Traumschiff – Teil 19

Jerome

Wir sitzen gerade beim Essen, als mein Handy geht. Martin ist dran und ich lausche sprachlos der Geschichte, die er mir gerade erzählt. Von dem kleinen, süßen Pagen, der wohl hier noch mehr Opfer geworden ist, wie wir zwei Ausgespähten, erzählt er und vom Portier, und auch, das Papa mit dem Heli nach Dresden unterwegs ist, um die Bombe platzen zu lassen.

Papa hat schon von Bremen aus dafür gesorgt, dass der Portier, sollte er das Hotel verlassen, auf jeden Fall beobachtet wird. Auch die Wohnung wird mittlerweile von einem Privatdetektiv observiert. Martin erzählt, das Papa sauer ist und das er den Kleinen wohl mit nach Bremen nehmen will, um ihn dort im Hilton unter zubringen.

Sergej beobachtet mein Gesicht und ist anfangs wohl erschrocken, über das was er dort sieht. Das der Kleine sexuell missbraucht wurde, hat einen entsetzten Ausdruck auf mein Gesicht gezaubert, der aber im Laufe des Telefonats wieder ziemlich der Normalität weicht. Nach dem Martin aufgelegt hat, drücke ich das Handy ab und leg es auf den Tisch.

„Boah, Sergej, das ist kaum zu glauben“, sag ich zu meinem Schatz und dann erzähl ich ihm die ganze Geschichte. Auch ihm fehlen zunächst die Worte und erst am Ende meiner Erzählung sagt er: „Jetzt in dieser Geschichte ist es doch sehr von Vorteil, wenn man nicht aufs Geld schauen muss. So wird das Schwein auf jeden Fall einwandern in den Knast. Dein Papa wird das schon hinkriegen und das er den Kleinen mitnehmen will nach Bremen, find ich sehr nobel.“

„Ich glaube nicht, das sich dieser Berger da noch raus winden kann und egal, was passiert, der wird nie wieder in einem angesehenen Hotel eine Arbeit finden, dafür wird Papa sorgen“, sag ich und schiebe meinen Teller zurück. Ich bin satt und auch Vanessa und Sergej sind mit dem Essen fertig.

Ich schau die Kleine an und putze mit einer Serviette Ketchupreste von ihrem Mund. „Möchtest du noch ein Eis als Nachtisch, Vanessa?“, frage ich sie und als sie nickt, frag ich Sergej, ob er auch ein Eis möchte.

Nach dem er zugestimmt hat, winke ich der Bedienung und bestelle das Eis, für mich natürlich auch eins. Es dauert nicht lange, bis das Eis kommt und wir verzehren unseren Nachtisch mit Genuss. Anschließend setzen wir unseren Rundgang fort. Ich denke mal, dass wir bis um halb Vier alles gesehen haben und Martin uns wieder abholen kann.

Ole

Nachdem sich Frank verabschiedet hat und wir unser Frühstück gegessen haben, muss Torsten runter zur Reha. Da er noch nicht so sicher auf dem Bein läuft, begleite ich ihn. Er will unbedingt die Treppen gehen, damit seine Muskeln wieder wachsen und so stütze ich ihn ein bisschen beim runter gehen.

Seine Anwendung dauert etwa dreißig Minuten, Zeit genug, für mich, noch die Cafeteria auf zu suchen und auch noch mit Mutsch zu sprechen. Ich erzähle, das Jerome und sein Freund am Samstag auch auf die Party kommen und das sie bitte ausreichend Nudelsalat machen muss. Mutsch lacht und als sie hört, das Torsten auch da sein wird auf der Party, will sie noch einen Schwarzwälder backen.

Ich habe mir einen Latte bestellt und den dann auch mit Genuss getrunken, ehe ich nun Torsten wieder abhole und mit ihm noch ein wenig in den Park bummeln gehe. Er muss sich halt viel bewegen, damit das Bein wieder normal dick wird. Mit Reha allein dauert es halt einfach länger und da ich ihn begleite, ist das ja auch keinen Gefährdung für ihn.

„Ich freu mich auf die Party, auch wenn ich noch nicht richtig Tanzen kann“, sagt er, während wir vom Haus weg in den Park laufen, „mal sehen, wer da so alles kommt. Ich bin ja schon froh, das nicht nur Schwuppen da sind, sondern auch ein paar Wesen mit Oberweite.“ Er grinst mich frech an.

„Wenn du weiterhin so homofeindliche Äußerungen machst, wirst du kurzer Hand wieder aus geladen, du Knaller“, sag ich lachend zu ihm, „denk dran, die Schwuchteln sind in der Überzahl, du hast keine Chance.“ Albern redend gehen wir eine große Runde, bevor wir wieder hoch gehen. Gleich wird die Visite kommen, da sollten wir schon auf dem Zimmer sein.

