Engelchen und Teufelchen – Teil 3

tuer-03Peter

„Wie siehst du denn aus“, hörte ich meine Mutter sagen, als ich das Haus betrat.

„Das habe ich dir und deine blöden Idee etwas Wohltätiges zu tun zu verdanken!“, fuhr ich sie an und rannte die Treppe hoch.

„Aber Peter…“

Ich hatte keine Lust, auf ihre Gespräche. Langweilig und langatmig. Ich pfefferte hinter mir meine Zimmertür zu. Den ganzen Weg hatte ich das Kostüm an, nicht darüber nachgedacht. Jetzt versuchte ich es mir vom Leib zu reisen.

Doch die Kordel war stärker. Was erlaubte sich der scheiß Typ überhaupt? Er kennt mich doch gar nicht. Das war der reine Neid. Ja, das musste es sein. Diese Ghettokids sind doch nur eifersüchtig auf uns.

Endlich hatte ich den Knoten auf, riss dieses Ding von mir, knüllte es zusammen und warf es in meinen Mülleiner. Natürlich war es viel zu viel Stoff und der Mülleimer kippte um. Wütend trat ich nach ihm.

Rückblende Ende

Rafael

Ich hatte mich in meine Zimmer verkrümelt und lag auf dem Bett. Der Kiefer schmerzte höllisch und ich versuchte meinen Kopf nicht zu bewegen. Tränen liefen über meine Wangen. So hatte mich noch nie einer behandelt.

Mein Blick wanderte zu meinem Schrank, wo das Engelskostüm hing, dreckig und zerrissen. Ich seufzte. Draußen konnte ich den Türgong hören. Wer kam denn am Sonntagmorgen zu uns?

Wenig später ging meine Tür auf und Torsten schaute herein. Seine Nase war rot und er selbst sah wirklich nicht sonderlich fit aus.

„Was willst denn du hier?“, fragte ich und drehte ihm den Rücken zu.

„He Alter…, was machst du denn für Sachen, die ganze Stadt weiß…“

„Torsten erspar mir das…“

Ich hörte wie er die Tür schloss, sich seiner Jacke entledigte und sich dann wenig später neben mich setzte.

„Ihr habt euch geprügelt?“, fragte Torsten.

Ich drehte mich zu ihm.

„Nein er hat mir erst auf die Schulter geboxt, dann ins Gesicht geschlagen.“

Torsten hob die Augenbraun, als er mein Gesicht sah.

„Scheiße, dass ist ja richtig geschwollen“, sagte er und wollte an mein Kinn fassen.

Ich hob die Hand.

„… und tut auch sau weh…“

„Was für ein Arschloch war dass denn?“

„Ein Arschloch eben.“

Torsten rollte genervt mit den Augen.

„Wo hattest du diesen Typen her?“

„Ich habe gar nichts. Der stand plötzlich im Gemeindezentrum und Frau Hellmann hatte keine bessere Idee, als ihn zu mir zu schleppen.

Scheiße Frau Hellmann, die wird sicher sehr enttäuscht von mir sein und das Kostüm. Ich schaute wieder zum Schrank. Torsten folgte meinem Blick.

„Man das hast du ja ganze Arbeit geleistet.“

„Ich hab gar nichts…, bin gegen die blöde Bretterbude geknallt und hin war es.“

„Und was für ein Typ war das, wo kommt der her?“

„Ich sag nur Bregenzer Straße.“

„Ach Käse…, einer von den verwöhnten Jüngelchen.“

Ich nickte.

„Und was wird jetzt?“

„Was soll werden?“

„Wir wollten das jeden Samstag durchziehen.“

„Du spinnst wohl, ich lass mich dort mich mehr blicken. Mit dem scheiß Kerl bringen mich keine zehn Pferde mehr zusammen.“

Ich bereute mein Aufbrausen sofort. Schmerzend rief sich mein Kinn in Erinnerung. Torsten sah mich mitleidend an.

„Der hat ordentlich zugelangt.“

Ich nickte und es klopfte an der Tür.

„Ja?“

Die Tür öffnete sich und meine Mutter kam herein.

„Hier ist ein Eispad“, meinte sie, welches sie mir reichte.

„…danke“, meinte ich und drückte es auf mein Kinn.

„Au!“

„Ja, das wird noch eine Weile hier. Das wär dir mit Torsten nicht passiert.“

„Sicher nicht“, gab Torsten sein Senf zu und grinste.

„Klar, verschwör dich nur mit meiner Mutter… geh lieber wieder ins Bett wo du hingehörst!“

Sie drehte sich zum Schrank und seufzte.

„Das ist völlig hinüber…“

„Ja, ich weiß…“, sagte ich genervt.

„Das kann man doch waschen…“, fing Torsten an, „und die alte Steinke näht ihnen dass sicher wieder, die macht sowas gerne.“

Zweifelnd schaute meine Mutter Torsten an.

„Du hast Recht, man kann ja probieren, ob es noch zu retten ist.“

„Was bringt das jetzt noch?“, warf ich ein, „ das Gegenstück ist eh nicht mehr da.

