Andere Welten – Teil 2

Nach ein paar Tagen war uns allen stinklangweilig. Von den ewig langen Massagen und Ölbädern hatten wir schnell die Nase voll und ständig trainieren wollten wir auch nicht, schließlich sahen wir die freie Zeit wie Ferien an. Ich stahl mich des Öfteren davon und lief heimlich in den Garten.

Keine Ahnung warum ich den Anderen nichts davon erzählte. Vielleicht weil ich ein klein wenig Privatsphäre brauchte, etwas nur für mich. Als ob der König spüren würde, dass ich dort war, tauchte er meist nur wenig später auf oder war manchmal sogar schon da.

Das Training mit ihm wurde immer intensiver und endlich hatte ich das Gefühl, mich wirklich gegen einen körperlichen Angriff mit Magie wehren zu können. Mal davon abgesehen, dass es zwischen uns immer mehr knisterte. Seine Berührungen waren ein Tick zu lang, manchmal überhaupt nicht nötig und seine Blicke zu intensiv. Bei einigen Übungen stand er so dicht hinter mir, dass ich selbst den geringsten Atemhauch spürte.

Aber egal wie oft sich unsere Lippen auch fast berührten, jedes Mal zog er sich kurz davor zurück, als ob er es sich im letzten Moment doch noch anders überlegt, was mich schier wahnsinnig machte. Vielleicht spielten auch nur meine Hormone verrückt.

Als meine Klassenkameraden und ich im Gemeinschaftsraum saßen und zu Abend aßen, begann Shawn rumzumaulen. „Sagt mal, ist es euch auch so stinklangweilig wie mir?“

Alle Drei sahen wir ihn fragend an. Keine Ahnung wie es den Anderen ging, aber ich war zurzeit gut ausgelastet. Als keiner antwortete, seufzte der Redner laut.

„Ich muss hier einfach mal raus, was anderes sehen. Je länger wir hier sind, desto mehr fühle ich mich gefangen wie in einem goldenen Käfig.“

Ich glaube jeder konnte das nachempfinden. Trotz mehrerer Bitten wurde uns der Zutritt in die Stadt, beziehungsweise insgesamt nach draußen, außerhalb der Schlossmauern, strengstens untersagt. Es sei viel zu gefährlich.

„Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, sich hier ungesehen rauszuschleichen? Ich meine, ohne einen Zauber benutzen zu müssen?“, überlegte ich laut. Sobald ich meine Kräfte einsetzen würde, würden die anderen Magier, die hier lebten, inklusive des Königs, es sofort wissen.

„Nur die Priester des Tempels kommen ohne große Kontrollen durchs Tor“, sagte Phil, worauf Shawn triumphierend grinste.

„Rein zufällig haben vier Priesterkutten in meinen Besitz gefunden.“

„Wie praktisch, dass gerade Markttage sind und wir nicht die Einzigen mit langen Umhängen und Kapuzen wären“, gab Juliana breit lächelnd ihren Kommentar dazu.

„Cool! Jetzt brauchen wir nur noch das passende Kleingeld und dann wäre der morgige Shoppingtag echt perfekt“, freute ich mich euphorisch, eine Möglichkeit zu haben, diesen grauen Mauern zu entkommen. Phil und Juli tauschten kurz vielsagende Blicke, bevor beide zwei kleinere Lederbeutel klimpernd auf den Tisch warfen.

„Hab schwarz ein paar Salben vertickt“, sagte unser Genie schlicht.

„Glücksspiel“, meinte die Kriegerin knapp.

Ich war echt sprachlos. Da hatten doch echt alle Drei für alle Fälle vorgesorgt. Nur ich tat nichts Besseres, als mit dem König anzubandeln. So war es also beschlossene Sache. Am nächsten Morgen schlichen wir uns nach dem Frühstück in den hauseigenen Tempel des Schlosses, wo Shawn die Kutten versteckt hatte.

Nacheinander zogen wir diese über und mischten uns dann unter eine größere Gruppe von Priestern, welche den Weg nach draußen anstrebten. Irgendwie konnten wir es kaum fassen, als wir auf den Straßen von Ivara standen und es wirklich geschafft hatten.

Schnell verzogen wir uns in eine Gasse und tauschten die Kutten gegen lange Umhänge, die Phil besorgt hatte, und stopften das übrige Zeug in kleine Rucksäcke, ein Mitbringsel von Juli. Wieder fiel mir auf, dass die Anderen ihr kleines Netz von Informanten und „Dealern“ aufgebaut hatten, während ich einfach nur stumpf vor mich herlebte. Innerlich gelobte ich Besserung und schob vorerst diese störenden Gedanken beiseite.

Wir folgten Shawn die Straßen entlang, der sich die Karte von Ivara oft genug in der Bibliothek angeschaut hatte, und standen wenig später vor dem riesigen Marktplatz der Innenstadt. Jeder hatte irgendwie eigene Interessen und wollte den Platz auf eine andere Weise erkunden. Also trennten wir uns und machten einen Treffpunkt aus, wo wir uns zum Mittag einfinden wollten.

Die Zeit verging wie im Flug, da es so viel zu sehen gab. Stände mit exotischem Obst und Gewürzen, Schmuck in den unterschiedlichsten Farben und Formen und ein kleiner Waffenstand mit glänzenden Dolchen, der mich magisch anzog. Der Verkäufer, ein älterer Mann mit breiten Oberarmen und kurzem Bart, sah mein Interesse und lächelte mich freundlich an. Eine Klinge hatte es mir besonders angetan.

„Oh, der Herr hat einen geübten Blick“, stellte der Standbesitzer fest und holte zwischen anderen Stücken den Langdolch hervor. Die geschwungene Klinge und der verzierte Schaft sah meinem so ähnlich, dass mein Herz begann schneller zu schlagen.

„Edler Stahl, mehrfach gefaltet und so scharf, dass es selbst Haare spalten könnte. Laidarische Spitzenqualität, gerade in diesen Zeiten äußerst selten.“

Ich horchte auf. „Ihr sagtet, laidarische?“

Der Händler schaute sich hektisch um, als hätte er Angst, jemand würde uns belauschen. „Es gibt natürlich auch beste Qualität aus Noraylia, aber keine sind so edel verziert.“

Er deutete auf die Muster, welche in der Klinge eingraviert waren, und die ich nun eingehender betrachtete. Ohne Zweifel, es war der gleiche Style wie auf dem Dolch meines Retters von einst. Ich schätzte beide Waffen auf die gleiche Größe und überschlug die Münzen, die mir Phil und Juli überlassen hatten.

„Sagt mir guter Mann, verkauft ihr auch Scheiden zu diesen Dolchen?“

Wenig später und nach einigem Feilschen, war ich um eine Hülle für meine Klinge reicher. Was mir allerdings immer noch nicht in den Kopf wollte war, warum der König mir vorenthalten hatte, dass diese Waffe aus einer laidarischen Schmiede stammen musste, so offensichtlich, wie das laut dem Händler war. Wenn mein Retter also diesen Dolch nicht irgendwo gekauft hatte, dann kam er womöglich aus Laidaron.

Was eine weitere Frage aufwarf: Warum hatte er uns geholfen, wenn doch alle Laidarer unseren Tod wollten? Warum brachte er sich selbst in Lebensgefahr und überließ uns nicht einfach diesem Drachen und unserem Schicksal? Mich beschäftigte das bis zum Mittag und ich sprach meine Klassenkameraden darauf an, als wir in einer Taverne beisammensaßen. Allerdings hatten die genau wie ich nur Fragezeichen im Gesicht.

„Was mir auch aufgefallen ist, ist, dass keine Bücher über Laidaron in der Bibliothek existieren, nur Propagandazeugs und einige Karten von Noraylia, auf denen man gerade so das Nachbarland bruchstückhaft sieht. Man möchte doch meinen, dass man von seinem Feind alles wissen will“, äußerte auch Shawn seine Bedenken. Juli sah sich prüfend um und beugte sich dann nach vorn, was wir ihr gleichtaten.

„Ich habe meine Ohren offen gehalten und bisher nichts Gutes über ‚Mister Supergütig‘ gehört. Die Bauern klagen über zu hohe Abgaben, die Händler über zu schlechte Straßen und der Rest darüber, dass es immer mehr Bettler auf den Straßen gibt.“

„Juliana, wir sind hier im Mittelalter. Da gab‘s bis jetzt noch nie gute Könige. Und davon mal abgesehen, in jeder Regierung gibt es Leute, die was an der Obrigkeit auszusetzen haben, egal was immer die auch tut“, schaltete sich Phil ein.

„Gut möglich, aber du hast auch gesehen, wie sie redeten. Die hatten voll Angst, dass jemand Falsches zuhört und kaum waren ivarische Truppen in der Nähe, haben die den König hochgepriesen, als sei er Mutter Theresa.“

„Was für das Zeitalter auch normal ist, weil die meisten, die etwas offen gegen ihre Herrscher gesagt haben, gehängt werden. Nichts Ungewöhnliches also. Da find ich Shawns und Lucians Einwände tragender.“

„Phil, du verstehst mich einfach nicht“, seufzte Juli. „Hast du hier nicht ein ungutes Gefühl? Hier scheinen irgendwie alle in Angst zu leben. Selbst die besser betuchten Bürger haben arge Sorgenfalten im Gesicht und lachende Kinder konnte ich hier auch nicht finden. Müssten denn nicht alle voll fröhlich sein, weil endlich die „Auserwählten“ da sind, um sie zu befreien?“

Wir schwiegen eine ganze Weile, wobei jeder seinen eigenen Gedanken hinterher hing. Dann einigten wir uns darauf, es erstmal dabei beruhen zu lassen, aber dennoch die Augen offenzuhalten. Es war schon alles etwas komisch, doch wie sagte man so schön: ‘In die Hand, die einen füttert, beißt man nicht’.

Abermals liefen wir Shawn hinterher, der uns kreuz und quer durch enge Gassen schliff, damit wir uns nicht durch die übervollen Hauptstraßen zwängen mussten. Mit einmal jedoch blieb ich stehen und lauschte. Mir war so als würden wir beobachtet, wodurch sich meine Nackenhaare sträubten.

Die Anderen sahen mich fragend an, als ich mich suchend umschaute. Doch noch ehe ich sie warnen konnte, hagelten die ersten Pfeile auf uns nieder. Shawn und ich aktivierten sofort ein Schild, was uns allerdings nicht lange schützen würde, da es viel zu viel Energie benötigte.

„Los! Beeilt euch! Hier entlang!“, wild rufend trieb der Redner uns voran, während ich die Nachhut bildete. Weit kamen wir jedoch nicht.

Hinter der nächsten Biegung blockierten mehrere Männer den Weg und blickten uns gehässig grinsend mit gezückten Schwertern entgegen. Auf den Dächern und Mauervorsprüngen erschienen die Bogenschützen, die uns direkt in ihre Arme getrieben hatten und nun den Rückweg versperrten.

Ich spürte, wie unser Schild zu flackern begann und mich meine Kräfte verließen. Selbst Shawn hatte schon dicke Schweißperlen auf der Stirn. Trotzdem startete er einen Angriff und schleuderte einen Energieball auf unsere Gegner. Der Vordermann von ihnen lächelte milde und wehrte diesen mit einer knappen Handbewegung ab.

„War das alles?“, fragte er fast schon enttäuscht und kam gediegen auf uns zu.

„So leicht bekommst du uns nicht!“, blaffte Juliana mutig, zückte ihren Dolch und stellte sich schützend vor unsere Truppe, was ich ihr sofort gleichtat. Im Nahkampf würden wir beide am längsten bestehen. Selbst Shawn und Phil hatten kurze Waffen dabei und waren für alles bereit.

Dann ging alles recht schnell. Während der erste Schutzschild erlosch und Shawn erschöpft in die Knie ging, legten die Bogenschützen an. Mit wildem Gebrüll stürmte der Bodentrupp auf uns zu. Auch ich ließ mein Schild fallen, um genügend Kräfte für den Kampf zu haben.

Die ersten beiden Angreifer wehrten Juli und ich mühelos ab, doch es waren einfach zu viele. Pfeile pfiffen uns um die Ohren und scharfe Klingen verfehlten nur knapp unsere Haut, weswegen es an ein Wunder grenzte, dass bisher keiner getroffen wurde. Als sie jedoch Phil zu Boden warfen und auch Shawn überwältigten, glaubte ich uns verloren.

Wie in Zeitlupe sah ich abermals die Bogenschützen anlegen, sah, wie sich die Männer zu meinen Freunden hinab beugten und Dolche gegen ihre Kehlen pressten. Sah, wie Juli versuchte, sich gegen zwei Kerle zu erwehren, die sie hart an den Armen gepackt hatten und sie mit einem kräftigen Schlag in den Magen in die Knie zwangen, sah den Anführer triumphierend grinsend auf mich zukommen, während sich eine Energiekugel in seinen Händen bildete.

