dass zwei Personen in einem Einbettzimmer wohnen dürften“ .
Ich begann zu zittern.
„Er machte darauf aufmerksam, dass es zum Ausschluss aus der Uni führen würde, wenn sich diese Gemeinschaften nicht innerhalb 14 Tagen auflösten. Ich finde es lächerlich, jahrelang war das kein Problem und plötzlich dieser Aufstand. Wir müssten in ein Zweimannzimmer einziehen, aber da ist im Moment nichts frei. Aber was deine Wohnung betrifft, ich habe da was schönes in Aussicht. Zehn Minuten von der Schule weg, zur Uni sind es fünfzehn. Kein Grund zur Aufregung.
Onkel Robert hat begonnen, den Dachboden auszubauen. Er meinte, die Miete für dein Zimmer würde doch irgendwie fehlen und nun rennt er herum wie ein Huhn und versucht in dem Speicher bis zur Saison ein Zimmer herzurichten. Naja, eine Menge Aufregung, aber das kriegen wir schon hin.
Bist du schon im Reisefieber? Ich vermisse dich so..
Einen großen, dicken Kuss von deinem Schnucki.
Dein dich immer liebender Shaun.“
Ich las die Mail zwei, fünf, zwanzig Mal.
Dann liefen mir die Tränen herunter. Irgendwie hatte ich auf einmal das Gefühl, dass es schief gehen könnte. Besonders dass Robert so eine Arbeit hatte wegen mir. Und dann dieses Wohnheim, dem ich nie so richtig traute. Alleine würde ich wohnen müssen, irgendwo in einer Bude, ohne Shaun.
Das alles waren doch Angriffe auf die Schwulen oder warum duldete man es plötzlich nicht mehr? Ging es ums Geld, ging es um Beziehungen? Ein düsterer Schatten zog auf. Was, wenn man plötzlich Front gegen die Jungs machte, die in einem Einbettzimmer schliefen? Musste ich Repressalien fürchten? Das war Letzte, was ich wollte und brauchte. Entweder ich konnte öffentlich zu Shaun stehen oder nicht. Wenn nicht, hatte das alles keinen Sinn. Übergriffe gab es hier auch, da musste ich nicht um die halbe Welt auswandern.
Nun ahnte ich warum ich keinen Hunger hatte. Vorahnungen. Es gab bereits jetzt Schwierigkeiten, und ich war noch gar nicht da. Gut, es hatte niemand gesagt dass es einfach werden würde, aber ich fühlte mich unwohl dass es wegen mir Probleme gab.
Ich starrte auf meinen Ring und drehte ihn, setzte mich im Schneidersitz auf mein Bett und ließ die Diashow mit den Fotos, die Shaun mir geschickt hatte, im PC ablaufen. Zu diesen Bildern gesellten sich meine aus dem Kopfkino.
Sein Lachen, die süßen Grübchen dabei, die Augen, die langen Wimpern, sein schlanker, schöner Körper, sein Geruch, seine zarte Haut.. Wieder kamen die Tage hoch.
Der erste Blick im Flugzeug, der dicke Mann, Adrian. Der Kampf mit dem Essen auf dem kleinen Tablett, die Erste Klasse, Shauns nackte Füße beim Sekt zu seinem Geburtstag. Unser erster Kuss da oben, sein Blick dabei. Wie er mich zu unseren Sitzen schleift. Unsre ersten Berührungen, meine Angst, dass wir herunterfallen könnten. Mein Blick in den Spiegel in jener Nacht da oben im Klo, die Entdeckung seines Slips, der Kondome. Mein kleiner Freund, der meine Lust ins Taschentuch spritzte, Shauns Anblick beim Sonnenaufgang. Seine leise, einschmeichelnde Stimme, es würde bei der Landung schon nichts passieren. Der Anflug auf Kapstadt, die Weinberge, das Meer. Im Auto neben ihm auf der Fahrt zu uns. Das Weingut. Seine Mutter, sein Onkel, der Anruf seines Vaters. Der Biss der Schwarzen Witwe, mein Fieber und die Träume dazu. Doc Case, den ich als Geist bezeichnete. Shauns Beichte über die Vergewaltigung, die Tränen und die Angst. Unsere gemeinsame Dusche. Die Fahrt nach Arniston, der Spaziergang am Meer. Wir zwei vor dem Kamin und das kuscheln im Bett in jener kalten Nacht. Das Rauschen des Meeres an dem Morgen, das späte zweite Frühstück. Mein Zimmer, Nadine, Wolfgang.
