Zoogeschichten II – Teil 95

Tiefgründiges

Volker

„Hallo Herr Kolping. Dennis hat angerufen und mir erzählt, was passiert ist. Ich bin eben erst zum Dienst erschienen. Können sie mir Näheres sagen?“

Innerlich fiel mir ein Stein vom Herzen, denn ich dachte, Herr Kahlberg käme mit schlechten Nachrichten. So erklärte ich ihm die Sachlage und meinte, dass ich jetzt auf dem Weg zu Luccas Vater war.

„Ich rede mit meinen Kollegen und wenn ich etwas Neues weiß, melde ich mich bei ihnen!“

„Danke!“

„Wir sehen uns dann auf jeden Fall später…“

Er reichte mir noch einmal die Hand und verschwand so schnell, wie er gekommen war. Ich lief die Treppe hinauf, wo sich Rolfs Zimmer befand. Was hieß Zimmer. Er lag in einem Raum, wo er ungestört schlafen konnte.

Ohne zu Klopfen öffnete ich die Tür und… erschrak. Rolfs Bett war leer. Ich lief zur Schwester, die hinter dem Tresen saß.

„Hallo Schwester… Herr Gerstner ist nicht in seinem Bett…“

„Ja, Herr Gerstner ist bei seinem Sohn“, entgegnete mir die Frau.

Noch so ein paar Sachen und ich hätte eine Gerölllawine in mir drin! Ich atmete tief durch und nahm noch eine Treppe. Dort angekommen, zog ich mir wieder den Grünkittel über und schlüpfte in die Überzieher für die Schuhe.

Rolf saß tatsächlich am Bett seines Sohnes und hatte dessen Hand in seinen. Er schien mich nicht zu bemerken. Er zuckte zusammen, als ich meine Hand auf seine Schulter legte.

„Hallo“, sagte ich leise.

Rolf nickte nur.

„Ähm… geht es dir etwas besser?“

„Ja… sorry… hab ich dich angeschrieen?“

Fragend schaute ich ihn an.

„Was meinst du?“

„Mir is doch vorhin die Sicherung durchgeknallt oder so etwas.“

„Ach so jetzt, jetzt weiß ich, was du meinst. Nein, du hast mich weder angeschrieen, noch ist dir eine Sicherung durchgeknallt.“

„Nicht?“

Ich schüttelte den Kopf und zog mir einen Stuhl her.

„Du fühlst dich für das, was mit Lucca passiert ist, verantwortlich, oder?“

Rolf senkte den Kopf.

„Hör mal, du bist nicht schuld daran.“

Rolf sah mich traurig an. Ich nahm seine Hand in meine. Wenn du jetzt auf das verzichtest, was du gewonnen hast, dann haben die Dreckskerle, die Lucca verdroschen haben, gewonnen. Willst du das?“

Er schüttelte den Kopf und ich sah, wie ihm die Tränen herunter liefen.

„Lucca wird es schaffen! Er ist ein Kämpfer wie du!“

„Ich… ein Kämpfer? Verwechselst du da nicht was?“

„Hallo? He, du hast deinen Sohn fast alleine groß gezogen… zu einem Prachtstück, wenn ich das bemerken darf. Du malst tolle Bilder, die sich auch verkaufen. Du stehst bestimmt nicht auf der Verliererseite!“

„Danke“, stammelte Rolf und fiel mir um den Hals.

„Papa?“, hörten wir eine leise Stimme.

Wir fuhren herum. Lucca hatte die Augen offen und schaute uns an. Aus einem Auge lief eine einzelne Träne.

„Lucca…“, mehr brachte Rolf nicht heraus.

Er beugte sich leicht über ihn und streichelte Luccas Wange. Ich ging hinaus zu der Schwester und sagte Bescheid, dass Lucca aufgewacht sei.

„Dann ist er über den Berg“, lächelte sie und rief den zuständigen Arzt an.

Zurück bei Rolf, sah ich, wie Lucca versuchte zu reden.

„Nichts sagen, Lucca, du musst dich schonen“, hörte ich Rolf mit weinerlicher Stimme.

