Aschenbrödels Bruder – Teil 5

„Was erzählt…?“, fragte ich plötzlich neugierig.

Constanze schaute zu Lucas, der immer noch unbeholfen am Bettende stand, der dann nickte.

„Setz dich!“, befahl Constanze.

Lucas schaute sich hilflos um und steuerte dann meinen Schreibtischstuhl an.

„Nicht da…, hier aufs Bett.“

Verschüchtert hielt Lucas kurz inne und setzte sich dann auf den letzten Zipfel meines Bettes.

„Lucas hat mir erzählt, warum er so bei dir reagiert hat.“

Was kam jetzt? Ich schaute kurz zu Lucas. Erst jetzt fiel mir die Narbe an seine Stirn auf, nachdem sein Pony auf die Seite gerutscht war.

„Lucas wurde an seiner letzten Schule gemoppt… und dass sehr heftig.“

Gemoppt er, dieses Kraftpaket? Constanze schien mal wieder meine Gedanken zu lesen.

„Du kannst es ruhig glauben, wobei ich wollte es ja erst auch nicht recht glauben, aber als ich die Narben sah…“

„Narben?“

„Ja, ein paar seiner Klassenkamerden dachten wohl, sie musste an ihm ihre Schnitzkunst ausprobieren.“

Manchmal war Constanze in ihrer Ausdrucksweise ein richtiger Trampel, aber geschockt war ich trotzdem.

„Und… und was hat das jetzt mit mir zu tun…der Klemmschwester?“

Dies musste ich jetzt einfach fragen, denn der Zusammenhang war mir nicht klar.

„Ich… ich dachte…, wenn ich den Macho raushängen lasse, kommt nie jemand drauf… dass ich selber…“

„Dass er selbst eine Klemmschwester ist“, beendete Constanze seinen Satz.

Ich warf ihr einen bösen Blick zu.

„Was denn?“

„Muss das sein?“

„… sie hat ja recht, ich bin eine kleine dreckige Klemmschwester…“

Constanze atmete heftig ein, aber ich griff ihr einfach vor.

„Tut mir leid, ich kann keinen Dreck sehen.“

Etwas Besseres, war mir auf die Schnelle nicht eingefallen. Lucas hob den Kopf und ich konnte seine nassen Augen sehen. Oh man der Kerl machte mich kirre. Am liebsten hätte ich ihn sofort in meinen Arm genommen, so leid tat er mir auf einmal.

„Ich glaube ihr zwei solltet euch einmal richtig aussprechen. Wenn du nichts dagegen hast Lucas, gebe ich deiner Mutter Bescheid, oder willst du selbst anrufen? Ich muss nämlich langsam gehen, die Party heut Abend, ich muss mich noch duschen… umziehen…“

Franks Party, die hatte ich total vergessen.

„Könntest du…, ich kann jetzt nicht mit meiner Mutter reden.“

Für das, dass Lucas erst seit kurzen hier wohnte, verstanden Constanze und er sich recht gut. Aber irgendwie war es auch für Constanze normal, wenn sie jemand gut leiden konnte, vereinnahmte sie ihn oder sie.

„Gut, Benjamin, wie telefonieren morgen Mittag, oder sehen uns spätestens Montag in der Schule wieder, dann möchte ich Ergebnisse hören!“

„Ergebnisse? Was dachte sie, was wir hier machen, wenn sie fort ist. Gut Lucas hat zugegeben er ist schwul… halt… Lucas ist schwul, scheiße, dieser Gott war schwul wie ich? Hatte ich mir doch so denn Kopf angeschlagen, dass ich nicht richtig realisierte, von was eben gesprochen wurde.

„Also dann ihr zwei, nutzt die Zeit. Bis Montag!“

Und bevor wir etwas erwidern konnten, war sie verschwunden. Verschüchtert, über die Erkenntnis, dass dieser Kerl, so schwul wie ich auf meinem Bett saß, ließ mich kurz erzittern.