Viel war passiert in den wenigen Tagen, sehr viel. Und ich hatte doch meinen Liebsten gefunden.
Scheiß Melancholie. Sie übermannte mich.
Zweifel standen Freude und meiner Liebe gegenüber. Ich spürte den Kampf in meiner Brust. Nein, ich würde ohne Shaun nicht leben können, nie. Sein Gesicht begleitete mich, in jeder Minute.
Zwei Tage noch, dann war ich bei ihm. Was konnte schon groß sein? Eine eigene Bude, warum nicht? Ich konnte mich dort mit Shaun treffen, er konnte sicher bei mir schlafen. Und Onkel Robert, der würde irgendwann sein Zimmer ausgebaut haben und dann war wieder Ruhe. Ich machte mir zuviel Gedanken, dachte ich.
Ich hielt die Diashow an der Stelle an, wo das Bild meiner neuen Schule zu sehen war. Schön war sie, leuchtend weiß, umgeben von Palmen, sauber und so stilvoll. Kein Bunker wie meine Schule hier. Was würden das für Typen sein in meiner Klasse? Wie waren die Lehrer dort? Gab es da auch Drogen und Drohungen? Rauchten die auch? Machten sie Partys wie wir ab und zu?
Und später, die Uni. Ich grübelte was ich studieren wollte. Jura jedenfalls nicht, aber das lag noch schön weit weg. Zu weit, um mir wirklich Sorgen zu machen.
Aber warum dachte ich erst jetzt über all die Dinge nach?
Ein Foto von ihm folgte. Ich setzte mich ganz nah an den Monitor und vergrößerte das Bild. Diese Augen, die langen Wimpern, die strubbeligen Haare, durch die ich da gern gefahren wäre. Zitternd tasteten meine Finger sein Gesicht ab. Obwohl die Scheibe des Monitors kalt war, spürte ich die Wärme durchdringen. Zwei Tage. 48 Stunden. Kein Zeitraum eigentlich, nur ein Atemzug im Leben.
Ich haute in die Tastatur.
»Hallo mein Schnucki,
ich hab deine Mail mit etwas gemischten Gefühlen gelesen. Zum einen dass ich nicht bei dir im Wohnheim sein kann, und dann dass Onkel Robert soviel Arbeit hat wegen mir. Glaubst du dass das alles gut geht? Ich fühl mich nicht gut bei dem Gedanken, warum weiß ich nicht. Aber ich glaube ich sehe zu schwarz.
Bin müde heute und gehe früh ins Bett. Wir werden uns ja dann am Donnerstagmittag sehen, wenn ich in Kapstadt ankomme.
Fühl dich geküsst
Dein Dario«
Keine zehn Minuten später kam seine Antwort.
»Hallo Dario,
deine Mail gefällt mir gar nicht. Sie war so kurz wie nie und wenn ich zwischen den Zeilen lese, dann glaube ich viele Zweifel erkennen zu können. Du musst dir wirklich keine Gedanken machen. Aus der Entfernung mag das alles tragisch klingen, aber ich versichere dir, so ist es nicht. Onkel Robert hat kein einziges Wort über dich verloren. Er meinte, der Dachboden wäre eh längst fällig gewesen, jetzt hatte er endlich einen Grund, da an die Arbeit zu gehen..
Übrigens war gestern seit langem mal wieder eine Party im Wohnheim. Paul und Richie (die sind ein Paar) haben Ravioli gemacht, hätte für eine Armee gereicht. Das halbe Heim war in deren Bude und es war sehr lustig. Wie immer dann zum Italiener anschließend und nun hatte ich heute einen dicken Kopf von dem billigen Rotwein. Aber du weißt ja, ab und zu muss das sein.
