Engelchen und Teufelchen – Teil 2

tuer-02Ich stand mit Rafael in einer der Kellerräume des Gemeindezentrums. Er war an ein Regal gegangen und hatte dort etwas gesucht. Nun kam er mit einem schwarzen Karton zurück.

„Das ist deins“, sagte er leise und reichte mir den Karton.

Er lief zurück und kam mit einem weißen Karton wieder. Ich hatte inzwischen meinen geöffnet und zog einen schwarzen Umhang heraus. Etwas erleichert war ich schon, dass ich darunter meine normalen Klamotten anlassen konnte und nicht in irgendeinen Einteiler schlüpfen musste.

Eine Haarklammer mit zwei Hörnchen dran kam auch zum Vorschein. Mein Vorgänger schien meine Größe zu haben, denn der Umhang passte gut. Ich zog die blöde Haarklammer heraus und stülpte sie über meine Haare.

Währenddessen war Rafael ebenfalls tätigt gewesen. Er hatte ebenfalls einen Umhang an, natürlich in Weiß und was mich zum Grinsen brachte, hinter seinem Rücken schauten Flügel hervor.

In meinem Karton entdeckte ich noch eine Tüte.

„Zwar nicht ganz mein Kleidungsstil, aber für ein paar Stunden werde ich es wohl ertragen. Der Stoff ist etwas gewöhnungsbedürftig und riecht etwas. Wurde der schon gewaschen und was ist das?“, fragte ich und zog die Tüte heraus.

Rafael schaute zu mir herüber, der immer noch mit seinem Heiligenschein kämpfte.

„… ähm Schminke…“

„Schminke? Ich soll mich anmalen?“

Rafael

Der Typ fing schon an zu nerven. Die anfänglichen Pluspunkte, änderten sich in Minuspunkte. Einzig sein gutes Aussehen war das gleiche geblieben und so wie er sich anstellte, würde dass auch so bleiben.

„… Torsten…, hat sich… die Augen schwarz um malt…“, stammelte ich.

Peter ließ seine Augen kreisen und atmete scharf aus.

„Ich bin doch keine Tucke und male mich an! Womöglich noch mit rotem Lippenstift.“

Was für eine Zicke, aber jetzt war klar, dass er etwas gegen Schwule haben musste.

„Torsten ist nicht schwul. Er hat nur die Augen schwarz umrandet“, sagte ich sauer und umkreiste meine Augen mit dem Finger um es Peter zu erklären, „du musst es ja nicht machen, wenn du nicht willst.“

Er wich zurück. Anscheinend war ich etwas lauter geworden. Er hatte das Döschen mit schwarzer Farbe und schaute es unschlüssig an.

„Sorry…, so war das nicht gemeint. Wie geht das, sagst du?“

Ich atmete tief durch, nahm die Dose und schraubte den Deckel ab. Leicht fuhr ich über die schwarze Creme, nahm etwas davon auf. Als ich mich Peters Gesicht näherte, wich der wieder etwas zurück.

Langsam hatte ich das Gefühl, ich war an ein totales Arschloch geraten. Gut, diesen Tag würde ich versuchen, mit ihm herum zu kriegen, aber spätestens am Abend müsste ich mit Frau Hellmann reden, dass ich das nicht mehr wollte.

Langsam kam mein Finger seinem Gesicht näher. Seine braunen Augen schlossen sich und ich konnte ungehindert die Farbe auftragen. Etwas später ging ich zum Waschbecken und wusch mir die Creme ab.

„Ist irgendwo ein Spiegel, oder muss ich mich auf deinen Geschmack verlassen?“

„DA!“, fuhr ich ihn an und zeigte Richtung wand.

Wenn das so weiter ging, sollten wir das Kostüm wechseln und überhaupt zweifelte ich daran, ob die Idee so gut war, mit ihm überhaupt loszuziehen.

„Cool, ich sehe ja richtig verrucht aus.“

Er stand vor dem Spiegel und drehte seinen Kopf in alle Richtungen.

„Und das Zeug kann man nur mit Wasser wieder abwaschen?“

„Ja…“, sagte ich wesentlich leiser.

