Zoogeschichten II – Teil 59

Zusammenbruch

Fritz

Ich traute meinen Augen nicht. Alles war durcheinander geworfen. Die Tiere rannten kreuz und quer durch den Gang, alle Käfige waren offen.

„Ach du Scheiße“, meinte Michael, schob Dennis rein und zog die Tür hinter sich zu.

Meine schlimmsten Befürchtungen waren noch zu milde… Volker war richtig ausgetickt. Hatte ich ihm zuviel zugemutet – verlangt, einfach zu sich zu stehen. Ausmachen, wo er steckte, konnte ich nicht.

„Dann werden wir mal die Biester wieder einfangen. Dennis, schließ bitte alle Käfige, falls noch Tiere drin sind“, meinte Micha und nahm sich den ersten Kescher.

Sabine und ich folgten seinem Beispiel. Volker hatte wirklich ganze Arbeit geleistet, sogar das Trockenfutter war aufgerissen und über den Boden verstreut. Für uns aber die Chance, die fressenden Tiere leichter einzufangen.

Es war mit einigen Schwierigkeiten verbunden, die Tiere zu bekommen. Die einen versteckten sich in Nischen, andere kletterten an den Wänden hoch, wenn sie Halt fanden.

„Ganz ruhig, Kleiner“, konnte ich Sabine hören, sie hatte etwas gefangen.

Ich schaute rüber.

„Kommt in Käfig vier!“, meinte ich.

So ging es etwa eine Viertelstunde, bis wir fast alle Tiere in ihre Käfige zurück gebracht hatten. Die Aufregung im Stall war groß, der Krach kam dazu.

„Hallllllllllllllllllloooooooooooooooo!“, rief es plötzlich.

„Warum… habbbbddd ihr däääänn die lüüüben Tierschen… wieder eing… einge …fangen..?“, kam es von Volker.

Er stand am Ende vom Flur an die Wand gelehnt, hatte ein Flasche in der Hand.

„We … wenigstöööns die… sollen fffffffrei … sein“, grummelte er.

Sabine sah mich an und ich zuckte mit der Schulter.

„Oh, die schwei Schnnnuuggls sin auch da“, sagte Volker und fing dreckig an zu lachen.

„Du Micha… liegst…“, Volker rülpste, „liegst du … eichendlüch unnen… oddda Dennis?“

„Volker“, rief ich.

Er reagierte nicht auf mich.

„Bösorcht er dir’s gud? Hascht dir… ja n gagailen Bängl auschgeschuchd…“

Oh Gott, war Volker dicht. Micha schien es auch bemerkt zu haben, denn er reagierte nicht auf Volker, jedenfalls nicht so, wie sonst, wenn einer solche Sachen an den Kopf geschmissen kriegt.

Michael ging zu Volker hin und versuchte, ihm die Flasche abzunehmen. Der wehrte sich aber und setzte zum nächsten Schluck an.

„Volker … bitte nicht“, meinte Micha.

Dennis war bei Sabine stehen geblieben… er hatte feuchte Augen…, der Anblick von Volker nahm ihn wohl sehr mit.

„Warrumm? … ischt doch alls scheiß egal… guck misch an… isch bin ne alde dreggige Sssscccchhhhwuchdl…“

Mein Blick sank zu Boden, ich rieb mir über die Stirn.

Michael

Ich schaute kurz zu Fritz, aber der senkte seinen Blick. Dann wandte ich mich wieder Volker zu.

„Du bist weder alt noch dreckig… na ja schwul … das weiß ich nicht und…“

Mein Satz wurde von einem Kuss erstickt, den mir Volker auf den Mund drückte und mich fest an sich ran zog. Er schmeckte fürchterlich nach Schnaps, aber der Kuss war nicht ohne. Als er von mir abließ, musste ich erst mal tief durchatmen.

„Rrraichd ddddasch?“, rief Volker und setzte die Flasche wieder an, die ohnehin fast leer war.