Nun schlaf schön und nimm mich in deine Arme.
Dein Shaun, der dich immer lieben wird.«
Er las zwischen den Zeilen. So wie er immer spürte, was in mir vorging. Er würde mich beobachten, jedes Wort genau filtern nach dem WIE ich es sagte, nicht WAS.
Ich schaltete den PC aus und setzte mich aufs Bett. Wieweit wollte ich das wirklich? Sollte mein Name bei Onkel Robert tatsächlich nie gefallen sein, oder wollte mich Shaun nur beruhigen? Ich versuchte, keine Widersprüche in seinen Zeilen zu entdecken.
Ich legte mich hin, ständig sein Bild im Kopf.
Aber es gab ja auch noch anderes. Nicht aufstehen am anderen Morgen, keine Schule für die nächsten vier Wochen. Genießen. Abschalten. Innerlich Abschied nehmen von all dem. Freuen auf den Flug und Shaun in die Arme nehmen zu können.
Es klingelte.
»Dario?! Dagmar ist hier« rief meine Mutter hoch.
Eigentlich wollte ich an dem Abend niemanden mehr sehen, aber für Daggi machte ich eine Ausnahme.
»Soll raufkommen« brüllte ich durch meine Tür in den Hausflur.
Sie trat in mein Zimmer wie eine Novizin. Dass ich nur Shorts anhatte störte mich nicht.
»Hallo Dario.«
Ihr Stimme war so leise wie selten und ich hatte auch noch nie so einen Gesichtsausdruck bei ihr gesehen. Sie setzte sich einfach auf mein Bett und spielte mit ihren Fingern.
»Und du gehst jetzt wirklich fort, für immer?«
Sie verstand es nicht und ich konnte es ihr nachfühlen. Ich nahm sie in den Arm.
»Ja, ich geh, aber ich bin doch nicht aus der Welt. Du kennst Shaun nicht, und wenn, dann würdest du es verstehen. Er ist ein wirklich lieber Kerl.. du hast ihn ja gesehen auf den Fotos.«
»Kann ich mir die Bilder noch mal anschauen?«
Ich fuhr meinen Rechner hoch und holte seine Fotos auf den Monitor.
Sie setzte sich vor die Kiste und starrte die Bilder an.
»So schön ist es dort. Und Shaun.. naja, ich hab’s ja schon gesagt dass ich dich verstehen kann.«
Ein Bild zeigte ihn mit nacktem Oberkörper und Shorts am Strand. Mit diesem umwerfenden Lächeln, den zersausten Haaren und im Hintergrund das blaue Meer. Mein Lieblingsbild.
»Oh Dario, was hat du für ein Glück. Der ist ja so schnuffig.«
»Ja, Daggi, das ist er. Lieb, anständig, gebildet..« Den Rest sparte ich mir zu sagen. Nämlich dass er im Bett eine Kanone war.
»Und ihr habt..?«
Die Frage musste ja kommen. Neugier der Frauen und dass sie die nicht schon früher gestellt hatte?
»Ja, wir haben.«
»Und, wie war es?« Etwas verklärt schielte sie mich an.
Nun ging sie wirklich zu weit.
»Also, wir lieben uns. Was alles noch dazu gehört, das kennst du, wenn auch aus anderer Sicht.«
»Mensch Dario, ich beneide dich, ehrlich. Es ist ein Jammer mit dir. Wir wären doch ein schönes Paar geworden, oder?«
Sie phantasierte wieder.
»Klar, wären wir.«
Sie legte ihren Kopf an meine Schulter und spielte mit meiner Halskette.
»Ich werde keinen mehr finden der so ist wie du« flüsterte sie.
»Doch, das wirst du. Eines Tages steht er plötzlich vor dir, dann macht’s „Klick“ und schon ist es passiert.«
»Das sagst du nur, um mich zu beruhigen. Es gibt einen Jungen wie dich kein zweites Mal.«
»Tja, weißt du, diese Worte hab ich schon einmal gehört.«
»Von ihm?«
»Ja, von ihm.«
Es klingelte.
