Engelchen und Teufelchen – Tür 4

tuer-04Das Torsten so gut damit klar kam, heiterte mich etwas auf.

„Du hast meine Frage noch nicht beantwortet.“

„Was für eine Frage?“

Er kicherte.

„Ob er gut aussah?“

Fassungslos sah ich Torsten an.

„Was?“, fragte er weiterhin grinsend, „du wirst ihn doch näher angeschaut haben und wie heißt er überhaupt? Komm lass dir nicht alles einzeln aus der Nase ziehen.“

„Müssen wir über IHN reden? Ich würde es vorziehen ihn ganz schnell zu vergessen.“

„Ja, ich will alles Details über ihn wissen, du weißt doch, wir Jungs sind unheimlich neugierig.“

Ich konnte nicht anders und fing an zu lachen, was der Schmerz meines Kiefers auch nicht minderte.

„So gefällst du mir schon besser. Komm erzähl ein bisschen, ich will ja wissen, vor wem ich meinen besten Freund beschützen muss.“

„Beschützen?“

Peter

Ich legte mein Buch neben mir ab. Nicht mal aufs Lesen konnte ich mich konzentrieren. Immer wieder sah ich dieses blond gelockte Engelsgesicht vor mir. War Rafael nicht irgendein Erzengel?

Scheiße! Was dachte ich da? Aber der Gedanke ließ mich nicht los. Ich stand auf und lief zu meinem Laptop. Ich rief Google auf und gab Erzengel Rafael ein. Das war also die hebräische Schreibweise, sonst wurde er mit ph geschrieben.

Er soll laut Text der Erzengel der Heilung gewesen sein. Ich sah mir die Bilder an. Teilweise war er mit braunen langen Haaren dargestellt, aber auch mit lockigem blondem Haar, wie bei Rafael.

Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Dieses Mal sah ich Rafael, wie er gegen die Budenwand krachte. Plötzlich tat es mir Leid. Warum hatte ich das getan? Ich war doch sonst nicht so schnell auf die Palme zu bringen.

Ein Klopfen an der Tür lies mich zusammen fahren.

„Ja?“

Meine Mutter schaute herein.

„Dein Vater sagte…, in deinem Zimmer befände sich…“, ihr Blick wanderte zu Boden, „ah, da liegt es.

Sie kam herein und nahm den Umhang.

„Das ist Eigentum des Gemeindezentrums. Ich werde es reinigen lassen, damit du es zurück geben kannst.“

Ich schaute sie nur an und gab keine Antwort. Sie dagegen schaute mich etwas besorgt an und verließ dann mein Zimmer. Ich legte meine Stirn in Falten. Was war mit den beiden los? Sonst kümmerten sie sich einen Dreck um mich.

Woher kommt plötzliche diese Fürsorge? Mein Blick fiel wieder auf den Monitor. Und warum bekam ich Rafael nicht mehr aus dem Kopf?

*-*-*

Die Schule nahm ich irgendwie nur nebenher war. Gelangweilt nahm ich zwar am Unterricht teil, aber meine Gedanken waren wo anders. Die Nacht hatte ich schlecht geschlafen von Engeln und deren Rache geträumt.

Als ich wieder zu Hause ankam war außer dem Personal niemand anwesend.

„Wann möchten sie etwas Essen?“, fragte mich das Zimmermädchen.

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein danke… ich habe keinen Appetit.“

Etwas verwirrt schauend verließ sie das Wohnzimmer. Mein Blick fiel auf die Uhr. Noch ein einhalb Stunden. Ob Rafael auch da war? Ich schüttelte den Kopf. Der wollte mich bestimmt nicht mehr sehen und warum hing ich schon wieder mit meinen Gedanken bei ihm? Dieses komische Gefühl in der Magengegend. Hatte ich mir etwas eingefangen?

Rafael

„Hier, frisch gewaschen und geflickt. Dank Frau Steinke sieht man nicht einmal, wo es eingerissen war“, meinte meine Mutter und hob mir den Umhang vor die Nase.

„Den kannst du gleich nachher mitnehmen.“

„Nachher?“

„Wollten Torsten und du nicht mit Frau Hellmann heute ins Kinderheim.“

Das hatte ich ganz vergessen. Der ganze Morgen war schon so nervend. Jeder wollte natürlich wissen, warum mein Kinn so geschwollen war. Der liebe Torsten streute grinsend viele Gerüchte aus und amüsierte sich köstlich, wie sie die in der Stufe ausbreiteten.

Was wirklich war, dass ich der Engel vom Weihnachtsmarkt war, hatte keiner mitbekommen.

„Daran habe ich gar nicht mehr gedacht.“

„Da wird Frau Hellmann aber enttäuscht sein.“

„Ich habe nicht gesagt, ich geh nicht, nur dass ich es vergessen habe.“

„Gut. Ich pack dir den Umhang in eine große Tüte und pass auf, dass nichts daran kommt.“

„Ja…“, antwortete ich genervt.

*-*-*

„Du ich hätte das absolut verschwitzt, wenn du nicht angerufen hättest“, meinte Torsten neben mir.“

„Fühlst du dich den fit genug? Du bist noch ganz schön weiß um die Nase.“

„Das ist mir egal. Zu Hause halte ich es nicht mehr aus. Meine Mutter betüttelt mich wie ein kleines Kind, fehlt gerade noch, dass sie mir eine Latz umbindet und ich mit Brei gefüttert werde.“

Der Gedanke daran lies mich loskichern, was mir einen Piekser in die Seite einbrachte.

