Zoogeschichten II – Teil 57

Verkleidung

Volker

Fritzens Handy klingelte. Er nahm es aus seiner Weste und nahm das Gespräch an.

„Ja? – einen was? – du, da kann ich dir nicht weiterhelfen – frag Michael – ja, der hat immer gute Ideen auf Lager – okay, klar – Tschüss!“

Er drückte das Gespräch weg und steckte das Handy zurück.

„War Dennis, der sucht einen Bären… also keinen Richtigen, er braucht einen Stoffbären.“

„Für was braucht der einen Stoffbären?“, fragte ich.

„Der neue Malaienbär will seine Milch nicht trinken, jetzt will er es mit einem Stoffbären versuchen, sozusagen als Mutterersatz.“

Wie das gehen sollte, wusste ich nicht.

„Aber jetzt zurück zu dir“, meinte Fritz, „du fragst dich, wie Hilde darauf kommt, dass du schwul sein könntest?“

Ich nickte.

„Das sind Kleinigkeiten, die uns eben aufgefallen ist. Der Umgang mit Michael zum Beispiel, seit er jetzt mit Dennis zusammen ist. Deine Art, wie du reagierst, dich benimmst.“

„Wieso? Lauf ich wie eine Tucke herum?“

„Ach Quatsch, so habe ich das nicht gemeint. Hilde und ich kennen dich halt sehr gut. Deshalb ist uns das aufgefallen. Wer dich nicht kennt, der merkt das gar nicht.“

„Aber was ist mit Marion… den Kindern?“

„Was soll mit ihnen sein?“

„Ich habe Marion mal geliebt, wie haben zwei Kinder … gemacht.“

„Klischeedenken!“

„Bitte?“

„Das ist Klischeedenken…, weißt du, wie viele verheiratete Männer es gibt, die eine schwule Ader in sich tragen?“

„Wo hast du das denn wieder her?“

„Von Michael, wir haben uns da mal drüber unterhalten.“

„Ich bin nicht schwul… ich kann es nicht sein!“, meinte ich trotzig.

„Wieso? Hat dich das mit David so angeekelt?“

Eiskalt erwischt!

Sebastian

Meine Wassertemperatur war das jedenfalls nicht. Langsam lief ich die Treppe ins Wasser hinein. Eine Gänsehaut überzog meinen Körper. Der Große kam gleich auf mich zugeschwommen, drehte aber im letzten Augenblick wieder ab.

„Keine Sorge, die tun dir nichts, du musst nur mit ihnen sprechen, damit sie deine Stimme hören.“

Heike gab mir einen Hering, den ich Richtung Delfin hob. Der Große kam wieder angeschwommen, erst etwas zögerlich, dann kam er aber näher.

„Na Theo, Hunger?“, fragte Heike.

„Ja… ich bin jetzt der Fischeverteiler… Robert is krank… musst mit mir vorlieb nehmen…“, stammelte ich.

„Theo spürt, dass du Angst hast, deshalb ist er so zögerlich“, erklärte Heike.

„He, der Fisch ist gut einen Meter größer als ich! Weiß ich, ob er mich nicht mit einem Hering verwechselt?“

Heike lachte.

„Heringe reden nicht, also red mit Theo, dann wird er dich schon nicht verwechseln“, antwortete Heike, stellte den Eimer Fisch in meine Nähe und stand auf.

„Was machst du jetzt?“, fragte ich verwundert.

„Die anderen Zwei füttern, was denkst du denn?“

Sie ging tatsächlich von mir weg und ließ mich mit dem Riesenfisch alleine.

„Übrigens…, das ist ein Säugetier, kein Fisch!“, rief mir Heike zu.

Säugetier – Fisch ist doch total egal, ich sah nur die riesigen Zahnreihen auf mich zu kommen.

Dennis

„Fritz meinte, ich soll Michael anrufen, der hätte immer gute Ideen“, sagte ich zu Sabine.

„Da hat er Recht!“

„Okay, ich rufe ihn gleich an“, erwiderte ich und drückte Michaels Nummer.

„Hallo Schatz“, hörte ich, als das Gespräch entgegen genommen wurde.

„Hi Michael, ich wollte dich fragen, ob du mir etwas helfen kannst.“

„Wobei?“

„Der Neue will seine Milch nicht trinken.“

„Nicht gut!“

„Ja und Sabine meinte, ich solle es doch mit einem Stoffbären versuchen, als Mutterersatz.“

„Und wie soll ich dir da helfen?“

„Weißt du, wie ich jetzt an einen Stoffbären ran kommen kann?“

„Nein, da fällt mir nichts ein.“

„Fritz meinte, du hättest immer so gute Ideen auf Lager.“

„Lass mich mal kurz überlegen.“

Ich antwortete nicht und schwieg einfach.

„… ich komme gleich bei dir vorbei, bis dahin wird mir schon etwas eingefallen sein.“

„Okay, dann bis gleich.“

„Freu mich!“

„Ich auch, tschüss!“

„Tschüss!“

Das Gespräch war beendet und ich versuchte, mein Handy wieder einzustecken, was nicht so einfach war, weil Krümel meine Weste als Spielzeug erkoren hatte.

