Zoogeschichten I – Teil 37

Gemütsruhe

Dennis

„Sabine bringt mich um, wenn ich ihr noch einen Bären mitbringe, wie konnte ich mich nur überreden lassen?“, fragte Michael und zog mit dem Transporter auf die Autobahn hinaus.

„Gilderoman hat versprochen, anzurufen. Also müssten sie es jetzt schon wissen und bis wir wieder zu Hause sind, werden sie sich schon an den Gedanken gewöhnt haben“, antwortete ich.

„Dein Wort in Gottes Gehörgang“, sagte Michael und schüttelte den Kopf.

Ich schaute nach hinten durch das kleine Glasfenster und sah die zwei Kisten, die wir geladen hatten. Eine Große und eine Kleine und es schien alles ruhig zu sein.

„Willst du durchfahren, oder machen wir zwischendurch noch einmal eine Pause?“, fragte ich.

„Wir müssen sogar anhalten und nach den Tieren schauen. Aber trotzdem müssen wir die Fahrtzeit so kurz wie möglich halten, damit der Stress für die Tiere nicht zu groß wird“, antwortete Michael.

„Duhu…?“

„Ja?“

„Habe ich dir heute schon mal gesagt, dass ich dich liebe?“, meinte ich und schaute ihn verträumt an.

Michael schien angestrengt zu überlegen.

„Ich glaube nein, wurde auch langsam Zeit?“, meinte er mit einem frechen Grinsen.

Ich streichelte ihm mit dem Handrücken über seine Wange, was er mit einem kurzen Ankuscheln erwiderte.

„Ich liebe dich auch, mein kleiner Bärenheld.“

Robert

Ganz ruhig Robert, was du jetzt am Wenigsten gebrauchen kannst, ist hier völlig auszuflippen. Vorsichtig, Stufe für Stufe, ging ich mit Adrian langsam ins Wasser. Heike warf mir eine Schwimmweste zu, die ich Adrian auch umband.

An der Plattform vorbei zog ich Adrian immer tiefer ins Wasser, bis wir endlich den Boden erreicht hatten. Nun schauten nur noch die unsere Oberkörper und Köpfe heraus. Adrians Schwimmweste gab ihm aber jetzt schon Auftrieb und so trieb er etwas zu mir her.

Ich stieß kurz einen Pfiff aus und langsam näherte sich Dana. Ich dachte, ein ruhiges Tier wäre jetzt angebrachter für Adrian, nicht wie Theo, der die ganze Zeit spielen will. Ich nahm Adrians Hand und fuhr mit ihr langsam über Danas Rücken und wiederholte das ständig.

Aber es kam keinerlei Reaktion von Adrian, er trieb vor sich hin und ließ mich seine Hand führen. Hilflos sah ich zu Heike, die mit der Schulter zuckte. Ebenso Frau Gärleich schaute mich ratlos an.

Einzig Sebastian juchzte mit den Kindern, die anscheinend einen Heidenspaß mit den Delfinen hatten. Ich nahm Adrian nun in den Arm, so dass er sich an meinen Bauch lehnte und hielt mich an Danas Finne fest.

Dass ich nun jede Faser seiner Muskeln spürte, versuchte ich zu verdrängen und genoss es einfach, mich von Dana ziehen zu lassen. Durch die Schwimmweste aufgeschäumt, spritzte immer wieder Wasser in Adrians Gesicht. Ich machte mir Gedanken, ob das nicht gefährlich sei und er dadurch zuviel Wasser schlucken könnte.

So ließ ich Dana los und schwamm, mit Adrian im Schlepptau, zurück zur Plattform. Dort angekommen, hatte ich Mühe Adrian sicher hinzustellen. Ich schaute in sein Gesicht… waren das Tropfen vom Wasser, oder weinte Adrian tatsächlich?

Dennis

„Also der Kleine schläft friedlich“, meinte ich.

„Ferdinand scheint auch alles sehr gelassen zu nehmen, er knabbert immer noch an einer Karotte.

„Gut, dann können wir ja weiter!“

„Ich gehe nur noch mal schnell auf die Toilette. Bleibst du solange am Wagen?“

Ich nickte und Michael lief zur Tankstelle. Aber nicht, ohne mir kurz noch einen Kuss zu geben. Ich machte es mir wieder im Wagen bequem und zog meine Trinkflasche aus dem Rucksack.

Gerade hatte ich angesetzt, um etwas aus der Flasche zutrinken, als der Transporter heftig durchgeschüttelt wurde. Erschrocken öffnete ich die Tür und stieg wieder aus. Und da sah ich den Schlamassel.

