tuer-06Zwei Betten, ein breiter Schreibtisch und ein Schrank. Mehr stand in dem Zimmer nicht. Es war so groß wie mein Ankleidezimmer. In diesem Augenblick schämte ich mich richtig.

„Das ist mein Bett“, riss mich Ulf aus den Gedanken und warf sie auf ein von beiden.

An der Wand hingen ein paar selbstgemalte Zeichnungen. Ich setzte mich zu ihm.

„Hast du die alle selber gemalt?“

„Jaha! Das ist mein Pferd und das mein Haus und das ist mein Spielplatz!“

Das Haus und den Spielplatz konnte ich ja noch erkennen, nur das Pferd hatte fünf Beine, oder sollte das ein Schwanz sein. Der Kopf war riesengroß und der Bauch viel zu klein.

„Ah, da seid ihr ja“, hörte ich plötzlich Torsten an der Tür.

„Ich habe Peter mein Zimmer gezeigt“, sagte Ulf stolz.

Lächelnd aber traurig sah ich Torsten an, der leicht mit den Schultern zuckte.

„Ulf, Tante Gerda hat wieder ihre Plätzchen gebacken…“

„Plätzchäääääääääääään“, schrie Ulf und rannte aus dem Zimmer.

Torsten musste lachen und ich konnte auch nicht anders. Aber ein Blick durch das Zimmer ließ mich wieder verstummen.

„Was ist?“

„Es ist…, es ist alles so klein hier.“

„Tja, ich denke… dein Zimmer ist viel größer.“

Ich nickte und wurde rot.

„Da lernst du auch mal die andere Seite kennen…“

*-*-*

Nun hatte ich auch die anderen Kinder aus Ulfs Gruppe kennen gelernt, im gesamten zehn.

„Und wie viele Kinder sind in diesem Heim untergebracht?“, fragte ich diese Tante Gerda.

„Vierzig, also vier Gruppen, die rund um die Uhr betreut werden.“

„Alle so alt wie Ulf?“

„Nein, nach Alter gestaffelt. Hier ist die jüngste Gruppe mit den vier bis sechs Jährigen. Das geht hoch bis zur Volljährigkeit.“

Fassungslos schaute ich sie an. Klar wusste ich, dass es Kinderheime gab, aber bisher hatte ich ein falsches Bild davon. Ich schaute zu Torsten und Rafael, die wissend nickten.

„Gehe ich recht in der Annahme, dass wir dich hier öfters sehen werden?“, fragte Gerda.

Sie war die erste Person, die mich sofort mit du angesprochen hatte. Sonst sagte jeder immer gleich sie. Ich nickte.

„Gut, dann werden wir nachher deine Personalien aufnehmen…“

„…wieso?“, unterbrach ich sie.

„Weil nicht jeder hier einfach herein darf. Jeder, der die Kinder öfter besucht, bekommt einen Ausweis“, erklärte sie und zeigte auf Torsten und Rafael, die Beide einen Ausweis hochhielten.

„Das wusste ich nicht.“

„Mir scheint, du weißt vieles nicht.“

Sie sagte das ohne beleidigend zu wirken, oder dies vorhaben zu wollen, denn sie hatte Recht. Ich bin in behüteten Verhältnissen aufgewachsen. Plötzlich bewunderte ich Rafael und Torsten, als ich verstand, was sie hier machten.

„Rafael, du wolltest uns noch etwas vorlesen“, sagte ein kleines Mädchen und zog an einem Ärmel.

„Hier? Oder in eurem Zimmer“, fragte Rafael.

„In unserem Zimmer!“, kicherte die Kleine.

Ich wandte mich wieder an Gerda.

„Entschuldige, wenn ich frage…“

„Du kannst so viel fragen wie du möchtest.“

„Ich habe in Ulfs Zimmer gar kein Spielzeug gesehen.“

„Ja, wir haben bei den Kleinen hier eine Sonderreglung. Es gibt ein Spielzimmer für alle. Jedes Spielzeug gehört jedem und es wird nichts mit ins Zimmer genommen.“

„Warum?“

„Damit sie lernen, dass sie keine Sonderstellung haben, dass sie alles mit jedem teilen.“

„Aha.“

„Das ist für dich hier eine fremde Welt, oder?“

Ich nickte.

Rafael

„.. und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“, beendete ich die Geschichte und klappte das Buch zu.

„Noch eine“, riefen alle durcheinander.

„Immer nur eine, dass ist so ausgemacht!“

„Schade.“

„Gut, mal sehen ob ich die Wochen noch einmal kommen kann, dann les ich noch eine vor.“

Jubel brach aus und ich wusste, dass ich grad einen weiteren Mittag diese Woche hier verbringen würde.

Ich wollte mit dem Buch gerade das Zimmer verlassen, als ich bemerkte, dass dort Peter stand.

„Du machst das toll!“, meinte er.

„Danke“, meinte ich wieder leicht verärgert.

Ich drückte mich an ihm vorbei.

„Rafael…“

Ich blieb stehen, drehte mich aber nicht um.