Martin

Ich bin auf dem Weg zum Flughafen, mal wieder, könnte man sagen. Herr Remmers kommt mit einem Firmenhubschrauber und viel früher, als er das beim skypen gesagt hatte, weil das mit dem Heli wohl sofort geklappt hat. Er hat bereits von Bremen aus die totale Überwachung des „ehrenwerten“ Herrn Bergers organisiert.

Der macht mit Sicherheit keinen Schritt mehr unbeobachtet und wenn er sich mit dem Kleinen in einen Raum schafft, wird halt eingegriffen. Dann möchte ich nicht Berger sein, wenn das passiert. Heute Nacht wird der Kevin  in meinem Zimmer untergebracht, damit er mal wieder angstfrei schlafen kann, wenn der Berger dann noch auf freiem Fuß ist.

Wenn ich drüber nachdenke, was der Berger mit dem Jungen gemacht hat, dann könnte ich einiges mit dem Kerl anstellen, aber das darf ich ja nicht und das ist auch gut so. Sonst würde ich wohl selber vor ein Gericht gestellt werden. So, jetzt bin ich da, nur noch schnell einen Parkschein ziehen und dann warten, bis der Heli da ist.

Drinnen im Gebäude trink ich noch einen Kaffee. Aus dem Fenster kann ich den Bereich mit den Hangars sehen. Dort davor landen normalerweise die Hubschrauber. Ich habe mir eine Zeitung genommen und schau den Regionalteil von Dresden an, als mich Bewegungen draußen aufsehen lassen.

Da kommt ein Heli rein und das ist unserer, das sehe ich am Logo auf der Seite. Da wird der Chef gleich kommen. Ich trink meinen Kaffee aus und geh in den Bereich, wo Privatflieger abgefertigt werden. Nach zehn Minuten ist Karl August da und begrüßt mich mit Handschlag.

„Was gibt’s neues?“, will er wissen und ich berichte noch mal kurz über den Sachstand. Auch, dass die beiden Jungs mit Vanessa im Zoo sind und um halb Vier abgeholt werden wollen, erwähne ich. „Das wäre doch eine Gelegenheit für mich, die Familie Radic kennen zu lernen“, meint der Chef, „mal sehen, was sich bis dahin alles regeln lässt.“

Wir fahren zum Hotel und Karl August sucht sofort den Direktor auf. Vorher verlangt er einen Pagen, der seine Tasche übernimmt und ihn zum Direktor begleitet. Das der Page jetzt gerade Kevin ist, ist reiner Zufall, aber natürlich sag ich dem Chef sofort, wer da seine Tasche trägt.

 „Das passt ja gut, Martin, setzt dich hier in die Lobby und pass auf, das der Berger nicht abhauen kann“, sagt er, bevor er Kevin zum Direktor folgt. Ich setze mich in die Lobby und warte auf die Rückkehr meines Chefs, die Uhr dabei ab und zu streifend, ich muss ja auch noch in den Zoo, aber es ist ja noch ausreichend Zeit.

 

Karl August Remmers

Seit ich heute Morgen von den Machenschaften dieses Herrn Berger gehört habe, bin ich sehr wütend, aber Gott sei Dank immer noch besonnen genug, alles Notwendige in die Wege zu leiten. Nun bin ich auf dem Weg zu dem Direktor des Dresdener Hiltons und vor mir geht mit meiner Tasche der Junge, der das Opfer dieses Schweins namens Berger geworden ist.

Der Junge macht einen ordentlichen Eindruck auf mich, auch wenn er mich vorhin eher ängstlich gemustert hat und auch oder gerade, weil er einen bedrückten Blick hat, der viel von dem ausdrückt, was er wohl alles erlitten hat. Ich werde ihn, das Einverständnis des Jugendamtes vorausgesetzt, mit nach Bremen nehmen.

Wenn das heute nicht mehr klappt, kann Jerome ihn ja morgen mitnehmen nach Bremen. Dann lernen sich die drei Jungs auch besser kennen und Sergej kann ihn im Hilton ja dann unter seine Fittiche nehmen, bis er sich eingewöhnt hat. Ein Zimmer im Personalbereich habe ich schon vom Heli aus herrichten lassen und seine Daten habe ich auch online abgefragt.

Er ist im ersten Ausbildungsjahr und hat einen ordentlichen Eindruck hinterlassen. Auch seine Schulergebnisse sind zufrieden stellend, so dass er sein Ausbildungsziel sicher erreichen kann. So, wir haben das Büro erreicht und Kevin, so heißt ja der Page klopft an und öffnet nach Aufforderung die Tür.