„Krümel hör auf, du machst sie ja noch kaputt!“

Zu spät! Ein Ratsch und das Futter der Weste kam zum Vorschein.

„Och Krümel, guck, was du gemacht hast. Die Jacke ist praktisch noch neu!“

Krümel sah mich mit seinen fast schwarzen Augen an.

„Weißt du, dass du ein kleiner Mistkerl bist…, willst mich wohl mit deinem Bärenblick rumkriegen?“

Ich nahm ihn und drückte ihn zu Boden. Mit beiden Händen kraulte ich ihn durch und fuhr ihm immer wieder über die Nase. Krümel versuchte, nach meiner Hand zu schnappen, aber dafür war er noch zu langsam.

„Dennis?“, rief jemand in der Halle.

„Hier… bei den Kleinen.“

Die Tür zum Käfig öffnete sich und Michael schaute herein.

„Hast du eine Lösung gefunden?“

„Ja klar!“

Er trat ein und hatte ein großes Stück Fell in der Hand.

„Was soll ich denn mit dem Fell, ich wollte einen Stoffbären?“, fragte ich.

„Wirst du gleich sehen…, steh mal bitte auf.“

Ich tat wie geheißen und Michael kam zu mir. Er legte mir das Fell um, das etwas modrig roch.

„Muss das sein?“, fragte ich.

„Jetzt lass mich doch mal etwas probieren.“

Genervt stand ich da und beobachtete Michaels Treiben. Wie aus dem Nichts hatte Michael plötzlich eine Schere in der Hand. Er stach in das Fell und schnitt einen Kreis heraus. Wieder nahm er bei mir Maß und schnitt noch ein weiteres Loch hinein.

„Streck doch mal deine Arme aus“, meinte Michael und ich tat es.

Er schob meine Hände und Arme durch die beiden geschnittenen Löcher, bis das Fell meine komplette Vorderseite bedeckte. Er schaute nach unten und griff mir zwischen die Beine.

„Ich soll doch nicht etwa das Teil anziehen?“

„Was sonst, kein Stoffbärchen in Sicht, also machen wir aus dir das Bärchen!“

„Och nee, das sieht doch blöd aus.“

„Hast du eine bessere Idee?“, fragte mich Michael und grinste wieder so heimtückisch.

Ich atmete tief durch und wurde schon wieder Opfer von Krümels Fangattacken. Sanft schob ich ihn mit dem Schuh etwas weg.

„Sabine? Ich brauch dich mal kurz“, rief Michael plötzlich und wenig später ging die Tür zum Käfig wieder auf.

„Oh…, noch ein Bär, den kenn ich noch gar nicht“, meinte Sabine und trat ein.

„Sabine, hättest du eine Idee wie ich das Fell am Rücken festbekommen könnte?“, fragte Michael und zog mich mit samt dem Fell um meine eigene Achse, so dass Sabine meinen Rücken sehen konnte.

„Ich müsste noch ein paar Sicherheitsnadeln haben, Moment ich hole sie.“

Und schon war Sabine wieder verschwunden.

Währenddessen schnitt Michael noch unten zwei große Löcher hinein, bedenklich Nahe an meinem Teil.

„Pass ja auf, den brauch ich noch“, meinte ich.

„Würde doch mein liebstes Spielzeug nicht kaputt machen“, meinte Michael und entfernte den letzten Teil Fell.

„So, jetzt gib das Ding noch mal her“, meinte Michael und zog am Fell.

Etwas störrisch war das Teil ja schon und staubig dazu.

„So. Jetzt schlüpfst du mit deinen Füssen durch diese zwei Löcher.“

Er half mir, das Gleichgewicht zu halten, bis ich endlich drin stand. Dann schob ich meine Arme wieder durch die oberen Löcher. Michael stand vor mir und grinste frech, als die Tür wieder aufging.

„Hier, ich habe sie gefunden“, meinte Sabine, die nun ebenso frech grinste, wie Michael.

Michael nahm sie entgegen und trat hinter mich. Ich spürte wie er das Fell hinter mir zusammenzog und die Sicherheitsnadel befestigte. Dann lief er wieder um mich herum.

„Lass dich ansehen… du Ersatzbär. Passt!“

„Etwas ungewöhnlich“, meinte Sabine, „aber so könnte es klappen.“

Ich kam mir in diesem Fellkostüm so blöd vor.

„Hallo, wo seid ihr denn“, schallte eine Stimme durch die Halle.

Oh Gott, Fritz! Nicht auch noch der! Und wo Fritz ist, da kann Volker nicht weit sein… womit habe ich das nur verdient?

„Hier im Bärchenstall“, rief Michael und wenig später kam Fritz herein, dicht gefolgt von Volker.

„Oh, noch ein Bär? Ist aber schon ein etwas älteres Semester, oder?“, fragte Fritz.

„Ja stimmt. Unser Neuzugang der Sorte Brummbären.“

Tatsächlich hatte ich eben aus Verärgerung leicht gebrummt und alle fingen an zu lachen. Bis auf Volker, der nicht mal ein Lächeln auf den Lippen hatte. Seine Augen waren gerötet… hatte er geweint?

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