Zoogeschichten II – Teil 94

Solidarität

Volker

„Die Typen, die Lucca zusammen geschlagen haben, schrieen >Bringt die schwule Sau um<, als die Lehrer dazu kamen“, erklärte ich. „Sind die noch ganz zu retten? Ist Lucca etwa schwul?“

„Nein, bestimmt nicht…“

„Und warum dann Lucca?“

„Wegen Rolf…“, ich musste schlucken, „als die Polizei eintraf, meinten die, das ist der Sohn von nem Schwulen, der muss auch ausradiert werden. So hat mir der Lehrer von Lucca das erklärt.“

„Wie bescheuert muss man eigentlich sein…hä?“, wurde Jürgen am Telefon laut.

Ich war genauso verärgert, nur machte ich nicht am Handy einen Aufstand.

„Was willst du dagegen tun?“, fragte ich.

„Das ist der Satz, den jeder sagt: >was willst du dagegen tun?< äffte er mich nach. Wenn jeder nichts tut, mit den Schultern zuckt, wegschaut, wird sich nie etwas ändern, sei es bei den Ausländern oder wie jetzt bei den Schwulen!“ Jürgen hatte sich in Rage geredet. „Ich weiß, Jürgen. Aber ich komm mir jetzt hilflos vor, ich weiß jetzt nicht, was ich tun soll. Hätte ich mich nicht auf Rolf eingelassen, wäre das vielleicht nicht passiert!“ „Gequirlte Scheiße ist das… auch noch so ein Spruch >hätte… nicht, wäre… vielleicht<. Volker, so darfst du auf keinen Fall denken! Liebst du Rolf?“ „Äh… ja…“ „Also, dann steh zu deiner Liebe! Mensch Volker, du bist doch keine siebzehn mehr und willst etwa wegrennen!“ „Nein… will ich nicht.“ „Dass es Lucca erwischt hat, ist Scheiße… zugegeben, aber daran sind weder du noch Rolf schuld, sondern die Einstellung unserer Gesellschaft!“ Ich wollte jetzt nicht in Jürgens Nähe sein. Bestimmt hatte er einen roten Kopf, fuchtelte wie wild mit der freien Hand, so laut wie er war. „Und gerade diese Gesellschaft, bringt solche Scheißer hervor, die Lucca geschlagen haben. Vielleicht kannst auch noch die Eltern mit zur Verantwortung ziehen, falls sie die gleiche Gesinnung wie ihre Sprösslinge haben!“ Irgendwie war mir zum Heulen. „Volker…?“ „… ja?“ „Du hast frei, solange du freie Zeit brauchst. Ich regele das hier schon. Rolf und auch Lucca brauchen dich jetzt!“ „Danke“, brachte ich noch heraus. Zu mehr war ich nicht im Stande. „Okay, dann geh wieder zu Rolf, denn ich muss zu den anderen. Die rufen mich die ganze Zeit schon an und fragen, wie es Lucca geht!“ „Okay… Jürgen…, ich melde mich wieder, …sag einen Gruß an die Anderen.“ „Mach ich… und - Volker, wenn etwas ist, du kannst mich jederzeit anrufen, okay?“ „Ja… danke! Tschüss!“ „Tschüss!“ Ich drückte das Gespräch weg und verstaute das Handy in meiner Innentasche. Bevor ich wieder das Krankenhaus betrat, atmete ich noch einmal tief durch. Noch während ich an der Anmeldung vorbei lief, kam Dennis’ Vater auf mich zu gestürmt. David Ich hatte noch keine Lust, nach Hause zu fahren, so beschloss ich, zu Jürgen in den Zoo zu fahren. Alleine zu Hause zu sitzen, war jetzt nicht mein Ding. Nicht, nachdem ich gesehen hatte, wie Volker leidet. Aber wie sollte ich ihm helfen? Ich stellte den Wagen auf den Gästeparkplatz ab. Der Pförtner kannte mich ja und ließ mich ein. Leute, die zum Zahlen anstanden, beschwerten sich. „Ich bin einer von den Kolpings!“, rief ich. Aber ich wartete erst gar nicht ab, welche Reaktionen darauf kamen. Ich wollte gerade Richtung Verwaltung laufen, als mir Jürgen schon entgegen kam. „He Kleiner, was führt dich hierher? Ich dachte, du bist im Krankenhaus?“ „War ich auch, aber als Volker in die Intensiv ging, wollte ich nicht warten.“ „Volker hatte ich eben am Handy“, sagte Jürgen mit finsterem Gesicht. „Und?“ „Ich habe ihm den Kopf gewaschen!“ „Warum das denn?“ „Weil er sich schuldig an Luccas Situation fühlt, da er ja mit dessen Dad angebandelt hat.“ „Mein Bruder? Spinnt der?“ „Das frage ich mich auch… du David, macht es dir was aus, mir etwas zur Hand zu gehen? Ich habe Volker versprochen, er kann so lange er will und auch die Zeit braucht, bei Rolf bleiben.“ „Klar! Was soll ich tun?“ „Micha helfen.“ „Micha? Ich dachte, der hat gebrochene Rippen.