Wir betreten das Vorzimmer und die dort sitzende Frau bekommt große Augen, als sie mich erkennt. „Herr Remmers, welch eine Überraschung. Ich melde sie sofort an“, sagt sie und steht auf.

„Behalten sie bitte Platz, wir brauchen heute keine Anmeldung. Es ist auch niemand davon in Kenntnis zu setzen, das ich im Haus bin“, sage ich zu der verdutzten Dame und  schiebe den Pagen weiter auf die Bürotür des Direktors zu, die Kevin nach Anklopfen öffnet.

Er will mich an sich vorbei gehen lassen, aber ich schiebe ihn vor mir in das Direktionsbüro und dort zu einem Stuhl: „Setzt dich bitte dahin, Kevin, du wirst hier noch gebraucht“, sag ich zu dem Jungen, der auch gleich macht, was ich gesagt habe. Der Direktor, Herr Wolfgang Kubis, ist aufgestanden und kommt um den Schreibtisch herum.

„Welch eine Überraschung, Herr Remmers, sie hier zu sehen. Guten Morgen und herzlich willkommen im Hilton in Dresden. Sie sehen mich erstaunt und auch die Tatsache, dass unser Page Kevin hier dabei ist, macht mich sehr neugierig. Ich hoffe nicht, das es Probleme gegeben hat“, sagt er und drückt meine Hand.

„Nun, meine Anwesenheit in Dresden hat schon einen sehr ernsten Hintergrund, auf den ich noch zu sprechen komme. Zunächst einmal ist es so, das sich mein Sohn Jerome und sein Freund Sergej Radic sowie unser Fahrer Martin seit Samstag hier im Hilton aufhalten und auch noch bis morgen bleiben werden“, unterrichte ich den Direktor, dem das offensichtlich nicht bekannt ist.

„Davon bin ich ja gar nicht unterrichtet worden, na da muss ich dem Berger mal gehörig den Kopf waschen. Bei dem Namen Remmers hätte er doch aufmerksam werden müssen“, sagt der Kubis und  schaut verärgert aus der Wäsche.

Als er zum Telefon greifen will, sag ich: „Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, diesen Berger anzurufen, das kommt später. Herr Berger hat in der Vergangenheit den hier anwesenden Page Kevin Balzer missbraucht und erpresst.

Unter anderen auch dazu, in Zimmern von Jugendlichen männlichen Geschlechts Kameras im Bad anzubringen, um Nacktaufnahmen von diesen zu erlangen. Der Freund meines Sohnes hat durch Zufall diese Kamera entdeckt und mit Hilfe meines Angestellten Martin und durch das Installieren einer zweiten Kamera konnte der Täter, eben hier unser Page Kevin, ermittelt werden.

Martin hat dann in einem ersten Verhör, so will ich das mal bezeichnen, heraus gefunden, das der Junge gezwungener Massen und auch unter Androhung sexueller Gewalt gegen sich in einer persönlichen Notlage gehandelt hat und deshalb Opfer und nicht Täter ist.

Täter und Anstifter, Erpresser und Vergewaltiger ist kein anderer, als der hier seit Jahren tätige Herr Berger, dem, wenn es nach mir geht, heute ein für allemal das Handwerk gelegt wird. Den Jungen werde ich mitnehmen nach Bremen, wo er unter dem Schutz des Freundes meines Sohnes seine Ausbildung fortsetzen wird, weit weg von dem Ort, der ihn wohl immer an die erlittenen Qualen erinnern wird.

Sie rufen jetzt bitte die Staatsanwaltschaft an, wenn sie Verbindung haben, geben sie mir bitte das Gespräch, damit alles nötige veranlasst wird.“

Kubis, kreideweiß und sprachlos auf Grund des Gehörten, wählt das Vorzimmer und lässt sich mit der Staatsanwaltschaft verbinden. Als dort jemand dran ist, gibt er den Hörer an mich weiter.

Da es ein schnurloses Teil ist, kann ich damit im Zimmer auf und ab gehen, was mich auf Grund meiner Wut auf diesen Berger etwas ablenkt. Nach dem ich gesagt habe, um was es geht, werde ich mit einem Staatsanwalt verbunden.

Ich stelle mich vor, sage dann wo und weshalb ich hier im Hilton bin und schildere den Ablauf des Geschehens, auch die üblen Dinge, die bereits seit längerem im Vorfeld der Action gegen Jerome und Sergej gelaufen sind.

Auch über die vorhandenen Beweise sowie die noch in Bergers Wohnung befindlichen Speicherkarten unterrichte ich den Staatsanwalt.