Ich zog mich zurück, denn ich dachte, es wäre besser, die beiden jetzt alleine zulassen. Den Vater mit dem Sohn…, da hatte ich nichts verloren, auch wenn mir Lucca mittlerweile schon ans Herz gewachsen war.

Ich entledigte mich meiner Intensivklamotten und verließ leise die Station.

Sebastian

Mit den Gedanken wo anders, reinigte ich das Becken von Dana. Sie schwamm quickfidel mit ihrem Kleinen im Rundbecken. Ich schrubbte über die Algen, ohne genau darauf zu achten, ob ich sie auch abbekam.

Das mit Lucca machte mir zu schaffen. Noch einer auf dem Konto dieser arroganten Arschlöcher, die meinten, mit ihrem Tun die Welt zu verbessern. Ich konnte beim besten Willen nicht verstehen, was in deren Köpfen vorging.

Plötzlich spielten sich Bilder von meinem Bruder im Kopf ab. Bilder der glücklichen Zeiten, die ich mit ihm verbringen durfte. Dann dieser abrupte Schluss, als ich ihn verlor, wie ich mit ansah, wie er am Boden gekrümmt starb.

Diese Bilder spielten sich immer wieder ab, wie eine Endlosschlaufe.

„Sebastian?“

Ich stand im Becken, hatte aufgehört zu schrubben und nicht mal gemerkt, dass ich am Weinen war.

„Sebastian, alles klar mit dir?“, hörte ich wieder eine Stimme.

Heike. Ich drehte mich um und bemerkte endlich Heike, die am Beckenrand kniete.

„Geht schon!“, meinte ich und wischte mir die Tränen aus den Augen.

„Die Sache mit Lucca?“, fragte sie.

Ich nickte. Ich ließ den Schrubber fallen und stieg die Leiter hinauf aus dem Becken. Heike hatte sich an den Beckenrand gesetzt und ich setzte mich nun zu ihr. Und dann fing ich einfach zu erzählen.

Ich erzählte von Lutz, meinem Bruder, wie ich mit ihm groß wurde, was er mir alles beigebracht hatte. Ich erzählte ihr auch von dem Nachmittag, als uns die Schläger vom Ort auflauerten.

Wie ich mit ansehen musste, wie sie alle auf meinen Bruder eintraten.

„Ich höre immer noch die Schreie meines Bruders…, wie sie langsam leiser wurden… bis sie dann langsam ganz verstummten… Heike ich weiß nicht, wie ich diese Erinnerung wieder wegkriegen soll.“

„Tut mir Leid, Sebastian, solche Bilder bleiben… sie schwächen irgendwann ab, aber sie bleiben.“

„Ich gehe kaputt daran, Heike. Dieses Bild, wie mein Bruder blutüberströmt… leblos vor mir lag…“

Heike nahm mich in den Arm.

„Ich vermisse meinen Bruder… ich würde alles anstellen, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte… es tut so schrecklich weh.“

„Es tut immer weh, wenn man einen geliebten Menschen verliert. Die Lücke ist nicht zu schließen. Ich kann dir vielleicht nur einen kleinen Rat geben, Sebastian. Wenn dich große Traurigkeit überkommt, dann versuch an die schönen Augenblicke mit deinem Bruder zu denken, denn sie sind wichtig.“

„Es ist so schwer…“

„Ich verstehe dich. Als meine Oma starb, fiel ich auch in ein großes Loch… hatte das Gefühl, ich verliere meinen ganzen Halt. In mir war etwas mitgestorben, was sehr wehtat.“

„Und wie bist du damit klargekommen?“

„Ich habe versucht, sie mir so im Gedanken zu erhalten, wie ich sie liebte…, du musst wissen, meine Oma hat mich großgezogen…, war eben schon eine besondere Verbindung mit uns. Aber es gibt immer noch Augenblicke, wo ich selbst weinend dasitze, weil mir sie so fehlt.“

Ich wischte mir die Tränen aus den Augen, sah Heike lange an.