Laut rauschte das Blut durch meine Ohren und dämpfte jegliche anderen Geräusche. In einem letzten Akt der Verzweiflung suchte ich die verbliebenden magischen Kräfte in mir zusammen, um sie zu bündeln. Doch es war zu spät. Sehnen surrten und Waffen schwangen durch die Luft und vergossen erstes Blut.

Unwillkürlich zuckte ich zusammen und riss die Augen weit auf, als der Anführer der Bande gurgelnd zu Boden ging. Eine junge Frau trat auf dessen Rücken und zog ihr langes Schwert aus dem toten Leib, als wäre es das Normalste der Welt.

„Na da kommen wir gerade rechtzeitig“, grinste sie, während sie das Blut des Toten an dessen Körper abwischte.

„Zohra! Das kannst du aber laut sagen!“, rief Juli erleichtert und umarmte sie kurz.

„Kommt! Meine Männer können sie nicht lange ablenken, dafür sind wir zu wenige. Zum Schloss ist es nicht mehr weit.“

Mit bleichen Gesichtern standen Phil und Shawn neben mir, zum Glück fast unversehrt. Eine kleine Gruppe von ivarischen Rittern hatten das Scharmützel bemerkt und versuchten nun, uns Zeit zum Fliehen zu verschaffen. Dankend nutzten wir die Gelegenheit und hetzten Zohra hinterher, die jede auch noch so kleinste Abkürzung zum Schloss nahm.

Die Gassen flogen nur so dahin und wurden immer enger, bis wir hintereinander laufen mussten, um hindurch zu gelangen. Als wir uns fast am Ziel glaubten und die ersten Zinnen des Schlosses hoch hinter den Häusern aufragten, passierte das Unausweichliche.

Zohra bog gerade in eine breitere Straße ein, als sie direkt dahinter von einem Schwert durchbohrt wurde. Wie erstarrt sah ich die Klinge aus ihrem Rücken ragen, hörte, wie sie entsetzt nach Luft schnappte. Dann riss der Angreifer seine Waffe zurück und schlug ihr mit einem Hieb den Kopf ab.

Würgend stolperte ich rückwärts gegen Shawn, der sich laut übergab, während Juli sich wild brüllend Zohras Schwert schnappte und auf den Gegner losging. Phil versuchte sie noch aufzuhalten, doch die junge Frau war längst zu einem Berserker mutiert. Der Fremde war davon so dermaßen überrascht, dass ihm nur wenig Gegenwehr blieb, bis Juliana den Tod ihrer Kameradin gerächt hatte, Blut um Blut.

Erst dann schaffte der Heiler es, sie mit leerem Blick zurück zu uns zu schleifen. Zitternd lehnte ich an der schlecht geputzten Mauer und überlegte fieberhaft, wie wir dennoch entkommen könnten. Der Weg zurück war unmöglich, da die Schritte der Verfolger immer lauter wurden. Und der nach vorn war uns auch durch finster dreinschauende Typen versperrt, mit denen bestimmt nicht zu spaßen war.

Freikämpfen war ebenso ausgeschlossen. Juli stand wie gelähmt mit gläsernem Blick da, während Phil wild auf sie einredete und Shawn kniete am Boden, einem Zusammenbruch nahe. Auf einmal erinnerte ich mich an eine Lektion, die mir der König beigebracht hatte. Ich wusste nur nicht, ob ich genügend Energie aufbringen könnte. Dafür war die Hilfe aller nötig.

„Hey! Hört zu! Ich hab da so eine Idee, aber ich brauche dafür eure Unterstützung. Hört mir zu, verdammt!“

Es war schwer, sich die Aufmerksamkeit der Anderen zu sichern, doch als sie endlich zu mir blickten, hörten sie genau hin.

„Ich kenne einen Zauber, habe dafür allerdings zu wenig Energie. Ihr müsst mir etwas von eurer abgeben. Nur so schaffen wir es hier lebend raus!“

Kurz sahen sich alle an, bis sie schließlich nickten und sich um mich herum aufstellten. An den Händen haltend, bildeten meine Klassenkameraden einen Kreis, mit mir als Zentrum und schlossen dann ihre Augen. Obwohl ich fest entschlossen war, das durchzuziehen, fiel es mir trotzdem schwer mich zu konzentrieren.

Erste Pfeile surrten dicht an uns vorbei und die Angreifer aus der Gasse vor uns legten an Tempo zu, da sie sahen, dass wir etwas im Schilde führten. Ich senkte meine Lider, versuchte ruhiger zu atmen und mich zu sammeln. Vor meinem inneren Auge erschien ein Bild, auf welches ich meine gesamte Aufmerksamkeit richtete.

Es war der Übungsplatz, auf dem Juliana täglich trainierte. Die letzten Tage hatten wir oft am Rande stehend ihr zugeschaut, wie sie versuchte, ihre Techniken zu perfektionieren. Wie viele Male hatte sie mich dort zu Boden geworfen und die Anderen applaudiert. Trotzdem war ich gerne ihr Übungspartner, was auf Gegenseitigkeit beruhte, da mir der Kampf fast genauso gut lag wie ihr.

Ich kannte dort mittlerweile jeden Grashalm, jeden kleinsten Stein, sah die leicht geschlängelte Rasenkante direkt vor mir und glaubte fast, den staubigen Geschmack auf der Zunge zu spüren. Weiter fühlte ich, wie die Kraft in mir anstieg. Meine Klassenkameraden gaben mir alles an Energie, was sie entbehren konnten, ohne selbst bewusstlos umzufallen.

Und dann, kurz bevor uns die Angreifer erreichten, leitete ich alles in diesen einen Zauber. Lautstark wie ein „Gong“ schallte ein einziges Wort in meinem Kopf: Teleportation! Gleichzeitig öffnete ich meine Augen und sah lediglich tiefes, dunkles Schwarz.


Langsam erwachte ich aus einem traumlosen, erholsamen Schlaf. Es musste weit nach Mittag sein, da die Sonne so hell ins Zimmer schien, dass ich blinzelte. Außerdem kribbelte mein Arm unangenehm, was an der zierlichen Person lag, die es sich darauf bequem gemacht hatte. Schmunzelnd betrachtete ich Julis verschlafenes Gesicht, als sie bei meinem Befreiungsversuch wach wurde.

„Hey. Da bist du ja wieder“, nuschelte sie schlaftrunken und streckte sich ein wenig.

„Klar, wo soll ich denn sonst sein?“

Die Kriegerin lächelte mich lieb an und ging dann zur Tür. „Ich hol die Anderen, ja“, sagte sie sanft und verschwand sogleich aus dem Zimmer.

Ich schaute ihr stirnrunzelnd hinterher. Bildete ich mir das nur ein oder benahm sie sich seltsam? Vielleicht war sie einfach noch etwas fertig von heute Mittag. Das Ganze war aber auch übel knapp gewesen und ich war nun ehrlich erleichtert, dass es allen gut zu gehen schien. Als Juli mit Phil wenig später zurückkam, hatte ich mich schon komplett angezogen und schlüpfte gerade in meine Schuhe.

„Uow, was soll das denn werden?!“ Philip sah so aus, als ob er mich lieber wieder nackig unter die Bettdecke stecken wollte.

„Ne Ballettaufführung“, antwortete ich sarkastisch. „Komm schon, ich fühl mich super. Die paar Stunden Schlaf haben es echt gebracht.“

„Paar Stunden???“, fiepte Juli, stemmte ihre schlanken Arme auf die Hüfte und schaute mich wütend aus zusammengekniffenen Augen an. „Fast drei Tage hast du geschlafen und dabei nicht mal mit den Wimpern gezuckt. Wir hatten schon Angst, dass du überhaupt nicht mehr aufwachst!“

Okay, jetzt war ich echt platt. Nicht nur, dass ich so lange gepennt hatte. Die Anderen hatten sich wirklich Sorgen gemacht.

„Sorry.“ Betreten sah ich zu Boden. Die Möglichkeit, mich länger reumütig zu zeigen, hatte ich jedoch nicht, da Shawn ins Zimmer geplatzt kam.

„Juli! Die haben gerade das Urteil verkündet: fünfzehn Peitschenhiebe für jeden. Gleich beginnt die Vollstreckung!“

Unsere Kriegerin wurde kreidebleich und lief kurz darauf feuerrot an. Dann stürmte sie aus dem Raum. Wir Anderen sahen uns knapp an, bevor wir ihr hinterher liefen.

Um den Trainingsplatz herum hatten sich ein paar Schaulustige versammelt, während in der Mitte ein Pfahl aufgestellt war, an dem gerade ein junger Mann oberkörperfrei gekettet wurde. Cahlur persönlich hielt mit versteinerter Miene die Peitsche in der Hand, bereit selbst die unrühmliche Tat zu übernehmen. Kurz vor knapp konnten wir Juli davon abhalten, auf Meister Mowas loszugehen und nur ein kleiner Schwächezauber meinerseits stellte sie vorerst ruhig.

„Juliana, wenn du jetzt da reinplatzt, machst du alles nur noch schlimmer, das weißt du genau!“, versuchte sie Philip zu trösten, trotzdem bebte ihr gesamter Körper. Bei jedem Peitschenhieb, der durch die Luft sauste, zuckte die Kriegerin zusammen, als würde sie selbst davon getroffen.

Mit fest aufeinander gepressten Zähnen schaute sie bei diesem obskuren Schauspiel zu, bis der letzte Mann vom Platz getragen wurde. Dann sprang Juli auf und rannte davon, nicht ohne Cahlur einen vernichtenden Blick zu schicken. Phil wollte ihr schon hinterher, jedoch hielt ihn Shawn zurück.

„Lass sie. Ich glaub sie muss sich jetzt erstmal irgendwo abreagieren und da ist es besser, nicht in der Nähe zu sein. Außerdem wirst du gerade woanders eher gebraucht.“ Er deutete auf den Ritter, der mithilfe eines Anderen Richtung Heilzentrum stolperte.

Der Heiler überlegte kurz und schien hin- und hergerissen, entschied sich aber doch für die ausgepeitschten Soldaten. Während er wegging und Shawn sich suchend umschaute, begannen sich bei mir die Nackenhaare zu sträuben, was ein Zeichen war, dass mich jemand beobachtete.

Unruhig wanderte mein Blick über den gesamten Platz, der sich fast geleert hatte. Doch niemand schenkte mir nähere Beachtung. Mit einmal wurde das Gefühl so intensiv, dass mir schwindlig wurde und ich mich abstützen musste. Dann sah ich hinauf, direkt in sein Gesicht.

Der König stand auf einen schmalen Austritt, von dem er alles überblicken konnte. Mir war, als hätte er mich gerufen, als wollte er, dass ich ihn sah, nur um mir den feindseligsten und niederschmetternsten Blick aller Zeiten zu schenken und dann zu verschwinden.

Mein Innerstes zog sich zu einem fetten Klumpen zusammen, der seltsam schmerzte. Was hatte ich nur getan, dass er so übel böse auf mich war? Wie durch Watte hörte ich Shawn nach mir rufen und konnte ihn gerade noch abhalten, mir einen weiteren Klatscher auf die Wange zu verpassen.

„Mensch Luci, was ist nur los mit dir?“

„Das würde ich auch gerne wissen. Und nenn mich nicht immer so!“, gab ich schwach zum Protest, der natürlich ungehört abprallte.

„Du bist echt komisch, Luci. Egal. Ich hatte dich gefragt, ob du alleine ins Zimmer zurückfindest. Hab grade noch was Dringendes zu erledigen. Allerdings bringen mich Phil und Juli um, wenn du wieder abklappst.“

Genervt rollte ich mit den Augen.

„Wie oft soll ich es denn noch sagen: Mir… geht… es… gut!“

Der Sportler hob beschwichtigend seine Arme, als hätte er nie was in diese Richtung verlauten lassen.

„Sag mir lieber, warum die Leute hier heute bestraft wurden.“

Shawn zog kurz eine Grimasse und schnaufte, als wüsste er nicht recht, ob er es mir überhaupt erzählen sollte, entschied sich aber doch dafür.

„Das waren die Ritter, die uns draußen geholfen haben. Allerdings haben sie – aus der Sicht bestimmter Leute – ihre Aufgaben nicht erfüllt. Sie sollten für Ordnung bei den Markttagen sorgen, haben aber zugelassen, dass laidarische Attentäter eindringen konnten.

Weiter wurden sie direkt zu uns geschickt, als der König fremde Magie in der Stadt spürte. Doch anstatt uns zu beschützen, wurde die Anführerin der Truppe getötet und einige andere zum Teil schwer verletzt. Davon mal abgesehen, dass wir schlussendlich uns selbst gerettet haben.