Der wiederum sagt unverzügliches Kommen mit der Kripo zusammen zu und weist uns an, uns bis dahin Berger möglichst nicht zu nähern. Er verspricht auch sofort, einen Durchsuchungsbefehl für Bergers Wohnung aus stellen zu lassen und zwei Beamte der Kripo nach Bergers Festnahme dort in dessen Haus nach weiteren Beweisen  suchen zu lassen.

Nach Beendigung des Gesprächs sehe ich auf Kevins Gesicht Erleichterung, die Angst scheint zu weichen. Ich lege ihm meine Hand auf die Schulter und sage: „So, junger Mann, dein Leidensweg ist ab heute zu Ende. Der feine Herr Berger wird für ein paar Jahre Urlaub auf Staatskosten machen müssen und wird dich nicht mehr belästigen.“

Dankbar schaut er mich an, mit feuchten Augen, mühsam die Tränen unterdrückend und ich kann nicht anders, als ihn mit meinem Arm zu umfassen und an mich zu ziehen. Mit der anderen Hand streich ich ihm durchs Haar und jetzt fängt er an zu weinen. Die ganze Spannung und die Angst lösen sich jetzt in Tränen auf und er schluchzt in meinen Anzug.

Verlegen schaut Herr Kubis zu und wir warten, bis der Junge sich nach ein paar Minuten wieder beruhigt hat. Ich halte ihm mein Taschentuch hin und dankbar nimmt er es und putzt sich über das Gesicht. „Kevin, wenn der Staatsanwalt kommt, wird er von dir wissen wollen, was alles und wo geschehen ist. Bist du in der Lage, eine Vernehmung durch zu stehen?“, frag ich den Jungen.

Der nickt und sagt ganz bestimmt und nicht leise: „Ja, alles muss raus, alles will ich sagen, egal wie peinlich das für mich ist. Ich will, das diese Sau bestraft wird und zwar richtig. Dieses Schwein soll büßen für all die Angst, die ich hatte und für alles, was er mir angetan hat.“ 

„Ich werde einen guten Anwalt besorgen“, sag ich zu Kevin, „ und dann wirst du als Nebenkläger für all die bösen Sachen ein Schmerzensgeld verlangen. Das macht zwar nichts ungeschehen, aber es entschädigt dich zu mindestens ein wenig und für den Führerschein und ein Auto sollte es schon reichen, denke ich.“

Diese Ansage zaubert zum ersten Mal so was wie ein kleines Lächeln auf sein von den erlittenen Qualen gezeichnetes Gesicht.

Herr Kubis organisiert etwas zu Trinken für uns und wir sprechen über das Hilton und die Situation des Hauses. Wir verabreden, auch mit Kevin und in seinem Sinne, nichts an die Öffentlichkeit zu zerren. Solange das nicht an die große Glocke gehängt wird, solange fällt auch kein Schatten auf den Jungen und auch nicht aufs Hotel.

Es klopft und die Frau aus dem Vorzimmer bringt uns den Staatsanwalt persönlich. „Guten Tag, die Herrschaften“, sagt der Mann, „ Staatsanwalt Krause ist mein Name und der nette Herr Berger ist soeben an der Rezeption fest genommen worden.

 Er hat keinen Widerstand geleistet und auf den Hinweis auf die bevorstehende Durchsuchung seiner Wohnung hat seine Gesichtsfarbe drastisch in Richtung kalkweiß verschoben. Ich denke, dass wir dort einiges finden werden. Er kommt jetzt wegen Verdunkelungsgefahr in Untersuchungshaft.“

Der Herr Kubis eilt jetzt nach draußen, muss doch die Rezeption neu besetzt werden. Darum wird er sich jetzt kümmern. Martin kommt und fragt, ob er die Jungs abholen kann und ich sage ja. „Bringt die Kleine heim und dann die Jungs hier her, der Herr Krause wird sie bestimmt noch vernehmen wollen“, sag ich zu Martin. Der nickt und geht.

„Die Vernehmung können wir hier machen, die Spurensicherung wird noch Aufnahmen vom Ort des Geschehens machen, die Beweise sichern und wenn dann noch was ist, können wir ja in den nächsten Tagen noch einmal miteinander sprechen“, meint Herr Krause.

„Das wird schlecht gehen“, sag ich, „ die Jungs, Kevin und auch Martin fahren Morgen nach Bremerhaven zurück. Sergej bekommt die Fäden gezogen, Kevin zieht um nach Dresden und Jerome muss auch wieder zum Arzt, er bekommt neue Prothesen, früher als geplant.

