Aschenbrödels Bruder – Teil 12

Mum setzte sich zu uns. Gedankenverloren nippten wir alle an unserem Cappuccino.

„Gibst du mir bitte mal deine Geldkarte?“, fragte ich.

„Ja, aber für was brauchst du die denn?“

„Sag ich dir gleich… Moment.“

Sie wühlte kurz in ihrer Tasche herum und reichte sie mir dann. Ich nahm sie entgegen, holte mein Handy hervor und wählte die Servicenummer der Bank an.

„Was hast du vor?“, wollte Sabine wissen.

Ich hob die Hand, weil auf der Gegenseite das Gespräch angenommen wurde. Ein Mann mit angenehmer Stimme meldete sich. Ich erklärte ihm die Sachlage, dass ich mit meiner Mutter vor dem Geldautomat stehen würde und kein Geld kommen würde.
Er verlangte natürlich meine Mutter von wegen Datenschutz und so. Ich reichte ihr mein Handy und wenig später gab sie Daten an. Danach entstand eine kurze Pause und plötzlich wurden die Augen meiner Mutter groß und füllten sich mit Tränen.

„Ich danke ihnen…, auf Wiederhören.“

„Was ist?“, sagten Sabine und ich gleichzeitig.

„Euer Vater hat das Konto sperren lassen.“

*-*-*

„Was mach ich denn nur?“

Wir hatten den Laden mittlerweile verlassen, weil andere an den Nachbartischen uns mehr Aufmerksamkeit schenkten, als mir lieb war. Wir hatten Mum in die Mitte genommen.

„Das kann er doch nicht einfach tun“, kam es von Sabine.

Mum blieb stehen.

„Doch kann er…, es ist sein Konto, sein Geld, dass er verdient, mit seinen …“

Sie brach ab. Es hatte keinen Sinn hier draußen weiter zu reden. Ich schnappte mir mein Handy und wenig später hatte ich Alfred in der Leitung.

„Hallo Alfred, hier ist Benjamin, wäre es möglich uns mit dem Wagen Ecke Friedrichstraße / Kalikaustraße abzuholen… danke Alfred… nein nicht nötig… danke… bye.“

Es war das erste Mal, dass ich von diesem Dienst Gebrauch machte. Kein Wunder das Alfred, wie soll ich sagen, etwas von der Rolle war, dass ich der Sohn des Hauses mal den Wagen orderte.

„Alfred ist in einer Viertelstunde hier. Bis dahin müssen wir uns noch ein wenig die Füße vertreten… Mum möchtest du vielleicht einen Glühwein? Da drüben am Stand gibt es einen.“
„Junge…, ich habe kein Bargeld bei mir.“

„Ich habe gefragt ob du einen möchtest, ich lade dich ein!“

Sie nickte verlegen. So gingen wir drei an den Stand und Mum bestellte drei Glühwein. So standen wir etwas später da und wärmten uns an der warmen Tasse. In gewissen Abständen schluchzte Mum neben uns.
Es war das erste Mal, dass ich mich freute Alfred mit dem Wagen zu sehen. Er half mir, den Einkauf im Kofferraum zu verstauen, während Sabine sich und Mum nach hinten ins Auto verfrachtete.
Ich stieg vorne bei Alfred ein. Souverän lenkte er den schweren Wagen durch den Stadtverkehr. Kein Mucksen, nichts kam von ihm während der Fahrt, wo ich glaube zumindest mal fluchen zu können.
Etwas später trafen wir am Haus ein. Ganz Diener stieg Alfred aus und half Mum aus dem Wagen. So richtig hatte ich ihn mir noch nie angesehen. Ich schätzte ihn so um die Vierzig ein, dunkelbraune Augen, die sich hinter einer eisernen Mine versteckten.
Ich stellte fest, dass ich nichts über diesen Mann wusste, ob er Familie hatte, Kinder – überhaupt nichts. Sabine war mit Mum schon hineingegangen, während ich mit Alfred die ganzen Tüten aus dem Kofferraum holten.