Ein Lkw mit Anhänger war zurückgestoßen, um besser einparken zu können und hatte uns mit seinem Hänger erwischt. Eine riesige Delle war an der Seite des Transporters. Fluchend hörte ich jemand aus der Fahrerkabine steigen.

Ich selbst ging nach hinten und öffnete die zwei Türen, um nach Ferdinand und dem Kleinen zu sehen. Sie schienen aber ruhig. Der Fahrer des LKWs stand an seinem Hänger, hob die Splitter des zerbrochenen Rücklichts auf.

„Wie kann man sich auch nur so saublöd hinstellen“, fuhr er mich plötzlich an.

Ich schaute zu Boden und vergewisserte mich, das wir mit dem Transporter richtig standen.

„Wieso, wir stehen doch richtig“, sagte ich nur.

„Jetzt auch noch frech werden.“

So langsam wurde es mir zu bunt und ich wünschte mir Michael her.

„Ich und frech, davon bin ich noch weit entfernt. Wir parken genau in der Mitte der Linien. Wenn einer Schuld hat, dann sind es sie es doch, der uns reingefahren ist“, meinte ich angesäuert.

Der Mann schritt bedrohlich auf mich zu und ich wich zurück, bis ich den Transporter im Rücken hatte.

Robert

Adrians Augen zuckten, es war Leben in ihnen! Er schaute nicht mehr so starr vor sich hin.

„Adrian?“, fragte ich, aber keine Reaktion kam.

Dana schwamm ruhig neben uns hin und her. Wieder nahm ich Adrians Hand, um Dana damit zu streicheln, aber diesmal merkte ich einen deutlichen Widerwillen und dass die Hand fast zurückgezogen wurde.

„Adrian, hörst du mich?“, fragte ich.

Plötzlich drehte Adrian den Kopf und sah mir in die Augen, sagte aber nichts. Auch sonst war keinerlei Regung der Gesichtsmuskeln oder sonst was zu entdecken. Nur dieser finstere Blick zu mir. Frau Gärleich war aufgesprungen und zum Beckenrand gekommen.

„Hallo Adrian, ich bin auch da“, meinte sie, aber Adrians hatte seinen Blick fest an mich geheftet.

„Heike schauen sie, er reagiert!“, meinte Frau Gärleich.

„Er schaut mich nur an, aber sonst macht er nichts“, erklärte ich.

Adrian ließ aber weiterhin seine Hand von mir führen, wenn auch etwas starrer in den Bewegungen als vorhin. Ich spürte deutlich eine Gegenwehr Adrians, auch wenn sie doch recht schwach war.

„Ich denke, es ist genug für heute“, meinte Heike und zeigte auf die Kinder, die anfingen, sich nass zu machen.

„Und Adrian?“, fragte Sebastian.

Ich schaute zu Heike und Frau Gärleich.

„Frau Gärleich, sie meinten vorhin, dass sie niemanden hätten, der auf Adrian aufpasst. Wie wäre es, wenn wir den Part übernehmen, bis sie die Kinder zurück gebracht haben?“, fragte Heike.

Frau Gärleich sah erst mich, dann Adrian und schließlich Heike an.

„Wird ihnen das nicht zuviel?“, fragte sie.

„Nein, heute ist ein ruhiger Tag. Es sind keine weiteren Gruppen angesagt, nur kleine Spielchen im Außenbecken und da wir ab heute Sebastian bei uns haben, wäre es kein Problem.“

Danke Heike, für dich vielleicht nicht, aber ich durchschritt gerade Höllenqualen, weil ich mit den zwei hübschesten Kerlen auf Erden im Wasser herumtollte… na gut, Adrian hing an mir, besser gesagt, an meiner Hand.

„Heike, das würde mir sehr helfen und ich verspreche ihnen, mich auch zu beeilen. Ich bin so schnell wie möglich wieder hier.“

„Lassen sie sich ruhig Zeit. Wir erwarten heute im Zoo noch eine Bärenlieferung, wir werden alle noch eine Weile da sein.“

„Okay… Heike, könnte ich sie dann noch mal kurz alleine sprechen, wegen Adrian?“

„Kein Problem… Sebastian kommst du aus dem Wasser und nimmst die Kleinen vom Wasser weg?“

„Ja, mache ich.“

Während Sebastian die Kinder vom Wasser wegführte und Heike mit Frau Gärleich sich etwas abseits stellte, zog ich Adrian wieder ins tiefere Wasser. Ich ließ ihn einfach in seiner Schwimmweste treiben.

Ohne natürlich seine Hand loszulassen – ich ertappte mich dabei, wie ich mit meinem Daumen seinen Handrücken streichelte und noch immer schaute mich Adrian so durchbohrend an. Mein Unbehagen steigerte sich ins Unermessliche.