Wir könnten das gerade noch bis morgen Abend ausdehnen, dann muss Martin halt vorschlafen und in der Nacht nach Bremen fahren.“

„Gut, dann machen wir das noch heute, das kriegen wir schon hin. Die Aussage von dem jungen Mann hier ist wohl die wichtigste für uns, mit dem fangen wir dann an“, sagt Herr Krause.

Ich telefoniere kurz mit unserm Anwalt in Bremen und der nennt mir auf mein Verlangen den Anwaltskollegen, der das Hilton hier in Dresden vertritt. Dort rufe ich an in der Kanzlei und verlange, dass man mir sofort einen Anwalt für den Jungen herschickt. Nach dem ich kurz mit dem Chef dort gesprochen habe, wird mir das auch zugesagt.

„Kevin, nach her kommt ein Anwalt, der dich in deinen Belangen und auch bei der Forderung nach Schmerzensgeld unterstützt“, sag ich zu dem Jungen, „ das ist für dich selbstverständlich kostenfrei und wird über das Hotel abgerechnet. Vielleicht kann Herr Krause ja mich zuerst vernehmen, dann ist dein Anwalt nach her dabei und du brauchst dem dann nicht noch einmal alles zu erzählen.“

„Das können wir so machen“, sagt der Krause, „ das ist kein Problem. Kevin, du gehst dann bitte ins Vorzimmer und wartest dort, bis dein Anwalt kommt, derweil unterhalte ich mich mit Herrn Remmers über alles, was er zu diesem Sachverhalt weiß.“ Kevin geht raus und Krause zieht ein Diktiergerät aus der Tasche, dann geht’s los.

Ich erzähle alles, was ich weiß, von dem Zeitpunkt an, als Martin mich angerufen hat und auch alles, was ich mit Martin besprochen habe. Nach ein paar Rückfragen ist alles auf dem Diktiergerät festgehalten und der Herr Krause legt ein neues Band ein.

Ich rufe Kevin herein und wie auf Bestellung erscheint auch der von mir bestellte Anwalt, ein etwa dreißig Jahre alter Mann, der sich als Björn Wagenknecht vorstellt. Er nimmt nach dem ich ihm die Lage geschildert habe, Kevin zur Seite und spricht kurz mit ihm.

 Dann deutet er dem Staatsanwalt an, dass er Kevin jetzt vernehmen kann. Das geschieht dann auch und um dem Jungen weitere Peinlichkeiten zu ersparen, verlasse ich den Raum und begebe mich ins Vorzimmer, wo mittlerweile auch Herr Kubis wieder eingetroffen ist.

Ich könnte jetzt einen Kaffee vertragen und sage zu Kubis: „Kommen sie, wir gehen mal einen Kaffee trinken und reden noch ein bisschen über den Berger. Wir müssen mal hören, wo der herkam und dort anfragen, ob er früher schon mal aufgefallen ist mit ähnlichen Sachen.“

Wir gehen rüber ins Restaurant und nehmen dort Platz. Eine angeregte Unterhaltung beginnt, nachdem Herr Kubis die Sekretärin angewiesen hat, Bergers Personalakte zu studieren und raus zu finden, woher er damals zu uns kam.

 

Ole

Wir sind noch keine zehn Minuten zurück, da kommt schon die Visite und heute ist auch wieder der Chef dabei. Auch der Doktor Morbach ist mit von der Partie und Hugo natürlich. Sie fangen bei Torsten an und der erzählt von seinen Übungen und vom Laufen auch außerhalb der Reha und das er auch mit mir im Park spazieren geht.

„Wenn du so weitermachst, darfst du am Wochenende auch nach Hause“, sagt der Chef. „Oh, das ist nicht so gut“, kommt es von Torsten, „ich möchte erst am Montag entlassen werden und für Samstag auf Sonntag hätte ich dann gerne Ausgang, wir wollten nämlich zu Ole gehen. Wenn ich am Freitag entlassen werde, holen mich meine Eltern ab und dann darf ich Samstag bestimmt nicht zu Oles Party.“

Der Professor guckt, na wie? erstaunt oder überrascht? „Klär mich auf, Torsten, was habt ihr vor“, fragt er jetzt nach. Ich mische mich ein und sage: „Frank und ich, wir sind jetzt fest zusammen und feiern mit meinen und seinen Freunden eine Kennenlernparty am Samstag. Das sollte Torsten auch dabei sein, weil wir mittlerweile auch gut befreundet sind.“

„Na gut, wenn ihr und Frank mir versprecht, das ihr vorsichtig seid und Torsten keinen Alkohol trinkt, dann bekommt er Urlaub für die Nacht. Zum Mittagessen am Sonntag hat er aber wieder da zu sein und Montagmorgen geht es nach Hause. Reha ist dann ambulant und es geht dann auch eine Woche später mit entsprechender Vorsicht wieder in die Schule“, sagt der Professor und auf Torstens Gesicht breitet sich ein Strahlen aus.