„Was ist denn da drin…, nicht das meine Augen allergisch reagieren.“

Oh mein Gott, was war das für ein Typ?

„Ich weiß es nicht… Torsten bekommt kein Ausschlag davon.“

„Wer ist eigentlich Torsten?“

Ich atmete genervt aus und räumte die Kartons zurück ins Regal.

„Ein Freund…“

„Du bist nicht sehr gesprächig“, meinte Peter und drehte sich zu mir um, „aber scheint ja in euren Kreisen normal zu sein.“

Was meinte er jetzt mit in unseren Kreisen. Ich schaute auf die Uhr.

„Wir sollten langsam los…“, meinte ich und kümmerte mich nicht weiter um sein Gesagtes.

„Wo geht es eigentlich hin?“

„Zum Weihnachtsmarkt.“

„Weihnachtsmarkt?“

„Ja, der am Grobiusplatz, kennst du den nicht, der ist doch jedes Jahr da.“

„Nein.“

Aus welcher Welt kam der?

„Egal, ich weiß ja wo wir hinmüssen.“

Wenig später und vielen Bekundungen seitens Frau Hellmann, dass wir sehr gut aussehen würden, liefen wir still nebeneinander her. Peter hatte sich den Text vorgenommen und war in ihm vertieft, was natürlich zur Folge hatte, dass er ein parkendes Auto, das unter einer Schneedecke eingehüllt war, übersah.

Ich griff nach ihm und zog ihn zur Seite.

„Halt…, da steht was“, sagte ich.

Erschrocken schaute er auf und lief dann weiter. Danke lieber Rafael, dass du mir die Schmach des Zusammenstoßes erspart hat. Bah, er wurde mir immer unsympathischer. Bedanken hätte er sich ja können.

Plötzlich steckte er den Zettel weg und fing an seinen Text aufzusagen. Etwas erstaunt starrte ich ihn an, denn nicht einen Fehler konnte ich entdecken und ich hatte zwei Wochen gebraucht, bis ich es konnte.

Die Leute, die uns entgegen kamen, sahen uns merkwürdig oder auch schmunzelnd an. Klar mit dem Aussehen fielen wir schon auf.

„Und wie ist der Weihnachtsmarkt so?“, fragte Peter plötzlich.

„Normal.“

„Was heißt normal?“

War der Typ noch nie auf einem Weihnachtsmarkt?

„Paar Buden mit Essen und Trinken, und dann noch die Buden wo man alles für Weihnachten kriegt… Süßigkeiten, Weihnachtschmuck und was man noch alles brauchen kann.“

„Da gibt’s sicher Alkohol.“

„Auch.“

So langsam wurde es um uns herum immer mehr Leute, die die gleiche Richtung eingeschlagen hatten und irgendwann kam die erste Bude in Sicht.

„Und wo müssen wir hin?“, fragte Peter.

„An den großen Tannenbaum.“

Mir wurde plötzlich immer unwohler. Gut ich hatte mit Torsten schon öfter solche Aktionen gemacht, also frei vor Publikum gesprochen. Aber das war nicht Torsten, sondern ein Fremder.

Torsten kannte ich schon seit dem Kindergarten und waren eigentlich unzertrennlich seit dieser Zeit. Auch den Text, dass die Leute an Weihnachten sich besinnen und nicht wie die Verrückten einkaufen sollten, stammte von ihm.

Solche verrückte Ideen hatte er immer. Umso ärgerlicher war ich jetzt, dass er mich jetzt hängen ließ und mit einer Grippe im Bett zu Hause lag. Die große Tanne kam ins Sichtfeld und ich atmete tief durch.

„Und wie machen wir die Leute auf uns aufmerksam…, reden wir einfach los?“, fragte Peter und riss mich aus meinen Gedanken.

„Hiermit“, meinte ich und zog ein kleines Glöckchen heraus, das mit Torsten geschenkt hatte.

„Aha.“

Ich schloss kurz die Augen und atmete tief durch.

„Bereit?“, fragte ich.

