Zoogeschichten I – Teil 25

Bärenklau

Ich ließ den Honigtopf fallen und rannte zum Baum, auf dem Michael stand – oder eben noch gestanden hatte. Je näher ich kam, umso merkwürdigere Laute hörte ich. Als ich dann endlich um den letzten Felsen herum geklettert war, sah ich, was geschehen war.

Michael lag auf dem Boden und rührte sich nicht.

„Schatz, ist dir was passiert, so sag doch was!“, rief ich und stolperte zum Baum hinunter.

Sabine schaute mich verwundert an und begann zu grinsen. Kurz bevor ich bei ihm war, fing Michael plötzlich an zu lachen und richtete sich langsam auf. Ich bremste abrupt ab und blieb stehen.

„Was soll das jetzt?“, sagte ich sauer.

„Was denn? War doch nur ein Spass“, meinte Michael.

„Ach scheiße!“, schrie ich und stampfte wütend weg.

„Dennis, tut mir leid, ich wusste nicht dass ich dich damit so erschrecke.“

Es war mir egal, ich ging zurück zum Honigtopf. Mich so zu erschrecken. Hatte ich die vergangenen Tage nicht genug Stress, musste das jetzt auch noch sein? Ich kam an die Stelle, wo ich vorhin den Honigtopf fallen gelassen hatte.

Na toll, der lag umgekippt da und der Honig war rausgeflossen. Ich nahm die Spachtel wieder in die Hand und versuchte mühsam, den Honig wieder in den Eimer zu bekommen. Es dauerte eine Weile und bis ich mit den Fingern den ganzen Dreck herausgezogen hatte, klebten meine Finger nur so zusammen.

„So ne Kacke, warum muss das mir passieren!“, schrie ich wütend.

Ich holte aus und trat gegen einen Baumstumpf, der natürlich nicht nachgab. Ein stechender Schmerz durchfuhr meinen Fuß. Ich ging in die Knie und es drückte mir die Tränen in die Augen.

Ich atmete ein paar Mal tief durch, bis der Schmerz langsam nachließ, dann nahm ich den Honigtopf und die Spachtel, lief zurück zum Zugang ins Haus, ohne Sabine zu fragen, ob sie noch Arbeit für mich hatte.

Nachdem ich mich von Topf entledigt hatte, wusch ich erst mal meine Hände. Nach dem dritten Einseifen hörten sie endlich auf, zu kleben. Ich stellte das Wasser ab und trocknete die Hände.

Da weder Sabine noch Michael herein kamen, beschloss ich, zu Krümel zu gehen. Als ich den Raum betrat, war es vollkommen ruhig. Er schien zu schlafen. An die Box heran getreten, merkte ich, warum es ruhig war… Krümel war weg.

„Krümel?… Krümel… wo steckst du, Kleiner?“

Ich sah mir die Kiste genauer an. Da war an der Seite ein kleines Loch… angeknabbert. Ich dachte noch, der Karton ist nicht gut für Krümel, aber es war gerade kein passender Käfig frei.

So lief ich durchs Zimmer, schaute hinter jede Kante oder Möbelstück, aber von Krümel war keine Spur zu finden. Ich lief wieder hinaus auf den Gang. Auch hier war er nicht, es gab keinerlei Möglichkeiten, sich zu verkriechen.

Ich wollte gerade zum Ausgang laufen, als die Tür von außen aufgestoßen wurde. Sabine.

„Dennis, trotz des Scheiß, den Michael gerade gebaut hat, gibt es keinen Grund…“

„Sabine, Krümel ist weg. Ich kann ihn nicht finden.“

„Was?“

Sie lief ins Büro und schaute in die Kiste, dann stürmte sie wieder zu mir heraus. Ihr Blick fiel auf die Käfige, in denen die Bären darauf warteten, hinaus gelassen zu werden.

„Du glaubst doch nicht… Krümel ist da drin?“, fragte ich entsetzt.

„Siehst du ihn irgendwo?“, fragte Sabine jetzt fast schon hysterisch.

Ängstlich schaute nun auch ich in die Käfige, aber alles schien friedlich zu sein. Wenn Krümel da drinnen wäre, wäre bestimmt eine Aufregung zu spüren. Wieder öffnete sich der Zugang zum Gehege und Michael kam mit dem Schubkarren zurück.

„Dennis, es tut mir…“

„Michael bitte… ich hab jetzt andere Sorgen!“, meinte ich und winkte ab.

Entsetzt schaute er mich an.

„Krümel ist weg“, meinte Sabine.