“ Dass wir den Weg zum Bärenhaus eingeschlagen hatten, merkte ich erst, als wir beide davor standen. „Hat er auch, aber er will trotzdem arbeiten, eben nur etwas, was seine Rippen nicht belastet.“ Ich musste lachen. „Was belastet hier seine Rippen wohl nicht?“ „Lach nicht. Ich habe ihn zur Hilfe von Volker und mir abgestellt. Er muss die Bauarbeiten mit beaufsichtigen.“ „Und wo finde ich ihn?“ „Ich denke, wir werden ihn gleich sehen“, sagte mein Bruder und zog seine Karte durch den Scanner. Dennis Der Türsummer ging und die große Tür zum Bärenhaus öffnete sich. Herr Kolping, gefolgt von David, trat ein. „Dachte ich mir es doch, dass ich euch alle hier finde“, meinte Kolping. Phillip ließ sich erschöpft in seinen Rolli fallen und Sebastian wischte sich die Tränen aus den Augen. Michael ließ mich los und stellte sich neben mich. „Leute, ich weiß, euch geht das genauso nahe wie mir, aber nichts desto trotz, der Betrieb muss weiter gehen.“ „Schon etwas Neues erfahren?“, fragte Michael. „Nur, dass Lucca in Koma liegt, mit mehreren Knochenbrüchen und einer Kopfverletzung. Sein Vater hat wohl einen Nervenzusammenbruch erlitten, deswegen bleibt Volker im Krankenhaus. Das heißt aber auch, dass wir seine Arbeit mit übernehmen müssen.“ „Kein Problem, Chef“, sagte Fritz. „David wird euch helfen, besonders dir, Micha.“ „Wieso denn, ich bin doch schon groß“, erwiderte Michael. Ich drehte meinen Kopf zu ihm. „Groß ja, aber man muss trotzdem auf dich aufpassen!“, sagte ich und bohrte zum Beweis den Finger leicht in seine Seite. „Autsch… Mann!“ Alle fingen an zu lachen. „Also los, an die Arbeit. Unsere Tiere brauchen uns!“ Alle nickten und entfernten sich. Nun stand nur noch Phillip im Rollstuhl da. „Und, Herr Keller, haben sie sich schon entschieden?“, fragte Herr Kolping. „Ich muss erst noch einmal mit meiner Frau darüber sprechen, aber es hört sich gut an!“ Worüber redeten die? „In Ordnung, Herr Keller… ich muss wieder los, melden sie sich einfach bei mir“, sprach Herr Kolping, gab artig Patschhand und verschwand. Kopfschüttelnd ging ich zu Sabine, um nun ihr zu helfen, da Lucca nicht kam. „Ähm… Dennis…, sie sind doch Dennis, oder?“ Ich drehte mich um, Herr Keller stand fast hinter mir. „Ja… bin ich.“ „Flo hat so viel von ihnen erzählt… sie sind sein großes Vorbild.“ Ich ein Vorbild…, ich lächelte gequält. „Muss nicht sein… ich mache hier auch nur meine Arbeit wie die Anderen.“ „Flo hat etwas von einem Bär erzählt, den er füttern durfte… auf dem Arm nahm.“ „Das war unser Krümel. Ein Malaienbärbaby, das von seiner Mutter verstoßen wurde.“ Ich ging zur Tür der Bärchen und öffnete sie. Als ich Krümels Name rief, kam er gleich gerannt. Vorsichtig kletterte er über den hohen Tritt der Tür. „Hier, das ist Krümel!“ Herr Keller lächelte. „Stimmt, der ist so süß, wie meine Frau erzählt hat.“ Krümel näherte sich dem Rolli, während ich die Tür wieder verschloss. Herr Keller bückte sich und kraulte Krümel am Nacken. „Sie können ihn ruhig hochnehmen… nur auf seine Krallen aufpassen, die können ganz schon wehtun“, meinte ich. Ich schaute zu Sabine hinüber und bekam ein schlechtes Gewissen, weil sie überall herumwirbelte, um ihr Pensum zu schaffen. „Nein, ich möchte sie auf keinen Fall von der Arbeit abhalten. Krümel ist ja noch eine Weile da und mich werden sie noch öfter sehen.“ „Du…sagen sie bitte du, ich bin erst siebzehn.“ „Sie… du siehst älter aus.“ „Dann sehen wir uns, wenn sie das nächste Mal mit Florian kommen?“ „Ja, wobei… falls ich den Vorschlag ihres Chefs annehme, könnten wir vielleicht Kollegen werden.“ „Vorschlag?“ Ich war wie immer neugierig. „Herr Kolping möchte ein Labor für Untersuchungen einrichten und da ich Arzt bin, der in der Forschung gearbeitet hatte, möchte er, dass ich den Job übernehme.“ „Hört sich gut an, okay“, ich nahm Krümel auf den Arm, „ich muss dann meiner Kollegin helfen.“ „Kein Problem, ich bin schon weg.“ „Moment, ich mach ihnen auf!“ „Danke!“ Volker Erschrocken zuckte ich zusammen, als Herr Kahlberg meinen Namen rief.

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