Der König ist schier ausgetickt, als er hörte, was passiert war, besonders bei der Nachricht, dass du nicht mehr wach zu kriegen warst. Alle die auf uns aufpassen sollten, wurden bestraft. Sogar unsere Kammerdiener wurden zu drei Tagen Kerker verurteilt.“

Ungläubig sah ich meinen Klassenkameraden an.

„Rai und Kel sind im Kerker?“

„Genau wie Tamo und Syla. Toll oder“, meinte der Redner abfällig und schüttelte frustriert mit dem Kopf. Dann richtete sich sein Blick auf etwas hinter mir, worauf er sich hektisch verabschiedete. „Du ich muss los. Mach mir keine Dummheiten, okay.“

Freundschaftlich klopfte er mir auf die Schulter und wenig später stand ich allein am Rande des Trainingsplatzes. In diesem Moment war es auch besser so, denn ich kochte vor Wut. Wieso tat er das? Warum bestrafte er Menschen für Fehler, die wir begangen hatten?! Müssten nicht wir alleine dafür geradestehen und nicht Leute, die damit überhaupt nichts zu tun hatten beziehungsweise uns sogar unter Einsatz ihres Lebens helfen wollten?!

Und dann noch dieser Blick von vorhin. Als wäre ich daran schuld, dass er die Männer und Frauen maßregeln musste, als hätte ich alles allein verbockt. Nein! So einfach würde er mir nicht davonkommen. Er sollte mir gefälligst Rede und Antwort stehen, was das Ganze zu bedeuten hatte – König hin oder her!

Der Weg zu dem schlossinneren Garten hatte ich schnell hinter mich gebracht und wie zu erwarten, war er schon da. Der Herrscher von Noraylia stand vor dem Brunnen und sah dem Wasser zu, wie es vor sich her plätscherte. Seine innerliche Ruhe, die er so arrogant zur Schau stellte, brachte mich nur noch mehr auf die Palme. Da ich mir recht sicher war, dass der König mich längst bemerkt hatte, ging ich ohne Begrüßung auf ihn los.

„Na wie fühlt ihr euch, nachdem ihr Unschuldige sinnlos bestraft habt?! Die Ritter retteten uns das Leben und ihr habt nichts Besseres zu tun, als diese zur Belohnung auszupeitschen! Ist das so ne bescheuerte Machtdemonstration oder geht euch einfach einer ab, wenn andere leiden?“

Heftig atmend wartete ich auf eine Reaktion, nach dem ich ihn so übel angefahren hatte, doch der König starrte nur weiter vor sich hin.

„Oder sind andere Menschen euch vollkommen egal?“

Keine Ahnung an welcher Aussage es genau lag oder einfach an der Masse derer. Aber mit einmal drehte der Herrscher sich ruckartig um und schleuderte mir eine Energiewand samt Wasser aus dem Brunnen entgegen. Zwar versuchte ich noch schnell, mein Schutzschild aufzubauen, allerdings war ich zu langsam, weswegen mich das feuchte Nass mitten im Gesicht traf. Wütend wischte ich mir über die Augen und funkelte den König angriffslustig an, der mich herablassend musterte.

„Ich denke jetzt habe ich meine Antwort“, meinte ich abwertend. Doch dieses Mal gedachte der Herrscher nichts mehr auf sich sitzenzulassen.

„Schweig! Dir bin ich bestimmt keine Rechenschaft schuldig. Es ist wirklich bedauerlich zu sehen, dass du nicht das Geringste gelernt hast, außer anmaßenden Vorwürfen.“

Wieder wurde mir geballte Energie entgegen geschleudert. Aber dieses Mal wich ich geschickt aus und startete einen Gegenangriff. So ging es eine ganze Weile. Wir schienen beide gleichermaßen auf den Anderen wütend zu sein und so beschritt ich meinen ersten richtigen magischen Kampf gegen einen der mächtigsten Zauberer des Landes. Doch ich war viel zu beschäftigt, um das wirklich zu kapieren. Ich wollte Antworten und wenn ich mit dem König persönlich darum kämpfen musste, dann sei es halt so.

„Anmaßend? Wohl eher Gerechtfertigte! Warum habt ihr das getan?!“

Ich war dermaßen in Rage, dass ich meine Kräfte rein instinktiv einsetzte. Ich dachte überhaupt nicht darüber nach, sondern handelte einfach. Noch während ich meinen letzten Satz beendete, sandte ich dünne Energienadeln aus, groß genug, um meinen Gegner damit zu ärgern, aber klein genug, um ihn nicht ernsthaft zu verletzen.

Dutzende surrten pfeilartig auf den Herrscher zu, der sie mit einer Handbewegung lässig beiseite schlug. Bis auf eine. Eine einzige durchdrang den Schutzschild und ritzte seine Wange. Der Kratzer war so dünn, dass nicht mal Blut hervorquoll.

Trotz dessen hielten wir beide aus Verblüffung kurz inne. Noch bevor ich ein triumphierendes Grinsen aufsetzen konnte, weil ich ja wohl doch was gelernt zu haben schien, warf mich der König an die nächste Wand, dass der Putz nur so abbröselte, und drückte mich kräftig dagegen.

„Tu so etwas nie wieder!“, zischte er wütend, bevor er mich hart küsste. Verblüfft riss ich meine Augen weit auf und versteifte mich total, was nicht unbemerkt blieb. Der Herrscher löste sich ein wenig von mir und lehnte seine Stirn mit geschlossenen Lidern an meine.

„Als ich spürte, dass ihr euch außerhalb des Schlosses aufhaltet, wurde mir ganz anders. Doch als ihr angegriffen wurdet und du schlussendlich nicht mehr erwachtest… Nie wieder! Hörst du!“

Hatte er am Anfang recht leise und sanft gesprochen, wurde der König zum Schluss immer drohender. Abermals riss er mich herum und warf mich zu Boden, nur um Sekunden später über mir zu thronen und mich wild zu küssen. Fast wie ein Tier fiel er über mich her, zerrte an meinen Sachen und beanspruchte meine Zunge für sich. Ich tat es ihm nicht weniger zurückhaltend gleich.

Ausgehungert genoss ich jegliche Zuwendung, hatte ich doch schon viel zu lange darauf gewartet. Trotzdem war es eher ein kleiner Kampf, als ein Liebesspiel. Ungeduldig rissen wir uns die Kleider vom Leib, wälzten uns über Rasen und Kies, als sei beides weiche Lacken. Wir kratzten, bissen uns, pressten unsere Leiber aneinander, als gäbe es keinen Morgen.

Jedes Mal, wenn sein heißer Atem meine Haut streifte, glaubte ich zu verbrennen. Und doch wollte ich noch immer nicht aufgeben. Es war von Anfang an klar, welche Rolle mir zu Teil werden würde, denn ein König würde sich niemandem einfach so hingeben. Trotzdem hatte ich nicht vor, es ihm einfach zu machen. Ich musste beweisen, dass ich doch etwas bei ihm gelernt hatte – und ein kleiner Denkzettel wäre auch nicht schlecht.

Deshalb presste ich den König kurzerhand auf den Rücken und sprach einen knappen Lähmungszauber. Mit einem fiesen Grinsen genoss ich in vollen Atemzügen den ungläubigen Blick des Herrschers. Ich wusste genau, dass meine Magie nicht lange bei ihm anhalten würde, weswegen ich mich rasch auf ihn draufsetzte.

Die Vereinigung raubte mir mein letztes bisschen Verstand und so ließ ich mich einfach treiben, von rhythmischen Stößen, heißen Berührungen und feurigen Küssen, bis alles in mir zu explodieren schien.


„… cian … ucian … LUCIAN!“

Erschrocken riss ich meine Augen auf, nur um sie im nächsten Moment wieder zu schließen. Ich atmete eins bis zwei Mal schwer, bis ich es erneut versuchte, diesmal etwas langsamer. Selbst das diffuse Licht blendete mich übel und so brauchte ich eine kleine Ewigkeit, um mich genau umsehen zu können.

Ich lag in einem großen Bett mit weichen Lacken und überall standen runtergebrannte Kerzen. Es roch nach schwerem Räucherzeug, was meinem Kopf arg zusetzte und mich kaum denken ließ. Schemenhaft erinnerte ich mich daran, was hier alles geschehen war und mit wem. Suchend sah ich mich um, doch der König war nirgends zu sehen. Hatte nicht jemand nach mir gerufen? Oder bildete ich mir das nur ein?

Schwerfällig hievte ich mich aus dem Bett, klaubte meine Sachen zusammen und zog mich an. Die Luft hing wie Blei im Zimmer, was meinen Magen unangenehm zum rebellieren brachte. Ich musste hier raus und zwar schnell! Endlich im Freien, atmete ich tief durch.

Es begann gerade zu regnen, weswegen ich mich weit aus einem der riesigen Fenster im Flur lehnte. Das kühle Nass prickelte angenehm auf meiner Haut und weckte langsam meine Lebensgeister. Etwas beschwingter und nicht mehr ganz so taumelig lief ich Richtung Gemeinschaftsraum.

Wenn mich nicht schon die Wache vor den Türen irritiert hätte, dann auf Garantie die Gesichter meiner Klassenkameraden. Spätestens als Juli auf mich zustürmte und ihre „zarte“ Faust in meinem Gesicht versenkte, wusste ich, dass irgendwas nicht stimmte. Natürlich kam ich nicht dazu, Protest anzumelden.

„Sag mal kannst du uns verraten, wo du die letzten zwei Tage gesteckt hast?!“, fauchte mich die Kriegerin an. Ich starrte sie nur ungläubig an.

„Zwei Tage…?“, stammelte ich und sah wohl ziemlich hilflos aus, weswegen sich Phil einschaltete.

„Seit der Vollstreckung hat dich niemand mehr gesehen. Wir dürfen nur noch in Begleitung der Wachen zum Unterricht und sonst den Raum nicht verlassen. Keiner sagt uns, was los ist oder gab uns Auskunft über dich. Mit Shawns Hilfe haben wir versucht, per Magie dich zu suchen, aber bisher waren wir erfolglos.“

Leicht zitternd setzte ich mich auf den Boden und versuchte das Drehen in meinem Kopf abzustellen.

„Dann hab ich also euch gehört. Ihr habt meinen Namen gerufen“, sagte ich schwach und wischte mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die nass an meiner Stirn klebte.

„Du bist ja kochend heiß“, merkte Juliana an und betastete meine Wangen mit dem Handrücken. „Und ganz weite Pupillen hast du auch.“

Verschwommen nahm ich wahr, wie die Kriegerin zu Philip schaute und dieser mich näher untersuchte. Er faselte irgendwas von Drogen. Dann hievten sie mich hoch und verfrachteten mich in mein Bett, wo ich wenig später unruhig einschlief. Als ich dieses Mal aufwachte, war ich einfach nur froh, in meinem eigenen Zimmer zu sein.

Zuerst spekulierte ich noch auf einen wilden Traum, doch die hämmernden Kopfschmerzen belehrten mich eines Besseren. Langsam quälte ich mich aus dem Bett zur Waschschüssel und verfluchte diese dämliche Welt, weil es keine Dusche gab. Ich versuchte mich so gut es ging frisch zu machen, zog saubere Kleidung an und trottete in den Gemeinschaftsraum, nur zu gut wissend, dass ich allen eine Erklärung schuldig war und mich eine riesen Standpauke erwartete.

Schicksalsergeben ließ ich mich in den großen Ohrensessel fallen und schaute nacheinander meine Klassenkameraden an, die mich aufmerksam musterten. Mir reichte ja schon, dass ihre Gespräche verstummt waren, als ich das Zimmer betrat, aber die nun vorherrschende Ruhe war noch unangenehmer.

„Wie geht es dir?“, unterbrach Phil die Stille.

Ich zuckte schwer mit den Achseln.

„Gut. Bis auf die Kopfschmerzen und dass ich mich fühle, als wäre ich aus Blei.“

„Hier, das sollte dir helfen.“ Juli reichte mir ein paar rötliche Blätter. „Einfach kauen, aber das Kraut nicht verschlucken. Sobald das Kribbeln auf der Zunge aufhört, ausspucken, okay?“

Ich tat wie angeraten und kaute zögerlich auf dem Grünzeug rum, bis sich das besagte Kribbeln einstellte und das Hämmern in meinem Kopf leicht nachließ.

„Danke“, flüsterte ich fast. Irgendwie fühlte ich mich mies, als hätte ich ihre Hilfe überhaupt nicht verdient.

„Kannst du dich an die letzten Tage erinnern?“, fragte mich Shawn ruhig. Ich atmete tief durch, bevor ich antwortete.

„Schemenhaft.“

„Dann erzähl mal ganz von vorne“, sagte Juli sanft und legte ihre Hand auf meinen Unterarm.