„Ja… aber…“

„Wir haben schon alles abgesucht und in den Bärenkäfigen… kann er nicht sein, glaube ich nicht… wenn er schon in die Nähe der Bären gekommen wäre, hätten die sich lautstark dazu geäußert“, sagte Sabine.

„Habt ihr draußen nachgesehen?“, fragte Michael.

„Im Gehege?“, fragte ich.

„Nein, vor dem Bärenhaus, meine ich!“

„Wie soll Krümel da rauskommen… mit Codekarte?“, meinte ich sarkastisch.

Michael nahm mich in den Arm.

„Schatz, tut mir leid, ich wollte dich wirklich nicht verarschen. Der Ast, auf dem ich stand, ist ja wirklich abgebrochen, nur konnte ich sofort Halt finden… und wir finden Krümel schon…nur – sei mir bitte nicht mehr böse.“

Er schaute mir tief in die Augen… man, war das fies… wie konnte man einem Typen böse sein, der so gucken kann??… So ein Mistkerl! Ich drückte ihn von mir weg.

„Mach sowas ja nie wieder!“

„Jungs, könnten wir uns endlich mal nach Krümel umgucken?“, fragte Sabine, „ich gehe jetzt raus und schau draußen nach. Dennis mach bitte noch die Schieber auf, die Bären sollen wieder raus.“

Ich ging mit Michael zu den Schiebern und öffnete einen nach dem Anderen, bis alle offen standen. Die Bären waren schnell draußen, denn sie wussten, dass da draußen etwas Gutes auf sie wartete.

Michael half mir, alle Schieber wieder zu schließen, dann folgten wir Sabine nach draußen. Sie stand zusammen mit Tim und unterhielt sich.

„Dieser junge Mann erzählt, es wäre ein Pfleger mit Krümel herausgelaufen.“

„Hallo Tim“, sagte ich.

„Hi Dennis“, antwortete Tim.

„Ihr kennt euch?“, fragte Sabine.

„Oh ja!“, kam es von Michael, der finster dreinschaute.

„Michael, ich wollte mich nur bei dir entschuldigen“, sagte Tim, der Michaels bösen Blick wohl auch gesehen hatte.

Sabine stand nun zwischen uns Dreien und sah verwirrt aus der Wäsche.

„Ich weiß ja nicht, was zwischen euch Dreien gelaufen ist, aber das ist jetzt Nebensache. Krümel ist wichtiger… wie sah der Typ aus?“, fragte Sabine, Tim.

„… ähm… schon Älter, hatte graue Haare, einen Bauch und schaute ganz grimmig… ach ja, er trug so eine … Nickelbrille“, erklärte Tim.

„Gisbert?“, sagte Sabine.

„Hört sich danach an… warte, der kann etwas erleben… wo ist er denn hingelaufen Tim?“, fragte Michael.

„Da drüben, in das Haus da“, antwortete Tim und zeigte auf das Kleinbärenhaus.

Ohne etwas zu sagen, lief Michael los. Sabine, Tim und ich folgten ihm. Er nahm seine Codekarte hervor und zog sie durch den Scanner. Mit einem Surren sprang die Tür auf und Michael stürzte hinein.

Wir waren noch nicht zu Tür drin, da hörten wir schon Michael.

„Gisbert, was soll die Scheiße? Du kannst doch nicht einfach den Bären mitnehmen, ohne jemand davon in Kenntnis zu setzten.“

„Für dich immer noch Herr Fränklin und ich brauche dir ja wohl keine Rechenschaft über meine Arbeit abzugeben“, sagte ein Mann, so wie ihn Tim beschrieben hatte.

„Was soll denn der Mist jetzt?“, fragte nun Sabine.

„Ah, Sabine, wir sprechen uns auch noch… wie kann man nur so blöd sein, jemand…“, er schaute mich abschätzend an, „neues ein so wertvolles Tier anzuvertrauen, der ist ja nicht mal achtzehn. Ich werde das Tier erst mal von Doc Reinhard untersuchen lassen, ob es hoffentlich keine Schäden von diesem Jungen davon getragen hat.“

Ich wollte schon ansetzten, aber Sabine stellte sich vor mich.

„So, lieber Gisbert „Fränklin“, jetzt reicht es mir. Vor dem Urlaub hast du meine Leute und Andere nur schikaniert. Was den Bären betrifft, ist mit der Leitung des Zoos abgesprochen, dass Dennis sich um ihn kümmern darf. Wie ich das Bärenhaus führe, ist immer noch meine Sache, aber das scheint ja nicht in deinen Kopf zu gehen.“

„Wenn du dabei so ein Stück Dreck beschäftigst, geht mich das schon was an“, sagte Gisbert und er zeigte dabei auf mich.