Dennis

Ich wusste nicht, was der Mann vorhatte, aber ich ging in Abwehrstellung und irgendwie wünschte ich mir jetzt auch Tim herbei, der irgendwie einen Griff drauf hätte, so dass der Mann mir nicht zu Nahe kommen würde.

Er griff gerade an meinen Kragen, als ich die rettende Stimme hörte.

„Was soll denn der Scheiß?“

Michael war zurückgekommen. Sofort ging der Mann einen Schritt zurück und ich atmete tief durch.

„Der Mann ist uns an die Karre gefahren und behauptet jetzt, dass wir schuld sind“, antwortete ich.

„Dann rufen wir doch gleich mal die Polizei“, sagte Michael und zückte sein Handy.

„Scheiß Schwuchtel!“, fauchte der Mann, rannte zu seinem LKW, stieg ein, startete ihn und zog los.

„Hol was zum Schreiben, die Nummer aufschreiben… schnell“, rief mir Michael zu, während er auf seinem Handy eine Nummer eintippte.

Ein kurzer Blick zum Anhänger und ich hatte die Nummer im Kopf. Dann suchte im Wagen nach etwas zum Schreiben.

„Hallo? Ja hier ist Michael Herdeck und ich möchte eine Fahrerflucht melden… ja… ein Lkw ist rückwärts in unseren Transporter gefahren und nun ist er weg… ja wir haben die Nummer des Anhängers aufgeschrieben!“

Michael winkte mich herbei, ich verstand und gab ihm den Zettel. Er gab das Kennzeichen durch, auch, wie der LKW aussah, ebenso unseren Standort und welche Richtung der LKW auf der Autobahn gefahren war.

„Es werden gleich zwei Beamte hier sein und sich den Schaden ansehen“, meinte Michael.

„Meinst du, den kriegen die?“, fragte ich.

„Bestimmt, so schnell kann der nicht fahren“, antwortete Michael und nahm mich in den Arm, „he, du zitterst ja.“

„Würdest du auch, wenn so ein Kaliber von Mann dich bedroht!“

„Und so etwas schleppt große Bären ab!“

Robert

Plötzlich löste sich der Blick von Adrian und er schloss die Augen. Innerlich atmete ich auf. Lange hätte ich diesen Blick nicht durchgehalten. Der Druck seiner Hand verstärkte sich, aber er ließ sich nach wie vor von mir durchs Wasser ziehen.

Ich hörte im Hintergrund, wie sich Frau Gärleich von uns verabschiedete und mit den Kindern loszog. Sebastian und Heike waren in der Halle verschwunden, ebenso die Delfine. Lediglich Dana war bei uns geblieben und schwamm große Runden um uns herum.

Gut, es war schon ein bisschen blöd hier draußen, wo sich normalerweise die Besucher am Zaun drängelten, aber heute Morgen war es recht ruhig und somit war ich mit Adrian und Dana alleine.

„Adrian… ich weiß nicht recht… ich kann mir das irgendwie nicht vorstellen…dass du… nichts mitbekommst. Ich will nicht sagen, du simulierst… dass du deinen besten Freund verloren hast… würde mich auch umhauen… na ja … ich kann da eigentlich nicht mitreden… ich habe keine Freunde.“

Jetzt rede ich schon mit diesem Stummfisch, erzähle ihm Sachen, die ihn nichts angehen, was war nur mit mir los? Fest klammerte sich seine Hand um meine und er trieb ruhig neben mir her.

Dana kam angeschwommen und stupste sachte mit ihrer Schnauze gegen Adrians Fuß, so dass er Antrieb bekam. Ich versuchte, die Hand loszulassen, hatte aber keine Chance, Adrian ließ nicht locker.

„Willst du mit Adrian nicht langsam raus?“

Ich drehte mich etwas um, Heike stand am Beckenrand.

„Werde ich wohl tun müssen. Dadurch, dass er sich nicht bewegt, wird er sich womöglich noch unterkühlen.“

„Gut, ich werde solange mit Sebastian zum Futterdepot gehen, damit er mal alles sieht und ich kann gleich schauen, ob unsere Ware schon da ist.“

„Nimmst du Dana noch mit hinein?“, fragte ich.

„Lass sie noch draußen, das tut ihr gut!“

Ich nickte und Heike ging. Langsam schob ich Adrian an die Treppe, drückte die Füße nach unten und zog ihn unter den Armen nach oben, bis er endlich stand. Zusammen verließen wir das Wasser. Ich schnappte mir noch meinen Eimer mit Fisch und betrat wieder das Delfinarium.

Jetzt kam der Augenblick, vor dem es mir grauste… ich musste mit Adrian duschen.

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