Verwirrt runzelte ich die Stirn. Okay, vielleicht hatte ich mit dem falschen Typen gepoppt. Aber die taten ja so, als wäre irgendwas Übles passiert, woran ich schuld war und sie wollten mich langsam drauf vorbereiten, sodass ich von selbst gestehe.

„Was genau geht hier eigentlich ab?“, fragte ich vorsichtig.

Die Drei sahen sich fragend an, was mich schier wahnsinnig machte, bevor Phil mir antwortete.

„Das Kraut was du kaust ist das Gegenmittel zu einer bestimmten Droge, die schnell abhängig macht. Meist als Räucherwerk benutzt, verwenden es gerne Freudenhäuser, weil sie stimulierend und willensschwach wirken soll. Als du gestern hier rein gestolpert kamst, hast du danach gestunken, als hättest du darin gebadet.“

Ungläubig starrte ich den Heiler an, als hätte er mir gerade erklärt, er käme vom Mars. Mein erster Impuls war zu widersprechen, doch dann tauchten blitzartige Bilder vor mir auf. Die nackte Silhouette des Königs, wie er mit einem Span etwas anzündete und mich lüstern mustert. Seine Lippen ganz nah an meinem Ohr, als er mich aufforderte, tief einzuatmen. Das heißkalte Prickeln, was wie eine Welle durch meinen Körper schwappte, als er mir in die Halsbeuge biss…

„… ican… Lucian!“

Erschrocken zuckte ich zusammen und schaute zu Shawn.

„Erzähl einfach ganz von vorn.“

Na toll, der hatte gut reden. Aber ich wusste, dass es sein musste. Also begann ich zu reden. Wie ich den Garten fand, wie ich dem König näher kam, unser Training und das ich ihn wütend zur Rede stellen wollte, kurz nach der Vollstreckung seines Urteils. Nähere Details, was danach genau im Garten geschehen war, ließ ich aus, wofür mir alle dankbar waren. Es reichte ihnen, dass ich mit dem König geschlafen hatte.

„Und du weißt wirklich nicht, wie du in sein Gemach gekommen bist?“, fragte Philip verwundert.

„Ich wusste ja noch nicht mal, dass ich dort zwei volle Tage verbracht habe, bis Juli mich liebevoll darauf hinwies“, antwortete ich hilflos.

„Warum benutzt der Typ Drogen, wenn er Luci so oder so ins Bett bekommen hätte“, überlegte Shawn stattdessen laut.

„Intensiveres Gefühl und längeres Durchhaltevermögen – zumindest sagt man diese Wirkung dem Kraut nach“, erklärte der Heiler.

„Du vergisst zu erwähnen, dass das Zeug einen total Mus im Kopf macht. Hättet ihr nicht nach mir gerufen, würde ich jetzt noch dort liegen.“ Ich spukte die zerkauten Blätter in ein Tuch und legte es beiseite. Erstaunt musste ich feststellen, dass es mir langsam wieder besser ging.

„Bleibt immer noch meine Fragen offen: Warum?“ Nicht nur Shawn spekulierte noch immer darauf, dass das nicht der einzige Grund war. Bedächtig blickte er alle nacheinander an, doch niemand wusste eine Antwort.

„Jetzt weiß ich wenigstens, warum Meister Mowas in der letzten Zeit so „feinfühlig“ mit mir umgeht“, stellte Juliana genervt fest und strich vorsichtig über ihre linke Schulter, wo am Rand ihres Oberteils ein weißer Verband vorschimmerte.

„Wieso? Hab ich den König von ner wichtigen Besprechung ferngehalten?“

Wieder sahen mich alle mit großen Augen an, als hätte ich den dümmsten Spruch aller Zeiten gebracht.

„Lucian, Cahlur ist der Gefährte des Königs, sprich sein Lover!“, sagte Phil kopfschüttelnd. Mal davon abgesehen, dass ich jetzt total sprachlos war, hatte ich ein riesiges Fragezeichen im Gesicht, was nicht unbemerkt blieb.

„Sag mal Luci, hast du, seit dem wir hier sind, nur einmal richtig zugehört oder ein Buch gelesen?“ Es war schon arg seltsam, genau diese Worte aus dem Mund unseres Spitzensportlers zu hören.

„Also pass auf“, begann Shawn lehrerhaft. „Im Gegensatz zu unserer engstirnigen Welt ist hier Homosexualität nichts Besonderes. Es ist vollkommen egal, ob Männer sich untereinander lieben oder Frauen, oder Männer und Frauen. Hauptsache der Bund der Ehe wurde von einem Priester gesegnet. Dank einer alten Geschichte jedoch – die mich stark an Romeo und Julia erinnert – gibt es eine einzige Ausnahme.

Wenn jemand für Nachkommen sorgen muss, zum Beispiel ein wohlhabender Fürst, weil sonst seine Ländereien verloren gingen, darf er Gemahlin und Gefährte separat voneinander wählen. Normal heiratet man ja nur die Person, die man liebt. Hier darf man das trennen.

In diesem Fall steht der Gemahlin ein gewisser Stand, beziehungsweise Vermögen zu und sie muss mit dem Fürsten mindestens einmal im Monat den Koitus vollführen, bis ein Nachkomme gezeugt wurde. Damit der Fürst aber trotzdem seinem eigentlichen Geschmack nachkommen kann, darf er sich einen Gefährten suchen, den er wirklich liebt. So sind alle glücklich und das Land ist gesichert, hochoffiziell.“

„Mo… Moment Mal! Versteh ich das jetzt richtig: der König ist mit Rayka zweckverheiratet und Cahlur ist nur sein anerkannter Betthase?“ Irgendwie wollte das alles nicht ins Bild passen.

„Vorsicht Lucian“, warnte mich Juli. „Wenn jemand wie der König einen zum Gefährten ernennt, ist das keine simple Bettgeschichte. Diese Person hat nicht nur enorm viel Macht und eine riesen Verantwortung. Im Normalfall erwählt man nur einen Gefährten, wenn man diesen aufrichtig liebt.“

Bei dieser Offenbarung wurde mir ganz flau im Magen. Durch eine bescheuerte Dummheit hatte ich mir gleich zwei mächtige Personen zum Feind gemacht. Ich konnte nur hoffen, dass der Schutz des Königs weit genug reichte. Entmutigt strich ich mir über die Augen.


Es verging eine ganze Woche, in der nicht viel passierte. Die Mentoren nahmen uns härter ran als sonst, da der Beginn der Reise wohl immer näher rückte. Unsere Kammerdiener redeten kaum ein Wort mit uns und schienen Angst zu haben, in unserer Nähe sein zu müssen. Und wenn das nicht schon abnervend genug war, waren es die Ritter, welche uns auf Schritt und Tritt ‚begleiteten‘. Wir wurden keine Sekunde mehr aus den Augen gelassen. Kein Wunder, dass wir uns durch die Enge ständig auf die Füße traten und uns begannen, immer mehr wegen Kleinigkeiten anzuzicken.

Ich stand am Fenster im Arbeitszimmer von Meister Vaskir und blickte abwesend hinaus. Die Vorträge meines Mentors, wenn ich wiedermal etwas nicht packte, kannte ich mittlerweile in- und auswendig. Von hier aus konnte ich direkt auf den Übungsplatz der Krieger sehen, wo Juli eben eine Pause einlegte. Shawn kam gerade hinzu und sie unterhielten sich kurz, bis Cahlur nach seiner Schülerin rief.

„Die Beiden sind ein nettes Paar, nicht wahr?“

Ertappt zuckte ich zusammen und schaute zu Meister Vaskir, der mir gegenübergetreten war.

„Dumm nur, dass sie sich gegenseitig zu sehr ablenken lassen. Ein wahrer Anführer braucht einen klaren Kopf und enorme Macht. Nicht sinnloses Schwert Hin- und Hergefuchtel oder leere Worte. Nicht umsonst ist unser König ein Magier!“

Delal legte väterlich seine Hand auf meine Schulter und zwinkerte mir verschwörerisch zu. Ein Bote unterbrach diese seltsame Stimmung und kurze Zeit später wurde ich mit massig Hausaufgaben aus dem Zimmer gejagt.

In Gedanken vertieft, lief ich durch die Flure des Schlosses und ließ mir die letzten Worte meines Lehrers durch den Kopf gehen. Meine Wache hatte ich mir mittels eines simplen Schwächezaubers vom Hals geschafft. Ich wollte nicht der Anführer unserer Truppe werden. Bisher entschieden wir alles zusammen und selbst wenn wir uns ab und an mal anmotzten, funktionierte das bisher recht gut.

Ich befand mich bald darauf vor den Türen der großen Bibliothek. Shawn meinte ja, ich solle mehr lesen. Vielleicht hatte er sogar recht. Zwar war er gerade dort drin und wurde mit geballter Ladung Wissen bombardiert, aber wozu gab’s Unsichtbarkeits- und Schleichzauber. Klar war ich noch nicht so gut, dass diese lange anhielten, doch bis in die erste Etage und hinter ein Bücherregal würde ich es gerade noch so schaffen. Also schlüpfte ich ungesehen hinein und lief oben ein paar Reihen ab, während unten brav gepaukt wurde.

„Shawn!“

Ein lauter Knall und die gehobene Stimme ließ mich aufhorchen. Neugierig schlich ich zum Rand und sah meinen Klassenkameraden am Fenster stehen. Er hatte wohl genauso wie ich vorhin rumgeträumt. Meister Liskar hatte empört das Buch auf den Tisch geworfen, trat an seinen Schüler heran und folgte seinem Blick. Ich streckte mich ein wenig und schaute ebenfalls hinaus. Der Trainingsplatz der Ritter war hier ein kleines Stück weiter weg von der Seite zu sehen. Trotzdem erkannte ich Juli, wie sie unbeschwert mit Philip lachte.

„Ein schönes Mädchen, wohl wahr. Eine wirklich gute Wahl. Schließlich braucht ein starker Anführer eine ebenso starke Gefährtin an seiner Seite. Meister Mowas ist immerhin nicht ohne Grund des Königs rechte Hand.“

Wieder diese väterlichen Worte und die erdrückende Hand auf der Schulter. Hatten die sich alle abgesprochen? Ich schlich mich hinaus und lief Richtung Heilzentrum. Phil musste mir dringend etwas gegen dieses dämliche Kopfdrücken geben, sonst werde ich noch verrückt. Drüben angekommen, wollte ich gerade ins Salbenzimmer gehen, da mein Klassenkamerad sich dort am meisten aufhielt, als ich Rayka schon von Weitem hörte.

„Es ist ja nett, dass du einer Freundin helfen willst, aber glaubst du wirklich, dass sie es wert ist?“

„Bitte?“ Phil klang irritiert.

„Es ist offensichtlich, dass sie den gut gebauten Redner dir vorzieht. Sieh das endlich ein. Ich will nicht, dass dein Studium dadurch weiter beeinflusst wird!“ Sie klang wie eine professionelle Schuldirektorin.

„Juliana und Shawn sind gute Freunde. Nur weil das gemeinsame Schicksal uns aneinander bindet, bedeutet das nicht, dass wir uns gleich alle ineinander verlieben. Und selbst wenn, es würde euch nichts angehen, bei allem untertänigsten Respekt, eure Hoheit.“

Wow, mein Klassenkamerad hatte es echt drauf.

„Philip, ich will nur das Beste für dich. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig es als Heiler ist, wahrgenommen und respektiert zu werden. Doch die Natur des Anführers steckt in dir, mehr als in jeden tatenlosen Redner oder voreiligen Magier. Es wird Zeit, dass deine Freunde es ebenso erkennen wie ich.“

Sanft lenkte die Königin ein und ich könnte schwören, dass sie eine Hand auf Phils Schulter gelegt hatte. Jetzt fehlte nur noch Juli. Ich hoffte inbrünstig, dass wenigstens sie von diesem dummen Gequatsche verschont geblieben war. Bedacht lief ich zum Trainingsplatz, denn ehrlich gesagt wollte ich Meister Mowas vorerst nicht über den Weg laufen.

Ich versteckte mich hinter einem Schuppen, in welchem Übungswaffen gelagert wurden und von wo aus ich gut sehen und hören konnte. Meine Klassenkameradin landete gerade hart auf dem Boden und machte keine Anstalten, sich zu bewegen.

„Steh auf! Los!“, forderte der Krieger sie rüde auf.

„Diesmal nicht“, meinte Juliana lediglich.