„Danke Alfred, kann ich sie später noch einmal rufen, wenn wir verschiedenes Aufhängen wollen.“

„Gewiss Benjamin, dafür bin ich ja da.“

Ich blieb stehen und schaute Alfred an.

„Alfred…, ich weiß, wir haben nie fiel mit einander geredet, aber für mich ist es nach wie vor nicht selbst verständlich, dass ich jederzeit auf sie zurückgreifen kann.“

„Junger Mum, das ist nun mal mein Job!“

War das ein Lächeln auf seinen Lippen? Wie war das eigentlich…, die Dienerschaft wusste doch immer alles was im Haus ablief, wusste Alfred auch etwas? Ich verwarf den Gedanken schnell wieder und betrat das Haus.
Schnell waren die dicken Winterklamotten entledigt, die Einkäufe ließen wir erst mal im Flur stehen.

„Möchten sie etwas Warmes zu trinken, Benjamin.“

Ich seufzte.

„Ja Alfred für meine Mutter und Sabine auch… Tee vielleicht, aber nur wenn sie aufhören SIE zu mir zu sagen.“

„Das steht mir nicht zu…“

„Ich bitte aber darum, okay?“

„Wie der junge Herr wünscht“, entgegnete er und nickte dabei leicht.

Ich wollte noch etwas sagen, aber zog es vor nicht zu machen. Kurze Zeit später saß ich bei Mum und Sabine im Esszimmer. Mum saß ganz aufgelöst auf ihrem Stuhl, während Sabine ihre Hand hielt.

„Mum, weißt du, wo ich die Nummer, dieses Doktor Specht finden kann?“

„Was willst du denn von ihm?“

„Zum ersten ist er ein Anwalt, zum zweiten verwaltet er den Fond, der für Sabine und mich eingerichtet worden ist. Ich denke, er wird schon wissen, was richtig ist, vor allem was zu tun ist.“

„Wenn du meinst“, kam es unsicher von Mum.

*-*-*

Zwei Stunden später saß Dr. Specht an unserem Esstisch. Ich hatte mich gewundert, warum er so schnell Zeit hatte.

„Frau Debruggen, es tut mir leid, aber so wie ich es aus den Papieren entnehmen kann, hatten sie nur beschränktes Zugriffsrecht auf das Konto ihres Mannes.“

„Was mach ich denn jetzt nur…?“

„Das Geld, also die jährliche Abfindung, die sich auf dem Konto befindet, können wir vergessen. Das ist unmöglich da dran zu kommen.“

Mit glasigen Augen starrte Mum ins Nichts.

„Kann man denn gar nichts tun?“, wollte ich wissen.

„Doch Benjamin, deine Großmutter war eine tolle Frau, mit viel Weitsicht, sie war bekannt dafür, immer alles gut einschätzen zu können.“

„Und was heißt das für meine Mutter.“

Dr. Specht schaute zu meiner Mutter.

„Frau Debruggen, ihre Mutter hat für den Fall, dass ihr Schwiegersohn, irgendetwas macht, was der Familie schadet, gesonderte Anweisungen gegeben.“

„Schadet…?“

Sie lachte verächtlich und erhob sich. Aus einer Schublade entnahm sie einen Umschlag und kam zu uns zurück, legte diesen Umschlag Dr. Specht hin und setzte sich wieder.

„Was ist das?“, fragte ich, bekam aber keine Antwort.

Herr Specht schaute in den Umschlag, entnahm Papiere, die er gleich grob sichtete.

„Wenn das so ist, dann treten die Verfügungen sofort in Kraft, Frau Debruggen. Mit einer Vollmacht ihrerseits, werde ich ihnen ein eigenes Konto einrichten. Es wird vielleicht ein paar Tage gehen, können aber dann über eigenes Geld verfügen.“

Fragend schaute ich beide an, wagte aber nicht zu fragen, was der Grund für diese Maßnahmen war.

