Engelchen und Teufelchen – Teil 18

tuer-18Ach du Scheiße, auch das noch. Das hatte mir gerade noch gefehlt.

„Kennst du die?“, fragte Torsten, der mir mit Rafael wieder aufhalf.

„… sind aus meiner Klasse.“

„Aha…“, kam es Rafael.

War das jetzt gut oder schlecht gemeint. Es blieb natürlich nicht aus, das eben diese vier Jungs sich zu uns gesellte und feststellen musste, dass sie das Eislaufen alle beherrschten.

„Was tust du hier, Peter. Hätte nicht gedacht, dass du hier auftauchst“, sprach mich David als erstes an.

„Du siehst doch, ich versuch Eislaufen zu lernen.“

Er schaute kurz zu Torsten, dann zu Rafael. Sein Blick war abwertend.

„Kann dein Vater sich keinen richtigen Lehrer leisten? Musst du auf diese…“

Torsten wollte schon aufbrausen, aber Rafael hielt ihn zurück.

„Komm Torsten, fahren wir etwas“, meinte er nur und zog Torsten von mir weg.

Meine Gegenüber grinsten mich blöde an.

„Was soll der Scheiß?“, fuhr ich David an.

„He Alter, reg dich nicht auf, du willst mir doch nicht weiß machen, dass du freiwillig mit diesen… Loosern zusammen bist!“

„Und wenn? Was geht dich das an?“

„Es ist nicht dein Stand, Peter!“, kam es Michael.

„Was soll das blöde Gerede? Es ist doch egal, woher man kommt!“

Ich musste vorsichtig sein, je mehr ich mich aufregte, umso wackliger stand ich auf den Beinen. Zudem tat es mir weh, dass Rafael einfach so von dannen zog, ohne bei mir zu bleiben.

„Ich glaube, der Sozialtick seiner Mutter hat ihn angesteckt“, sprach Michael weiter.

„Dann wundert mich nichts mehr“, fügte David hinzu.

Fassungslos schaute ich meine Gegenüber an.

„Wenn es dir wieder besser geht, Peter, lass es uns wissen“, meinte David und fuhr los, die anderen folgten ihm.

Was war das jetzt? Ungläubig schaute ich ihnen hinter her. Neben mir kam jemand zu stehen. Ich drehte meinen Kopf und sah in Torstens Gesicht.

„Soll ich dir zur Bande helfen, oder willst du es alleine probieren?“

„Alleine?“, lachte ich gespielt, „ich bin ja froh, dass ich überhaupt stehen kann. Wo ist Rafael?“

„Gegangen…“

„Was? Warum?“

„Er fühlte sich fehl am Platz.“

Torsten zog mich langsam zur Band und ich war froh mich endlich richtig fest halten zu können.

„Fehl am Platz… ich versteh nicht… wegen den Arschlöchern eben?“

Torsten nickte. Ich schüttelte den Kopf und schloss fassungslos meine Augen.

Rafael

Tränen rannen über mein Gesicht. Laufend fiepte mein Handy, aber ich ging nicht dran. Das tat so weh. Mum hatte also recht, wir waren nicht aus der gleichen Gesellschaft und so passten wir also nicht zusammen.

Eigentlich dachte ich, da würden Peter und ich drüber stehen, aber nach dem, was eben auf der Eislaufbahn passierte, war ich mir eher sicher, dass ich für Peter nur peinlich war. Wer gibt schon gerne zu, dass sein Freund zu den Armen der Stadt gehörte.

Ich blieb stehen. Ich war nicht arm! Nur weil ich nicht in diesem Reichenviertel wohnte, war ich doch nicht schlechter, als andere. Wut stieg in mir auf. Ich hätte auf die anderen hören sollen, nur mit meinesgleichen zu verkehren.

Ich versuchte mich zu beruhigen, aber es gelang mir nicht recht. Eine Atemwolke nach der anderen verließ meinen Mund und um mich herum dampfte es. Irgendwie wurde mir anders. Leichte Übelkeit stieg in mir auf.

Alles fing sich an zu drehen und mir wurde schwarz vor Augen.

*-*-*

Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einem Sofa. Erschreckt schaute ich auf und sah mich um.

„Langsam junger Mann…“, meinte eine fremde Stimme zu mir und ich sah in das Gesicht eines alten Mannes.

Ein jüngerer Mann betrat das Zimmer und schaute uns beide an.

„Oh, er ist wieder zu sich gekommen“, meinte dieser und kam zu mir ans Sofa.