„Wieso das denn?“

„Du glaubst doch selbst nicht, dass dieser feine Pinkel das zurück gebracht hat.“

„Rafael, rede nicht so über diese Leute.“

Ich musste grinsen, was ich gleich bereute. Mein Kiefer schmerzte wieder.

„Du sagst ja selber schon… „diese Leute“…“

„So hab ich das nicht gemeint.“

„Egal…, es ist weg.“

„Schade eigentlich, Torsten hat sicher gut drin ausgesehen.“

Torsten lief leicht rot an und ich grinste.

„Ihr Sohn sah viel besser aus! Ein richtiger Engel!“, sagte Torsten.

„Ja, mit einem großen B davor“, kam es von meiner Mutter.

„Ha, ha, deine Witze waren auch schon besser“, meinte ich schmollend.

Peter

Ich saß auf meinem Sessel, und schaute zum Fenster raus, als meine Zimmertür aufgerissen wurde. Mein Vater, welch seltener Besuch.

„Wir müssen reden!“

Über was denn? Das waren ja mal ganz neue Töne. Genervt schaute ich zu ihm.

„Über was?“

„Über den Vorfall gestern“, sagte er bestimmend und sein Blick wanderte zu dem Stoffhaufen am Boden und den um geleerten Mülleimer.

„Was soll man darüber groß reden?“

„Peter…, du hast jemand geschlagen?“

„Ja und? Der hat mich dumm angemacht, weil ich Geld besitze und er nicht.“

„Das habe ich aber anders gehört?“

„Was?“

„Ein Kollege von mir war dort und hat dich erkannt. Junge was ist nur in dich gefahren?“

Er beugte sich vor und legte seine Hand auf meine Schulter. Machte er jetzt einen auf verständnisvollen Vater?

„Du kannst doch nicht einfach einen anderen Jungen niederschlagen, nur weil dir seine Nase nicht passt. So habe ich dich nicht erzogen.“

Erzogen? Er war doch nie daheim.

„Er hat angefangen.“

„Man erzählte mir nur du hättest geschlagen.“

Ich zischte und drehte mich wieder zum Fenster.

„Am Montag gehst du zu dem Jungen und entschuldigst dich.“

„Einen Teufel wert ich…“

Mein Vater blieb still, anscheinend wusste er nicht, was er darauf antworten sollte.

„Okay, du willst es nicht anders. Am Montagmittag meldest du dich bei dieser Frau Hellmann. Der Mutter erzählte mir, dass diese Wochen vor Weihnachten viele soziale Dinge gemacht werden…, wie Kinderheime oder Altersheime besucht werden. Du meldest dich bei ihr und bietest deine Hilfe an!“

„Was soll ich? Das ist Mamas Ding nicht meins!“

„Das ist mir egal, du machst das! Und keine Widerrede!“

Wenig später knallte die Tür hinter mir. Womit hatte ich das nur verdient? Nur weil dieser kleine Scheißer mich beleidigt hat.

Rafael

Meine Mutter war gegangen. Ich lag seitlich auf dem Bett und starrte die Wand an, während Torsten immer noch hinter mir saß.

„Sah er wenigstens gut aus?“, fragte Torsten plötzlich.

Ich fuhr herum.

„Hä?“

Torsten grinste mich an.

„Komm Alter, ich weiß schon lange, dass du nur auf Typen stehst!“

„Was…?“

Meine Stimme versagte und ich schaute Torsten entsetzt an. Was hatte er da gerade gesagt? Aber wie konnte er das wissen?

„Aber wie…?“

„Rafael. Wie lange kennen wir uns jetzt schon? Meinst du ich habe das nie gemerkt?“

„Du…“, ich schluckte und spürte, wie sich Tränen auf meinen Wangen breit machten, „ …hast aber nie etwas gesagt.“

„Was denkst du denn? Rafael schau den netten Arsch von dem Jungen an… ehrlich dass ist nicht meine Welt.“

Er sagte das leicht tuntisch und ich musste grinsen. Die Schmerzen was das Grinsen hinter sich herzog, besannen mich auf etwas Zurückhaltung. Ich schluckte erneut und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht.

„Komm, mach kein Drama daraus. Mir macht es nichts aus, dass du schwul bist.“

„… wirklich?“, fragte ich leise.

„Du Idiot! Würde ich sonst dann bei meinem besten und ältesten Freund sitzen?“

„… war es so offensichtlich?“

Er lachte.

„Keine Sorge, dass weiß nur ich, weil ich ständig mit dir zusammen bin. Es sind Kleinigkeiten, die dich verraten haben.“

„Kleinigkeiten?“

„Ja, dass du öfter mal Jungs hinterher starrst. Du scheinst übrigens einen guten Geschmack zu haben, denn du hast das ausnahmslos unseren Schönlingen der Schule nach.“

Wenn ich nicht schon genügend Blut im Kopf hatte, so fing es jetzt regelrecht an zu rauschen. Es glühte.

„Jetzt hab dich doch nicht so, hör auf zu heulen… Du erfüllst damit ein typisches Schwulenklischee mit deiner Heulerei.“

„Arsch!“

„Angenehm Torsten!“

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