„Was?!“

„Meister Mowas, von Anfang an wart ihr immer sehr hart und grob gewesen. Ihr verlangtet mir alles ab und noch viel mehr. Ich bin stolz eure Schülerin zu sein, ganz ehrlich und ich tu auch weiterhin alles, was ihr mir auftragt. Doch bitte hört auf, euch wie ein kleines Kind aufzuführen, dem man das Spielzeug weggenommen hat!“

Das hatte gesessen, selbst bei mir. Gespannt schaute ich zu Cahlur. Doch der stand wie zur Salzsäule erstarrt da und bewegte sich kein Stück. Juli hievte sich indes hoch, verstaute ihr Trainingsgerät und verschwand Richtung Schloss.

Wenig später betrat ich den Gemeinschaftsraum, wo die anderen Drei schon auf mich warteten. Shawn saß in einem der Sessel, das Kinn auf die gefalteten Hände gestützt und starrte in Gedanken vertieft gerade aus. Und während unsere Kriegerin wie ein Löwe im Käfig auf und ab lief, schaute Philip mich einfach nur an. Schon fühlte ich mich ertappt. Dabei hatte ich doch eigentlich nichts getan – oder?

„Hattest du heute Sehnsucht nach uns?“, begann der Heiler das Gespräch.

Hm, da waren meine Zauber wohl doch nicht so gut, wie ich dachte.

„Ich habe dich aus dem Heilzentrum gehen sehen, Shawn erzählte von einer Bibliothekstür, die sich von Geisterhand öffnet und schließt und Juli riecht eine andere Person auf mehrere Meter Entfernung.“

Seufzend setzte ich mich in den anderen Sessel und berichtete von den seltsamen Gesprächen.

„Ich wollte euch nicht belauschen, sondern euren Rat befolgen beziehungsweise einholen“, gestand ich kleinlaut.

„Lucian, darum geht’s doch gar nicht“, winkte Juliana fahrig ab. „Jedem ist hier nur aufgefallen, wie seltsam sich die Mentoren in der letzten Zeit benehmen. Sie scheinen gereizter zu sein.“

„Liegt vielleicht daran, dass die Reise zu diesem geheiligten Ort jeden Tag losgehen könnte“, überlegte Phil laut.

„Und warum hetzen uns alle gegeneinander auf? Sollte man uns nicht Zusammenhalt lehren? Stattdessen will jeder seinen Schüler als Anführer sehen, als hätten die ne Wette abgeschlossen.“ Shawn klang richtig sauer.

„Wir sollten trotzdem erstmal ruhig bleiben und das Spiel mitspielen. Klar sind wir nicht immer einer Meinung oder reiben uns mal aneinander auf. Aber bei wichtigen Entscheidungen war bisher immer alles klar. Oder etwa nicht?“ Fragend sah Philip uns nacheinander an.

„Wie bei den Rittern der Tafelrunde“, grinste ich.

„Du bist ein Träumer, Luci“, entspannte sich der Redner langsam wieder.

„Eins würde ich trotzdem gerne wissen“, begann ich verschwörerisch. „Seid ihr beide nun zusammen oder nicht?“ Neugierig schaute ich Juli und Phil abwechselnd an und auch Shawn sah äußerst interessiert aus.

Das Rot ihrer Wangen sagte alles. Die Kriegerin setzte sich langsam hin und nahm zögerlich die Hand des Freundes in ihre.

„Wir wollten es ja schon ewig erzählen, aber erst kam die Sache in der Stadt und dann machte Lucian diese Sperenzien. Da wollten wir euch nicht auch noch mit unseren Sachen nerven.“

Ich wusste nicht so recht, wie unser Sportprofi darauf reagieren würde, hatte er doch schon immer ein Auge auf Juliana geworfen. Doch der legte nur seinen Kopf schief und grinste leicht.

„Na hört mal, mit so was nervt ihr doch nicht. Es ist gut, dass zwischen all dem Chaos noch was Schönes entsteht.“

Es war offensichtlich, wie das frische Pärchen erleichtert aufatmete. Die hatten wohl den gleichen Gedanken wie ich.

„Also meinen Segen habt ihr auch – zumindest wenn ihr nicht ständig wild knutschend hier rumsitzt.“ Ich lächelte beide offenherzig an und diese strahlen wie zwei Honigkuchenpferde zurück.


Abermals gingen ein paar Tage ins Land, in denen wir versuchten, unseren Mentoren gerecht zu werden, nur damit sie uns soweit es ging in Ruhe ließen. Meine Übungen wurden immer bescheuerter, weswegen ich oft die Konzentration verlor. Meister Vaskir jagte mich deshalb immer öfter aus seinem Büro, damit ich wieder zu mir fand.

Idiotisch. Warum bitteschön sollte ich unbedingt Staubkörner miteinander ein bestimmtes Muster tanzen lassen können?! Wozu sollte das gut sein? Um den Feind zu Tode niesen zu lassen?! Oder war das so eine Mister Miyagi-Nummer?

Es ist genau wie damals in der Schule. Warum sollte ich in Musik Bestnoten bringen, wenn ich eh kein Musiker werden will? Meine Tante wies mich dann immer auf den Gesamtnotendurchschnitt hin und auch wenn sie damit immer Recht hatte, ich fand es trotzdem doof. Genau wie jetzt.

Nachdem ich meinen Leibwächter abgehängt hatte, irrte ich wie so oft durch die Gänge des riesigen Schlosses. Es musste doch irgendwo noch eine ruhige Ecke hier geben. Zum Garten zog mich überhaupt nichts mehr. Mir war alles viel zu peinlich. Davon mal abgesehen, machte sich der König die letzten Wochen sehr rar. Ich wusste nicht ob es an mir lag, dennoch wollte ich keine schlafenden Hunde wecken.

Plötzlich blieb ich stehen. Klar gab es hier einen Ort, den bestimmt keiner freiwillig aufsuchen würde: den Kerker! Laut meiner Information, beziehungsweise des „hochinteressanten“ Vortrags von Shawn, gab es in der Stadt ein extra Gerichtsgebäude für die normalen Bürger mit separatem Gefängnis. Also müsste ja hier alles leer sein.

Begeistert von meiner Idee, machte ich mich also auf die Suche nach dem schlosseigenen Kerker und wurde bald fündig. Eine simple Wache saß an einem kleinen Tisch vor der Tür, die zu den Verliesen hinab führte, welche noch nicht mal abgeschlossen war.

Ein kleiner Verwirrzauber später schlüpfte ich schon hindurch und gelangte nach etlichen Stufen hinab zu einem Gang, der links und rechts von mehreren Zellen mit Gitterstäben gesäumt war. Es lag ein leicht süßlicher Geruch in der Luft, den ich auf jeden Fall nicht näher zuordnen wollte. Mal davon abgesehen, musste ich zugeben, dass das hier doch recht unheimlich war.

Egal, Staub gab es hier genug und Ruhe auch. Ich stellte die vom Wachmann geklaute Kerze ein paar Schritte vor mir ab und setzte mich dann auf die letzte Stufe der Treppe. Hypnotisch starrte ich den Dreck an, der nach und nach zu einer kleinen Wolke aufstieg. Jedoch wirbelten die Partikel nur unkoordiniert umher, als harmonisch miteinander zu tanzen.

Krampfhaft versuchte ich mich zu konzentrieren, um ein gewisses Muster hineinzubringen, bis ich endgültig die Nase voll hatte und mit einem Windstoß alles von mir weg fegte – inklusive der Kerze. Augenblicklich wurde es stockdunkel. Genervt atmete ich aus und beschimpfte mich in Gedanken als Esel. Dann kroch ich auf allen Vieren vorwärts und versuchte tastend die Kerze wiederzufinden.

Als ich abermals in irgendetwas Feuchtes griff, setzte ich mich frustriert auf. Ich war echt der dämlichste Magier, den diese Welt je gesehen hatte. Magier… leicht schüttelte ich meinen Kopf und begann zu grinsen. Die flache Hand vor mir haltend, sprach ich einen simplen Lichtzauber und schon erschien eine schwach schimmernde, kleine Kugel.

„Yes!“

Triumphierend bedankte ich mich bei meinem nicht vorhandenen Publikum und sah, als ich geradeaus schaute, direkt in zwei leuchtende Augen. Erschrocken ließ ich die Kugel fallen und sofort umfing mich dunkles Schwarz. Hatte ich das gerade wirklich gesehen? Oder hatte ich vorhin einfach zu sehr ins Licht geschaut? Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden.

Mit klopfendem Herzen entfachte ich erneut eine kleine, helle Murmel und hielt diese dann Richtung Gitterstäbe. Scharf sog ich die stickige Luft ein. Ich bildete mir nichts ein. In diesem Verlies war wirklich jemand gefangen. Eine schmutzige Gestalt lehnte seitlich am Gitter und starrte mich aus matten Augen an.

Zuerst dachte ich, er sei tot, doch dann rührte er sich, als hätte er etwas entdeckt. Seine Stirn zog Falten und er begann schneller zu atmen. Und als die Trübheit aus seinen Pupillen verschwand und er die Hand nach mir ausstreckte, erkannte ich ihn endlich.

Nein… nein… NEIN!

Ohne zu zögern umschloss ich seine Finger mit beiden Händen und überlegte fieberhaft, was als Nächstes zu tun wäre. Ich war mit der Situation komplett überfordert. Wie oft hatte ich an ihn gedacht, von ihm geträumt, gehofft, dass es ihm gut ginge und er in Sicherheit wäre. Derweilen war er die ganze Zeit in meiner Nähe, mein Retter aus dem Wald.

Ich wollte ihn soviel fragen, soviel sagen, doch bevor ich auch nur eines davon in Erwägung ziehen konnte, kippte er bewusstlos zur Seite weg. Nein! Bitte nicht! Es kostete meine gesamte Selbstbeherrschung, nicht in Panik auszubrechen.

So gut es ging, versuchte ich mich auf Shawn zu konzentrieren und ihm ein paar Bilder gedanklich zu schicken. Das hier würde ich nicht allein schaffen. Ich brauchte dringend Hilfe. Sekunden wurden zu Minuten, Minuten zu Stunden, so dermaßen lang zog sich die Warterei für mich hin. Die ganze Zeit über hielt ich die Hand meines Retters umklammert, welche sich kalt und leblos anfühlte. Erst als ich leises Getuschel und vorsichtige Schritte auf der Steintreppe hörte, atmete ich erleichtert aus.

„Tu mir ein Gefallen, Luci und schick mir das nächste Mal ne E-Mail. Von dem Bilderkauderwelsch hab ich Kopfschmer… zen…“

War Shawn am Anfang noch auf eine kumpelhafte Art nörglig, wurde sein Blick steinhart, als er die am Boden liegende Gestalt sah. Auch die Anderen erkannten ihn sofort, trotz Dreck und Lumpen.

„Phil, hilf ihm. Ich… ich weiß nicht recht, was ich machen soll.“ Irgendwie war ich komplett von der Rolle.

Zum Glück entzifferte unserer Spitzensportler meine Nachricht richtig, weswegen der Heiler ein paar Utensilien dabei hatte. Juliana knackte kurzerhand das Schloss und half dann ihrem Freund bei der Versorgung des Gefangenen. Shawn legte mir seine Hand auf die Schulter und versuchte mir so etwas Kraft zu schenken.

„Leute, es sieht echt nicht gut aus. Keine Ahnung, wann er das letzte Mal etwas zu sich genommen hat, aber die Verpflegung ist nicht das Einzige, was zu kurz gekommen ist. Die Verbände wurden nur provisorisch angelegt und ewig nicht gewechselt. Die Verletzung von damals hat sich entzündet und nicht alle Blessuren stammen von dem Drachen. Er wurde stark misshandelt, zuletzt vielleicht gestern oder vorgestern. Ich weiß nicht, wie er das bisher überleben konnte, aber er hält keinen Tag länger mehr hier aus.“

Geschickt versuchte Philip unseren Retter von damals so gut es ging zu helfen, doch sein Gesicht sagte alles. Wir kamen zu spät. Diese Erkenntnis traf mich so hart wie ein Hammerschlag. Irgendjemand zerquetschte mein Herz und ließ lediglich ein verkrüppeltes etwas zurück.

„Warum, verdammte Scheiße?!“

Fassungslosigkeit machte sich in mir breit. Ich ballte dermaßen meine Hände zu Fäusten, dass sie zitterten und die Knöchel weiß hervortraten.

„Weil er Laidarer ist.“

Erschrocken fuhren wir alle auf und starrten Cahlur an, der bedrohlich wirkend am Treppenabsatz stand. In diesem Moment legte sich bei mir ein Schalter um. Langsam richtete ich mich auf, Meister Mowas nicht aus den Augen lassend und tastete nach meinem Langdolch, den ich seither bei mir trug. Beschwichtigend hob dieser seine Hände.

„Ich bin euch nicht gefolgt, um Streit anzufangen, sondern weil ich dachte, dass ihr endlich Antworten wollt.“

„Und ihr wollt uns diese geben? Gerade ihr?“ Shawn sah den Krieger abschätzend an, doch jener ging nicht weiter darauf ein.