»Dario? Fritz ist hier« rief es wieder von unten.
Nun war es egal wer da noch kommen wollte, müde war ich nicht mehr.
»Soll aufkommen!«
Da stand er, der Junge, der mich fast mein ganzes kurzes Leben begleitet hatte, von der ersten Klasse an. Fritz ist nicht unbedingt das, was ich mir als Lover gewünscht hätte, aber ein sehr guter Kumpel. Die Grenze zum Freund, denn allzu viel hatten wir nicht miteinander. Fritz ist so groß wie ich, schlank, kurze dunkle, gegelte Haare die nach allen Richtungen abstanden, immer einen braunen Teint, Ohrringe, einen Piercing im Bauchnabel, ewig irgendwo einen Pickel im Gesicht und einen Hang zu dunklen Klamotten. Er hatte keinen richtigen Freund und auch keine Freundin, schwebte irgendwo im Niemandsland. Wir hingen irgendwie zusammen, aber unsere Charaktere waren für eine Freundschaft einfach zu unterschiedlich. Auch tauchte er nie in meinen früheren Wachträumen auf, die ich Abends zum einschlafen brauchte. Da waren andere Jungs aus der Schule am Zuge.
»Hi« sagte er und stand in meinem Zimmer wie bestellt und nicht abgeholt.
»Komm, setz dich.«
Er pflanzte sich auf den Stuhl am PC, starrte auf Shauns Foto und dann zu uns herüber.
»Was verschafft mir die Ehre?« fragte ich ihn, froh dass er die Zweisamkeit mit Daggi störte.
»Ich.. äh.. ich wollte mich noch einmal von dir verabschieden. Einfach so. Und übrigens, auch wenn du einen Jungen liebst, es ändert sich nichts zwischen uns. Es.. es stört mich nicht.«
In seiner Stimme lag eine Menge Traurigkeit. Ich schluckte, mein Abschied schien ihn tief zu berühren. Da wurde mir bewusst dass er außer mir keinen anderen hatte. Er tat mir leid irgendwie, aber er konnte an der Sache nichts ändern. Als ich ihm vor ein paar Tagen gestand, dass meine Liebe männlich ist, hatte er komischerweise ganz normal reagiert. „Freut mich für dich“ war alles, was er darauf sagte.
Sah ich ein Glitzern in seinen Augen? Ich ging zu ihm hinüber und streichelte seine Schulter.
»Mensch, Fritz, spart man richtig und dann kommt ihr zu uns. Wir stellen Kapstadt einfach auf den Kopf.«
Gequält sah er mich an, sprang auf und fiel mir um den Hals.
»Dario, ich.. werd so allein sein ohne dich.«
Ich schob in von mir und sah ihm in die Augen, so, wie ich es bei Shaun hundertmal getan hatte. Und da brach etwas in mir zusammen. Fritz hatte auch schöne Augen, nur hatte ich sie so noch nie gesehen. Und er fühlte. Er sprach in einem Ton, der mich aufwühlte. Ich wehrte mich sofort gegen eine aufkommende Gefühlsduselei. Fritz war nicht mein Typ, keiner den ich gegen Shaun eingetauscht hätte. Aber da war plötzlich dieses andere Gefühl, unerklärlich. Ich kannte seinen Duft, saß ja immer neben ihm. Jeder Mensch riecht irgendwie; nicht der aufdringliche Schweißgeruch oder übermäßiges Parfüm. Nein, ich hatte es bei Shaun schon bemerkt. Ganz individuell ist dieser Geruch. Aber Fritz saß schon ewig neben mir, da fällt einem so etwas wahrscheinlich nicht mehr auf. Dafür tat es das in diesem Augenblick um so intensiver. Shaun roch umwerfend, ich wusste immer noch nicht nach was. Eben kein Parfüm, kein Rasierwasser. Aber Fritz anzuschnuppern war keinen Deut schlechter. Er erregte mich, ohne dass ich wusste warum.
