Engelchen und Teufelchen – Teil 5

tuer-05Am liebsten hätte ich Torsten auf den Mond geschossen. Er hatte sich natürlich auf den vorderen Sitz breit gemacht und so musste ich hinten mit Peter die Rückbank teilen.

Peter

Seine Ablehnung war deutlich zu spüren. Ich wusste nicht, was ich noch machen sollte, so blieb ich einfach ruhig. Torsten unterhielt sich angeregt mit Frau Hellmann. Während wir beide hinten schwiegen.

Wieder kam dieses komische Gefühl in der Magengegend. Meine Gedanken schwirrten durch den Kopf, als würde ich kurz vor dem Kollaps stehen. Ich verstand die Welt nicht mehr. Wie konnte ein Wochenende mein bisher so ruhiges Leben so auf den Kopf stellen.

Vorsichtig schaute ich zu Rafael hinüber. Er dagegen schaute zum Fenster hinaus.

„Peter, ich muss mich noch einmal bei ihrem Vater persönlich bedanken.“

„Äh… ja?“

„Ja, für die Geldspende, davon können wir noch viel für das Kinderheim kaufen.“

Torsten drehte seinen Kopf und lächelte mich an. Verlegen lächelte ich zurück.

„Davon wusste ich nichts.“

Rafael drehte den Kopf zu mir und schaute mich verächtlich an. Was konnte ich für die Spende meines Vaters. Ich war froh, als Frau Hellmann endlich in einen Innenhof fuhr. Sie parkte den Wagen und ich stieg aus.

Torsten lief sofort zu Kofferraum und öffnete ihn.

„Warte ich helfe dir“, meinte ich, während Rafael an der Seite stehen blieb.

Gemeinsam hoben wir die zwei Kisten aus dem Kofferraum und stellten sie auf dem Boden ab. Mir fiel ein Buch auf, das ich kannte.

„Das hab ich als Kind auch gelesen“, erzählte ich und hob es den anderen entgegen.

„Lesen ist wichtig“, meinte Frau Hellmann, „gerade für die Kinder hier. Sie sind schon genug benachteiligt.“

Benachteiligt? Ich verstand nicht richtig. Rafael schnappte sich eine Kiste und lief voraus. Anscheinend war er schön öfter hier. Die zweite Kiste nahmen Torsten und ich in die Mitte und trugen sie Frau Hellmann hinter her, die Rafael folgte.

Rafael

Entweder ich flippte die nächsten Minuten aus, oder etwas anderes geschah. Der Typ machte mich total kirre. Warum war er überhaupt hier, er wollte doch sowieso mit uns nichts zu tun haben.

Frau Hellmann überholte mich und zog die Tür auf. Ich durchquerte sie und die warme Luft des Flures strömte mir entgegen. Langsam stellte ich den Karton auf der Holzbank neben der Tür ab.

Er war doch schwerer als ich dachte und in meiner Wut hatte ich mir zu viel zugemutet. Torsten und Peter kamen nun auch ins Haus und stellten ihren Karton auf meinen.

„Rafael“, hörte ich eine mir bekannte Stimme und drehte mich um.

Ein kleiner blonder Wirbelwind kam auf mich zugerannt und sprang mich an.

„Hallo Ulf“, rief ich und fing den kleinen Mann auf.

„Tante Gerda hat heute morgen beim Frühstück gesagt, dass du heute kommst“, sagte Ulf und drückte mich fest.

Dann sah er mich genauer an.

„Was hast du denn da gemacht?“, sagte Ulf plötzlich und drückte gegen mein Kinn.

„Aua… Ulf  das lass mal lieber sein, dass ist noch geschwollen.“

„Aber es gibt doch keine Bienen mehr.“

Die Logik des Fünfjährigen ließ meinen Kopf auf Hochtouren arbeiten. Bienen, jetzt im Winter…Schwellung? Ach so!

„Nein mich hat nichts gestochen Ulf, da hat mir jemand weh gemacht.“

„Der muss aber sehr böse sein, wenn er dir weh tut. Wenn er her kommt, sagst du es mir, dann verhau ich ihn für dich!“

Ich drehte mich Richtung Torsten und Peter. Torsten grinste und Peter war bleich geworden.

„Junger Mann, jemand zu verhauen ist nicht richtig! Aber danke, dass du mich beschützen willst!“

 „Hast du wieder viele Bücher mitgebracht?“, änderte der kleine Ulf das Thema.

„Ja, WIR haben Bücher mitgebracht.“

Ulf fing an zu strampeln, dass war das Zeichen, dass er wieder runter wollte. Frau Hellmann lief lächelnd an uns vorbei und ging direkt zur Anmeldung. Während Torsten und ich unsere Jacken entledigten und an die Garderobe hingen.

„Wer bist du denn?“, fragte Ulf und stand vor Peter.

„… ähm Peter.“

„Und was machst du hier?“

Ich konnte nicht anders und musste lächeln. Ulfs Art war entfesselnd und die Wut auf Peter minimierte sich zusehends.

„Ich helfe Rafael und Torsten mit den Büchern.“

„Du warst aber noch nie hier?“

„Nein, heute das erste Mal.“

„Gut, dann komm mit, ich zeig dir alles!“

Peter schaute uns hilflos an, während Ulf ihm die Hand entgegenstreckte.

„Geh ruhig mit ihm“, meinte Torsten, „Ulf kenn sich hier prima aus.“

Peter hängte seine Jacke an den Harken.

„Komm!“, meinte Ulf, schnappte sich Peters Hand und zog ihn an uns vorbei, während wir ihm grinsend nachsahen.

„Du weißt schon, dass Ulf die große Runde macht?“, fragte ich.

„Klar, du wirst doch nicht jetzt etwa Mitleid empfinden?“

„ICH? Bist du bekloppt, wie kommst du da drauf?“

„Rafael, ich habe Augen im Kopf.“

„Dann hast du sicher mitbekommen, wie sauer ich auf Peter bin.“

Torsten baute sich vor mich auf, nahm mein Kinn sanft in die Hand und grinste süffisant.

„Ja, ich habe sogar mitbekommen, wir ihr euch angeschmachtet habt.“

„Angeschmachtet, du spinnst doch!“

Torsten hörte nicht auf zu grinsen.

„Also wenn ich jemand so lange in die Augen schaue… wie du vorhin bei Peter, was würdest du dann sagen?“

Darauf hatte ich jetzt keine Antwort. Er legte seine Hand auf meine Schulter.

„Rafael, pass auf dich auf, das kann verdammt schief gehen.“

Gespielt schmollend, schupste ich seine Hand von meiner Schulter.

„Ich weiß gar nicht was du meinst.“

Ich lief zu den Büchern und nahm die oberste Kiste.

„Boah, ist die schwer!“

„Warte, ich helfe dir.“

Eine halbe Stunde später, waren die Kartons leer geräumt und die Bücher in die Regale eingeräumt.

„Was passiert mit den Kartons?“, fragte Torsten.

„Ich denke, die nehmen wir wieder mit“, antwortete ich und schaute zur Glastür.

„Man Rafael, geh doch einfach los und such ihn.“

Geschockt sah ich ihn an. Dann schüttelte ich den Kopf.

„Sicher nicht.“

„Okay, dann tu ich es halt…Feigling.“

„Ich bin kein Feigling!“

„Biste wohl“, lachte Torsten und lies mich stehen.

Peter

Ich hatte Mühe, alles zu verstehen, was Ulf mir da erzählte. Er redete wie ein Wasserfall. Er öffnete die nächste Tür.

„Und dass ist mein Zimmer… ja und Georg wohnt hier auch.

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