„Hallo… bitte…?“, ich konnte mich gar nicht wehren.

„Wie hast du Dennis genannt? Jetzt reicht es… Dennis komm mit, wir müssen uns diese Beleidigungen von diesem braunen Sch… nein ich sag es lieber nicht, das ist sein Niveau.“

Stück Dreck hatte er mich genannt und das vor Allen hier, die im Kleinbärenhaus waren. In kämpfte mit den Tränen.

„Du nimmst diese weinerliche Tunte auch noch in Schutz… wie tief willst du noch sinken?“

„Gisbert, halt endlich dein blödes Maul“, fuhr Michael dazwischen.

Er ging auf Michael zu und packte ihn am Kragen.

„Du Bürschchen, stehst auch auf meiner Abschussliste, sei lieber ruhig!“

„Du kannst mir gar nichts“, meinte Michael und schaute ihn grimmig an.

Tim zog hinten an meinem Shirt, ihm schien das auch nicht gerade geheuer zu sein.

„Nimm deinen kleinen miesen Stecher und verschwinde hier.“

„Gisbert, ich würde sagen, du verlässt augenblicklich unser Bärenhaus, bevor ich dich eigenhändig raus schmeiße.“

Das war jetzt Volker, der sich die ganze Zeit ruhig verhalten hatte. Gisbert wollte etwas sagen, aber Volker sprach weiter.

„Du bist nicht nur der Gewerkschaft, sondern auch der Geschäftsleitung ein Dorn im Auge.“

Was hatte Volker mit der Geschäftsleitung zu tun?

„Pack deine Sachen und nimm deinen Resturlaub, am Besten nimmst du deine Carina gleich mit, solche Miesmacher verträgt ein guter Zoo nicht.“

„Das kannst du nicht“, sagte Gisbert leise.

„Und ob ich das kann, ich werde gleich zu meinem Bruder gehen und das Nötige veranlassen, du wirst sehen, wie WIR können.“

„Seid ihr jetzt alle verrückt… nur wegen diesem schwulen Stück Scheiße? Schmeißt DEN raus… solche Missbildungen gehören nicht in den Zoo, der gehört wie früher weggesperrt und dieses Prachtexemplar“, er zeigte auf Michael, „ gleich mit!“

Ich zitterte am ganzen Körper… was hatte ich diesem Menschen nur getan, er kannte mich doch überhaupt nicht? … Michael trat auf Gisbert zu, aber Sabine war schneller. Sie holte aus und knallte ihre Hand direkt in Gisberts Gesicht.

„Das war schon lange nötig“, kam es kleinlaut von Fritz, der ebenso still die ganze Zeit in der Ecke gestanden hatte.

„Sabine, du bist zu weit gegangen, das wirst du mir…“, fing Gisbert an.

„Fritz, bring mir bitte das Handy, ich rufe jetzt die Polizei“, sagte Volker.

Gisbert hielt inne.

„Was tust du?“, fragte Gisbert.

„Ich werde die Polizei anrufen und gleich eine Anzeige gegen dich abgeben, wegen Bedrohung einer Frau und auch noch wegen Nazi verherrlichender Aussprüche.“

„Bei Hitler gab es auch so einen Abschaum nicht, der hat wenigstens durchgegriffen.“

Ich glaubte nicht, was ich da hörte, aus welcher Welt stammte der?

„Und wegen diesem Scheißhaufen könnt ihr mich nicht entlassen!“

Fritz kam mit dem Handy wieder und Volker wählte eine Nummer.

„Jürgen, hier ist Volker. Sind die zwei Beamten noch bei dir? … Gut, dann komm mit ihnen hier her… nein, aber Herr Fränklin hat hier jetzt den Vogel abgeschossen und ich werde eine Anzeige machen… ja genau und sag Trebnitz, er kann die Papiere fertig machen.“

Volker war der Bruder vom Chef? Wieso arbeitete er dann hier als Tierpfleger? Volker drückte das Gespräch weg und schaute zu Gisbert.

„So, du siehst, wie ich kann!“

Gisberts Gesicht verzog sich zu einer widerlichen Fratze und sein Blick wanderte zu mir.

„Nur wegen dir Stück Scheiße…. Das wirst du mir büßen!“, schrie er und holte aus.

Ich sah in Zeitlupe, wie seine Faust Richtung mein Gesicht flog.

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