»Wieso bist du allein? Du hast doch Robert und Frank, Oliver, Andrea, Iris und Melanie. Ihr hängt doch immer zusammen« fragte ich ihn um mich selbst abzulenken.
Er sah mich dermaßen an, dass mir eine Gänsehaut über den Rücken lief.
»Ja, die sind da. Aber sie.. sie sind nicht wie du.«
Ich verstand zunächst nicht, was er sagen wollte.
»Was meinst du damit?«
»Ach, vergiss es.«
Ich stand echt auf dem Schlauch, lenkte dann aber ab.
»Was meint ihr, sollen wir morgen mal mit den Rädern wegfahren? An den Rhein? Es soll schönes Wetter geben« fragte ich spontan.
»Du willst mit dem Rad weg, einen Tag bevor du auswanderst?« fragte Daggi mit großen Augen.
»Warum nicht? Es ist nichts anderes als würde ich in Urlaub fliegen und es gibt nichts mehr zu tun, alles ist gepackt. Nur dass ich länger bleibe. Außerdem, ich würde mich wirklich freuen wenn ihr mitkommen würdet. An meinem letzten Tag hier.«
»Nein, sorry, aber erstens fahre ich nicht gerne mit dem Rad und zweitens solltest du an diesem Tag zu Hause bleiben bei deinen Eltern, meine ich.«
Daggi, das war deutlich zu spüren, war wütend. Dass ich ging, sie alleine ließ.
»Also ich würd schon gerne mitkommen« sagte Fritz leise.
Ich überlegte nicht lange; wollte noch einmal diese Stellen im Wald am Rheinufer sehen, an denen wir so oft gezeltet, gegrillt, gelacht und geweint hatten. Ein Teil meines Lebens.
»Gut, wenn du nicht willst..«
Daggi verschränkte die Arme vor ihrer Brust und zog einen Schmollmund.
»Um halb neun morgen früh, hier bei mir?« fragte ich Fritz.
»Klar, bin pünktlich da« strahlte er.
Daggi stand auf.
»Das war’s dann ja wohl.« Ihr Blick war leicht giftig und ich konnte sie verstehen.
»Ja, ich denke schon.«
Ich nahm sie in den Arm, spürte aber dass sich ihr Körper versteifte. Wahrscheinlich hatte sie eine andere Antwort von mir erwartet, aber ich ließ mich nicht erweichen.
»Schön, dann…« sie umarmte mich, gab mir einen Kuss auf die Lippen und wandte sich ab. Ohne noch einmal nach mir zu sehen verschwand sie aus meinem Zimmer.
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Fritz saß irgendwie zusammengesunken auf jenem Baumstamm, auf dem wir viele Stunden unseres Lebens schon verbracht hatten. Da sitzen und philosophieren – es waren zu wenige Stunden stellte ich an diesem Morgen in den Rheinauen fest. Die Frühlingssonne schien, die Vögel sangen ihr Konzert und ansonsten waren wir alleine an diesem Ort.
Er saß da und ich kann es gar nicht beschreiben wie. Hilflos, wortlos. Tränen in den Augen.
»Sag mal, was ist denn eigentlich los mit dir? Was hast du? So kenn ich dich gar nicht« fragte ich ihn.
Er drehte seine Finger umeinander und starrte auf den Boden.
»Du hast es nie gemerkt, nicht wahr?«
»Was soll ich bemerkt haben?«
»Dass ich… dass ich.. Wie lange sitzen wir jetzt nebeneinander?«
Ich grübelte kurz.
»Sieben oder acht Jahre?«
»Und ich hab irgendwann gemerkt, dass du mehr für mich bist als ein Nachbar auf einer Schulbank. Aber du ja wohl nicht« sagte er mit leiser Stimme.
In diesem Augenblick wusste ich was er meinte. Mein Körper krampfte sich zusammen. Natürlich. Ich fand keinen Draht zu ihm, aber er zu mir.