„Wir könnten schon fertig sein…“

Ich hob das Glöckchen in die Luft und begann es zu schütteln. Die, die nicht eh uns wegen unseres Aufzugs anschauten, drehten sich herum. Ich begann mit meinem Text, während sich Peter neben mir aufplusterte und seinen Text ebenso zum Besten gab.

Fünf Minuten später war alles vorbei und Applaus brannte auf. Ob sich jemand das, was wir sagten zu Herzen nahm, wusste ich nicht. Auf alle Fälle war ich ruhiger, als vorher. Ich wollte nur aus diesem Kostüm heraus und weg von Peter.

Meine Lippen waren rau und ich zog meinen Labello heraus.

„Blau… würde zu deinem Kostüm nicht der rosafarbene passen?“

„Hä?“

Entgeistert schaute ich Peter an.

„Ach vergiss es. Willst du jetzt saufen gehen?“

„Was?“

„Du willst dir doch jetzt sicher einen hinter die Binde kippen, oder wie ihr das nennt…“

„Ich trinke keinen Alkohol… und was meinst du mit ihr?“

„Ach komm, erzähl doch nichts. Ihr besauft euch doch regelmäßig, davon hört man doch überall.“

Jetzt war es mit meiner Ruhe vorbei.

„Wo hast du denn den Scheiß her?“, fuhr ich ihn an.

„Das ist doch bei euch normal.“

„Für was hältst du dich eigentlich…, bist du etwas Besseres, weil du aus der Bregenzer Straße kommst?“

„Woher weißt du, wo ich wohne?“

Mittlerweile hatte sich der aufgelöste Pulk vor uns wieder gebildet. Die Leute meinten wohl, dass wir noch etwas vortrugen.

„So eingebildete Arschlöcher wie du, können ja nur da her kommen.“

Das schien Peter verärgert zu haben, denn ich spürte Sekunden später einen Schmerz an der Schulter.

„Du hast sie wohl nicht alle“, schrie ihn an und wollte zurück schlagen.

„Typisch Wohnblocks, so etwas Naives und sau Dummes wie du kann ja da nur herkommen!“, schrie er zurück und holte erneut aus.

Ich wollte ausweichen, doch irgendwie war ich zu langsam. Dieses Mal traf mich seine Faust im Gesicht. Ich torkelte nach hinten, knallte gegen einer der Budenwände und rutschte daran herunter.

Ein reisendes Geräusch sagte mir, dass mein Kostüm sich gerade auflöste. Einige Leute um uns herum schrien auf.

„Das war die blödeste Idee, die meine Mutter je gehabt hat. Was für die Allgemeinheit tun zu Weihnachten… dass kannst dir in den Arsch schieben“, schrie Peter und verschwand.

Entsetzt schauten die Leute ihm hinter her und dann zu mir. Ein älterer Herr kam her und reichte mir die Hand.

„Danke“, murmelte ich und spürte erst jetzt, wie sehr mir der Kiefer schmerzte.

Ich stand mühsam auf. Der Pulk von Leuten löste sich urplötzlich auf. Ein paar Leute grinsten, andere schauten immer noch entsetzt.

„Das ist wohl hin…“, meinte der Mann und zeigte auf meine Flügel.

„… öhm noch mal danke“, erwiderte ich und klopfte den Dreck von meinem Umhang.

 

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3 Kommentare

  1. Ganz nett die Geschichte. Kommt mir aber sehr bekannt vor. Bin sicher die ist nicht neu. Aber schauen wir mal.

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    • joachim auf 21. Dezember 2013 bei 11:54
    • Antworten

    Hallo Mops,
    Engel und Teufel waren auf Nickstories 2011 das Thema bei der Weihnachtschallenge. Diese Geschichte ist aber neu, glaube ich.

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  2. Hallo ihr Lieben,
    sie ist neu, fast hätte ich letztes Jahr an der Challange als neuer Autor mitgemacht, ließ es aber doch bleiben und weil ich es schade fand, schon einiges geschrieben zu haben, wurde es dieses Jahr zum Adventskalender, somit ist nur der Anfang bekannt… der Rest neu! Gruß Pit

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