„Warum ist er hier eingesperrt und warum habt ihr ihn so mies behandelt?“, fragte ich deshalb.

„Er ist der einzige Laidarer, der eure Ankunft bemerkt hat“, antwortete Cahlur schlicht. Noch ehe ich darauf etwas sagen konnte, schaltete sich Philip dazwischen.

„Leute, wir haben kaum noch Zeit. Wenn er nicht sofort mit den richtigen Kräutern versorgt wird, schafft er nicht mal mehr die Nacht.“

Meine Gedanken rasten. Fieberhaft versuchte ich uns einen Plan zu Recht zu legen, doch gab es immer einen Punkt, an dem es scheiterte. Die Wachen an der Mauer und am Tor wurden nach unserem letzten Ausflug verstärkt und jeder wurde dort genauestens kontrolliert. Aber bei uns auf den Zimmern konnten wir ihn auch nicht verstecken, da die Kammerdiener zu loyal gegenüber dem König waren. Beziehungsweise hatten die viel zu viel Angst.

Einen weiteren Versuch zu teleportieren traute ich mir nicht zu. Außerdem hatte der König mit seinen Hofmagiern bestimmte Vorkehrungen getroffen, dass sich niemand mehr so leicht ins Schloss beamen konnte.

„Bevor ihr anfangt, wilde Pläne zu schmieden, die doch nicht funktionieren, hätte ich ein Angebot“, holte Cahlur mich aus meinen Gedanken.

Alle vier schauten wir ihn skeptisch an. Grob erklärte er, was er vorhatte und zu meinem Leidwesen musste ich gestehen, dass es richtig gut durchdacht klang. Dennoch blieb eine Frage offen.

„Warum tust du das? Mal davon abgesehen, dass es Hochverrat ist und du damit dein Leben aufs Spiel setzt, hintergehst du deinen Gefährten.“

Langsam kam er auf mich zu, bis sich unsere Gesichter einen Hauch noch voneinander trennten.

„Weil du dann verschwindest… für immer. Und falls du doch zurückkehrst, würdest du die nächste Nacht nicht überleben.“

Bei diesen Worten und dem finsteren Blick lief es mir eiskalt den Rücken hinunter. Aber wenigstens war er ehrlich, das spürte ich irgendwie. Wir mussten uns nicht groß absprechen, um zu wissen, dass dies der einzige Weg hier raus war, also gingen wir den Deal mit Cahlur ein.

Es fiel mir unsagbar schwer, meinen Retter dort unten zurückzulassen, aber es gab keine andere Möglichkeit. Der Schein musste bewahrt bleiben – zumindest bis heute Nacht. Phil gab ihm ein starkes Beruhigungsmittel und etwas, was bei uns als gutes Antibiotika durchgehen würde.

Dann verließen wir den Kerker Richtung Gemeinschaftsraum und versuchten uns so natürlich wie nur möglich zu verhalten. Ich zog mich in mein Zimmer zurück, um zu meditieren. Eine gute Ablenkung meine verrückten Gedanken zu sortieren, die mir wild durch den Kopf schossen.

Warum hatte der König das getan? Laidarer hin oder her – dieser Mann rettete uns das Leben und, falls wir wirklich diese „tollen“ Auserwählten waren, war das dann nichts wert? Und warum wurde ich belogen, als ich nach meinem Retter fragte? Angeblich hatten die Ritter niemand im Wald gefunden. Half uns Cahlur wirklich nur, weil er mich loshaben wollte? Oder war das eine Falle, um einen Grund zu haben, mich selbst in den Kerker zu werfen?

Es gab nur einen Weg, das herauszufinden. Trotz dass sich die Zeit hinzog wie alter Kaugummi, der am Turnschuh klebte, wurde es endlich Abend. Lange nachdem sich die Kammerdiener verabschiedet hatten, trafen wir uns alle bei Phil im Zimmer. Er reichte uns kleine Beutel zum umschnallen mit Proviant und schwere, dunkle Umhänge.

Juliana hatte längst ein Seil am Bettende festgemacht und warf den Rest aus dem Fenster, schließlich konnten wir kaum durch die schwer bewachte Vordertür spazieren. Ein letztes Mal fragte ich mich, warum ich das hier eigentlich tat und nicht einfach zum König marschierte, um ihn zur Rede zu stellen. Doch irgendetwas sagte mir, dass ich nicht von ihm die gewünschten Antworten bekäme und es zumindest für meinen Retter tödlich enden würde.

So schwang ich mich also als Letzter über die Brüstung und folgte meinen Klassenkameraden nach unten, die angespannt auf mich warteten. Ein kleiner Zaubertrick seitens Shawn, der Knoten des Seils löste sich und es fiel zu uns hinab. Wir wollten ja nicht Jedem auf die Nase binden, wie wir das Kunststück vollbracht hatten.

Der Weg zum Kerker verlief recht unspektakulär und – mal abgesehen von zwei Patrouillen, vor denen wir uns verstecken mussten – ruhig. Im Verlies angekommen, zog es mich sofort zu meinem Retter, der wie versprochen frisch verbunden und neu beziehungsweise unauffällig gekleidet war. Cahlur erwartete uns schon und wies mit einer Fackel ungeduldig in eine Richtung.

„Hier entlang. Eilt euch!“

Unter der gesamten Stadt verliefen geheime Tunnelsysteme, durch die uns Meister Mowas hinaus bis zu einer von hohen Bäumen umgebenen Lichtung führte. Die ersten Ausläufer des Waldes. Tief atmete ich die kühle Nachtluft ein und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Der modrige Geruch, die Schwärze und die beklemmende Enge in den Tunneln hatten mir arg zugesetzt.

Mal davon abgesehen hatten Shawn und ich mit unserem Retter ganz schön zu tun. Selbst ein Fliegengewicht wurde mit der Zeit schwer. Unweit von uns standen drei Pferde bereit, die ab und an unruhig schnaubten. Cahlur hatte wirklich an alles gedacht.

„Phil, du bist unser bester Reiter. Nimm dir ein Tier zusammen mit Dornröschen und schnall ihn gut fest. So merkst du auch sofort, wenn sich etwas an seinen Zustand ändert. Shawn, du reitest mit unserem Nervenbündel und schalte dein Frühwarnsystem an. Vielleicht spürst du, wenn jemand uns folgt. Und du Lucian, behalte die Umgebung im Auge und zwar auf jede Art und Weise. Umso früher wir merken, dass Gefahr droht, umso eher können wir sie umgehen. Ich reite voraus und melde mich, sobald es was gibt, also halte deine Sinne offen!“

Wir nickten Juliana knapp zu und taten wie geheißen. Es war ihre Branche, weswegen wir ihr uneingeschränkt vertrauten. Zwar passte mir die Entscheidung überhaupt nicht, dass mein Retter mit jemand anderes reiste, aber ganz ehrlich, Pferde waren mir noch immer total unheimlich.

Davon mal abgesehen hätte ich mich auf nichts konzentrieren können, aus Sorge über meinen Laidarer. Angespannt saßen wir auf unseren Tieren und warteten darauf, dass auch unsere Kriegerin aufsteigen würde, damit wir endlich los konnten. Doch die ging abermals zu Cahlur und stellte sich entschlossen vor ihn.

„Auch wenn ich es noch nicht verstehe, weiß ich es sehr zu schätzen, was ihr heute für uns getan habt. Das werde ich euch nie vergessen!“

Dann nahm sie ihren Dolch, schnitt sich in die linke Handfläche und kniete sich feierlich vor ihn hin.

„Es war mir eine Ehre, euch als meinen Meister benennen zu dürfen.“

Es war im Dunkeln kaum zu sehen, doch im schwachen Schein der Fackeln glaubte ich fast, ein Schmunzeln über Cahlurs Lippen huschen zu sehen.

„Ihr wart die ungewöhnlichste und nervigste Schülerin, die ich je hatte.“ Mit diesen Worten nahm er Julis Dolch ab und gab ihr seinen. Dann verschwand er ohne Weiteres in dem Geheimgang. Mit vor Stolz geschwellter Brust lief die ehemalige Cheerleaderin an uns vorbei und stieg endlich auf ihr Pferd auf.

„Es wird Zeit. Seid wachsam!“

Also das brauchte sie mir nicht zweimal zu sagen.

Wir ritten bis die Sonne aufging und weiter in den Tag hinein. So gut es ging, versuchten wir Pausen zu vermeiden, stiegen lediglich ab und an ab, um die Tiere zu schonen – und unsere Hintern. Nur wenn es keine andere Möglichkeit gab, liefen wir über freie Plätze, hangelten uns von Baumgruppe zu Wäldchen. Die Spuren zu verwischen fand Juli als zu zeitraubend. Wenn wir uns beeilten, wären wir wohl in zwei Tagen in Nähe der Grenze zu Laidaron.

Ich hoffte es inständig, denn mein Rücken protestierte schon lautstark. Ein Audi wäre jetzt cool, schön gepolstert mit Sitzheizung, Klimaautomatik und Stoßdämpfern… Obwohl ich mich auch mit so nem abgewrackten Wolf von der Bundeswehr zufriedengeben würde.

Es war seltsam, wie ruhig meine Klassenkameraden waren, inklusive mir. Sonst hatten wir ständig etwas zu erzählen, meckerten über unsere Mentoren, diskutierten Thesen oder lästerten über komische Diener. Doch nun hing jeder seinen eigenen Gedanken hinterher, beziehungsweise konzentrierte sich auf seine Aufgabe.

Es wurde einem immer mehr bewusst, dass es wirklich kein langer Traum war oder lächerliche Spielereien mit Stöcken oder Staubpartikeln. Alle waren angespannt und blickten ernst drein. Ich hoffte inständig, dass wir hier heil wieder rauskämen, ohne den Sinn für Leichtheit und Frohsinn zu verlieren.

Erst als es wieder dunkel wurde, erlöste die Kriegerin uns endlich und suchte ein passendes Versteck für die Nacht. Unser Lager blieb schlicht, um schnell wieder weiterreisen zu können. Lediglich die Pferde wurden abgesattelt und gepflegt.

Ich versuchte so gut es ging mitzuhelfen, aber es war schnell klar, dass ich einfach mit diesen Tieren nicht umgehen konnte. Also wurde ich zum Feuermachen abkommandiert, was mir viel leichter von der Hand ging. Danach assistierte ich Phil beim Verbandswechsel unseres Retters. Als wir fertig waren, sah der Heiler mich nachdenklich an.

„Am besten du legst dich für die Nacht neben ihn. Er war die ganze Zeit am Zittern, bis jetzt.“ Philip stand auf und klopfte mir leicht auf die Schulter. „Aber deine Finger bleiben bei dir, klar!“

Mann, der Typ verbrachte zu viel Zeit mit Shawn, denn diesen Spruch samt des dämlichen Grinsens hätte er sich auch sparen können. Fürsorglich deckte ich unseren Begleiter zu und wickelte mich dann selbst ein. Aber obwohl ich total kaputt war, konnte ich nicht gleich schlafen.

Sein Gesicht war nur wenige Zentimeter von mir entfernt und je länger ich ihn betrachtete, desto seltsamer fühlte ich mich. Er sah so friedlich aus, als ob er lediglich ein Nickerchen machen würde. Keine Ahnung ob es die heftigen Schuldgefühle waren, die schwer in mir brodelten, oder etwas anderes. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – nahm ich seine Hand in meine und legte diese neben mir auf das provisorische Kopfkissen.

„Wir bringen dich zurück nach Laidaron und zwar lebend. Das verspreche ich dir!“

Der nächste Morgen kam viel zu früh. Ich spürte jeden einzelnen Knochen in meinem Körper, sogar an Stellen, wo ich nie welche vermutet hätte. Dieser Kraftakt, der sich Reise nannte, begann Spuren zu hinterlassen. In Gedanken an mein IKEA-Bett daheim, mit schöner Matratze, samt Decke und Kopfkissen ohne Federn, die ständig kicksten, half ich beim Abbau des Lagers.

Erst als unser Retter auf’s Pferd geschnallt und die Spuren so gut es ging verwischt waren, machten wir uns wieder auf den Weg. Wenn wir das bisherige Tempo so beibehielten und nichts weiter dazwischen käme, sollten wir laut Juliana in der Nacht die Grenze zu Laidaron erreichen. Es war am späten Nachmittag, als ein kalter Windhauch meinen Nacken streifte und mich kurz frösteln ließ.

„Hast du das gerade auch gespürt?“ Shawns Flüstern war kaum zu hören gewesen, dafür war sein suchender Blick umso deutlicher.

Wir zügelten die Pferde und schickten der Kriegerin ein knappes Bild, damit sie zu uns kam, schließlich ritt sie einige Meter voraus.

„Was ist los?“ Juli hielt kurz vor uns an und schaute fragend in die Runde.