»Du.. du bist..?«
»Sprich das Wort ruhig aus, ich hab mich damit arrangiert. Ich bin nicht hübsch, nicht schön, kein Schnuckelchen das man lieb haben kann so wie du deinen Shaun.. aber ich bin schwul. Ich konnte es dir nie sagen, weil ich dich nicht verlieren wollte.«
»Fritz.. du bist dann wohl schwul wie ich, aber nicht hässlich. Was du gerade gesagt hast ist großer Quatsch, ich meine, was dein Aussehen betrifft.«
»So? Und warum mag mich dann keiner? Und vor allem du nicht?«
»Mein Gott Fritz. Bist du betrunken? Wer sagt denn dass dich keiner mag?«
Ich wurde zum ersten Mal in meinem Leben unsicher. Er mochte mich sehr, so interpretierte ich ihn; vielleicht war er sogar verliebt in mich. Er sagte mir nie etwas, weil er glaubte, mich zu verlieren. Und ich Idiot saß eine Handbreit neben ihm, Jahrelang, und bemerkte es nicht. Keine Signale, keine Andeutungen, keine Anspielungen. Nichts. Es war in dem Moment für mich irgendwie unfassbar. Sicher, Jungen wie Shaun, das waren meine Träume, Tag und Nacht. Und es gab an der Schule etliche Hasen, nach denen ich mich sogar manchmal verstohlen umdrehte. Aber Fritz? Der war da, saß neben mir, und das war’s.
»Die anderen nehmen mich doch bloß aus Mitleid mit, damit ich nicht alleine bin. Sonst gibt’s da keinen Grund. Und du? Außer den paar Stunden in der Woche in denen wir zusammen waren.. war da nichts.«
Er hatte gelitten, das stand da für mich fest. Saß jeden Tag neben mir und ich mochte nicht wissen was all die Jahre in ihm vorgegangen sein musste. Ich schämte mich fast, ihn ignoriert zu haben, zumindest auf dieser Ebene.
»Die anderen. Wer sind die anderen? Was bedeuten sie dir und sind sie dir wichtig?«
Er starrte mich an.
»Sie sind mir nicht wichtig.«
»Na bitte, worüber zerbrichst du dir dann den Kopf?«
Es war mein Ablenkungsmanöver. Von mir, von ihm. Lenkte ab vom Thema, nämlich dem, dass er mir sagen wollte „ich liebe dich“.
»Du bist mir wichtig. Du alleine. Aber du hast es ja nie bemerkt. Ich hab ja bloß nichts gesagt, weil ich keinen Streit zwischen uns wollte. Ich dachte, dann setzt du dich weg von mir. Und das wollte ich nicht.«
»Du wusstest schon vorher dass ich schwul bin?«
»Wenn man so lange zusammen ist wie wir, dann gibt’s da irgendwann keine Zweifel mehr. Zumindest war ich ziemlich sicher.«
Er wusste es, und das nicht seit heute. Nur, warum hatte ich es nie bemerkt? Wollte oder konnte ich das nicht? War er mir so dermaßen egal? Er hatte mich ähnlich beobachtet wie Shaun. Zog seine Schlüsse aus meinem Verhalten, meiner Gestik und Mimik.
Ich sah ihn genau an, erkannte plötzlich ganz andere Züge an ihm. Wieso war mir das in all den Jahren nie aufgefallen?
Er sah mir in Augen. Und die, in die ich sah, waren zutiefst traurig. Sie glitzerten wieder.
»Was soll ich machen wenn du weg bist? Du bist mein einziger Freund.«
Freund. Nie war dieses Wort zwischen uns gefallen. Und nie dachte ich daran, dass es so sein könnte. Klar, wir trafen uns auch mal nach der Schule, machten manchmal Hausaufgaben zusammen, gingen schwimmen oder Eislaufen. Aber irgendwie fehlte eben dieser Draht. Und ich war es, der es nicht bemerkt hatte. Blind. War er mir vielleicht viel zu wichtig, um näher auf ihn einzugehen? Ich wusste es nicht.
Es war spät als wir uns auf den Heimweg machten.
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Der letzte Tag zu Hause war im Traum noch einmal an mir vorüber gezogen. Die letzte Nacht schlief ich eigentlich nicht, zuviel war mir im Kopf herumgegangen. Daggi heulte wie ein Schlosshund und Fritz war an jenem Abend Hals über Kopf nach Hause gefahren.