„Lach nicht, dass ist Ernst.“

„Glaubst du meine Mutter ist anders?“, fragte ich und verbiss mir ein weiteres Grinsen.

„Was ist eigentlich in der großen Tüte drin?“, wollte Torsten wissen.

„Mein Kostüm. Du hattest Recht, die Steinke hat es wieder hinbekommen. Nur habe ich bei dem Sturz meinen Heiligenschein verloren und nicht gemerkt.“

Torsten sah mich seltsam an, wendete den Kopf nach Links und Rechts.

„Oh mein Gott!“, rief er laut.

Erschrocken blieb ich stehen.

„Was ist?“

„Du bist ein gefallener Engel“, sagte er und fing laut an zu lachen.

Ich schüttelte den Kopf und rollte mit den Augen.

„Du bist so blöd!“, entfuhr es mir.

Wenig später erreichten wir das Gemeindezentrum. Den Wagen von Frau Hellmann konnte ich noch nirgends entdecken. Ich ließ meinen Blick über den Vorplatz und die Parkplätze wandern, aber nichts.

Einzig ein großer schwarzer Mercedes fuhr vor und hielt vorne an der Straße. Die hintere Tür ging auf.

„Nein…!“, rief ich.

„Was?“, wollte Torsten wissen.

„Nicht der…“

Torsten folgte meinem Blick.

„Wer ist das?“

„Das Arschloch.“

„Nein, ich glaube dass ist der Sohn von diesem von Grünenberg…“

Vorwurfsvoll sah ich Torsten an. Immer diese Späßchen. Genervt atmete ich aus.

„Du kennst den?“

„Nicht richtig. Der war mal am Anfang in meinem Verein, verschwand aber sehr schnell wieder.“

Demonstrativ drehte ich Peter meinen Rücken zu uns schaute in die andere Richtung.

„Hallo…“

„Hallo“, meinte Torsten neben mir, „Peter, wenn ich mich recht erinnere.“

„…ähm ja, aber woher kennst du mich?“

Genervt schaute ich in die Luft.

„Volleyballverein vor zwei Jahren glaub ich.“

„Torsten?“

„Ja…“

Ich spürte die Blicke von Peter in meinem Nacken. Torsten schaute mich ebenfalls an und stupste mich. Vorwurfsvoll schaute ich ihn an.

„…ähm… Rafael…“

Jetzt redete er mich auch noch an, was sollte das? Ich war binnen Sekunden auch 180 und wollte mich umdrehen.

„Es tut mir Leid… ich weiß nicht was in mich gefahren ist… ich wollte dich nicht schlagen.“

„Hast du aber“, fuhr ich ihn an, während ich mich drehte.

Aber genau in dem Augenblick, als ich in seine braunen Augen schaute, versagte meine Stimme.

Ich weiß nicht warum, aber seine Augen hatten plötzlich etwas Magisches, was mir vorher nicht aufgefallen war. Lösen konnte ich mich auf alle Fälle nicht und so starrte ich ihn weiter an.

„Da kommt Frau Hellmann“, rettete mich Torsten aus dieser peinlichen Situation.

Peter schaute weg und der Bann war gelöst. Was ging denn hier ab?

„Da seid ihr ja schon“, hörte ich Frau Hellmann sagen und wandte mich zu ihr.

„Frau Hellman, hier ist das Kostüm“, meinte Peter und reichte ihr eine Tüte.

„…ähm hier meins“, sagte ich und reichte sie ihr ebenfalls.

„Das ist nett.“

Mich wunderte, dass Frau Hellmann nichts über den Vorfall vom Samstag sagte, sie musste das doch auch mitbekommen haben. Oder sie stellte sich einfach dumm und machte so als wüsste sie nichts, obwohl man die Schwellung in meinem Gesicht noch sehr deutlich sehen konnte.

Sie nahm die Tüten entgegen und trat zur Eingangstür, des Gemeindezentrums.

„Ihr könnt gleich mitgehen. Unten im Keller stehen die Kisten mit den Büchern für die Kinder, die könnt ihr gleich mit hoch tragen.

„Wird sofort erledigt“, meinte Torsten und lief mit ihr die Treppe voran.

Peter machte einen kleinen Diener und ließ mir den Vortritt an der Treppe. Warum plötzlich diese übertriebene Freundlichkeit. Hatte er ein schlechtes Gewissen und wollte mich jetzt milde stimmen?

Ich wusste noch genau, was er gesagt hatte und es aber immer irgendwie von oben herab, als wäre er, weil er oder seine Familie Geld besaß, etwas Besseres. Ich lief also ohne etwas zu sagen, vor ihm her.

„Tut es noch sehr weh“, kam es leise von hinten.

Ich drehte meinen Kopf und zeigte auf die geschwollene Stelle in meinem Gesicht.

„Glaubst du, dass das nicht weh tut?“, fuhr ich ihn an.

Er schüttelte den Kopf. Wieder dieser Blick seiner Augen. Sie schienen traurig. Ich drehte mich wieder zur Treppe und lief weiter.

„… es tut mir so Leid…“

Ich verdrehte die Augen und blieb erneut stehen.

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