„Unser Frühwarnsystem ist angesprungen – zumindest glauben wir das.“ Der Redner schien noch immer nicht recht überzeugt zu sein. „Kann auch ein frischer Windzug gewesen sein.“

„Meister Mowas sagte immer, man soll auf sein erstes Bauchgefühl hören.“ Schwungvoll stieg die Kriegerin ab. „Dort vorne kommt eine größere Lichtung, die wir überqueren müssen. Lucian und ich werden uns das Gelände vorher mal angucken. Und ihr haltet euch bedeckt! Falls was passieren sollte, gebt ihr den Pferden die Sporen! Keine Heldennummern, klar!“

Alle nickten brav, bevor ich mich zu Juli gesellte und mit ihr im Unterholz verschwand.

„Was denkst du werden die mit uns machen, falls die uns wirklich kriegen?“ Irgendwie ließ mich dieser Gedanke einfach nicht los.

„Die Beihilfe zum Ausbruch würde uns schon mehrere Peitschenhiebe einbringen. Dass es sich hierbei um einen Laidarer handelt, verschärft die ganze Sache noch. Da müssten mindestens unsere Köpfe rollen, damit der König sein Gesicht wahren kann, schließlich war das Hochverrat.“

„Aber wir sind doch die Auserwählten. Für irgendwas muss der Titel doch gut sein.“

„Ich hoffe es. Die tollen Suiten können wir uns auf alle Fälle abschminken.“

Nur ungern pflichtete ich der Kriegerin bei, aber leider hatte sie recht. Mit einem miesen Gefühl im Magen, lenkte ich meine Aufmerksamkeit auf den vor mir liegenden Pfad, der immer dichter wurde. Zum Schluss robbten wir auf den Bäuchen und Unterarmen vorwärts und versuchten so leise wie nur möglich zu sein.

Keine Ahnung wie lange wir schon wie Rekruten in der Grundausbildung uns durchs Unterholz pflügten, doch auf einmal hob Juliana die Faust und deutete auf einen Busch vor uns. Behutsam pirschten wir uns heran und lugten dann vorsichtig darüber. Direkt dahinter breitete sich ein Tal aus, als hätte man den Wald mitten drin aufgeschnitten.

Mehr beunruhigten mich allerdings die Reiter, die gemächlich über die Freifläche ritten, als würden sie jemanden suchen. Das Wappen auf ihren Brüsten und Pferden war leicht zu erkennen: noraylische Truppen. Juli machte ein knappes Zeichen zum Rückzug und wenig später standen wir wieder bei unseren Klassenkameraden.

„Und was machen wir jetzt?“, fragte Phil, nach dem wir berichteten, was wir gesehen hatten. Shawn stieg vom Pferd und kritzelte mit einem Stock eine grobe Landkarte in den Boden.

„Wir könnten ein Stück zurückreiten und die Lichtung weiträumig umgehen.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob das unser Freund hier übersteht. Wir büßen doch da mindesten zwei bis drei Tage ein“, wandte der Heiler ein.

„Außerdem wirft uns das zu weit in noraylische Lande zurück“, meinte Juli zähneknirschend und schüttelte dann energisch mit ihrem Kopf. „Nein! Die Grenze ist zum Greifen nah. Ich bin nicht bereit dazu, jetzt umzukehren! Shawn, was ist mit dem schmalen Waldweg, der dort hinten von hier abzweigt?“

„Der macht lediglich einen Bogen und endet unterhalb der Lichtung. Also auch nicht viel besser.“

„Für ein kleines Ablenkungsmanöver ideal.“

Fragend sahen wir die Kriegerin an, die Shawn und mich abschätzend musterte. „Sagt mal ihr beiden, wie gut ist euer Unsichtbarkeits- und Schleichzauber?“

Keine halbe Stunde später trabten wir vorsichtig über die Lichtung, direkt an den noraylischen Truppen vorbei, ohne dass diese etwas davon mitbekamen. Mein Herz klopfte vor Aufregung wie wild und legte noch an Tempo zu, jedes Mal, wenn wir dichter an einem noraylischen Soldaten vorbeiritten, die weitläufig auf der Wiese verteilt waren.

Und die Gesprächsfetzen, welche wir ab und an aufschnappten, machten mir auch nicht gerade mehr Mut. Laut den Spuren, die sie von uns gefunden hatten, mussten wir wohl hier durchkommen. Nach der Hälfte der Strecke war ich total durchgeschwitzt und das fiese Ziehen im Kopf wurde immer intensiver. Verbissen hielt ich den Zauber aufrecht, bis mir kotz übel vor Anstrengung wurde.

Doch als ein Ritter in der Nähe seine Aufmerksamkeit direkt auf uns beziehungsweise auf das Gras unter uns richtete, setzte es bei mir aus. Mir war als würde jemand mein Gehirn als Bowlingkugel missbrauchen.

Ich spürte wie Shawn sich vor mir verkrampfte und meine Arbeit sofort übernahm, obwohl er selbst kaum noch Energie hatte. Ängstlich blickte ich zu dem Soldaten, der sich fahrig über die Augen wischte, als wäre er nicht sicher, ob er gerade überhaupt was gesehen hatte. Noch bevor dieser jedoch irgendwie handeln konnte, schallten laute Rufe über die Lichtung.

„Da sind sie! Sie wollen durchbrechen! Hinterher!“

Ich hoffte inbrünstig, dass Juli und ihr kleiner Illusionszauber es schafften. Genau wie die Soldaten trieben wir unsere Tiere an und verschwanden so schnell als möglich in die andere Richtung. Eine ganze Weile ritten wir den Weg entlang und es grenzte fast an ein Wunder, dass wir es bei diesem Tempo schafften, im Sattel zu bleiben. Irgendwann zügelte Philip sein Pferd und schaute schnaufend zu uns rüber.

„Leute, ich glaub unser Freund hier macht nicht mehr lange mit.“

Besorgt sah ich das blasse, mit kaltem Schweiß überzogene Gesicht meines Retters an. Der Begriff „Heilzauber“ irrte durch mein überreiztes Gehirn. Aber woher sollte ich die Kraft dazu aufbringen, wenn ich es kaum schaffte, mich aufrecht zu halten. Allerdings sollte das vorerst das geringste Problem werden.

Vor uns tauchte eine Person auf und kam langsam auf uns zu. Sein gezogenes Schwert war nicht zu übersehen und bald darauf erkannten wir auch das noraylische Wappen. Immer mehr Soldaten krochen aus den Büschen, bis wir komplett umstellt waren.

„Nettes Ablenkungsmanöver. Aber dachtet ihr wirklich, dass wir darauf reinfallen?“, schnaubte der Mann vor uns, den ich als dritte oder vierte Hand von Meister Mowas erkannte.

Die Tiere spürten unsere Nervosität und tänzelten unruhig vor und zurück. Noch ehe ich einen Gedanken an einen Durchbruchsversuch und Flucht verschwenden konnte, schloss ein weiterer Trupp berittener Soldaten zu uns auf. Juliana war bei ihnen, schien bewusstlos zu sein.

Wie ein Stück erlegtes Vieh warfen die sie vor unsere Füße und grinsten uns hämisch an. Nur Cahlur’s Gesicht blieb regungslos. Keine Ahnung, ob ich mir das nur einbildete, aber fast glaubte ich Enttäuschung darin zu erkennen. Er gab seinen Leuten einen Wink, worauf diese uns grob von den Pferden zerrten und uns vor ihm in die Knie zwangen. Meister Mowas musterte uns knapp und wandte sich dann ab.

„Bindet ihnen Füße und Hände und bringt sie zurück nach Ivara. Eilt euch! Der König wartet nur ungern!“

„Und was machen wir mit dem hier?“, fragte einer der Soldaten abwertend und trat meinem Retter genau in den Magen.

Ungewollt zuckte ich zusammen, als hätte die Attacke mir gegolten. Cahlur brauchte sich nicht umzudrehen um zu wissen, wer gemeint war. Kraftvoll stieg er auf sein Pferd auf und hielt es mit einer Hand im Zaum.

„Tötet ihn!“

Dann gab er dem Tier die Sporen und galoppierte mit vier weiteren Rittern davon. Der Stellvertreter spukte auf den Boden und setzte ein fieses Grinsen auf. Mit gezogenem Schwert ging er auf sein Opfer zu.

„So, du Bastard einer laidarischen Hure. Zeigen wir den großen Auserwählten, was wir mit Feinden des Landes machen!“

Zwei Soldaten hatten ihn jeweils links und rechts an den Armen in eine halbwegs aufrechte Position gezerrt, den Oberkörper leicht vornüber gebeugt, um besser an den Nacken zu kommen. Sie wollten ihn köpfen! In meinem Inneren brodelte eine noch nie da gewesene Wut auf.

Wie konnten die es wagen, ihm auch nur ein Haar zu krümmen!? Immer lauter rauschte das Blut in meinen Ohren. Als wenn ich durch einen Tunnel blickte, nahm ich nur noch meinen Retter wahr und diesen widerlichen Typen, der ihn kaltblütig umbringen wollte. Abermals setzte mein Verstand einfach aus.

Ruckartig riss ich mich von dem Ritter los, der dabei war mich zu fesseln und stürzte mich brüllend auf den Anführer. Der allerdings fixierte mich geringschätzig und schüttelte mich ab wie eine lästige Fliege. Ächzend landete ich im Dreck und schaffte es nicht mal, mich ordentlich abzurollen.

Sofort umringten mich mehrere Soldaten, zerrten mich auf die Knie und verrenkten mir schmerzhaft die Arme auf den Rücken. Gemächlich kam der Anführer auf mich zu, sah mich von oben bis unten abwertend an. Dann landete sein Handrücken mit ganzer Kraft in meinem Gesicht.

„Und ihr wollt die großen Auserwählten aus der ehrwürdigen Prophezeiung sein…??? Das ich nicht lache!“

Er spie mir mitten ins Gesicht, packte sein Schwert fester und stapfte mit weiten Schritten auf meinen Retter zu.

Nein!

Schwungvoll holte er aus und verzog dabei eine widerliche Grimasse.

Nein!

Abermals versuchte ich mich zu befreien, bäumte mich gegen die Ritter auf, schrie sie außer mir vor Wut an. Doch dieses Mal schaffte ich es nicht, den Anderen von seiner Tat abzuhalten. Mein Retter jedoch schon. Im letzten Moment öffnete er die Augen, befreite sich mit einer simplen Hebeltechnik und wich um Haaresbreite dem tödlichen Schlag aus.

Noch in derselben Drehung ergriff er das Schwert eines anderen Soldaten und schlug dem taumelnden Anführer seinerseits den Kopf ab. Wie unter Trance gafften alle meinen Retter an und konnten es kaum fassen, dass der bewusstlose und halb tot geglaubte Laidarer zu so einer Tat fähig war.

Ich hingegen sah nur seine Augen, glasig vom Fieber und trotzig wie ein kleiner Bengel, der sein liebstes Spielzeug verteidigen wollte. Und doch sah ich auch das Feuer darin, ungebrochen und wild, bereit alles und jeden zu verschlingen, der es wagte, ihm zu nahe zu kommen. Dann brach der Bann und alles geschah auf einmal.

Mehrere Ritter stürzten sich gleichzeitig auf meinen Retter und ließen uns vier kurz außer Acht. Sofort nutzten wir die Gelegenheit, schlugen unsere Bewacher nieder und stahlen deren Waffen. Wie ein verwundetes Tier, das man in die Enge getrieben hatte, wütete Juli unter den Soldaten und warf jeden zurück, der ihr und Phil zu nahe kam. Shawn und ich kämpften uns zu dem Laidarer vor, der geschmeidig wie eine Raubkatze seinen Angreifern auswich und denen stattdessen tödliche Wunden bescherte.

Doch es waren einfach zu viele und wir von der anstrengenden Reise und kräftezerrenden Zauber zu geschwächt. Auf jeden Soldaten, den wir besiegten, kamen zwei neue. Die Kriegerin begann schon zu taumeln und aus Phils Stirn tropfte Blut. Shawns Arme zitterten bei jedem Schlag mehr und bei mir gaben die Beine nach. Selbst mein Retter machte immer mehr Fehler.

Die Zeit verstrich immer langsamer, bis ich alles nur noch in Zeitlupe sah. Ich hörte nichts, außer meinem Atem, der rasselnd und zäh aus meiner Lunge kroch. War es das jetzt gewesen? Endlich alles vorbei?

Schwerfällig wanderte mein Blick zu Juliana, die Blut verschmiert zu Boden ging. Sah Philip, wie er brüllend seine Freundin zu beschützen versuchte, doch den Angreifer hinter sich übersah. Schaute weiter zu Shawn, aus dessen Bein ein Dolch ragte und wie er die Augen bis ins Weiß verdrehte.