Meine Eltern waren wohl auch nicht im Bett, ich hörte ab und an ihre Stimmen im Wohnzimmer.
Dann klingelte der Wecker. Der Tag meiner Abreise war da. Völlig übermüdet ging ich an meinen PC und Shaun hatte bereits drei E-Mails geschickt. Aber in allen drei stand das gleiche.
»Ich kann es nicht erwarten. Bis Morgen..«
Ich antwortete auch nur knapp.
»Ich auch nicht.«
Den Tag verbrachte ich auf meinem Zimmer. Immer wieder fragte ich mich, ob es richtig war was ich tat. In wenigen Stunden war das alles hier vorbei, begann ein völlig anderes Leben. Ja, wirklich anders. Aber ich wusste auch, dass ich zurückkommen könnte wenn es nicht funktioniert. Das hob meine Stimmung etwas. Shaun stand merkwürdigerweise nicht im Vordergrund. Natürlich war er es und unsere Liebe, die mich zu diesem Schritt brachte. Aber dieser Abschied von hier beschäftigte mich viel stärker.
Am Nachmittag kamen dann die Verwandten. Das war nicht zu vermeiden, sie mussten sich verabschieden, das sahen sie als ihre Pflicht.
Naja, ein paar Geldscheine staubte ich dabei ab, was die ganze Situation entschärfte.
Und dann hinaus auf die Straße. Letzter Blick zum Haus, die Straße hoch. Mein Blick verschwamm in den Tränen, ich war nicht in der Lage das zu verhindern.
Einstieg ins Auto, Abfahrt. Durch den Ort, in dem ich groß geworden war. In dem ich jedes Haus und jeden Baum kannte. Vorbei an der Schule, die an dem Abend ganz ruhig dalag als wäre auch sie traurig dass ich gehe. Aber es war meine Entscheidung. Auch an Daggis Haus kamen wir vorbei und in ihrem Zimmer brannte Licht. Leise rief ich „Tschüs“ hinauf, bevor der Wagen auf die Landstraße Richtung Autobahn hinauf fuhr.
Es war ein so ganz anderer Abschied am Flughafen wie sonst üblich. War ich froh? War ich traurig? Ich konnte es nicht einordnen. Natürlich weinte meine Mutter und Papa wischte sich auch eine Träne aus den Augen.
Dennoch, ich fühlte mich mächtig erwachsen als ich durch den Zoll ging.
Nach dem Nachtessen an Bord war ich eingeschlafen und all diese Stunden zuvor waren noch einmal aufgetaucht.
Nun aber gab es kein zurück, nur ein Vorwärts. In wenigen Stunden würde ich Shaun in den Armen halten, alles andere musste ich einfach vergessen.
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Das Wasser an meinen Füßen war kalt. Ich lief durch den weichen Sand am Ufer im Wasser entlang, spritzte es übermütig hoch und blinzelte in die Sonne. Warmer Wind streichelte meine Haut, kleine weiße Wolken zogen am tiefblauen Himmel, Vögel lärmten in den Gebüschen ringsum und ich fühlte mich wohl. Ich überlegte kurz, dann sprintete ich ins Wasser.
Das war kalt, ziemlich kalt.
»Shaun?«
Er stand von seinem Badetuch auf und kam auf mich zu.
»Was gibt’s?«
Dabei lächelte er mich wieder so lieb an.
»Könnte da mal jemand das Wasser aufheizen?«
Er lachte, legte seinen Arm um meine Schulter und sah hinaus auf das Meer.
»Tja, das hier sind nicht die Bahamas. Du wirst dich dran gewöhnen müssen..«
Ich drehte mich zu ihm um und packte ihn an den Hüften.
»Gut, ich werde mich dran gewöhnen.. an alles hier.«
Wir küssten uns und gingen zurück zu unserem einsamen Platz in der Bucht, in die sich sonst nie jemand verirrte.
Ein paar Vögel am blauen Himmel waren an jenem Tag die einzigen Zeugen unserer Liebe.

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