„Willst du dich lieber ausruhen, soll ich auch gehen?“

Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Jetzt war eh alles egal.

„Nein…, es ist nur so…, mir ist erst gestern bewusst geworden, oder gemacht worden, dass ich…schwul bin.“

„Oh, dass ging ja leichter als ich dachte.

„Erst gestern?“

„Ja…, ich weiß, ich bin ein Spätzünder…“

„Das hab ich jetzt nicht gemeint…“

Fragend schaute ich ihn an.

„Also ich dachte, so etwas merkt man viel früher, vor allem langsamer, so nach und nach, so war es auf alle Fälle bei mir.“

„Seit wann weißt du das?“

„Seit zwei Jahren.“

„Tut mir leid, mit so etwas kann ich nicht dienen, denn ich hab mir bis gestern nie Gedanken darüber gemacht, was für Interessen ich haben könnte.“

Lucas zuckte mit den Schultern, er wusste anscheinend nicht, was er antworten sollte. Auch ich saß da und wusste nicht recht, was ich sagen sollte.

„Dann erübrigt sich auch die Frage…, nach einem Freund.“

„Japp und du?“

„Auch nicht…“

Bevor wir dieses zähe Gespräch weiter führen konnten, klopfte es plötzlich an meiner Tür und meine Mutter stand plötzlich vor uns.

„Oh entschuldige, ich wusste nicht, dass du Besuch hast. Sabine hat am Telefon nur gesagt, dass du dich verletzt hast und Doc Schmiedeisen da war.“

Meine Mutter hier, wegen mir? Etwas ganz Neues.

„Ich habe mir nur die Rippe geprellt, sonst ist nichts passiert. Das ist Lucas…, er ist neu auf unserer Tanzschule.“

„Lucas Hammert?“, fragte meine Mutter.

Verwundert schaute ich sie an, während Lucas die Frage bejahte.

„Ach du bist das, Regine hat mir schon von dir erzählt.“

Regine? Woher kannte sie Lucas? In der Erwartung, dass Lucas nun rot anlief, nahm ich das Gegenteil war. Er wurde bleich.

„Ich muss dann wieder, zu Hause wartet man… sicher auf mich, ich wünsche noch ein schönes Wochenende… auf Wiedersehen“, meinte Lucas, griff nach seiner Jacke und verschwand aus meinem Zimmer.

Meine Mutter schüttelte etwas verwirrt den Kopf, bevor sie zu mir kam.

„Dir ist wirklich nicht mehr passiert?“

Ich schüttelte den Kopf und sah immer noch zur Tür, in der Lucas verschwunden war.

„Sollen wir nicht lieber ins Krankenhaus fahren?“

Woher die plötzliche Fürsorge, sonst kümmerte sie sich auch nicht um mich.

„Nein!“

Anscheinend hatte ich mich im Ton vergriffen, denn meine Mutter wich ein Stück zurück.

„Könntest du mich bitte jetzt alleine lassen, ich bin müde und würde mich gerne etwas ausruhen.“

„Aber sicher doch Junge…, brauchst du noch etwas?“

Wieder schüttelte ich den Kopf und meine Mutter ließ mich endlich alleine.

*-*-*

Ich war wohl eingeschlafen, denn es war dunkel im Zimmer, nur der schwache Laternenschein von der Straße drang herein. Ich erhob mich und wurde jäh an meinen Sturz erinnert, sprich die Rippe meldete sich.
Mit der Hand auf der Brust, stand ich langsam auf. Meine Knie fühlten sich etwas weich an, aber der Drang die Toilette zu besuchen, war stärker. Von dem Druck befreit kehrte ich wenig später wieder in mein Zimmer zurück.
Im Flur war es ruhig, wie im restlichen Haus. Ich war schon froh alleine zu sein, als ich plötzlich Stimmen aus dem Esszimmer hörte. So lief ich langsam die Treppe herunter und konnte bald ausmachen, dass es sich um meine Eltern handelte, die sich anscheinend mal wieder stritten.