Und blicke schlussendlich zu meinem damaligen Retter. Selbst jetzt war ich von seiner ungezähmten Schönheit überwältigt. Doch auch er war letztendlich zu schwach und wurde entwaffnet.

Hört auf.

Ganz schwach spürte ich die beiden Wörter in mir.

„Hört auf“, flüsterte ich einen Herzschlag später.

All das Blut… all diese Menschen… So sinnlos.

„Hört auf!“, sagte ich lauter.

Niemand sollte mehr sterben! Nicht Juli, nicht Phil, nicht Shawn und auch nicht mein Laidarer! Niemand mehr!

„Hört auf!“, schrie ich wütend der Masse entgegen.

Mein Atem ging nun so schnell, dass meine Brust schmerzte und in den Ohren dröhnte es so laut, als ob das Trommelfell jeden Augenblick zerreißen würde. Gequält presste ich die Lider zusammen und holte ein letztes Mal tief Luft. Dann brüllte ich wie nie zuvor in meinem Leben.

„HÖRT AUUUUUF!!!!“

Etwas zerbrach. Ich spürte es überdeutlich, als hätte ich selbst ein Glas zu Boden geworfen, sah die Splitter, hörte das Klirren. Wie bei einem schlafenden Vulkan, der neu zum Leben erwachte, durchflutete mich eine Hitze, drang in jede kleinste Ecke, in jede Pore, bis ich glaubte zu verglühen. Meine Handgelenke, die Stirn, mein Herz, alles brannte wie Feuer.

Dennoch hatte ich nur einen einzigen Gedanken. Sie sollten endlich aufhören. Und wie ich meine Augen öffnete, flutete eine goldene Welle über den Weg. Als hätte man einen Stein ins Wasser geworfen, schwappte diese kreisförmig von mir weg und berührte jeden Einzelnen, bis sie komplett verebbte.

Als ich es endlich schaffte, das Weiß vor meinen geblendeten Augen wegzublinzeln, schaute ich mich ungläubig um. Die noraylischen Soldaten lagen am Boden und rührten sich nicht mehr. Einzig meine Klassenkameraden und der Laidarer waren bei Bewusstsein und blickten mich aus großen Augen an.

Wieder kribbelten meine Handgelenke unangenehm und ich sah gerade noch, wie die goldenen Punkte dort verschwanden. Mein Retter sagte irgendetwas und zog damit meine Aufmerksamkeit auf sich. Noch während er in sich zusammenklappte, war ich bei ihm und fing ihn auf, bevor er zu Boden fiel. Hilfesuchend schaute ich zu Philip, der sofort bei uns war.

„Oh Mann, das sieht nicht gut aus“, nuschelte er abwesend vor sich her, ganz in seiner Untersuchung vertieft.

„Vorerst ist das zweitrangig. Cahlur’s Truppen sind noch ganz in der Nähe und wer weiß, ob du dieses Kunststück noch einmal drauf hast“, mahnte Juliana und sah sich unruhig um.

„Kunststück ist gut. Alter, was hast du gemacht?! Ich fühle mich wie neu geboren!“

Verwirrt blickte ich zu Shawn auf und tatsächlich schaute er total erholt aus. Alle Wunden waren verschwunden, genau wie seine Augenringe.

„Nur dein Anhänger scheint das alles nicht überlebt zu haben“, meinte er und deutete auf meine Brust.

Verwundert langte ich nach der Kette um meinen Hals und betrachtete den kleinen Ring, an dem nur noch ein winziger Splitter des Sprachenkristalls hing. Als ich mit dem Finger darüber fuhr, durchzuckte mich ein kleiner Blitz, als hätte ich mit feuchten Händen einen Stecker berührt.

Er hinterließ ein seltsam taubes Gefühl, genau wie bei den Trainingsstunden mit Meister Vaskir, wenn er mir wiedermal eine dämliche Aufgabe stellte, die ich einfach nicht schaffte. Als ob mich etwas dämpfte. Und dann fiel es mir wieder ein, das klirrende Geräusch, kurz vor der goldenen Welle. Schlagartig setzten sich ein paar Puzzleteile zusammen. Vorsichtig übergab ich mein Sorgenkind komplett an Phil und stand auf.

„Gebt mir eure Kristalle, sofort!“

Zuerst sahen mich alle Drei komisch an und der Redner wollte schon was wegen meines Tons sagen. Aber ein Blick in mein entschlossenes Gesicht reichte und er tat es schließlich den anderen Beiden nach und legte sein Schmuckstück gleichsam in meine ausgestreckte Hand.

Ich zögerte nicht länger und warf sie mit aller Kraft weit von uns weg. Noch im Flug formte ich einen starken Energieball und schmiss diesen hinterher. Unter einem ohrenbetäubenden Knall wurden die Kristalle regelrecht pulverisiert.

„Toll. Und jetzt? Ich hoffe du hast gut bei ‚Landessprachen und Dialekte‘ aufgepasst!“, maulte Shawn, wurde jedoch ganz ruhig, als ein lauer Wind aufkam, der um die Drei umherwirbelte.

Dann spürten auch sie es. Ich sah es an ihren Gesichtern, wie sie erstaunt die Augen aufrissen und nach Luft schnappten. Genau wie mich vorhin, durchflutete sie nun die neue Kraft. Und auch bei ihnen leuchteten goldene Punkte auf.

Bei Philip links und rechts auf den Handrücken und auf beiden Schläfen, bei Shawn vier Stück am Rückgrat entlang, was man sogar durch den Stoff seiner Kleidung sah und bei Juliana links und rechts außen auf den Oberschenkeln und Oberarme. Zwei Punkte waren jedoch bei allen an der gleichen Stelle: einer an der Stirn und einer am Herzen. So schnell wie der Spuk begann, war er wieder vorbei. Nur die Drei sahen aus, als hätten sie gerade das geilste Zeug der Welt geraucht.

„Krass… ich spüre jede einzelne Vene, jeden noch so kleinsten Muskel von ihm“, faselte Phil, als wäre er high, hob langsam seine Hand und berührte ganz kurz die von Shawn. Der machte darauf einen Satz nach hinten und sah empört seinen Klassenkameraden an.

„Mann, was war das denn?!“

„Sorry, ich brauchte nur etwas Energie, um seine inneren Blutungen zu stillen“, meinte Phil schlicht und ließ weiter seine Hand über meinen Laidarer schweben.

„Was hast du gerade getan?“, fragte ich ungläubig. Unser Genie schaute tadelnd zu mir auf, als hätte ich gerade nach dem 1 x 1 gefragt.

„Ich bin Heiler, kein Magier. Um handeln zu können, benötige ich externe Energie.“

„Mo… Moment mal. Durch Handauflegen … weißt du was ihm fehlt?“

„Jup. Und dank Rayka weiß ich, wie ich’s behandeln kann. Und wenn ein Magiebegabter dabei ist, sogar ohne aufschneiden. Das einzige Problem bei ihm hier ist, dass er vergiftet wurde, wohl über einen längeren Zeitraum. Selbst wenn ich das Gegenmittel kennen würde, ist es schon zu weit ausgebreitet. Wenn ich es überhaupt hinbekomme, dann nicht in den nächsten Minuten.“

„Die haben wir eh nicht“, mischte sich Juli ein. Sie hatte eine Hand auf den Erdboden gelegt und sah angestrengt nach vorn. „Cahlur ist mit sechszehn weiteren Männern hier her unterwegs. Sie reiten sehr schnell, nur leicht gerüstet, allerdings gut ausgebildet, mit scharfen Klingen bewaffnet. Denen sollten wir lieber nicht begegnen.“

„Also wenn du mir jetzt noch sagen kannst, was für ne Farbe deren Lendenschurze haben, bin ich echt beeindruckt“, sagte Shawn grinsend, worauf die Kriegerin eine Augenbraue hob und schwach lächelte.

„Du hast echt einen komischen Fetisch“, konterte sie und deutete dann in eine etwaige Richtung. „Ein paar hundert Meter in diese Richtung ist der erste laidarische Grenzposten. Wir müssen es nur noch bis dahin schaffen. Einen offenen Angriff auf landesfremden Boden wird der noraylische König noch nicht zulassen, also wären wir dort vorerst sicher.“

„Alles klar“, stimmte der Redner zu. „Dann holen wir die Pferde und ihr Beide macht den Kleinen startklar. Sag mal, warum wurde er eigentlich nicht mitgeheilt?“

„Er hat nicht die gleiche Verbindung wie wir untereinander“, antwortete Phil und gemeinsam hievten wir den Laidarer hoch.

Mit einem Schulterzucken drehte sich Shawn um und pfiff nach den Pferden. Doch anstatt nur zu schnauben, um sich bemerkbar zu machen, wo sie sind, kamen die Tiere gemütlich auf ihn zugetrabt.

„Krass…“, meinte nun auch der Redner verblüfft und streichelte liebevoll einem Pferd über die Nüstern. „Als ob ich mit ihnen verbunden wäre… auf so ner geistigen Ebene“, erzählte er weiter verträumt.

„Sag mal Luci, wenn bei uns allen jetzt diese Megakräfte freigesetzt sind, warum pustest du Meister Mowas und seine Typen nicht einfach um? Da brauchen wir uns nicht so ein Stress machen und Phil könnte sich mit mir gemütlich um deinen Kleinen kümmern.“

Entmutigt atmete ich aus.

„Erstens leben die Soldaten hier noch. Ich wollte lediglich, dass sie aufhören, nicht dass sie sterben. Zweitens weiß ich überhaupt nicht, wie ich das machen soll, weil drittens mir alles nicht so zufliegt wie euch.“

„Die Kristalle zu pulverisieren war doch schon ein super Anfang“, versuchte Juli mich aufzumuntern, doch ich winkte ab.

„Das war im Affekt.“

„Hey Lucian, probier es doch einfach, ganz in Ruhe.“

Toll, der Heiler hatte ja gut reden. Der erstellte neuerdings Diagnosen per Handauflegen, Juli konnte die Brusthaare von Angreifern zählen, die noch Meilen entfernt waren und Shawn mutierte zum neuen Pferdeflüsterer. Wieso fühlte ich mich weiterhin nur so normal?!

Aber gut, ich tat den Anderen den Gefallen und schloss meine Augen. Vorher war es doch auch relativ einfach gewesen, ein paar Steine schweben zu lassen. Ich versuchte mich zu konzentrieren und öffnete ein klein wenig meinen Geist für die Umgebung.

Als hätte man mich unter eiskaltes Wasser getaucht, schnappte ich panisch nach Luft, ohne wirklich zu Atem zu kommen. Tausende von Bildern sprudelten mit einmal auf mich ein: Ein Reh, was die Ohren spitzte, Frösche in einem Tümpel, eine Fliege, die sich in einem Spinnennetz verfangen hatte, das Rascheln der Blätter, sich näherndes Hufgetrabe, das stetige Herzpochen meiner Klassenkameraden…

Als hätte jemand tausend Fernseher auf einmal angemacht, inklusive Dolby-Surround-Anlage. Laut stöhnend ging ich zu Boden, presste mir die Hände auf die Ohren und die Lider zusammen, um alles auszusperren. Nur langsam schaffte ich es, alles zurückzudrängen und als ich endlich wieder klar sah, blickte ich in drei besorgte Gesichter.

„Mensch Lucian, du kannst uns doch nicht immer so erschrecken“, sagte Juli kopfschüttelnd und half mir wieder auf.

„Tschuldige“, murmelte ich und ließ mich zum Pferd dirigieren, da wohl die Zeit echt knapp wurde.

Shawn half Phil mit dem Laidarer, während ich mich auf mein Tier quälte und Juli sich kraftvoll hochzog. Dann drängte sie uns schon in die Richtung, in die sie vorhin grob gezeigt hatte. Wir ritten eine ganze Weile, immer das dumpfe Gefühl im Nacken verfolgt und jeden Augenblick gefasst zu werden.

Trotzdem kreisten meine Gedanken immer wieder an den missglückten Versuch, meine Kräfte einzusetzen. Warum war das für die Anderen eine Kleinigkeit und mir platze fast das Hirn?! Je länger ich darüber grübelte, desto mehr ärgerte ich mich über meine Unfähigkeit und desto weniger achtete ich auf die Umgebung – bis mich etwas heftig an der Seite traf und ich regelrecht aus dem Sattel flog.

Ich schaffte es kaum Luft zu holen, da wurde mir schon ein scharfes Messer an die Kehle gedrückt. Keine Ahnung was für eine Warnung mir ins Ohr gezischt wurde, aber es klang gefährlich genug um stillzuhalten. Mir wurden die Hände auf dem Rücken gebunden, dann spürte ich noch einen Schlag auf dem Kopf, bevor es komplett dunkel wurde.

 

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