„Ein Kuss macht noch lang kein Schwulen aus… viele Männer küssen sich.“

Volker packte mich am Kragen und zog mich ganz dicht an sein Gesicht. Seine Schnapsfahne wehte mir entgegen.

„Frag ddddoch Davvvid,… wie isch heud moooorgen … im Bedd… war…, had ers dir nnnnoch nnnicht erdschählt?“

Ich schaute wieder kurz nach hinten, wo die Anderen standen. Entsetzt sahen sie zu uns.

„Nein, David hat mir nichts erzählt und es ist deine Sache, ob du mit David ins Bett gehst.“

„Isch ffffühl misch sssso dreggig…“, Volker rutschte an mir herunter, „bin ein Schhtück Scheiße.“

Volker saß zusammengesunken vor meinen Füssen und begann zu schluchzen. Ich ging in die Hocke und kniete mich zu Volker. Ich versuchte, ihn in den Arm zu nehmen. Erst wehrte sich Volker, doch dann schien er kraftlos zu werden, ließ mich gewähren.

„Volker… ich versteh ja…“

„Nnnnix vvverschdehst du…“, wimmerte er.

„Jetzt mach mal halb lang… meinst du, Dennis oder ich sind morgens aufgestanden und haben gerufen: ?“

Volker gab keine Antwort und weinte leise.

„Mir ist klar, dass es für dich nicht leicht ist. Besonders, weil du verheiratet bist und Kinder hast. Dass für dich eine Welt zusammenbricht, versteht jeder hier.“

Ich wusste nicht, was die Drei hinter mir taten, denn ich hörte keinen Mucks von ihnen. Volker zitterte am ganzen Körper. Ich schaute nach hinten und gab Fritz einen Wink, zu mir zu kommen.

„Ja?“, fragte er leise.

„Können wir ihn irgendwo hinlegen?“, fragte ich ebenso leise.

„Drüben bei Jürgen?“, fragte Fritz.

„Nein, das ist keine gute Idee.“

„Dann hier im Büro, das Bett für den Nachdienst.“

Ich nickte und wandte mich wieder Volker zu.

„Komm, hier kannst du nicht so sitzen bleiben“, meinte ich zu ihm.

„Lass… mich … nich … alllllein“, flüsterte er fast.

„Nein, ich bleib dir!“

Er hob langsam seinen Kopf und schaute mich mit seinen verheulten Augen an.

„Dddu bis ssso lieber Kkkerl… hab ddddeine Freundsssccchhhaf überhaup… nich vvverdiend.“

„Ach Quatsch!“, erwiderte ich nur und zog ihn hoch.

Etwas wackelig auf den Beinen, zog ich ihn langsam zum Büro. Ich ließ ihn im Büro langsam auf das Bett gleiten und setzte mich daneben.

Sebastian

Theo schien nicht an mir interessiert zu sein. Er schnappte sich den Fisch und schwamm eine weitere Runde. Ich griff nach hinten und holte den nächsten Fisch aus dem Eimer. Dicht an die Beckenwand gepresst, schaute ich immer noch ängstlich dem Delfin zu.

Drehten Delfine nicht immer Runden um ihr Opfer, bevor sie zuschlugen? Ach halt, das machten Haie. Theo kam wieder und holte sich den nächsten Fisch ab. Nur, dass er diesmal nicht weiter schwamm, sondern bei mir blieb.

Zaghaft strecke ich die Hand aus und streichelte ihm über die Stirn und die Schnauze. Das schien ihm zu gefallen, denn er blieb ganz ruhig bei mir. Ich wurde mutiger und kraulte ihn etwas, trat sogar einen Schritt nach vorne.

Ich zitterte am ganzen Körper, aber diesmal nicht aus Angst, sondern weil ich aufgeregt war. Ich alleine mit einem vier Meter großen Delfin, der sich auch noch ganz vertrauensvoll von mir kraulen ließ.

Theo drehte sich auf den Rücken, so konnte ich die weiße Unterseite sehen. Ich strich mit der Hand darüber.

„Siehste… geht doch“, rief mir Heike rüber.