„Du hast ihn zu dem Weichei erzogen, der er ist.“

„Wann hast du deinen Sohn denn zum letzten Mal gesehen?“

„Was hat das damit zu tun? Irgendwann diese Woche…“

„Werner, das meine ich nicht, wann hast du dir den Jungen das letzte Mal richtig angesehen, von Angesicht zu Angesicht. Er ist schon lange nicht mehr der kleine dürre Junge, mit dem DU dich nie befassen wolltest!“

Hoppla, seit wann setzte sich meine Mutter denn so für mich ein.

„Für dich war Sabine immer deine Prinzessin, sie durfte alles, bekam alles was sie wollte.“

„Das stimmt doch gar nicht, ich habe meine Kinder immer gleich behandelt.“

Hört, hört! Davon sollten die Kinder aber auch etwas mitbekommen. Ich beschloss, so wie ich war, mich in diese „Unterhaltung“ einzumischen. Meine Mutter lachte kurz auf. An der Tür angekommen, drückte ich leise die Klinke hinunter und schob die Tür auf.

„Werner, belüg dich nicht selber! Du und deine Geschäfte, alles ist dir wichtiger, als dein Sohn!“

Die Tür hatte ganz schön etwas abgehalten, jetzt war es richtig laut. Vater wollte gerade ansetzten, als er mich bemerkte und inne hielt.

„Was willst du hier, geh auf dein Zimmer!“, meckerte er mich an.

„Werner!“

Ich schloss hinter mir dir Tür, natürlich nicht von innen.

„Wieso sollte ich auf mein Zimmer, es geht ja wohl um mich“, gab ich Kontra und mir wurde bewusst, dass ich dies noch nie getan hatte.

Nur in Shorts und dem dicken Verband um die Brust stand ich da. Die Augen meines Vaters verengten sich.

„Hast du Schmerzen?“, fragte meine Mutter leise, als hätte sie einen Schalter umgelegt und plötzlich zur treufürsorgenden Mutter geworden.

„Es geht“, antwortete ich und lief zum Tisch.

„Schmerzen?“, kam es fragend von meinem Herrn Erzeuger, „was ist das jetzt für eine Tour?“

Ich setze mich langsam und schaute zu ihm.

„Tut mir leid, dass ich eine Treppe hinunter gestürzt bin und mir eine Rippe geprellt habe.“

„Jetzt werde nicht frech!“

Ein normaler Vater wäre nun besorgt gewesen, nicht so mein Vater. Aber mir kam etwas in den Sinn, was ich bisher nie verspürt hatte, den Drang mich zu wehren.

„Was hast du gegen mich?“, fragte ich normal, ohne irgendwie verärgert oder böse zu klingen.

„Was soll die dumme Frage?“

„Dumm? Ich kann an dieser Frage nichts Dummes feststellen…, ich muss nur feststellen, dass ich bisher nie einen richtigen Vater hatte!“

„Benjamin!“, kam es von hinten, wo meine Mutter stand.

Mein Vater kam auf mich zu. Irgendwie malte ich mir aus, dass er gleich zum sabberten Monster wird und zuschlägt. Aber soweit kam es nicht. Dicht vor mir hielt er inne.

„Hör mal zu du kleine Ratte! Du lebst hier in Saus und Braus, kannst tun und machen was du willst, wer glaubst du ermöglich dir das alles, wer bringt das Geld nach Hause?“

Ich erhob mich langsam und zum ersten Mal schien mein Vater wahrzunehmen, wer da vor ihm stand. Nicht mehr das kränkelnde Büblein von früher, sondern ein ausgewachsener Kerl, bepackt mit Muskeln und einer guten Figur. Er wich zurück.

„Es ist nicht oft der Fall, dass ich mit Mutter einer Meinung bin, aber alleine was du gerade eben von dir gelassen hast zeigt mir, wie wenig du mich kennst.“

Verächtlich stieß er Luft aus.

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