„…was ist… passiert.“

„Mein Vater hier“, begann der jüngere Mann, „war hinter dir und hat gesehen wie du zusammen geklappt bist. Er meinte du hättest hyperventiliert.“

„… was hab ich?“

„Zu schnell ein und ausgeatmet, zu viel Sauerstoff für deinen Körper…, ach so, sorry. Mein Name ist Adrian Klein und das ist mein Vater. Er hat mich angerufen, als er dich umkippen sah.“

„… danke…“

„… und da ich gerade auf dem Nachhauseweg von meiner Praxis war, war ich recht schnell Vorort!“

„… äh Praxis?“

„Ja, ich bin Doktor für Allgemeinmedizin.“

Langsam richtete ich mich auf.

„Es tut mir Leid, dass ich ihnen so viele Umstände mache…“

„Nichts da Junge… Adrian, hast du einen Tee aufgesetzt?“

„Ja Vater. Ein wenig solltest du schon noch liegen bleiben. Dein Körper hat eine Notbremse gezogen, deswegen solltest du etwas langsam machen. Du warst Eislaufen?“

Verwirrt schaute ich ihn an und gleichzeitig kamen die Gedanken an Peter zurück.

„Wir haben Eislaufschuhe neben dir gefunden…“

Ich nickte.

„Dürfte ich deinen Namen wissen?“, fragte dieser Doktor.

„… Rafael Becker…“

„Okay Rafael. Hast du dich irgendwie beim Eislaufen überanstrengt, oder schlimm gefallen?“

„Nein… ich war nur kurz auf dem Eis…“

Der alte Mann stand auf uns verließ das Zimmer.

„Aber irgendetwas musst dich erregt haben, ohne Grund hyperventiliert man nicht.“

Plötzlich schossen mir Tränen in die Augen, zu groß war der Schmerz.

„He, nicht doch…“

Ich winkte ab und wischte mir die Tränen aus den Augen.

„Willst du mir vielleicht erzählen war vorgefallen ist?“

„… ich weiß nicht…“

„Ich kann dich beruhigen. Im Augenblick bist du mein Patient und alles was du mir erzählst, fällt unter ärztliche Schweigepflicht…, von mir erfährt niemand etwas.“

Ich schaute auf und ihm direkt in die Augen. Er hielt den Kopf leicht schräg und lächelte mich an. In dem Augenblick kam sein Vater zurück. In der Hand hielt er ein Tablett mit drei großen Tassen, aus denen es dampfte.

„So, jetzt trinken wir erst mal einen Tee und dann geht es uns besser.“

Ihm vielleicht mir nicht. Er reichte mir eine Tasse und ich bedankte mich.

„Weißt du Rafael, ich lasse dich ungern ziehen, ohne zu wissen, warum du zusammen geklappt bist, ich werde dich vielleicht besser sogar nach Hause fahren.“

„Tu das Sohn, draußen ist schon dunkel!“

Der alte Mann setzte sich wieder zu uns. Ich nippte kurz an meinem heißen Tee und setzte wieder ab.

„Können sie sich an die Schlägerei am letzten Sonntag auf dem Weihnachtsmarkt erinnern?“, fragte ich.

„Davon habe ich gehört, mein Vater hat mir das erzählt.“

„Der eine davon war ich…“, sagte ich leise und senkte den Kopf.

„Der Teufel?“, kam es von dem alten Mann.

„Sieht so ein Teufel aus?“, fragte ihn sein Sohn und ich musste sogar lächeln.

„Nein… ich war der Engel.“

„Ich wusste doch, dein Gesicht kam mir gleich so bekannt vor…“, meinte der alte Mann plötzlich und trank von seinem Tee.

„Sie haben das gesehen?“, fragte ich und spürte, wie mein Gesicht heiß wurde.

„Ja! Endlich wurde mal auf dem langweiligen Weihnachtsmarkt etwas geboten.“

Sein Sohn fing an zu lachen.

„Vater, so kannst du das nicht sagen.“

„Wieso denn, stimmt doch. Jedes Jahr die gleichen Buden, die gleichen Vorträge… langweilig.“

„Und was hat das jetzt mit heute zu tun?“, fragte Herr Klein Junior.

„… ich… ich habe mich in den Teufel verliebt…“

„Oh, das wird ja immer interessanter!“

„Vater!“

„Lass mich doch Junge, wann krieg ich in meinem langweiligen Alltag mal so etwas geboten.“

Mir war zwar nicht danach, aber dieser alte Herr Klein gefiel mir und ich musste lächeln. Ihn schien auch nicht zu stören, dass ich mich gerade vor den beiden geoutet hatte. So erzählte ich den beiden, was sich seit dem Zwischenfall am Weihnachtsmarkt alles zugetragen hatte.

Danach nahm ich einen kräftigen Schluck von meinem Tee.

„Das war kein feiner Zug vom Teufel“, kam es vom Senior.

Der Junior musste grinsen.

„Dann haben wir ja den Grund, warum du dich so sehr aufgeregt hast. Aber wie soll es jetzt weiter gehen?“, fragte mich Doktor Klein.

„Wenn ich das mal wüsste…“

 

 

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