„Dein Bruder lebt in dir weiter… du lebst weiter und auch Lucca wird weiter leben… Volker hat angerufen, er ist übern Berg.“

Ein Stein fiel mir vom Herzen.

Robert

Warm eingepackt saß ich in der Pergola im Garten meiner Eltern. Adrian kam mit zwei Tassen zu mir gelaufen.

„Auch einen Tee?“

Ich nickte und er reichte mir eine Tasse.

„Was ist los mit dir? … Du bist seit dem Friedhof zu still geworden“, fragte Adrian.

„Ich denke an meine Delfine…, sie fehlen mir. Die ganzen Jahre waren sie mein Ruhepol… etwas wie meine Freunde.“

Adrian schaute etwas traurig.

„Sorry, mein Großer… so war das nicht gemeint. Ich bin glücklich, dass ich dich habe und ich liebe dich.“

„Aber…?“

„Als aber würde ich es nicht bezeichnen. Die Bande hat einen großen Platz in meinem Herzen und sie fehlen mir halt. Wenn du tagtäglich mit ihnen zusammen wärst, würdest du mich vielleicht etwas verstehen. Das ändert aber nichts an den Gefühlen zu dir. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier… und jetzt ist alles so neu…Vielleicht habe ich auch noch nicht alles so verarbeitet.“

„Dafür hast du jetzt ja die Ruhe und du bekommst alle Ruhe von mir, die du möchtest.“

Ich nahm seine Hand und zog sie zu mir. Sein Arm wanderte über meine Schulter und so kuschelte ich mich bei ihm ein.

„Ich möchte keine Sekunde mit dir missen, Adrian. Ja es ist neu für mich, diese Liebe, die ich empfinde… für dich empfinde. Sie lässt mich schweben, ich bin glücklich… ein Gefühl, wie ich es so noch nie kannte.“

Adrian zog die Nase hoch. Anscheinend gingen ihm die Worte Nahe… keine Kunst. Würde ich auch, bei einer so kitschigen Liebeserklärung.

„Hättest du etwas dagegen, wenn wir nicht wie geplant erst am Dienstag fahren, sondern schon am Samstag?“

Adrian schüttelte den Kopf.

„Ich weiß, hier bin ich eigentlich zu Hause… aber ich habe mir in den fünf Jahren eine eigene Welt geschaffen, mein kleines Reich, das nur mir gehört. Und endlich habe ich jemand, mit dem ich dieses teilen kann. Klar es ist schön, hier meine alten Freunde zu treffen. Aber ich gehöre nicht mehr dazu, es ist eine fremde Welt für mich geworden.“

„Du hast Heimweh?“, fragte Adrian erstaunt.

„Ja…, irgendwie schon.“

Adrian lächelte und gab mir einen Kuss auf die Nase.

„Schatz, wenn du nach Hause willst, kein Problem, wir können jederzeit fahren.“

„Na ja, muss nicht sofort sein, ein bisschen möchte ich das schon noch auskosten…, alte Freunde… Familie…“

„Dann halten wir mal den Samstag im Auge, okay?“

„Danke!“, sagte ich und zog Adrian zu einem Kuss herunter.

Volker

Ich stand an meinem Wagen. Nervös zog ich an meiner Zigarette. Ich war wieder unsicher geworden. War es richtig, was ich machte? Weg waren sie, die klaren Gedanken, auf die ich immer so stolz war.

Und jetzt? Jetzt war ich ein Nervenbündel, das sich am liebsten irgendwo verkrochen hätte.

„Volker?“

Erschrocken fuhr ich herum. Rolf stand vor mir.

„Ja“, sagte ich mit zittriger Stimme.

Rolf nahm mich einfach in den Arm, ohne einen Ton zu sagen. Er drückte mich fest an sich. Ich weiß nicht, wie lange wir da so standen, aber um uns herum schien alles still zu stehen.

„Danke, dass es dich gibt“, flüsterte Rolf mir ins Ohr, „ich brauche dich…!“

Er braucht mich… mich Wrack, das keinen klaren Gedanken fassen kann. Ich konnte nicht anders und fing zu Lachen an.

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