„Danke“ sagt er und strahlt wie eine hundert Watt Birne. Auch ich bedanke mich und verspreche, zusammen mit Frank, auf zu passen, das nichts passiert.

 Nun kann eigentlich nichts mehr schief gehen mit unserer Party. Nach her muss ich gleich Armin anrufen und sagen, wer alles kommt.

Nun bin ich an der Reihe. Hugo hat schnell und geschickt den Verband entfernt und der Chef schaut sich die Hand an. Auch meine Schulter will er sehen und fragt, ob ich noch irgendwo Schmerzen habe.

Ich verneine und er ordnet an, dass die Hand noch einmal durchleuchtet wird, um zu sehen, ob alles so ist, wie es sein soll.

Danach sagt er dann zu, dass ich am Samstagmorgen nach Hause darf, wenn am Freitag die Fäden raus sind. „Dann kannst du den Torsten gleich mit nehmen zu dir nach Hause“, sagt er zum Schluss und dann hauen sie alle ab.

 

Martin

Nach dem die Polizei den Berger fest genommen hat, rufe ich mal bei Jerome an und frage, wie weit sie denn mit dem Zoorundgang sind. Dabei setze ich die beiden auch über die Lageentwicklung in Kenntnis und erzähle von der Polizeiaction.

Jerome meint dann, ich sollte los fahren und sie abholen. Vanessa muss ja noch nach Hause gebracht werden, bevor ich die Jungs zur Vernehmung ins Hotel bringen muss, also mache ich mich auf den Weg.

Jerome

Martin hat gerade angerufen und ich habe gesagt, dass er uns jetzt abholen soll. Er hat erzählt, dass wir auch zur Vernehmung ins Hotel müssen. Vorher müssen wir die Kleine ja auch noch zu Hause abliefern, also machen wir uns in Richtung Ausgang auf.

Als wir dort eintreffen, ist Martin schon da. Vanessa ist nicht begeistert, das wir den Zoo verlassen wollen und Sergej erklärt ihr, da wir noch ins Hotel müssen und wir beim nächsten Besuch in Dresden wieder in den Zoo gehen werden. Das überzeugt sie letztendlich und sie kommt mit, ohne weiter zu protestieren.

Wir bringen das Kind hoch in dir Wohnung und erklären Sergejs Mama kurz die Lage. Dann gehen wir wieder zu Martin ans Auto und fahren ins Hotel. Dort werden wir gleich zu Papa gebracht, der im Restaurant mit dem hiesigen Direktor auf uns wartet. Der Direktor will sich gleich bei uns entschuldigen.

„Sie können mit Sicherheit nichts dafür, dass einer ihrer Angestellten so ein Schwein ist. Deshalb brauchen sie sich auch nicht bei uns zu entschuldigen“, sag ich zu dem Herrn. Dann frage ich Papa: „Wo ist denn der Page, dem so übel mit gespielt wurde, fährt der jetzt morgen mit uns nach Dresden?“

„Ja, Jerome, ihr nehmt den Jungen, der gerade vernommen wird, mit. Am besten bringt ihr ihn zunächst mal zu uns, damit er nicht so allein im fremden Hotel ist. Er kann im Gästezimmer schlafen und dann am Montag kann Martin ihn und Sergej nach Bremen auf die Arbeit fahren.

 Sergej, du kannst dir übrigens mal überlegen, ob du zu uns ziehen willst, zu Jerome, mein ich. Lis und ich haben nichts dagegen und würden das ganz gerne sehen“, sagt Papa.

Nun sind wir beide aber doch erstaunt über das Tempo, das Mama und Papa an den Tag legen. Ich schau meinen Schatz an und er erkennt wohl meinen bittenden Hundeblick, der ihn schon fast nötigt, Papas Vorschlag anzunehmen.

„Wie kommen sie jetzt darauf, Herr Remmers, das ich das möchte“, fragt dann auch Sergej meinen Papa. Der grinst ein bisschen und meint: „Nun, ich habe Augen im Kopf und sehe ganz gut, wie ihr zueinander steht. Daraus leite ich ab, dass es für euch schon schön wäre, das Zusammenleben ein wenig zu üben.