„… ich weiß ich habe Scheiße gebaut…“

„Er hat das verbotenen Wort gesagt“, brüllte plötzlich Nadine neben ihm, was Peter zusammen fahren ließ.

Ich konnte nicht anders und musste kichern.

„Ja hier gibt es Regeln, da musst sogar du dich dran halten.“

„Du jetzt?“, fragte er verwirrt.

„Zehn Cent in die Strafflasche.“

„Strafflasche?“

„Ja, die Strafflasche…“, brüllte eine Schar von kleinen Mädchen, die mittlerweile Peter umringt hatten.

Sie zogen ihn an mir vorbei, was mich weiter kichern ließ, aber irgendwie tat er mir auch Leid und ich folgte diesem Trupp in den Aufenthaltsraum. Dort stand nämlich die berühmte Strafflasche.

Bei jedem verbotenen Wort, musste man da zehn Cent hinein werfen. Die Falsche war schon halb voll und nun kam wieder ein Zehner dazu.

„Tante Gerda, er hat ein verbotenes Wort gesagt…“, rief Nadine laut, als sie den Aufenthaltsraum betraten.

„Dann muss er wie die anderen bezahlen.“

Frau Hellmann und Torsten saßen grinsend bei Gerda, während Peter weiter zu der Flasche gezogen wurde, die an der Fensterbank stand. Er zog einen Geldbeutel heraus, suchte darin herum und warf schließlich ein zehn Cent Stück in die Flasche.

Wieder brach Jubel bei den Mädels aus, die anschließend aus Zimmer stürmten.

„Wird dir das nicht zu laut?“, fragte Frau Hellmann Gerda.

„Es sind Kinder!“

*-*-*

Peter

Ich saß am Esstisch mit meinen Eltern. Es wunderte mich zwar, dass beide zu Hause waren, aber ich verwarf den Gedanken schnell und erzählte ohne Pause von dem Kinderheim. Meine Eltern unterbrachen mich nicht, sondern schauten sich nur ab und zu an.

„Ihr müsst euch vorstellen, deren Zimmer ist so groß wie meine Ankleide. Mir tat der Kleine so Leid, dass er dort aufwachsen muss.“

„Nicht jeder hat das Glück so wie du aufzuwachsen“, kam es von meinem Vater.

„Ich weiß nicht, ob man das Glück nennen kann.“

„Peter, jetzt bist du undankbar!“, ermahnte mich meine Mutter.

„Nein Mama…, Vater arbeitet die ganze Woche ist nur selten daheim, genauso wie du und an den Wochenende habt ihr auch eure Verpflichtungen. Ich bin fast immer alleine im Haus, nennt ihr das Glück?“

Meine Eltern sahen sich an.

„Du könntest in einen Verein gehen, oder dir Freunde…“

„…dass ist doch nicht das gleiche, Verein…Freunde…, dass ersetzt keine Familie!“, unterbrach ich meinen Vater.

„Das alles hier, ist fast wie in diesem Heim, nur dass ich viel mehr Vorzüge habe.“

Meine Eltern saßen stumm da und sahen mich an.

„Wann haben wir zum letzten Mal so zusammen gesessen…, wann das letzte Mal richtig gemeinsam Urlaub gemacht?“

Ich wusste, ich klang vorwurfvoll, aber der Besuch in dem Heim hat mir eine andere Denkweise beschert und ich wusste, so konnte es nicht weiter gehen. Ich stand auf, nahm meine Teller und trug ihn in die Küche.

„Peter, dafür haben wir Personal!“, rief mir meine Mutter hinter her.

„Ja ich weiß…“, antwortete ich und ließ die beiden alleine.

Rafael

„Ich muss dann langsam nach Hause. Morgen in der Schule sehen wir uns ja wieder“, meinte Torsten.

„Danke!“

„… ähm für was?“

„Danke, dass du für mich da warst, mir zugehört hast.“

„Du hast doch gar nicht viel gesagt.“

Genervt rollte ich mit den Augen.

„Jetzt tu nicht so, du hast wirklich nicht viel erzählt, warst mehr mit den Gedanken wo anders.“

Stimmt. Ich war mit den Gedanken bei Peter. Ich hatte ihn heute anders kennen gelernt, als am Wochenende. Kein böses Wort kam über seine Lippen, keine negative Bemerkung, wo Torsten und ich herstammten.

„Du tust es schon wieder…!“

„Was?“

„Du bist mit deinen Gedanken schon wieder wo anders.“

„Sorry.“

„Kann es sein, dass es dich erwischt hat?“

„Was?“

„Rafaeeel. Ein Blinder würde merken, dass du mehr für Peter empfindest, als du zugeben willst.“

Nun sagte ich nichts mehr und ließ den Kopf sinken.

„Er spielt in einer anderen Liga…“, sagte ich flüsternd, „für mich unerreichbar.“

Ich wunderte mich selbst, was ich da gerade gesagt hatte, aber es war die Wahrheit.

„Wer sagt das?“

Ich atmete tief durch und schaute Torsten an.

„Das ist nun mal so. Arm zu Arm und Reich zu Reich.“

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