„Wo muss ich unterschreiben?“, kam es etwas kalt von Mum.

*-*-*

„Hat Vater eine andere Frau?“, fragte Sabine, als wir uns auf mein Bett setzten.

„Woher soll ich das wissen?“

„Oma schien keine gute Meinung von Vater gehabt zu haben.“

„Da gebe ich dir Recht, sonst gäbe es keine Sonderanweisungen.“

„Ob Mum uns erzählt, was er gemacht hat?“

„Ich glaube, damit sollten wir sie in Ruhe lassen, es ist schon schwer genug für sie.“

„Und was machen wir jetzt?“

„Das Haus schmücken?“

„Wie kannst du jetzt an so etwas denken?“

„Ganz einfach liebes Schwesterlein, das ist Ablenkung für uns alle und macht auch sicherlich Spaß.“

*-*-*

Ich war gerade mit Alfred zugange, diese blöde Lichterkette am Baum festzumachen, als ich eine bekannte Stimme hinter mir hörte.

„Hallo Benjamin.“

Ich drehte mich herum.

„Lucas, was führt dich her?“

„Ich war sparzieren und kam hier vorbei.“

Sparzieren, soso! Er wohnte vier Blocks von hier entfernt, da ist er ein gutes Stück gelaufen.

„Benjamin, den Rest kann ich erledigen“, meinte Alfred.

„Quatsch, die paar Lampen noch, dann sind wir eh fertig!“

Lucas stand da und beobachtete uns. Das letzte Lämpchen war fest gemacht und Alfred stellte den Strom an.

„Schön!“, meinte ich und lächelte Lucas an.

„Kommt gut“, sagte Lucas.

Alfred räumte alles zusammen und verschwand ohne ein Wort im Haus. Ich dagegen lief zu Lucas hin, blieb dicht vor ihm stehen.

„Hallo…“, sagte ich leise.

„Hallo!“, lächelte Lucas zurück.

Er hob die Hand und entfernte ein Stück Tanne, dass auf meiner Jacke hing. Wir sahen uns beide an und grinsten.

„Ach egal“, meinte ich, griff mit beiden Händen nach seiner Jacke und küsste ihn auf die Wange.

Erschrocken schaute sich Lucas um.

„… und wenn uns einer sieht?“

„Mir egal, Mum und Sabine wissen Bescheid und alle anderen sind mir wie gesagt EGAL! Und wenn es dich nicht stört, würde ich dich auch noch gerne umarmen!“

Lucas grinste breit. Er streckte die Arme auseinander und ich ließ mich einfach nach vorne fallen. Man tat das gut, ihn so direkt zu spüren und er roch so gut.

„Bei deiner Mutter möchte ich mich noch bedanken“, sagte er leise.

Ich drückte meinen Kopf etwas nach hinten, damit ich ihn in die Augen sehen konnte.

„Warum?“

„Weil sie mir so geholfen hat.“

„Was hat meine Mutter genau gemacht?“

„Also sie hat nicht nur mir, sondern auch meiner Mutter geholfen, wegen der Wohnung…, der Schule und weiteres.“

„Aber sie kannte doch gar nicht, ihr seid aus Hamburg, oder?“

„Ja. Das darfst du mich nicht fragen, ich weiß nicht woher sie uns kennt, da müsste ich meine Mutter fragen.“

„Kinder wollt ihr nicht hereinkommen, es ist doch so kalt!“, hörte ich Mum rufen und plötzlich wurde mir bewusst, wie ich mit Lucas dastand.

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1 Kommentar

    • Andy auf 12. Dezember 2015 bei 01:17
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    Huhu, hm wieder sehr interessant, werden einige Dinge angerizt, die sich nach und nach klären, denke ich. Echt cool, mach so weiter. VlG Andy

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