 Wenn ihr wirklich zusammen zur Uni gehen wollt, auch vorhabt,  in Bremen in einer WG zu wohnen, dann wäre es doch eine gute Gelegenheit, zu testen, wie ihr euch auf Dauer zusammen zu Recht findet. Außerdem würden Lis und ich und auch der Rest der Familie sich sehr freuen, wenn unser Schwiegersohn in Spe bei uns wohnen würde.“

Sergej ist ein bisschen rot geworden, schaut mich an und sagt: „OK, ich werde mir die Sache überlegen und sehen, ob ich schon bereit bin, diesen Schritt zu wagen. Ich weiß schon, was ich empfinde für meinen Schatz, aber den Gedanken, bei euch zu wohnen, den habe ich bis jetzt noch nicht als Möglichkeit in Erwägung gezogen. Bis Morgen Abend denke ich, habe ich eine Antwort auf diese Option und werde sie euch dann auch mitteilen.“

Ich schaue ihm tief in die Augen, sehe, was ich sehen will, erkenne die Bereitschaft, es zu wagen und senke meinen Blick zufrieden. Ich weiß, dass er genau so in meinen Augen lesen kann und der Augenblick war ausreichend für ihn, meine Gedanken zu erkennen.

Ich schaue wieder hoch und wieder tauchen wir gegenseitig unter in den Augen des anderen und meine sagen „Danke, ich liebe dich“ und seine, seine sind so voll Liebe, das meine beginnen, über zu laufen. Womit habe ich diesen Jungen verdient, warum darf ich ihn so wahnsinnig lieb haben?

Eine Bewegung an der Tür unterbricht unseren Blickkontakt, wir schauen fast gleichzeitig zu dem Mann hin, der jetzt mit dem Pagen und einem jüngeren Mann im dunklen Anzug auf uns zukommt. „Hallo“, sagt er, „ich bin Polizeioberkommissar Krause von der Kripo Dresden. Ich nehme an, das sie die Herren Remmers Junior und Radic sind, Guten Tag.“

Wir, Sergej und ich, grüßen zurück  und erwidern auch den Händedruck des Polizisten. „Ich bin Jerome Remmers und das ist mein Freund Sergej Radic. Er hat die Kamera entdeckt und damit die ganze Sache ins Rollen gebracht“, sag ich zu Herrn Krause.

Mich an den Pagen wendend sage ich: „Hallo, Kevin, wir, Sergej und ich sind, nach dem wir jetzt wissen, wie alles gelaufen ist, nicht sauer auf dich oder böse, weil du das getan hast. Wir hoffen, dass wir dir dabei helfen können, das Geschehen zu verarbeiten und dann irgendwann auch zu vergessen.

Papa hat gesagt, dass du zunächst morgen mal mit zu uns kommst und wenn Sergej dann wieder arbeiten geht im Hilton in Bremen, gehst du mit dorthin. Wir werden uns um dich kümmern und dir helfen, wo wir können.“

Er ist ein bisschen rot geworden und verlegen. Jetzt sagt er: „Es tut mir leid, das mit euch in eurer Suite, aber er hat mir so massiv gedroht, das ich Angst hatte und alles getan habe, was er wollte.“

Sergej geht zu ihm, legt einen Arm um seine Schulter und sagt: „Es ist vorbei, du brauchst keine Angst mehr zu haben und Jerome und ich, wir werden dir helfen, alles zu verarbeiten. Vielleicht kann Herr Remmers ja auch noch einen Psychologen zu Rate ziehen, der dann mit dir das Geschehene aufarbeitet. Wir werden dich auf jeden Fall ablenken und uns um dich kümmern.“

„Danke, ihr seid echt nett zu mir, obwohl ich euch so viel Ärger gemacht habe. Ich kann mich nur noch einmal entschuldigen, aber ich wollte das echt nicht tun. Vielen Dank auch noch mal für den Anwalt, Herr Remmers“, sagt der Kleine und guckt zu Papa.

 Der Anwalt stellt sich uns jetzt ebenfalls vor als Björn Wagenknecht und fragt dann Sergej und mich, ob wir einen Strafantrag gegen den Kevin stellen wollen. „Nein, mit Sicherheit nicht, der Kevin ist doch noch mehr Opfer wie wir. Er kann nichts dafür, dass er das getan hatte oder besser gesagt tun musste“, sagt Sergej und ich nicke dazu.

„So“, meldet sich jetzt Herr Krause wieder, „wir müssen weiter machen und da sie beide ja betroffen sind, können wir sie auch beide zusammen vernehmen. Wenn sie mir bitte folgen wollen.“ Wir gehen hinter ihm her ins Direktionsbüro, wo die Vernehmung stattfinden soll.