„Kann ich mit ihm irgendetwas spielen?“, fragte ich.

„Ja, dort in der Kiste ist sein roter Ball“, antwortete Heike und zeigte auf eine schwarze Kiste an der Wand.

Ich zog einen Fisch aus dem Eimer und Theo drehte sich wieder, um nach ihm zu schnappen. Nachdem ich mich aus dem Wasser gehangelt hatte, ging ich zur Kiste und holte den roten Ball raus.

„Da müssten auch Pfeifen drin liegen. Nimm dir eine, die Signale ist Theo gewöhnt“, meinte Heike.

Ich griff mir also auch eine Pfeife und ging zurück zum Wasser. Den Ball warf ich ins Wasser. Theo schwamm sofort darauf zu und schob ihn mit seiner Schnauze zurück.

„Braver Junge“, meinte ich und belohnte ihn mit einem Hering.

Theo klatschte mit seiner Flosse auf das Wasser.

„Öhm… hat das was zu heißen, wenn er mit der Flosse aufs Wasser klatscht?“, fragte ich Heike.

„Ja, entweder, er will ein Fisch oder es ist Applaus… klatsch einfach ein paar Mal in die Hände, dann zieht er wieder los.“

Also applaudierte ich etwas und Theo schwamm wirklich wieder los. Ich nahm den Ball auf und warf ihn wieder ins Wasser.

„Blas dabei in die Pfeife, Sebastian, nachdem du geworfen hast.“

„Wieso, was macht Theo dann?“

„Mach es einfach.“

Theo hatte bereits den Ball zurückgebracht und bevor ich wieder in die Hände klatschte, gab ich ihm einen Hering. Diesmal nahm ich den Ball, warf ihn ungefähr in die Mitte des Beckens und blies kräftig in die Pfeife.

Es war fast nichts zu hören, der Ton war viel zu hoch. Aber Theo reagierte darauf. Er schwamm zum Ball hob ihn mit der Schnauze aus dem Wasser und pfefferte ihn in meine Richtung zurück.

Ich hatte Mühe und Not, den Ball zu fangen.

„Wow, habt ihr ihm das alles beigebracht?“, fragte ich.

„Ja, Robert hat eine Engelsgeduld mit den Delfinen, die anderen können auch Einiges.“

Robert

Da saß er bei mir, mein Traum. Adrian hatte sich mittlerweile zu mir aufs Bett gesetzt und streichelte meine Hand. Er sah mich verwundert an, weil ich noch keinen Sex mit einem Mann hatte.

„Ja, ich weiß. Ich bin fünfundzwanzig und hatte noch nicht das Vergnügen… ein Spätzünder also!“, meinte ich.

„Hallo? Ich bin ein paar Monate jünger als du, na und? Man merkt, du weißt ebenso wenig von mir, wie ich von dir.“

„Stimmt.“

„Was machst du… ich meine… arbeitest du irgendwas, oder…“

„Nein… ich studiere hier an der Fachhochschule… Psychologie.“

„Oh, willst du in die Fußstapfen deiner Mutter treten?“

„Nein, die sind mir zu klein“, lächelte mir Adrian entgegen, „mich interessiert das Fachgebiet.“

„Dann kannst du mich ja gleich als Versuchsobjekt nehmen – abgehalftertes Wrack, mit seelischem Notstand.“

„Jetzt rede nicht so einen Stuss, Rob.“

„Wie hast du mich gerade genannt?“, fragte ich.

„Rob, warum?“

„Aus deinem Mund klingt das irgendwie zärtlich“, meinte ich verlegen.

„Das meinte ich auch so“, sagte Adrian und gab mir wieder einen Kuss.

Ich atmete tief durch.

„Was ist?“, fragte Adrian.

„Ich bin glücklich!“

„Das merkt man und es steckt an.“

Es klopfte an die Tür und ich sagte ‚Herein’. Die Tür ging auf und meine Eltern kamen herein.

„Hallo“, sagte ich.

„Hallo mein Junge, wir müssen noch mal kurz mit dir reden“, meinte meine Mutter.

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