Dort schildern wir abwechselnd den gesamten Vorfall, manchmal ein bisschen rot werdend und bewusst explizite Einzelheiten weglassend, wie Sergej die Kamera bemerkte und unser Verhalten hinter her. Das Ganze dauert ungefähr zwanzig Minuten, dann dürfen wir gehen und sollen nun Martin schicken, der ja auch wesentlich beteiligt ist am Geschehen.

Martin macht sich, von uns geschickt, dann auch gleich auf den Weg, während wir bei Papa Platz nehmen, der mit Herrn Kubis immer noch im Restaurant sitzt. Kevin sitzt mit dem Herrn Wagenknecht etwas abseits und die beiden unterhalten sich sehr intensiv.

Papa fragt uns, ob wir jetzt hier was essen wollen und nach einem kurzen Blickkontakt mit meinem Schatz nicken wir beide. Papa steht auf und geht zu Kevin und seinem Anwalt, wohl um die beiden ebenfalls zum Essen ein zu laden. An den Gesten der Beiden erkenne ich, das sie wohl auch mit uns was essen werden.

Herr Kubis verabschiedet sich zunächst, will aber später noch einmal nach Abschluss der Vernehmungen zu uns kommen und sich zwischenzeitlich auch um Kevins Papiere kümmern, die wir ja dann auch morgen gleich mitnehmen können.

Ein Kellner kommt, wohl auf Geheiß von Herrn Kubis und bringt eine Anzahl an Speisekarten. Kevin und Herr Wagenknecht setzen sich jetzt ebenfalls zu uns Der Kellner erfragt, was wir zum Trinken wollen und geht dann zurück in den Servicebereich um die Getränke zu holen.

 Kevin will sich noch mal bei Papa bedanken. „Lass mal gut sein, mein Junge“, sagt Papa, „ich möchte nicht, das du dich dauernd bei mir bedankst. Es ist für mich selbstverständlich, dass wir uns ein bisschen um dich kümmern und das muss nicht jedes Mal von Danksagungen begleitet werden. Betrachte es einfach als einen Versuch, dich abzulenken und dir zu zeigen, das nicht nur böse Menschen auf der Welt leben.“

Jetzt stiehlt sich zum ersten Mal ein Lächeln auf das nun sehr hübsche Gesicht des kleinen Pagen. Seine Augen drücken die Dankbarkeit aus, die Papa in Worte gefasst nicht mehr dauernd hören will. Er ist schon ein netter Boy und wenn ich meinen Schatz nicht hätte, dann könnte er mir schon gefallen.

Mein Blick geht zurück zu Sergej und ich erkenne eine gewisse Belustigung auf seinem Gesicht und ein leichtes Kopfschütteln zeigt mir, dass er wieder mal meine Gedanken erraten hat. Es ist schon erstaunlich, in welch kurzer Zeit sich unsere Sinne auf einander eingestellt haben. Wir können regelrecht kommunizieren nur über die Augen.

Als ich zu Papa schaue, sehe ich auch hier ein leichtes Grinsen, offensichtlich hat er unsern visuellen Datenaustausch verfolgt und wohl auch richtig gedeutet. Der Kellner bringt nun die Getränke und nimmt anschließend die Bestellung des Essens entgegen.

Papa hat auch für Martin was zum Essen bestellt, er kennt aus der langen Zeit, die Martin bei uns ist, dessen Vorlieben genau und auch ich bräuchte nicht lange zu überlegen, was ich ihm bestellen sollte. Nun warten wir auf das Bestellte und Papa unterhält sich mit Herrn Wagenknecht. Sergej fragt Kevin, ob er Lust hat, am Samstag mit uns auf eine Party zu gehen.

Kevin möchte natürlich wissen, was das für eine Party ist und wer kommt und auch wo sie stattfindet. Sergej erklärt ihm geduldig alles, was er weiß über die Party und Kevin erklärt sich bereit, mit uns zu kommen. Martin kommt von der Vernehmung zurück und auch Herr Krause erscheint, allerdings nur, um sich zu verabschieden.

Er will jetzt zur Wohnung fahren, in der Berger gewohnt hat. Offensichtlich ist man dort fündig geworden und hat umfangreiches Material zur Beweissicherung gefunden. Papa bittet den Herrn Krause darum, eventuell aufgenommene Videos von uns nach Sichtung zu vernichten, damit sie nicht in die Öffentlichkeit gelangen. Berger sagt das zu und ist dann auch schon unterwegs nach draußen.

Das Essen kommt und es kehrt weitgehend Ruhe ein am Tisch. Mal sehen, was wir nach dem Essen noch unternehmen, vielleicht will Papa ja noch Sergejs Eltern kennen lernen, obwohl der Papa ja glaub ich noch mit der Bahn unterwegs ist.

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